Wie die Agave zum Blühen kam.

»Caro Renzo! Ti volevo da molto tempo scrivere, ma credo, che non mi ami più. Sai, che ho a dirti, che t'amo molto. Non so più che mandarti mille baci arditi. Addio, Renzo, per sempre addio! L'ora s'affretta pel partir mio. Tua affettissima Pierina.

Vigilia del Natale del 1874.«

Das Italienisch, in welchem dieser Brief geschrieben, ist weder classisch noch elegant. Auch hätte es seine Schwierigkeiten gehabt, das Schreiben der Post zur Beförderung zu übergeben, denn die obigen Zeilen waren auf dem Blatte einer Agave eingeritzt, das, beinahe einen Fuss breit und gegen vier Fuss lang, in einem prangenden Wust von ähnlichen Blättern halb verborgen, auf einer steinigen Uferklippe der Insel Lesina in die erbarmungslos heisse Luft hineinragte. Die Blätter waren aber alle trotz ihres fleischigen Baues und der kräftigen Stacheln, mit denen sie bewehrt waren, schlapp und welk. Warum? Weil die Agave, zu welcher sie gehörten, im vorigen Jahre geblüht hatte.

Und wenn eine Agave geblüht hat, dann stirbt sie.

Die Pierina war nichts weniger als eine Morlakin. Auch keine Bäuerin.

An den Küsten Dalmatiens und auf den grösseren zu Dalmatien gehörigen Inseln findet man allenthalben Städte, die, wenn auch jetzt verwahrlost und zerfallen, doch noch in ihrem Aeussern das Bild der einstigen Bedeutung bieten, die sie unter den früheren Besitzern des Landes gehabt. So die Stadt Lesina. Ein prächtiges Rathhaus, in venezianischem Style erbaut, öffnet seine weiten Säle den Sitzungen des jetzigen Gemeinderathes. Eine wunderschöne Loggia blickt arcadengeschmückt hinaus über den freundlichen Hafen und das unendliche Meer. Heute nennt man die Loggia Curhaus. Es sind aber keine Curgäste darinnen, sondern nur hin und wieder ein ehrsamer Bewohner der Stadt Lesina, der seinen wohlfeilen schwarzen Kaffee dort nimmt. Ein Winterhafen, bestehend in einem riesigen, gewölbten, ebenerdigen Saale, in welchen die Galeeren der Venezianer zur Winterszeit einfuhren um dort vor Wind und Wetter und Piraten gesichert zu sein, ist heute gegen das Meer abgedämmt und auf seinem steinernen Estrich werden Sardellen in Fässer verpackt. Von den prächtigen Marmorpalästen, welche die eigentliche Stadt bildend einst den venezianischen Patrizierfamilien gehörten, stehen kaum mehr die äussern Mauern. Drinnen in dem kahlen Raume hat Mutter Natur sich's bequem gemacht, – dort wuchern jetzt Feige, Lorbeer und Rebe, und durch das Gitter der arabeskengeschmückten Rundbogenfenster blickt vielleicht eine Ziege heraus, neugierig die Aussenwelt betrachtend und gemächlich wiederkäuend.

Und wie die Häuser, so die Menschen. Die aufgezwungene Zopf-Cultur der Republik Venedig hat mit dem Falle der letzteren auch ihre Lebensfähigkeit verloren. Der äussere Schliff ist geblieben, die venezianische Sprache, die höflichen Umgangsformen. Aber in Wirklichkeit sind die Menschen wieder zur Natur zurückgekehrt. Die Männer trocknen Feigen, fischen Sardellen und pflegen ihre Weingärten so gut sie es vermögen. Und die Weiber wissen sich hübsch zu verbeugen, kleiden sich städtisch, haben flammende venezianische Augen und können meistens etwas schreiben und lesen. Sonst schaffen sie im Hause und verfertigen hin und wieder reizende Netzarbeiten aus den Fasern der Agave. Sie leben – Männer und Weiber – ausserordentlich mässig und begnügen sich mit Allem. Alles will hier so viel heissen als: sehr wenig.

Niemand konnte der Pierina nachsagen, dass sie an Erziehung oder an gefälliger Schönheit den andern Mädchen Lesinas nachgestanden wäre. Sie hatte lesen und schreiben gelernt, hatte selbst ein paar Bücher von Anfang bis zu Ende durchgelesen, die ihr der Zufall in die Hände gespielt, und verstand es merkwürdig gut sich gefällig zu kleiden. Auch einen Brief vermochte sie ziemlich gut zu schreiben, – wenn auch nicht schön, so doch verständlich. Weil aber im Hause die Mutter und zwei ältere Schwestern walteten, so wurde sie dort nicht viel in Anspruch genommen. Und weil sie bereits volle vierzehn Jahre zählte, so hatte es auch mit dem Unterricht schon lange ein Ende gehabt. Darum war sie mehr oder weniger Herrin ihrer Zeit, und wenn nicht gerade ein seltener Regen über die Insel niederging oder der kurze Winter mit seinen Borastürmen über Dalmatien hinbrauste, konnte sie ruhig und halbe Tage lang weit draussen auf einem steinigen Vorgebirge unter dem dichten Schatten eines alten Johannisbrotbaumes sitzen – vor sich die plätschernden Wellen des Meeres, die nackten Klippen und auf denselben eine einzelne riesige Agave. Dort verfertigte sie feine, traumhaft schöne Spitzen aus den Fasern der Agave.

Sie nahm aber die Agavenblätter, deren sie bedurfte, niemals von jener riesigen Pflanze, die einsam auf der Klippe vor ihr in die Luft ragte. Wozu auch? Agaven finden sich auf der ganzen Insel Lesina mehr als übergenug. Und gerade die eine riesige Agave auf der nackten Klippe war ihr heilig. Warum? Das wusste sie nicht. Dalmatinerinnen sind nicht oder höchstens ausnahmsweise sentimental.

Die Leute nennen diese Pflanze Aloë, die Gelehrten sagen, es sei die Agave americana. Wahrscheinlich haben die Gelehrten Recht. Wie sie aus Amerika nach Dalmatien, wie sie vom Festlande auf die Insel Lesina gekommen, ist ein Geheimniss. Die Gelehrten sagen, dass es eine Zeit gegeben, zu welcher die Insel Lesina gar keine Insel war, sondern mit dem Festlande zusammenhing. Damit glauben die Gelehrten das Geheimniss theilweise gelöst zu haben, und wahrscheinlich haben sie auch diesmal Recht. Die Pierina wusste zwar nichts von den Annahmen der Gelehrten, aber sie wusste, dass sie als ganz kleines Kind schon auf diesem Platze unter dem Johannisbrotbaume so gerne gesessen, und dass sie damals schon davon gehört habe, wie die Agave fünfzig Jahre brauche, um zu blühen und wenn sie geblüht habe – sterbe. Das wollte sie sehen. In ihrem einfältigen, kindlichen Kopfe kam es ihr manchmal vor, als ob sie selbst eine Agave oder mit der Agave auf der einsamen, nackten Klippe Eins wäre. Das war aber nur so eine Einbildung, sie selbst glaubte es nicht ernstlich.

Fünfzig Jahre und vierzehn! Das reimt sich wohl schlecht zusammen, aber die prächtige Agave – ihre Agave – war schon ein mächtiges Gewächs, als Pierina noch ein kleines Kind gewesen. Darum hofft sie noch immer darauf, gerade diese Agave blühen und – sterben zu sehen. Es war aber nicht Bosheit, sondern nur Neugierde.

Im verflossenen Jahre, als sie anfing verständiger zu werden und es in ihrem eigenen kleinen Köpfchen so ganz sonderbar zu rumoren und summen begann, als ob sie jetzt erst erwacht wäre und die ersten zwölf Jahre ihres Lebens im Traum zugebracht hätte, – da weinte sie an einem wunderschönen Frühlingsabend bei dem Gedanken, dass die arme Agave nun werde bald sterben müssen. Wenn man aber kaum vierzehn Jahre zählt, so tröstet man sich über derlei Dinge leicht und Pierina lächelte bereits wieder, als ihr die letzte Thräne in das Spitzengewebe fiel, an dem sie eben arbeitete.

Es geht aber mit dem Leben einer Pflanze kaum anders als mit dem Menschenleben: man weiss nicht recht, wann es beginnt und man bemerkt selten sein wirkliches Ende. In eine kleine kaum sichtbare Spalte der nackten Klippe hat der Zufall das Pflänzchen eingenistet. Drei oder vier lanzenförmige Blättchen zeigten sich an ihrem Rande, mit weichen biegsamen Stacheln eingefasst. Im nächsten Jahre haben sich ein paar neue Blätter dazu gefunden, im abernächsten Jahre wieder. Es bildet sich in der Mitte ein grösserer, schlank verlaufender, an der Spitze mit einem grossen Dorn bewehrter Zapfen, und von diesem lösen sich dann alljährlich ein oder zwei Blätter ab. Diese werden immer grösser und stärker, die Dornen, mit denen sie bewehrt sind, immer härter, und nach vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahren prangt das Gewächs in einer Fülle von mächtigen, saftstrotzenden, am Rande mit furchtbaren Stacheln bewehrten Blättern, die in schöngeschwungener Beugung den schlanken Zapfen umfassen, von dem sie sich eines um das andere losgelöst und den sie jetzt mit ihren starken Dornen beschützen.

In diesem Jahre hoffte Pierina ihren Lieblingswunsch erfüllt zu sehen. Es entwickelte sich in der prachtvollen Pflanze vor ihr ein eigenthümlich geheimnissvolles Leben. Der mächtige Zapfen mit dem furchtbaren Dorn schwoll an und weitete sich mehr, als es sonst geschehen war. Er strebte und drängte heraus aus seiner Blätterhülle – und eines Tages war diese gesprengt und es kam der grüne, starke Schaft des Blüthenstieles zum Vorschein.

Schade! Gerade zur Zeit, als diese geheimnissvolle Wandlung sich mit der Agave vollzog, wurde die Aufmerksamkeit Pierina's von derselben abgelenkt. Es war ein fremder junger Mann nach Lesina gekommen, der dem Vater Pierina's empfohlen war. Der strich durch viele Stunden des Tages über Klippen und Gestein und brachte Pflanzen mit nach Hause. Die trocknete er zwischen Blättern von Papier. Dann schrieb er auch viel. Aber es blieb ihm immerhin Zeit genug, die vierzehnjährige Pierina auf ihrem einsamen Liebesplätzchen zu besuchen. Da sprach er mit ihr vom Meer und von den Pflanzen und wie die Natur so wunderschön und doch wieder so geheimnissvoll sei, gerade so wie die unergründlichen Augen Pierina's.

Vielleicht hat er auch von Liebe mit ihr gesprochen, das ist aber niemals bekannt geworden. Von ihnen Beiden hat Keines etwas davon einer andern Menschenseele erzählt und der einzige Zeuge ihrer Gespräche war eine Agaveblüthe.

Die Agave hatte gehalten, was sie versprochen und was Pierina seit ihren Kinderjahren erwartet und erhofft. Ein mächtiger Stamm, über dreissig Fuss hoch, war aus dem trotzigen Blattbüschel in der kurzen Zeit von zwei Monaten herausgeschossen, hatte Zweige nach allen Richtungen hinausgesendet und diese Zweige waren über und über mit zarten in gelb und weiss prangenden Blüthen bedeckt. Und wenn die jungen Leute dort beisammen sassen, da trug der kühlende Seewind den berauschenden Duft der Blüthen gerade hin zu dem jungen Paar.

Blumenduft ist gefährlich, er berauscht so leicht.

Und doch dachte Pierina jetzt weniger an die Agave als je. In ihrem Innern schien auch eine Blüthe aufgegangen zu sein, obwohl sie beiweitem nicht das Alter der Agave hatte. Bei Mädchen geht es schneller und Pierina zählte noch nicht fünfzehn. Und als der Herbst gekommen, da fielen die Blüthen der Agave langsam ab. Der Wind trug sie in die Wellen. Auch der junge Mann – Lorenzo hiess er – schnürte sein Bündel und zog wieder fort über das Meer, auf dem er gekommen. Er hatte ihr zum Abschied gesagt, dass sie ein gutes und liebes Mädchen sei, nur schade, dass sie eben in Lesina aufwachsen musste, wo Frauen so gar nichts von den Sitten der grossen Welt – seiner Welt! – lernen und wissen.

Pierina hatte beim Abschied nicht geweint. Sie sass jetzt wie früher auf ihrem Lieblingsplätzchen unter dem Johannisbrotbaume, vor sich die nackte Klippe mit der mächtigen Agave und weiter draussen das unendliche Meer. Jetzt kam es ihr wieder so vor wie in frühern Jahren, als ob sie Eins mit der Agave vor sich wäre. Denn auch sie blühte nicht mehr. Ihre Wangen wurden täglich blässer und ihre flammenden Augen täglich grösser. Das Ende der Agave hat sie aber nicht mehr mit ansehen können, denn als der Winter mit seinen ersten Borastürmen über Dalmatien hinraste, da war die Pierina gestorben.

Auch die Agave starb im nächsten Jahre – ihre mächtigen Blätter wurden welk und fielen zu Boden. Und auf einem derselben fanden sich einige Zeilen eingeritzt – dieselben, die zu Anfang dieser Erzählung wiedergegeben sind. Sie lauten zu deutsch:

»Lieber Renzo! Ich wollte Dir schon seit langer Zeit schreiben, aber ich glaube, dass Du mich nicht mehr liebst. Du musst wissen, dass ich Dir zu sagen habe, wie sehr ich Dich liebe. Ich kann nichts mehr thun, als Dir tausend glühende Küsse senden. Lebe wohl, Renzo, auf immer lebe wohl. Auch für meine Abreise hat die Stunde geschlagen. Deine Dich liebende Pierina.«

»Am Weihnachtsabende des Jahres 1874.«