3. Das Wollen.
§ 24. Die unwillkürlichen Bewegungen.
Das Wollen ist wie das Fühlen ein einfacher und ursprünglicher Akt des Geisteslebens, der sich nicht näher beschreiben, aber doch in seinen Äußerungen verfolgen läßt. Der eigentliche Willensakt veranlaßt immer eine Veränderung entweder in der Außenwelt oder in der Innenwelt des Wollenden. Das Mittel, eine Veränderung der ersteren Art zustande zu bringen, ist die Bewegung des eigenen Körpers. An dieser nächstliegenden Veränderung, die durch den Willen hervorgebracht wird, lassen sich daher auch die verschiedenen Stufen des Willens am besten beobachten. Zum eigentlichen Wollen gehört die Vorstellung von einem Zweck, der erreicht werden soll, und eine Wahl der Mittel, durch die er erreicht werden soll. Dies ist aber erst das Resultat einer längeren Entwickelung.
Der Mensch würde nie zu Bewegungen gelangen, wenn er nicht zuerst Bewegungen ausführen würde, die er nicht gewollt hat. Schon die vom Stoffwechsel ausgehenden Nervenerregungen müssen zu unwillkürlichen Bewegungen führen; denn die angesammelte Spannkraft muß einen Ausweg in Bewegungen finden. Beispiele dafür gehen auch noch neben dem bewußten Wollen her, wenn beim Schmerz die Zähne zusammengebissen werden, oder eine hochgradige Aufregung in lebhafter, aber zweckloser Bewegung sich kundgibt. So gelangt das Kind, indem es seine eigenen automatischen Bewegungen, z. B. die seiner Stimmorgane oder seiner Hände, wahrnimmt, allmählich zu der Erfahrung, daß sie von ihm selber beeinflußt werden können.
Dazu sind aber noch andere Erscheinungen behilflich. Solche unwillkürliche Bewegungen geschehen auch auf Veranlassung eines Reizes hin. Wenn dem Auge ein Stoß droht, so schließen sich die Augenlider; wenn ein fremder Körper in die Luftröhre gerät, so tritt Husten ein, ohne daß eine besondere Willenskraft zu dieser Bewegung nötig ist. Die sensiblen Nerven leiten die Nachricht von der eingetretenen Gefahr bis zu den Zentralorganen, hier wirkt der Reiz aber ohne Zutun der Seele sogleich auf die motorischen Nerven und führt so zu jener Bewegung, welche der drohenden Gefahr zweckmäßig begegnet. Daß diese sogenannten Reflexbewegungen ein von jeder Art der Überlegung unabhängiger Mechanismus sind, zeigt sich z. B. darin, daß sie auch bei Versuchen an Tieren ohne Gehirn gefunden werden. Ein enthaupteter Frosch wischt den Tropfen Säure, den man auf seine Haut bringt, mit dem Fuße ab. Dagegen bleibt er ohne solche Veranlassung regungslos, da er zwar noch die Fähigkeit zur Reflexbewegung, aber nicht die zu selbständiger Bewegung hat. Bei dem Menschen läßt sich der Unterschied zwischen Reflex- und willkürlicher Bewegung mit Hilfe der Untersuchungen über die sogenannte „physiologische Zeit” nachweisen, d. h. die Zeit, welche zwischen dem Auffassen und Erwidern eines Reizes, z. B. zwischen einer Gesichtsempfindung und der Reaktion auf dieselbe verfließt und durchschnittlich etwa ⅕ Sekunde beträgt. Es zeigt sich nämlich, daß diese Zeit kleiner ist bei der Reflexbewegung als bei der willkürlichen Bewegung, daß also zwischen der Zuleitung des Reizes durch die sensiblen Nerven und der Weiterleitung des Befehls zur Bewegung durch die motorischen eine bestimmte, sogenannte „Willenszeit” zur Willensentscheidung verbraucht wird. Zwischen der Reizung durch den elektrischen Strom und der darauf reagierenden Muskelzuckung verläuft weniger Zeit, als zwischen der Gesichtsempfindung, die den Beginn der Bewegung eines Sekundenzeigers meldet, und dem Druck des Fingers, der durch Schließung des elektrischen Stroms den Zeiger wieder zum Stehen bringt.
Die Reflexbewegungen können auch gehemmt werden, indem die sensiblen Nerven gleichzeitig von anderer Seite her Einwirkungen erfahren oder der bewußte Wille dazwischen tritt. Dies geschieht z. B., wenn bei großem Schrecken durch die Nervenerregung die Reflexbewegung des Schluckens oder durch die Willenskraft das „Zusammenfahren” verhindert wird. Die Reflexbewegungen haben ihren Sitz hauptsächlich im Rückenmark. Sie werden vom großen Gehirn aus, dem Organ der selbständigen Bewegung, mit fortschreitender Bildung immer mehr eingeschränkt. Die Selbstbeherrschung besteht zum großen Teil aus solchen Reflexhemmungen.
Von den einfachen Reflexbewegungen unterscheiden sich die des Instinkts dadurch, daß sie ein zusammengesetztes System von Mitteln zur Erreichung eines entfernteren Zweckes darstellen. Aber auch sie gehen ohne Kenntnis dieses Zweckes vor sich. Der Vogel hat keine Vorstellung von dem Nest, das er bauen will, oder die Bienen von ihrer Wachszelle, sondern sie werden von dunklen körperlichen Gefühlen dabei geleitet, die als angeborene und sich vererbende Eigentümlichkeiten ihrer Gattung angesehen werden müssen.
Hierher gehört noch eine Reihe von Bewegungen, die auch ohne eigentlichen Willensakt zustande kommen, aber nicht auf Grund einer zweckmäßigen Einrichtung der Natur, sondern nur durch die Vorstellung der Bewegung selbst: die Nachahmungsbewegung. Eine Bewegung, deren Bild sich aufdrängt, wird oft unwillkürlich nachgeahmt. Die Stöße eines Fechters, die Leistungen eines Clowns werden von ungebildeten Zuschauern unter Begleitung von leichten Bewegungen betrachtet, selbst die Lesung einer lebhaften Schilderung kann zu schwacher Bewegung führen, ohne daß der Wille mitwirkt. Noch häufiger, aber wenig in die Augen fallend zeigt sich die Nachahmung in den kleinen Bewegungen, die zur Körperhaltung gehören und die oft nachgeahmt werden, während die Aufmerksamkeit etwas anderem zugewandt ist. Doch tritt dieselbe mit der zunehmenden Bildung infolge der Gewohnheit der Selbstbeherrschung und der schnellen Ablösung der Bewegungsvorstellungen durch andere mehr zurück.
§ 25. Der Trieb und das eigentliche Wollen.
Mit dem Trieb kommen wir dem eigentlichen Wollen um einen Schritt näher. Je weiter die Entwickelung des Geisteslebens fortschreitet, desto enger wird die Verbindung zwischen seinen einzelnen Elementen. So unterscheidet sich der Trieb vom Instinkt dadurch, daß dabei eine mehr oder weniger klare Vorstellung dessen mitwirkt, was als Quelle der Lust erstrebt wird. Wird der Trieb so stark, daß er den Menschen ganz erfüllt und Denken und Wollen beherrscht, so geht er in die Begierde über. Es ist also ein zeitlicher Unterschied da zwischen dem zukünftigen Gefühl der Lust, welche die Befriedigung des Triebes gewähren wird, und den Bewegungen, die dadurch verursacht werden, zwischen dem Zweck und den Mitteln zu seiner Erreichung. Der Instinkt leitet nur durch die augenblicklichen Gefühle, welche die Bewegung begleiten, der Trieb durch die Vorstellung eines Zieles, mit welchem das Gefühl verbunden sein wird. So unterscheidet sich z. B. die Kunstfertigkeit der Ameise und der Gestaltungstrieb des Künstlers. Das Gefühl der Lust, das mit dem erreichten Zweck sich verbindet, ist also der Grund zur Bewegung, der Beweggrund oder das Motiv.
Wird dieses Gefühl nicht sogleich zum Motiv, also auch nicht unmittelbar zur Veranlassung einer Bewegung, so erscheint es als Wunsch. Treten mehrere Objekte nebeneinander auf, so daß das Objekt des einzelnen Triebes nicht unmittelbar erreicht wird, so kommt das Denken nicht mehr bloß für die Wahl der richtigen Mittel in Betracht, sondern es entscheidet je nach dem Gefühlswert der Motive, besonders mit Hilfe der Erinnerung, welches der Motive den Ausschlag geben, was als Zweck gesetzt werden soll: das Subjekt faßt den Vorsatz, ein bestimmtes Ziel anzustreben. Der Vorsatz kann aus augenblicklicher Gemütsbewegung entspringen, ohne daß das ganze Innere des Menschen, sein eigentümlicher Charakter, alle seine Gefühle und Vorstellungen mitgewirkt haben. Die Entscheidung ist deshalb zunächst eine oberflächliche und kann, wenn sich jene Faktoren nachher geltend machen, wieder umgestoßen werden: „der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.” Erfolgt aber die Entscheidung zwischen den Motiven auf Grund einer allseitigen Überlegung, indem der Handelnde seine ganze Persönlichkeit dabei in die Wagschale legt, so entsteht der Entschluß. Dieser ist die höchste Form des Willens, der eigentliche Willensakt. Je mehr wir uns diesem nähern, desto wichtiger muß jener Zeitunterschied zwischen dem Gedanken und der Ausführung des Gedankens werden, den wir zuerst beim Trieb beobachtet haben; denn je mehr andere Motive und die Erwägung ihres Wertes Zeit haben, sich geltend zu machen, desto mehr wird die Entscheidung der unmittelbaren Wirkung eines einzigen Motivs zu Gunsten der Überlegung entrückt. Der Unterschied zwischen diesen verschiedenen Formen des Willens ist freilich ein fließender und der Sprachgebrauch häufig ungenau, aber er ist wichtig für die sittliche und für die strafrechtliche Beurteilung.
Was für ein geistiger Vorgang der Willensakt ist, wie es geschieht, daß dasselbe, was vorher nur ein Wunsch, nur eine Möglichkeit war, nun auf einmal als etwas angesehen wird, was in einem wirklichen Handeln herbeizuführen ist, läßt sich nicht näher auseinandersetzen, sondern nur erfahren. Auch haben wir kein Bewußtsein davon, wie nun der Willensakt in Bewegung übergeht, wie der Wille durch Vermittelung der motorischen Nerven die Muskeln in Bewegung setzt. Nur einen inneren Zustand nehmen wir wahr, eine Vorstellung und ein Gefühl von der Bewegung, die gemacht werden soll, und den eigentümlichen Vorgang, der den Befehl enthält, diese Bewegung ins Werk zu setzen. Das übrige entzieht sich unserer inneren Erfahrung; aber die gewollte Bewegung tritt mit Sicherheit ein, sie ist also in gesetzmäßiger Weise mit dem inneren Zustand verknüpft, jedoch ohne daß die Zwischenglieder uns zum Bewußtsein kommen.
§ 26. Die Freiheit des Willens.
Daß der Wille des Menschen in dem Augenblick, wo er einen Entschluß faßt, frei sei, d. h. daß er in demselben Augenblick auch einen andern Entschluß fassen könnte, wird überall im praktischen Leben vorausgesetzt. Diesem Indeterminismus, der auch wissenschaftlich vertreten wurde, steht der Determinismus gegenüber, der die Willensfreiheit in diesem Sinne leugnet. Die Psychologie kann diese Frage für sich allein nicht entscheiden, die Ethik hat zu untersuchen, ob die Willensfreiheit eine Forderung des sittlichen Bewußtseins ist, die Metaphysik, ob sie im Zusammenhang der Welt denkbar ist. Ganz außerhalb des Gebiets der Psychologie liegen Ansichten, wie die von der Machtlosigkeit des menschlichen Willens (Fatalismus). Vom Standpunkt der Psychologie ergibt sich als Für und Wider etwa Folgendes:
1. Der Determinismus erklärt, durch die Behauptung der Freiheit des Willens sei das Gesetz der Kausalität, daß alles eine Ursache haben müsse, und damit der Zusammenhang des Bewußtseinslebens aufgehoben. Der Indeterminismus macht dagegen geltend, die ausnahmslose Gültigkeit des naturwissenschaftlichen Kausalgesetzes sei für die geistige Welt weder erwiesen, noch willkürlich anzunehmen.
2. Der Indeterminismus weist auf gewisse psychologische Tatsachen hin: auf das Bewußtsein der Freiheit und Verantwortlichkeit, auf das Gefühl der Reue, die nur erklärbar seien unter der Voraussetzung, daß man wirklich in derselben Lage anders handeln könnte, als man gehandelt hat. Der Determinismus erklärt diese Tatsachen daraus, daß das handelnde Individuum seine eigene Charaktereigentümlichkeit nicht in Rechnung bringt und so die, von äußerem Zwang allerdings unabhängige Wahl zwischen den Motiven, die auf Grund derselben nur in einer einzigen Richtung erfolgen kann, als absolut freie ansieht. In der Erinnerung an eine böse Tat ergebe sich dann die Reue aus der Selbstverurteilung und aus dem Wunsche, anders gehandelt zu haben.
§ 27. Die Ausdrucksbewegungen.
Es gibt Bewegungen, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie einen innern Zustand ausdrücken, daß sie Zeichen eines bestimmten inneren Zustandes sind. Sie sind keine besondere Art neben den unwillkürlichen und willkürlichen Bewegungen, sondern immer eines von beiden, aber sie verdienen eine besondere Beachtung, weil alle Entwickelung des geistigen Lebens auf dem Verkehr der Menschen untereinander beruht, und dieser Verkehr nur durch Ausdrucksbewegungen möglich ist. Soweit diese in äußerlich sichtbaren Körperbewegungen bestehen, werden sie auch Gebärden genannt.
Man kann dreierlei Arten von Ausdrucksbewegungen unterscheiden, die aber häufig zusammenwirken:
1. Bewegungen, die nur die starke Erregung des Gefühls unmittelbar zum Ausdruck bringen. Sie wurden schon oben bei den Reflexbewegungen erwähnt als ein Mittel, die große innere Spannung nach außen zu leiten. Hierher gehört das Erblassen und Erröten, Lähmung und Spannung der Muskeln, das Lachen und Weinen. Das Lachen ist der Ausdruck körperlichen und geistigen Wohlbehagens, des letzteren besonders, sofern es durch starke Gegensätze hervorgerufen wird, z. B. durch den Gegensatz einer kurzen dicken und einer langen hageren Gestalt. Ähnlich beruht der Witz auf der „plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in Nichts” (Kant). Die Ursache dieser Vorgänge ist vielleicht die, daß ein Grundbedürfnis des Geistes, die Bewegung durch Gegensätze hindurch hier besonders rein und vollkommen befriedigt wird. Das Lachen besteht in einem stoßweisen Ausatmen, das durch Einatmung unterbrochen ist. Das Weinen ist der Ausdruck geistigen oder körperlichen Schmerzes; sein Hauptmerkmal ist die Aussonderung von Wasser durch die Tränendrüsen. Doch sind beide Erscheinungen auch von Bewegungen der Gesichtsmuskeln begleitet, die nach Form 2 zu erklären sind.
2. Bewegungen, welche die Gefühle mit Hilfe der Assoziation ähnlicher Empfindungen ausdrücken. So werden z. B. diejenigen Gefühle, welche der Sprachgebrauch als bitter, herb, süß bezeichnet, durch Bewegungen des Mundes ausgedrückt, welche sonst mit den betreffenden Geschmacksempfindungen verbunden sind.
3. Bewegungen, die zum Ausdruck von Vorstellungen und dadurch oft auch mittelbar zum Ausdruck von Gefühlen dienen. Auf einfache Weise geschieht dies, wenn wir auf Personen und Dinge, von denen die Rede ist, mit der Hand hinweisen. Häufiger möglich ist die Nachbildung des betreffenden Gegenstandes oder seiner Merkmale durch malende Gebärden. So sucht der Erzähler seine Schilderung anschaulich zu machen. Dadurch kann auch mittelbar ein Gefühl ausgedrückt werden, z. B. wenn durch das Ballen der Faust die Vorstellung eines Angriffs hervorgerufen und dadurch der Zorn gegen den Beleidiger ausgedrückt wird.
Die wichtigste Form der Ausdrucksbewegungen überhaupt ist aber die Sprache, wo Vorstellungen durch Bewegungen des Sprachorgans, durch den gesprochenen und gehörten Laut, ihren Ausdruck finden. Doch werden in ihr auch die erste und zweite Form der Ausdrucksbewegungen verwendet. Ursprünglich war die Sprache wohl eine unwillkürliche, von Gebärden begleitete Äußerung des Sprachorgans, die als eine Art Reflexbewegung den Eindruck wiedergab, den die Gegenstände machten, und auf einer unklaren Beziehung zwischen Laut und Bild beruhte. Die eigentliche Schallnachahmung, auf die von den Vertretern der sogenannten onomatopoëtischen Theorie der Ursprung der Sprache zurückgeführt wird, wäre nur ein unwesentlicher Teil der so entstandenen Laute. Die erläuternde Begleitung der Gebärden und das Bewußtsein einer Verwandtschaft zwischen Laut und Bild trat aber allmählich zurück, das Wort wurde bloßes Zeichen und konnte auch für Gemeinvorstellungen und abstrakte Begriffe, denen kein bestimmter Gegenstand entsprach, gebraucht werden. Von andrer Seite her geschah dies in der Schrift: zuerst Nachbildung der Form der Gegenstände in der Bilderschrift und dann Verwandlung dieser Bilder in selbständige Schriftzeichen. So wurde die Sprache das unerschöpfliche und unentbehrliche Mittel für die Unterscheidung und den Austausch der Gedanken und damit für die Ausbildung des Denkens überhaupt.
Die Veranlassung der Ausdrucksbewegungen ist immer ein innerer Zustand. Die Schauspielkunst nimmt alle Ausdrucksbewegungen in ihren Dienst und sucht dieselben allerdings künstlich, d. h. ohne daß die natürlichen äußeren und inneren Anlässe dazu gegeben sind, hervorzubringen; aber der Schauspieler kann eine der höchsten Forderungen, die Lebenswahrheit, doch nur erreichen, indem er den inneren Zustand selbst künstlich erzeugt, dem die Ausdrucksbewegungen ungezwungen folgen. Hat er Sprache und Gebärden nur mechanisch erlernt, so erscheint sein Spiel als ein „Gemachtes”, weil es eben nicht „Ausdruck” eines Innern ist.
§ 28. Übung, Gewohnheit, Charakter.
Es war schon mehrmals davon die Rede, von wie großer Wichtigkeit für das geistige Leben die Wiederholung ist. Hat sie den Zweck, größere Fertigkeit zu erreichen, so heißt sie Übung. Das Resultat der häufigen Wiederholung ist die Gewohnheit. Werden Vorstellungsreihen, die durch Assoziation verbunden sind, häufig wiederholt, so geht die Wiedererzeugung jedesmal leichter vor sich, und die Zwischenglieder kommen gar nicht mehr als selbständige zum Bewußtsein. Ein Beispiel dafür ist die Wahrnehmung der Entfernung, die ursprünglich aus der Wahrnehmung der scheinbaren Größe, deren Vergleichung mit der wirklichen Größe und der Feststellung des Resultats besteht. Durch die Übung werden wir diese Berechnung so gewöhnt, daß wir mit Überspringung der Mittelglieder unmittelbar die Entfernung selbst wahrzunehmen glauben (vgl. o. [S. 36]).
Dasselbe gilt auch von den Bewegungsvorstellungen und infolgedessen von den Bewegungen selbst, die der Wille regiert. Die Leitung durch die motorischen Nerven und die Ausführung der Bewegungen durch die Muskeln geht mit jeder Wiederholung leichter und schneller vor sich. Eine solche gewohnheitsmäßige Verbindung von Vorstellung und Bewegung stellt z. B. die Sprache dar. Vorstellung, Sprachlaut und Schriftzeichen sind für unser Bewußtsein fast zu einer Vorstellung verschmolzen, so daß das eine ohne weiteres das andere hervorruft. Indem wir schreiben, fügt sich an die Vorstellungen, die wir hervorbringen, das Bild der betreffenden Schriftzeichen und der dazu nötigen Bewegungen, und durch Vermittlung der motorischen Nerven wird die entsprechende Muskelgruppe in Bewegung gesetzt, um die Schriftzeichen zu Papier zu bringen; daneben geht aber immer in engster Assoziation eine Vorstellung von dem Klange her, den die gesprochenen Worte hätten. Dieser komplizierte Vorgang ist uns durch unzählige Wiederholungen so geläufig geworden, daß er uns als ein einziger Akt erscheint. Ebenso sind andere komplizierte Bewegungen: das Sprechen, das Klavierspielen, die Tätigkeit des Setzers, zu erklären.
Je größer die Übung ist, je leichter und schneller deshalb die Bewegung erfolgt, desto weniger bedarf es für jede einzelne Bewegung einer besonderen Willensanstrengung, so daß die Reihe der einmal angefangenen Bewegungen scheinbar ganz ohne Zutun des Willens abläuft. Ein Willensakt scheint nur notwendig zu sein beim Anfang und Abschluß der Bewegung und beim Eintreten von Hindernissen. Doch wird anzunehmen sein, daß überall der Wille noch mitwirkt, nur in viel schwächerem Grade. Die Bewegung des Gehens scheint wohl, einmal angefangen, von selber sich fortzusetzen, und doch müssen wir annehmen, daß nicht bloß beim Aufstehen oder Aufhören der Wille mitwirkt, sondern auch zur fortwährenden Spannung der Muskeln zur Einhaltung einer bestimmten Richtung. So schwinden also auch hier bei fortgesetzter Übung die Zwischenglieder für das Bewußtsein.
Diese Macht der Gewohnheit, die den Aufwand an Willenskraft wesentlich einschränkt, beherrscht unser ganzes alltägliches Leben. Besonders aber macht sie sich auch im eigentlichen Handeln geltend. Auf Grund seiner eigentümlichen Anlage und Erziehung erwirbt sich der Mensch in der Wechselwirkung mit andern eine gewohnheitsmäßige Form des Handelns, einen Charakter. Das Zustandekommen bestimmter Grundsätze auf sittlichem Gebiete ist deshalb wertvoll, weil dadurch die einzelnen Handlungen dem Einfluß der Beweggründe des Augenblicks entzogen sind. Nur wo neue, ungewohnte Aufgaben gestellt werden und wo verschiedene Grundsätze in Widerstreit geraten, findet wieder eine allseitige Überlegung der verschiedenen Motive und der eigenen Grundsätze, eine besondere Entscheidung des freien Willens statt.