Tugurt
Wie am Abend der letzte, so galt am Morgen der erste Gedanke unserer Karawane. Wo mochte sie weilen? Wie mochte ihr der Sturm mitgespielt haben? Aber noch im Laufe des Vormittags fand sich zu unserer großen Freude Jussuf ein. Sie hatten mit Tagesanbruch, sobald die Richtung einigermaßen erkennbar war, ihren Weg fortgesetzt, waren wohlbehalten angekommen und lagerten nun draußen am Eingange zur Stadt.
Drei Tage lang trug die Oase ein tristes Gesicht. Drei Tage lang verhüllte der Sturm die reinen Linien des Bildes. Und lüftete sich hin und wieder der Schleier ein wenig, so war es nur, um gleich danach in um so dichteren Falten wieder herabzusinken.
Menschenleer erschien der Ort. Die Marktplätze lagen verödet. Aus den Cafés drang kein Tamtamschlag und keine verführerischen »Yu-Yu«-Rufe der Ouled Naïls. In den Straßen häufte sich der feine, graue Staub, in dem der Fuß wie in weichem Schnee versank.
Uns hielt es jedoch nicht zu Hause. Wir wagten uns hinaus und arbeiteten uns zu der halbversunkenen Moschee durch, die, ein Stück entfernt, außerhalb der Stadtmauern liegt. Wie ein Wrack aus der Flut, so ragen die Kuppeln dieses uralten Gotteshauses aus dem Sandmeer hervor. Da hilft kein Wehren! Langsam, aber unerbittlich wird es von dem mächtigen Feinde verschlungen, von demselben Feinde, der auch in dieser Stunde bei seiner vernichtenden Arbeit war, der dem Tage sein unbeschreiblich melancholisches Gepräge gab: grau der Himmel, grau die Erde, grau die Atmosphäre. Als ob niemals hier die Sonne geschienen hätte oder je wieder leuchten könnte.
Die niedrigen, flachen Häuser der Stadt, die sich nur in schwachen Umrissen markierten, die unregelmäßigen Dünenerhöhungen wirkten wie ein gewaltiger Todesacker, auf dem ein paar einsame Palmen als dunkle, unheimliche Wächter standen.
Eingang zur Zaouia in Tamelhat
Tugurt mit seinen 6000 Einwohnern und seinen 170 000 Palmbäumen, die den dunklen Hintergrund der farblosen Stadt bilden, ist von großer kommerzieller Bedeutung, da es auf dem Wege nach Ouargla im Süden und dem Gebiet des Souf im Osten gelegen ist. Aber als äußerst ungesund gilt dieser Ort, der sich am Ufer des Schott Ghemora ausbreitet. Und in früheren Jahren, als noch ein sumpfiger Graben die ganze Stadt umgab und die Luft mit seinen Ausdünstungen vergiftete, war sie ein richtiges Fiebernest. Vieles ist anders und besser geworden, seitdem die Franzosen die Herrschaft übernommen, aber das barbarische Klima, das zuweilen des Nachts eine Temperatur von 7 Grad Celsius unter Null und mittags 50 Grad Hitze im Schatten zeigt, und das überaus schlechte Wasser der Gegend setzen auch ihren Bemühungen unüberwindliche Schranken entgegen.
Entsprechend der Bedeutung des Ortes, der als wichtiger militärischer Vorposten betrachtet wird, ist die Festung. Die ziemlich ausgedehnte Kaserne und das Wohnhaus des Kommandanten, von einer hohen, massiven, mit Schießscharten und Wachttürmen versehenen Mauer umschlossen, wirken inmitten der niedrigen Häuser doppelt imposant. Gegenüber der Festung erhebt sich in blendender Weiße und in reizvoller Bauart das einzige große und bemerkenswerte Gebäude der Stadt, das sogenannte Bureau Arabe, in dem alle gerichtlichen Fragen geschlichtet werden.
Zwischen diese beiden wichtigen Punkte, die Kasba[14] und das Gerichtsgebäude, schiebt sich ein weiter, unregelmäßig geformter Platz, der weder Baum noch Strauch, dafür aber einen anderen unschätzbaren Schmuck, einen gewaltigen artesischen Brunnen aufweist. Mit kolossaler Macht stoßen die Wassermengen in die Höhe, ununterbrochen, in treibender Hast, als ob sie nicht schnell genug zum Licht des Tages kommen könnten. In einem großen Bassin sammelt sich das kostbare Naß, und ein Aquädukt führt es weiter hinaus, wo es sich in hundert Adern ergießt und Leben und Fruchtbarkeit hervorzaubert.
An demselben großen freien Platze, dessen lebenspendender Brunnen das Auge erquickt, lag das Hotel, das einzige, das Tugurt aufzuweisen hat. Aber Zimmer gab es nicht in dem kleinen Hause. Hier fanden wir uns nur zu den Mahlzeiten ein. Und diese wären gar nicht zu verachten gewesen, trotzdem als Fleischgericht meist nur Hammel in irgendeiner Form erschien, wenn nicht die entsetzliche Fliegenplage gewesen wäre. In Biskra glaubten wir uns schon über diese schwarze Gesellschaft beklagen zu müssen, aber mit Unrecht, wie wir jetzt einsahen. Denn dort waren es ja einsame Exemplare und Aristokraten ihres Geschlechts, verglichen mit dem zudringlichen Geschmeiß, das sich hier breit machte. In wenigen Sekunden war eine Speiseschüssel so dicht belagert, daß man nicht mehr erkennen konnte, was sich darunter verbarg. Jeden Bissen mußte man sich erkämpfen. Und die Tiere ließen sich eher töten, als daß sie ihren Platz aufgaben. Das waren Mahlzeiten mit Hindernissen, bei denen der Appetit meist Reißaus nahm. Gewöhnlich hielten wir uns danach mit einer tüchtigen Portion Datteln schadlos.
In der Straße, die wir bei unserer nächtlichen Ankunft zuerst passiert hatten, in einem langgestreckten einstöckigen Gebäude von der Art, wie sie in diesem sogenannten europäischen Stadtteile alle waren, lagen die Räume, in denen wir wohnten. Kahl waren sie wie Gefängniszellen: geweißte Wände, ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, der Boden aus festgestampftem Lehm. Ein kleines vergittertes Fenster ließ nur spärliches, durch einen Arkadengang ohnehin gedämpftes Licht hinein. Man betrat die Räume direkt von der Straße, und durch die Spalten der schlecht schließenden Türen trieb der Wind den Sand zu Haufen in die Stuben.
Wie gerne wären wir trotz des ungünstigen Wetters in unsere Zelte zurückgekehrt! Aber die Leute sollten ein paar völlig freie Erholungstage haben. So opferten wir unsere Wünsche.
Tor mit Wunschknochen in Tamelhat
Endlich schien die Sonne wieder! Endlich strahlte der Himmel wieder in fleckenlosem Blau! Endlich kamen die Menschen wieder aus ihren Höhlen hervor, in die sie sich verkrochen hatten, und die Straßen und die Cafés, diese einzigen Vergnügungsorte der Oasen, belebten sich. Wie das gut tat! Wie dankbar man alles empfand nach der vorhergegangenen Grabesstimmung.
Es war Markttag, und auf dem weiten Platz um den mächtigen Brunnen herrschte ein buntes Gewimmel. Alle afrikanischen Rassen waren hier vertreten, vom mattgebräunten Bewohner des Tells bis zum ebenholzschwarzen Sudanesen.
Datteln schienen auf dem Markt von Tugurt das größte Tausch-, Kauf- und Verkaufsobjekt zu sein. Datteln aller Arten: große, durchsichtig goldig-braun mit saftigem Fleisch, dunkelbraune, schmal und mager, und kleine graue, die bei den Eingeborenen sehr beliebt sind, weil sie sich ihrer trockenen Haut wegen leicht im Burnus mitnehmen lassen. Zu großen Haufen waren sie auf dem Boden aufgeschichtet, und Fliegen, Käufer und Händler drängten sich darum.
Im Schatten der hohen Festungsmauer standen, ihrer schweren Lasten entledigt, die Kamele und taten sich an Dattelkernen gütlich; in der Nähe der großen Moschee hatten die Messerschmiede mit ihren interessanten Arbeiten sich niedergelassen, und in einer anderen Ecke verführten bunte Stoffe, Kamelhaarkordeln und Nähartikel allerprimitivster Art zum Kaufen.
Auf dem zweiten und viel kleineren Marktplatze bot man Getreide in bescheidenen Mengen feil, gelbe Rüben und Zwiebeln, die zur Kuskuswürze so nötigen Zutaten, Brennholz, hier ein seltenes und kostspieliges Material, das nur in einzelnen Stücken verkauft wird, und Hammel und Schafe, die vor den Augen des Käufers geschlachtet und zerteilt und geröstet werden.
Dies alles erinnert an den Markt von Biskra, und doch löst es bei dem Beschauer nicht dieselbe Wirkung aus. Es lastet eine schwüle, drückende Stimmung über dem Ganzen. Es fehlt dem Bilde der heitere, fröhliche Ton, der einen Besuch auf dem Marktplatz von Biskra zu solchem Genusse stempelt.
Im Westen der Kasba liegt der ärmere Teil der Stadt: viele, viele kleine, aus getrocknetem Schlammboden errichtete Gurbis.[15] Lange, gewundene, überbaute Gassen, in die niemals die Sonne dringen kann, führen durch dieses kühle Labyrinth. Nur wo die Wege sich kreuzen, fällt etwas Helligkeit von oben hinein und läßt den Wanderer die Richtung erkennen. Diese schmalen, lichtlosen Gänge, in denen sich rechts und links an den Mauern Lehmbänke entlang ziehen, dienen den Obdachlosen als Heim und den Einwohnern als Aufenthaltsort und Schlafstelle, wenn die brutale Macht der Sonne die Erde zur Hölle wandelt.
Auf diese finsteren Wege münden auch die Eingänge zu den Wohnungen, in denen die Menschen hausen. So etwas von Armseligkeit kann man sich nur vorstellen, wenn man es gesehen hat.
Ein enger Gang führt zu einer niedrigen fensterlosen Höhle, die uns selbst für Tiere zu schlecht dünken würde, und darin hausen oft vier, sechs und noch mehr Personen. Wie sie da zurechtkommen, blieb uns ein ungelöstes Rätsel. Manche teilen diesen winzigen Raum sogar noch mit den Hühnern. Das flache Dach dieser Höhle bildet eine Terrasse, auf der sich am Abend jung und alt einfindet. Am Tage vergnügen sich dort die Ziegen und das Federvieh.
In manchen Wohnungen verkrochen sich bei unserem Eintritt die Frauen in die hinterste Ecke, um nicht gesehen zu werden. In anderen benahmen sie sich viel weniger scheu und freuten sich, wenn man ihre trotz allem Schmutz entzückenden Kinder bewunderte und beschenkte.
Ein gleichmäßiger Ton, den wir schon kennen gelernt hatten, der triste Gesang der Handmühle, drang an unser Ohr. Wir folgten ihm und fanden hinter der Eingangstüre eines Hauses im Stockdunkeln auf der blanken Erde sitzend eine verschrumpfelte Frau damit beschäftigt, die Gerste für den Kuskus zu mahlen. Ihre Familie mußte entschieden zu den Wohlhabenden zählen, um sich dieses Gericht leisten zu können. Denn die größte Zahl dieser armen Bewohner lebt von Heuschrecken: man zerreibt sie zu Mehl und backt Brot daraus, man ißt sie roh, gekocht oder gebraten. Die Haufen von feinen schillernden Flügeln, die sich vor den meisten Wohnungen finden, verraten deutlich, welche Unmenge von diesen Tieren vertilgt wird.
Hausverzierung in Tamelhat
Unwillkürlich mußten wir an unseren Besuch in Ain-el-Hammam zurückdenken und konstatieren, daß diese Menschen, in der großen Weite der Sahara wohnend, noch viel ärmer waren als jene auf ihren steilen Bergeshöhen.
Den letzten Tag unseres Aufenthaltes benutzten wir zu einem Ausfluge nach Temacine und der Zaouia Tamelhat, fünfzehn respektive zwanzig Kilometer weiter südlich gelegen.
Eine tiefsandige Ebene trennt Temacine von Tugurt. Aber hat man diese gähnend öde Strecke durchquert, so hält die Wüste eine große Überraschung bereit. Unähnlich allen Oasen, die sich meist flach wie auf einem Tisch ausbreiten, präsentiert sich Temacine: an einer steilen Anhöhe streben die Häuser empor, überragt von den Kuppeln der Moscheen. Eine hohe Ringmauer, von Wachttürmen flankiert, umschließt den Ort. Eine wehrhafte Stadt aus dem Mittelalter glaubt man vor sich zu sehen. Doppelt malerisch wirkend in diesem Lande, in dieser Umgebung.
Stolz und uneinnehmbar sieht Temacine in der Entfernung aus. Aber kommt man näher, so zeigt es sich leider, daß die starken Umfassungsmauern zerbröckeln, daß die aus Lehm und Erde errichteten Häuser vom Winde zernagt und ihre Wände geborsten sind.
Von der Plattform eines Minaretts, der auf dem höchsten Punkte sich erhebt, bot sich ein entzückender Blick über die altersgraue Stadt, über die dunklen Palmenhaine, die sich wie ein Kranz um den Hügel breiten, und über den großen See Behar-Merdjaga, in dessen salziger Flut sich die Umgebung spiegelt.
Wie schon in Tugurt, so fiel uns auch in Temacine die dunkle Hautfarbe der Bewohner auf, und an verschiedenen Merkmalen war leicht zu erkennen, daß sich die arabische Rasse hier nicht rein erhalten, sondern reichlich mit Negerblut gemischt hatte.
Trostlos, verloren in grausam schattenloser Sandwüste, dem Verfalle geweiht, so erscheint die Zaouia Tamelhat. Aber unter dieser äußerlichen Ruhe pulsiert vielfältiges Leben.
Was ist eine Zaouia? Sie ist die Residenz eines Marabuts, eine Schule, ein Kloster, ein Hospital, ein Armenhaus, alles vereinigt. Eine Welt für sich.
Hierher kommen die jungen Leute, um sich in den Lehren des Korans unterrichten zu lassen, hierher flüchten die Weltmüden, hier werden Fremde und Pilger unentgeltlich aufgenommen und bewirtet, hier finden Kranke eine Unterkunft und Arme, die nichts mehr ihr eigen nennen, Nahrung und ein Heim, solange es ihnen zu bleiben beliebt. Und nicht einmal zu arbeiten brauchen sie dafür, wenn sie nicht freier Wille dazu treibt.
In der Zaouia wohnen die Lehrer, die die verschiedensten Weisheiten übermitteln, sie beherbergt Mediziner und Astrologen, Quacksalber, die Amulette verschreiben, und Irre. Über ihnen allen thront, von gewaltigem Nimbus umgeben, der Marabut, dessen Herrschaft jedoch nicht an den Mauern der Zaouia haltmacht. In seiner Person verkörpern sich geistliche und weltliche Macht, er wird als der Vertreter des Propheten auf Erden betrachtet. Von nah und fern wallfahrten die Gläubigen zu ihm, um sich Rats zu erholen. Er schlichtet Streitigkeiten, er verteilt Almosen, er hilft in Zeiten großer Not, und er glaubt vielleicht selbst daran, daß er Kranke heilen und den Segen oder Zorn des Propheten herabbeschwören kann.
Architektur in Tamelhat
Eine Zaouia mit all ihren Bewohnern und all den Aufgaben, die sie sich stellt, wird völlig durch freiwillige Gaben unterhalten. Doch betrachtet sie diese Unterstützung wie ein gutes Recht und erwartet, daß jeder brave Muselman der Vorschrift des Korans gemäß ihr den Zehnten seines Einkommens abliefert. Dies geschieht in Geld und Naturalien aller Art, und die Einnahme mancher Zaouia soll sich auf Hunderttausende belaufen.
Der Marabut von Tamelhat nimmt seinen Titel und seine Stellung durch Geburtsrecht ein, eine seltene Ausnahme. Denn bei den Arabern vererbt sich dieser Ehrentitel für gewöhnlich nicht, sondern sie geben ihn nur einem Manne, nachdem er sich durch große Weisheit und Frömmigkeit ausgezeichnet hat.
Ein hoher offener Torbogen bildet den Eingang zu Tamelhat. Durch heiße, unbelebte Gassen, durch langgestreckte kühle Wölbungen wandelten wir, bis wir das Haus des Marabuts erreicht hatten.
Gab es hier drahtlose Telegraphie oder Geheimdienst? Fast schien es so. Denn unsere Ankunft war bereits bekannt, und schon wartete vor dem Hause ein Angestellter, um uns zu führen. Aber wir sahen nichts als leere Räume. Und schlimmer als diese war das große Empfangszimmer, das uns der Cicerone mit besonderem Stolze zeigte, denn die Ausstattung bestand – o Graus! – aus ordinärsten europäischen Machwerken: aus ein paar Kommoden, einigen bunten Glasvasen und Petroleumlampen. Daß der Marabut »sehr modern dachte«, bewies er außerdem dadurch, daß er sich über das Vorurteil aller frommen Islamiten hinweggesetzt und sich in Tunis hatte photographieren lassen. Gleich in drei Kopien großen Formats zierte sein Bild die mit Kalk geweißten Wände. Nach dem Konterfei zu urteilen war er ein ungeheuer fetter Mann mit einem plumpen Gesichte, aus dem unter etwas hängenden Lidern ein paar kluge, kalte Augen dem Besucher entgegenblickten.
Noch ehe wir das Haus verließen, erhielten wir eine Einladung zum Mittagessen. Denn der Sitte entsprechend soll kein Besucher unbewirtet die Zaouia verlassen. Da wir aber zu gleicher Zeit erfuhren, daß der Marabut an diesem Tage eine Visite in der Umgegend machte, wir also doch nicht Gelegenheit hatten, ihn kennen zu lernen, lehnten wir dankend ab.
Arm und uninteressant erscheint das Dorf, das die Zaouia im Viereck umgibt. Aber im Herzen der Zaouia findet man Gassen und Winkel und Dekorationen von feinem Reiz: ein Fries an einer Halle überrascht durch die Reinheit seiner Zeichnung, die an griechische Kunst erinnert, Schmuckflächen über Torbögen oder Türeinfassungen aus wunderschön getönten alten arabischen Kacheln wirken vortrefflich in dem Sandgrau der Mauern, und handgeschmiedete Fenstergitter zeigen selten edle Muster. Die Architektur macht den Eindruck, als ob sie von einem Künstler empfunden, aber von ungeübten Händen ausgeführt worden wäre, und als ob man mitten in der Arbeit ein »Halt!« gerufen hätte.
Ganz unauffällig fügt sich die eigenartige Moschee dem Bilde ein. Im Kuppelraum, dessen Wände mit Polychromarbeiten von harmonischer Farbenwirkung geschmückt sind, schläft der Vorfahre des jetzigen Marabuts, Sidi-el-Hadj-Ali-ben-el-Hadj, seinen ewigen Schlaf. Wie einen großen Heiligen verehrt man ihn.
Neben seiner feierlich wirkenden Ruhestätte steht wie verschüchtert eine buntbemalte windschiefe Sänfte. In dieser wird an Festtagen der Marabut wie eine hehre Gottheit durch die Reihen der frommen Pilger getragen. Bis eines Tags ein noch Mächtigerer kommt und ihn zur tatenlosen Ruhe neben seinen berühmten Ahnen zwingt.
Es kostete Überwindung, aus dem kühlen, erquickenden Halbdunkel der Moschee wieder hinaus in das blendende Tageslicht, in die sengende Sonnenglut zu treten. Nur die Ruhe, die einen im Hause des Gebets umfing, setzte sich auch auf der Gasse fort. Im kurzen Schatten der Häuser saßen eine Anzahl Männer, schweigend, traumverloren. Sie mochten zu jenen zählen, die nichts mehr ihr eigen nennen als die armselige Kleidung, die sie auf dem Leibe tragen. Aber sie zeigten ruhige, zufriedene Gesichter. Und wie eine Insel der Ruhe und des Friedens taucht die halbzerfallene Zaouia in der Erinnerung auf.
Straße in Tamelhat