Die Kompagnie Franke.
Wie oben erwähnt, war die Kompagnie Franke auf ihrem Marsche nach dem südlichen Kriegsschauplatze bereits in Gibeon angelangt, als sie von der Nachricht über den Ausbruch des Hereroaufstandes erreicht wurde. Der Kompagnieführer erbat und erhielt am 15. Januar von mir auf heliographischem Wege die Erlaubnis zur Umkehr. Die erste hervorragende unter den vielen Leistungen der Kompagnie war dann die Zurücklegung der 380 km bis Windhuk in 4½ Tagen, und zwar — was das Wesentlichste war — ohne daß nach diesem Marsche die Leistungsfähigkeit der Pferde beeinträchtigt war. Es war dies das Ergebnis einer vorzüglichen Ausbildung im Frieden wie der strengen Anwendung des Gelernten jetzt im Kriege. Nach einem kurzen Gefecht bei Arris traf die Kompagnie am 19. nachmittags in Windhuk ein. Nach einem Ruhetage setzte sie am 21. ihren Vormarsch auf Okahandja fort. Die Kompagnie war durch Zuwachs aus der Besatzung Windhuks auf einen Stand von 6 Offizieren, 137 Mann und 2 Geschützen gebracht worden. Am 22. Januar kam es zu einem Zusammenstoß bei der Station Teufelsbach, in dem die Hereros nach kurzem Feuergefecht mit aufgepflanztem Seitengewehr in die Flucht gejagt wurden.
Phot. H. Noack, Berlin.
Bedauerlicherweise kam der Vormarsch an dem Swakoprevier bei Osona zum Stocken. Aus dem sonst trockenen Swakop war ein reißender Strom mit etwa der Wassermasse des Rheins bei Schaffhausen geworden. In Südwestafrika pflegt man unter solchen Umständen einfach zu warten, bis das Wasser wieder verschwunden ist, andere Mittel zum Übergang gibt es nicht. In dem vorliegenden Falle befand sich zwar nahebei die Eisenbahnbrücke über den Swakop, aber sie war zerstört. Das war nun eine unangenehme Lage, die das Ergebnis des bisher so gut gelungenen Gewaltmarsches wieder in Frage zu stellen drohte.
Militärstation Okahandja nach der Belagerung.
Im Hintergrunde der Kaiser Wilhelms-Berg.
Man sah damals die Gefährdung Okahandjas für schlimmer an, als sie war. Wie wir jetzt wissen, bestand für den Platz seit Eintreffen der Abteilung Zülow eine eigentliche Gefahr nicht mehr. Indessen Hauptmann Franke wußte dies nicht, er trug sich daher mit keinem anderen Gedanken, als rasch nach Okahandja durchzustoßen. Ein Versuch, den Fluß zu Pferde zu durchqueren, hatte lediglich den Erfolg, daß einige Tiere ertranken und beinahe ein Offizier, der Leutnant v. Wöllwarth, dieses Schicksal geteilt haben würde, wenn ihn nicht der Hauptmann selbst noch rechtzeitig dem Wasser entrissen hätte. Mißmutig ritt daher die Kompagnie am 24. Januar nach Teufelsbach zurück. Eine am 26. vorgenommene Erkundung ergab jedoch, daß das Wasser wieder abzunehmen anfing, und am 27., an Kaisers Geburtstage, gelang der Übergang in der Tat. Ohne Widerstand zu finden, ging es eilends nach Okahandja, wo die Kompagnie von der gerade zum Appell versammelten Besatzung jubelnd begrüßt wurde. Von feindlicher Seite war nur schwaches, seitens der Kompagnie rasch zum Schweigen gebrachtes Gewehrfeuer erfolgt. Infolgedessen glaubte Hauptmann Franke die Berge um den Platz lediglich noch von der feindlichen Nachhut besetzt und beschloß daher, am 28. Januar den anscheinend nach Otjosasu geflohenen Hereros zu folgen.
Wie sich später ergab, war diese Annahme unrichtig. Als die Kompagnie am 28. früh unter den erforderlichen Sicherheitsmaßregeln an dem dicht beim Platze gelegenen, 1670 m hohen Kaiser Wilhelms-Berg vorbeimarschieren wollte, erhielt sie von dem Bergabhang starkes Feuer. Hauptmann Franke entwickelte rasch die Kompagnie nach rechts und erstürmte in einem sechsstündigen Gefecht den Berg, den die Hereros unter Zurücklassung zahlreicher Toter und Verwundeter sowie vielen Hausrates in eiliger Flucht räumten. Die Kompagnie hatte selbst nur drei Verwundete. Diese geringen Verluste verdankt sie den am Bergabhange befindlichen toten Winkeln sowie dem Umstande, daß letztere in der vorzüglichsten Weise ausgenutzt wurden. Auch schoß der Gegner meist zu hoch. Die Besatzung von Okahandja (v. Zülow) hatte an diesem Gefecht nicht teilgenommen, sondern, da die Möglichkeit zu einem solchen gar nicht vorhergesehen war, sich mit Wiederherstellungsarbeiten an der Eisenbahn südlich Okahandja beschäftigt. Sie wurde hier gleichfalls in ein kleines Gefecht verwickelt. Von diesem Tage ab war dann die Umgebung Okahandjas erst völlig vom Feinde befreit. Einzelne kleine Hererobanden trieben sich jedoch bis zum Gefecht von Onganjira noch auf dem Kaiser Wilhelms-Berg herum und wurden von Zeit zu Zeit mittels eines Streifzuges vertrieben. Am 30. Januar folgte dann Hauptmann Franke den Hereros nach Otjosasu, fand jedoch auch diesen Ort bereits verlassen und kehrte daher noch an demselben Tage nach Okahandja zurück.
Gefechtsfeld von Omaruru.
Nunmehr galt es die Befreiung des anscheinend gleichfalls hart bedrängten Omaruru. Die Kompagnie brach bereits am 31. dorthin auf und traf am 2. Februar in Karibib ein. Hier wurde abermals ein Umtausch mit Mannschaften der Besatzung vorgenommen. Besonders erwähnenswert ist der Eintritt eines schweizer Offiziers, der bis jetzt als Ingenieur beim Bau der Otavibahn beschäftigt gewesen war, des Leutnants Leutenegger, als Artillerieführer. Er hat, wie ich vorausschicken will, in der Folge für seine militärischen Leistungen alle Anerkennung gefunden. Der bisherige Artillerieoffizier Oberleutnant Techow, Adjutant der Truppe, der die Expedition bis jetzt freiwillig mitgemacht hatte, verfügte sich dagegen zum Empfang des vom südlichen Kriegsschauplatz zurückerwarteten Gouverneurs nach Swakopmund. Die übrigen der Kompagnie zugeteilten Offiziere waren: Oberleutnant Grießbach, Leutnant der Reserve v. Nathusius, Leutnant Freiherr v. Wöllwarth, Leutnant Leutwein. Zu diesen trat dann noch in Karibib der Leutnant der Reserve Hauber. Die Stärke der Kompagnie betrug jetzt im ganzen 7 Offiziere, 2 Ärzte, 126 Mann, 2 Geschütze.
Am 3. Februar nachmittags wurde der Vormarsch von Karibib auf Omaruru fortgesetzt und am 4. vormittags gegen 9 Uhr die Gegend des letztgenannten Platzes erreicht. Hauptmann Franke hoffte nunmehr, wie schon erwähnt, durch sein bloßes Erscheinen die Hereros zum Einstellen der Feindseligkeiten bewegen zu können. Er legte daher eine weiße Korduniform an und setzte sich auf seinen im ganzen Bezirk bekannten Schimmel. Indessen ließen sich die Hereros hierdurch keineswegs abschrecken, feuerten vielmehr erst recht auf das sich ihnen bietende günstige Ziel. Anfangs erschienen sie jedoch durch das Erscheinen der Kompagnie überrascht und räumten daher nach wenigen Schüssen die als vorgeschobene Stellung besetzte Werft (vgl. die Skizze S. 487) des früheren Kapitäns Manasse, wobei auch eine Viehherde in die Hände der Deutschen fiel. Die Kompagnie setzte sich nunmehr bei Manasses Werft fest und ließ die Artillerie auffahren. Es entspann sich hier ein längeres Feuergefecht, das aber gegen den sehr gut gedeckten Gegner wenig Erfolg zu haben schien. Hauptmann Franke beschloß daher, dem Feinde näher auf den Leib zu rücken, und befahl sprungweises Vorgehen, das schließlich zur Wegnahme der feindlichen Stellung führte, leider aber unter Verlust des tapferen Leutnants v. Wöllwarth. Nunmehr setzte sich der Gegner in einer zweiten Stellung fest, gegen die sich die Kompagnie zunächst wieder zu einem längeren Feuergefecht entwickelte. Der Angriff auf diese Stellung wurde dann aber durch eine völlig unerwartete, jedoch um so willkommenere Unterstützung erleichtert. Als der in Omaruru kommandierende Stabsarzt Dr. Kuhn das Näherrücken des Feuergefechtes vernommen hatte, ließ er mit allen entbehrlichen Leuten unter dem Feldwebel Müller einen Ausfall gegen den Rücken des Feindes machen. In ununterbrochenem Anlauf überrannte die kleine Schar eine rasch nach rückwärts Front machende Hereroabteilung, wobei leider ihr tapferer Führer fiel. Dagegen ließ der Feind an dieser Stelle 17 Tote zurück. Den hierdurch gebotenen günstigen Augenblick benutzte Hauptmann Franke, um nun die zweite feindliche Stellung zu nehmen, worauf die Ausfallabteilung sich mit der Kompagnie vereinigte.
Aber noch war der Sieg nicht errungen, denn abermals setzte sich der zähe Gegner in einer dritten Stellung fest, und zwar in der Nähe der alten Station, der früheren Wohnung des Hauptmanns Franke. Der Widerstand, den der Feind in dieser seiner letzten Stellung leistete, war ganz besonders hartnäckig. Er versuchte sogar einen Vorstoß gegen die rechte Flanke des Angreifers, bei dessen Abwehr der Oberleutnant Grießbach schwer verwundet wurde. Außerdem entwickelte sich nun auch im Rücken der Kompagnie ein heftiges Gefecht gegen die Bedeckung der Bagage unter Leutnant der Reserve v. Nathusius. Hierbei wurde der Führer verwundet, so daß das Kommando an den Leutnant der Reserve Hauber überging. Jetzt wurde die Lage sehr kritisch, zumal der Artillerie die Munition ausging. Als bestes Mittel, aus dieser Lage herauszukommen, erschien dem Hauptmann Franke ein abermaliger Sturmangriff. Dieser wurde wiederum durch Eingreifen der Besatzungstruppe erleichtert; Stabsarzt Dr. Kuhn hatte die schwierige Lage der Kompagnie erkannt und war persönlich an der Spitze von weiteren 12 Mann zum zweiten Male dem Feind in den Rücken gefallen. Nachdem ein kräftiges dreifaches Hurra das Nahen dieser Hilfe der Kompagnie bekannt gegeben hatte, setzte sich Hauptmann Franke auf seinen Schimmel und sprengte vor die Front, damit das Signal zum Beginn des Sturmes gebend. Dieses Beispiel zündete, mit lautem Hurra wurde nunmehr auch die letzte Stellung des Gegners genommen und in dieser ein fröhliches Wiedersehen mit der Ausfalltruppe gefeiert.
Leutnant Frhr. v. Wöllwarth.
Die Hereros räumten infolge des Gefechts die Umgebung Omarurus vollständig, und damit war auch für diesen Platz von jetzt ab alle Gefahr beseitigt. Der diesseitige Verlust betrug 7 Mann tot, 3 Offiziere und 12 Mann meist schwer verwundet, somit etwa 40 vH. der Offiziere, etwa 15 vH. der Mannschaften. Von den drei verwundeten Offizieren starben der Leutnant v. Wöllwarth bereits nach wenigen Tagen, der Oberleutnant Grießbach erst nach langem Leiden in der Heimat. Auf die Ausfallabteilung entfielen von den Verlusten zwei Tote und zwei Verwundete. Vom Feinde wurden dagegen etwa 100 Tote gefunden. Aber trotz dieser schweren Verluste werden wir ihm bereits einige Wochen später bei Otjihinamaparero begegnen und ihn dort einen ebenso hartnäckigen Widerstand leisten sehen.
Dieser denkwürdige Zug der Kompagnie Franke hat mit einem Schlage das Bild des Feldzuges völlig geändert. Die Hereros waren nunmehr auf der ganzen Linie in die Verteidigung zurückgeworfen, in der sie uns allerdings noch recht viel zu schaffen machen sollten. Vor allem aber war die Bahnlinie Swakopmund-Windhuk dem Machtbereich des Feindes entzogen und daher für den Nachschub weiterer Verstärkungen freigemacht. Zwar hatte bereits eine kleinere Abteilung Matrosen, das Landungskorps S. M .S. »Habicht« in der Stärke von etwa 50 Köpfen, längs der Bahn mit eingegriffen und die geängstigten Bewohner der betreffenden Orte mit beruhigen helfen. Bei allem Dank und bei aller Anerkennung für die rasche Hilfe seitens unserer Marine darf aber die Behauptung doch gewagt werden, es hätte ihr Fehlen die Erfolge der Kompagnie Franke nicht zu beeinflussen vermocht. Somit darf auch die fernere Behauptung hinzugefügt werden, daß das Schutzgebiet in dieser schweren Zeit sich des ersten Ansturmes des Gegners aus eigener Kraft hat erwehren können. Dies war neben dem einmütigen und unverzagten Zusammenwirken der ganzen deutschen Bevölkerung die segensreiche Folge der seit dem Jahre 1896 im Schutzgebiete eingeführten allgemeinen Wehrpflicht nach heimatlichem Muster. Sie ließ an Stelle der andernfalls sich gewiß auch bereitwilligst anbietenden, aber ungeregelten Scharen von Kriegsfreiwilligen disziplinierte und organisierte Soldatenkommandos treten, vor allem aber diese in den zahlreichen Offizieren des Beurlaubtenstandes mit Führern ausstatten, denen nicht nur die erforderlichen Kenntnisse, sondern auch die mächtige Autorität des Gesetzes zur Seite stand. Und — man mag die Begeisterung für eine Sache noch so hoch einschätzen — angesichts des Todes kann sich schließlich doch nur die auf eiserne Disziplin gestützte Kraft des Gehorsams als über jedes Schwanken erhaben erweisen.
Der Befehl zur Einziehung der Wehrpflichtigen in den Nordbezirken war, wie bereits erwähnt, zugleich mit demjenigen des Abmarsches der 2. Kompagnie nach dem südlichen Kriegsschauplatze am 25. Dezember 1903 gegeben worden. Bei Ausbruch des Aufstandes am 12. Januar — mithin schon nach drei Wochen — sehen wir in Windhuk eine 1., in Omaruru eine 2. Ersatzkompagnie und in Okahandja eine starke Besatzungstruppe gebildet, sämtliche Formationen reichlich mit Offizieren des Beurlaubtenstandes ausgestattet. Fast nur solche haben dann in der Zeit der Abwehr bis zum Eingreifen der Kompagnie Franke als Führer fungiert. Später sind sie auch bei der aktiven Truppe zahlreich verwendet worden.
Schließlich erscheint es noch des Hinweises würdig, wie wertvoll die großen Stationen als Stützpunkte in den einzelnen Bezirken sich erwiesen haben. Sie wurden zu Zufluchtsorten für die weißen Farmer und Ansiedler, aber auch zu Stützpunkten für die deutsche Macht, so daß diese in keinem Bezirk je ganz zu bestehen aufgehört hat. Von ihnen ging nach dem Umschwung der Dinge auch die Wiederinbesitznahme des betreffenden Bezirkes aus, denn sie waren über die Verhältnisse beim Gegner, über die man sich andernfalls mühsam hätte wieder orientieren müssen, fortgesetzt auf dem laufenden geblieben. Einen dauernden Schaden haben dagegen die Eingeborenen keinem der Plätze zuzufügen vermocht, vielmehr sind diese, mit Ausnahme des am schwersten bedrohten Okahandja, von Anfang bis zu Ende selbst die Angreifenden geblieben. Auch den Eintritt von Nahrungsmangel bei der Militär- wie bei der Zivilbevölkerung haben die gefüllten Proviantmagazine der Stationen verhindert. Im ganzen haben diese Stützpunkte somit ihren Zweck erfüllt.
Diejenigen aber, die der Ansicht sind, man hätte mittels gewaltsamen Eingreifens bereits vor Jahren die jetzige Katastrophe heraufbeschwören sollen, mögen bedenken, wieviel größere Schwierigkeiten unsere Truppen damals hätten überwinden müssen als jetzt, wo sie schon gerade groß genug gewesen sind. Ohne die Eisenbahn, ohne die gefüllten Proviantmagazine im Innern, vor allem ohne eigene Landeskenntnisse einen Krieg durchzufechten, hätte damals noch blutigere Opfer gekostet als jetzt. Ich habe es durchgemacht, was es heißt, Krieg zu führen, wenn man lediglich von dem guten Willen landeskundiger Eingeborener abhängig ist. Dieser Erfahrung verdankt der § 17 der Instruktion für die Bezirksamtmänner usw. (Anlage 2) seine Entstehung, dessen Wortlaut ist:
»Die in einem Bezirk stehenden Angehörigen der Truppe, wie Polizisten, haben sich fortgesetzt über dessen Wege-, Wasser- und Weideverhältnisse zu orientieren. In allen unter deutscher Verwaltung stehenden Bezirken muß die Feldtruppe operieren können, ohne sich außerhalb der Truppe und Polizei stehender Führer bedienen zu müssen. In jedem Bureau einschließlich derjenigen der Polizeistationen müssen stets genaue Wege- usw. Karten des betreffenden Verwaltungsbezirkes zu finden sein.«
Nicht übersehen dürfen wir ferner, wie viele deutsche Soldaten der Tatsache das Leben zu verdanken haben, daß es so lange Jahre gelungen ist, für unsere Sache Eingeborene gegen Eingeborene auszuspielen. Gedanken solcher Art mögen uns trösten über die tiefschmerzlichen Opfer an Menschenleben, welche die inzwischen fortgeschrittene Besiedlung des Landes bei Ausbruch des Aufstandes gefordert hat, und die niemand näher gehen können, als dem seiner Verantwortlichkeit sich bewußten Gouverneur. Sie mögen aber auch dem Reichstagsabgeordneten zur Seite stehen, der heute die Summen für das Schutzgebiet bewilligt, die er vor zehn Jahren vielleicht versagt hätte. Wer aber jetzt noch der Ansicht sein sollte, die Niederwerfung der Eingeborenen hätte damals weniger Opfer gekostet als heute, der befindet sich im Irrtum. Ich meinerseits bin der gegenteiligen Ansicht. Noch mehr aber irrt derjenige, welcher glaubt, daß eine gewaltsame Entwaffnung oder eine sonstige Entrechtung der Eingeborenenstämme, wenn früher vorgenommen, gar keinem Widerstand begegnet sein würde. Auch wenn vorläufig nur an einem einzigen Stamm zur Ausführung gebracht, würde diese Maßnahme sofort das Mißtrauen aller hervorgerufen und sie geradezu gewaltsam zum Anschluß aneinander gebracht haben. Dafür hat das Jahr 1904 den vollen Beweis erbracht. Als sie sich von der gleichen Gefahr bedroht glaubten, haben damals Hereros und Hottentotten, früher bitterste Feinde, sofort unverkennbare Neigung zum Zusammenschluß gezeigt. Daß es gelungen ist, diesen Zusammenschluß neun Monate bis Oktober 1904 hintanzuhalten, war zu Beginn des Hereroaufstandes zweifellos unsere Rettung. Heute können wir ferner die erforderlichen Opfer als unvermeidlich hinnehmen; wenn aber von uns selbst heraufbeschworen, würden wir uns angesichts ihrer Größe vielleicht doch nicht der zweifelnden Frage entschlagen können: »War es durchaus notwendig, diese Opfer zu bringen, und ist das Schutzgebiet sie auch wert?« Und wer würde die Verantwortung für solche Folgen eines Friedensbruchs unsererseits, ohne daß eine Zwangslage gegeben war, übernommen haben?