XI.
Doch nicht lange mehr erzählte er mir freudige Geschichten und Märchen. In den letzten Monaten war er so ernst geworden, und seine Stirne lag fast beständig in sorgenvollen Falten. Als ich ihm darüber einmal einen fragenden Blick zuwarf, erzählte er mir, es kämen vielleicht bald für das schöne Ösling schlimme Zeiten. Die Franzosen, nicht zufrieden in ihrem Land Unheil angestiftet zu haben, seien auf dem Wege nach Luxemburg, um ihren schlimmen Gesetzen auch dort Geltung zu verschaffen. „Esch an der Alzette hätten sie schon vor längerer Zeit eingenommen“, erzählte er „und da die Einwohner sich in den Leudelingerwald geflüchtet, hätten sie das Dorf in Brand gesteckt. Der alte Küster von Düdelingen, der die Sturmglocke läutete, sei vom Kirchturm herab auf den Kirchhof geworfen und 82 Einwohner getötet worden. Im ganzen Lande wollten sie ihre gottlosen Gesetze einführen. Die Priester wollten sie zwingen einen verbotenen schlechten Eid zu schwören, und da diese es nicht wollten, setzten sie dieselben ab und drohten ihnen mit Verbannung und Verfolgung. Die Kreuze rissen sie von den Kirchen, von den Wegen und den Gräbern, der Sonntag sollte nicht mehr gefeiert werden, sondern in seine Stelle jeder zehnte Tag ein Feiertag werden. Dazu sollte auch noch das Land von der Karte Europas verschwinden, sollte die liebe Heimat eine Provinz des Franzosenreiches werden; selbst der Name Luxemburgs sollte nicht mehr genannt werden, nur als „Wälderdepartement“ sollte er bestehen bleiben. Kriegssteuern zahlen müßten dazu die freiheitliebenden Gaue der Heimat. Pferde sollten sie stellen für fremde Kriege, und Militäraushebungen sollten stattfinden, wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Alle jungen Leute von 20 bis 25 Jahren würden eingezogen zum Kriegsdienst unter französischen Fahnen; für Fremde sollten sie ihr Blut vergießen und wahrscheinlich fern der Heimat einen fast sichern Tod finden. Und dann erzählte Hannes mir die Greueltaten, die sie verübt in der Stadt Luxemburg, wie sie das Heiligtum der Muttergottes, die Wallfahrtskapelle geplündert und auch andere Kirchen entweiht hätten. Aus der Franziskanerkirche sei ein Waffensaal geworden, aus der Kapuzinerkirche ein Mehlmagazin, aus der Congregationskirche ein Theatersaal und aus der Dominikanerkirche ein Saal für republikanische Festgelage.“
Wie er das erzählte, da blitzten die Augen des Schäfers wild auf. Er, der sonst so sanfte Mann, glühte vor Zorn; seine Stimme zitterte, daß ich mich beinahe vor ihm fürchtete. Zuletzt sprang er auf, und indem er die feste Faust nach dem Süden des Landes ballte, rief er: „Doch kommt ihr Gottesschänder, hier im Ösling sollt ihr eure Herren finden! Es geht um den Glauben, kommt!“ Dabei schlug er seine Hirtenschaufel auf den Boden, daß der Stab splitternd in Stücke fuhr. In weitem Bogen schleuderte er sie dann weg und sprach: „Ach was, fahre hin, ohnedies kann ich dich in den nächsten Wochen nicht mehr brauchen; einen andern Stab habe ich genommen; gescheuert steht er und geladen. Wehe dem Ersten, den ich hier entdecken werde!“
Ohne ein Wort des Abschiedes ging er seiner Herde voraus und fuhr nach Hause. Es war der letzte Tag, an dem ich ihn auf dem Felde bei der Herde sah.
In den kommenden Wochen sah ich die Männer der Gegend oft zusammenstehen und leise miteinander reden. Dann und wann hielten sie Versammlung im Walde und schafften Waffen und Lebensmittel herbei, die sie an abgelegenen, schwer zugänglichen Orten sorgsam versteckten. Daß sich etwas Besonderes vorbereite, merkte ich wohl, was aber genau vor sich gehe, wußte ich nicht, da der Schäferhannes nicht mehr mit seiner Herde kam. Da erschienen eines Nachmittags im Ginsterfelde einige Hundert Mann. Mit allen möglichen Waffen waren sie ausgerüstet. Einige trugen Flinten, Sensen, auf lange Stangen aufgesetzte Heuhaken, andere Flegel und Picken. Voller Aufregung beratschlagten sie miteinander, was zu tun sei. Schließlich hörte ich, wie sie einig wurden nach Clerf hinabzuziehen um dort die Franzosen zu erwarten. Im Schloß daselbst würden sie sich verschanzen, dort würde es anderntags heißen: „Siegen oder sterben!“
Also mußten die feindlichen Scharen wohl schon in der Nähe stehen.
Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen. Was sollte ich anderntags tun?
Nach Clerf hinunterfliegen? Aber, wenn es zur Schlacht kommen sollte, würden gewiß allenthalben die Kugeln durch die Bäume sausen und dann ...! Weshalb sollte ich mich einer solchen Gefahr aussetzen, wo ich doch nichts helfen konnte? So entschloß ich mich denn in meinem Walde zu bleiben und abzuwarten; später würde ich den Ausgang doch so wie so erfahren.
Gespannt horchte ich am andern Morgen, ob ich nichts hören könnte. Alles blieb still. Niemand arbeitete auf den Feldern. Alles war wie ausgestorben. Nur von der Höhe droben, von Hosingen herüber, schallte hie und da der Hufschlag dahinsprengender Pferde.
Eine schwüle Hitze lag über der Gegend. Da ich nachts nicht geschlafen hatte, war ich sehr ermüdet. Angestrengt lauschte ich weiter. Einige Zeit war wieder lautlose Stille. Tausend verschwommene Bilder schwirrten durch mein müdes Hirn; nach und nach verlor ich mich in ein träumerisches Sinnen und versank allmählich in einen festen Schlaf.
Gegen 10 Uhr mochte es sein, als ich jäh aufschreckte. Von den Höhen um Marnach und aus dem Tale von Clerf herauf krachte Schuß auf Schuß. Vielfältig warf das Echo den Knall zurück, und unheimlich hallte es überall aus den Wäldern wieder.
Immer mehr zog sich der Lärm um Clerf zusammen.
Also war die Schlacht doch entbrannt. Im Geiste sah ich den Schäferhannes und zitterte um sein Leben. Wie sollte der Tag enden? – Sollten die braven Männer der Heimat die Oberhand behalten? – Sollten sie die Fremdlinge hinunterjagen von den heimatlichen Bergen – oder sollten diese weiterhin die Herzen und Gewissen eines freiheitliebenden Volkes knechten?
Spät am Nachmittag hörte das Gefecht auf. Nur selten noch fiel ein Schuß in den mehr nach Norden gelegenen Bergen.
Die Armee der Heimat, die braven „Klöppelmänner“, hatten die Schlacht verloren. Einige lagen tot, andere saßen gefangen, andere zogen sich in die Wälder zurück, um sich später wieder zu sammeln und den Kampf von neuem aufzunehmen.