XVI.
Rassis rasche Gedanken weilten schon wieder in längst entschwundenen Jahren.
„Dann weißt du auch noch vom strengen Winter 1879, Väterchen?“ sprach er neugierig. „Warst du damals schon hier? Bitte erzähl’ uns davon; mein Vater hat uns auch schon öfter davon gesprochen.“
„Dein Vater und erzählen!“ entgegnete Hans mit überlegener Miene, „was soll er denn erzählen? Damals war er ja kaum dem Neste entwachsen. Doch eine frohe Zeit war das nicht, Kinder.
Der Winter kam außergewöhnlich früh; um Martinustag fiel schon Schnee. Übrigens hatte ich es vorausgesagt. Das Laub der Wälder war frühzeitig abgefallen, die Schneegänse waren schon Anfang September vorübergezogen, wie konnte es da anders kommen? Monatelang lag tiefer Schnee, und das war schlimm; das schneeige Gelände ist zwar ein schönes Tischtuch, doch was ist das beste Tischtuch ohne Nahrung? Anfangs konnten wir uns noch helfen. Auf den Gehöften ringsum schlachtete man, und mancher fette Bissen fiel uns zur Beute. Doch mit größter Vorsicht mußten wir zu Werke gehen, denn in mehr denn einem der Häuser waren geladene Flinten und müßige Burschen, die auf unser Kommen lauerten. Beim Brücherhof hatte ein böser Knecht die Eingeweide eines geschlachteten Schafes als Lockspeise für uns in eine Baumkrone geschlungen. Dann war er mit der Flinte in die Scheune geschlichen. Unsere Beobachter hatten alles gemerkt, und da wußten wir genug. „Wenn du uns Raben für dumm hältst“, dachten wir, „dann bist du übel unterrichtet.“ Selbstverständlich ging keiner von uns hinunter. Nur aus der Ferne krächzten wir hinüber: „Knechtlein, bist du da? Ja, ja! Zur Lauer? Ja, ja!“ Dann kicherten wir froh und dachten: „Lauere nur, lauere so lang dir beliebt. Steck die kalte Nase ins Heu oder Stroh, wir kommen lieber ein andermal.“ Des Abends, als es dunkel geworden, flogen wir still hinab und des Morgens war der Baum leer, Raben und Speise waren verschwunden.“
„Bravo!“ flatterten die Räblein, und ein kurzes schadenfrohes Lachen hallte in den Wald.
„Von Tag zu Tag“, setzte Hans fort, „verschlimmerte sich unsere Lage. Zu den Nahrungsschwierigkeiten kamen Wohnungssorgen. Die Kälte nahm immer mehr zu, bis schließlich auch die dichtesten Tannen keinen wirksamen Schutz mehr gegen sie boten. Da war guter Rat teuer; wohin sollte man sich wenden? Auf die Gehöfte fliegen und Unterkunft in einer Scheune suchen? Das war gefährlich. Auch die Strohschober beim Dorfe boten nicht die gewünschte Sicherheit, denn zu verschiedenen Malen hatte ich Wiesel in ihrer Nähe gesehen. Da flog ich eines Nachmittags traurig über den Eichenwald nach Broderbour hinüber. Auf einem der letzten Waldbäume setzte ich mich nieder und lauschte nach den Steinbrüchen. Sonst herrschte in ihnen reges Leben. Weithin hörte man hämmern, und bis zum Walde herauf schallte der helle Ton der Picken und Meißel, wenn sie von starker Hand geführt in regelmäßigen Schlägen auf das harte Gestein niederfuhren. An jenem Tage aber war alles still. „Der Hunger treibt den Wolf aus dem Wald und den Menschen vom Felde,“ dachte ich. „Gefrorene Steine zerspringen, wenn man sie behauen will, und deshalb muß nun die Arbeit ruhen. Nur aus der niedrigen Schmiede an der Steinwand hörte man leises Klopfen, und aus dem Schornstein derselben drehte dünner Rauch in den wolkenlosen Himmel. Ein leises, trostvolles Hoffen stieg in meinem Innern auf. „Möglicherweise“, dachte ich, „wird diese Schmiede meine Rettung. Vielleicht kann ich mich Abends in ihr einnisten, bis einmal bessere Zeiten kommen, denn der Winter kann doch nicht immer dauern.“ Den ganzen Nachmittag wich ich nicht mehr aus der Nähe, und alles spähte ich sorgfältig aus. Als die Sonne unterging, hörte das Hämmern im Häuslein auf; ein Mann in den mittleren Jahren trat heraus, hüllte sich fest in seinen alten, langen Mantel, schloß die Türe sorgfältig ab und wandte sich schnellen Schrittes talabwärts. „Es gelingt“, dachte ich voller Freuden. Vorsichtig flog ich näher und näher an die Schmiede heran. Da ich nichts Verdächtiges merken konnte, setzte ich mich schließlich auf das Fenster derselben und lugte verstohlen durch die Scheiben. Kein Mensch war drinnen. Alles war schwarz, nur auf der Esse glimmten Kohlen. Rasch entschlossen schlüpfte ich durch den Schornstein hinein und verbrachte die Nacht auf der Querstange, mit der man den Blasebalg in Bewegung setzte. Kein Laut und keine Störung die ganze Nacht; besser hatte ich in zwanzig Jahren nicht mehr geschlafen. Frühmorgens, ehe der Schmied wiederkam, verließ ich das gastliche Haus, um mich am Tage in den Wäldern herumzutreiben; allabendlich lehrte ich zu meinem neuen Heim zurück, bis des Frühlings laue Luft die Kälte bannte, und neues Leben in die erstarrten Länder zog.“
„Verzeih’, Vater Hans“, unterbrach Rassi, „du hast noch etwas vergessen. Was hast du denn in dieser bösen Zeit gegessen?“
„Was sich eben fand, Rassi. Leckerbissen waren es freilich nicht immer, und halbe Tage gab es gar nichts. Manchmal erspähte ich ein erfrorenes Vöglein oder Mäuschen, das auf seiner Wanderschaft durch den Schnee ohnmächtig geworden, und dergleichen. Doch schließlich kam der Frühling wieder, denn auf Erden hat alles ein Ende, wie es so schön in unserm Liede heißt:
„Nach des Winters bitt’rer Plage
kommen wieder Sonnentage.“
„Ganz recht,“ nickte Rassi, und lustig summte er den Refrain des Liedes:
„Ja ja, ja ja, ja ja,
Jetzt ist der Sommer wieder da!“
Seine kleinen Kameraden waren müde geworden und redeten nicht mehr.
Schon hatte die Turmuhr von Diekirch die Mitternacht verkündet. Leise waren die Schläge von ferne aus dem Tal heraufgeschwebt, und kaum hörbar waren sie über den Eichenbusch dahingegangen. Der Vollmond am Himmelszelt hatte seinen Höhepunkt überschritten und senkte sich langsam gegen Stegen.
Die Rabenbüblein waren schläfrig geworden; ihre müden Äuglein wollten nicht mehr offen bleiben. Einige von ihnen nickten, sogar Rassi war viel stiller geworden.
Väterchen Hans aber hatte den Schelm im Busen. Ruhig wollte er in seinen Erzählungen weiterfahren, bis all die kleinen Zuhörer in tiefen Schlaf gesunken wären. Dann wollte er heimlich und unbemerkt davonfliegen und sie allein auf der Eiche zurücklassen. Anderntags hätte er dann eine willkommene Gelegenheit gehabt, ihnen ihre Unaufmerksamkeit vorzuwerfen und sie damit zu necken, denn auch daran fand er manchmal seine helle Freude.
So redete er denn immer leiser und eintöniger.
„Ja Kinder, früher gab es noch mehr Freude im Lande. Die Menschen waren uns gegenüber nicht so böse wie heute, und wenn es auch hie und da ein Böser unter ihnen war, so hatten sie doch damals nicht die Mittel uns zu schaden, wie heute. Doch nun ist es ganz anders geworden. Schlimme Zeiten sind über Europa gegangen; vier Jahre Krieg haben vieles im ...
[Druckzeile fehlt im Original. Mehr in den Anmerkungen zur Transkription am Ende des Buches.]
...samer gemacht, auch gegen die armen Räblein. Als dann der Krieg vorüber war, zogen die Armeen überall im Lande durch und wenn sich unser einer aus seinem sicheren Versteck hervorwagte, schwebte er in Lebensgefahr; gleich war irgendwo ein böser Soldat, der auf uns anlegte und wer weiß, wie viele unserer Brüderlein erschossen wurden. Viermal bin ich selbst mit knapper Not dem Unglück entronnen; viermal schon hörte ich die mörderische Kugel dicht an meinem Haupte vorbeipfeifen. Aber auch jetzt, wo die Armeen fortgezogen sind, ist es noch nicht viel besser für uns geworden. Überall sind im Lande todbringende Gewehre und Kugeln zurückgeblieben. Kinder, glaubt dem alten Hans, schlimme Zeiten werdet ihr noch erleben, vielleicht schlimmere als damals, wo sie in Luxemburg gegen uns Gesetze machten und beschlossen hatten, uns auszurotten.“
* * *
Während der schwarze Hans solch düstere Zukunftsbilder entwarf, war vom Moserhof her ein Bauernknecht mit einem Gewehre leise durch den Wald geschlichen. Scharf hatte er im klaren Mondschein überall umhergespäht, ob er nicht irgendwo ein ahnungslos grasendes Reh entdeckte oder ein Häslein, das er als gute Beute mit nach Hause nehmen könnte. Geräuschlos war er bis in die Nähe der alten Eiche gekommen, und nun hörte er droben leise eintönige Laute; – der alte Hans erzählte noch immer weiter. Einen Augenblick spähte der Knecht durch die Bäume. Plötzlich entdeckte er den schwarzen Hans in der Baumkrone, grade vor der Mondscheibe.
Ganz still und geräuschlos hob sich der Gewehrlauf, – ein Schuß! – Aus den Wäldern gab das Echo leise den Knall wieder. Erschrocken fuhren die Rabenbüblein hoch auf und stoben nach allen Seiten angstschreiend davon.
Ins Herz getroffen, taumelte Väterchen Hans einen Augenblick, knickte jäh zusammen und sank dann tot unter der alten Eiche nieder.
Von demselben Verfasser erschien:
„Im Walde verirrt!“
Kindererzählung.
Einzelpreis: 0,85 Fr. durch alle Buchhandlungen.
Anmerkungen zur Transkription
Auf [Seite 127] ist in der Druckvorlage eine Zeile doppelt (entfernt). Statt dessen fehlt offenbar zwischen „[vier Jahre Krieg haben vieles im ...]“ und „[...samer gemacht, auch gegen die armen Räblein.]“ eine Zeile. Da der Text nicht zweifelsfrei rekonstruiert werden konnte, wurde dies so belassen wie im Original.
Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
- ... Heute, – ach wie die Zeiten ändern! – heute ist es ...
... Heute, – ach wie [sich] die Zeiten ändern! – heute ist es ... - ... man mir etwa die Schwungfedern ausreißen. Sollte ...
... man mir etwa die Schwungfedern ausreißen[?] Sollte ... - ... nach mich für ein Stündlein mit ins warme Wohnzimmer. ...
... [nahm] mich für ein Stündlein mit ins warme Wohnzimmer. ... - ... Ginster. Am Waldessaum grauste eine Schafherde. ...
... Ginster. Am Waldessaum [graste] eine Schafherde. ... - ... Kriegssteuern zahlen müßten dazu die freiheitlieben ...
... Kriegssteuern zahlen müßten dazu die [freiheitliebenden] ... - ... es mir immer nach den Erzählung meines Großvaters ...
... es mir immer nach den [Erzählungen] meines Großvaters ...