Schluß-Kapitel.
Ich schließe hiermit das Tagebuch über meine Erlebnisse in Freiland und zwar aus dem sehr triftigen Grunde, weil meine Zeit, die bisher zwischen Arbeit, Belehrung und Vergnügen geteilt war, derzeit durch Gefühle, Gedanken und Handlungen ausgefüllt wird, die sich allesamt in einem Kreise bewegen, in dessen Mittelpunkt ein weibliches Wesen steht, das für mich der Inbegriff alles Edlen, Schönen und Guten ist. Das heißt mit andern Worten: ich bin verliebt.
Der Leser besorge nicht, daß ich ihn mit Ergüssen meiner Liebe behellige; dieses Schlußkapitel soll nichts anderes sein als eine möglichst trockene Verlobungsanzeige. Nur eines muß ich noch erzählen, weil es bezeichnend ist für die Denkungsart der freiländischen Mädchen.
Als ich mich mit meiner Braut verlobt hatte und die Einrichtung unseres zukünftigen Heims zur Sprache kam, erwähnte ich, daß ich in Europa ein sehr bedeutendes Vermögen zurückgelassen, über welches ich allerdings teilweise bereits zu gunsten des freiländischen Gemeinwesens verfügte, von welchem jedoch immerhin noch genug vorhanden sei, um uns hier den Luxus eines besonders schön und behaglich eingerichteten Hausstandes zu gestatten. Da verfärbte sich meine Braut und bat mich dringend, auf diesen Gedanken zu verzichten. Als ich nach dem Grunde forschte und zu wissen begehrte, warum ihr meine Absicht so hochgradigen Widerwillen einflöße, erklärte sie mir zögernd, es wäre ihr geradezu unheimlich, einen Luxus zu genießen, der aus Not und Jammer unterdrückter Mitgeschöpfe erwachsen. „Mir würde zu Mute“ — so meinte sie — „als ob ich Menschenfleisch genießen müßte; so wenig eine in Europa aufgewachsene Frau es ertragen könnte, wenn in ihren Hausstand eine Anzahl fetter Menschen eingeschlachtet würde, ebensowenig kann ich, die ich seit meiner Kindheit Freilands Luft geatmet, es vertragen, etwas zu genießen, was entstanden ist, indem menschliche Geschöpfe durch Überanstrengung und Entbehrung zu Tode gehetzt wurden.“
Und dabei blieb es; auch der Rest meines in Europa von meinen Vorfahren nach den dortigen Begriffen „redlich erworbenen“ Vermögens ist in die Kasse der freiländischen Behörde für auswärtige Angelegenheiten gewandert, welche derartige Einzahlungen reicher Genossen — in Verbindung natürlich mit den zu gleichen Zwecken aufgewendeten Mitteln unseres Gemeinwesens — dazu benützt, um stets größeren und größeren Massen ausländischer Proletarier die Übersiedelung nach Freiland zu ermöglichen.
Ende.
Inhaltsverzeichnis.
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Korrekturen (vorher/nachher):
- ... gebildetsten und liebenswürdigsten Mädchens aus einer der ...
... gebildetsten und liebenswürdigsten [Mädchen] aus einer der ... - ... verzichte entgültig auf dieselbe. Meinem Mitbewerber erzählte ...
... verzichte [endgültig] auf dieselbe. Meinem Mitbewerber erzählte ... - ... Unser Zug brauchte für die 280 Kiliometer der Tana-Keniabahn ...
... Unser Zug brauchte für die 280 [Kilometer] der Tana-Keniabahn ... - ... denn, mir unerfahrene Fremdling zu erklären, erstens, wozu ...
... denn, mir [unerfahrenem] Fremdling zu erklären, erstens, wozu ... - ... es nur gerecht finden, daß uns auch die Wartezeit vergüte ...
... es nur gerecht finden, daß uns auch die Wartezeit [vergütet] ... - ... Orten zu erzielenden Gewinste zur Beschaffheit und Nähe ...
... Orten zu erzielenden Gewinste zur [Beschaffenheit] und Nähe ... - ... durch die Generversammlung im Wege einer mit jedem ...
... durch die [Generalversammlung] im Wege einer mit jedem ... - ... Nun besteht in Europa zwischen dem Werte des Arbeitergebnisses ...
... Nun besteht in Europa zwischen dem Werte des [Arbeitsergebnisses] ... - ... zehn Jahreslöhne nicht einmal 60-70 Pfund Sterling. ...
... zehn Jahreslöhne nicht einmal 60-70 Pfund Sterling.[“] ... - ... auf jede Frau 108 Pfund Sterling, der Kinderzuschlage ...
... auf jede Frau 108 Pfund Sterling, der Kinder[zuschlag] ... - ... Rechtes, welches auch die Arbeitsunfähigen an den allgemeinen ...
... Rechtes, welches auch die Arbeitsunfähigen an [dem] allgemeinen ... - ... bemessen“ fragte ich. ...
... bemessen[?]“ fragte ich. ... - ... seine Versorgungerente beliebig erhöhen. ...
... seine [Versorgungsrente] beliebig erhöhen. ... - ... des Bezugberechtigten auf zwölf Mark steigen; unser Mann ...
... des [Bezugsberechtigten] auf zwölf Mark steigen; unser Mann ... - ... hunterttausend Arbeitsstunden beanspruchen, so würde ...
... [hunderttausend] Arbeitsstunden beanspruchen, so würde ... - ... verbietet ihr hier den Leuten, Kapital, daß sie allenfalls auf ...
... verbietet ihr hier den Leuten, Kapital, [das] sie allenfalls auf ... - ... die Begriffstützigkeit einer Frau, die in frühester Jugend Ihr ...
... die [Begriffsstutzigkeit] einer Frau, die in frühester Jugend Ihr ... - ... derzeit auf zwölhundertundfünfzig Mark im Jahre. ...
... derzeit auf [zwölf]hundertundfünfzig Mark im Jahre. ... - ... wäre, sie an die Verwirklichung eines derartigen Hingespinstes ...
... wäre, sie an die Verwirklichung eines derartigen [Hirn]gespinstes ... - ... sollen, über das Außmaß dieser Bewilligung verhandeln, ist ...
... sollen, über das [Ausmaß] dieser Bewilligung verhandeln, ist ...