Die Ostabteilung.
Von Beginn des Aufstandes ab war sowohl in der Heimat wie im Schutzgebiete die öffentliche Meinung mehr durch die Furcht vor einer Flucht der Hereros mit dem geraubten Vieh über die englische Grenze, als vor einer etwaigen Schwierigkeit, sie zu besiegen, beherrscht. Bei dem bisherigen geringen politischen Zusammenhalten der Hererostämme unter sich erschien auch mir eine solche Fluchtmöglichkeit, wenigstens seitens des im Osten wohnenden Stammes des Unterhäuptlings Tjetjo, als naheliegend. Dieser Annahme trat der Distriktschef von Gobabis, Oberleutnant Streitwolf, in einer Meldung vom 9. Februar gleichfalls bei, die ich am 15. Februar in Karibib erhielt. Der genannte Offizier empfahl in ihr dringend die Entsendung einer starken Truppe nach dem Distrikt Gobabis, und zwar rasch, da andernfalls die Gefahr einer Entweichung der Hereros vorliege. Es wurde daher zur Formierung einer stärkeren Ostabteilung unter dem Kommando des Majors v. Glasenapp geschritten. (Siehe S. 496.) Dieser erhielt Befehl, sich zur Rücksprache bei mir in Karibib einzufinden, der bereits im Vormarsch nach dem Osten befindlichen Marinekompagnie Fischel wurde dagegen aufgegeben, zu halten, wo sie sich gerade befände. Die Abteilung von Winkler war bereits im Distrikt Gobabis angelangt und daher wenigstens der dringendste Bedarf an Verstärkung dortselbst gedeckt. Sie hatte auf ihrem Vormarsch am 11. Februar eine feindliche Werft überfallen und mit geringen eigenen Verlusten genommen. Nachzuholen ist noch, daß die Kompagnie Fischel in der Nacht vom 14. auf den 15. in der Nähe von Seeis einen Überfall auf ihre Sicherheitstruppen und hierbei einen Verlust von 3 Toten und 2 Verwundeten erlitten hatte. Auch diese Meldung war am 15. in Karibib eingetroffen.
Nach ihrer vollständigen Zusammensetzung war die Kriegsgliederung der Ostabteilung folgende:
Führer: Major v. Glasenapp,
Stab: Hauptmann a. D. v. François,
Adjutant: Leutnant Schäfer,
Ordonnanzoffizier: Oberleutnant Graf v. Brockdorff,
Artillerieoffizier: Oberleutnant z. S. Manshold,
Stabsarzt Graf,
Marineinfanterie-Oberassistenzarzt Dr. Velten,
Marine-Kompagnien Fischel, Lieber,
Schutztruppen-Feldkompagnie von Winkler,
Kavallerie-Abteilung Oberleutnant d. L. Köhler[140], Oberleutnant Eggers,
2 Maschinengewehre,
6 Geschütze verschiedenen Kalibers,
in Summa rund 400 Gewehre, darunter 80 Berittene. An landeskundigen Offizieren befanden sich bei der Abteilung der Kriegsfreiwillige Hauptmann a. D. v. François und die Oberleutnants v. Winkler und Eggers. Aber auch zahlreiche Landeskundige, sei es als Kriegsfreiwillige, sei es als Reserve und Landwehr, waren bei der Schutztruppenkompagnie. Sie haben bei der durchweg aus Neulingen bestehenden Ostabteilung nach dem Zeugnisse des Führers die wertvollsten Dienste geleistet, trotzdem empfand der letztere immer noch unliebsam den Mangel an wegekundigen Eingeborenen.
Wenn die Ostabteilung bei ihren Operationen auch nicht so durchweg vom Glück begünstigt gewesen ist wie die Westabteilung, so verdienen ihre Leistungen doch die höchste Anerkennung. Die Marschdisziplin der zum Teil noch aus Rekruten bestehenden Marineinfanterie war bewundernswert. Sie hat den weiten Weg von Windhuk nach Gobabis und von da, stets den Spuren des Feindes folgend, gegen Westen bis in die Nähe der Onjati-Berge ohne nennenswerte Verluste an Marschunfähigen zurückgelegt.[141] Zu einem Gefecht gegen den noch isolierten Feind, wie wir dies bei der Westabteilung gesehen haben, ist es dagegen bei der Ostabteilung nicht gekommen. Die Kriegslust des Tjetjostammes scheint diejenige der Omaruru-Hereros nicht erreicht zu haben. Er blieb vielmehr beim Anrücken der Ostabteilung in ununterbrochenem Rückzuge und fand erst nach gewonnener Fühlung mit der Hauptmasse seiner Landsleute in der Nähe der Onjati-Berge den Mut zum Widerstande.
Zunächst hatte daher die Ostabteilung lediglich Marschleistungen aufzuweisen.[142] Deren Ziel war Kehoro am oberen Nosob, wo der Tjetjostamm gemeldet war. Indem sowohl die Abteilung von Winkler wie die von Major v. Glasenapp selbst geführten beiden Marinekompagnien diesem Ziel zustrebten, gewannen sie am 24. Februar in der Nähe von Groß-Owikango Fühlung miteinander. Der Platz Kehoro aber fand sich bereits vom Feinde geräumt. Gemeinsam wurde jetzt die Verfolgung aufgenommen, und zwar in zwei Kolonnen, die eine den Epukiro, die andere den Schwarzen Nosob auswärts. Die breite Front war gewählt worden, um eine Rückkehr des Gegners um die Flanken des Verfolgers herum nach Osten tunlichst zu erschweren. Wo die Hauptmasse der Hereros geblieben war, ob bei Waterberg oder in den Onjati-Bergen, war damals beim Oberkommando der Truppe wohl bekannt, aber noch nicht bis zur Ostabteilung durchgedrungen. Die Spuren des zurückziehenden Tjetjostammes führten dagegen stets nach Westen, bis Onjatu, welcher Platz seitens der linken Kolonne am 12. März erreicht wurde. Hier aber verloren sie sich. Da das zweckmäßigste Erkundungsmittel, nämlich Eingeborene als Späher, hier versagte und kleinere Patrouillen in Südwestafrika überhaupt unzweckmäßig sind, in dem dortigen dichten Buschgelände aber erst recht keinen Erfolg versprechen, so wurde eine größere Erkundungsabteilung zusammengesetzt und zu ihr alle in Onjatu entbehrlichen Offiziere herangezogen, um bei dem Pferdemangel die Zahl der Berittenen tunlichst zu erhöhen. Auch der Stab schloß sich an. In Summa betrug die Stärke der Erkundungsabteilung 11 Offiziere, 46 Reiter und 3 Eingeborene, von welchen 36 Gewehre am Gefecht teilgenommen haben.
Dieser Erkundungsritt führte am 13. März zu dem Gefecht von Owikokorero. Nach den Aussagen einer unterwegs eingefangenen Hererofrau sollte der Gegner im Abzug begriffen sein und sich an dem Platze nur noch seine Nachhut sowie eine Viehherde befinden. Dies schien sich zu bestätigen, als die ersten entdeckten Schwarzen vor der in breiter Front und rascher Gangart vorreitenden Patrouille davonliefen. Sogar die Viehherde konnte anstandslos weggenommen werden. Aber bald wurde die Patrouille von Schüssen begrüßt, worauf sie zum Fußgefecht absaß. Das anfänglich nur schwache feindliche Feuer verstärkte sich zusehends, und bald war kein Zweifel mehr möglich, daß man nicht die Nachhut des Tjetjostammes, sondern diesen selbst vor sich habe. Mit Recht ließ Major v. Glasenapp jetzt das Gefecht abbrechen, doch war man bereits zu sehr mit dem Feinde handgemein geworden, als daß dies noch ohne schwere Verluste möglich gewesen wäre. Sogar das Maschinengewehr ging, nachdem dessen Bedienungsmannschaft in mehrfachem Wechsel außer Gefecht gesetzt worden war, verloren. Es war daher fast ein Wunder, wenn dem übermächtigen sowie heftig nachdrängenden Gegner gegenüber überhaupt noch eine teilweise Rettung der Patrouille gelang. Die Mehrzahl der Kämpfer jedoch, und zwar 7 Offiziere und 19 Mann, war gefallen. Zwei schwer verwundete Offiziere konnten noch gerettet werden. Im Verhältnis zu der im Gefecht gewesenen Kopfzahl betrugen die Verluste somit etwa 70 vH. Wenn daher in diesem Gefecht für die deutschen Waffen manches verloren gegangen ist, so war eins nicht verloren, nämlich die Waffenehre. Auch die beiden alten Afrikaner, deren Rat bei Durchführung dieses Patrouillenrittes wesentlich mitgewirkt hat, waren gefallen.[143]
Nunmehr blieb die Ostabteilung vom 14. bis 28. März im Lager von Onjatu, das Eingreifen der zur Zeit noch nicht operationsfähigen Hauptabteilung erwartend. Denn was die Abteilung zu wissen nötig hatte, wußte sie jetzt, nämlich, daß ihr ein starker Feind in einem für diesen günstigen, für die deutschen Waffen aber höchst ungünstigen Gelände gegenüberstände.
Erst der nächste von Windhuk kommende Befehl vom 11. März — eingegangen am 17. März — brachte Aufschluß über die Gesamtlage beim Feinde. Er lautete auszüglich:
1. Samuel mit den Okahandjaleuten sitzt in der Linie Otjosasu-Okatumba (am Swakop) — Katjapia und südlich (etwa 1000 Gewehre).
Der Tjetjostamm ist im Rückzuge von Kehoro, den Schwarzen Nosob aufwärts nach den Onjati-Bergen (etwa 500 Gewehre).
Michael mit den Leuten von Omaruru geht vom Etjo-Gebirge in östlicher Richtung zurück (etwa 1000 Gewehre).
Im Bezirk Otjimbingwe, bei Sneyrivier und am Liewenberge und südlich sitzen weitere Hereros (etwa 1000 Gewehre).
Aus dem Nordosten keine Nachricht.
2. Ich beabsichtige, nach Formation der Hauptabteilung die Okahandjaleute und Tjetjo von Westen und Osten her gleichzeitig anzugreifen.
3. bis 8. usw.
9. Ich treffe Ende März in Okahandja ein und begleite den Vormarsch der Hauptabteilung.
2. Die Formation der Hauptabteilung kann Anfang April beendet sein.
Der Tag des Angriffs wird noch befohlen werden.
3. bis 5. usw.
Ergänzt wurde dieser Befehl durch einen zweiten vom 18. März, der die Aufgabe der Ostabteilung, wie folgt, genauer bestimmt:
»Wenn über den Tjetjostamm nunmehr andere Nachrichten dort eingegangen sind, so liegt die Sache für die Ostabteilung natürlich anders und würde dieselbe freie Hand zu jeder anderen Operation gegen diesen haben. Die Hauptoperationsaufgabe der Ostabteilung ist und bleibt der Tjetjostamm und die Sperrung der Ostgrenze.«
Gleichzeitig mit diesem Befehl trafen am 21. März aus Windhuk als Ersatz für die Gefallenen vier andere Offiziere ein, darunter drei Reserveoffiziere, von denen der eine (Nörr) bereits 12 Tage später bei Okaharui fiel.
Die weiteren Ereignisse zeigten dann von neuem, wie schwer in Afrika ein einheitliches Zusammenwirken getrennt operierender Abteilungen herzustellen ist. Die Hauptabteilung war nicht am 1. April, sondern infolge eingetretener Hemmnisse erst am 7. operationsfähig. Die Nachricht von dieser Verschiebung traf jedoch die Ostabteilung erst am 3. April, aber auch jetzt konnte noch nicht bestimmt gesagt werden, an welchem Tage der Angriff der Hauptabteilung auf die feindliche Stellung zu erwarten sei. Es hieß nur »um den 6. herum«.[144] Am 3. mußte jedoch, wie wir noch sehen werden, die Ostabteilung sich eines feindlichen Angriffs bei Okaharui erwehren, da sie sich in ihren Operationen an den ersten Befehl gehalten hatte, nach dem die Hauptabteilung Anfang April marschbereit sein sollte. Ein solch mangelhaftes Zusammenwirken wird erklärlich, wenn wir die Art der Verbindung zwischen beiden Abteilungen betrachten. Diese ging mittels Heliographenlinie von Okahandja über Windhuk nach Seeis und von da mittels Reiter oder Fußboten zum Lager der Ostabteilung. Auch bei der größten Beschleunigung bedurften die Befehle und Meldungen zum Zurücklegen dieses Weges eines Zeitraumes von 5 bis 8 Tagen. Beide Abteilungen mußten daher auch isoliert sowie nach den Umständen handeln. Indessen lag hierin keine besondere Gefahr, da jede ihren eigenen Gegner hatte, und ihre bloße Anwesenheit genügte, um diesen festzuhalten. Wenigstens hat der Tjetjostamm bei den Gefechten der Hauptabteilung nicht mitgewirkt. Ebenso unwahrscheinlich war eine Teilnahme der bei Onganjira stehenden Hauptmacht der Hereros an dem Gefecht bei Okaharui. Denn die Eingeborenen pflegen über die Maßnahmen des Feindes stets völlig unterrichtet zu sein. Und so konnte auch dem bei Onganjira stehenden Oberhäuptling Samuel die immer stärker werdende Ansammlung von Truppen in Okahandja unmöglich entgangen sein.
In der Annahme, daß die Hauptabteilung ihren Vormarsch Anfang April beginnen werde, stieß die Ostabteilung am 1. April bis Ojikuoko vor. Hier tauchten ihr Zweifel auf, ob die Hauptabteilung ihren Vormarsch in der Tat angetreten hätte, da von dort weder Nachrichten eingetroffen, noch Signalzeichen zu sehen waren. Major v. Glasenapp beschloß daher den Rückmarsch auf Onjati, da ihm die Lage seiner Abteilung dicht vor dem starken Feinde doch zu gefährdet erschien. Nachdem die berittene Abteilung unter Oberleutnant v. Winkler zur Erkundung bereits vorher zurückgesendet worden war, lagerte die Ostabteilung selbst in der Nacht vom 2. bis 3. April bei Okaharui mit der Absicht, am andern Tage den Rückmarsch auf Otjikuara fortzusetzen. Auf diesem Rückmarsch traf am 3. April — mithin noch ungewöhnlich schnell — der Befehl des Truppenkommandos vom 29. März ein, wonach die Hauptabteilung erst etwa am 6. marschbereit wäre und daß zwei Geschütze nebst Munition sowie Proviant unter Hauptmann a. D. Fromm im Anmarsch seien. Nun hatte Major v. Glasenapp selbstverständlich erst recht keine Veranlassung zum Bleiben; doch erwies sich bald, daß eine ungestörte Fortsetzung des Rückmarsches nicht mehr in seiner Hand lag. Denn anscheinend übermütig geworden durch den mit erdrückender Übermacht errungenen Erfolg bei Owikokorero, war der Gegner der Abteilung in dichten Massen gefolgt und hatte am 3. vormittags die Nachspitze angegriffen. Hieraus entwickelte sich nunmehr das Gefecht von Okaharui.
Der Angriff der Hereros traf die Ostabteilung in einer recht schwierigen Lage. Mit einem Train von 22 Ochsenwagen belastet, war sie in dem ganz unübersichtlichen Gebüsch auf 2½ km auseinandergezogen. Die Arrieregardenkompagnie (Fischel) machte sofort Kehrt, um ihrer hart bedrängten Nachspitze Unterstützung zu bringen. Die in der Mitte der Marschkolonne befindliche Schutztruppenkompagnie — jetzt von Oberleutnant Graf v. Brockdorff geführt — sowie die Artillerie erhielten Befehl, gleichfalls wieder Front zu machen und behufs Aufnahme der Arrieregardenkompagnie sich bei einer Lichtung zu entwickeln. Auch die auf dem Rückmarsch am weitesten vorn befindliche Kompagnie (Lieber) bekam Weisung, sich an diese Stellung heranzuziehen. Letzteres konnte jedoch nicht zur Ausführung gebracht werden, da inzwischen die Kompagnie selbst angegriffen worden war. Es entwickelte sich daher ein räumlich getrenntes Gefecht nach zwei Fronten, bei dem der Gegner bald entdecken sollte, daß er es nicht mehr mit der schwachen Abteilung von Owikokorero zu tun hätte. Er wich unter schweren Verlusten, noch bevor der auf beiden Gefechtsfeldern beschlossene Sturmangriff zur Ausführung gekommen war. Aber auch die diesseitigen Verluste waren groß. Sie betrugen 1 Offizier, 31 Mann tot, davon 1 Offizier, 18 Mann allein von der Nachspitze, und 2 Offiziere, 15 Mann verwundet. Nachdem der geschlagene Feind noch 7 km verfolgt war, wurde in der Nacht zum 4. April auf dem Gefechtsfelde biwakiert und am anderen Tag der Rückmarsch nach Onjatu fortgesetzt. Hier erhielt die Ostabteilung erst am 20. die Nachrichten von den Ereignissen bei der Hauptabteilung, aus denen zu ersehen war, daß bei dieser die Operationen vorläufig zum Stillstand gekommen waren. Das fernere Verhalten der Ostabteilung sollte daher bis auf weiteres rein defensiv bleiben, zu welchem Zweck ihr die Aufstellung überlassen blieb. Auch wurde ihr ein etwaiger Linksabmarsch nach Otjihangwe, jedoch unter Aufrechterhaltung der Beobachtung des Gegners, freigestellt.
Inzwischen hatte sich bei der Abteilung ein neuer Feind eingestellt, der noch mehr Opfer fordern sollte als die Hereros, nämlich der Typhus. Am 16. April hatte die Abteilung bereits 66 Typhuskranke, und täglich kamen neue Erkrankungen hinzu. Es war daher ein ganz richtiger Entschluß, wenn die Ostabteilung die auf dem Kriegsschauplatz eingetretene Ruhepause benutzte, um die verseuchte Gegend zu räumen. Sie marschierte am 21. April ab und erreichte am 24. Otjihaenena, wo Missionshaus und Kirche die Möglichkeit zur Einrichtung eines Lazaretts boten. Auf die Nachricht von dem Geschehenen wurde dort die Abteilung unter dem 3. Mai in Quarantäne gesetzt. Die berittene Abteilung war infolge ihrer Entsendung bereits vor dem Gefecht von Okaharui glücklicherweise nicht infiziert worden und konnte daher auch ferner außerhalb des Verbandes der Abteilung verbleiben. Sie wurde zunächst in Seeis stationiert. Mit diesen Maßnahmen hatte die Ostabteilung zu bestehen aufgehört. Ihre Aufgabe, den Ostdistrikt zu säubern und einen etwaigen Übertritt feindlicher Banden mit Viehherden nach dem britischen Gebiet zu verhindern, hat sie vollauf gelöst und in zwei schweren Gefechten dem Gegner Achtung vor den deutschen Waffen beigebracht. Die stets ungebeugte Energie und frische Initiative des Führers, des Majors v. Glasenapp, verdient alle Anerkennung.
Von den Aufgaben, die bisher der Ostabteilung obgelegen hatten und deren Erfüllung infolge ihres Ausscheidens gefährdet erschien, konnte die eine auch ferner nicht unberücksichtigt bleiben, nämlich Verhinderung eines etwaigen Abmarsches der Hereros über die englische Grenze. Glücklicherweise gibt es vom Hererolande aus über diese eigentlich nur zwei für große Massen brauchbare Übergänge, nämlich längs des Omuramba-u-Omatako sowie längs des Epukiroriviers. Diese beiden Riviere mußten daher gesperrt werden. Die Sperrung des ersteren erfolgte durch Besetzung der Wasserstelle Coblenz seitens des Distrikts Grootfontein,[145] diejenige des letzteren durch Stationierung einer neu zusammengestellten Abteilung von etwa 100 Reitern und 2 Geschützen unter Oberleutnant v. Winkler bei Epukiro. Mannschaften und Geschütze waren zum Teil der Ostabteilung (Reitertruppe) entnommen, zum Teil der Station Windhuk. Außerdem hatte die Ostabteilung bereits im Monat März den Leutnant Eymael mit 30 Reitern nach Rietfontein entsendet. Einzelne Banden, anscheinend mit der Absicht, die Grenze zu überschreiten, hatten sich in der Nähe dieses Platzes bereits gezeigt.
Schließlich erscheint noch die Tatsache erwähnenswert, daß nach dem Gefecht von Onganjira eine Meldung des bei Okaharui kommandierenden Hereroführers über das dortige Gefecht in dem Pontok des Oberhäuptlings gefunden worden ist. Diese Meldung war jedoch nicht von Tjetjo unterzeichnet, sondern von Oanja, einem der Großleute Samuels, den dieser in anscheinendem Mißtrauen gegen Tjetjo über letzteren gesetzt hatte. Der Inhalt des Briefes war ungefähr: »Wir haben gestern gefochten und wollten die Wagen der Deutschen nehmen, doch diese hielten stand, wir auch; und dann haben wir eine große Sache gemacht, nämlich zwei große Rohre weggenommen. Die Deutschen verloren 31 Tote.« Wie wir jetzt wissen, war die Meldung von der Wegnahme zweier Geschütze eine Flunkerei seitens des Hereroführers.
Die Hauptabteilung.[146]
Während die beiden deutschen Flügelabteilungen ihre weiten Umfassungsbewegungen vollendeten, benutzte die in Okahandja sich sammelnde Hauptabteilung die so gegebene Zeit zu ihrer Formation. Sie sollte sich aus der vom Süden zurückzuerwartenden Feldtruppe und aus den von Deutschland bereits angekündigten weiteren Verstärkungen in der Höhe von 500 Köpfen, endlich aus der in Okahandja zurückgebliebenen Marinekompagnie (Schering) zusammensetzen, die ganze Abteilung unter dem Befehl des inzwischen eingetroffenen Führers des Marine-Expeditionskorps, des Obersten Dürr. Leider aber machte sich bei dem genannten Offizier bald die Wirkung des südwestafrikanischen Höhenklimas geltend. Ein schweres Herzleiden zwang ihn, das Schutzgebiet bereits nach vier Wochen wieder zu verlassen. Ich bedauerte dies tief, da ich mir bewußt war, bei meiner schweren Aufgabe die Unterstützung seitens eines so erfahrenen und tüchtigen Offiziers wohl brauchen zu können.[147] Infolge seines Ausscheidens trat der Stab des Obersten Dürr zum Kommando der Schutztruppe über (die Hauptleute Salzer und Bayer als Generalstabsoffiziere, Oberleutnant v. Bosse als Adjutant, deren Unterstützung mir um so wertvoller war, als ich bis jetzt hatte froh sein müssen, wenn ich überhaupt nur einen einzigen Adjutanten besaß).
Oberst Dürr.
Bis Ende Februar hatte die Hauptabteilung lediglich aus der Marinekompagnie bestanden. Am 28. traten zwei aus den eingetroffenen Verstärkungen mittlerweile neuformierte Kompagnien der Schutztruppe, und zwar die 5. unter Hauptmann Puder, die 6. unter Hauptmann v. Bagenski,[148] hinzu, zwei gleichfalls neu gekommene Batterien befanden sich noch in der Formation begriffen im Bezirk Swakopmund. Da der im Bezirk Otjimbingwe stehende, seinerzeit durch die Abteilung Gygas geschlagene Gegner anfing, sich wieder lästig zu machen, wurde beschlossen, die noch fortdauernde Ruhepause vor der Front zu einer abermaligen Expedition gegen ihn auszunutzen. Es wurden hierzu bestimmt:
| Kompagnie Puder, | ||
| Marinekompagnie Schering, | ||
| 23 Mann vom Landungskorps S. M. S. »Habicht«, | ||
| 1 Feldgeschütz C. 73 | } | |
| 2 Maschinenkanonen | unter Leutnant z. S. Rümann. | |
| 1 Revolverkanone | ||
Außerdem wurde zur Aufklärung eine besondere berittene Patrouille von 30 landeskundigen Reitern unter Oberleutnant Ritter vorausgeschickt. Diese meldete am 3. März frische feindliche Spuren in der Richtung von Groß-Barmen nach Klein-Barmen.
Die Abteilung selbst unter Kommando des Hauptmanns Puder trat ihren Vormarsch am 2. März an. Am 4. früh stieß die Spitze in der Nähe von Klein-Barmen auf eine geschickt gewählte feindliche Stellung. Spitze und Reiterabteilung waren hierbei unvermutet in das feindliche Feuer geraten und hatten mehrere Reiter und Pferde verloren. Rasch entwickelte Hauptmann Puder die Kompagnie Schering gegen die Front des Feindes, seine eigene gegen dessen rechte Flanke. Mittels dieser Umfassungsbewegung wurde nach vierstündigem Gefecht, bei dem schließlich ein seitens des Leutnants v. Rosenberg[149] mit seinem Zug ausgeführter Sturmangriff den Ausschlag gab, der Gegner mit einem diesseitigen Verlust von 5 Toten und 1 Verwundeten aus seiner Stellung geworfen. Eine weit ausholende Verfolgung lag nicht in der Aufgabe der Abteilung Puder, da sie sich von dem Schwerpunkt unserer Operationen, Okahandja, nicht allzusehr entfernen durfte. Sie kehrte daher am 8. März an diesen Platz zurück.
Indessen hatte die Expedition vorher doch noch einen weiteren wesentlichen Erfolg, indem eine am 6. unter Leutnant v. Rosenberg entsendete Patrouille zur allgemeinen Überraschung ein weiteres großes Hererolager bei Oruware am Swakop feststellte. Ein bei der Patrouille befindlicher Bur schätzte dessen Stärke auf 1500 bis 2000 Waffenfähige mit unzähligem Vieh. Diese wichtige Meldung eröffnete die Aussicht auf einen weiteren Kriegsschauplatz, für den deutscherseits keinerlei Truppen verfügbar waren, da die zur Zeit vorhandenen oder noch zu erwartenden dem östlich Okahandja stehenden Feind gegenüber gerade ausreichend erschienen. Diese neue Kriegslage wurde nach der Heimat telegraphiert und um weitere 1000 Mann Verstärkung gebeten, die auch sofort bewilligt wurden. Mit ihnen gedachte ich später einen besonderen Feldzug in dem Gebiet von Otjimbingwe zu unternehmen und hoffte, bis zu deren Eintreffen den dortigen Gegner durch fortgesetzte Beobachtung und scheinbare Angriffsbewegungen in seiner derzeitigen Stellung fesseln zu können, denn seine Vereinigung mit der östlich Okahandja stehenden Hauptmacht der Hereros lag nicht in unserem Interesse. Trotz aller Gegenmaßnahmen, gelang es jedoch den auf die Dauer sich anscheinend doch zu isoliert fühlenden Hereros von Oruware, in der Nacht vom 28. zum 29. März bei Teufelsbach die stark besetzte Bahnlinie zu überschreiten und sich mit den im oberen Swakoptal stehenden Hereros zu vereinigen; eine Tatsache, welche die Kriegslage für uns wesentlich ungünstiger gestaltet hat. Denn nun hatten wir in den nächsten Gefechten auch noch mit diesen Hereros zu rechnen, während die zu ihrer Bekämpfung bestimmten 1000 Mann nebst zwölf Geschützen vor vier Wochen nicht eintreffen konnten.
Als ich im Februar 1904 auf dem Herero-Kriegsschauplatze eingetroffen war, herrschte über die Stellung der Hauptmasse der Hereros vollständige Unklarheit. Man vermutete sie nur in den Onjati-Bergen. Gewißheit hierüber verschaffte ich mir auch dieses Mal wieder durch mein gewöhnliches Mittel, nämlich durch Übersendung eines Briefes an Samuel Maharero mit der Anfrage nach den Gründen seines Aufstandes. Daß ich nebenbei auch neugierig gewesen bin, diese Gründe kennen zu lernen, nachdem ich zehn Jahre lang seitens des Oberhäuptlings eine Unterstützung erfahren hatte, die nahezu an Verrat an seinem eigenen Volke grenzte, wird mir niemand verargen.[150] Nach einigen Tagen überbrachte Missionar Kuhlmann, der auf der Flucht von seiner Station das Hererolager passiert hatte, die Antwort.
Der Brief datiert vom 6. März und ist adressiert: »An den Großen Gesandten des Kaisers, Gouverneur Leutwein.« Er beginnt mit dem Satz: »Deinen Brief habe ich erhalten und habe ich gut verstanden, was Du mir und meinen Großleuten geschrieben hast.« Dann begannen lange Klagen über das Treiben der Händler in seinem Lande, sowie auch, daß sie ihm gesagt hätten, der Gouverneur, »der Euch liebt«, sei in einen schweren Krieg gezogen, sei tot, und weil er tot sei, müßten sie, die Hereros, auch sterben. Schließlich folgt noch die merkwürdige Behauptung, der Distriktschef von Okahandja hätte Anschläge auf sein, des Oberhäuptlings, Leben gemacht.[151] Was aber das Wichtigste war, das Missionar Kuhlmann zurückbrachte, war seine Nachricht, daß die Masse der Hereros, die bis jetzt in den Onjati-Bergen vermutet worden war, im oberen Swakoptal von Okatumba aufwärts bis Okaharui säße und der Oberhäuptling selbst bei Onganjira. Um diese Nachricht nachzuprüfen, wurde aus Windhuk eine Patrouille unter Oberleutnant Reiß[152] durch die Onjati-Berge vorgetrieben und durch sie festgestellt, daß diese Berge in der Tat vom Feinde völlig frei waren.
Inzwischen waren Ende März in Okahandja die Westabteilung, S. 501, sowie vom südlichen Kriegsschauplatze die 1. Feldkompagnie und die Gebirgsbatterie, desgleichen je 80 Witbooi- und Bastardreiter eingetroffen, erstere unter Leutnant Müller v. Berneck, letztere unter ihrem bisherigen Führer, dem kaum von seinen schweren Wunden wiederhergestellten Oberleutnant Böttlin. Ende März war daher die Hauptabteilung vollzählig, dagegen war es nicht gelungen, auch die Artillerie bereits bis zum 1. April marschfähig zu machen, da das Einfahren der Maulesel große Schwierigkeiten verursacht hatte. Infolgedessen wurde der Abmarsch der vereinigten Haupt- und Westabteilung bis zum 7. April verschoben.
Nach der oben erwähnten, Ende März erfolgten Vereinigung der Otjimbingwer Hereros mit der östlich Okahandja stehenden Hauptmasse ihrer Stammesgenossen würde es die Kriegslage eigentlich geboten haben, den Angriff auf den nunmehr in doch zu bedeutender Mehrzahl befindlichen Gegner bis zum Eintreffen der bereits bewilligten weiteren Verstärkungen zu vertagen. Eine solche Verzögerung würde jedoch den Feind moralisch zu sehr gestärkt haben. Hatte doch der bei Okatumba befehligende kriegslustige Häuptling Kajata infolge unseres bisherigen, von ihm falsch aufgefaßten Zögerns dem Missionar Kuhlmann die Frage vorgelegt: »Fechten denn Deine Landsleute nur hinter Häusern?« Bei weiterem Zuwarten stand daher auf gegnerischer Seite eine Zunahme der Unternehmungslust zu befürchten, die gefährlicher werden konnte als ein vorzeitiger Angriff. Aus dieser Erwägung heraus entschloß ich mich zum Vormarsch.
Nachdem am 7. April der Vormarsch von Okahandja aus angetreten war, standen am 8. April die Haupt- und Westabteilung in Otjosasu vereinigt. Auf dem Marsche dahin wurde der von Waterberg geflüchtete Missionar Eich angetroffen, der weitere wichtige Nachrichten aus dem Hererolager brachte. Auch er hatte bei Okatumba und Owiumbo große Massen von Hereros gesehen und konnte hinzufügen, daß ein Teil der Waterberg-Hereros unter Salatiel an ihrem Platze verblieben, Michael von Omaruru mit der Masse seiner Leute zu Samuel gestoßen sei.
Die Zusammensetzung der vereinigten Haupt- und Westabteilung war folgende:
1., 2., 4., 5. und 6. Feldkompagnie, Marinekompagnie Schering, 1 Maschinengewehrabteilung, 1., 2. und 3. Batterie Hauptmann v. Oertzen, Hauptmann v. Heydebreck, Oberleutnant Bauszus, Bastard-Abteilung, Witbooi-Abteilung.
Beiderseitige Stellung am Morgen des 9. April 1904.
Im ganzen waren es etwa 800 Weiße, 12 Geschütze und 160 fechtende Eingeborene, mithin eine Macht, wie sie Südwestafrika auf deutscher Seite noch nicht vereinigt gesehen hatte, trotzdem aber noch zum gleichzeitigen Angriff auf den in zwei Gruppen stehenden Feind (Okatumba und Onganjira) zu schwach. (Vgl. die Skizze.) Bei dem Angriff auf die eine mußte man sich daher auf eine Beobachtung und Beschäftigung der andern beschränken.
Der erste Angriff mußte dem bei Onganjira stehenden Oberhäuptling gelten. Zur Beobachtung des anderen Herero-Flügels wie zur Deckung der Bagage blieben die Marinekompagnie und die Bastard-Abteilung in Otjosasu zurück, erstere als Rückhalt, letztere mit dem Befehl, gegen Okatumba zu demonstrieren, um den dortigen Gegner von einer Mitwirkung bei Onganjira möglichst abzuhalten. Wie ich vorausschicken will, hat die Bastard-Abteilung ihre Aufgabe insofern gelöst, als der bei Okatumba stehende Hereroführer Kajata sich anscheinend zunächst täuschen ließ. Erst spät nachmittags setzte er sich mit 300 Reitern, dahinter zahlreiches Fußvolk, gegen Onganjira in Bewegung, immer vor sich die Bastard-Abteilung, die Schritt für Schritt zurückwich, aber rechtzeitig Meldung vorausschickte. Letztere traf vor dem Sturm auf die feindliche Stellung ein und beschleunigte den Entschluß zu diesem.
Gefecht bei Onganjira am 9. April 1905.
Die vereinigten Abteilungen traten ihren Vormarsch nach Onganjira am Morgen des 9. April an. Genaueres über die feindliche Aufstellung war nicht bekannt. Aus den eintreffenden Meldungen der an der Spitze befindlichen Witboois wie auch von seiten deutscher Reiter ging jedoch allmählich hervor, daß die Hereros sich auf den Onganjira umgebenden Höhen in einem Halbkreis festgesetzt hatten, an dessen innerem Ende sich die Wasserstelle befand.
Anscheinend lag die Absicht vor, der deutschen Truppe, falls sie direkt der Wasserstelle zustreben würde, eine Falle zu stellen. Diesen Gefallen taten wir jedoch den Hereros nicht; vielmehr wurde zunächst gegen den linken feindlichen Flügel eingeschwenkt und dieser lediglich mittels Artilleriefeuer in die Flucht gejagt. Den bereits angesetzten Infanterieangriff von vier Kompagnien wartete der Gegner nicht ab. Nun erst ging es gegen die Wasserstelle weiter. Die sich ihr vorsichtig nähernde Spitze unter Oberleutnant Reiß erhielt dort Feuer, worauf sich die Avantgarde, bestehend aus der 1. Kompagnie und der Gebirgsbatterie, zum Gefecht entwickelte. Im Galopp heransprengend, folgte dann links verlängernd die 2., die 6., die 4. und schließlich die 5. Kompagnie, die beiden letzteren gerade noch zurechtkommend, um einen Gegenangriff des rechten Flügels der Hereros abzuwehren. Diese hatten mit anerkennenswerter Tapferkeit ihre gut verschanzte Stellung verlassen und waren, begünstigt durch das dichte Gebüsch, bis auf 50 bis 100 m vorgestürmt. Ein Gegenangriff der 4. Feldkompagnie, die hierbei zwei Offiziere verlor (Oberleutnant v. Estorff, Leutnant d. Res. Freiherr v. Erffa), warf jedoch den Gegner zurück. Von der Artillerie stand die Batterie Bauszus auf dem rechten Flügel unserer Gefechtsstellung, die Batterie Heydebreck in der Front, die Batterie Oertzen auf dem linken Flügel, alle drei dicht hinter oder in der Infanterielinie. Die Batterie Oertzen hatte bei Abwehr des feindlichen Angriffs durch Kartätschen mitgewirkt. Auch auf die Batterie Bauszus hatte der Gegner einen Angriff versucht; doch hatten ihn wenige Schüsse wieder in seine Deckung zurückgejagt.
Gruppe vornehmer christlicher Hereros.
Gefunden bei Onganjira in einem Herero-Pontok.
In allmählich vorschreitendem Feuergefecht wurde im Zentrum wie auf dem linken Flügel Gelände gewonnen und abends die Hauptstellung des Feindes auf einer die Wasserstelle beherrschenden Höhe von der Kompagnie Franke durch Sturmangriff genommen. Auch auf dem linken Flügel war die Bedeutung dieser Hauptstellung erkannt und die 5. Kompagnie gegen sie eingesetzt worden, die dann noch mit der 2. zusammenwirken konnte. Hierdurch war mit Anbruch der Dunkelheit der Sieg für uns entschieden.
Im Verhältnis zu seiner Bedeutung wie zu den feindlichen Verlusten hatte der Erfolg wenig Opfer gekostet. Nur vier Tote (2 Offiziere, 2 Reiter) haben wir den andern Tag begraben müssen. Zu ihnen trat nach wenigen Wochen noch der schwer verwundete Leutnant v. Rosenberg. Außerdem waren 7 Reiter schwer, 5 leicht verwundet, während eine Absuchung des Gefechtsfeldes am anderen Tag vom Feinde 80 Tote ergab. Erbeutet wurden etwa 350 Rinder und 10 Gewehre. Die Ursache unserer geringen Verluste lag in der Möglichkeit einer ausgiebigen Verwendung der Artillerie, eine Möglichkeit, wie sie in den späteren Gefechten — durchweg Buschkämpfe — nicht wieder in gleichem Maße eingetreten ist.
Der oben erwähnte, noch am Abend einsetzende Angriff Kajatas war dagegen nur noch matt, nachdem der feindliche Führer sich von der bereits eingetretenen Flucht seiner Landsleute überzeugt hatte. Er wurde daher durch unsern linken Flügel leicht abgewiesen. Eine am anderen Morgen vorgenommene Verfolgung ergab, daß der Feind die Gegend bis einschließlich Otjitasu geräumt hatte.
Eine weitere Verfolgung verbot die Rücksicht auf den noch bei Okatumba stehenden intakten rechten Flügel des Gegners. Erst mußte mit diesem abgerechnet werden, da andernfalls bei weiterem Vorrücken eine ernstliche Bedrohung der diesseitigen Verbindungslinie eintreten konnte. Auf einen Vernichtungsschlag gegen die Hereros war aber auch dort noch nicht zu rechnen, da hierzu die Truppe noch nicht stark genug war. Auch für Okatumba bestand daher bei mir lediglich die Absicht, dem anderen feindlichen Flügel die Gewalt der deutschen Waffen fühlbar zu machen und dann nach Umständen zu handeln.
Gefecht bei Oviumbo am 13. April 1904.
Da eine direkte Verbindung zwischen Onganjira und Okatumba nicht besteht, marschierten die vereinigten Abteilungen am 11. April nach Otjosasu zurück und setzten sich nach einem Ruhetag von da am 13. in Vormarsch nach Okatumba. Bald ergab sich, daß dieser Platz geräumt war. Infolgedessen wurde der Marsch nach Oviumbo fortgesetzt und um 11 Uhr in der Nähe des letztgenannten Ortes zum Abkochen und zum Tränken Halt gemacht. Vom Feinde waren nur verlassene Werften gefunden worden, das ringsum außerordentlich dichte Gebüsch gestattete auch keinerlei Überblick. Die auf dem südlichen Ufer patrouillierenden Witboois meldeten dieses gleichfalls vom Feinde frei. Wegen des dichten Gebüsches waren die Wagenstaffeln unter Bedeckung von einer halben Marinekompagnie vorläufig in Otjosasu zurückgelassen worden, davon die erste unter steter Marschbereitschaft.
Mitten im Tränken erfolgte jedoch seitens der Hereros ein plötzlicher Angriff. Während die Pferde im Trabe zurückgeführt wurden, stürmte der an der Spitze befindliche Oberleutnant Reiß mit 17 Reitern gegen den Feind vor und fiel hier, allzu kühn vorgehend, mit sieben seiner Begleiter. Der Rest zog sich feuernd auf das Gros zurück, das sich mittlerweile gleichfalls zum Gefecht entwickelt hatte. Nunmehr lernten wir eine Gefechtsart kennen, wie sie mir während meines langjährigen Aufenthaltes in Südwestafrika bis jetzt fremd geblieben war, nämlich den Kampf im dichten Busch mit einem unsichtbaren Gegner. Von dem bald von allen Seiten anstürmenden Feinde sah man nichts, man hörte ihn bloß. Nur einige auf Bäumen eingenistete Hereros waren sichtbar, dafür aber auch um so lästiger. Was aber das Ungünstigste war, die Artillerie hatte in dem dichten Gebüsch keinerlei Wirkung. Schußfeld war allein an der rechten Flanke vorhanden, die sich an den 200 m breiten Swakop anlehnte. Rasch formierte sich die Truppe gegen den von allen Seiten stürmenden Feind zu einem Karree, zu dem auch die auf das südliche Ufer übergegangene Avantgarde, der größeren Geschlossenheit halber sowie um gegenseitiges Beschießen zu vermeiden, herangezogen wurde.
Nur die Witboois blieben zur weiteren Beobachtung auf dem Südufer. Auch die Bastards, die mit Deckung der linken Flanke beauftragt waren, hatten sich nachmittags an das Karree herangezogen. Sie waren auf eine auf das Gefechtsfeld eilende, berittene Herero-Abteilung von mehreren hundert Köpfen gestoßen und in dem dichten Gebüsch vollständig überrannt worden. Der Führer, Oberleutnant Böttlin, mußte sogar sein Pferd mittels eines Revolverschusses von einem Herero, der es gefaßt hatte, befreien. Die Reste der Abteilung — noch etwa die Hälfte — zog sich auf das Karree zurück, verfehlte dieses jedoch in dem Gebüsch auf etwa 200 m und geriet gleichfalls auf das südliche Swakopufer. Hier wurde sie durch eine mit der Beobachtung rückwärts beauftragte Patrouille unter dem Sergeanten Cordes (vom Stabe) entdeckt und von diesem zum Karree herangeführt. Die Meldung von dem Anrücken weiterer feindlicher Kräfte in unserer linken Flanke — Oberleutnant Böttlin schätzte sie auf 800 Reiter — traf mit ihr gerade noch rechtzeitig ein. Das Merkwürdigste aber war, daß die zersprengte andere Hälfte der Bastard-Abteilung sich im Laufe der nächsten 24 Stunden ohne jeden Verlust wieder bei der Truppe einfand; wieder ein Beweis für die überlegene Findigkeit eingeborener Soldaten.
Während eines zehnstündigen Feuergefechtes wurden im Karree mehrere hundert Schritt Gelände nach vorwärts gewonnen, stets unter dem Feuer des unsichtbaren Gegners. Ein Sturmangriff auf diesen, der wohl erwogen worden war, würde, gleichviel mit welcher Karreeseite unternommen, in dem dichten Gebüsch, weil von allen Seiten umfaßt, die beiden Flügel der Sturmkolonne gekostet haben. Es fragte sich daher, ob der dadurch zu erreichende Zweck das Leben so vieler deutscher Soldaten wert wäre. Diese Frage habe ich verneint, da ein Vernichtungsschlag keinesfalls zu erreichen war. Zu einem solchen bedurfte es noch der bereits auf der Fahrt begriffenen Verstärkungen.
Es blieb daher nur die Frage, ob ein Sturmangriff nicht aus moralischen Rücksichten zu unternehmen, und ob die zu erwartenden Verluste nicht durch solche aufgewogen werden würden. Diese Frage habe ich damals gleichfalls verneint. Denn der moralische Erfolg war bereits auf unserer Seite. Die Truppe hatte bei eigenen geringen Verlusten (2 Offiziere tot, 1 schwer verwundet, 7 Reiter tot, 14 verwundet) in unerschütterter Haltung sämtliche Sturmangriffe des Feindes abgewiesen. Wie die Folge ergab, fühlten sich die Hereros nach dem Gefecht bei Oviumbo auch derart moralisch erschüttert, daß sie unmittelbar darauf ihren Rückzug nach Waterberg begannen. Es war sogar für unsere Zwecke nützlicher, wenn wir dem Gegner Raum für ein abermaliges Festsetzen und damit uns die nochmalige Gelegenheit zu einem tatsächlichen Vernichtungsschlag ließen.
Stellung zur Zeit der Kommando-Übergabe, Mitte Juni 1904.
Ein Stehenbleiben in der genommenen Stellung verbot dagegen der Mangel an Munition (die Infanterie hatte sich zu drei Vierteln, die Artillerie fast ganz verschossen) und die Unmöglichkeit, zu deren Ergänzung in dem dichten Busch die erste Wagenstaffel heranzuziehen. Wenige seitwärts des Weges aufgestellte Hereros hätten mittels Abschießens der vordersten Ochsen jede Wagenkolonne bewegungsunfähig machen können, da das dichte Gebüsch ein Ausbiegen zur Seite verbot. Ein solches Abschießen aber war zu erwarten, da der Gegner auch auf den rückwärtigen Verbindungen herumschwärmte. Infolge dieser Erwägung entschied ich mich für den Abmarsch zur Wiedervereinigung mit der in Otjosasu stehenden Staffel sowie zum erneuten Vorgehen erst nach Einrangierung der erwarteten Verstärkung. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde daher im Karree abmarschiert, in Okatumba von nachts 10 bis 1 Uhr gerastet und von da der Rückzug in der Marschkolonne fortgesetzt. Der Feind störte diesen in keiner Weise. Morgens 3 Uhr wurde Otjosasu erreicht. Hier übergab ich drei Tage später das Kommando dem Major v. Estorff mit dem Befehl, den Feind im Auge zu behalten und sich bei jeder seiner Bewegungen an seine Fersen zu heften. Ich persönlich begab mich mit dem Stab zur Empfangnahme der nach und nach eintreffenden weiteren Verstärkungen nach Okahandja zurück.
Das Ergebnis des Gefechts von Oviumbo ist anfänglich in der Heimat ungünstiger angesehen worden, als es verdiente. Es wurde daher die Entsendung von noch mehr Verstärkungen sofort in Erwägung gezogen. Nach erhaltener Kenntnis von dem Ausfall der Ostabteilung[153] habe ich auch einer solchen um weitere 1500 Köpfe zugestimmt, wovon 500 Mann und vier Geschütze zur Beruhigung des aufgeregten Südens in Lüderitzbucht landen sollten. Diese Verstärkungen waren indes vor dem Juni nicht zu erwarten. Dagegen traf vorher schon ein neuer Generalstabsoffizier, Major Quade, ein, an dessen Unterstützung ich mit ganz besonderem Danke mich zu erinnern Veranlassung habe.
Aus den zunächst anlangenden 1000 Mann wurden in der Folge eine 4., 5. und 6. Batterie sowie eine 7., 8., 9., 10., 11. und 12. Feldkompagnie, ferner eine weitere Maschinengewehr-Abteilung (Dürr) gebildet. Die neuen Truppenteile in Verbindung mit einigen aus der bisherigen Hauptabteilung abgezweigten bildeten eine neue Hauptabteilung, während die Reste der bisherigen West- und Hauptabteilung unter dem Major v. Estorff die Rolle der bisherigen Ostabteilung übernahmen. Diese neue Ostabteilung (Estorff) folgte von Ende April ab langsam den ihre Stellung am oberen Swakop nach und nach räumenden Hereros und bestand mit ihnen noch mehrere glücklich verlaufene Verfolgungsgefechte. Die neue Hauptabteilung trat dagegen in der Stärke von 4 Kompagnien,[154] 3 Batterien, 4 Maschinengewehren, 1 Funkentelegraphen-Abteilung und den Witbooireitern ihren erneuten Vormarsch am 5. Juni über Otjosasu-Okatumba an und erreichte am 13. Owikokorero, wo sie auf höheren Befehl vorläufig Halt machte. Selbst in Verbindung mit der annähernd ebenso starken Abteilung Estorff erschien sie zu einem Vernichtungsschlage für die Hereros immer noch nicht ausreichend. Zusammen waren beide Abteilungen rund 1400 Gewehre und 24 Geschütze stark. Ein Angriff auf die Hereros erschien daher nur gerechtfertigt, wenn Gefahr im Verzuge war. Das war jedoch nicht der Fall, da die inzwischen in Waterberg angelangte Masse der Hereros sich dort festgesetzt hatte und anscheinend keinerlei Neigung zum freiwilligen Verlassen des dortigen wasser- und weidereichen Geländes zeigte; es erschien daher richtiger, zunächst die bereits beschlossene weitere Verstärkung abzuwarten. Dies ist auch geschehen; wie wir aber jetzt wissen, ist es in der Folge auch bei dieser Truppensendung nicht geblieben, sondern es mußten fortgesetzt neue Verstärkungen nachgeschickt werden, und zwar bis in die neueste Zeit, so daß die Kopfzahl der gegenwärtig in Südwestafrika stehenden Truppen rund 14000 Köpfe beträgt.
Zum Kommandowechsel in Windhuk, Juli 1904.
Meine letzte Befehlshandlung war die Entsendung der Witbooireiter unter Leutnant Müller v. Berneck zur Erkundung der neuen Stellung des Feindes bei Waterberg. Sie bestätigten nach einem erfolgreichen Ritte, auf dem sie ohne eigene Verluste zahlreiche Hereros erschossen, daß die Masse des Gegners in Hamakari südlich Waterberg stehe und anscheinend nicht an den Abmarsch denke. — Ich habe gesagt meine letzte Befehlshandlung. Denn inzwischen war