Die Felsanhöhe Zion.
Am Jaffathore gegen Mittag erhebt sich ein großer, alter Thurm, ehemals das Pisaner-Schloß, jetzt aber von den Wegweisern Davidsthurm genannt. Man verdeutete mir sogar das Fenster, durch welches der König David seine Augenweide an der sich badenden Bath Seba fand, obschon der Verfasser der Bücher Samuels (2, 11, 2) erzählt: Von dem Dache des königlichen Palastes sah David ein schönes Weib sich baden.
Nähert man sich von da dem Zion, so liegt links an der Gasse das Kloster der Armenier. Es gibt beinahe nichts Glänzenderes, als die Kirche desselben. Niemand unterbrach darin die feierliche Stille, kein Sterblicher war da, meine Aufmerksamkeit abzulenken, und so konnte man um so ungestörter sich ergehen an dem morgenländischen Prunke, an den edeln Steinen und Metallen, die überall zur Schau gelegt sind, und das Auge schier blenden. Es mag für die Morgenländer tief berechnet sein, daß die Priester ihre heiligen Stellen mit Dingen ausschmücken, welche einen mächtigen Eindruck auf die Sinne erregen. Dem kalt forschenden Verstande des Abendländers ist damit freilich wenig gedient, welcher auf höherem Standpunkte die Beschaulichkeit gerade von der Sinnlichkeit unabhängig machen möchte. Die Kirche soll über dem Orte aufgeführt sein, wo der Apostel Jakob enthauptet worden war. Man öffnete sie mir ohne alle Schwierigkeit.
Außer dem Zionsthore, gegen den Brunnen Siloah, sieht man einen Theil der alten Wasserleitung von Bethlehem, welche die Stadtmauer durchdringt. Von dem Thore kommt man beinahe eben bis zur Moschee und zum Spitale auf dem Zion. Man wird vielleicht diesen Worten mit Mühe Glauben schenken, und ich möchte nicht zürnen. Der Wegweiser mußte mir selbst an Ort und Stelle mehrmal betheuern, daß Zion der Zion sei, weil meine Einbildungskraft so ungerne von einem Berge lassen wollte. Auch der ehrliche Ammann, welcher aufs allernaiveste die Risse des Kalvarienfelsens beschreibt, ging „fast eben hinaus auf den Berg Zion.“
Man will auf der Felsanhöhe die Hausstelle des jüdischen Hohenpriesters Kaiphas gleich vor dem Zionsthore noch wissen. Beinahe blindes Mauerwerk, ein armenisches Bruderhaus, sichert ihr bei den Gläubigen ein bleibendes Andenken. Einige Schritte weiter vorne und links gegen den Blutacker, näher der Gehinnonschlucht, steht eine Moschee und ein Spital, nach der dragomanischen Sage, am Platze, welchen die Burg Davids eingenommen und auf welchem Jesus das Abendmahl eingesetzt habe. Andere verlegen die alte Burg in die Mitte oben auf der Felsanhöhe, wo der Finger einiger Mauertrümmer in die inhaltschwere Vergangenheit hinaufzeigt. Gewiß ist, daß die Moschee und das Spital ein Kloster der Barfüßermönche war, woraus sie vor zwei Jahrhunderten von den Türken verjagt wurden. Wenig erquicken Grabsteine den ziemlich kleinen und eher öden Scheitel des Zions.
Mit gerührter Seele begrüßte ich den Ort, wo, nach den Ueberlieferungen, jene Psalmen gesungen wurden, die, voll religiöser Wärme, durch Jahrtausende tönten bis auf heute, und fortwährend noch so viele Gemüther mit Begeisterung für die Gottheit erfüllen. Wie denn, dürfte man fragen, konnte man in einer Gegend, welche im ganzen Umkreise das felsichte Trauerkleid trägt, zum Dichten der erhabenen Psalmen bewegt, wie angefeuert werden? Das Geräusch und der Glanz der großen Stadt in der Nähe mochten das Herz des königlichen Sängers, in welchem die Eindrücke des frühern Hirtenlebens noch nicht erloschen waren, zur kindlichen Einfalt und Frömmigkeit stimmen. Gihon und Gehinnon und Josaphat ziehen das Auge in die Tiefe; auf den Oelberg und den Berg des bösen Rathes muß es aufwärts im Fluge; es schwebt in der Furche von Mitternacht gegen Mittag, um darin vergebens nach dem Jordan zu spähen; es ruht auf dem fernen, bläulichen Gebirge des ostjordanischen Landes; jetzt steigt es in den azurblauen Himmel, ins Unendliche empor. Empfängt das Auge denn in der That nicht ein großes und großartiges Bild, dessen ganze Farbenfrische in ein reicheres Gemüth zurückgeworfen werden muß? Wenn in der Nähe die vielen Steine dem düstern Gefühle rufen, so leiht ihnen die Ferne eine gefällige Gestalt und Farbe, und in der weitesten Ferne, welche an den Himmel streift, träumt man sich gar schon die Herrlichkeiten des Ueberirdischen.