Der Hund

[1]. Warum bellt der Hund?

Durch das geöffnete Fenster schaue ich mit ein paar Knaben, die in meinem Hause wohnen und gern Näheres von unseren Haustieren wissen möchten, an einem schönen Frühlingsmorgen auf die Straße. In dem uns gegenüberliegenden Plättkeller wird die Tür geöffnet, und mit lautem Gebell stürzt sich der uns wohlbekannte Spitz »Peter« in das Freie. In diesem Augenblicke kommt gerade ein Radfahrer vorübergesaust. Auf drehende Räder scheint es Peter wie die meisten Hunde abgesehen zu haben, denn mit wahrer Wonne verfolgt er laut blaffend den Radler. Da dieser um die nächste Ecke biegt, so entschwindet auch Peter unsern Augen. Erst nach langer Zeit erscheint er wieder in unserm Gesichtskreis. Jetzt sehen wir ihn schnüffelnd überall am Boden umhersuchen. In der Zwischenzeit hat ein Vorübergehender ein Stück Unrat, anscheinend vollkommen verwestes Fleisch, auf die Straße geworfen. Mit Staunen sehen wir, daß Peter ausgerechnet dieses ekelhafte Zeug mit Wonne beriecht und dann zu fressen beginnt. Hunger kann ihn dazu nicht veranlassen, denn wir wissen seit Jahren, daß die beiden Schwestern, die im Plättkeller wohnen, große Tierfreundinnen sind. Sie darben es sich geradezu vom Munde ab, um es ihrem Lieblinge zuzuschanzen. Eigentlich hätten sie einen Hund zur Bewachung nicht mehr nötig, seitdem sich die eine Schwester verheiratet hat. Als aber vor zwei Jahren ihr damaliger Hund verunglückte, wurde freudig als Ersatz der damals sechs Wochen alte Peter gewählt, der ihnen als Geschenk aus ihrem Bekanntenkreise angeboten wurde.

Nach dem Fressen scheint Peter Durst zu bekommen, denn er läuft zum Brunnen, um aus der unten angebrachten Vertiefung seinen Durst zu löschen. Hierbei trinkt er nicht saugend wie ein Mensch, sondern lappt das Wasser schnell hintereinander mit der Zunge. Das lange Rennen scheint ihn ermüdet zu haben, denn er sucht sich in der Nähe des Plättkellers eine Stelle zum Hinlegen. Und zwar wählt er eine solche, wo die Sonne recht schön hinscheint. Während andere Hunde sich vor dem Hinlegen erst einige Male im Kreise herumzudrehen pflegen, können wir dieses Drehen bei Peter in diesem Falle nicht beobachten, denn er legt sich ohne große Umstände in die warme Sonne.

Wir wollen hier zunächst eine Pause machen, ehe wir das Tagewerk unseres Helden weiter schildern.

Alles das, was hier von dem Spitz erzählt worden ist, kann man alltäglich an zahlreichen Hunden beobachten, und selbst der Großstädter hat hierzu Gelegenheit, wenn er nur die Augen offen hält. So allbekannt diese Vorgänge sind, so erscheinen sie jedoch in einem ganz anderen Lichte, sobald wir uns die Frage vorlegen, weshalb der Hund so handelt.

Unser Peter hat zunächst gebellt. Warum bellt der Hund? Die Katze tut es doch nicht, ebenso denken Pferde, Kühe und andere Haustiere nicht daran.

Um das zu verstehen, müssen wir etwas ausholen.

Hunde, Katzen, Pferde, Kühe usw. sind ohne Frage Haustiere. Haustiere nennen wir solche zahme Tiere, die in einem Lande des Nutzens oder des Vergnügens halber gezüchtet werden.

Was waren nun die Haustiere früher, ehe sie der Mensch in seine Gemeinschaft aufnahm? Von unseren Tauben wissen wir mit Bestimmtheit, daß alle Taubenrassen von einer einzigen Wildtaube, der Felsentaube, abstammen, die an den Küsten des Mittelländischen Meeres heimisch ist. Ebenso haben alle Kaninchenrassen ihre Vorfahren in den Wildkaninchen, die Ziegenrassen in der Bezoarziege usw.

Hiernach ist anzunehmen, daß der Hund früher als Wildhund lebte oder aus einer Kreuzung von hundeartigen Verwandten, wahrscheinlich von Wölfen und Schakalen, entstanden ist. Näheres soll hierüber am Schlusse gesagt werden.

Jedenfalls war der Hund früher ebenfalls ein Raubtier, wie es heute noch seine Verwandten, die Wölfe, Schakale und Füchse, sind.

Wie der Mensch nun das, was seine Vorfahren getrieben haben, gewöhnlich beibehält, so tut das Tier das noch in weit stärkerem Maße. Wir essen regelmäßig nur das, was bei uns üblich ist, mögen auch benachbarte Völker andere Leckerbissen haben. So schwärmt der Italiener für kleine Singvögel, der Franzose für Froschschenkel, während sich bei uns nur wenige Liebhaber dafür finden. Das Tier hält sich noch viel strenger an den Speisezettel seiner Vorfahren. Das kommt natürlich daher, weil es durch seinen Körperbau dazu gezwungen ist. Wie häufig sind in den Kriegsjahren die Hunde mit Kartoffeln gefüttert worden. Und doch bleiben sie fast unverdaut, weil der Hund ein früheres Raubtier ist, und Kartoffeln keine passende Nahrung für ein Raubtier sind.

Also der Hund war früher ein Raubtier ähnlich wie Wolf, Schakal und Fuchs. Die Lebensweise dieser Verwandten müssen wir also kennen lernen, um unsern Hund richtig zu verstehen.

Bellen nun Wölfe und Schakale? Sie denken nicht daran. Sie heulen sich wohl, wenn die Dämmerung einbricht, zusammen, um gemeinschaftlich auf Raub auszugehen. Denn sie sind Geschöpfe, die es umgekehrt machen wie der Mensch. Sie ruhen am Tage und sind in der Nacht tätig. Selbstverständlich gibt es auch bei uns in der Nacht tätige Personen, wie Nachtwächter, Verbrecher, Bummler, aber diese kommen gegenüber der großen Menge anderer Menschen nicht weiter in Betracht.

Wie Wölfe und Schakale ist der Hund ein Raubtier. Das will sagen, daß er nicht wie die Pflanzenfresser von Gräsern, Blättern, Moos, Rinde und andern Pflanzenstoffen lebt, sondern andere Tiere zu töten sucht, um sie zu fressen. Daraus können wir ihm keinen Vorwurf machen; auch der Mensch ist kein reiner Pflanzenfresser. Das trifft höchstens bei einem kleinen Kreise von Menschen zu, während die große Menge Schweine, Rinder, Gänse und andere wohlschmeckende Tiere mästet, um sie später zu verzehren. Ueberhaupt dienen fast alle unsere Haustiere unseren eigennützigen Zwecken.

Ein Raubtier, das ein anderes Geschöpf erbeuten will, muß natürlich vorsichtig zu Werke gehen. Denn der Pflanzenfresser hat durchaus keine Lust, sein Grab im Magen des Raubtiers zu finden, sondern sucht sich auf jede Weise davor zu bewahren. Würden Wölfe, die gern einen Hasen, einen Hirsch oder ein Reh fressen möchten, schon vor Beginn der Jagd bellen, so würden sich die Pflanzenfresser vorher in Sicherheit zu bringen suchen.

So ist es denn ganz selbstverständlich, daß wilde Hundearten, wie die in Indien hausenden Kolsums, nicht bellen, ebensowenig die Wölfe und Schakale. Man hat sich darüber gewundert, daß die Hunde, die Kolumbus in Amerika zurückließ, das Bellen verlernt hatten. Als man sie nach langer Zeit wiederfand, waren sie verwildert und stumm geworden. Das ist doch ganz natürlich. Sie mußten auf eigene Faust, nachdem sie von den Menschen verlassen worden waren, ihre Nahrung suchen. Bald merkten sie, daß sie um so schwerer Beute machten, je mehr sie vorher bellten. Deshalb ließen sie das Bellen sein, wie es ihre Vorfahren getan hatten.

Das Bellen ist also eine Eigenschaft des Hundes, die der Wildhund nicht besitzt. Wohl aber hat er eine Anlage hierzu, wie schon aus seinem Geheul hervorgeht. Genau so liegt es bei anderen Haustieren. Wildenten und Wildgänse hüten sich, so viel zu schnattern wie unsere Hausenten und Hausgänse. Wildenten und Wildgänse sind auf dem Lande fast immer stumm, um sich ihren zahlreichen Feinden nicht zu verraten. Auch das fortwährende Krähen hat sich der Hahn als Haustier erst angewöhnt.

Der Mensch fand bald heraus, daß das Bellen des Hundes für ihn vom Vorteil war, weil es ihm den nahenden Feind oder einen Besuch anzeigte. Deshalb bevorzugte er die Hunde, die am meisten zum Bellen geneigt waren. Da solche Eigenschaften sich zu vererben pflegen, so hat der Mensch fast allen Hunden das Bellen angezüchtet. Am meisten eignen sich hierzu die kleinen Hunderassen, die den großsprecherischen Menschen gleichen, die mit Worten Helden sind, während ihre Taten zu wünschen übrig lassen. Sie haben zu dem Sprichwort Anlaß gegeben: Die Hunde, die da bellen, beißen nicht.

Zu den bellustigsten Hunderassen gehört der Spitz, und demnach auch unser Peter. Wegen seiner Kläffreudigkeit, die alles Verdächtige anzeigt, hat man ihn gern da, wo man auf Wachsamkeit Wert legt.

Wir sehen, daß die Frage, warum der Hund bellt, gar nicht so leicht zu beantworten ist. Nicht viel leichter sind seine anderen Taten zu erklären.

[2]. Warum bellt der Hund sich drehende Räder an?

Peter hat wütend die Räder des vorüberfahrenden Radlers angekläfft. Was veranlaßt den sonst ziemlich harmlosen Hund zu solchem Aerger?

Hierfür müssen wir zwei Gründe annehmen. Wir wissen, daß unsere Hunde, wie die Wölfe, zu den Raubtieren gehören, die durch ihre Schnelligkeit Hasen und andere Pflanzenfresser erbeuten. Das tun andere Raubtiere, z. B. Katzen, nicht. Eine Katze rennt nicht hinter einem gesunden Hasen her, um ihn zu fangen, obwohl sie Hasenbraten mindestens ebenso gern frißt wie der Hund. Sie beschleicht den Hasen, was der Hund kaum jemals tut, weil er viel zu ungeschickt dazu ist. Der Hund ist also von Hause aus ein Hetzraubtier, die Katze dagegen ein Schleichraubtier.

Für jedes Hetzraubtier sind schnell vorüberrauschende Gegenstände von größter Bedeutung. Kann es doch ein Pflanzenfresser sein, der sich für den ewig hungrigen Magen erbeuten ließe. Darum muß sich der Hund beeilen. Denn wenn ein schnellfüßiger Pflanzenfresser erst einen gewissen Vorsprung hat, ist er schwer einzuholen. Die Katze dagegen lassen schnell sich bewegende Räder ganz kalt, denn sie weiß, daß sie schnell vorüberhuschende Gegenstände nicht einholen kann.

Es ist eine alte Erfahrung, daß ein Mensch, der vor einem fremden Hunde anfängt davon zu laufen, viel eher gebissen wird, als wenn er stehen bleibt. In dem Hunde werden eben durch die schnellen Bewegungen des Menschen die uralten Raubtierinstinkte wachgerufen.

Außer der Lebensweise der wilden Verwandten muß noch ein zweiter Punkt berücksichtigt werden, der den meisten Menschen vollkommen unbekannt ist: Die Sinne des Hundes sind durchaus verschieden von denen des Menschen.

Der Jäger weiß seit Urzeiten, daß der Hund viel besser mit seiner Nase das Wild aufspürt, als er es je mit seiner Menschennase zu tun vermöchte. Gerade deshalb hat er sich einen Hund angeschafft. Es ist selbst den meisten Großstädtern bekannt, daß die Hundenase der menschlichen überlegen ist. Aber die wenigsten wissen, daß das Auge des Hundes bei Tageslicht wenig taugt. Dafür seien einige Beispiele angeführt.

Ein Gutsbesitzer wunderte sich darüber, daß jedesmal, wenn er mit seinem Wagen an den weidenden Kühen vorüberfuhr, die beiden Hirtenhunde mit großem Geblaff die beiden vor dem Wagen gespannten Schecken, d. h. weiß und dunkel gefärbten Pferde, verfolgten. Er sprach mit dem Kuhhirten darüber, der ihm folgende Erklärung gab. Die Hunde halten die beiden Schecken wegen ihrer ähnlichen Färbung ebenfalls für Kühe und wollen verhindern, daß sie sich von der Herde entfernen. Deshalb laufen sie mit Gebell hinterdrein.

Die Erklärung des Kuhhirten dürfte durchaus richtig sein, wie man ja überhaupt unter solchen Leuten ausgezeichnete Tierbeobachter antrifft. Wie wenig muß aber das Hundeauge fähig sein, Einzelheiten zu unterscheiden, wenn es ein Pferd mit einer Kuh verwechseln kann.

Der Schweizer Bildhauer Urs Eggenschwyler schildert eine ähnliche Verwechselung. Er hielt sich einen jungen Löwen von etwa sechs Monaten, mit dem er spazieren ging. Ein Ziehhund hielt die mächtige Katze für Seinesgleichen und wollte mit ihr raufen. Erst als er sie vorher beroch und plötzlich merkte, wen er vor sich hatte, flüchtete er mit allen Zeichen großer Angst.

Ein deutscher Forstbeamter in Rußland berichtete vor dem Weltkriege folgendes Erlebnis. Sein Dachshund wurde von einem Wolf gepackt und fortgeschleppt. Schnell schoß er nach dem Räuber, der zwar nicht getroffen wurde, aber die Beute fallen ließ. Nachdem der Hund wiederhergestellt war, flüchtete das sonst so mutige Tier vor jedem grauen Geschöpf von Wolfsgröße, z. B. vor einem Schafe.

Von eigenen Erlebnissen möchte ich hier nur folgende anführen.

Wir hatten einmal einen Hund, der sich sehr zum Raufbold entwickelt hatte, weshalb ich ihn an der Leine führte. Wie alle Hunde, suchte er mit Vorliebe Hundebekanntschaften auf der Straße zu machen. In einer ziemlich leeren Straße eines Vororts zerrte er plötzlich mächtig an der Leine, was mich wunderte, da ich keinen anderen Hund erblicken konnte. Dagegen hatte ein Arbeiter das Pflaster aufgerissen und arbeitete in der Grube, wobei sein Rücken hervorschaute und sich hin und herbewegte. Wie ich den Blick des Hundes verfolgte und die Leine nachließ, wollte er wirklich auf diesen Mann zulaufen, dessen Rücken er für einen Hund hielt.

Sehr oft habe ich erlebt, daß Hunde die auf Zäunen verkehrt aufgestülpten Geschirre für Katzen hielten und anbellten.

Noch beweisender dürfte folgender Vorfall sein. Wir, d. h. ich und etwa ein halbes Dutzend Herren, waren bei einem Freunde zu einer Hasenjagd eingeladen. Jeder führte einen prächtigen Hund bei sich. Es war im Januar und schönster Sonnenschein, aber sehr windig. Wie wir das Revier betreten hatten, sahen wir mit einem Male, daß der Wind von der etwa einige hundert Schritt entfernten Chaussee ein Stück braunes Packpapier uns zutrieb. Ein menschliches Auge konnte mit Leichtigkeit bei dem klaren Sonnenschein erkennen, was es war. Die Hunde dagegen hielten das heranrollende Papier für einen Hasen, und als wir zum Zwecke einer Prüfung sie losließen, stürzten sie alle darauf. Erst als sie kurz vor dem Papiere in die Windrichtung gekommen waren, klärte sie ihre Nase über den Irrtum auf.

Das Auge des Hundes kann also bei Tageslicht keine Einzelheiten unterscheiden. Daher rühren die groben Verwechselungen.

Was man dagegen anführt ist nicht stichhaltig. So hört man oft erwidern: Ein Hase, der ein paar hundert Schritt entfernt lief, wurde von meinem Hunde gesehen. Folglich muß er gute Augen haben.

Der Schluß ist falsch. Der Hund hat nur gesehen, daß sich etwas Braunes bewegte. Er hat vermutet, daß es ein Hase war, aber nicht gewußt. Ebenso beweist es nichts, wenn er einen im Schaufenster ausgestellten ausgestopften Fuchs wütend anbellt. Denn er würde ebenso wütend bellen, wenn man diesen Fuchs mit einem rothaarigen Dachshund vertauschte.

Dagegen sieht der Hund unzweifelhaft in der Dunkelheit besser als der Mensch. Infolge der großen Pupillen, d. h. des Schwarzen im Auge, fallen alle Lichtstrahlen in das Auge. So findet sich der Hund in der Dunkelheit leicht zurecht, beispielsweise wenn wir mit ihm zur Nachtzeit durch einen Wald wandern. Das ist auch gar nicht wunderbar, denn wie Wölfe, Schakale und Füchse, ist auch der Hund ursprünglich ein nächtliches Tier.

Gewöhnlich heißt es von der Katze, daß sie ausnahmsweise ein nächtliches Leben führe. Das ist aber nicht zutreffend. Allerdings ist die Katze noch mehr Nachttier als der Hund. Das kommt aber daher, weil ihre Beutetiere, die Mäuse und Ratten, erst in der Dunkelheit aus ihren Löchern kommen. Sie muß also aus diesem Grunde ihre Haupttätigkeit in der Nacht ausüben, während der Hund sich mehr der Lebensweise des Menschen angeschlossen hat und deshalb als Haustier mehr am Tage tätig ist.

Sodann nimmt das Auge des Hundes infolge seines Baues Bewegungen schneller wahr als das des Menschen. Das muß man daraus schließen, weil alle Tiere mit schwachen Augen allgemein auf Bewegungen furchtbar achten. Für den Jäger früherer Zeiten ist es oft eine Lebensfrage gewesen, ein Stück Wild zu erbeuten, um seinen quälenden Hunger zu befriedigen. Er hat daher stets zu den besten Tierbeobachtern gehört. Nun ist es seit alter Zeit für den Jäger ein feststehender Grundsatz, angesichts eines Tieres, das er erbeuten will, niemals eine Bewegung zu machen. Ein Hirsch, ein Reh, ein Fuchs und andere feinnasige Tiere flüchten gewöhnlich nicht, wenn man regungslos stehen bleibt, namentlich wenn die Kleidung mit der Umgebung übereinstimmt. Deshalb trägt ja auch der Jäger ein der Waldfarbe angepaßtes Kleid. Die geringste Bewegung genügt jedoch, den Hirsch, das Reh oder den Fuchs zu einer blitzschnellen Flucht zu veranlassen.

Das Anbellen der Räder durch Hunde erscheint daher erklärlich, weil sie als frühere Hetzraubtiere gern alles, was sich schnell bewegt, verfolgen, damit es ihnen nicht entkommt, und weil das Auge der Hunde Bewegungen sehr gut sieht.

[3]. Das Fressen unappetitlicher Sachen.

Peter hat, wie wir zu unserm Staunen sahen, schauderhaften Unrat mit Wonne verzehrt. Auch das kann man nur verstehen, wenn man weiß, daß der Hund ein früheres Raubtier war.

Wir wissen, daß, wenn ein Mensch oder ein größeres Tier stirbt, für die Beseitigung der Leichen gesorgt werden muß. Denn ohne eine derartige Vorsorge könnten gefährliche Krankheiten ausbrechen. Namentlich in heißen Ländern würde die Gefahr sehr groß sein. Es ist nun für die Menschen in diesen Gegenden sehr bequem, daß es zahlreiche Tiere gibt, die ihm diese gerade nicht sehr angenehme Arbeit abnehmen. Namentlich Geier, Hyänen und Schakale finden sich bei jedem toten Tier ein, und in kurzer Zeit ist alles aufgefressen.

In Europa sind besonders Wolf und Fuchs, außerdem aber auch das Wildschwein neben den rabenartigen Vögeln als Aasfresser bekannt. Der Hund ist seinen Verwandten in dieser Hinsicht sehr ähnlich und hat ebenfalls eine besondere Vorliebe für verweste Dinge. Manche Hunde pflegen sogar sich mit dem Rücken auf dem Unrat zu wälzen. Das ist für den Herrn besonders unangenehm, denn das Tier verpestet später die ganze Wohnung.

Reiche Leute sind oft entsetzt, wenn ihr Köter, der in ihrer Wohnung nur die besten Sachen vorgesetzt erhält, auf der Straße allerlei Unrat verzehrt. Sie eilen gewöhnlich dann mit dem Hunde zum Tierarzt, was ganz überflüssig ist. Im allgemeinen weiß jedes Tier viel besser, was ihm zuträglich ist, als der Mensch.

Ich bin oft gefragt worden, was man bei einem Hunde machen soll, der ein sogenannter »Parfümeur« ist, d. h. sich den Rücken mit Unrat einreibt. Manche Jäger haben schon ihren Hund erschossen, nachdem alles Prügeln vergeblich war. Sie haben das schweren Herzens getan, weil gewöhnlich Parfümeurs ausgezeichnete Hunde sind. Prügeln ist wertlos. Der Hund versteht ja gar nicht, weshalb er Strafe bekommt. Jedem Geschöpfe riecht das schön, was ihm bekömmlich ist. So riecht dem Hunde der Unrat wunderbar schön, weshalb er sich von dem Duft etwas mitnehmen möchte. Wie der Mensch sich ein Veilchen in das Knopfloch steckt, so wälzt sich der Hund mit dem Rücken im Unrat. Ich habe immer gefunden, daß die Leute es am besten machten, die ihren Hund bevor er die Wohnung betrat, erst nach einem Teich oder Graben führten und ihn etwas daraus apportieren ließen. Dann war er ohne große Umstände wieder gereinigt.

Jedenfalls darf ein Mensch, der auf Sauberkeit hält, niemals einen Hund küssen. Weil der Hund als früherer Aasfresser jeden Dreck beschnuppert, deshalb soll man namentlich Kindern aufs strengste verbieten, ein Hundemaul ihrem Gesicht zu nahe kommen zu lassen. Es wird später besprochen werden, daß hierbei noch andere Gefahren drohen.

[4]. Das Lappen des Wassers mit der Zunge.

Wenn wir einem Pferde oder Schafe beim Saufen zusehen, so bemerken wir, daß es die Lippen in das Wasser steckt und saugend trinkt. Hunde dagegen, wie die meisten Raubtiere, lecken das Wasser mit ihrer langen Zunge. Sie sind dadurch imstande, einen Teller mit einer Flüssigkeit ganz rein zu lecken, während der Mensch, wenn er das gleiche Ziel erreichen wollte, zu diesem Zwecke den Teller hochkippen müßte.

Die Pflanzenfresser, die den Tag über ein- oder zweimal zum Wasser laufen, um ihren Durst zu löschen, können sich eine Wasserstelle aussuchen, die tief genug ist, um das Trinken durch Saugen zu gestatten. Bei den Raubtieren aber liegt die Sache anders. Sie kommen bei der Verfolgung oft in Gegenden, wo weit und breit keine Trinkstellen anzutreffen sind, höchstens infolge eines vorhergegangenen Regens ganz flache Wasserpfützen. Trotzdem können sie mit ihrem Lappen den Durst stillen.

Unser Peter lappt also das Wasser unten am Brunnen, weil das große Hundemaul zum Saugen schlecht paßt, und weil das Schnellen mit der Zunge für Raubtiere vorteilhaft ist.

Uralter Aberglaube ist es, daß der Wolf, im Gegensatz zum Hunde, das Wasser nicht lappt, sondern wie ein Schaf säuft. Ich habe mir daraufhin im Zoologischen Garten sämtliche Wolfsarten beim Saufen angesehen und konnte feststellen, was so auch ganz selbstverständlich ist, daß sie genau wie unsere Hunde das Wasser mit der Zunge lappen. Da der Aberglaube unausrottbar ist, so sei hier das bei dieser Gelegenheit immer wieder aufgetischte Märchen erzählt.

Hiernach befänden sich unter den Jungen der Wölfe häufig solche, die aus einer Paarung mit Haushunden herrührten. Diese sogenannten Wolfshunde seien als ausgezeichnete Hunde von den Bewohnern besonders geschätzt. Deshalb warteten diese, bis die Wölfin ihre Jungen zum Wasser führte. Hierbei stellte sich nämlich der Unterschied zwischen den echten Wölfen und den Wolfshunden heraus. Jene söffen als Wölfe wie die Schafe, während die Wolfshunde, weil sie von Hunden stammten, wie diese lappten. Die Wölfin wäre über diese ungeratene Brut empört und stieße sie ins Wasser, damit sie ertränken. Die Landbewohner warteten auf diese Verstoßung der eigenen Kinder und fingen die zappelnden Wolfshunde auf, um sie großzuziehen.

Dieses Märchen ist ganz albern. Es ist nicht wahr, daß der Wolf anders trinkt als der Hund. Bei seinem großen Rachen ist das Trinken, wie das Schaf es tut, ausgeschlossen. Trotz seiner Albernheit wird dieses Märchen von ernsten Männern weiter erzählt, als wenn sie selbst ein Dutzend Wolfshunde in der geschilderten Weise aufgefangen hätten.

[5]. Der Platz in der Sonne und am warmen Ofen. Das Sich-herumdrehen vor dem Hinlegen.

Es ist nicht weiter wunderbar, daß unser Peter sich in die Sonne gelegt hat. Denn die Vorliebe des Hundes für einen warmen Platz ist sehr bekannt. Der Landbewohner, der das ganze Jahr über beobachten kann, mit welchem Wohlbehagen die Hunde in dem warmen Sonnenschein ihre Glieder strecken, sagt zu seinen Kindern, wenn sie ebenfalls ruhen und ihren Gliedern die bequemste Lage geben, sie sollen sich nicht »rekeln«. Rekel oder Räkel ist nämlich der Hund, und der Sinn der Worte ist natürlich der, sie sollen es nicht dem Hunde nachtun, der in der Sonnenwärme ruht.

Noch bekannter ist die Vorliebe des Hundes für den warmen Ofen, woher die Redensart stammt, »den Hund vom warmen Ofen fortlocken«. Allgemein heißt es, daß es für den Hund sehr schädlich sei, sich am warmen Ofen aufzuhalten, und daß es daher gut sei, ihn davon fortzujagen.

Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß ein Tier gewöhnlich weit besser versteht, was ihm frommt, als der Mensch. Der Hund gehört wie seine Vettern Wolf, Fuchs usw. eben zu den nächtlichen Tieren. Alle nächtlichen Tiere haben das Bedürfnis, zur Erhöhung ihrer Körperwärme warme Stellen aufzusuchen.

Es kommt einfach daher, daß die Katze, wenn sie sich sonnt, weit weniger auffällt, weil sie das mit Vorliebe auf Dächern tut, wo sie vom Menschen nicht gesehen wird. Füchse sind oft vom Jäger überrascht worden, wenn sie sich am Tage von den warmen Sonnenstrahlen bestrahlen ließen und hierbei die Annäherung des Jägers übersehen hatten. Die Eulen, diese ausgesprochenen Nachttiere, gehen in der Gefangenschaft zugrunde, wenn man ihnen nicht Gelegenheit gibt, sich von der warmen Sonne bescheinen zu lassen.

Wenn also ein sonst abgehärteter Hund hin und wieder am Ofen liegt, so braucht man sich darüber nicht aufzuregen. Denn im allgemeinen wird es für seine Gesundheit vorteilhaft sein.

Vor dem Hinlegen pflegen die meisten Hunde sich einige Male herumzudrehen. Der große Naturforscher Darwin erklärte diese merkwürdige Bewegung damit, daß sich die Wildhunde in der Vorzeit erst herumdrehen mußten, ehe sie in dem dichten Grase eine geeignete Stelle zum Niederlegen hatten. Diese Ansicht dürfte aus folgenden Gründen nicht richtig sein. Bei großer Hitze dreht sich der Hund überhaupt nicht vorher herum, sondern streckt alle Viere möglichst weit von sich. Auch drehen sich die Wildhunde dort, wo dichtes Gras steht, nicht vor dem Hinlegen herum. Der Hund dreht sich vielmehr immer dann herum, wenn er warm liegen und zu diesem Zwecke den Körper einen Kreis bilden lassen will, damit möglichst wenig Außenfläche vorhanden ist. Um den Kreis bei seinem ungelenken Rückgrat herauszubekommen, gibt sich der Hund vorher mehrmals einen Schwung durch Herumdrehen.

[6]. Das Alter des Hundes.

Wir sprachen vorhin davon, daß Peter etwa zwei Jahre alt ist. Welchem Alter des Menschen entspricht ein solches Hundealter?

Ein alter deutscher Ausspruch sagt, daß ein Menschenalter gleich drei Pferdealtern sei, und ein Pferdealter wiederum drei Hundealtern gleichkomme. Dieser Ausspruch ist recht ungenau. Setzt man ein Menschenalter auf 70 Jahre, so kämen auf das Pferd fast 25 Jahre, was etwas hoch ist. Auf den Hund kämen aber nur etwa acht Jahre, was viel zu wenig ist.

Gewöhnlich setzt man das Alter des Hundes auf 10 bis 12 Jahre fest. Manche nennen auch 15 Jahre, sogar 30 Jahre. Wie beim Menschen kommt es natürlich sehr auf die Lebensweise an. Es gibt Menschen, die hundert Jahre alt werden, während andere schon mit fünfzig Jahren verbraucht sind. Aehnliches beobachten wir bei den Hunden. Unter günstigen Verhältnissen erreichen sie ohne Frage ein Alter von etwa 18 Jahren. Das ist mir von verschiedenen Hundebesitzern bestätigt worden, und ich habe nach meinen eigenen Beobachtungen keinen Anlaß, daran zu zweifeln. So fällt mir folgendes Erlebnis ein, das sich im tiefsten Frieden vor etwa ein Dutzend Jahren ereignete. Ich war auf einer Wanderung begriffen und kehrte in dem Gasthof eines Dorfes nicht weit von Berlin ein. Die Besitzerin war eine reiche Bäuerin, die sehr viel Land und Vieh besaß. Mir fiel der Hund auf, da er anscheinend sehr bejahrt war, und ich erkundigte mich bei der Wirtin nach seinem Alter. Die Frau erzählte mir, daß er gleichzeitig mit ihrer Tochter, die jetzt achtzehn Jahre alt sei, Geburtstag feiere. Das wollte ich nicht glauben und ich fragte bei einem zweiten Besuche die Tochter nach dem Alter des Hundes. Diese machte die gleichen Angaben wie ihre Mutter und erzählte mir noch mancherlei von dem Tiere. Namentlich ist mir noch folgendes im Gedächtnis geblieben: Ihre Mutter könne sich von dem alten Tier nicht gut trennen und sei deshalb vor einiger Zeit mit ihm zum Tierarzt gegangen. Dieser habe sich den Hund angesehen und dann gesagt: »Frau Krüger, haben Sie nicht eine Schrotflinte zu Hause?« Da sei ihre Mutter furchtbar wütend geworden und mit dem Hunde fortgegangen. Seitdem wolle sie von dem Tierarzt nichts mehr wissen.

Bei gesundem Leben auf dem Lande, wo der Hund sich unter natürlichen Verhältnissen befindet, ist also ein Lebensalter von achtzehn Jahren nicht unmöglich.

Wenn ein Geschöpf kaum zwei Jahrzehnte alt wird, so muß es natürlich früher als der Mensch erwachsen sein. Das ist auch bei dem Hunde der Fall. Mit sechs Wochen entwöhnt man ihn gewöhnlich von der Milch der Hündin, und mit sechs Monaten pflegt er die volle Größe zu erreichen. Aber richtig ausgewachsen ist er erst mit zwei Jahren.

Hier liegt ein großer Unterschied zwischen Mensch und Hund vor. Der Hund erreicht seine volle Größe schon nach einem halben Jahre, während der Mensch etwa achtzehn Jahre alt werden muß. Ist der Mensch aber mit achtzehn Jahren zu seiner vollen Größe gelangt, so ist er sicherlich mit 24 Jahren vollkommen ausgewachsen. Diese Verschiedenheit muß natürlich ihren Grund haben und hat ihn auch. Die Aufklärung finden wir wieder dadurch, daß wir an die Lebensweise der wilden Verwandten denken.

Die Wölfe paaren sich im Januar oder Februar. Nach 63 Tagen, also etwas über zwei Monaten, gewöhnlich im April, wirft die Wölfin etwa drei bis zwölf, gewöhnlich vier bis sechs Junge.

Die im Frühjahr geworfenen Welpen (Wolfsjunge) können sich in der schönen Jahreszeit prächtig entwickeln. Kommt der Herbst heran, so haben sie schon die Größe eines Wolfes und müssen sie haben. Denn jetzt rudeln sich die Wölfe zusammen, um gemeinsam während der kalten Jahreszeit auf alles Getier Jagd zu machen. Wären die jungen Wölfe nicht schon so groß wie die alten, so würden sie nicht imstande sein, gemeinsam langdauernde Hetzen zu machen. Auch würden sie, wenn endlich der Elch oder der Hirsch erbeutet ist, bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten weggebissen, wohl gar getötet werden.

Da Hund und Wolf die gleiche Tragezeit haben, so verstehen wir, weshalb sich jeder Hundekenner einen im April oder Mai geworfenen Hund zur Aufzucht wählen wird. Genau so liegt die Sache bei der Katze. Bei dem Menschen ist es gleichgültig, ob er im Winter oder im Sommer geboren ist. Denn er kann das Versäumte nachholen. Ein Hund dagegen oder eine Katze, die im August geboren ist, kann niemals die mangelnde Entwicklung nachholen. Denn wenn der nächste Sommer kommt, sind sechs Monate schon vorüber, und die Entwicklung bereits abgeschlossen.

Die jungen Hunde können bei der Geburt weder sehen noch hören. Erst nach neun bis zwölf Tagen öffnen sich ihre Augen.

Allgemein herrscht der Glaube, daß man das vortrefflichste Junge an folgendem Merkmal erkennen kann. Man bringt die Jungen auf eine andere Stelle, dann wird es zuerst von der Mutter zum Lager zurückgetragen werden. Erfahrene Hundezüchter bestreiten jedoch, daß das richtig sei.

Warum hat nun der Mensch nur ein Kind, höchstens zwei bis vier, der Hund dagegen manchmal 15 und 18 Junge? Auch das hat natürlich seinen Grund, den wir ausfindig machen, wenn wir uns die Lebensweise der wilden Verwandten näher ansehen.

Im Winter zwingt der Hunger die Wölfe, sich an große wehrhafte Pflanzenfresser, also Wildrinder, Wildschweine, Elche usw. zu wagen. Wenn auch gewöhnlich das Rudel Wölfe siegreich bleibt, so verkaufen die Pflanzenfresser ihr Leben nicht billig. Ein paar Wölfe müssen gewöhnlich daran glauben. So sagt schon ein altes Jägersprichwort: Wer Eberköpfe haben will, muß Hundeköpfe daransetzen. Das heißt also, daß die Ueberwindung eines starken Keilers, d. h. männlichen Wildschweins, ein paar Hunde kostet, die von den Hauern des Borstentieres zuschanden geschlagen werden. Bei den anderen Wildhunden liegt die Sache ähnlich. Die Hyänenhunde in Afrika sollen den Löwen, die Kolsums in Asien den Tiger angreifen, wobei natürlich ein Rudel sehr viel Mitglieder verliert.

Der Hund muß also deshalb so viel Junge haben, weil er in jedem Jahre bei seinen Angriffen zahlreiche Kameraden verliert. Diese Lücken müssen notgedrungen ausgefüllt werden.

An mancherlei Eigentümlichkeiten ersieht man, daß der Hund, wenn er auch mit sechs Monaten bereits die volle Größe erlangt hat, doch erst mit zwei Jahren wirklich erwachsen ist. Die Jugend ist am meisten zum Spielen aufgelegt, und so sind auch junge Hunde sehr spiellustig.

Die Einflößung des Spieltriebes bei jungen Menschen und jungen Tieren dient natürlich gewissen Zwecken. Die Kinder und die Jungtiere sollen sich nämlich für ihre künftigen Lebensaufgaben die Glieder stärken.

Jetzt verstehen wir, weshalb junge Hunde regelmäßig Haschen spielen, junge Katzen aber nicht. Hunde sind Hetzraubtiere, schnelles Laufen ist demnach bei ihnen die Hauptsache. Katzen erbeuten aber ihre Nahrung nicht durch Hetzen.

Der junge Hund ist nicht nur spiellustig, sondern ihm fehlt auch noch der feste Grundzug seines Wesens, der sogenannte Charakter. Sehr oft wollen Leute ihren jungen Hund weggeben, weil er zu Fremden zu zutraulich ist, keinen Mut zeigt und überhaupt zu waschlappig ist. Da viele Hunde, die in der Jugend zu solchen Beanstandungen Anlaß gegeben haben, sich mit zwei Jahren vollkommen verändert haben, so kann man über den Grundzug eines Hundes vor Erreichung dieses Alters kein Urteil abgeben.

[7]. Die Rassen (Unterarten) des Hundes.

Peter ist, wie schon erwähnt wurde, ein Spitz, und zwar ein sogenannter Wolfsspitz von grauer Farbe. Die Hunde gehören zu den Säugetieren, denn sie werden von ihren Müttern gesäugt. Mit den Vögeln, Fischen, Reptilien, z. B. Schlangen, und Amphibien, z. B. Fröschen, gehören die Säugetiere zu den Wirbeltieren d. h. den Rückgrattieren, deren Körper eine Wirbelsäule durchzieht, im Gegensatz zu den andern Stämmen des Tierreichs. Zu den letztgenannten gehören z. B. die Schnecken und andere Weichtiere, die Insekten und andere Gliederfüßer, die Würmer und andere mehr.

Die Säugetiere zerfallen in zahlreiche Ordnungen, so in die Affen, die dem Menschen ähnlich sind, die Nager, z. B. die Ratten mit ihren Nagezähnen, die Huftiere, z. B. die Pferde mit ihren harten Hufen, die im Gegensatz zu denen der meisten anderen huftragenden Tieren nicht gespalten sind, und in die Raubtiere. Ein Kennzeichen für das Raubtier ist das Gebiß. Denn wenn ein Tier nicht von Pflanzen, sondern von anderen Tieren leben will, so muß es sie vorher töten. Da Tiere kein Handwerkszeug besitzen, so müssen sie hierzu geeignete Gliedmaßen haben, also entweder bewehrte Füße wie die Katzen oder ein zum Töten geeignetes Gebiß.

Hunde haben keine Wehrpfoten, ebenso auch die anderen hundeartigen Geschöpfe nicht (die sogenannten Kaniden). Wehrpfoten nennt man auch Pranken oder Branten. Es ist also falsch, wenn man von den Pranken des Wolfes spricht, denn er besitzt keine. Wölfe, Schakale, Wildhunde, Füchse usw. können mit ihren Pfoten nicht kämpfen. Sie können damit nur rennen oder graben. So kann ein Hund sehr schnell ein Mäuseloch aufbuddeln, was die Katze nicht nachmachen kann. Ebenso können sie Ställe unterwühlen, um zu den Insassen zu gelangen. Hunde haben also Renn- oder Grabpfoten.

Als Ersatz für die fehlenden Wehrpfoten, womit die Katzen außer ihrem Gebiß ausgestattet sind, haben die Hunde ein mächtiges Gebiß. Ein Dachshund kann einen Fuchs abwürgen, was die gleichgroße Katze mit ihrem kleinen Maule nicht könnte.

Der Hund, der wie der Mensch zunächst ein Milchgebiß bekommt, hat ausgewachsen 12 Schneidezähne 4 langhervorragende Eckzähne, oben 12 und unten 14 Backenzähne. Er hat dünne Beine und vorn meist fünf, hinten vier Zehen an den Füßen. Seine Krallen sind nicht zurückziehbar. Er ist ein Zehengänger, d. h. er geht nicht wie der Mensch oder Bär auf der Fußsohle, sondern auf den Zehen. Sein Knie befindet sich daher am Bauche, nicht, wie man so häufig hört, in der Mitte des Beines. Wenn wir recht schnell fortkommen wollen, laufen wir übrigens auch auf den Zehen.

Von den Hunderassen sollen nur die in Deutschland bekanntesten angeführt werden.

Auf den ersten Blick sieht man, daß die Spitze mit den Schäferhunden große Aehnlichkeit haben. Am häufigsten dürfte jetzt der deutsche Schäferhund zu sehen sein, während es früher der Colly oder schottische Schäferhund war. Zwergform des Spitzes ist der sogenannte Zwergspitz.

Zu den Schäferhunden muß man auch die Pudel und Pinscher stellen. Den Pudel kennt jedes Kind wegen seines auffallenden Haarwuchses. Von den Pinschern sieht man jetzt sehr häufig den Dobermann-Pinscher, während der früher sehr beliebte Schnauzer seltener ist. Auch hier gibt es Zwergformen, nämlich die glatthaarigen Pinscher, z. B. Rehpinscher, und die rauhhaarigen Pinscher, die sogenannten Affenpinscher.

Ein echter deutscher und sehr schöner großer Hund ist die deutsche Dogge. Etwas kleiner ist der deutsche Boxer, der im Gegensatz zur englischen Bulldogge auf geraden Beinen steht. Die Zwergform der Doggen ist der Mops, den man jetzt selten zu Gesicht bekommt. Sehr beliebt dagegen ist jetzt die französische Zwergbulldogge mit ihren Fledermausohren. Andere hierher gehörige große Hunde sind der Neufundländer und die Bernhardiner.

Von Jagdhunden dürfte dem Großstädter der kleine krummbeinige Dachshund oder Dackel am bekanntesten sein, da er viel gehalten wird, ferner der ewig unruhige, bellustige Terrier, der in seiner Färbung an ein Meerschweinchen erinnert. Den Gegensatz zum Dachshund bildet der Windhund, dem man schon äußerlich an seinen hohen Beinen seine Schnelligkeit ansieht. Die Zwergform von ihm ist das Windspiel, das sehr zierlich, aber gegen Kälte sehr empfindlich ist. Zu den eigentlichen Jagdhunden gehört der Vorstehhund oder Hühnerhund, wobei natürlich unter Hühner nicht die Haushühner, sondern die im freien Felde hausenden Rebhühner gemeint sind. Hühnerhund ist also ein Hund, der zur Jagd auf Rebhühner bestimmt ist, indem er nämlich dem Jäger durch seine feine Nase die Stellen anzeigt, wo sich Rebhühner aufhalten.

Von ausländischen Hunden wäre allenfalls noch zu erwähnen der als Polizeihund vielfach verwendete Airedaleterrier, der wie unser großer Pinscher aussieht, aber einen schwarzen Rücken besitzt. Sehr auffallend ist auch der Skye(ßkai)-Terrier, der an eine dicke Wurst, die stark behaart ist, erinnert.

[8]. Der Zeitsinn der Tiere.

Kehren wir jetzt zu unserem kleinen Helden zurück. Der Mann seiner Herrin, der jetzt auch sein Herr ist, geht zur Arbeit, und Peter pflegt ihn bis zur Haltestelle der Straßenbahn zu begleiten. Es ist merkwürdig, welchen Zeitsinn ein Tier besitzt, denn er hat sich bereits erhoben und wartet unruhig auf das Erscheinen seines Herrn. Lustig springt er an ihm hoch und apportiert zunächst ein auf den Damm geworfenes Stück Holz. Das tut er jeden Morgen, denn er apportiert sehr gern. Das weiß sein neuer Herr, und da er auch ein großer Tierfreund ist, so tut er dem Hunde den Gefallen. Hat er Zeit, läßt er das Tier mehrmals apportieren, denn Peter ist unermüdlich darin. Heute aber hat er es eilig, und so muß sich der Hund mit dem einen Male begnügen. Peter bringt seinem vorangeeilten Herrn das Stück Holz und läuft dann ein Stück voraus. Die schöne Morgensonne hat auch ein anderes Nachttier, eine große Katze, veranlaßt, sich vor dem Keller in ihren Strahlen ordentlich zu erwärmen. Peter bellt sie zwar mächtig an, aber er muß von seinem Herrn oder von ihr früher ordentliche Hiebe erhalten haben, denn er ist sehr vorsichtig. Die Katze macht zwar einen Buckel, aber sie denkt nicht daran, in den Keller zu flüchten. Ueberdies wird der Ausbruch eines Streites durch die Dazwischenkunft seines Herrn verhindert, der Peter abpfeift und ihm streng alle Angriffsgelüste verbietet.

Peter verschwindet jetzt unseren Augen, aber wir brauchen nicht lange zu warten, so taucht er wieder in unserem Gesichtskreise auf. Denn die Haltestelle ist nur wenige Schritte von der Ecke entfernt, und die Fahrgelegenheit im allgemeinen günstig. Peter bummelt jetzt heimwärts und will dabei, wie es alle Hunde tun, mit jedem ihm begegnenden Artgenossen Bekanntschaft schließen.

Höchst merkwürdig ist es nun für unsere Begriffe, daß sich zwei Hunde, die sich kennen lernen wollen, nicht wie Menschen ins Gesicht, besonders in die Augen sehen, sondern daß sie sich gegenseitig beriechen und ausgerechnet auch noch an der Verlängerung des Rückens. So tut es auch unser Peter mit einem ihm begegnenden Terrier. Die Untersuchung muß nicht zur gegenseitigen Zufriedenheit ausgefallen sein, denn beide Hunde nehmen die Stellung von Kampfhähnen an und fletschen die Zähne. Weilten wir in der Nähe, so würden wir sicherlich auch das Knurren der beiden Tiere hören. Doch auch hier kommt es nicht zu einer Beißerei, da der Besitzer des Terriers seinen Hund am Halsband packt und fortreißt. Befriedigt zieht Peter seines Weges, doch sein Selbstbewußtsein erleidet plötzlich einen starken Stoß. Eine große Dogge nähert sich ihm mit anscheinend sehr wenig freundlichen Gefühlen. Peter klemmt den Schwanz zwischen die Beine und flüchtet nach seinem Keller. Kaum ist er in seinem Bereiche angelangt, so dreht er sich um und bietet seinem Feinde mutig die Spitze. Auch die Dogge hat anscheinend vor dem fremden Eigentum Achtung, denn sie setzt ihre Verfolgung nicht fort. Nachdem sie verschwunden ist, und Peter trotz seines wiederholten Bellens nicht die Türe geöffnet wird, was sonst stets der Fall ist, scheint unserem Spitz der Gedanke zu kommen, daß seine eigentliche Herrin in der Zwischenzeit fortgegangen ist. Das ist auch in der Tat der Fall gewesen, denn wir haben sie kurz nach dem Weggange ihres Mannes den Keller verlassen sehen. Peter schnuppert jetzt vor dem Keller sorgfältig umher und sucht anscheinend die Fährte seiner Herrin. Nach mehrfachem Hin- und Herrennen folgt er schließlich einer Spur, die, wie wir wissen, richtig ist. Doch ist es leicht möglich, daß der Hund nur deshalb die richtige Spur hält, weil seine Herrin in der Frühe regelmäßig diesen Weg zu machen pflegt.

Auch hier wollen wir zunächst eine Pause machen und die Handlungsweise unseres Peter zu verstehen suchen.

Es ist seit alten Zeiten bekannt, daß Haustiere sich pünktlich zu ihren Mahlzeiten melden. Wenn sich nun jemand darüber wunderte, wodurch das Tier die Stunde der Mahlzeit wisse, da es doch keine Uhr kenne, so wurde erwidert, daß die eigentliche Uhr sein Magen sei, der ihm die rechte Zeit angebe. Auch könne beispielsweise ein Hund an den Vorbereitungen, z. B. an dem Decken des Tisches leicht erkennen, daß es bald etwas zu essen gäbe. Es ist nun gewiß richtig, daß man überall mit den einfachsten Erklärungsversuchen einer Sache auf den Grund gehen soll. Aber es gibt zu viele Fälle, die sich mit der Magenuhr beim besten Willen nicht erklären lassen.

So wohnte ich bei einem Manne, dessen großer Neufundländer täglich seinem Töchterchen um 12 Uhr entgegen lief, um ihr die Schulmappe zu tragen, wenn sie aus der Schule kam. Woher wußte nun der Hund, daß es kurz vor 12 war? Gegessen wurde erst um 1 Uhr.

Ein Kaufmann, der täglich um 5 Uhr sein Geschäft schloß, versicherte mir, daß sein Hund, der sonst unter seinem Schreibtisch ruhig lag, fast auf die Minute genau sich erhebe und seinen Herrn schwanzwedelnd anblicke, ob es nicht nach Hause gehe. Auf seinen Wunsch habe ich mir den Hund und sein Benehmen im Geschäft mit eigenen Augen angesehen. Der Vorfall spielte sich in Friedenszeiten ab, so daß der Hunger als Magenuhr nicht in Betracht kam. Ueberdies hat der Kaufmann seinen Hund während der Geschäftszeit bis 5 Uhr reichlich gefüttert, damit ihn nicht etwa die Erwartung auf das Essen in der Wohnung veranlasse, seinen Herrn zum Aufbruch aufzufordern.

Bekannt ist es auch, daß gefangene Zugvögel in der Nacht, wo ihre Artgenossen nach dem Süden gezogen sind, höchst unruhig im Käfig umherflattern.

Bei der Jagd ist es eine allbekannte Erscheinung, daß z. B. ein Rehbock auf die Minute aus dem Walde tritt, um sich auf das Feld zu begeben, wo er fressen will. Ebenso zeigen sich die Schnepfen im März fast um dieselbe Zeit, gewöhnlich dann, wenn die Glocken geläutet werden.

Ein aufmerksamer Tierbeobachter kann oft wahrnehmen, daß Hunde sich um dieselbe Zeit treffen, um gemeinsam zu spielen oder zu jagen.

[9]. Der Ortssinn der Tiere.

Ebenso rätselhaft wie der Zeitsinn der Tiere ist ihr Ortssinn. Gerade bei Hunden muß man oft über ihn staunen.

Wir kennen alle die Geschichte von dem Peter in der Fremde. Er hat es endlich durchgesetzt, daß er auf Reisen gehen darf. Jetzt aber kommt er an einen Kreuzweg, und niemand ist da, der ihn zurechtweist.

Man sollte meinen, daß die Tiere erst recht in Verlegenheit wären, sobald sie an einen Kreuzweg gelangten. Wir Menschen können uns wenigstens dadurch helfen, daß wir die Straßen benennen und den Häusern Nummern geben. So können wir verhältnismäßig leicht nach Hause finden, indem wir uns die Straße und die Nummer des Hauses merken, wo wir wohnen.

Obwohl der Hund nicht lesen kann, auch wegen seines schwachen Gesichts davon keinen Gebrauch machen könnte, findet er doch die Straße regelmäßig wieder, in der sein Herr wohnt. Auch über das Haus ist er sich gewöhnlich im klaren. Niemals sieht man ihn an einer Straßenecke stehen und sich überlegen, wohin er eigentlich laufen soll, wie es doch unser zweibeiniger Peter getan hat.

Besäßen die Tiere nicht einen hervorragenden Ortssinn, so wäre es ganz ausgeschlossen, daß man das völlige Erblinden von Hunden und Pferden manchmal erst durch einen Zufall merkt. Beim Menschen ist es unmöglich, daß man nicht seine Blindheit merken sollte. Es hat noch niemand aus Versehen einen Gehilfen in Stellung genommen, der, wie sich später herausstellte, blind war. Aber sehr häufig werden Pferde gekauft, die blind sind.

Bei einem unserer Hunde, der vollkommen blind war, habe ich immer wieder darüber staunen müssen, wie leicht er sich in den gewohnten Räumen zurechtfand. Da die Blindheit äußerlich kaum erkennbar war, so merkte kein Besucher sein Leiden, zumal er sich mit großer Geschwindigkeit bewegte.

Auch wir waren uns erst darüber klar geworden, daß er gänzlich blind war, als er eines Tages mit großer Wucht gegen ein Spind, das von seiner Stelle gerückt war, rannte. Da wir uns von dem Hunde nicht trennen wollten, zumal er noch nicht sehr alt war, so haben wir ihn noch etwa zwei Jahre in diesem Zustande behalten. Allerdings haben wir während dieser Zeit die Möbel an ihrer Stelle stehen lassen müssen, denn bei jeder Ortsveränderung rannte das Tier dagegen. Er wußte es ganz genau, daß die Treppe acht Stufen hatte, denn er lief sie fabelhaft rasch hinauf. Nur in der letzten Zeit seines Lebens hat er sich geirrt und sprang häufig, wenn er bereits oben war, nochmals in die Luft. Er glaubte also, es käme noch eine Stufe.

Es ist unzählige Male vorgekommen, daß neu gekaufte Hunde ausrücken und zu ihrem alten Herrn laufen. So kaufte ein Bekannter von mir, der am Melchiorplatz wohnte, von einem Freunde in Pankow einen jungen Dackel und fuhr mit dem Tiere in einem Stadtbahnzuge nach Hause. Ich habe den kleinen Burschen, der sehr ängstlich zu sein schien, mehrere Male gesehen. Nach einiger Zeit schien sich der Dachshund mit seiner neuen Herrschaft, sehr tierfreundlichen Personen, ausgesöhnt zu haben. Eines Tages war er dem Mädchen, das ihn auf dem Platze an der Leine führte, entwischt und konnte trotz allen Suchens nicht gefunden werden. Nach stundenlangen ergebnislosen Nachforschungen kam mein Bekannter auf den Gedanken, seinen Freund in Pankow von dem Verlust telephonisch in Kenntnis zu setzen. Wie erstaunte er aber, als er hörte, sein Freund wollte ihn soeben telephonisch benachrichtigen, daß der an ihn verkaufte Hund soeben in Pankow eingetroffen sei.

Der Hund war in Pankow geboren und niemals von der Besitzung fortgekommen. In Berlin war er nur an der Leine auf dem Platze spazieren geführt worden. Der Weg von Pankow nach Berlin war im Stadtbahnzuge zurückgelegt worden. Dieses junge, ängstliche Tier hatte also den Mut gehabt, durch das Straßengewirr der Großstadt den Weg nach der Heimat zu suchen. Was uns in Staunen versetzt, ist eben die Fähigkeit, ohne Kompaß und ohne Karte den richtigen Weg zu finden.

Auf den Ortssinn der Tiere kommen wir noch an anderen Stellen zu sprechen. Der Haß des Hundes gegen die Katze wird besser da erörtert werden, wenn wir uns mit unserer Mieze beschäftigen.

[10]. Das Apportieren (Herbringen von Gegenständen) des Hundes.

Peter ist, wie wir sahen, ein Freund vom Apportieren. Es ist allgemein bekannt, daß die meisten Hunde gern apportieren. Für den Jäger ist diese Eigenschaft von der größten Wichtigkeit. Was nützte es ihm, daß er eine Ente geschossen hat, die im Wasser umhertreibt, wenn sich nicht sein Hektor freudig in die Fluten stürzte und sie herbeibrächte?

Auf das willige Apportieren des Hundes wird demnach von vielen Hundebesitzern mit Recht ein bedeutender Wert gelegt. Häufig kann man sie mit großem Selbstbewußtsein äußern hören: Meinem Hunde habe ich das Apportieren gründlich beigebracht.

Diese Ansicht ist nicht ganz richtig. Der Mensch liebt es, seine Leistungen zu überschätzen.

Hinge es ganz allein von uns ab, den Tieren das Apportieren beizubringen, so müßte es uns auch bei den anderen Haustieren glücken. In Wahrheit ist es schon sehr schwer, einer Katze das Apportieren zu lehren, und apportierende Kühe und Ziegen hat wohl noch niemand gesehen, obwohl Ziegen recht kluge Tiere sind.

Die Behauptung, die man allgemein hört, daß das Apportieren des Hundes ein Werk des Menschen sei, dürfte also nicht zutreffend sein.

Ein scheinbarer Grund spricht für diese Ansicht, indem man darauf hinweist, daß es widersinnig sei, wenn ein freilebendes Tier etwas schleppe, was zum Genusse eines anderen Geschöpfes bestimmt sei.

In Wirklichkeit kommt dergleichen sehr oft vor, denn auch im Tierreiche ist die Mutterliebe unendlich opferwillig. Alle Tiermütter und viele Tierväter schleppen ihren Jungen, die ihnen zu folgen nicht imstande sind, die Nahrung nach dem Lager oder Neste. Bei den Vögeln werden die im Neste hockenden Jungen von früh bis spät von den Eltern gefüttert, die den Kleinen unermüdlich passende Nahrung zutragen. Das hat gewiß schon jeder einmal beobachten können. Im Gegensatz zu den Vögeln sind es bei den Raubtieren gewöhnlich die Mütter allein, die das Heranschleppen der Beute besorgen. Alle diese Tiere apportieren also bereits in der Freiheit, da sie verzehrbare Gegenstände, die ihnen selbst gut schmecken würden, für andere tragen.

Hunden und Katzen als früheren Raubtieren liegt das Apportieren schon im Blute. Mancher junge Hund von drei Monaten nimmt bereits ein Stück Holz ins Maul und rennt damit herum. Das täte eine Katze niemals. Gewiß kann man unsere Mieze, wenn man sie sehr lobt, falls sie eine gefangene Maus bringt, dazu veranlassen, daß sie von jetzt an jede Maus, die sie erbeutet hat, ihrer Herrschaft erst zeigt, bevor sie diese verzehrt. Aber das Apportieren ist bei den Katzen immer eine Ausnahme, während es bei den Hunden die Regel ist.

Warum besteht eine solche Verschiedenheit? Um das zu verstehen, müssen wir uns an das erinnern, was vorhin über die Beine von Hunden und Katzen gesagt wurde. Der Hund hat Renn- und Grabpfoten, aber keine Pranken, wie die Katze.

Der Hund ist also in bezug auf Waffen schlechter gestellt als die Katze. Dafür hat er als Ausgleich ein mächtiges Gebiß, das viel größer ist als das der Katze. Mit seinem großen Rachen kann er natürlich viel leichter apportieren als die Katze.

Hierzu kommt noch die Verschiedenheit der Lebensweise zwischen Wildhunden und Wildkatzen. Wenn der Wolf ein Schaf abgewürgt hat oder der Fuchs eine Gans oder ein Huhn gestohlen hat, so dürfen sie es nicht an Ort und Stelle verzehren, sondern müssen es fortschleppen. Sonst würde ihnen der Hirte mit seinen Hunden, der Jäger mit seinem Gewehr oder der Landmann mit seinem Knüttel auf den Pelz rücken.

Das Tragen im Maule, das doch ohne Frage die Grundlage des Apportierens ist, kommt also bei den hundeartigen Geschöpfen, also Wölfen, Füchsen, Wildhunden alltäglich vor.

Um so seltener ereignet es sich bei der Wildkatze, da sie ihr Opfer unvermutet zu überfallen pflegt. Nur ausnahmsweise braucht sie es fortzuschleppen. Gewöhnlich kann sie ihre Beute an der verborgenen Stelle des Ueberfalls auch verzehren.

Weil den Hunden das Apportieren infolge ihres großen Rachens sehr leicht fällt, so haben bereits manche Wildhunde eine Leidenschaft dafür. In Nordamerika leben zwei Wolfsarten, nämlich der große Waldwolf und der nur fuchsgroße Coyote. Von dem letztgenannten ist es allgemein bekannt, daß er mit Vorliebe leblose Gegenstände im Maule trägt. Den Rinderhirten in diesem Lande, den sogenannten Cowboys, ist diese Erscheinung so bekannt, daß sie sich hierfür eine Erklärung nach ihrem Geschmack zurechtgemacht haben. Sie behaupten, der Coyote trage deshalb gern Sachen im Maule, weil er seine Kiefer stärken wolle.

Ja, die Apportierlust so mancher Wildhundarten kann den Reisenden höchst lästig fallen. In Südamerika lebt eine Fuchsart, der Aguarachay. Die Reisenden, die im Freien übernachten, verwünschen ihn in allen Tonarten. Wenn sie am andern Morgen aufwachen, dann fehlt ihnen ein Schnupftuch, oder ein Zaum, oder ein Steigbügel, oder ähnliche Dinge. Von den Eingeborenen hören sie, daß der Dieb der genannte Fuchs sei. Jeder Zweifel ist deswegen ausgeschlossen, weil zahlreiche bekannte Forscher übereinstimmend das gleiche berichten. Auch ein guter Bekannter von mir, der zehn Jahre in Südamerika gelebt hat, wurde oft von diesem Fuchs bestohlen.

Um ein Haar wurde der berühmte Polarforscher Nansen durch die Apportierlust der Eisfüchse in die größte Verlegenheit gebracht. Wie er in seinem bekannten Werke: »In Nacht und Eis« schildert, wurde ihm zur Nachtzeit von den Eisfüchsen ein Thermometer fortgetragen. Zum Glück besaß er noch ein anderes, sonst hätte die Aufzeichnung der Temperaturmessungen, die für den Polarforscher zu den wichtigsten Dingen gehört, unterbleiben müssen.

Das Tragen von Gegenständen im Maule ist also für alle Hundearten etwas seit Urzeiten Uebliches. Bei den Wildkatzenarten können wir dagegen ähnliches nicht beobachten. Deshalb lernt der Hund das Apportieren spielend leicht, die Katze dagegen schwer. Genau genommen lehrt der Mensch den Hund nicht das Apportieren, sondern der Hund besitzt diesen Trieb, und der Mensch nützt ihn für sich aus.

Damit der Jagdhund seinem Herrn eine Beute, die der Hund selbst gern frißt, also einen Hasen oder ein Kaninchen, willig apportiert, muß er natürlich gut gefüttert werden. Läßt man ihn hungern, so frißt er von dem Nager oder er verscharrt ihn heimlich, um später davon fressen zu können.

Peters Apportierlust ist also, wie wir aus der Lebensweise seiner wilden Verwandten erkennen, nichts Ungewöhnliches. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß man es vermeiden soll, einen Hund Steine apportieren zu lassen, wie es Kinder so gern tun. Zwar hat der Hund, wie wir wissen, ein kräftiges Gebiß, um Knochen zu zermalmen, aber es soll nicht dazu dienen, Steine zu packen. Auch können Steine leicht verschluckt und dadurch das Leben des Tieres schwer gefährdet werden. Wer also seinen Hund lieb hat, läßt ihn keine Steine apportieren.

Aus meiner Kinderzeit ist mir noch ein Bilderbogen in Erinnerung, auf dem geschildert wurde, wie ein Mann sich vor einer schweren Erkältung durch die Apportierlust seines Hundes rettet. Er hat ein erfrischendes Bad genommen und seinen Hund zur Bewachung seiner Kleider zurückgelassen. Als er fröstelnd aus dem Wasser steigt, will ihn sein Hund nicht zu seinen Kleidern lassen, da er seinen Herrn nicht erkennt. Alle Versuche, zu seinen Kleidern zu gelangen, scheitern, bis schließlich dem frierenden Herrn der rettende Gedanke kommt, seinen Hund apportieren zu lassen, was er, wie er weiß, leidenschaftlich gern tut. Während der Hund im Wasser das Stück Holz sucht, kann sich sein Herr anziehen. Kaum steckt er in seinen Kleidern, so erkennt auch der Hund seinen Herrn wieder.

Dieser Fall scheint durchaus glaubhaft zu sein. Das Hundeauge war nicht imstande, seinen Herrn am Gesicht zu erkennen. Aber auch die Nase versagte, da der eigentümliche Geruch durch das Bad verflogen war. Erst als der Herr durch das Anziehen der Kleider wieder seinen dem Hunde bekannten Geruch hat, ist alles in schönster Ordnung.

[11]. Die Bedeutung des Geruchssinnes. Der Eigentumssinn der Hunde.

Die Behauptung, daß ein Hund seiner Nase mehr traut als seinen Augen, wird am überzeugendsten dadurch bewiesen, daß sich zwei Hunde, die sich begegnen, gegenseitig beriechen. So hat es auch Peter mit seinem Artgenossen getan. Würde der Hund ein scharfes Auge besitzen, so wäre dieses Beriechen ganz zwecklos. Der Mensch, der sich in erster Linie nach den Augen richtet, also ein Augentier wie die Affen und die Vögel ist, richtet sich erst dann nach dem Geruch, wenn seine Augen ihn im Stich lassen. Weiß ich beispielsweise nicht, ob eine Flasche, die mit einer hellen Flüssigkeit gefüllt ist, Essig oder Petroleum oder Spiritus enthält, so rieche ich daran. Mit den Augen allein kann ich das nicht entscheiden. So sehen wir, daß in der Apotheke der Provisor alle Augenblicke an den Flaschen riecht, weil hier nur die Nase Bescheid geben kann, woraus der Inhalt besteht. Auch für den Koch und den Parfümhändler ist es sehr wichtig, eine gute Nase zu haben.

Wir sagen gewöhnlich, daß der Geruch zu den niederen Sinnen gehöre. Ganz richtig dürfte das nicht sein. Wer seine Wohnung betritt, ohne zu riechen, daß der Gashahn aus Versehen geöffnet geblieben ist, kann leicht ums Leben kommen. Ebenso sitzt unsere Nase deshalb oberhalb des Mundes, damit wir die Speisen, die wir zu uns nehmen, vorher durch den Geruch prüfen. Viele Menschen sind schon deshalb erkrankt, weil sie verdorbene Speisen genossen haben. Hätten sie vorher ihre Nase gebraucht, so wären sie vor diesem Schaden bewahrt geblieben.

Naturvölker und Jäger werden ganz entschieden bestreiten, daß der Geruch zu den niederen Sinnen gehöre. Sie erleben jeden Tag, welche Bedeutung der Geruchsinn ihres Hundes für sie hat. Der Jäger will Enten schießen. Ob welche im Schilfe des Sees stecken, können wir mit unsern Augen nicht feststellen. Aber der Hund mit seiner Nase kann es sofort. Ebenso zeigt er uns, ob ein Fuchs- oder Dachsbau bewohnt ist oder nicht, wo die Hühner im Kartoffelkraut stecken, wohin der Hase, der Hirsch, das Reh geflüchtet ist.

Hat sich der Hase mit seinem braunen Fell auf dem Acker in einer Sasse, d. h. ausgehöhlten Stelle geduckt, was er mit Vorliebe tut, so ist er für unsere Augen unsichtbar. Wir sagen dann, er sei durch seine »Schutzfarbe« gerettet. Denn da die Färbung seines Leibes mit seiner Umgebung verschwimmt, so ist er durch die Farbe geschützt. Für den Hund gibt es keine Schutzfarbe. Mag der Hase noch so ähnlich wie seine Umgebung aussehen, so hat er doch eine andere Ausdünstung. Und diese Ausdünstung wird von der feinen Nase des Hundes wahrgenommen, und Freund Hase ist entdeckt.

So würde ein Hund nie unsere Märchen verstehen, wonach Kinder im Walde ausgesetzt werden und nicht wieder nach Hause finden. Wollte ihn jemand aussetzen, so würde er einfach die Nase auf die Erde setzen und denselben Weg zurücklaufen.

So ließe sich noch vieles anführen, woraus hervorgeht, daß der Geruch ein ungeheuer wichtiger Sinn ist. Vorläufig wollen wir es genug sein lassen. Wir werden nochmals darauf zurückkommen, wenn wir von den Polizeihunden und ihren Leistungen sprechen.

Peter hat, wie wir sahen, bei dem Terrier, mit dem er sich beroch, geknurrt und die Zähne gezeigt. Vor der großen Dogge dagegen ist er mit eingeklemmtem Schwanz geflüchtet.

Es würden sich noch vielmehr Menschen Hunde halten, wenn nicht die gegenseitige Beißerei üblich wäre. Und zwar kann man beobachten, daß die gleichen Geschlechter am meisten zum Beißen geneigt sind. Ein männlicher Hund oder Rüde wird gern mit einem andern Rüden kämpfen, aber einer Hündin wird er nichts tun, vielmehr sich bei ihr einzuschmeicheln suchen.

Wie bei den Menschen, so haben auch die Säugetiere verschiedene Geschlechter. Peter ist ein Männchen, also ein Rüde. Der Terrier, den er traf, war ebenfalls ein Rüde. Beide waren nicht abgeneigt, sich das Fell gegenseitig zu zerzausen.

Der Grund der Kampflust liegt darin, daß bei den Wildhundarten der stärkste Hund das Rudel als unbedingter Selbstherrscher leitet. Ein Auflehnen gegen seine Herrschaft gibt es nicht.

Wer der stärkste im Rudel ist, kann sich immer erst durch eine Beißerei feststellen lassen. Jeder Hund ist also bereit, dem andern zu zeigen, daß er zum Herrn, sein Gegner zum Diener berufen ist.

Bei den halbwilden Eskimohunden ist noch heute die Alleinherrschaft des stärksten Hundes im Rudel, der Baas genannt wird, üblich. Altert der Baas, so verliert er die Leitung und ein jüngerer Hund, der der kräftigste des Rudels ist, tritt an seine Stelle.

Da sich gewöhnlich nur Hunde von gleichem Geschlecht beißen, so haben Gastwirte gewöhnlich Hündinnen. Denn die Gäste halten sich regelmäßig Rüden, weil die Hündin viel Umstände verursacht, namentlich dann, wenn sie Junge hat.

Ein Glück ist es, daß große Hunde gewöhnlich das Gekläff kleiner Köter unbeachtet lassen. Aber es kommen auch Ausnahmen vor. So hat Peter schon seit Wochen durch sein andauerndes Anbellen und Herausfordern den Zorn der großen Dogge erregt. Vor ihr flüchtet er mit eingeklemmtem Schwanze.

Dieses Sinkenlassen des Schwanzes dürfte eine Eigentümlichkeit aller Hundearten sein. Von den Eskimohunden her wissen wir auch den Grund dafür. Kein Hund des Rudels darf an dem Baas, dem Leiter, vorübergehen, ohne den Schwanz sinken zu lassen. Tut er es nicht, so wird er durch Bisse gestraft.

Das Sinken des Schwanzes bei Peter ist also ein deutliches Zeichen seiner Furcht.

Trotzdem dreht er sich herum gegen seinen Feind, sobald er in dem Bereiche des Kellers ist. Denn hier macht sich sein Eigentumssinn geltend.

Von allen unseren Haustieren hat eigentlich nur der Hund wirklichen Eigentumssinn. Ein Pferd läßt sich von einem fremden Menschen stehlen, ohne sich im geringsten dagegen zu wehren.

Warum besitzt der Hund Eigentumssinn?

Wir müssen wieder bei den wilden Verwandten fragen.

Es ist klar, daß sich ein solcher Sinn bei Pflanzenfressern schwerlich entwickeln wird. Denn ein Streiten um den einzelnen Bissen findet bei ihnen nicht statt, weshalb manchmal verschiedene Tierarten friedlich nebeneinander weiden. Am bekanntesten ist das Zusammenweiden von Zebras, Gnus und Straußen in Afrika.

Wildhunde dagegen, die ein größeres Tier, einen Hirsch oder eine Antilope, erbeutet haben, kämpfen um jeden Bissen. Hieraus erklärt sich auch das für uns widerwärtige Fressen des Hundes von Erbrochenem.

Würde bei der gemeinsamen Mahlzeit ein Hund nicht schlingen, so bekäme er so gut wie gar nichts. Um recht viel zu erhalten, preßt er so viel in den Magen hinein, wie nur möglich ist. Nachher geht er abseits und gibt das Gefressene von sich. Denn alle Hundeartigen haben ihren Magen sehr in der Gewalt, weshalb es so schwer ist, Wölfe oder Füchse zu vergiften.

Weil also Wildhunde gewöhnlich jeden erhaschten Bissen verteidigen müssen, deshalb haben Hunde einen sehr ausgeprägten Eigentumssinn.

Hierzu kommt noch folgendes. Jedes Rudel bewohnt einen bestimmten Bezirk und behandelt jeden Fremden, der ihn betritt, als Feind. Auch heute noch halten die verwilderten Hunde in den türkischen Städten an bestimmten Straßen und Gassen fest. Jedes Rudel überfällt einen nicht zu ihnen gehörigen Hund und zerreißt ihn, wenn er nicht rechtzeitig flüchtet.

Jagdhunde sind gewöhnlich wenig bissig. Wenn aber ein Fremder einen von einem Jagdhunde erbeuteten Rehbock oder Hasen berühren will, dann kann er etwas erleben. Denn selbst der gutmütigste Hund wird dann gefährlich.

Es entspricht also ganz dem ausgesprochenen Eigentumssinn des Hundes, daß Peter kehrt macht gegen seinen Verfolger. Auch der Verfolger achtet das fremde Eigentum in gewissem Sinne. In Dörfern kann man das alltäglich erleben. Ein Bauer hat einen Hund, der auf der Straße jeden andern Hund anrempelt; dasselbe Tier ist sehr gesittet, wenn es der Bauer auf ein fremdes Gehöft mitnimmt. Es läßt sich auch dort von einem kleinen Köter anblaffen, der solches niemals auf der Straße wagen würde.

Kommt es zu einer wirklichen Beißerei zwischen zwei großen Hunden, so ist jedes Prügeln gewöhnlich aussichtslos und obendrein sehr gefährlich. Die Hunde sind in ihrer Wut fast gefühllos und beißen selbst ihren eigenen Herrn, wodurch schon mancher um einen Finger gekommen ist.

Nur die Nase, das empfindlichste Organ des Nasentieres, bietet auch hier Angriffspunkte. Alle Nasentiere, also Füchse, Dachse und andere, können durch einen starken Hieb über die Nase getötet werden. Handelt es sich nicht um einen Hund, dessen Nase sehr wertvoll ist, also einen Jagdhund, so kann man die Empfindlichkeit der Hundenase als Mittel zum Auseinanderbringen verbissener Hunde benutzen. In Fachzeitschriften ist wiederholentlich davon berichtet worden, daß bei Hunden, die durchaus unempfindlich schienen, das Bestreuen der Nase mit Schnupftabak oder das Vorhalten einer brennenden Zigarre die sofortige Lösung der Tiere zur Folge gehabt hat.

[12]. Soll man sich in der Großstadt einen Hund halten? Die Stubenreinheit des Hundes.

Wir haben unsern Peter nur kurze Zeit beobachtet und dabei gesehen, daß er in den wenigen Stunden empfindlichen Menschen recht lästig fallen konnte. Nervösen Personen ist bereits das Hundegebell etwas, was ihnen auf die Nerven fällt. Aber selbst gesunden Personen ist es durchaus nicht angenehm, wenn sie beim Radfahren ein Hund verfolgt. Manche steigen sogar ab, weil sie bei den unberechenbaren Bewegungen des Tieres einen Sturz befürchten.

Das Gebissenwerden durch Hunde kommt wohl im großen ganzen nicht so häufig vor, wie man annehmen sollte. In den Großstädten pflegt der Maulkorbzwang diese Gefahr sehr herabzumindern. Uebrigens ist der Maulkorb nur ein unvollkommenes Abwehrmittel. Man ersieht es daran, daß er beißlustige Hunde nicht hindert, anderen Hunden Wunden beizubringen.

Andere, verhältnismäßig selten auftretende Gefahren, beispielsweise durch Tollwut, sollen später noch besprochen werden.

Bisher ist noch unerwähnt geblieben, daß ein Tier, das Speise und Trank zu sich nimmt, natürlich auch Ausscheidungen von sich geben muß. Bei dem Hunde treten diese Entleerungen in besonders unangenehmer Form auf. Er beschmutzt die Ecken von Häusern und überhaupt alle Vorsprünge beim Nässen, während er seine festen Ausscheidungen, die sogen. »Losung«, mit Vorliebe auf dem Bürgersteig absetzt. Es scheint ihm keinen Augenblick Sorge zu machen, daß dabei die Stiefelsohlen der Vorübergehenden mit seiner Losung Bekanntschaft machen können.

Ein Lichtblick hierbei ist es, daß der Hund wenigstens in der Wohnung stubenrein ist oder, wie es allgemein heißt, stubenrein gemacht wird. Darauf werden wir noch näher zu sprechen kommen.

Was veranlaßt nun den Hund zu dieser Handlungsweise, die anscheinend jeder Sitte und Scham Hohn spricht?

Auch hier müssen wir wieder die Lebensweise der wilden Verwandten um Rat fragen. Von den Wölfen und Füchsen wissen wir es mit Bestimmtheit, daß sie wie unsere Hunde an den Ecken und an vorspringenden Punkten nässen.

Versetzen wir uns in die Lage eines Nasentieres, so erkennen wir, daß hierdurch die Natur in höchst einfacher Form einen Nachrichtendienst in der Tierwelt, eine sogenannte »Post«, eingerichtet hat. Kommt ein Wolf in ein fremdes Gebiet, so braucht er nur die vorspringenden Punkte und Ecken zu beriechen und weiß dann sofort, ob hier Artgenossen hausen oder nicht. Am bequemsten kann er das riechen, wenn in der Höhe seiner Nase genäßt ist.

Damit sie stets die erforderliche Flüssigkeit haben, besitzen die Hundeartigen nur sehr wenig Schweißdrüsen. Jeder hat wohl schon beobachtet, daß die Hunde, wie der Volksmund sagt, an der heraushängenden Zunge schwitzen, aber nicht am Körper. Der von der Zunge herabfließende Speichel soll ohne Frage die lange Zunge und damit mittelbar den ganzen Körper abkühlen.

Seine Losung verscharrt der Wolf regelmäßig. Denn bei den Raubtieren hat sie einen so starken Geruch, daß alle Pflanzenfresser, Hirsche, Rehe, Hasen usw. das Gebiet verlassen würden, wo sie die Anwesenheit ihres Feindes durch diesen Umstand wahrgenommen hätten.

Auch unser Hund pflegt sich an dieses frühere Verscharren häufig zu erinnern. Denn man sieht nicht selten, daß er nach der Beendigung des Vorgangs mit den Hinterbeinen scharrt, obwohl das bei dem festen Steinpflaster vollkommen wirkungslos ist. Manche Leute behaupten, daß der Hund sich dadurch die Beine reinigen wolle. Das ist ganz ausgeschlossen, denn im Sande vergräbt er seine Losung auch heute noch, wie es ja auch die Katze tut.

Zu der Zeit, wo der Hund die Aufmerksamkeit einer Hündin erregen will, liegen ihm Räubergedanken fern. Dann vergräbt er die Losung nicht, sondern setzt sie ausgerechnet auf einen Stein oder sonst in einer solchen Höhe, daß sie mit der Nase der Hündin in gleicher Linie ist.

Zum Glück können die Ausscheidungen der Hunde nicht Träger von Krankheiten sein. Niemals hat man etwas davon gehört, daß dadurch Seuchen entstanden sind. Vielmehr behandelte man die Losung im Altertum als Arzneimittel. Auch heute spielt sie bei der Handschuhfabrikation eine große Rolle.

Zuungunsten des Hundes spricht also sehr viel. Man kann es den Hundefeinden nicht verargen, wenn sie darauf dringen, daß Hunde in der Stadt überhaupt nicht gehalten werden dürfen.

Was läßt sich dagegen zugunsten des Hundes geltend machen?

Da gerade bei uns der Stimme des Auslandes eine übermäßige Bedeutung beigemessen wird, so sollte es doch den Hundefeinden zu denken geben, daß man in anderen Kulturstaaten von solcher übertriebenen Gegnerschaft kaum etwas weiß.

Hiervon abgesehen sprechen für den Hund folgende Umstände:

1. Die Verhinderung von Einbrüchen, ja von schweren Verbrechen dürfte alljährlich einen ziemlich hohen Geldbetrag ausmachen und manchem Menschen die Gesundheit, ja das Leben bewahrt haben.

2. Die Rettung von Personen durch Hunde, z. B. von Kindern, die ins Wasser gefallen waren, dürfte erheblich die Zahl der Menschenleben übersteigen, die durch Hunde verloren gegangen sind.

3. Die Leistungen als Blindenführer – von den Polizeihunden sei ganz abgesehen – zwingt uns zu einer solchen Hochachtung, daß man darüber viele Unbequemlichkeiten, die ihre Haltung mit sich bringt, übersehen muß.

4. Der Mensch lebt nicht bloß vom Brot allein. Die Kinder in der Großstadt wachsen in einem steinernen Meer auf, ohne von den Schönheiten der Natur, die das Landleben in sich birgt, etwas zu erfahren. Sie kennen die Freude nicht, wenn die Störche zurückkehren, die Schwalben eintreffen, der erste Kuckucksruf erschallt und tausend andere Dinge, deren Aufzählung zu weit führen dürfte. Und gerade das kindliche Herz hat an den Tieren die größte Freude, weil die Kinder sich unbewußt mit ihnen nahestehend fühlen. Wie oft habe ich es erlebt, daß Großstadtkinder, die sich sonst schrecklich langweilten, stundenlang mit einem Hunde, den ein Verwandter mitgebracht hatte, spielten, ja schließlich nicht in das Bett gehen wollten, weil sie sich nicht von ihm trennen konnten. Nein, diese Freude den Großstadtkindern zu rauben, brächte ich nicht übers Herz, selbst wenn der Hund noch einige Fehler mehr besäße.

5. Selbst im Interesse der Wissenschaft müßte man die Verbannung der Hunde aus der Stadt beklagen. Wer würde es von den Städtern noch zugeben, daß der Hund ein Nasentier und nicht, wie der Mensch, ein Augentier sei, wenn er nicht täglich sähe, wie der Hund sich mit andern Hunden beröche und überall an der Erde und an den Ecken seine Nase tätig sein ließe?

Trotzdem sich also mancherlei zugunsten der Haltung eines Hundes in der Stadt sagen läßt, so wird doch jeder wirkliche Tierfreund nur unter besonderen Umständen einen Hund in der Großstadt halten. Es sind nicht bloß die Belästigungen der Mitmenschen, die er vermeiden will, sondern er verzichtet darauf, einen Hund zu halten, weil er ihm nicht die Behandlung bieten kann, die das Tier braucht.

Als Hetzraubtier ist der Hund an Bewegung gewöhnt, weshalb er vor Freude hochspringt, wenn sein Herr mit ihm ausgehen will. In der Großstadt soll man nur Hunde halten, die wenig Auslauf brauchen wie unsern krummbeinigen Dachshund. Einen Windhund an der Leine herumzuführen, wie man nicht selten sehen muß, kann fast als Tierquälerei bezeichnet werden. Denn ein Geschöpf, das zu den schnellsten Säugetieren gerechnet werden kann und das in der Freiheit gewiß täglich ein paar deutsche Meilen zurücklegen würde, soll man nicht auf ein paar Schritte beschränken.

Ueber die vorhin erwähnte Stubenreinheit der Hunde wäre noch folgendes zu bemerken.

Ich entsinne mich noch aus meiner Kindheit, wie mein Vater uns zeigte, auf welche Weise ein junger Hund stubenrein gemacht wird. Er wurde mit der Nase in den von ihm gemachten Pfuhl ordentlich gestukt, bekam dann auf die Rückseite ein paar Klapse und wurde mit einem »Schämst du dich denn gar nicht« zur Türe hinausbefördert. Da ein solches Verfahren fast immer den gewünschten Erfolg hatte, so zweifelte ich keinen Augenblick daran, daß der Hund durch die Ermahnung und die Schläge ein gewisses Verständnis für das Verwerfliche seines Treibens bekam und sich besserte.

Später, als ich Affen genau studierte, sah ich zu meinem Erstaunen, daß der Affe, trotz seiner Klugheit, für Stubenreinheit nicht das mindeste Entgegenkommen zeigte. Ich habe unzählige zahme Affen kennengelernt, aber keinen einzigen, der stubenrein ist. Weder Prügel noch Scheltworte richten bei ihnen das geringste aus.

Hieraus geht klar hervor, daß der Mensch nicht den Hund stubenrein macht, sondern, wie beim Apportieren, einen im Hunde liegenden Urtrieb zur Entwicklung bringt.

So ist es auch in der Tat. Der Hund ist, wie seine Verwandten Wolf und Fuchs, früher ein Höhlenbewohner gewesen. Die Hundehütte ist ja weiter nichts als ein Ersatz für die frühere Höhle. Wir wissen nun vom Dachs, Hamster und andern Höhlenbewohnern, daß sie für ihre Entleerungen ein besonderes Abteil, eine Art Klosett, besitzen. Sie wissen aus Instinkt – was das ist, soll später erörtert werden –, daß sie ihre Höhle mit ihrem Unrat verpesten würden, wenn sie diese Vorsicht nicht beachteten.

Der Hund hat also von Hause aus den Trieb, seine Höhle nicht zu verunreinigen. Das sieht man am besten daraus, daß er sein Lager nicht verunreinigt, wenn man ihn daran festbindet.

Der Affe, der auf Bäumen lebt, kann kein Lager verpesten, und deshalb hat er für Stubenreinheit kein Verständnis.

[13]. Das Grasfressen der Hunde. Schämen sich manche Hunde?

Da sich die Lebensweise des Hundes besser auf dem Lande als in der Großstadt beobachten läßt, so nehmen wir die Einladung eines Bekannten an, der ein großer Tierfreund ist und mehrere Hunde auf seinem Grundstück hält. Unterwegs fällt uns ein Hund auf, der mit Grasfressen beschäftigt ist.

Dieses Grasfressen eines Fleischfressers hat seit alter Zeit die Aufmerksamkeit der Menschen erregt und die verschiedenartigste Deutung gefunden.

Wir beobachten jetzt an dem Hunde, daß er sich übergeben muß, wobei etwas Schleim zu Tage tritt.

Da für den Landbewohner dieser Vorgang eine alltägliche Erscheinung ist, so erklärt sich hieraus die Redensart: Es bekommt einem, wie dem Hunde das Gras, nämlich übel.

Man glaubte also, daß der Hund als unvernünftiges Tier so wenig wisse, was ihm eigentlich gut tue, daß er aus reiner Dummheit das Gras fresse. Weil er vom Grase keine Speise oder Stärke erhält, da es wider seine Natur ist, so ist die Folge eben die Uebelkeit.

Nur ein oberflächlicher Tierbeobachter kann diesen Standpunkt einnehmen. Denn in Wirklichkeit ist es doch höchst wunderbar, daß die Tiere ohne Belehrung wissen, was ihnen gut tut, und schädliche Dinge meiden.

Das Grasfressen soll ferner folgende Gründe haben. Der Hund merkt, daß er Würmer hat. Um diese zu töten, frißt er scharfkantige Gräser, damit sie in seinem Leibe die Bösewichter zerschneiden.

Da viele Würmer durch Zerschneiden gar nicht getötet werden, so ist diese Annahme grundfalsch, wobei noch davon abgesehen werden soll, daß das verschlungene Gras gewiß zu dem erwähnten Zwecke ganz untauglich wäre.

Manche halten das Grasfressen für eine bloße Spielerei. Dem kann ich mich nicht anschließen, nachdem ich folgendes beobachtet habe.

Ein Hund hatte beim Apportieren von Korken ein kleines Bröckchen verschluckt. So sehr er bei größeren Stücken seinen Magen in der Gewalt hat, so suchte er vergeblich durch Erbrechen das Korkstückchen wieder von sich zu geben. Da der Hund hinaus in den Garten wollte, so kamen wir seinem Wunsche nach. Er fing sofort an Gras zu kauen und nach kurzer Zeit trat die erwünschte Wirkung ein. Hiernach muß ich das Grasfressen – wenigstens in manchen Fällen – für ein Brechmittel bei Magenverstimmungen halten.

Daß die Hunde sich auf dem Lande so viel wohler befinden als in der Stadt, führe ich zum Teil auf diesen Umstand zurück, daß der Hund in ländlichen Verhältnissen bessere Gelegenheit hat, seine natürlichen Heilmittel zu benutzen.

Wir begrüßen unseren Bekannten, Herrn Böhm, der mit seinem Pudel bereits am Eingange steht, und werden natürlich von dem Hunde, dem wir nicht bekannt sind, angeblafft.

Als Wachhunde sind Pudel gewöhnlich ebensowenig zu gebrauchen wie Jagdhunde. Mit Recht hat man vom Pudel gesagt, daß jemand seinen Herrn morden könne, ohne daß ihm der Pudel beistände. Auch der Jagdhund steht seinem Herrn nicht immer bei.

Dieses Verhalten so kluger Tiere dürfte darauf zurückzuführen sein, daß der Pudel ein zu großer Menschenfreund ist, um überhaupt Menschen zu beißen. Dem Jagdhunde steckt sein Wild so im Kopfe, daß ihm andere Menschen, wenn sie nicht auf Jagd gehen, gleichgültig sind.

Dagegen ist der Pudel ausgezeichnet zu allerlei Kunststücken geeignet, und da solche Kunststücke beim Volke sehr beliebt sind, so ist auch der Pudel ein sehr geschätzter Hund.

Mit der größten Bereitwilligkeit ist auch unser »Karo«, wie der Pudel heißt, bereit, zu zeigen was er kann. Kaum haben wir seinem Herrn gegenüber den Wunsch geäußert, einige Glanzleistungen von Karo zu sehen, so erhalten wir eine richtige Vorstellung. Erst werden die einfachen Sachen vorgeführt: Hinsetzen, Schönmachen, die Pfote geben, auf den Hinterbeinen gehen. Dann kommen die schwierigeren Sachen: über Stock und Stühle springen und tanzen. Dazwischen muß Karo zeigen, wie der Hund spricht und beweisen, daß er rechts und links unterscheiden kann. Nur einen Happen, den er von der rechten Hand seines Herrn bekommt, nimmt er, sonst läßt er ihn ganz unberücksichtigt.

Um Karo als Schwimmer und Taucher zu bewundern, gehen wir nach dem nahegelegenen See. Der Pudel schwimmt vortrefflich, fast wie eine Ente, und apportiert mit unglaublicher Ausdauer. Wenn er aus dem Wasser kommt, muß man sich natürlich vorsehen, daß man nicht beim Ausschütteln des Felles naß wird. Dieses Schütteln der Haut können wir ihm nicht nachmachen, da die unsrige nicht so beweglich ist. Wie groß die Beweglichkeit der Hundehaut ist, ersehen wir deutlich, wenn wir einen Hund am Nacken hochheben.

Karo ist ein Rüde und etwa 1½ Jahre alt. Wie Herr Böhm erzählt, hat er ihn erst seit einigen Monaten. Er ist durch einen Zufall zu ihm gekommen, da sein bisheriger Herr plötzlich verstorben war, und ihm der Hund zu einem Spottpreis angeboten wurde. Die erste Zeit sei das Tier allerdings sehr traurig gewesen und habe wenig Nahrung zu sich genommen. Jetzt aber habe er sich in die neuen Verhältnisse eingewöhnt und fühle sich augenscheinlich sehr wohl.

Es ist eigentlich recht wunderbar, daß fast alle Tiere ohne Unterricht schwimmen können. Wie lange braucht der Mensch, um ordentlich schwimmen zu können? Mancher lernt es überhaupt niemals.

Auch hier wollen wir uns bei den wilden Verwandten erkundigen, wie es mit ihrer Schwimmkunst steht.

Die Wildhundarten als Raubtiere müssen natürlich schwimmen können, denn sonst würden die Pflanzenfresser, die sie verfolgen, sich jedesmal dadurch retten, daß sie in das Wasser flüchten. Wölfe schwimmen nicht nur gut, sondern scheinen auch gern in das Wasser zu gehen. Der Fuchs kann ebenfalls schwimmen, aber man wird nicht behaupten können, daß er gern ins Wasser geht. In Jagdrevieren kann man beobachten, daß er lieber einen Umweg macht und über einen Steg geht, als daß er den Graben durchschwimmt.

Oft hat Herr Böhm gesagt, wenn der Pudel etwas falsch machte: »Aber Karo, schämst du dich gar nicht?« Wir kommen darauf zu sprechen, ob der Hund ein wirkliches Gefühl für »sich schämen« besitzt? Ich bezweifle es sehr stark, denn ich nehme an, daß der Hund aus dem Tone der Sprache heraushört, daß der Herr böse ist, und daß ihm etwas Aergerliches in Aussicht steht. Ich glaube also, daß diese allgemein übliche Redensart eine Vermenschlichung ist, die beim Tier nicht recht paßt. Zu einem sonst braven Knaben, der eine Dummheit begangen hat, können wir mit Recht sagen: Schämst du dich nicht? Wir rufen sein Ehrgefühl an und verzichten deshalb auf eine Bestrafung. Beim Tiere aber, selbst wenn es ein kluger Pudel wäre, ein solches Ehrgefühl anzunehmen, scheint mir unbegründet zu sein. Bei jeder Erklärung muß man zunächst versuchen, mit einer möglichst einfachen auszukommen.

Mein Bekannter macht hiergegen geltend, daß ein feinfühliger Hund oft, wenn er gescholten sei, seinen Herrn links liegen lasse, also gewissermaßen schneide. Diesen Einwand habe ich schon oft gehört. Dieses Benehmen ist wohl aber mehr auf Eitelkeit als auf Ehrgefühl zurückzuführen. Ein Knabe schämt sich bei der Ermahnung seines Lehrers, weil er sich im stillen sagt: Wenn ich mich ordentlich angestrengt hätte, würde ich das aufgegebene Gedicht fließend aufsagen können. Bei einem Hunde kann man aber einen solchen Gedankengang nicht annehmen.

[14]. Das Laufen gegen den Wind. Warum ist die Hundenase kühl und feucht? Warum gibt es bei den Hunden Steh-, Kipp- und Hängeohren? Die Wichtigkeit des Gehörs.

Während unserer Unterhaltung hat Karo einen kleinen Privatbummel gemacht. Wir sehen an dem Rauche der Zigarren, daß der Wind aus Südwesten kommt und können feststellen, daß der Hund gegen die Windrichtung gelaufen ist. Jeder Hund, der nicht besondere Ziele verfolgt, wird bei freier Wahl die Richtung gegen den Wind bevorzugen. Das liegt allen Raubtieren im Blut. Wie Hunde und Katzen ihre Ausscheidungen verscharren, damit sie nicht von den Pflanzenfressern gewittert werden, so laufen sie aus demselben Grunde gegen den Wind. Denn ein Hirsch oder Reh mit ihren feinen Nasen würden einen Wolf schon aus sehr weiter Entfernung wittern, wenn er nicht diese Vorsichtsmaßregel gebrauchte. Der Wind trägt bekanntlich alle Düfte sehr weit. Vor vielen Jahren wohnten wir fast zwei Kilometer weit von einer chemischen Fabrik. Wehte der Wind von der Fabrik zu uns, so war es nicht zum Aushalten, während man sonst nichts davon bemerkte.

Karo, der schwarze Pudel, hat auch eine kühle und feuchte Nase. Man nimmt, und wohl mit Recht, an, daß das ein Zeichen von Gesundheit des Hundes ist. Denn ein kranker Hund pflegt eine trockene und warme Nase zu haben. Woher kommt das?

Auch in diesem Falle sieht man wiederum, daß der Hund ein Nasentier ist. Einmal ist die Nase bei den Geschöpfen, bei denen sie die Hauptrolle spielt, sehr empfindlich, wie bereits erwähnt wurde. Wenn wir Menschen einen Schlag auf die Nase bekommen, dann blutet sie wohl, aber wir empfinden keinen uns betäubenden Schmerz. Ganz anders liegt die Sache bei einem Schlag ins Auge. Dann sehen wir ordentliche Feuergarben aufblitzen. Denn bei uns ist das Auge das wichtigste Organ, weshalb wir eine uns ans Herz gewachsene Sache wie einen »Augapfel« hüten. Also die Nase ist der wichtigste Sinn des Hundes, und als solche muß sie feucht sein aus folgenden Gründen.

Nehmen wir an, wir betreten nach einem Gewitterregen unseren Garten. Dann empfinden selbst unsere stumpfen Nasen, daß alles doppelt so stark riecht. Feuchtigkeit unterstützt das Riechvermögen, wie jeder Jäger weiß. An heißen, trockenen Augusttagen finden die Jagdhunde manchmal keine Hühner, obwohl solche vorhanden sind. Die trockene Wärme und die trockene Kälte lassen die Hundenasen viel weniger leisten als sonst.

Damit die Hundenase gut wittert, muß sie also feucht sein. Um feucht zu bleiben, muß sie kühl sein.

Da die schwarze Farbe alle Duftstoffe stark anzieht, weshalb viele Aerzte gegen die schwarzen Kleider der Krankenschwestern eingenommen sind, so ist wahrscheinlich aus diesem Grunde die Nase aller Nasentiere schwarz. Selbst der Eisbär hat in seinem weißen Pelz eine schwarze Nase, die schon von weitem auffällt. Man glaubt den Eskimos, daß er beim Beschleichen der Seehunde mit einer seiner großen Pranken die Nase bedecke, damit sie ihn nicht verrate.

Jetzt wissen wir also, weshalb die Nase des Hundes empfindlich, kühl, feucht und schwarz ist.

Karo hat Hängeohren, während Schäferhunde gewöhnlich Steh- oder Kippohren besitzen. Wie können wir diesen Unterschied erklären?

Das Gehör ist ein außerordentlich wichtiger Sinn. Nach meiner Ansicht hören alle Säugetiere mindestens so gut wie der Mensch, gewöhnlich aber schärfer.

Auch hier will ich mit größtem Nachdruck die ungeheure Wichtigkeit des Gehörs hervorheben. Hoffentlich wird also die Bezeichnung Augen- und Nasentiere nicht mißverstanden und daraus der ganz irrige Schluß gezogen, daß Augen- und Nasentiere schlecht hören könnten.

Alle freilebenden Tiere müssen ihr Gehör fortwährend anstrengen. Daher kommt es, daß wir unter den freilebenden Säugetieren nur Stehohren antreffen.

Allerdings sieht man manchmal Hirsche, die in Parks gehalten werden, mit einem Schlappohr. Da aber solche Hirsche Haustieren gleichen, weil sie keine Nachstellungen von Feinden erleiden, so bestätigen sie den Satz, daß ein Säugetier unter natürlichen Verhältnissen Stehohren besitzt.

Bei unseren Hunderassen haben also diejenigen, die ihren Verwandten am ähnlichsten leben, noch Stehohren, so die deutschen Schäferhunde. Bei den schottischen Schäferhunden fangen bereits die Kippohren an, weil sie bei uns keine Schafe mehr hüten. Die reinen Haushunde wie Pudel, Möpse, ja selbst die Jagdhunde haben Schlappohren. Braucht die Katze keine Mäuse mehr zu fangen, so bekommt sie, wie von der chinesischen Katze berichtet wird, ebenfalls Schlappohren.

Ist das Abschneiden der Ohrlappen, das sogenannte Kupieren, zu billigen? Gewöhnlich wird es als große Tierquälerei getadelt. So einfach liegt die Sache jedoch nicht. Unter natürlichen Verhältnissen steht, wie wir sahen, das Ohr aufrecht. Bei unseren Haushunden sind dagegen Hängeohren die Regel. Durch den vorhängenden Ohrlappen wird namentlich bei langhaarigen Hunden manchmal eine solche Hitze erzeugt, daß die Hunde große Ohrenschmerzen leiden. Wenn man also durch das Kupieren beabsichtigt, den Hund vor Schmerzen zu bewahren, so läßt sich dagegen wenig einwenden.

[15]. Warum fürchtet sich der Hund vor dem leeren Wasserglase? Warum bellt er den Mond an?

Wir kehren zu unserem Karo zurück und benutzen die Gelegenheit, um über einige Streitfragen Aufklärung zu bekommen. Die meisten Hunde fürchten sich vor einem leeren Wasserglas, und man findet die Erklärung darin, daß die Hunde früher einmal mit Wasser begossen worden sind und deshalb das Wasserglas scheuen. Bei der wasserscheuen Katze wäre diese Erklärung einleuchtend, aber die Furcht des Hundes vor dem leeren Wasserglase habe ich bei Katzen nicht feststellen können. Außerdem müßte sich ein Hund dann erst recht vor einer Gießkanne fürchten, mit der man ihn begossen hat. Das habe ich wiederholentlich getan, aber niemals das Zurückweichen wie vor dem Wasserglase beobachten können.

Unser Bekannter hat inzwischen ein Wasserglas geholt und wir können bei Karo genau das beobachten, was bei Hunden üblich ist. Bringt man ihm das Glas in die Nähe des Kopfes, so ist ihm das anscheinend sehr unangenehm, und er weicht zurück.

Da der Hund ein Nasentier ist, das sich in erster Linie nach der Nase richtet, und das Glas wohl zu den wenigen Gegenständen gehört, die wenig oder gar keine Ausdünstung haben, so befindet sich der Hund in der üblen Lage, daß seine Augen etwas wahrnehmen, seine treue Nase aber nichts. Das ist ihm unangenehm und er will sich fortwenden. Das sieht man beispielsweise, wenn ein Hund von fern in einen Spiegel schaut, wie es bei Umzügen vorkommt, wo ein großer Wandspiegel auf der Straße steht. So sah ich, wie eine Dogge in einem solchen Falle die Haare sträubte und auf den Spiegel zuging, weil sie glaubte, einen Gegner anzutreffen. In der Nähe beroch sie den Spiegel und lief fort, da ihre Nase ihr berichtet hatte, daß es sich um ein Gespenst gehandelt hatte.

Augentiere dagegen, wie der Affe, haben große Vorliebe für einen Spiegel, wovon man sich in Zoologischen Gärten oft überzeugen kann.

Auch die alte Streitfrage, ob Hunde Bilder erkennen, verneint Herr Böhm aufs entschiedenste. Sein Karo und sein Hektor, ein Jagdhund, den wir gleich noch kennenlernen werden, beachten das große Bild von ihm gar nicht, obwohl sie sehr anhänglich wären. Uebrigens hat schon der große Naturforscher Alexander von Humboldt vor mehr als hundert Jahren genau das gleiche beobachtet. Er weist darauf hin, daß die klügsten Hunde ganz kalt bei Bildern bleiben, während seine zahmen Affen nach den gemalten Gegenständen griffen.

Kürzlich, so erzählt uns unser Bekannter, ging er mit seinem Hektor spazieren und kam dabei an einem großen Garten vorbei, in dem, wie es so häufig vorkommt, ein aus einer Tonmasse hergestelltes Reh im Grase ruhte. Da das Reh sehr natürlich wiedergegeben war, so erregte es die Aufmerksamkeit des Hundes, der bei der Windrichtung keine Witterung von dem Gegenstande bekommen konnte. Da der Garten einem lieben Freunde von ihm gehörte, so öffnete Herr Böhm die Gartentür, um zu sehen, was der Hund beginnen würde. Er benahm sich genau so wie die vorhin erwähnte Dogge vor dem Wandspiegel. Nachdem er das Reh berochen hatte, ließ er es links liegen.

Bei dieser Gelegenheit erwähnt Herr Böhm, daß er schon häufig in der Nachtruhe durch das Gebell der Hunde bei klarem Vollmond gestört worden sei. Diese Beobachtung ist sehr alt, denn sie hat zu der Redensart Anlaß gegeben: Die Hunde bellen den Mond an, um damit auszudrücken, daß der Mensch in diesem Falle ein Bild sinnlosen Tuns erblicken könne. Diese allgemein herrschende Ansicht, wonach sich ein verächtliches Geschöpf, wie der Hund, über einen erhabenen Himmelskörper ärgere und ihn zu begeifern trachte, ist unzweifelhaft unrichtig. Darüber bin ich mit meinen Bekannten einig. Was aber der wahre Grund der Erregung der Hunde gegen den Mond ist, läßt sich nicht leicht sagen.

Die Araber erzählen von ihren Hunden, daß sie oft die weißen Wolken am Himmel anbellen. Dann ließe sich das Unbehagen des Hundes in der gleichen Weise erklären, wie bei dem leeren Wasserglase. Seine Augen sehen etwas Glänzendes, Helles, nämlich den Mond, die Wolken, das Glas, aber sein Hauptsinn meldet nichts von der Erscheinung. Dem Hunde geht es genau so, als wenn wir Geisterstimmen hören, aber nichts entdecken können. Oder wir merken, daß es brandig riecht, können aber die Brandstelle nicht finden.

Es kann aber auch sein, daß der wahre Grund ein anderer ist. Viele Jäger behaupten, daß der Vollmond auf alles Wild und Getier eine auffallend erregende Wirkung ausübe. Dann belle also der Hund gar nicht den Mond an, wie man vermute, sondern bei ihm als früherem Raubtier werde durch den Vollmond die Erinnerung an die vergangenen Zeiten aufgefrischt, wo er beim Vollmondschein besonders eifrig jagte.

[16]. Warum wedelt der Hund mit dem Schwanze?

Eine der auffallendsten Erscheinungen ist das Wedeln des Hundes mit dem Schwanze. Sowohl Peter hat seinen Herrn bei seinem Erscheinen durch Schwanzwedeln begrüßt, als auch Karo läßt in Gegenwart unseres Bekannten seinen Schwanz kaum zur Ruhe gelangen. Die Erklärung dafür ist aber recht verwickelt, so daß wir sie vorläufig zurückgestellt hatten.

Auch hier können wir einen wirklichen Fingerzeig zum richtigen Wege nur dadurch erhalten, daß wir uns in die Lebensweise der wilden Verwandten unseres Hundes versetzen. Sowohl Wölfe wie Schakale wedeln mit dem Schwanze, um ein Zeichen ihrer friedlichen Gesinnung zu geben. Das Schwanzwedeln muß also in ihrer Lebensweise eine wichtige Rolle spielen.

Auffallend ist es, daß wir bei unseren anderen Haustieren eine solche Kundgebung durch den Schwanz nicht kennen. Wenn die Katze ihren Schwanz bewegt, so hat das einen ganz anderen Zweck. Pferde und Kühe bewegen zwar auch ihren Schwanz, aber um damit Fliegen abzuwehren, nicht jedoch, um uns zu zeigen, daß sie es gut mit uns meinen.

Wir erwähnten früher, daß noch heute die verwilderten Hunde in Konstantinopel jeden fremden Hund zu zerreißen suchen. Nun kommen bei Wildhunden häufig Fälle vor, wo ein Rudel durch Kämpfe so geschwächt oder durch Nachwuchs so stark geworden ist, daß sich einige von ihnen einem anderen Rudel anschließen wollen. Noch häufiger wird es vorkommen, daß ein von einem Rudel versprengter Hund erst nach einigen Tagen seine Artgenossen findet.

Wir wissen, daß alle Hunde nach Möglichkeit gegen den Wind laufen, um durch ihre Nase zu erfahren, was sich vor ihnen befindet. Kommt nun ein versprengter Wildhund zu seinem Rudel, so weiß er zwar durch seine Nase, daß er vor seinem alten Rudel steht, aber die Kameraden wissen nicht, daß es sich um einen Angehörigen von ihnen handelt. Denn der Wind weht von dem Rudel zum Ankömmling, nicht aber vom Ankömmling zum Rudel.

Bei Wildpferden und Wildrindern werden ebenfalls versprengte Mitglieder manchmal zurückkehren. Auch die Wildpferde laufen gegen den Wind und besitzen ebenfalls nur ein schwaches Auge wie der Hund. Trotzdem ist das Leben des Ankömmlings nicht gefährdet. Er erhält vielleicht einen unbedeutenden Stoß oder Huftritt, ehe die Seinen erkennen, daß es ein alter Genosse ist.

Ganz anders liegt die Sache bei den Wildhundarten. Stürzen sie sich infolge ihres schwachen Gesichts, und weil ihre Nase wegen der ungünstigen Windrichtung nichts leisten kann, auf den vermeintlichen Fremdling, so ist es um ihn geschehen. Er ist in kurzer Zeit abgewürgt.

Die ungeheure Gefahr, die einem versprengten Wildhund bei seiner Rückkehr droht, ebenso allen Ankömmlingen, die sich in bester Absicht dem Rudel nähern, machte für die Hundearten ein Signal, also ein deutliches Zeichen für Freundschaft nötig. Das erhielten sie durch das Wedeln mit dem Schwanze.

Da das Auge des Hundes, wie wir wissen, Bewegungen sehr gut sieht, so kann das Signal kaum jemals übersehen werden. Der versprengte Hund braucht bei seiner Rückkehr also nur mit dem Schwanze zu wedeln, um dasselbe zu erreichen, was die Menschen, die sich als Krieger gegenüberstehen, durch Hissen eines weißen Taschentuches bezwecken.

Allbekannt ist es, daß man einen fremden Hund dadurch in eine freundliche Stimmung versetzen kann, daß man mit der Hand auf das Knie klopft und dabei ruft: »Komm, gutes Hundchen, komm her!« Der merkwürdige Erfolg dieser Bewegung erklärt sich einfach als eine Nachahmung des Schweifwedelns. Die Bewegungen des Armes in Kniehöhe erinnern an die Bewegungen des Schwanzes. Das Klopfen ist vollkommen gleichgültig.

[17]. Warum gibt es kurzhaarige Hunde? Der Windhund.

Karo wird jetzt in das Haus gebracht, und uns an seiner Stelle Hektor vorgeführt, ein sehr schöner, kurzhaariger Jagdhund. Beide Hunde vertragen sich ganz gut, sind aber sehr eifersüchtig aufeinander. Jeder Hundebesitzer weiß, daß der Neid unter den Hunden sehr groß ist. Wenn ein Hund einmal nicht fressen wollte, was in Friedenszeiten nicht selten vorkam, so brauchte man nur zu rufen: »Ich werde es dem Pussel, nämlich dem Hunde des Nachbars, oder der Katze geben,« dann packte der Neid den Hund derartig, daß er alles bis auf den letzten Bissen hinunterschluckte.

Da der Wildhund, wie wir am Wolfe sehen, selbst im Sommer nicht kurzhaarig wird, so muß der Mensch den Hunden künstlich die Kurzhaarigkeit angezüchtet haben. Warum hat er das getan?

Der Jäger gebraucht den Hühnerhund, wie wir bereits wissen, besonders bei der Jagd auf Rebhühner. Diese beginnt gewöhnlich im August, wo es manchmal glühend heiß ist. Das andauernde Laufen in der brennenden Sonnenglut kann ein Wildhund nicht vertragen. Denn als nächtliches Tier ruht er zu dieser Zeit irgendwo in einem schattigen Gebüsch.

Ein kurzhaariger Jagdhund kann bei seiner geringen Behaarung der Sonnenglut viel leichter standhalten. Trotzdem macht der Jäger an heißen Augusttagen zur Mittagszeit eine Pause.

Aber nicht nur der Jäger hat von der Kurzhaarigkeit Vorteil. Jeder Hundebesitzer weiß, wie schwierig die Haarpflege bei langhaarigen Hunden ist. Auch kann man dem Ungeziefer schwer beikommen.

In der freien Natur vollzieht sich der Haarwechsel, der im Frühjahr und im Herbst eintritt, sehr schnell. Wölfe und Füchse brauchen nicht gekämmt zu werden, um die alten Winterhaare zu verlieren. Sie krauchen fast alltäglich durch Gebüsch und Dornen, die das Kämmen besser als der Mensch mit einem Kamm besorgen. So sehen freilebende Tiere immer glatt aus.

Stubenhunde dagegen, die wenig Bewegung haben, haaren so ziemlich das ganze Jahr und können dem Besitzer fortwährend Arbeit verursachen. Bei langhaarigen Hunden ist das natürlich besonders schlimm.

Kurzhaarigen Hunden im Winter bei strengem Frost eine Decke auflegen, ist also keine Verzärtlichung, wie man häufig hört. Denn wir Menschen haben den Hunden das natürliche Haarkleid, das sie bei großer Kälte brauchen, fortgezüchtet.

Wie schön wäre es doch für uns Menschen, wenn auch uns im Winter die notwendige wärmere Bekleidung von der Natur geschenkt würde, wie es bei den Tieren der Fall ist. Namentlich jetzt bei den so teuren Preisen!

Weil kurzhaarige Hunde im Winter leicht frieren, so hat man ein Mittelglied zwischen ihnen und den langhaarigen Hunden gezüchtet, nämlich stichelhaarige oder rauhhaarige.

Während die Kunststücke beim Pudel nur Unterhaltungswert besitzen, ist die Abrichtung eines Jagdhundes für den Jäger von großem Wert. Er muß stets an der linken Seite gehen, um seinem Herrn beim Schießen nicht hinderlich zu sein, er muß auf den Zuruf »nieder« oder »down (daun)!« sich fest auf die Erde legen. Dadurch erreicht man, daß man den Hund ohne Leine fest in der Hand behält, wenn er beispielsweise bei einer Hetze uns entschwinden will.

Herr Böhm zeigt uns, wie gut Hektor dressiert ist. Er apportiert mit Freuden, selbst eine tote Krähe, was Hunde sonst nicht gern mögen.

Unser Bekannter räumt ein, daß man Jagdhunde nicht zu sehr wegen ihrer Anhänglichkeit auf die Probe stellen darf. Wie groß die Jagdleidenschaft ist, erkennt man daran, daß der gierigste Fresser oft das Essen unbeachtet läßt, wenn es zur Jagd geht.

Ich habe selbst erlebt, daß in dem Jagdrevier eines Freundes, in dem ich jagen durfte, die Jagdhunde ihren alten Wärter im Stich ließen und sich mir, dem Fremden, anschlossen, nur weil ich mit dem Gewehr auf Jagd ging.

Herr Böhm erzählt uns von seinen früheren Hunden. So hat er viele Jahre einen Dachshund »Männe« gehabt. Wie alle Dachshunde war er sehr selbständig und gehorchte seinem Herrn regelmäßig nur dann, wenn es ihm paßte.

Der Unabhängigkeitssinn des Dachshundes im Verhältnis zu seinem Herrn, den man bei anderen Hunden nicht antrifft, muß natürlich seinen Grund haben und hat ihn auch. Der Dachshund wird von den Jägern dazu gebraucht, um Dachse und Füchse, die in ihre Höhle geflüchtet sind, zu stellen, möglicherweise auch zu würgen. Bei diesem unterirdischen Kampf auf Leben und Tod hat der Mensch es sehr leicht zu sagen: »Faß, mein Hundchen, faß!« Das Zufassen wäre in dem Zeitpunkte vielleicht gerade ein großer Fehler, denn es darf nur in einem günstigen Augenblicke geschehen. Der Dachshund hat sich also daran gewöhnt, das, was sein Herr sagt, nicht sonderlich zu achten.

Ganz besonders liebte es »Männe«, Knochen für eine spätere Zeit sich aufzuheben und zu diesem Zwecke zu verscharren. Der Dachshund ist zum Wiederauffinden der verscharrten Knochen ganz besonders geeignet, da seine Nase sehr fein ist und sich obendrein ganz nahe am Erdboden befindet.

Auch einen Windhund »Roland« hat mein Bekannter längere Zeit besessen, hat ihn aber wieder weggegeben, da er für ihn keine Verwendung hatte. Der Windhund nimmt noch eine größere Ausnahmestellung unter den Hunden ein als der Dachshund.

Gerade der Windhund ist ein untrüglicher Beweis dafür, daß Auge und Nase in einer gewissen Abhängigkeit voneinander stehen. Von allen Hunden sieht er am besten und muß auch am besten sehen, da er als Hetzer vorher das Wild erblicken muß, das er einholen will. Dafür ist auch sein Geruch, wie schon die kleine Nase andeutet, nicht entwickelt genug, um, wie die andern Hunde, mit ihm eine Fährte dauernd zu halten.

Auf dieses geringere Geruchsvermögen des Windhundes führt man es zurück, daß er an den Menschen so wenig anhänglich ist. Man hat nämlich bei säugenden Hunden, die durch einen Unglücksfall ihre Riechfähigkeit eingebüßt, festgestellt, eine wie ungeheure Rolle bei den Hunden die Nase spielt. Sie konnten ihre Mutter nicht mehr finden und später die verschiedenen Speisen nicht unterscheiden. Auch waren sie nicht im geringsten anhänglich an ihren Herrn.

Dieser Mangel an Anhänglichkeit bei riechunfähigen Hunden kommt einfach daher, weil sie kein Mittel haben, um ihren Herrn von anderen Menschen zu unterscheiden. Sie gleichen jungen Affen, denen man die Augen ausgestochen hat. Auch diese würden nicht anhänglich werden, weil sie ihren Herrn von andern Personen nicht unterscheiden können.

Der Windhund dagegen ist deshalb weniger anhänglich, weil er von einer Wildhundart abstammt, die, wie die Katze, gewöhnlich allein jagt. Der Windhund mit seiner ungeheuren Geschwindigkeit braucht kaum einen Mithelfer, um Beute zu erlangen. Deshalb heult er sich auch nicht mit andern Wildhunden zusammen. Aus diesem Grunde neigt der Windhund sehr wenig zum Bellen.

[18]. Der Schäferhund als Polizei- und Blindenhund.

Auch einen Schäferhund hat Herr Böhm besessen und will sich einen solchen wieder anschaffen, da Pudel und Jagdhunde, wie wir wissen, als Wächter für Grundstücke weniger passen.

Der Schäferhund hat nicht ganz das Auge des Windhundes, immerhin aber ist es viel besser als bei den meisten andern Hunden. Das rührt von seiner Tätigkeit beim Hüten der Schafe her.

Zum Polizeihund ausgerechnet den Schäferhund zu wählen, wird man kaum gutheißen können. Bei der Jagd hat man eigentlich den Schäferhund nur gebraucht, wenn man Wildschweine ausfindig machen wollte. Diese aber haben eine so strenge Ausdünstung, daß man sie fast mit der Menschennase finden kann.

Trotzdem hat man den deutschen Schäferhund zum Polizeihund gewählt. Das kommt sicherlich daher, weil er der willigste und diensteifrigste Hund ist. Jeder muß den Schäferhund schätzen, weil ohne seine unermüdliche Tätigkeit der Hirte machtlos wäre.

Selbstverständlich ist es nicht der Mensch gewesen, der dem Hunde das Umkreisen der Schafe beigebracht hat. Vielmehr handelt es sich um einen uralten Trieb der Wildhunde, die ein Rudel Pflanzenfresser umkreisen, um sie an Abhänge zu treiben, von denen sie abstürzen und den Feinden zur Beute werden.

Wie sehr auch heute noch in den Schäferhunden das Raubtier schlummert, beweist die Tatsache, daß manche bei großer Langeweile von der »Schafsucht« gepackt werden, indem sie nach Art ihrer Vorfahren Schafe zu würgen beginnen. –

Die Leistungen der Polizeihunde sind erst überschwenglich gelobt worden. Später hat eine wissenschaftliche Kommission Untersuchungen veranstaltet und ist zu dem Ergebnis gelangt, daß die Hunde nicht die Fähigkeit besitzen, einzelne Personen durch ihren Geruch zu unterscheiden.

Demgegenüber muß auf die uralte Tatsache hingewiesen werden, daß erlegtes Wild durch Schreckmittel vor dem Verzehren durch Nasentiere bewahrt werden muß. Hat der Jäger in Afrika eine Antilope erlegt, die er nicht nach dem Lager schleppen kann, so muß er durch ein Taschentuch oder andere Gegenstände Hyänen und Schakale abschrecken. Diese Raubtiere sind nicht schnell genug, um eine Antilope zu fangen. Sowie sie aber verwundet ist, dann folgen sie ihrer Fährte. Genau so ist es in Deutschland mit dem Hirsch und Fuchs und war es früher mit dem Bären. Ein Fuchs oder ein Bär kann keinen gesunden Hirsch einholen oder einen gesunden Rehbock. Haben Hirsch oder Reh aber die Kugel vom Jäger erhalten, so verfolgen die genannten Raubtiere die verwundeten Pflanzenfresser. Ein Nasentier unterscheidet also an der Fährte ohne Frage, ob das Geschöpf gesund oder krank ist. So sehen wir im Frühjahr die männlichen Hasen (Rammler) mit gesenkter Nase in fliegender Fahrt der Spur der Häsin folgen. Der Hase findet also durch die Nase nicht nur die Spur, sondern erkennt auch durch den Geruch, ob es ein Männchen oder Weibchen ist.

Hunde haben so häufig die Spur ihres Herrn unter zahlreichen anderen herausgefunden, daß ein Zweifel daran ausgeschlossen ist. Ich habe es oft erlebt, und es überhaupt nicht für möglich gehalten, daß man eine solche Tatsache bestreiten kann.

Der Mensch kann unzweifelhaft mit seinen Augen seine Bekannten von anderen Leuten unterscheiden. Aber in einer großen Versammlung, in einem vollbesetzten Zirkus vermag er seinen Bekannten nicht herauszufinden. So geht es dem Polizeihund auch in dem Gewirr der Spuren in einer Großstadt. In großen Städten wird die Leistung eines Polizeihundes kaum der Rede wert sein. Dagegen kann er auf dem Lande sehr wohl zur Aufdeckung eines Verbrechens beitragen.

Völlige Klarheit in die Sachlage dürfte erst die Zukunft bringen.

In Jägerkreisen zweifelt kein Mensch an den hervorragenden Leistungen der Hundenase, selbst wenn der Hund dicht an der gesuchten Beute vorbeilaufen sollte. Man sagt sich mit Recht, daß der Mensch die Nasentätigkeit eines Tieres zu schwer beurteilen kann.

Bei Hundeprüfungen, die häufig stattfinden, läßt man deshalb jedesmal zwei Hunde arbeiten, um einen besseren Maßstab für die Beurteilung zu haben.

Viel besser als zum Polizeihund eignet sich der deutsche Schäferhund zum Blindenhund. Hier ist seine Dienstwilligkeit unbezahlbar, und hier kommt ihm sein besseres Auge sehr zustatten. Mit tiefer Rührung habe ich oft zugesehen, wie tadellos er seinen blinden Herrn geführt hat. Allerdings wird nur der Blinde mit seinem Hunde gut auskommen, der etwas Hundeverständnis besitzt.

Das Publikum aber sollte dem Blinden und dem Hunde nach Möglichkeit behilflich sein. Das mindeste aber, was man verlangen kann, ist das, daß man den eigenen Hund festhält, damit er den Hund des Blinden nicht stört. Bekanntlich haben alle Hunde den unbezähmbaren Drang, sobald sie einen Artgenossen wahrnehmen, seine Bekanntschaft zu machen.

[19]. Die Fütterung des Hundes.

In seiner langjährigen Praxis ist Herr Böhm zu dem Ergebnis gelangt, daß eine einmalige gründliche Fütterung abends für erwachsene Hunde das Zuträglichste ist.

Das stimmt ganz damit überein, daß die Wildhunde als Nachttiere mit Einbruch der Dämmerung auf Raub ausgehen. Haben sie ein größeres Tier erbeutet, so fressen sie sich gründlich satt, was bis zum nächsten Abend vorhalten muß.

Alle Wildhundarten lieben auch pflanzliche Nahrung. Füchse sind arg nach Weintrauben, Wölfe fressen gern Kürbisse, Gurken, Brot und dergleichen. Hunde, die Früchte, ja Aepfel fraßen, habe ich wiederholentlich kennen gelernt. Die reine Fleischfütterung ist also bei dem Hunde unrichtig.

Gesalzene und gewürzte Speisen sind für den Hund nachteilig. Hundebesitzer, die aus Gastwirtschaften das Futter beziehen, pflegen wieder davon abzugehen, weil die Hunde wegen der stark gesalzenen und gewürzten Speisen nicht gedeihen. Bei Schoßhündchen soll es anders sein. Diesen sollen solche Sachen sehr gut bekommen. Aus eigener Wissenschaft weiß ich hierüber nichts.

Ueber den Salzhunger der Pflanzenfresser und die Gefährlichkeit des Salzes beim Raubtier soll noch beim Schwein näher gesprochen werden.

Röhrenknochen vom Geflügel vermeiden viele Hunde aus »Instinkt« (vergleiche Kapitel [69]). Durch Zerbeißen entstehen nämlich Knochenenden mit langen scharfen Spitzen, die dem Tiere sehr gefährlich werden können.

An dem Hunde eines Konditoreibesitzers konnte ich im Frieden beobachten, daß andauernder Zuckergenuß Hunden sehr nachteilig ist. Dieser bettelte allen Besuchern durch Schönmachen den Zucker ab und starb nach kurzer Zeit.

Wie die Tiere in den Zoologischen Gärten, die meistens Nachttiere sind, durch die Besucher Tagtiere geworden sind, so hat sich der Hund durch den Verkehr mit dem Menschen daran gewöhnt, am Tage tätig zu sein. An seine alte Tätigkeit erinnert noch folgendes:

Alle Hunde, namentlich Wachhunde, sind mit Einbruch der Dämmerung besonders zu Angriffen geneigt.

Viele Hunde heulen noch heute gern, wenn es Abend wird.

Die meisten Hunde schlafen gern am Tage bei großer Hitze. Hierbei kann man bei ihnen öfter beobachten, daß sie wie die Menschen träumen.

Ihr Schlaf ist sehr unruhig und sie erwachen bei dem kleinsten Geräusch. Auch die Wildhundarten jagen ausnahmsweise auch am Tage, wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet. Bei der Katze ist es ebenso.

Schwerlich würde der Hund ein so guter Wächter in der Nacht sein, wenn er nicht ursprünglich ein nächtliches Raubtier gewesen wäre.

Auf die feine Nase des Hundes wird von den Besitzern gewöhnlich viel zu wenig Rücksicht genommen. Zigarrenhändler, Drogisten, ja Apotheker halten in ihren Läden Hunde, obwohl hier schon den menschlichen Nasen nicht wohl ist.

Wir haben schon darauf aufmerksam gemacht, daß Menschen und Tiere nicht dieselben Gerüche lieben. Kölnisches Wasser duftet unserer Nase angenehm, aber der Hund wendet sich mit Abscheu ab.

Ebenso kann ihm die schönste Havannazigarre nicht gefallen. Die Scherze, die man mit Hunden macht, indem man ihnen brennende Tabakspfeifen ins Maul steckt, sind also nicht ohne Nachteil für das Tier.

Ist die Hütte voll Ungeziefer, so reinigen wir sie mit Karbol und reiben den Hund mit Insektenpulver ein. Und wir bilden uns noch etwas auf unsere Tierfreundlichkeit ein, wenn wir dem armen Hunde diese Höllenqual bereitet haben.

Was machen denn Wolf und Fuchs, wenn das Ungeziefer und die Wärme in der Höhle im Sommer zu toll wird? Sie schlafen einfach im Freien und zwingen das Ungeziefer zum Auswandern, weil es in der leeren Höhle nichts zu saugen gibt.

Gegen Petroleumfässer war ich früher eingenommen, weil wir einen Hund besaßen, der große Abneigung gegen den Geruch von Petroleum zeigte. Ich schloß auf einen allgemein herrschenden Widerwillen gegen diese Flüssigkeit. Später habe ich mich davon überzeugt, daß unser Hund eine Ausnahme bildete.

Es ist die Vermutung aufgestellt worden, daß das Petroleum tierischen Ursprungs ist. Es soll von den großen Landtieren herstammen, die in Vorzeiten die Erdkugel bewohnten. Diese Vermutung würde dadurch unterstützt werden, daß unsere Hunde Petroleum gern haben, wie sie alle Tierreste lieben.

Auffallend ist es, wie schnell Wunden bei Hunden heilen. Doch kommen auch Ausnahmefälle vor. So zeigt uns unser Bekannter an seinem Hektor eine oberhalb der Nase verlaufende Narbe, die sich erst nach mehrwöchiger Bepinselung gebildet hat. Wie die meisten Praktiker, so schwört auch Herr Böhm darauf, daß die Wunde sehr schnell geheilt wäre, wenn sie der Hund hätte belecken können.

Tatsache ist es jedenfalls, daß die von der heutigen Heilwissenschaft so sehr gepriesene Freiluftbehandlung der Wunden ohne Verband von jeher bei den Tieren üblich war. Alle Hunde haben sich stets den von Menschenhänden gemachten Verband abzureißen versucht. Der Bürgermeister einer kleinen Stadt, in der ich damals wohnte, ließ, um seinen Hund an dem Abreißen des Verbandes zu hindern, eine Blechhülle um den Verband anbringen. Jetzt war der Hund machtlos, aber geheilt ist das verletzte Bein niemals.

[20]. Die Feinde des Hundes. Hund und Wolf.

Jedes Geschöpf, das sich auf der Erde befindet, hat Feinde. Die Pflanzenfresser haben ihre Feinde in den Raubtieren und die Raubtiere wieder untereinander. Selbst die stärksten Raubtiere haben ihren gefährlichsten Feind im Menschen, der sie an manchen Stellen bereits ausgerottet hat, weshalb man den Menschen als das allerstärkste Raubtier bezeichnet hat.

Die Hunde haben ihre Feinde zunächst in den großen Katzen, namentlich in dem Leoparden und Jaguar, wovon noch näher gesprochen werden soll, wenn wir bei der Katze von dem Haß des Hundes gegen sie sprechen. Sodann stellen ihnen in den heißen Ländern die größten Schlangenarten nach. Besonderen Appetit auf Hundebraten verspürt das Krokodil, weshalb die dort lebenden Hunde nur unter den größten Vorsichtsmaßregeln zur Tränke gehen. Die Bären schlagen wohl Hunde bei ihrer Verteidigung nieder, aber zu fressen scheinen sie ihre Feinde nicht.

Im Gebirge wird den Hunden der Lämmergeier gefährlich, da er sie, wenn sie in der Nähe von Abgründen weilen, hinabzustürzen sucht. Da Adler sich nicht besinnen, einen Fuchs anzugreifen, ebenso auch der Uhu, so werden diese Raubvögel unter Umständen auch jungen Hunden gefährlich, wenn sie von der Mutter nicht verteidigt werden.

In unserem Vaterlande spielen alle diese Feinde keine Rolle. Das einzige Tier, das ihm direkt tödlich werden könnte, ist die Kreuzotter. Trotzdem namentlich Jagdhunde überall umherstöbern, kommt es doch sehr selten vor, daß sie von Kreuzottern gebissen werden. Herr Böhm erzählt uns, daß ihm bei seinen eigenen Hunden noch nichts vorgekommen sei, obwohl die Kreuzotter in der Gegend nicht selten sei. Dagegen habe ihm ein Jagdfreund von einem solchen Fall bei seinem Hunde erzählt. Dieser Hund habe sich selbst geheilt, indem er zu einem Strom lief und die gebissene Stelle ununterbrochen vierundzwanzig Stunden darin hielt. Unmöglich wäre diese Handlungsweise nicht, da Tiere sich auch, wenn man ihnen vergiftete Brocken hinlegt, durch Gegenmittel zu retten wissen (vergl. Kapitel [69]).

Der größte Feind der Hundearten ist aber die eigene Verwandtschaft, wie es bei den Menschen auch so häufig der Fall ist. Wer die Fabeln von der Freundschaft zwischen Haushund und Wolf, ebenso die zwischen Wolf und Fuchs ausgeheckt hat, war kein wirklicher Tierkenner.

Ebenso hört man die unausrottbare Ansicht, daß ein verwilderter Hund von den Wölfen zum Anführer gewählt wird. Der Gedankengang ist dabei folgender. Der Hund hat von dem klugen Menschen so viel Klugheit mitbekommen, daß die Wölfe willig seine geistige Herrschaft anerkennen und auch von der Klugheit des Hundes Nutzen ziehen wollen.

In Wirklichkeit liegt die Sache so, daß die Haushunde im Kampfe mit dem Wolfe in der lächerlichsten Weise übertölpelt werden. Schon im Altertum schilderte man ganz zutreffend, wie leicht ein paar Wölfe ein Schaf erbeuteten trotz der Anwesenheit von dem Hirten und seinem Hunde oder seinen Hunden. Ein Wolf nähert sich der Herde und wird natürlich von der wachsamen Schar der Hunde wahrgenommen und von ihr ingrimmig verfolgt. Unterdessen hat sich unbemerkt der andere Wolf an die Herde geschlichen und trägt in Gemütsruhe ein Opfer fort.

In wolfreichen Gegenden holen sich, wie mir erfahrene Jäger versichert haben, in ähnlicher Weise die Wölfe den starken Haushund, wenn sie der Hunger kühn gemacht hat. Ein Wolf nähert sich dem Tore des Gehöfts. Der Hund ist sich seiner Pflicht bewußt und verfolgt den grauen Räuber eine Strecke weit. Inzwischen hat ein anderer Wolf dem Hunde den Rückzug abgeschnitten und eilt ihm nach. Der verfolgte Wolf dreht sich plötzlich um, und beide stürzen sich auf den Hund, der in kurzer Zeit sein Grab im Wolfsmagen findet.

Trotz der großen Aehnlichkeit zwischen dem Wolfe und manchen großen Hunderassen ist der Wolf unzweifelhaft der an Kräften Ueberlegene. Der Wolf, der am Waldesrande sitzt oder durch den Forst trabt, ist nach Tschudi in Bau und Farbe dem Fleischerhunde so ähnlich, daß er mit ihm verwechselt werden könnte und von gleicher Abstammung zu sein scheint. Und doch hat man von jeher die Erfahrung gemacht, daß beide Tiere einen entschiedenen Widerwillen gegeneinander haben. Der starke Wolf vermeidet es gern, dem viel schwächeren Hunde zu begegnen. Dieser zittert und sträubt die Haare, wenn er den Wolf wittert. In der Schweiz wagen es nur jene starken und treuen Hunde, welche die Bergamasker Schafherden in den Engadiner Alpen bewachen, einzeln auf den die Herde umlauernden Räuber loszugehen und mit ihm in höchster Erbitterung auf Leben und Tod zu kämpfen. Wird der Wolf Meister, so liebt er es, den halbzerfleischten Hund aufzufressen, während der siegreiche Hund selbst den erlegten Wolf noch verabscheut.

Ein Fall aus der Schweiz, in dem zwei Männer mit ihrem Gespann durch einen Hund vor dem Ueberfall eines Wolfes bewahrt wurden, sei hier angeführt. Es war klarer Mondenschein, aber auch eine bitterkalte Winternacht, als ein Arzt mit dem abgesandten Eilboten sich auf den offenen sogenannten Reitschlitten setzte und, von seinem mächtigen Bergamasker Hunde Beloch, der ihm schon manche Probe von Klugheit, Treue und Mut gegeben, begleitet, die Fahrt zu einem Kranken begann. Rasch wurde mit dem guten Pferde auf frostharter Bahn ein Stück Weg zurückgelegt. Als das Cotza-Tobel erreicht war, hielt plötzlich der Hund, der mit dem Pferde bisher Schritt gehalten, an und sprang mit einem großen Satz auf eine hochbuschige Hecke am Wege, hinter der sich ein Tier bewegte, das von dem nächtlichen Reisenden für einen Fuchs gehalten wurde. Langsam gelangte das Fuhrwerk auf die Höhe von Quartins. Der Hund folgte längs des Buschwerks und näherte sich hier seinem Herrn wieder, sich hoch neben demselben aufrichtend und zähnefletschend, mit gesträubten Haaren, gegen einen großen Wolf knurrend, dessen Augen durch die Hecke glänzten. Unwillkürlich hielt das Pferd an. Wolf und Hund maßen sich, beide knurrend, mit wütendem Blicke. Der Arzt und sein Begleiter erkannten entsetzt die Gefahr, deren Opfer sie jeden Augenblick werden konnten, und da sie ganz waffenlos waren, suchten sie ihre Rettung in der Flucht. Sie peitschten das Pferd, und pfeilschnell schoß der leichte Schlitten dahin. Aber ebenso schnell folgten Wolf und Hund diesseit und jenseit der Hecken und Mauern, die sich des Weges entlang zogen. Mehrere Male versuchte die heißhungrige Bestie über die Verzäunung zu springen, aber überall fand der Wolf Beloch vor der Lücke, bereit, ihn mit seinem gewaltigen Gebiß zu empfangen. So ging die Hatz eine halbe Stunde lang bis zur Kirche von Lovin, wo erst der Wolf seine Beute aufgab und mit wütendem, heulendem Gebrüll sich gegen das Gebirge zurückzog. Die geretteten Männer weckten ihren Gastfreund im Dorfe, um sich eine Erfrischung und Waffen zu erbitten. Nicht ohne Rührung bemerkten sie, wie nun Beloch das ihm gereichte Stück Brot sofort aus der Stube trug und sich vor das Pferd setzte, um das Brot zu verzehren, alle Augenblicke bereit, das Pferd gegen den vielleicht zurückkehrenden Wolf zu verteidigen.

Der Gewährsmann des vorstehenden Erlebnisses ist der bekannte Naturforscher Tschudi. Folglich ist der Bericht durchaus glaubwürdig. Der zur Sommerzeit am Tage nach unseren Begriffen feige Wolf zeigt sich als nächtliches Raubtier in der Mitternachtszeit bei starker Winterkälte, wo ihn der Hunger plagt, als ein sehr gefährliches Raubtier. Wahrscheinlich war es noch ein junges Tier und gehörte zu der kleineren Wolfsart, da er zunächst für einen Fuchs gehalten wurde. Denn auch die Wölfe sind in ihrer Größe sehr verschieden.

Es wurde schon erwähnt, daß in Nordamerika der große Waldwolf und der fuchsgroße Coyote leben. Der Coyote wird natürlich wie unser Fuchs von jedem stärkeren Hunde abgewürgt. Dagegen nimmt es nach Thompson der Waldwolf mit mehreren Hunden auf. Er schildert Fälle, wo ein Dutzend Hunde es nicht wagten, einen einzelnen Waldwolf anzugreifen.

Thompson hat bei den Viehzüchtern gelebt, deren größte Feinde die Wölfe sind, und so kann man ihm Sachkunde nicht absprechen. Da die Wölfe von den Herden der Züchter lebten, so richteten sie unermeßlichen Schaden an, und alle Mittel wurden gegen sie versucht, um sie zu vernichten. Da riet ein Ausländer den Viehzüchtern, gegen die Wölfe mit den stärksten Hundearten vorzugehen.

Bald schaffte auch der Ausländer, um die Wahrheit seiner Worte zu erweisen, zwei prachtvolle dänische Doggen herbei, eine weiße und eine blaue mit schwarzen Flecken und einem eigentümlichen weißen Auge, das ihr ein besonders wildes Aussehen gab. Fast jedes von diesen Geschöpfen wog nahezu 200 Pfund. Muskeln hatten sie wie Tiger, und man glaubte dem Ausländer gern, als er erklärte, diese beiden allein nähmen es mit dem größten Wolf auf. Ihre Art zu jagen beschrieb er folgendermaßen: »Sie haben nichts weiter zu tun, als ihnen eine Fährte zu zeigen, und wenn sie auch schon einen Tag alt ist, folgen sie ihr unverzüglich und lassen sich auf keine Weise davon abbringen. Bald werden sie den Wolf finden, mag er auch noch so sehr die Spur zu verwirren und zu verstecken suchen. Dann gehen sie ihm an den Leib; er will davonrennen, aber der Blaue packt ihn in der Flanke und schleudert ihn so« – der Erzähler warf eine Brotkrume in die Luft – »und ehe er wieder auf den Boden kommt, hat ihn der Weiße am Kopf und der andere am Schwanz, und sie reißen ihn auseinander – sehen Sie, so!«

Das klang nicht schlecht, und alle brannten darauf, die Probe zu machen.

Leider fanden die Viehzüchter bei ihren Ausflügen keinen Wolf, auf den sie die Doggen hätten hetzen können. Sie kamen daher auf den Gedanken, den zahmen, einem Gastwirt gehörenden Wolf, der an der Kette lag, als »Versuchskaninchen« zu gebrauchen. Sie kauften dem Wirt das Tier ab. Die Hunde ließen sich mit Mühe zurückhalten, so kampflustig waren sie, nachdem sie einmal den Wolf gewittert hatten. Aber ein paar starke Männer hielten sie an den Riemen fest, und der Wolf wurde nicht ohne Schwierigkeiten herausgebracht. Zuerst sah er erschreckt und verwirrt aus. Als er sich frei fühlte und mit Geschrei und Hallo gescheucht wurde, machte er sich in langsamem Trott davon nach Süden zu, wo unebenes Terrain lockte. In diesem Augenblick ließ man die Hunde frei, die mit wütendem Gebell dem jungen Wolfe nachsprangen. Die Männer ritten mit lautem Hurra hinterdrein. Von vornherein schien für den Wolf keine Möglichkeit des Entkommens zu bestehen, denn die Hunde waren weit schneller als er, und der Weiße konnte rennen wie ein Windhund. Der Ausländer war außer sich vor Begeisterung, wie sein schnellster Hund über die Prärie flog und jede Sekunde dem Wolfe sichtlich näher kam. Viele wollten auf die Hunde wetten, aber kein Mensch nahm die Wette an. Jetzt griff der Wolf aus, so gut er konnte, aber nach tausend und einigen Metern war der Hund gerade hinter ihm und fuhr auf ihn los.

Im Augenblick waren die Tiere aneinander. Beide fuhren zurück, aber keiner flog, wie es der Ausländer vorausgesagt hatte, in die Luft, im Gegenteil, der Weiße überschlug sich mit einer furchtbaren Wunde in der Schulter und war kampfunfähig, wenn nicht tot.

Nach zehn Sekunden war der Blaue zur Stelle. Auch diesmal dauerte das Duell nur kurze Zeit und verlief fast ebenso unbegreiflich wie das erste. Kaum sah man, daß die Tiere sich berührten. Der Graue sprang beiseite, während sein Kopf bei einer blitzschnellen Wendung einen Augenblick unsichtbar blieb, und der Blaue taumelte und zeigte eine blutende Flanke. Von den Männern angefeuert, griff er noch einmal an, aber nur, um sich noch eine Wunde zu holen, die ihn nach keiner weiteren Verlangen tragen ließ.

Ein einjähriger Wolf, der an der Kette gelegen hat, wird also spielend mit zwei riesigen Doggen fertig. Das beweist die große Ueberlegenheit des grauen Räubers. Allerdings hatte dieser junge Wolf bereits große Erfahrung im Kampfe mit Hunden, denn man hatte zahllose Hunde auf ihn gehetzt.

Der Wolf als freilebendes Tier ist ungeheuer viel schneller und gewandter im Beißen, auch bringt er den Hunden, besonders kurzhaarigen, furchtbare Wunden wegen des mangelnden Haarschutzes bei.

[21]. Rätselhaftes beim Hunde.

Von einigen Rätseln, die uns der Hund aufgibt, haben wir bereits gesprochen, nämlich von seinem Zeitsinn und Ortssinn. Beide Sinne teilt er mit den meisten anderen Tieren.

Seit dem Altertum glaubt man vom Hunde, daß er Gespenster und Gottheiten wahrzunehmen vermöge. Dieser Glaube ist sehr verständlich. Der Naturmensch beobachtete täglich, daß der Hund das Vorhandensein von Dingen merkte, die ihm trotz aller Anstrengungen entgingen, man denke z. B. an die Anwesenheit eines durch Schutzfärbung unsichtbaren Wildes. Da der Naturmensch Gespenster und Gottheiten mit eigenen Augen nicht erblicken konnte, so war es naheliegend, dem Hunde auch in diesem Falle die Fähigkeiten beizulegen, die dem Menschen fehlten.

Die Ansicht, daß der Hund manchmal durch sein Geheul den bevorstehenden Tod seines Herrn anzeigt, scheint kein Aberglaube zu sein. Ich habe einen solchen Fall selbst in meiner Verwandtschaft erlebt. Die Frau eines schwer Erkrankten schickte sofort zum behandelnden Arzte, weil sie durch das plötzliche Geheul des Hundes und sein Verkriechen in eine dunkle Ecke sehr beunruhigt war. Der Arzt untersuchte den Kranken eingehend und tröstete die Frau durch den Hinweis, daß für die nächsten 24 Stunden nichts zu befürchten sei. Der Hund war jedoch der bessere Prophet, denn nach drei Stunden war sein Herr tot.

Aehnliche Fälle sind folgende: Vielen Züchtern ist es bekannt, daß die feine Nase des Hundes oft Krankheiten bei Tieren feststellt, von denen der Besitzer nichts ahnt. So behandeln manche Hunde gewisse Ferkel schlecht, denen jedoch äußerlich nichts anzusehen ist. Nach dem Schlachten zeigt es sich, daß sie an schweren inneren Krankheiten gelitten hatten. An sich ist also durchaus nicht wunderbar, daß der Hund bereits die innere Zersetzung eines Sterbenden wahrnimmt, wo wir mit unseren stumpfen Sinnen nichts feststellen können. In Uebereinstimmung hiermit wurde in einer ernsten wissenschaftlichen Zeitschrift vor einigen Jahren gemeldet, daß vor dem Tode eines Menageriebesitzers die Hyänen, Schakale und Hunde ein grauenhaftes Konzert anstimmten. Auch hier handelt es sich um lauter Nasentiere.

Es ist bereits erwähnt worden, daß Hunde gut schwimmen können. Wie überlegen sie aber darin dem Menschen sind, konnte ich im vergangenen Sommer recht deutlich erkennen. Die Netze führte sehr viel Wasser, und der Strom war so stark, daß ein mir bekannter Meisterschwimmer, ein auffallend kräftiger Mann, nicht einen Schritt dagegen vorwärtskommen konnte. Dagegen schwamm der kleine Hund eines Schiffers, eine sogenannte »Schiffertöle«, nicht nur mehrmals in einer Stunde gradlinig über den Strom, sondern schwamm auch mit Leichtigkeit gegen die Strömung. Selbst durch die Wirbel, die bei den Buhnen, d. h. den Schutzbauten der Ufer, gebildet wurden, schwamm er, als wenn er durch einen Teich schwämme, während der Meisterschwimmer durch den Wirbel in die Tiefe gerissen wurde und sich nur ganz mühsam retten konnte. Wenn ich diese Leistungen eines kleinen Hundes nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde ich sie nicht glauben. Eine Erklärung für sie habe ich vorläufig nicht.

Noch eine seit Jahrtausenden bekannte Eigentümlichkeit des Hundes sei erwähnt, weil sie von großer praktischer Bedeutung ist. Vorher sei folgendes bemerkt: Der Hund soll unser Eigentum schützen und ist natürlich, je wachsamer er ist, um so mehr dem Einbrecher ein Dorn im Auge. Gegen das Vergiften des Wachhundes kann man sich einigermaßen dadurch schützen, daß man ihn vorher leidlich füttert und ihn lehrt, von fremden Personen nichts anzunehmen. Viel wirksamer ist das Verfahren der Verbrecher, den Hund durch eine Hündin seine Wächterpflichten vergessen zu lassen. Zigeuner, Hundefänger und ähnliche Gesellen führen deshalb mit Vorliebe Hündinnen bei sich. Es genügt, daß auf ihren Kleidern eine Hündin geschlafen hat, um einen Rüden als Nasentier gänzlich umzustimmen. Deshalb sind Hündinnen viel geeigneter zur Bewachung gegen durchtriebene Verbrecher als Rüden.

Im Notfalle hat der waffenlose Verbrecher selbst gegen den stärksten Hund ein Mittel, das häufig Erfolg haben soll. Er läuft auf allen Vieren und nimmt seine Mütze in den Mund. Der Hund hält dem Ankömmling nicht stand, sondern flüchtet. Es ist schade, daß man einem solchen Bericht nicht auf den Grund gehen kann, ob er auf Wahrheit beruht oder nicht.

Würden wir Herrn Böhm bitten, diesen Versuch an seinem Karo und Hektor machen zu lassen, so wäre dadurch noch nichts bewiesen, wenn er Erfolg hätte. Denn wenn ein Pudel oder ein Jagdhund flüchtet, dann braucht es nicht eine bissige Dogge zu tun.

Bereits der listenreiche Odysseus, dessen Irrfahrten Homer vor dreitausend Jahren schilderte, setzt sich hin, um von den grimmigen Wachhunden nicht zerrissen zu werden. Das gleiche Mittel empfiehlt der Deutsche Schlatter vor etwa hundert Jahren, der viele Jahre bei den Tataren gelebt hat. Er erzählt, daß die zahlreichen herrenlosen Hunde eine große Gefahr für den Fremden bilden, und daß das beste Mittel gegen sie das Sichhinsetzen sei.

Eine Bestätigung dieser Angaben kann man nicht selten bei Hundeprüfungen beobachten. Wenn ein Hund den Rehbock gefunden hat und es seinem Herrn durch Bellen meldet, dann soll das freudige Ereignis durch eine Photographie verewigt werden. Kaum nähert sich der Photograph in seinem schwarzen Gewande und mit seinem Kasten kriechend dem Hunde, so rückt dieser aus, obwohl er sonst seine Beute in der hartnäckigsten Weise verteidigt.

Herr Böhm hat ähnliche Fälle ebenfalls beobachtet, kann aber hierfür keine Erklärung geben.

Wir müssen, um die Sache zu begreifen, auf frühere Zeiten zurückgreifen. Jeder Elefantenwärter weiß, daß ein Elefant heftig trompetet, sobald er einen Schimmel erblickt. Ich habe das selbst mehrmals beobachtet. Es steht das ganz im Einklange mit den Berichten der Jäger aus heißen Ländern, wonach der Elefant ständig zuerst den Feind angreift, der auf einem hellen Pferde sitzt.

Was veranlaßt den Elefanten zu seiner Wut gegen den Schimmel? Wir wissen es nicht, wir müssen aber vermuten, daß es in Vorzeiten ein weißes, pferdeähnliches Geschöpf gab, mit dem der Elefant wütend kämpfte.

So müssen wir auch vermuten, daß in Vorzeiten ein auf allen Vieren gehender menschenähnlicher Feind der Hunde lebte, vor dem sie noch heute große Angst haben.

Wir verabschieden uns jetzt von Herrn Böhm und seinen Hunden und werden ihn gelegentlich wieder aufsuchen.

[22]. Allerlei Hundegeschichten. Richtige Behandlung des Hundes.

Die von Hundebesitzern erzählten Geschichten darf man nicht ohne weitere Prüfung glauben. Dagegen wollen wir wirkliche Tierkenner zu Wort kommen lassen, denn man kann aus ihren Berichten vieles lernen. So schildert ein ostpreußischer Naturforscher seine Hündin »Gretel« in folgender Weise. Zunächst leistet sie auf der Jagd Ausgezeichnetes. Auch außerhalb des regelmäßigen Jagdbetriebes, heißt es weiter, benutze ich »Gretel« zu allerhand Handlangerdiensten. Einige wenige Beispiele mögen das beweisen. Im vorigen Jahre hatte ich auf meinem Teiche junge März-, Pfeif- und Krickenten großgezogen, die nach und nach halb verwilderten, so daß es unmöglich war, die Vögel, denen ich die Flügel gestutzt hatte, im Spätherbste einzufangen. Ich wartete daher, bis die erste dünne Eisdecke gefroren war, die sich gerade stark genug zeigte, um »Gretel« zu tragen. Bei meiner Annäherung watschelten die Enten natürlich auf die Mitte des Teiches hinaus und fühlten sich dort in größter Sicherheit. Diesmal aber hatten sie ihre Rechnung ohne meine Gretel gemacht. »Gretel, hol das Entchen!« Zunächst wurde etwas zaghaft vorwärts geschritten, weil sich das dünne Eis noch bog, dann aber ging's herzhaft weiter, und bald waren die Enten, die sich auf dem glatten Eise nicht schnell vorwärtsbewegen konnten, eingeholt. Nun war es höchst interessant, das Benehmen der Hündin zu beobachten. Sie weiß genau, daß sie jeden Vogel lebendig bringen soll; wenn sie aber einen kräftigen Märzerpel fassen wollte, so schlug dieser so heftig mit den Flügeln und zappelte so sehr, daß er nur durch kräftiges Zufassen zu halten gewesen wäre. Einige Federn stoben schon, und »Gretel« äugte verlegen und unschlüssig nach mir hin, der ich zu weiterem Handeln aufforderte. Da kam ihr der rettende Gedanke. Plötzlich erfaßte sie energisch eine Flügelspitze und führte das sich sträubende Tier zu mir heran, ein Verfahren, das sie übrigens schon öfter angewendet hatte, und zwar bei angeschossenen wehrhaften Vögeln, z. B. großen Möwen. Auch die Pfeifenten wurden noch herangeführt, aber die kleinen Krickentchen ließen sich bequem im Maule herbeitragen. So hatte ich meine Entenschar bald im Korbe versammelt.

Ein andermal wurden mir mehrere junge, lebende Tüpfelsumpfhühner gebracht. Beim Einsetzen in das Vogelhäuschen huscht mir das eine über den Kopf. Eben will ich anfangen mich zu ärgern und drehe mich um, da kommt »Gretel«, die natürlich bei mir war, schon wieder mit dem Ausreißer an, der nun seinen Genossen zugesellt werden konnte. Oder ich bin mit meiner Frau auf dem Spaziergange. Wir haben uns etwas getrennt, und meine Frau winkt oder ruft mir zu, daß sie von mir vielleicht das Messer zum Blumenschneiden oder irgendeinen anderen Gegenstand haben möchte. Sofort tritt »Gretel« ihre Botendienste mit größter Promptheit an. Es ist selbstverständlich, daß sie dann jedesmal ein Blümchen oder einen Zweig als Dank zu ihrer größten Freude zurückbringen darf. Solche kleinen Liebesdienste verrichtete sie sehr gern, weil wir uns den Spaß machen, sie dafür jedesmal maßlos zu loben und uns an dem drolligen selbstgefälligen Wesen unseres Lieblings zu erfreuen. Wenn mir beim Einwickeln von erlegten Vögeln der Sturm etwa das Papier fortweht oder sonst den Hut vom Kopfe reißt, so brauche ich mich gar nicht zu bemühen, brauche nicht einmal ein Wort zu sagen: das Entschwundene wird mir von meiner Gretel prompt wieder zur Stelle gebracht. So könnte ich noch manche Beispiele erzählen, und alles das haben wir unserem Zögling nicht etwa mühsam beigebracht, sondern das hat er durch den täglichen Umgang alles von selbst gelernt.

Als Hausgenossen könnte man sich keinen liebenswürdigeren, freundlicheren und artigeren Hund wünschen wie unsere »Gretel«. Ein Lästigwerden oder Aerger über Dummheiten, woran es bei einem unerzogenen Hunde sonst nicht mangelt, gibt es nicht. Es mag das mit darin seinen Grund haben, daß das »Paudelwesen« in der Erziehung der »Gretel« eine große Rolle gespielt hat und noch spielt. Damit hat es folgende Bewandtnis. Im Hausflur steht »Gretels« Hauptpaudel, d. h. ein Korb mit Heu, in dem die Hündin während der Nacht schläft. Ferner hat sie aber auch noch in jedem Zimmer eine sogenannte »Paudel« angewiesen erhalten, das ist meist ein Fellteppich. So weiß sie stets wo sie hingehört und braucht sich nicht planlos umherzutreiben, um den Besuch etwa zu belästigen oder am Ofen, oder gar auf den Möbeln herumzuliegen. Der Befehl »In die Paudel!« bedeutet für Gretel vom Herrn weggehen, an den ihr angewiesenen Platz sich begeben und da sich ruhig und artig verhalten, bis sie gewünscht wird. So habe ich's also in der Hand, die Hündin nicht nur an mich heranzurufen, sondern stets auch von mir wegzubringen, was mir schon oft zustatten gekommen ist. Abgesehen davon, daß ich sie so von jedem Punkte des Dorfes nach Hause schicken kann, habe ich auch im Reviere draußen manchen Vorteil davon. Wenn ich dort aufs Gratewohl den Befehl »In die Paudel!« ergehen lasse, dann läuft die Hündin mit eingeklemmter Rute ein Stück von mir fort, macht dann auf Zuruf down (nieder) und verharrt daselbst, solange ich es haben will. Liegt aber etwa mein Rucksack oder irgendein anderer Gegenstand von mir in der Nähe, oder sind wir nicht weit von einem Punkte, wo ich etwa öfter zu rasten pflege, so wird nach ergangenem Befehle diese Stelle als willkommene »Paudel« aufgesucht. – Beim Essen liegt »Gretel« ruhig an ihrem Platze, nie bekommt sie etwas vom Tisch; ja, wenn nicht das Dienstmädchen trotz strengen Verbotes ihr manchmal einen Bissen zusteckte, dann wüßte sie gar nicht, was es zu bedeuten hat, wenn Menschen essen. Ein zudringliches Betteln, ja Herumhopsen um den Tisch, wie ich es von verwöhnten Stubenhunden zu meinem Entsetzen schon gesehen habe, ist ganz ausgeschlossen. So kann man auch draußen auf der Jagd beim Rasten in Ruhe sein Butterbrot verzehren und braucht nicht zu fürchten, daß einem die Hundenasen daran herumschnüffeln, oder daß einem so ein sogenannter wohlerzogener Jagdhund gegenübersitzt, einem die Bissen in den Mund zählt, während die langen Geiferfäden aus den Mundwinkeln heraushängen, wie ich es bei Hühnerjagden in den Frühstückspausen erlebt habe. »Gretel« liegt oder sitzt bei solcher Gelegenheit ruhig in ihrer »Paudel«, d. h. ein Stück von dem Essenden entfernt, und erwartet gar nicht, daß sie etwas bekommt. – Es wäre sehr schön, wenn alle Menschen ihre Hunde so erzögen, wie es hier geschildert worden ist. Dann würde es viel weniger Hundefeinde geben. Aber um einen Hund zu erziehen, muß man selbst erzogen sein. Und da hapert es eben. Nicht mit Unrecht gilt das Sprichwort: Wie der Herr, so das Gescherr.

Ueber die Bestrafung des Hundes wäre folgendes zu sagen: Ein Hund darf, wenn er wirklich Strafe verdient hat, nur auf frischer Tat und auf eine solche Weise bestraft werden, daß er wirklich weiß, wofür er die Strafe bekommt. Geschlagen darf er nur werden, wenn an eine Hilfe durch andere Mittel nicht zu denken ist; die Hiebe muß er aufs Hinterteil bekommen, während er im Genick, womöglich auf den Boden gedrückt, festgehalten wird. Bei großen Hunden, die zum Beißen neigen, muß man besondere Vorkehrungen treffen. Zausen oder treten darf man ihn nicht, ebenso nicht mit der bloßen Hand schlagen, da er sonst handscheu wird. Tückisch darf man nie zu Werke gehen. Um ihn zu gewöhnen, daß er auf den Ruf jedesmal kommt, ist es ein gutes Mittel, daß man ihm recht sowie er auf den Ruf kommt, einen Leckerbissen gibt. Auch kann man ihn auf dem Rücken gegen den Strich der Haare mit den Fingern tüchtig krabbeln, denn das liebt er sehr. Da Hunde beim Stehen leicht ermüden, so ist es eine zweckmäßige Strafe, sie hoch anzubinden, so daß sie sich nicht hinlegen können. Dagegen ist das Einsperren in eine dunkle Kammer bei einem Nachttier wirkungslos.

Ueber Eingewöhnung fremder Hunde auf dem Lande werden folgende Ratschläge erteilt:

Ist ein neugekaufter Hund angelangt, so vernichtet man ihm für zwei bis drei Monate, jedenfalls bis er ganz eingewöhnt scheint, jede Aussicht auf Entwischen, füttert und tränkt ihn wenig, damit er alles Dargebotene dankbar annimmt, und läßt ihm durch alle Mitglieder der Familie oftmals am Tage etwas darreichen; abends bekommt er womöglich einige bei Nacht zum Zeitvertreib zu benagende Knochen. Hat er erst in seiner neuen Behausung eine Knochensammlung, so gewinnt er die Heimstätte lieb. Als Streu muß er tüchtige Bündel Stroh bekommen, das aus den Betten der Hausbewohner entnommen ist. Auf diese Weise lernt er den Hausgeruch kennen.

Kommen neue Dienstleute oder sonstige Leute für längere Zeit ins Haus, wo sie bei Tag oder Nacht dem Haus- oder Hofhunde begegnen können, so werden sie diesem erst vorgestellt, nachdem sie selber erst einige Nächte in Betten geschlafen haben, die schon länger im Hause benutzt sind.

Alle diese Vorsichtsmaßregeln, die schon über hundert Jahre alt sind, werden nur begreiflich, wenn man weiß, daß der Hund ein Nasentier ist.

[23]. Sogenannte Unarten der Hunde und ihre Bekämpfung.

Wir Menschen reden von den Unarten der Haustiere als etwas ganz Selbstverständlichem. Wir nennen eben einfach alles, was uns nicht paßt oder Schaden zufügt, eine Unart oder Untugend, genau wie wir von schädlichen oder nützlichen Tieren sprechen. Wenn der Hund verwestes Fleisch frißt, so bezeichnen wir das als eine Unart, obwohl das Tier nur seinem Triebe folgt und eine ihm vollständig zusagende und bekömmliche Nahrung zu sich nimmt. Ob Tiere überhaupt Unarten an sich haben, bedarf noch sehr der Aufklärung. Richtiger spricht man in solchen Fällen von Unbequemlichkeiten. Diese müssen wir Menschen, die wir von den Haustieren Nutzen ziehen, in den Kauf nehmen. Natürlich werden wir sie nach Möglichkeit zu verringern suchen.

Selbst auf dem Lande hat man mit Hunden manchmal große Unannehmlichkeiten. Der vorhin erwähnte Naturforscher, der so schön über die richtige Bestrafung der Hunde zu reden weiß, erzählt von seinen Hunden folgendes:

Als ich mir mein Haus in Thüringen gebaut hatte, hielt ich mir anfangs einen sehr wachsamen und scharfen Hühnerhund nebst zwei ganz kleinen, niedlichen Spitzchen. Der erstgenannte war den Tag über in einem eigenen Stalle, die Spitzchen steckten auf dem Hofe in einem großen Vogelbauer, worin sie, so oft ein Fremder kam, einen solchen Lärm machten und vor Bosheit so grimmig in die daumendicken Holzstäbe des Käfigs bissen, daß ich immerfort neue einziehen mußte, wenn die alten zerbissen waren. Ueber Nacht waren alle drei auf dem Hofe los, und machten, so oft sich jemand dem einsam zwischen Gärten liegenden Hause nahte, einen ungeheuren Lärm. Die feinsten Sinne hatte der Hühnerhund. Kam ich abends von der Stadt und ging um die Ecke eines 160 Schritte von meinem Hofe entfernten Stalles, so wußte er in dieser Entfernung genau meinen Tritt zu unterscheiden und winselte vor Freuden; kam aber jemand anderes um besagte Ecke oder anderswoher auf 200 bis 300 Schritte Entfernung, so schlug er laut und drohend an. Verstellte ich meinen Schritt absichtlich, so bellte er, wenn er im Oberwinde stand, auch bei mir. Weil es um meine Wohnung her über Nacht von Hasen, Rehen und Hirschen wimmeln, so durften die Hunde, weil sie sonst Hetzjagden gehalten, dabei auch wohl Menschen angefallen haben würden, nicht vom Hofe. Einstmals hatte ich vergessen, abends das Türchen zu schließen, durch welches bei Tage die Hühner ins Freie gingen. Als ich frühmorgens aufstand, fand sich's, daß es der große Hund mit seinen gewaltigen Zähnen erweitert hatte und mit den zwei Zwergen ausgerückt war. Die ganze Schar war verschwunden und mochte über Nacht eine tolle Hetze gehalten haben. Ich erließ in der Zeitung eine Anzeige und durchsuchte alle benachbarten Dörfer. Nach acht Tagen bekam ich die zwei Spitzchen wieder; man hatte sie am zweiten Tage eine Stunde von hier ganz ermattet angetroffen und in ein Haus gelockt. Den großen Hund, der sich wohl durch seine Schnelligkeit und größere Hetzbegier von den Zwergen verloren hatte, erhielt ich einige Tage später zurück. Er hatte sich etwa am sechsten Tage nach seiner Abreise abgehungert und todmüde in die Stadt Waltershausen begeben und anfangs jedem, der sich ihm nahte, die Zähne gezeigt. Endlich wurde er mit Futter in ein Haus gelockt, hatte dort aber gleich bei der Mahlzeit geknurrt und um sich gebissen, so daß die Leute, um ihm gute Sitte beizubringen, ein schweres Holzscheit ergriffen und es ihm auf Kreuz und Schenkel warfen. Er war zusammengebrochen und 14 Tage völlig lahm, aber demütig geworden. Ich erfuhr, wo er war, holte ihn zurück, er erholte sich, war aber von nun an ganz umgewandelt.

An die Bewachung des Hauses, welches er zwei Jahre lang aufs Treuste besorgt hatte, dachte er nicht im geringsten mehr, er sann nur aufs Durchbrennen und Jagen. Gleich am ersten Abend, wo ich ihn wieder auf den Hof ließ, begann er an dem Hühnertürchen zu arbeiten. Ich gab ihm ein paar Hiebe, er setzte sich mürrisch in eine Ecke, lauerte, bis ich beim Schlafengehen das Licht ausgemacht, begann nun die Arbeit von neuem, wühlte sich unter dem Geländer ein großes Loch, ging hinaus ins Freie und jagte nach Herzenslust. Den anderen Tag nahm ich ihn beim Kragen, führte ihn an seine Grube, verwies ihm das Wühlen, gab ihm einige Hiebe und brachte ihn dann wie gewöhnlich in seinen Stall. Die nächste Nacht machte er ein neues Loch, da das alte fest verrammelt war, und brach wieder durch. Er bekam Hiebe, und ich ließ nun rings inwendig am ganzen Geländer hin 5 Zentimeter dicke und 50 Zentimeter lange Pflöcke dicht nebeneinander in die Erde schlagen. Aber das half nichts. Er wühlte einen Schuh tief, packte die Pflöcke dann mit den Zähnen, zog sie heraus und wühlte dann weiter. Ich ließ eine doppelte Reihe schlagen; auch das half nichts. So hatte er sich sechs Nächte hintereinander mit gewaltiger Kraft durch den festen Tonboden und die Pfähle durchgearbeitet und jeden Tag seine Hiebe entgegengenommen, und ich sah wohl, daß die letzteren keine guten Früchte trugen. Daher ließ ich das letzte Loch offen, nagelte daneben zwei wagerecht liegende Bretter sehr fest, ließ zwischen ihnen über der Mitte der Grube 12 Zentimeter Raum und stellte unter diese Oeffnung eine starke eiserne Marderfalle. Abends lasse ich den Hund los. Er geht wie gewöhnlich mit unschuldiger Miene, ohne nach dem Loche zu gucken, auf dem Hofe herum, verzehrt sein Abendbrot mit gutem Appetit, wartet ab, bis ich das Licht lösche, eilt dann zum Loche, steckt die Tatze hinein und wup! da schlägt's unten zu und er sitzt in einer abscheulichen, furchtbar zwickenden Klemme. Unter lautem Jammergeschrei sucht er sich zu befreien, zerrt nach oben, die Bretter leisten der Falle Widerstand; er stemmt sich mit dem freien Fuß und zieht nach einer Gefangenschaft, die zehn Minuten gedauert hat, die Pfote glücklich heraus. Am folgenden Morgen hatte er ein sehr schwermütiges Gesicht und eine lahme, geschwollene, geschundene Pfote. Ich ließ ihn ruhig in seinem Stalle und dachte: »Da hast du nun genug daran!« Er hatte nun auch wirklich die Lust zum Wühlen, jedoch nicht die zum Jagen verloren. Dies mußte ich gleich in der ersten Nacht zu meinem eigenen Schaden gewahren, denn er biß in das auf dem Hofe stehende Vogelhäuschen, das er zwei Jahre lang nie angetastet hatte, ein großes Loch, ging hinein und würgte zwölf Vögel. Am folgenden Tage gab's Hiebe zum Frühstück, das Häuschen ward sogleich ausgebessert, zu den wenigen Vögeln, die er nicht hatte erhaschen können, einige neue getan und rings ein Geländer gebaut. Das tat für einige Tage gut, aber sobald seine Pfote gesund war, benutzte er sie, wühlte sich unten hinein und mordete wie zuvor. Am folgenden Morgen regnete es Hiebe, das Häuschen ward ausgebessert, neu bevölkert und die Marderfalle hineingehängt. Die folgende Nacht war mondhell, und es machte mir viel Spaß, da ich ihn, wer weiß wie lange, schüchtern um das Vogelhäuschen herumgehen und nach der verhängnisvollen Falle gucken und schnuppern sah. Die Vögel waren nun sicher, der Hund mußte aber, sobald ich seine Stelle durch einen neuen ersetzt hatte, weg.

Auch in diesem Falle sehen wir wieder, wie unausrottbar dem Jagdhund die Jagdleidenschaft im Blute steckt. Aber können wir uns über seine »Unarten« wundern? Wir Menschen haben ja erst dieser Hunderasse die Jagdleidenschaft künstlich angezüchtet.

[24]. Klugheit und Verstellungskunst einer deutschen Dogge.

Die deutsche Dogge gilt im allgemeinen für kein besonders kluges Geschöpf. Wir schätzen wohl ihre Stärke, aber wenn wir einen klugen Hund haben wollen, nehmen wir lieber einen Pudel oder eine andere Hunderasse.

Um so mehr wird es uns in Erstaunen versetzen, was ein durchaus wahrheitsliebender Mann von seiner Dogge erzählt. Unser Gewährsmann, der als Rektor einer Schule in nicht recht geheuerer Lage vor dem Tore einer großen Industriestadt Deutschlands lebte, hielt es für nötig, sich zum Schutze der Familie und des Hauses einen tüchtigen Hund anzuschaffen. Meine Wahl fiel, erzählt er, auf eine fünf Monate alte schwarze deutsche Dogge, deren Eltern infolge ihrer Größe, Intelligenz und Treue bei den Hundeliebhabern der ganzen Umgegend in hohem Ansehen standen, zugleich aber auch wegen ihrer Bösartigkeit gefürchtet waren. Als ich den Hund ins Haus brachte, war man über sein täppisches Wesen und seinen bösen Blick nicht sonderlich erbaut. Er hatte sein Leben bisher in einem einfachen Hofe zugebracht, selten einen fremden Menschen gesehen, niemals ein Zimmer betreten, war daher vollständig verblüfft, als ich ihn in die Wohnstube führte, und nicht von der Stelle zu bewegen, nachdem er seine Beine, um größeren Widerstand leisten zu können, wie ein Sägebock auseinandergespreizt hatte. Nach Verlauf einiger Stunden legte er sein unbeholfenes Wesen aber schon etwas ab und fühlte sich in seinen neuen Verhältnissen ziemlich heimisch und erhielt den Namen »Tom«. Trotz der armseligen Verhältnisse, in denen er aufgewachsen, hat sich Tom niemals die geringste Unreinlichkeit zuschulden kommen lassen ... Selbstverständlich wurde er mein beständiger Begleiter auf meinen täglichen Ausflügen. Hier entwickelte er eine ungeahnte Lebhaftigkeit und Regsamkeit seines Wesens. Da ich mich selbst mit ihm nur wenig beschäftigte, verschaffte er sich auf eigene Art und Weise allerlei Kurzweil, verfolgte vorzugsweise mit unausgesetzter Aufmerksamkeit alles Tun und Treiben der Menschen und griff ohne weiteres in dasselbe ein, sobald es ihm unstatthaft erschien. Zank und Streit waren ihm z. B. höchst zuwider. Selbst wenn ziemlich weit entfernte Personen in heftigen Wortwechsel miteinander gerieten, stürzte er auf sie zu, stellte sich knurrend und zähnefletschend zwischen die Streitenden und brachte sie bald auseinander.... Am meisten ärgerte er sich, wenn Fuhrleute ihre Pferde mißhandelten. Zunächst nahm er in drohender Haltung neben den gequälten Tieren Stellung; wagte ihr Peiniger dann nur noch einen Schlag, so wurde er mit solcher Heftigkeit zu Boden geworfen, daß ihm Hören und Sehen verging. Sah er dagegen, daß jemand kaum imstande war, einen schwer beladenen Schubkarren von der Stelle zu bringen, so eilte er hilfreich hinzu, erfaßte den Bock des Fuhrwerkes mit den Zähnen und zog, mit rückwärts gerichtetem Körper, aus Leibeskräften.

Seiner gewaltigen Größe entsprach auch seine Körperkraft. Spielend trug er z. B. einen Henkelkorb von einem halben Zentner Gewicht weite Strecken. Einen wütenden, drohend auf mich zuschreitenden Ochsen, der mit einer Anzahl Kühe zur Weide getrieben wurde, hielt er so nachdrücklich am Halse fest, daß das Tier vor Schmerz laut aufbrüllte und entsetzt davonlief, als es von seinem Angreifer befreit wurde. Die Wände einer starken, aus neuen Brettern hergestellten Transportkiste, in welcher »Tom« einmal versandt werden sollte, und von welcher der Schreiner meinte, dieselbe sei für einen Tiger fest genug gearbeitet, zermalmte er schon auf der kurzen Strecke bis zum Bahnhofe zu Spänen. War er im Begriffe, sich auf einen Gegenstand zu stürzen, der ihn in Wut versetzte, vermochte ihn selbst der stärkste Mann nicht zu bändigen; er wurde wie ein Kind umgerissen und fortgeschleift.

An allen Familienerlebnissen nahm er wie ein Mensch Anteil. Wurde z. B. jemand bettlägerig, so saß er stundenlang an dem Lager des Kranken, schaute unverwandt nach dessen Angesicht und legte seine Schnauze oder Pfote leise auf die ihm entgegengestreckte Hand, um sein Mitleid auszudrücken.... Traf eine Postsendung von einem in der Ferne weilenden Kinde ein, so konnte er vor Freude kaum die Zeit erwarten, bis der Inhalt ausgepackt wurde, ergriff dann den ersten besten zum Vorschein gekommenen Gegenstand und eilte damit zu allen Familienangehörigen im Hause, die beim Auspacken nicht zugegen waren, um sie auf diese Weise von dem frohen Ereignis in Kenntnis zu setzen. Kehrte ein längere Zeit abwesendes Familienmitglied von der Reise zurück, während ich mich in der Schule befand, so eilte er sofort dahin, obgleich er es sonst nicht wagte, mir dort einen Besuch zu machen, und suchte, indem er mir Stock und Hut herbeitrug und sich vor Freude wie unsinnig gebärdete, mich zum Fortgehen mit ihm zu bewegen. Gelang ihm dieses, so stürzte er vor mir ins Haus und brachte mir irgendein Besitztum des Angekommenen entgegen, um mir anzudeuten, weshalb er mich geholt. Reiste dagegen ein ihm lieber Besuch wieder ab, so suchte er die Abfahrt zu verhindern, schleppte das Reisegepäck wieder aus dem Abteil und verfolgte den abfahrenden Zug eine weite Strecke mit Bellen und Heulen. Bei schweren, Kraft beanspruchenden Verrichtungen im Hause war er stets mit seiner Hilfe bereit; so trug er z. B. Kartoffeln und Kohlen im Henkelkorb aus dem Keller, beförderte die Waschkörbe nach der Bleiche und der Mangel usf.; besaß überhaupt das Bestreben, jedem nach eigenem Wunsch und Gefallen zu leben. Kein Wunder daher, daß er bald der Liebling der ganzen Familie, besonders der weiblichen Mitglieder des Hauses, wurde, die ihn freilich leider auch mit der Zeit verhätschelten und angenommene Unarten, die später viel Verdruß und Aerger bereiteten, anfangs als interessante Eigenheiten belachten, anstatt sie zu bestrafen. Fühlte er sich z. B. auf seinem harten Lager, einer Strohmatratze, unbehaglich, so pflegte er während meiner Abwesenheit auf meinem Sofa der Ruhe; vereitelten ihm absichtlich darüber gebreitete harte Gegenstände sein Vorhaben, so nahm er auch mit dem härteren Sofa in der Kinderstube vorlieb. Auf diesem hatte er mit Erlaubnis die bekannte Kinderkrankheit, der die meisten jungen Hunde unterworfen sind, in schwerer Weise überstanden, wurde aber nach derselben ebenfalls nicht mehr darauf geduldet. Ueberrumpelte man ihn dennoch ein oder das andere Mal auf der verbotenen Ruhestätte und rief ihm dann zu: »Tom bist du krank?« so blieb er ruhig liegen, schloß die Augen, stöhnte und ächzte laut, so daß jeder Fremde, der seine Verstellungskünste nicht kannte, annehmen mußte, er liege im Sterben. In der Regel gelang es ihm aber, sich, ehe die Tür geöffnet wurde, mit einem Satze vom Sofa zu schnellen; in diesem Falle stellte er sich mit der unschuldigsten Miene von der Welt daneben, suchte seine Verlegenheit durch lautes Gähnen und Dehnen seines Körpers zu vertuschen und war, wenn er nicht ausgescholten wurde, überzeugt, seine List sei ihm geglückt. Natürlich nahm er dann sein Ruheplätzchen von neuem ein, sobald er sich wieder allein im Zimmer befand. Gelang es ihm nicht, ein Sofa zu erobern, so begnügte er sich mit einem weichen Kopfkissen, indem er sich einen Puff von einem Sofa oder ein Paar Strümpfe aus dem Strumpfkorbe im Nebenzimmer auf sein Lager herbeiholte. Die wollene Decke, welche über das letztere gebreitet war, glättete er mit Hilfe von Nase und Pfoten mehrmals täglich so sorgfältig, daß sie nicht das geringste Fältchen zeigte; auch reinigte er sie von Zeit zu Zeit von dem auf ihr haftenden Staube, indem er sie mit den Zähnen faßte und heftig hin und her schüttelte.

Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm die Gelegenheit darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit dem sie sich gerade bei ihrer Handarbeit beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete Strümpfe, einen großen Wollenknäuel usw., heimlich, wie er sich einbildete, wegzustibitzen und in seinem großen Rachen verschwinden zu lassen. Suchten meine Töchter dann den geraubten Gegenstand absichtlich mit auffallender Emsigkeit, so hatte er seinen Zweck erreicht; er nahm unter besonders gemessener Haltung eine möglichst einfältige Miene an, um zu zeigen, daß er keine Ahnung von dem Grunde der stattfindenden Aufregung habe, und gab das Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht früher heraus, als bis man sich direkt an ihn mit der Frage gewandt hatte: »Tom, weißt du denn nicht, wo ... hingekommen ist?« War ich zufällig bei diesem Spiele zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn gestellt, und er mit einem Blicke auf die Mädchen sich überzeugt, daß er nicht beobachtet wurde, unaufgefordert zu mir, sperrte sein Maul so weit auf, daß ich den gesuchten Gegenstand erblicken mußte, warf mir einen verständnisinnigen, schelmischen Seitenblick zu, um dann im Umdrehen das vorher gezeigte dumme Gesicht wieder anzunehmen und auf seinen Platz zurückzukehren. Unglaublich war sein schnelles Verständnis für unsere Wünsche und Befehle. Es sei mir gestattet, nur einige Tatsachen als Beleg anzuführen. Einmal hatte er mit seinen schmutzigen Füßen das frisch gescheuerte Wohnzimmer arg verunreinigt. Er wurde auf sein Vergehen aufmerksam gemacht, ausgezankt, vor die Tür gewiesen und belehrt, wie er sich auf der vor derselben liegenden Strohdecke zu reinigen habe. Seitdem hat er sich nicht wieder erlaubt, eher einzutreten, als bis er seine Füße selbst nach Möglichkeit vom Schmutze befreit hatte. Fehlte zufällig der Abtreter, so bellte er bittend so lange vor der Tür, bis jemand mit einem Lappen herauskam und ihm die Füße, die er dann der Reihe nach aufhob und zum Reinigen hinhielt, abrieb. Obgleich er die Schule aus eigenem Antriebe zu allen Tageszeiten besuchte, um die aus den Papierkörben von dem Kastellan gesammelten Brotreste in Empfang zu nehmen, wagte er es niemals, wie bereits erwähnt, mir dort einen Besuch abzustatten. Rief man ihm dagegen zu Hause zu: »Tom! lauf schnell nach der Schule und hole den Papa!« so stürmte er zunächst nach meinem Zimmer im Schulgebäude; fand er mich hier nicht, so ergriff er meinen Hut und brachte ihn nach dem Zimmer, in welchem ich mich gerade aufhielt.

Leider besaß der Hund, wie bereits mitgeteilt, neben seinen glänzenden Eigenschaften auch verschiedene üble Angewohnheiten, die schon in seiner Jugendzeit das von ihm entworfene Bild wie vereinzelte dunkle Punkte trübten, mit seinem fortschreitenden Alter zum Teil aber einen solchen unheilvollen Charakter annahmen, daß sie das Zusammenleben mit ihm immer mehr verleideten. Schon die Gier, mit welcher er trotz seiner reichlichen Fleischkost dem Aas nachstellte, das sich häufig unter dem Miste auf dem Felde befand, machte die Spaziergänge in seiner Gesellschaft oft unerträglich ..... Während seiner Jugendzeit durften die Mädchen sich unbedenklich den Scherz erlauben, in seiner Gegenwart einem beliebigen Gegenstand in recht sichtbar zur Schau getragenen Weise zu schmeicheln und ihn zu liebkosen; er knurrte und bellte wohl diesen heftig an, zeigte jedoch durch sein komisches Gebärdenspiel, daß der an den Tag gelegte Zorn nur ein erkünstelter war; aber schon nach wenigen Jahren nahm sein Wesen bei diesem Spiele einen solchen bedrohlichen Charakter an, namentlich wenn es Menschen oder Tiere waren, die ihm bevorzugt wurden, daß man es aufgeben mußte, um nicht ein Unglück heraufzubeschwören ... Zugleich nahm er ein immer unfreundlicheres und mürrischeres Wesen gegen die Kinder an und zeigte sich selbstbewußter in seinem Auftreten erwachsenen Personen gegenüber. Während er früher z. B. den Schulkastellan durch Schmeicheleien zum Oeffnen der die Leckereien enthaltenden Schublade zu bewegen suchte, packte er ihn später, wenn er ihm nicht augenblicklich zu Willen war, mit allen Zeichen wirklichen Zornes am Arme und zog ihn mit Gewalt nach derselben. Hatte er sich in seinen ersten Lebensjahren außerordentlich feinfühlig gezeigt, so daß ihn ein unfreundliches Wort bitter kränkte, nahm er von den Meinigen jetzt Schelte und selbst Prügel mit völliger Gleichgültigkeit hin und drohte zu beißen, wenn ihm die Behandlung nicht paßte. Nur mir gehorchte er noch unbedingt und ertrug demütig die ihm wegen seines widerspenstigen Wesens erteilten Züchtigungen. Seine Anhänglichkeit und Sorge für mich schien sogar mit seinem Alter zuzunehmen.

Er stand jetzt in seinem siebenten Lebensjahre. Was bewährte Kenner der Hunderassen mir längst vorhergesagt hatten, traf ein: sein ursprüngliches bösartiges Naturell, das Erbteil seiner gefürchteten Eltern, scheinbar durch den stetigen, jahrelangen Verkehr mit Menschen ertötet, kam wieder zum Durchbruch, sobald er gereizt wurde .... Da veröffentlichten die Zeitungen in kurzer Zeit hintereinander zwei Fälle, in welchen deutsche Doggen sich wie wilde Bestien gegen ihre eigene Herrschaft benommen hatten ..... Wie ein drohendes Gespenst verfolgte von jetzt ab mich Tag und Nacht der Gedanke, welche Schuld ich auf mich laden würde, wenn durch Tom ein ähnliches Unglück herbeigeführt werden sollte. Trotzdem er mir unentbehrlich geworden, konnte ich mich der Ueberzeugung nicht verschließen, es sei unbedingt notwendig, mich von ihm zu trennen. Ihn für schnödes Geld fremden Händen zu überlassen und einer ungewissen Zukunft preiszugeben, würde mir wie ein Verrat an meinem besten Freunde erschienen sein; ich beschloß daher, ihn an eine befreundete Person, welche sichere Garantie für eine liebevolle Behandlung bot, zu verschenken.

Vorstehendes berichtet ein Schulmann, der Anspruch auf Glaubwürdigkeit hat. Trotzdem wollen mir zwei Angaben nicht in den Kopf, weil ich sie in meinem langen Leben, während dessen ich unzählige Hunde beobachten konnte, niemals von anderen Tieren gesehen, ja nicht einmal davon gehört habe. Einmal hat sich die Dogge die Füße vor der Tür gereinigt. Wie schön wäre es, wenn auch nur die klugen Hunde, wie Pudel, Schäferhunde usw., das nachmachen würden. Ferner hat die Dogge Sinn für Humor gehabt, indem sie gewissermaßen mit dem Verstecken des Knäuels einen Witz machte. Humor ist mir unter den Säugetieren nur bei den Affen bekannt, niemals bei den Hunden. Uebrigens wird auch hier das Aasfressen für eine Unart gehalten, was es gar nicht ist.

Dagegen sind die von mancher Seite angezweifelten Angaben über die Bereitwilligkeit zum Beistand und die Neigung zur Verstellung durchaus glaubhaft. Es sollen dafür noch andere Beispiele angeführt werden.

[25]. Verstellung und Beistand bei Hunden.

Von den Fällen, wo Hunde sich verstellten, seien hier folgende angeführt:

1. Ich besaß, schreibt ein Naturforscher, einen rauhhaarigen Hund, Pintsch genannt, der in ausgezeichnetem Grade log. Pintsch vertrieb sich die Zeit sehr gern mit »Bummeln«, wußte auch sehr wohl, daß er das nicht durfte, und kam infolgedessen nicht offen von seinen Spaziergängen nach Hause, sondern schlich sich heimlich ein. Dann aber, wenn er im Hause war, ging er meist nicht auf geradem Wege zu den Menschen, sondern machte folgendes Kunststück: er stieg, immer noch heimlich, auf den Speicher oder an eine andere versteckte Stelle, wartete, bis er unten im Hause jemand sprechen hörte und kam dann, tapp, tapp, mit unschuldigster Miene die Treppe herab. Sein späterer Besitzer bestätigte mir diese Beobachtung, ohne von mir darauf aufmerksam gemacht worden zu sein; so auffallend war die List, womit er seinem Herrn weiszumachen strebte, daß er den ganzen Tag im Hause verschlafen habe.

2. Es waren in einem Gasthause verschiedene Hunde, die sich alle Winterabende um das Kaminfeuer in dem Gastzimmer herumlagerten, doch so, daß sie den Gästen nicht im Wege waren. Einer von diesen Hunden, der sich gewöhnlich immer später als die anderen einfand, mußte mit einem entfernten Platze vorlieb nehmen. Bisher hatte er immer Geduld gehabt; an einem Abend aber, an welchem die Kälte ihm wahrscheinlich zu unerträglich war, ersann er folgenden listigen Streich, der ihm auch vollkommen gelang. Nachdem er sich einige Zeit zur Rechten und zur Linken umgesehen hatte, um ein Plätzchen in der Nähe des Feuers zu bekommen, aber seine Absicht nicht erreichen konnte, verläßt er auf einmal das Zimmer, läuft nach der Haustür und fängt an, aus allen Kräften zu bellen. Augenblicklich machen sich alle Hunde im Zimmer auf die Beine, laufen und bellen, so gut ein jeder kann. Der Hund, der das Zeichen gegeben hatte, ließ sie gehen, kam mit einer triumphierenden Miene zurück und suchte sich die beste Stelle beim Feuer aus. Seit der Zeit bediente er sich zur großen Belustigung der Gäste jedesmal, wenn er es für nötig fand, dieses Kunstgriffes und verfehlte nie seinen Endzweck.

3. Den gleichen Kunstgriff wandte ein kleiner gieriger Hund an, um dem großen Hausgenossen das Futter zu stehlen. Nachdem er seine Mahlzeit verschlungen hatte, lief er bellend zum Tore, gefolgt von dem Bernhardiner. Heimlich ging er zurück und fraß das Futter des Großen. Am vierten Tage kam der Bernhardiner hinter den Schlich des Kleinen und hätte ihn zuschanden gebissen, wenn der Hausherr nicht dazwischengetreten wäre.

Ueber Beistand, den die Hunde einander leisten, schreibt der vorhin erwähnte Besitzer von Pintsch folgendes: Meiner Wohnung gegenüber lag der Hund eines Bierwirts, ich will ihn Boxer nennen, häufig auf der Straße und sonnte sich. Boxer war ein ungeschlacht aussehendes Vieh, von dem ich nichts kannte als die Kraft seiner Zähne; die Lastträger, welche bei seinem Herrn verkehrten, belustigten sich öfter damit, ihn in einen vorgehaltenen Strick beißen zu lassen und ihn dann an diesem herumzutragen, was er beliebig lange aushielt. Eines Tages kam ein fremder kleiner schwarzer Hund durch das Stadttor gelaufen, und wie das zu geschehen pflegt, wurde er sofort von den kleinen Kötern, denen er in den Weg lief, angebellt. Bald stellten sie ihn; gerade unter meinem Fenster blieb das schwarze Tierchen ängstlich stehen, und um ihn bildete sich ein Kreis, bestehend aus allen kleinen Hunden der Nachbarschaft, die ihn feindselig ankläfften und berochen. Er war augenscheinlich in großer Not, und schon wollte ich mit einem Wurfgeschoß zu seinen Gunsten einschreiten, da erhob sich Boxer, der auf der anderen Seite der Straße lag, aus seiner faul behaglichen Ruhe, schritt herzu, durchbrach den Kreis der Kläffer und stellte sich breitbeinig mitten über den kleinen schwarzen Hund! Boxer sagte nichts dazu, aber er warf einen Blick rings um sich, solch einen Allgemeinblick, wie ihn kein ernster Schauspieler beredter und verächtlicher loslassen kann! Die würdige Haltung stand zwar zu seinem ziemlich gemeinen Gesichtsausdruck in einem außerordentlichen Widerspruch, der zum Lachen reizte, aber sie wirkte unübertrefflich; in wenigen Sekunden war die Meute der Angreifer nach allen Richtungen zerstoben, und Boxer blieb mit seinem Schützling allein. Einige Augenblicke ließ er diesen noch unter sich stehen, dann zog er schwerfällig sein rechtes Vorderbein über dessen Rücken weg, wandte sich und suchte, ohne umzuschauen, sein früheres Lager wieder auf. Der kleine Schwarze aber lief fröhlich davon.

Aehnliche Fälle, wo Hunde dem Menschen oder anderen Hunden oder Tieren Beistand geleistet haben, kann man nicht selten beobachten. Beistand und Verstellung sind dem Hunde naturgemäß, weil sie beide ihm in seiner früheren Lebensweise angeboren waren. Von jeher mußten sich die einzelnen Glieder eines Rudels im Kampfe gegen wehrhafte Pflanzenfresser beistehen. Aber auch die Verstellung ist ihm etwas Natürliches. Noch heutigen Tages schleppen die Schakale eine Beute ins Gebüsch und sehen erst mit der harmlosesten Miene nach, ob die Luft rein ist. Es könnte ja sonst sein, daß ihnen ein Mensch oder ein großes Raubtier die Beute entrisse. Da ferner der Leiter des Rudels als unbeschränkter Herrscher diejenigen straft, die sich seinen Befehlen nicht fügen, so hat sich der Hund von jeher daran gewöhnt, seinen Gebieter durch Verstellung zu täuschen.

[26]. Leistungen der Hunde zum Nutzen der Menschen.

Ueber Polizei- und Blindenhunde ist schon an einer früheren Stelle gesprochen worden. Allgemein dürfte bekannt sein, daß im Weltkriege viele Soldaten durch Sanitätshunde gerettet worden sind.

Die Sanitätshunde haben ihre Vorläufer in den sogenannten Bernhardinerhunden. Das Ueberschreiten des Bernhardpasses ist wegen der Unbilden der Witterung sehr gefahrvoll. Deshalb besteht dort ein Hospiz zur Pflege und Rettung der Reisenden. Jeden Tag gehen zwei Knechte mit Hunden über die gefährlichen Stellen des Passes. Groß ist die Zahl der durch diese klugen Hunde Geretteten. Der berühmteste Hund der Rasse war Barry, das unermüdlich tätige und treue Tier, das in seinem Leben mehr denn vierzig Menschen das Leben rettete. Er ist im Museum von Bern ausgestellt.

Ueber die Leistungen der Jagdhunde soll im zweiten Bande gesprochen werden, wo die heimische Tierwelt geschildert wird.

Für den Landbewohner sind außer den Wachhunden am wichtigsten die Hunde zum Treiben des Viehs (Fleischerhunde) und die Hunde zum Bewachen des Viehs, namentlich der Rinder und Schafe (Hirtenhunde). Ueber diese Hunde wäre folgendes zu sagen:

Man hat den Fleischerhund am liebsten schwarz oder braun. Ein guter Fleischerhund ist in seiner Pflicht unermüdlich, läuft unaufhörlich hinter dem Vieh, das er vor sich hertreibt, hin und her; geht ein Ochse durch und läßt sich nicht zurücktreiben, so springt er ihm an die Schnauze und hängt sich mit den Zähnen daran fest. Schweine packt er am Ohr, was er teils von selbst tut, teils bei einiger Anleitung an kleineren Schweinen leicht lernt. Man richtet ihn auch ab, falls er dies nicht von selbst tut, daß er, sobald er das Ohr fest gepackt hat, über den Rücken des Schweines wegspringt, wodurch er auf die andere Seite kommt, das Ohr mit hinüberzieht, dem Schweine den Kopf umdreht und es auf solche Weise leicht zum Stehen bringt.

Der Hund des Kuhhirten muß immerfort seinen Herrn beobachten und aufmerken, ob dieser ihm etwas befiehlt, was er dann augenblicklich ausführt. Er muß volle Spitzzähne haben. Kühe, welche nicht sogleich gehorchen, muß er wirklich beißen, sonst haben sie keine Achtung vor ihm. Treibt er die Kuh vor sich her, so darf er nur nach den Hinterfüßen beißen, und zwar, um nicht geschlagen zu werden, von der Seite, nie nach dem Schwanze oder den Seiten, am allerwenigsten nach dem Euter. Schlägt die Kuh nach ihm, so muß er sich gut in acht nehmen, aber dennoch beißen. Will er die Kuh wenden, so muß er nach dem Kopfe beißen. Widersetzt sich ihm eine Kuh oder ein Ochse geradezu mit den Hörnern, so trägt er, wenn er seinem Amte ganz gewachsen ist, dennoch den Sieg davon, indem er das Vieh ohne Umstände in die Schnauze beißt und sich daran festhängt. Ist ein Ochse nur einmal von dem Hunde in dieser Art gebissen worden, so hat er vor einem solchen Schnauzenbiß entsetzliche Angst. So hatte vor vielen Jahren der Waltershäuser Hirt einen trefflichen Hund von Größe und Farbe eines Fuchses. Der Hauptbulle der großen Herde war zu jener Zeit ein lebensgefährliches Tier, wagte aber, nachdem ihm der Hund einmal fest, schwer und lange an der Nase gehangen, gegen diesen nicht die geringste Widersetzlichkeit. Einstmals hatte sich der Hund in der Stadt mit Beitreiben von Kühen verspätet, der Bulle glaubte sich sicher, achtete nicht auf den Hirten, bis dieser laut nach dem Hunde pfiff; da sah sich der Bulle ängstlich um und rannte, anscheinend vom bösen Gewissen getrieben, wie der Hund gesaust kam, geradeaus auf einen hinter dem Burgberge gelegenen Teich los, sprang ohne Zaudern in diesen hinein, eilte bis zu einer Stelle, wo nur noch sein Kopf hervorragte, machte dort Halt, schwenkte und sah den Hund und den Hirten erwartungsvoll und schweigend an. Der Hirt rief den Hund ab, trieb die Herde, denn es war Abend, heimwärts und der Bulle folgte von fern wie ein demütiger Sünder. Von dieser Zeit an war das Betragen des Bullen immer tadellos.

Die außerordentliche Wirkung des Schnauzenbisses ist ganz einleuchtend. Denn auch der Bulle ist ein Nasentier, dessen Nase ungeheuer empfindlich ist. Deshalb zieht man ihm häufig zu seiner Bändigung einen Ring durch die Nase.

Der Schäferhund muß ebenfalls nach den Hinterfüßen und beim Wenden nach Kopf und Hals beißen. Ist ein Saat- oder Kleefeld in der Nähe, das er schützen soll, so läuft er entweder rastlos an ihm auf und nieder oder er legt sich lauernd hin und springt plötzlich zu, wenn ein Schaf zu naschen wagt. Ueber die Klugheit mancher Schäferhunde beim Hüten der Schafe soll noch später bei dem Schafe gesprochen werden.

Die Rattenplage und ihre Bekämpfung durch Hunde und Katzen soll bei der Katze geschildert werden.

Die körperliche Leistungsfähigkeit der Hunde ist ganz erstaunlich. Was ein Fleischerhund oder ein Schäferhund den Tag über zusammenläuft, läßt sich schwer berechnen, aber es ist jedenfalls eine riesige Strecke. Bei den schnellen und ausdauernden Hühnerhundrassen hat man berechnet, daß sie in sechs bis sieben Stunden eine Strecke von mehr als 100 Kilometern im Galopp durchmessen. Von einem russischen Windhund wird berichtet, daß er an einem Tage 140 Kilometer auf der Landstraße zurücklegte, ohne wunde Ballen zu erhalten.

[27]. Gefahren durch Hunde.

Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Von den Schmutzereien, durch welche die Hunde lästig fallen, ist schon früher die Rede gewesen. Die Kellerbewohner suchen sich den unerwünschten Besuch von Hunden durch Bestreuen mit einem scharfriechenden Pulver fernzuhalten. Dieses Verfahren ist bei einem Nasentier ganz zweckmäßig.

Bei der ungeheuren Anzahl von Hunden, die in unserem Vaterlande gehalten werden, sind erhebliche Verletzungen durch Bisse verhältnismäßig selten. Immerhin kommen sie vor und mahnen daher zur Vorsicht.

Das müssen selbst begeisterte Hundefreunde zugeben. So schreibt einer zum Lobe der Hunde folgendes: Ich habe kluge Hunde gekannt, die fast jedes Wort und jeden Wink ihres Herrn zu verstehen schienen, auf seinen Befehl die Tür öffneten oder verschlossen, den Stuhl, den Tisch oder die Bank herbeibrachten, ihm den Hut abnahmen oder holten, ein verstecktes Schnupftuch u. dgl. aufsuchten und brachten, den Hut eines ihnen bezeichneten Fremden unter anderen Hüten durch den Geruch hervorsuchten usw. Es ist auch eine Lust zu sehen, wie entzückt ein Hund ist, wenn er seinen Herrn ins Freie begleiten darf, wie jämmerlich dagegen sein Gesicht, wenn er zu Hause bleiben muß.

Derselbe Hundefreund muß aber auch folgendes einräumen: Sehr große Hunde sind, wenn sie in Wut geraten, selbst ihrem Herrn und ihren Freunden gefährlich. Ich füge hier einige Fälle bei, die sich ganz in meiner Nähe ereignet haben. Als Student wohnte ich nicht weit von dem Hause eines Gerbers. Ueber Nacht kam in dessen Nähe Feuer aus; der Mann sprang rasch in ungewöhnlicher Kleidung auf den Hof und wurde da sogleich von seinen zwei Fleischerhunden angefallen und totgebissen.

Als ich einen in Oesterreich wohnenden Freund besuchte, hatte dieser einen parkartigen Garten, der mit dem Hofe in Verbindung stand, mit einer Mauer umgeben, aber so oft es etwas Gutes darin gab, kamen bei Nacht Diebe über die Mauer. Er versuchte allerlei Gegenmittel vergeblich und ließ dann aus Ungarn mit großen Kosten drei große bösartige Wolfshunde samt einem Wärter kommen, der dann auch gleich als Tagelöhner diente. Jede der drei Bestien lag an einer starken, zugleich als Halsband dienenden eisernen Kette und war mit dieser auf einem mit Stroh ausgepolsterten Wagen gefesselt. Dort machten die Fesselträger von Zeit zu Zeit einen Höllenlärm, waren zuletzt, wie sie abgeladen waren, seelenvergnügt, und jeder wurde an ein schönes, bequemes Häuschen gelegt, vor welchem eine Empfangsmahlzeit bereit stand. Nach einigen Monaten waren sie eingewohnt, der Ungar ließ sie für die Nacht los, sie tobten vor Freude in allen Ecken und Enden, taten mehr Schaden als früherhin die Diebe und leisteten dem Ungar, als er sie am nächsten Morgen wieder anlegen wollte, solchen Widerstand, daß sogleich der Beschluß reifte, sie für immer an der Kette zu lassen. – Dergleichen könnte ich aus meiner Erfahrung noch viel beifügen. Es möge jedoch noch bemerkt sein, daß drei meiner Freunde, deren jeder einen Neufundländer besaß, den er für ausgezeichnet fromm erklärte, von diesen bei geringer und ganz verschiedener Gelegenheit erbosten Bestien mordgierig überfallen, stark verwundet und nur durch schnelle Hilfe gerettet worden sind. Ueber dem einen der Herren mußte der Hund, der ihn niedergeworfen, rasch erschossen werden. – Große Ziehhunde haben schon oft Unheil angerichtet.

Die hier geschilderten Unglücksfälle hätten sich wohl zum Teil vermeiden lassen, so z. B. wenn der Gerber seine Hunde vorher angerufen hätte. Jeder erfahrene Tierkenner, der einen Stall oder Zwinger betritt, ruft die Tiere zunächst an, damit sie merken, daß es ihr Herr oder eine ihnen bekannte Persönlichkeit ist. Aufgeregte Nasentiere haben keine Zeit, vorher den sich Nähernden zu beschnüffeln. Die Nase ist insofern ein sehr viel langsamer arbeitendes Sinnesorgan als das Auge. Es braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, daß selbstverständlich auch das Auge bei Nasentieren wichtig ist. Denn zwecklos verleiht die Natur keine Gaben.

Vor Ziehhunden soll man sich stets in acht nehmen, weil sie wegen ihrer anstrengenden Tätigkeit gewöhnlich schlechter Stimmung sind. Ob man Hunde überhaupt zum Ziehen verwenden soll, wird beim Esel besprochen werden.

Es wurde schon erwähnt, daß man Hunde nicht küssen soll, da sie als frühere Raubtiere Aas fressen. Es kommt aber noch ein anderer Grund hinzu. Der Hund beherbergt mehrere Bandwürmer, von denen der Hülsenbandwurm (taenia echinococcus) der für den Menschen gefährlichste ist. Da der Hund Kot beschnüffelt, so kann er die Eier dieses Bandwurms an die Schnauze bekommen und durch Belecken – am leichtesten durch Küssen – auf den Menschen übertragen. Im Innern des Menschen, der die Eier in den Mund bekommen hat, bilden sich kohlkopfgroße Blasen, die tödlich werden können. Zur Beruhigung sei mitgeteilt, daß seit Jahrzehnten nur zwei Personen daran erkrankt sind.

Häufiger tritt die berüchtigte Tollwut auf. In Deutschland wurden im Jahre 1912 durch tolle oder tollwutverdächtige Tiere 240 Personen gebissen. Hiervon wurden 232 Personen geimpft. Sehr zugunsten der Schutzimpfung spricht, daß nur drei Personen starben, von denen obendrein sich zwei zu spät hatten impfen lassen.

Der Volksglaube, daß man einen tollen Hund am eingeklemmten Schwanz und an der Wasserscheu erkennt, ist irrig. Wohl aber zeichnet er sich durch verändertes Benehmen, namentlich durch große Beißlust aus.

Die Tollwut endet immer tödlich. Eine bestimmte Räudekrankheit, die Acarusräude, pflegt ebenfalls unheilbar zu sein. Sonst werden junge Hunde namentlich im Alter von vier bis zu neun Monaten gewöhnlich von der Staupe befallen, die in einer ansteckenden Entzündung der Schleimhäute besteht. Die Gelehrten stehen dieser Seuche, die fast die Hälfte aller Junghunde dahinrafft, ziemlich machtlos gegenüber. Auf dem Lande hat man die seltsamsten Kuren dagegen und häufig mit Erfolg.

Ein Glück ist es, daß die Flöhe, die der Hund besitzt, nicht dauernd auf den Menschen übergehen. Nach kurzer Zeit verlassen sie ihn wieder. Der Ausspruch: Wer sich mit Hunden niederlegt, steht mit Flöhen auf, ist also nicht ganz richtig.

Man könnte nun sagen, daß schon allein die Tollwut der Hunde Grund genug wäre, alle Hunde abzuschaffen, da ein einziges Menschenleben unendlich wertvoller als das zahlreicher Tiere ist. Dagegen muß man darauf hinweisen, daß man überall im Leben Vorteile und Nachteile abwägen und danach seinen Entschluß fassen soll. Heute las ich in den Zeitungen, daß allein in Berlin fünf Personen durch unbeaufsichtigt gelassene Gashähne getötet worden sind. Werden wir deshalb die Gasbenutzung aufgeben? Nein, ebensowenig wie auf das Baden, Schwimmen, Schlittschuhlaufen verzichtet wird, obwohl alljährlich eine Menge blühende Menschenleben dieser von der Jugend so beliebten Betätigung zum Opfer gebracht werden.

Dagegen wird man zweckmäßig handeln, wenn man sich die Gefahren vergegenwärtigt, und doppelte Vorsicht anwendet.

Eigentümlichkeiten des Hundes, die bisher noch nicht erörtert worden sind, werden an einer späteren Stelle besprochen werden (vgl. das [Sachregister]).

[28]. Geschichtliches vom Hunde.

In welcher Weise der Haushund gezähmt worden ist, wissen wir nicht. Da viele Hundeartige (Kaniden), beispielsweise die Schakale, den Löwen und Tigern folgen, um an ihrer Beute teilzunehmen, so werden sie sich auch dem Urmenschen angeschlossen haben, um etwas von den Abfällen seiner Mahlzeiten zu ergattern. Der Mensch wird bald bemerkt haben, daß die Nachbarschaft dieser Tiere für ihn von größtem Vorteil war. Sie machten Lärm, sobald sich etwas Ungewöhnliches zeigte, und sie fanden durch ihre feine Nase dort Wild, wo er achtlos vorübergegangen war. Wie heute in der Türkei noch die Straßenhunde leben, die keinen eigentlichen Herrn haben, also halbwild sind, so haben sich wahrscheinlich schon in früheren Zeiten halbwilde Hunde dem Menschen angeschlossen. Wir machen eine ähnliche Beobachtung bei andern Tieren. Der Hausstorch, der Hausrotschwanz, die Hausschwalbe, der Haussperling, der Haus- oder Steinmarder, die Hausmaus und andere Tiere haben sich ebenfalls mit dem Menschen angefreundet und sehen jetzt ganz anders aus als ihre ganz wilden Verwandten. Der Hausstorch sieht schwarz-weiß-rot aus, der im Walde lebende Waldstorch ist dagegen fast schwarz. Der in der Scheune lebende Hausmarder hat eine weiße, der im Walde lebende Edelmarder eine gelbe Kehle usw. Halbwilde Hunde, ähnlich dem Straßenhunde in der Türkei, sind wahrscheinlich die Vorfahren unserer Haushunde, die durch Kreuzung mit Wölfen und Schakalen im Laufe der Zeiten entstanden sind.

[29]. Der Hund in Sprichwörtern und Redensarten.

Einige Sprichwörter und Redensarten, die sich mit dem Hunde beschäftigen, sind bereits erklärt worden (über Bellen und Beißen der Hunde, sich rekeln, Eberköpfe und Hundeköpfe, Grasfressen, Anbellen des Mondes sowie über Hund und Ofen und Hund und Flöhe). Hier sollen noch weitere angeführt werden.

Der Hund wurde einerseits wegen der bereits erwähnten Eigenschaften, die uns Menschen widerwärtig sind, sehr verachtet, andererseits wegen seines Nutzens für uns sehr geschätzt.

Für die Verachtung spricht die Strafe des Hundetragens, womit man andeuten wollte, daß jemand wert sei, wie ein Hund erschlagen und aufgehängt zu werden.

Hiermit bringt man die Redensart in Verbindung:

Auf den Hund kommen, d. h. also in eine solche Lage kommen, wie einer, der Hunde tragen muß. Damit will man andeuten, daß jemand in verächtliche oder schlimme äußere Verhältnisse geraten ist, oder daß es mit seiner Gesundheit schlecht steht.

Jemanden auf den Hund bringen heißt also, ihn in solche schlechte Verhältnisse bringen.

Ueber den Hund kommen heißt hiernach, jene Strafe überstehen. Vervollständigt wird der Gedanke in der Redensart:

Komm ich über den Hund, komm ich auch über den Schwanz, d. h. also, überstehe ich die Strafe, so werde ich auch die Nachklänge hieraus überstehen.

Einer ist so verachtet, daß nicht einmal die Hunde ein Stück Brot von ihm nehmen. Es ist das natürlich eine Uebertreibung, um zu sagen, daß das verächtlichste und gierigste Tier von diesem Menschen nichts annehmen würde.

Etwas geht vor oder für die Hunde, d. h. es geht dahin, wo sich die verächtlichsten Geschöpfe befinden, also es geht zugrunde.

Hunde und Flöhe gehören zusammen. Je magerer der Hund, desto größer die Flöhe. Das bezieht sich auf die Menge Ungeziefer, das auf den meisten Hunden haust.

Er ist bekannt wie ein bunter Hund. Diese Redensart würde heute nicht entstehen, denn bei uns gibt es jetzt eine Menge mehrfarbige Hunde, z. B. Terriers, Tigerdoggen usw. Früher muß es fast nur Hunde mit einfarbigem Fell gegeben haben.

Die enge Zusammengehörigkeit des Hundes mit dem Menschen geht daraus hervor, daß man in Tirol sagt statt gar niemand:

Kein Hund und kein Seel.

Auch bei uns heißt es deshalb:

Da kräht weder Hund noch Hahn danach, denn zum Haushalte gehören Hund und Hahn.

Mit allen Hunden gehetzt sein. Das sind manche Stücke Wild, z. B. manche Hasen, die durch Zurücklaufen auf ihrer Spur die Hunde in die Irre führen.

Viele Hunde sind des Hasen Tod. Das soll im nächsten Bande, der die heimische Tierwelt enthält, erklärt werden.

Wenn die Hunde schlafen, hat der Wolf gut Schafe stehlen.

Trotz des Nutzens, den der Hund dem Menschen bringt, hat er wenig Dank dafür. Schlechte Behandlung und wenig Futter sind sein Lohn. Daher die Redensarten:

Es haben wie ein Hund.Leben wie ein Hund.Arbeiten wie ein Hund.Müde sein wie ein Hund oder hundemüde sein.Hunzen = schelten wie einen Hund. – Der Hund ist launischer Behandlung ausgesetzt, weshalb man sagt:

Wer einen Hund will werfen, findet bald einen Prügel.

Der Knüttel liegt beim Hunde, d. h. daß der Hund so handeln muß, wie der Herr will, weil der sonst allzeit bereite Knüttel zur Anwendung gelangt.

Wegen seiner Gefräßigkeit sagt man:

Er wird halten, wie der Hund die Fasten, das heißt gar nicht.

Aus seiner Unverträglichkeit mit der Katze erklärt sich:

Wie Hund und Katze leben.

Weil der Hund der geborene Wächter ist, so nennt man auch die Schlösser, die den Dieb vom Stehlen des Schatzes abhalten Hunde. In Bayern heißt der Schatz selbst so. Hieraus stammen die Redensarten:

Hunt hint haben, d. h. einen heimlichen Schatz haben.

Den Hunt schmecken wissen, d. h. wissen, wo Vermögen und etwas zu erhaschen ist.

Da liegt der Hund begraben. Manche meinen, daß hier mit Hund der Schatz bezeichnet werde. Das paßt aber schlecht in vielen Fällen.

Wahrscheinlich stammt die Redensart aus dem alltäglichen Kampfe zwischen Jäger und Landwirt. Der Bauer läßt seinen Hund wildern, und der Förster greift zur Selbsthilfe. Wenn er annimmt, daß niemand es sieht, erschießt er den Hund und vergräbt ihn. Manchmal hat aber doch ein Knecht oder sonst ein Mensch die Tat gesehen, der nun weiß, wo der Hund begraben liegt. Er ist froh darüber, denn entweder muß ihm der Förster, der natürlich dem Bauern gegenüber alles bestreitet, Schweigegeld geben oder der Bauer muß ihm das Geld geben, damit er ihm zeigt, wo der Hund begraben liegt.

Sehr hoch schätzt die Treue des Hundes der Ausspruch:

An fremden Hunden und Kindern ist das Brot verloren, d. h. die Hunde lassen sich dadurch nicht verleiten wegen ihrer Hundetreue.

Nur bei einem sehr hundefreundlichen Volke konnte der Vers entstehen:

Einen Mann hungerte manche Stund,

Er ging und kaufte sich einen Hund.

Hundehaare auflegen kommt von dem Glauben, daß, wer Schaden zufügt, auch die Kraft zum Heilen besitzt. Auf eine von einem Hund verursachte Wunde soll man also Hundehaare legen. In übertragenem Sinne spricht man davon, wenn man die durch den Alkohol entstandene Magenverstimmung durch weiteren Alkohol beseitigen will.

Deutsche Dogge

Wachtelhund

Schäferhunde

Schnauzer

Drahthaariger Foxterrier