5. Rückreise.

Komm mit deinem Scheine
Süßes Engelbild.

M. v. Schenkendorf.

Am Ufer hielten Diligencen und Omnibusse, die bis Marennes und Rochefort gingen; keins dieser großen Gefährte aber hatte Lust, einen einzigen Passagier landeinwärts zu schaffen. Ich nahm also eine Art Postkutsche, nicht billig, aber doch immer noch nicht so theuer, wie wenn man in Mark Brandenburg von Buckow bis Werneuchen fährt, und rollte bei immer heller werdendem Wetter, die Hauptstraße von Marennes hindurch, in die dahinter gelegene Landschaft hinein. Ich erkannte all’ die alten Punkte wieder. Dies war das Wäldchen, wo der Marketender die »Wacht am Rhein« angestimmt hatte; dies war die Wegebiegung, wo mein Ziegenfell-Kutscher und ein Telegraphen-Beamter ihren großen Disput begonnen und eine Viertelmeile lang die Worte wiederholt hatten: »vous êtes un malhonnête« und »vous êtes un grossier «[3], und dies endlich war das Dorf und die Auberge, wo in das Gewirr der Stimmen und das Geklapper der Kaffeetassen hinein die Schlagtriller der Kanarienvögel erklungen waren. War jener Tag schön gewesen, so war dieser doch schöner, trotz eines leisen Druckes, den ich nach wie vor auf dem Herzen spürte.

Die französischen Kutscher fahren brillant; schon um 2 Uhr rasselte die Kutsche über das Vorstadtpflaster von Rochefort. An dem alten Stadtthor, in Nähe einer großen Esplanade, hielten wir.

Ich hatte zwei Gänge in Rochefort zu machen, den einen um der Pietät, den andern um der Respektabilität willen. Diesen zweiten Gang macht’ ich zuerst. Es war nämlich unmöglich, den blauen Kattunsack, diese in ihrer Art vollendete Leistung meines Rasumofsky, als Handgepäck eines première-classe-Reisenden beizubehalten; — dieser Sack allein schon wäre eine beständige Denunciation gewesen. Ein Tausch also mußte sich nothwendig vollziehen. An einem squareartigen Platz, inmitten der Stadt, fand ich endlich eine Reiseeffekten-Handlung, trat ein und hatte einen kleinen degenerirten Franzosen vor mir, der nicht aussah, als ob er die letzten Kraftanstrengungen der Republik seinerseits unterstützen wolle. Ich kaufte eine leidlich elegante Tasche, bat, den Prozeß des Umpackens sofort vornehmen zu können, und löste diese Aufgabe, die bei der Beschaffenheit meiner Effekten nicht eben leicht war, mit Geschick und Decenz. Dann überreichte ich den Kattunsack mit der Bitte, diese blaue Trophäe zur Erinnerung an einen preußischen prisonnier de guerre aufbewahren zu wollen. Der kleine Mann konnte sich in diesen Worten nicht gleich zurecht finden; nur drei Nähterinnen, die schon den Umpackungsprozeß mit Theilnahme verfolgt hatten, kicherten jetzt und blickten mich freundlich an. Dieser Erfolg genügte mir vollkommen. Ich grüßte und verschwand.

Mein nächster Gang in Rochefort galt dem Mr. Vignaud, dem Vorstande des Gefängnisses. Ich hatt’ es noch dankbar in Erinnerung, daß seine sorgliche Pflege mich vielleicht vor einer ernstlichen Krankheit bewahrt hatte; so fragte ich mich denn durch Straßen und Gassen durch und zog alsbald an dem großen Holzgatter die weithin schallende Glocke. Man empfing mich wie einen alten Bekannten; »der Direktor habe eben von mir gesprochen«. Dieser saß wie gewöhnlich an seinem Pult und las im Moniteur universel den Meinungsaustausch zwischen dem Grafen Bismarck und dem Comte Chaudordy über Gefangenenbehandlung hüben und drüben. Ein sehr zeitgemäßes Thema. Er schob mir das Blatt zur Durchsicht hin; ein kurzes Gespräch knüpfte sich daran; ich fragte nach dem Sohn, dessen Zimmer ich bewohnt hatte; er zuckte mit den Achseln, — ein Ballonbrief war seit Wochen nicht eingetroffen. So schieden wir; ein jeder gut-national und doch gute Freunde mitten im Kriege.

Der Bahnhof war ziemlich nah. Ich erfuhr, daß in 30 Minuten ein Zug abgehe, der aber halben Wegs zwischen Rochefort und Bordeaux (in Angoulème) 4 oder 5 Stunden liegen bleibe, um das Eintreffen des Hauptzuges von Orleans her abzuwarten. Mir brannte der Boden unter den Füßen. Also weiter.

Um 10 Uhr Abends war ich in Angoulème. Ich nahm einen Imbiß; dann wurden die Gasflammen am Buffet gelöscht und ein Kellner führte mich einem Bahnhofsbeamten zu, der nun den Warte-Salon öffnete. Hinter mir wurde wieder zugeschlossen. Es war ein dunkler Raum; die dicht aufgeschüttete Kohlenmasse glühte nur; große Schatten gingen an der Decke hin, wenn draußen auf dem Perron sich irgend etwas regte; — es war die Infirmerie von Moulins ins Elegante übersetzt. An den Wänden entlang standen Plüsch-Canapés mit großen Kissen vom selben Stoff; alles bequem und einladend. Ich streckte mich, um ein paar Stunden zu schlafen. Es wollte aber nicht recht glücken, da ich bald wahrnehmen mußte, daß ich nicht der einzige Bewohner an dieser Stelle war. Auf einem zweiten Canapé, das Kopf an Kopf mit dem meinigen stand, wurd’ es unruhig, drehte und dehnte sich, gähnte dazwischen und gab allerhand andere Zeichen des Unbehagens. Endlich stand der Unruhige auf und setzte sich vor den Kamin. Die Kohlengluth gab gerade so viel Licht, daß ich ihn erkennen konnte. Es war ein junger Mann, wohlwollenden Gesichts; allem Anschein nach ein Kaufmann.

Nach einer halben Stunde waren wir im Gespräch, und ich darf wohl sagen, ich schulde ihm den glücklichen Verlauf einer Reise, von der er mir offen bekannte, daß er sie unter den obwaltenden Umständen für ein Wagniß halten müsse. »Sie müssen sich eilen; keine Aufenthalte; immer erster Klasse; — die Züge, zum Glück, greifen ineinander ein.« Sein ceterum censeo aber war: »schlafen Sie viel, lesen Sie viel, sprechen Sie wenig«.

Etwa um 2 Uhr Nachts traf der Zug von Orleans ein. An demselben Vormittage war auf dem Terrain zwischen Artenay und der Loire-Hauptstadt gekämpft worden; fünf oder sechs Waggons waren mit bayerischen Gefangenen und Verwundeten gefüllt; namentlich Artillerie. Sie befanden sich auf dem Wege nach Pau. Ich trennte mich von meinem freundlichen Berather, wiederholte ihm meinen Dank und weiter ging es, auf Bordeaux zu. Wir erreichten es 6 Uhr früh. Ein Fiacre führte mich, über Brücken und Plätze, an einem prächtigen Quai hin, von einem Bahnhof auf den andern. Nur eine halbe Stunde Rast!

Nun begann ein Fahren Tag und Nacht. Am Nachmittag in Toulouse; am Abend in Cette. Eine weite Wasserfläche dehnte sich zur Rechten; der Mond, in breitem Streifen, schimmerte drüber hin. »Was ist das?« Das mittelländische Meer.

Weiter. Montpellier, Nismes, Tarascon. Hier gingen wir auf die Marseiller Linie über. Am Morgen in Lyon.

Lyon hat acht Bahnhöfe.

Où est la gare de Genève?

C’est ici; voilà.

A quelle heure part le train?

A présent. Dans cinq minutes. Dépêchez-vous.

Im Fluge löste ich mein Billet und weiter rasselte der Zug auf Genf zu. Nur noch 20 Meilen bis zur Grenze! Mir begann das Herz höher zu schlagen. Ich fing auch wieder an zu denken. Wie hatt’ ich diese anderthalb Tage seit Angoulème zugebracht? Getreulich nach der Weisung meines Berathers. Die Augen geschlossen oder in ein Zeitungsblatt vertieft, so hatt’ ich die langen Stunden über da gesessen. Auch in der Nacht war kein Schlaf über mich gekommen. Was geht in solchen Stunden in einer Menschenseele vor? womit tödtet man die Zeit hinweg? Hier liegen Fragen für einen Psychologen vor. Das Auge ist todt; die Landschaft spricht nicht zu ihm; die Bilder fallen auf die Netzhaut, aber der Nerv, der uns das Bild zum Bewußtsein bringen soll, versagt seinen Dienst. Und wie keine Bilder zu uns sprechen, so sprechen auch keine Gedanken in uns. Schemen, ein geistlos-geisterhaftes Wesen, ein fieberhaft durch das Hirn gehetztes Nichts; ein Stunden- und Minutenzählen; immer dieselbe Frage: wie weit noch, wie viel Meilen noch?

Jetzt, auf dem Wege zwischen Lyon und Genf, war ich wenigstens so weit gediehen, über das Nichtdenken der vorhergehenden Stunden nachdenken zu können. Auch das schon war ein Gewinn. Dabei begann ich die letzte Nummer des »Salut public« auswendig zu lernen.

Nun waren wir in den Jura hinein; die Wälder bereift, die Häupter tief in Schnee. Ein Sturm pfiff; aber gleichviel, es ging vorwärts. Das war Bellegarde. Die letzte französische Schildwacht, den Kopf in der Kaputze, sah von der Felsenbrücke hoch oben auf unsren, ihm muthmaßlich wie Spielzeug erscheinenden Zug hernieder. Fünf Minuten später rasselten wir an einem mit Holzbalkonen umschmückten Hause vorüber, das die Inschrift trug: »Café Guillaume Tell«. Also Schweiz!

Die »Bise« wehte von den Bergen her; die Maschine keuchte; unter einem hohlen Gebraus fuhren wir in die Bahnhofshalle ein.

Victoria Hôtel! Ich wählt’ es mit gutem Vorbedacht.

Ein Blick des Oberkellners auf meinen Rochefort-Reisesack (wie hätte erst Rasumofskys Schöpfung gewirkt!) verurtheilte mich zu drei Treppen. Als ich in den kleinen Raum eintrat, sang neben mir eine Pensions-Engländerin die Gnaden-Arie und an dem schlecht eingehakten Fenster rüttelte und rasselte der Sturm. Gleichviel. Ich warf den Reisesack in die Ecke, mich selber auf’s Sopha, kreuzte die Hände über der Brust, athmete hoch auf und sagte das eine Wort: Frei.

[3] Ueber diese Streitscene war ich in dem Kapitel Marennes absichtlich hin gegangen, um den raschen Verlauf der Erzählung nicht zu unterbrechen. Ich muß aber dieses Vorganges doch noch nachträglich Erwähnung thun, weil er mir durchaus charakteristisch erscheint. Der Telegraphen-Beamte, der sich aus einem Mischgefühl von Neugier und Freundlichkeit unsrem Zuge anzuschließen gedachte, hatte nämlich auf dem zweirädrigen Karren meines Pellerinen-Kutschers Platz nehmen wollen, was diesem letzteren unbillig und eine Ueberbürdung seines Fuhrwerkes schien. Aus dieser Geringfügigkeit entspann sich nunmehr ein Disput, der mindestens eine Viertelstunde dauerte und während dieser ganzen Zeit keine andre Steigerung erfuhr, als daß jeder der Streitenden erst ein je vous assure und schließlich (als höchsten Trumpf) ein je vous jure jenen oben citirten, immer wiederholten Worten hinzusetzte. Es machte einen unglaublich ärmlichen Eindruck, und ich kann sagen, ich empfand einen gewissen Stolz darüber, in Gegenden zu Hause zu sein, denen man Reichthum und Produktionskraft nach dieser Seite hin nicht absprechen wird.

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