Der Seidenspinner

[195]. Warum ist unsere Seidenraupenzucht zurückgegangen?

Früher habe ich oft Gelegenheit gehabt, mir die Zucht von Seidenraupen anzusehen. Jetzt aber konnte ich trotz aller Bemühungen keinen Seidenraupenzüchter ausfindig machen. In den Zoologischen Handlungen gab man mir den Bescheid, daß die Seidenraupenzucht aufgegeben sei, weil die Aufzucht einen Raum von 70 Kubikmetern verlangt. Den hat man bei der jetzigen Wohnungsknappheit nicht übrig. Alte Seidenhandlungen, an die ich mich wandte, antworteten mir ähnlich. Eine sehr bekannte Firma schrieb mir, daß sie Seidenraupenzüchter nur in Baden und Württemberg kenne.

Wie in vielen Fällen unser berühmter Zoologischer Garten Hilfe in der Not gebracht hat, so war in diesem Falle unser ebenso berühmtes Aquarium der Retter in der Verlegenheit. Wir suchen diese Sehenswürdigkeit ersten Ranges auf und können uns bei dieser Gelegenheit die verschiedenen Goldfischarten, z. B. die Schleierschwänze und Teleskopfische, ferner die Chanchitos und andere tropische Aquariumfische in der wunderbarsten Beleuchtung ansehen.

In zwei Kästen wimmelt es von Raupen unseres Maulbeerspinners. Sie haben etwa die Länge des kleinen Fingers eines Mannes, nur sind sie nicht so dick. Ihre Tätigkeit scheint in dem Programm zu bestehen: Fressen, fressen und abermals fressen. Dementsprechend ist auch die Verdauung. Ueberall sehen wir schwarze Klümpchen auf dem Boden liegen. Verglichen mit den anderen Seidenspinnern sieht übrigens der Schmetterling des Maulbeerspinners sehr unscheinbar aus. In einem Nebenzimmer können wir nämlich die andern Spinnerarten bewundern, den Eichenseidenspinner Nordchinas, den Ailanthusspinner Chinas und Japans, den südamerikanischen Spinner Telea Polyphemus usw.

Die Farbe der Seidenraupe ist perlgrau, die der kleinen Eier ziemlich ebenso. Eine Menge Kokons können wir erblicken, welche die so geschätzte Seide liefern. Ein Kokon enthält einen Faden von 1000 bis 3000 Meter Länge. Hiervon ist jedoch nur ein Teil zur Herstellung von Seide verwendbar. Obendrein müssen mehrere Kokonfäden zusammengedreht werden, um einen Seidenfaden zu liefern.

Zu einem Kilo Seide sind 10 Kilo Kokons erforderlich. Ein Kilo Kokons enthält etwa 2500 Stück.

Deutschland führt jährlich etwa 11 Millionen Kilo im Werte von 158 Millionen Mark ein, wobei nach der heutigen Valuta der Betrag entsprechend erhöht werden muß.

Es wäre sehr wünschenswert, daß ein Teil dieses Materials bei uns selbst hergestellt würde, zumal die Seidenraupenzucht durch Kriegsbeschädigte, Frauen und Kinder ausgeübt werden kann. Sie kostet weniger Mühe als beispielsweise die Bienenzucht.

Ich entsinne mich, an verschiedenen Stellen unserer Heimatprovinz alte Maulbeerbäume gesehen zu haben, deren Früchte vortrefflich schmeckten. Von den Ortseinwohnern erfuhr ich, daß sie im achtzehnten Jahrhundert auf Anordnung von Friedrich dem Großen angepflanzt seien, um die Seidenraupenzucht bei uns einzuführen.

In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war sogar die Seidenraupenzucht bei uns in einer gewissen Blüte. Dann aber brachen Seuchen unter den Raupen aus, und jetzt ist die Ausbeute sehr gering.

Es ist das Verdienst von Pasteur, die Gefahr der Seuchen fast beseitigt zu haben.

Um in unserem Vaterlande die Seidenraupenzucht wieder zu heben, ist natürlich in erster Linie die Beschaffung von Futter für die Seidenraupen erforderlich. Wie schon der Name sagt, ist ihr zuträglichstes Futter Maulbeerblätter. Als Ersatz kommen Schwarzwurzeln in Betracht. Viele meinen, daß der Rückgang der Seidenraupenzucht deshalb eingetreten sei, weil der Maulbeerbaum bei uns nicht aushalte. Das wird aber von Kennern bestritten, die sich darauf berufen, daß die Maulbeerbäume sogar den harten Winter von 1916 bis 1917 überstanden haben. Außerdem liefert nach ihnen der deutsche Maulbeerbaum viel kräftigeres Futter, so daß schon 7 Kilo Kokons ein Kilo Seide ergeben.

Um recht bald Futter zu erhalten, ist die Anpflanzung des Maulbeerbaums in Hecken am zweckmäßigsten. Obendrein ist dadurch das Füttern erleichtert.

Hat man Futter, so besorgt man sich seuchenfreie Eier. Manche heizen das Zimmer, bis eine Temperatur von 22 bis 25 Grad Celsius vorhanden ist. Andere halten eine Temperatur von 15 bis 18 Grad für durchaus hinreichend. Das ist bei den heutigen hohen Preisen für Brennstoffe von großer Wichtigkeit.

In 10 bis 15 Tagen schlüpfen die jungen Raupen aus den Eiern. Sie müssen regelmäßig gefüttert und sorgfältig umgebettet werden. Nach mehrfacher Häutung hört die Raupe auf zu fressen und spinnt sich ein, wodurch die Kokons entstehen. Die Kokons werden gesammelt, und der in ihnen befindliche, zum Auskriechen bereite Schmetterling durch Wasserdämpfe getötet. Würde man die Kokons nicht einer so hohen Hitze aussetzen, so würde der Schmetterling sich einen Ausweg aus dem Gespinst bahnen, wodurch der Wert des Gespinstes erheblich gemindert wird.

Nur die zu Zuchtzwecken bestimmten Kokons läßt man auskriechen. Die Schmetterlinge paaren sich und sterben bald darauf, nachdem vorher das Weibchen Eier gelegt hat.

Pasteur hat diese Paarung in kleinen Tüllsäcken vor sich gehen lassen. Nach dem Tode werden die Schmetterlinge untersucht, und nur die Eier von gesunden Tieren zur weiteren Zucht verwendet.

Nach dem Besuch unseres Aquariums ersehe ich aus den Zeitungen, daß bei Wertheim eine Seidenraupenzuchtausstellung stattfindet. Veranstaltet wird sie von dem Gemeinnützigen Verband für Seidenbau in Deutschland E. V. zu Berlin-Wilmersdorf, Brandenburgische Straße Nr. 36.

Von dem Vorhandensein eines solchen Verbandes wußten demnach alle von mir befragten Stellen nichts.

Wir begeben uns auch zu dieser Ausstellung, wo etwa das gleiche wie im Aquarium zu beobachten ist. Nur ist das Material hier umfangreicher.

Von Wichtigkeit ist, daß der Verband seuchenfreie Eier und Maulbeerpflänzlinge liefert. Ebenso ist er Abnehmer der Kokons. Auch kann man von ihm eine Broschüre erhalten, die alles nähere über die Seidenraupenzucht enthält (Preis 1,25 Mk.).

Auch in diesem Falle beobachten wir wieder, daß die größte Gefahr von der unnatürlichen Ansammlung des Unrats herrührt. Unter freiem Himmel fällt der Unrat der Raupen an die Erde, und die Tiere selbst werden gar nicht davon berührt. Bei der Zucht im Zimmer muß also für schnelle Beseitigung gesorgt werden.

Es seien zum Schluß die Merkworte des genannten Verbandes für die Seidenraupenzüchter angeführt: Heller, luftiger Zuchtraum. Gleichmäßige und feuchte Wärme. Schüsseln mit Wasser aufstellen. Sind kalte Nächte zu befürchten, die Raupen mit Papier bedecken. Regelmäßiges, reichliches Füttern. Nasses Laub vermeiden. Die Raupen in den Häutungen nicht stören. Für Zufuhr frischer Luft sorgen, Zuchtraum feucht aufwischen, nicht fegen. Kranke und tote Raupen entfernen. Ersatzfutter ist: Kopfsalat, auch im Notfalle Blätter der Schwarzwurzel, wenn einmal Mangel an Maulbeerlaub eintreten sollte.

[196]. Die Seidenraupe in Redensarten und Sprichwörtern.

Bekannt ist die Stelle aus Goethes Tasso:

Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen.

Mit dem Seidenwurm ist natürlich die Seidenraupe gemeint. Der sehr schöne Gedankengang ist folgender: Wie die Seidenraupe, so macht auch mancher Mensch von den ihm verliehenen Gaben Gebrauch, obwohl er weiß, daß er gerade dadurch sein Leben abkürzt.

Hinken tut der Vergleich dadurch, daß der Wurm nicht sterben, sondern als Schmetterling sich paaren will.