Die Gans

[176]. Warum gilt die Gans als wachsam?

In unserem Zoologischen Garten, der uns so oft ein Helfer in der Not gewesen ist, können wir uns auch die Stammeltern unserer Hausgans, die Graugänse, ansehen. Sie tummeln sich auf dem sogenannten Vierwaldstätter See. Allerdings ist bei oberflächlicher Betrachtung nicht viel an ihnen zu sehen. Sie sehen eben wie graue Gänse, die auf einem Gewässer schwimmen, aus. Aber wer die außerordentliche Vorsicht der Graugänse kennt, der ist schon sehr erfreut darüber, daß er sie so in der Nähe zu Gesicht bekommt. Ich habe jahrelang Jagdreviere gekannt, wo es sehr viel Wildgänse gab. Aber nur einmal habe ich eine Graugans in der Nähe zu sehen bekommen. Es war eine Nachzüglerin, die es sehr eilig hatte und sehr niedrig flog. In der Eile hatte sie uns Jäger, die wir im Graben lagen, übersehen.

Jung eingefangene Graugänse werden verhältnismäßig leicht zahm. So sind sie, wie schon erwähnt wurde, die Stammeltern unserer Hausgänse geworden.

Berühmt ist die Geschichte, daß Gänse das Kapitol von Rom und dadurch die Stadt selbst durch ihre Wachsamkeit gerettet haben. Die Feinde, die Gallier, hatten damals vor mehr als zweitausend Jahren, einen nächtlichen Ueberfall geplant. Die Hunde schliefen, aber die Gänse merkten, daß unerbetener Besuch sich nahte, und erhoben ein Geschrei. Hiervon wurde die Besatzung wach, der es gelang, die anstürmenden Feinde in die Tiefe zu stürzen.

Alljährlich wurde diese Rettung der Stadt durch ein Fest gefeiert. Neben einer triumphierenden Gans lag ein getöteter Hund.

An der Wahrheit des Berichts ist nicht gut zu zweifeln, und der Tierkenner wird der letzte sein, der ihn bezweifelt. Die Wachsamkeit ist ohne Frage ein Erbteil ihrer Stammeltern.

Unsere Wildgans ist im Gegensatz zu manchen ausländischen Gänsen infolge ihrer Schwimmfüße außerstande, auf Bäumen zu schlafen, wie es die andern Vögel tun. Sie lebt deshalb in unzugänglichen Brüchen und schwer zugänglichen bewachsenen Inseln. Es ist nun selbstverständlich für den Menschen recht schwer, sich zur Nachtzeit solchen Schlafstätten zu nähern. Aber Wildkatzen, Füchse und Wölfe, namentlich aber Hermeline, Iltisse und Fischottern, die sämtlich nächtliche Räuber sind, können den schlafenden Gänsen doch sehr gefährlich werden. Deshalb scheint immer eine von den Wildgänsen Wache zu halten. Auch deutet ihre Vorliebe für Schlafplätze im Schilf darauf hin, daß sich die Annäherung des Räubers durch Betreten der überall liegenden trockenen Rohrstücke verraten soll. Diese Benutzung von Natur-Alarmapparaten finden wir bei Pflanzenfressern nicht selten, so bei Hirschen, Rehen usw. Sie haben ihr Lager am liebsten an Oertlichkeiten, wo sich der Jäger nicht nähern kann, ohne durch das Betreten des Laubes und der überall vorhandenen Zweigstücke Geräusche zu erzeugen.

Die Hausgans ist also von Hause aus durchaus für die Wachsamkeit zur Nachtzeit geschaffen, deshalb ist die von ihr gemeldete Geschichte vollkommen glaubhaft.

[177]. Wie steht es mit den geistigen Fähigkeiten der Gans?

Die Bezeichnung »dumme Gans« ist bei uns sehr geläufig. Und betrachtet man Hausgänse, die auf einem Anger weiden, was wir in jedem Dorfe anstellen können, so machen die Tiere ohne Zweifel nicht den Eindruck, als ob sie über einen großen Geist verfügen.

Das eintönige Geschnatter, das sie hören lassen, erscheint zunächst sehr überflüssig. Wir wissen aber von dem Grunzen der Schweine und dem Blöken der Schafe, daß solche den Zusammenhang der Gesellschaft wahrenden Töne für Tiere, die im Röhricht leben, sehr wichtig sind. Sodann sehen die Gänse mit ihrem watschelnden Gang auf dem Erdboden sehr unbeholfen aus. Aber ist das irgendwie wunderbar? Wir Menschen haben sie doch aus ihrer Heimat zwischen Rohr und Binsen genommen und auf den festen Erdboden gebracht, wohin sie ihrer Natur nach nicht gehören. Ihre Furchtsamkeit, die sie bekunden, ist auch nicht weiter merkwürdig. Denn wie unsern Hausschafen das Gebirge, so fehlt ihnen und den Enten das Wasser zu ihrer Rettung. Nur der Gänserich bekundet Mut gegen Kinder. Er geht auf sie mit Zischen los. Uebrigens haben sie gelegentlich schon durch Schnabelhiebe ganz kleinen Kindern gefährliche Verletzungen beigebracht.

Die angebliche Dummheit der Hausgänse muß man in der Hauptsache auf die unnatürlichen Verhältnisse zurückführen. Von Hause aus ist die Gans ein sehr kluges Tier. Hierüber sind sich alle Jäger einig. Das Anschleichen an Gänse ist ungeheuer schwierig, weil sie durch ihre Wachsamkeit und ihr vorzügliches Sehvermögen fast alle Mittel ihrer Feinde zuschanden machen.

Unsere Vorfahren waren mit dem Tierleben weit inniger vertraut als wir. Sie kannten die Tiere demnach auch viel besser. So erklärt es sich, daß sie ein Rechtsbuch »Graugans« nannten. Für den heutigen Kulturmenschen ist diese Bezeichnung ganz unverständlich. Der Jäger aber versteht, was damit gemeint ist. Die Verfasser haben sich die Graugans mit ihrer bewundernswerten Vorsicht, Klugheit und Wachsamkeit als Vorbild genommen.

[178]. Wie erklärt sich der Gänsemarsch?

Unsere Dorfgänse werden jetzt nach Hause getrieben, wobei sie sich in dem bekannten Gänsemarsch bewegen. Dieser Gänsemarsch dürfte ohne Frage aus ihrer Bewegungsart im Röhricht und Binsen herrühren. Eine Wildgans muß hier der andern folgen, da sie sich sonst jedesmal erst einen neuen Weg bahnen müßte.

Ueberhaupt läßt sich nicht bestreiten, daß den Gänsen durch ihre Lebensart ein gewisser soldatischer Geist eingehaucht ist. Sie haben einen bewundernswerten Sinn für Ordnung. Das Einreihen, das Bilden einer Linie und ähnliche Bewegungen fallen ihnen ersichtlich leicht. Wie soll es auch anders sein, da ja ihr Flugbild das bekannte Dreieck bildet. Man nimmt an, daß die Gänse in dieser Flugform leichter die Luft durchschneiden.

[179]. Aus der Lebensgeschichte einer Wildgans.

Für die Leser, denen unsere Wildgänse nicht bekannt sind, möchte ich von dem Berichte eines Jägers über einen zahmen Wildganter eine Stelle hier bringen.

Auf einem Gute in der Neumark waren zwei Eier von Wildgänsen durch Hühner ausgebrütet worden. Es war ein Pärchen, ein Ganter und eine Gans. Beide flogen, als sie erwachsen waren, oft fort, kehrten aber stets wieder heim. Von diesem Ganter erzählt der erwähnte Jäger folgendes:

Die Hunde haben es schon längst gelernt, ebenso schnell wie unauffällig aus seinem Bereich zu verschwinden, und auch die Katzen sind, falls er gerade schlechter Laune ist, vor seinen Angriffen nicht sicher. So stand der Ganter einst neben mir im Garten, offenbar ungehalten darüber, daß ich als Fremdling es wagte, mich in der Nähe seiner Lieblingsgans zu bewegen, die unmittelbar daneben auf dem Hofe im Pferdestall brütete. Da erstand mir ein Blitzableiter in Gestalt einer Katze. Mieze lag auf dem Rande des niedrigen Daches der Veranda, der Ganter entdeckte sie und schon im nächsten Augenblick schwang er sich in die Höhe, um mit dem mißliebigen Eindringling abzurechnen. Im Nu hatte er die tödlich erschrockene Katze am Balge erfaßt; kläglich schreiend wehrte sie sich zwar, so gut es ging, aber es half ihr alles nichts. Mit ihrem Feind zusammen, der nicht losließ, mußte Mieze hinab in die Tiefe, und fest verfangen kamen die beiden Kämpfer durch das dichte Weinrankengewirr der Gartenlaubenwand zur Erde herabgepoltert. Hier erst ließ der Ganter die Katze los, die sich nun eilig aus dem Staube machte; ihre Verteidigung schien dem ungewohnten Feind gegenüber recht mäßiger Art gewesen zu sein.

Dieses angriffslustige Benehmen legt der Ganter jedem lebenden Wesen gegenüber an den Tag, wenn er schlechter Laune ist und sich dem Gegner einigermaßen gewachsen fühlt. Vor Männern hat er immerhin noch einigen Respekt, aber er kann es doch nicht unterlassen, auch sie empfindlich in die Wade zu zwicken, wenn sie seinen Gänsen oder wohl gar deren Gelegen zu nahe kommen. Frauen und Mädchen denken nicht im Traum an solche Verwegenheit, die er, wenn es sich nicht etwa um seine Pflegerinnen handelt, ganz gewaltig bestrafen würde. Aus allen diesen Gründen ersetzt der Ganter auch den vorzüglichsten Hofhund, denn seinen Nachtdienst tritt er schon an, sobald die ersten Schatten der Dämmerung sich auf die Erde senken. Was ihm an Eindringlingen nicht stark überlegen erscheint, wird im wahren Sinne des Wortes überfallen; denn der Ganter naht im Schutze der Dunkelheit vollkommen lautlos und verbeißt sich ganz fest in Kleidern, Haaren oder Gliedmaßen.

Uebermächtigen Feinden, wie Männern gegenüber, befolgt er dagegen einen ganz anderen Feldzugsplan, indem er von seiner fabelhaft durchdringenden Stimme den ausgiebigsten Gebrauch macht. Die Sage von den kapitolinischen Gänsen wird von diesem Vogel in die Wirklichkeit übersetzt, und wenn er auch natürlich nur sein eigenes Hausrecht zu wahren bestrebt ist, wissen doch die Hausbewohner mit Sicherheit, daß irgendetwas nicht in Ordnung ist, wenn nachts der Ganter laut wird.

In der vorstehenden Schilderung wird ebenfalls die Wachsamkeit der Gans zur Nachtzeit bestätigt.

[180]. Die Rassen der Gänse.

Berühmt von den Gänserassen sind die Pommersche, Mecklenburgische, Emdener und Toulouser Gans. Gänsezucht bringt nur Gewinn, wenn man über Weiden mit Wasser verfügt. Die Gans wird gewöhnlich im zweiten Jahre fortpflanzungsfähig und kann sehr alt werden, jedenfalls über 20 Jahre. Die Gans legt etwa ein Dutzend Eier und brütet 28 bis 32 Tage darauf.

Die Gänse sind in der Hauptsache Pflanzenfresser. Sie weiden mit Hilfe ihres harten scharfschneidenden Schnabels Gräser und Getreidearten, Kohl und andere Kräuter von der Erde ab, enthülsen Schoten und Aehren und gründeln in seichten Gewässern nach Pflanzenstoffen. Doch nehmen die Gänse auch tierische Nahrung zu sich.

Bei uns ist es üblich, die Gänse nach der Ernte auf die Felder zu treiben, wobei die Tiere (Stoppelgänse) sehr an Gewicht zunehmen.

Außerordentlichen Nutzen gewährt die Gans durch ihre Federn. Sie wird zu diesem Zwecke ein- oder zweimal gerupft.

In früheren Zeiten lieferten die Kiele der Schwungfedern die Schreibfedern. Es war eine mühsame Arbeit, die Kiele zu diesem Zwecke zurechtzuschneiden.

Vorzüglich ist auch das Fett der Gans. Von Feinschmeckern wird ihre Leber gerühmt. Es ist ein ziemlich umständliches Verfahren, um künstlich große Lebern zu erzeugen.

[181]. Die Gans in Redensarten und Sprichwörtern.

Erwähnt wurde schon die Bezeichnung Gans oder dumme Gans für einen dummen Menschen, namentlich für eine dumme Frauensperson. Insbesondere wird ein albernes Mädchen gern als Gänschen bezeichnet. Ebenso wurde bereits der Gänsemarsch und das Watscheln wie eine Gans angeführt.

In Berlin kann man die Redensart hören:

Eine gute gebratene Gans ist eine gute Gabe Gottes,

wobei das »g« wie »j« ausgesprochen wird.

Mit

Gänsewein

wird scherzhaft das Wasser bezeichnet.

Gänsefüßchen

heißen die Anführungszeichen bei der Zeichensetzung.

Gänsehaut,

so wird die menschliche Haut bezeichnet, wenn sie durch Kälte oder Schreck der Haut einer Gans ähnlich sieht.

Schwäne, Enten, Gänse