Die Tageslänge.

Wenn man einmal Reisender ist, so richtet man die Aufmerksamkeit auf alle Verschiedenheiten, notabene auf alle, die Einem nicht entschlüpfen. Außer den Temperatur- und Witterungsverschiedenheiten wird man in Syrien unter dem 32. Grade nördlicher Erdbreite einen bedeutenden Abstand in Bezug auf die Tageslänge wahrnehmen. Ich hielt mich während des kürzesten Tages in Jaffa auf, und sieben Uhr Morgens schon und noch fünf Uhr Abends konnte man an einem hellern Orte leicht lesen.

Für die Klöster im jüdischen Lande (Tabula secunda pro Conventibus Judaeæ sub elevato Polo per gradus 32) liegt eine gedruckte Tabelle vor mir, worauf in der Regel von sechs zu sechs Tagen die Zeit des Sonnenauf- und Untergangs durch das ganze Jahr angegeben ist. Ich will am liebsten die Tabelle selbst redend einführen, da sie, längst ansäßig in Syrien, mir aus einer Verlegenheit helfen und auch Auskunft ertheilen kann, wie weit der längste Tag seine Flügel von einander ausspanne. Am kürzesten Tage schläft die Sonne allerdings nicht so lange, wie bei uns; denn sie steht um sieben Uhr und drei Minuten auf, und sie legt sich um vier Uhr und siebenundfünfzig Minuten nieder. Dafür läßt sich die Sonne am längsten Tage zum Aufstehen mehr Zeit, indem sie um vier Uhr und siebenundfünfzig Minuten aufgeht; und als wenn sie durch ihren heißen Schein leichter sich erschöpfte, sie nimmt schon um sieben Uhr und drei Minuten Reiß — unter.

Und nun denn den ersten beßten Kalender zur Hand, ist eine Vergleichung der Tageslänge in dem jüdischen und dem Abendlande nicht ebenso belehrend, als die Betrachtung des Aderlaßmännchens, dem man wohl Blut, aber den Geist nicht, der auf dem Blute schwimmt, nämlich die Vorurtheile, opfert?