Fortsetzung der Reise nach Jerusalem.

Allee; Um- und Unfall; Ebene Sephela; Aushaltigkeit der Thiere; verführerischer Weg; Nutzen des Hundegebells; Länge des Philisterlandes; Freude über eine fränkische Herberge in Ramle.

Den 27. Wintermonat.

Ich faßte ungerne den Entschluß, das anmuthige Gaza so bald zu verlassen.

In Egypten zauderte ich immer noch mit der Ausführung der Reise nach Asien. Wäre sie unterblieben, ich würde einen unverzeihlichen Unterlassungsfehler begangen haben.

Dr. Tarabra hatte die Güte, Alles für die Abreise zu veranstalten. Die Regierung raffte für den Bedarf der nach Arabien beorderten Truppen alle Kameele zusammen, und ohne die menschenfreundlichen Bemühungen meines Kunstgenossen für die Auswirkung eines Regierungsbefehles würde ich zuversichtlich keines sogleich bekommen haben. Ich nahm in dankbaren Ausdrücken Abschied von meinem Gastfreunde, und schwang mich auf das Kameel; mein ganzes Gepäcke lag neben und unter mir. Einen Schritt vor Gaza wurde ich angehalten. Die Sonne ging immer höher, ohne daß ich um die Ursache des Stillstandes wußte. Es sammelten sich immer mehr Zuschauer um mich herum. Endlich verlor ich — die Geduld. Ich krächzte in der Sprache der Kameeltreiber ch ch, das Kameel fiel auf die Kniee, und ich stieg ab, im Vorhaben, bei Tarabra meine Klage vorzubringen. Im Nu kam mein Treiber auf einem Esel dahergeritten. Wahrscheinlich wollte man durch die Verzögerung ein Geschenk erzwingen, oder der Treiber harrte auf der Lauer, um Zeit zu gewinnen, damit ich heute nicht mehr in Ramle anlange. Kurz, jetzt ging es.

Der Weg zog durch einen Wald alter, in Menge zerklüfteter, in regelmäßigen Reihen stehender Oelbäume. Gaza muß nach dem Zeugnisse unserer Tage ehedem von großer Bedeutung gewesen sein.

Wenn man die ausgetretenen Wege besieht, so träumt man sich hinter Jahrtausende zurück, da auf ihnen der Fuß der Menschen, um nur der alten Kananäer, Philister und Juden zu gedenken, schon wandeln mochte; überschaut man den Boden des Feldes, so wird man seine Güte lobpreisen, daß er ohne Speisung fort und fort mit Ueppigkeit die Früchte hervorbringt.

Beinahe mitten auf dem Wege nach Ramle hatte mein Thier einen kerngesunden Einfall. Um den Reiter los zu werden, fiel es auf die Kniee und legte sich auf die Seite. Ich kroch vom Sattel hinweg. Mit bestaubten Kleidern setzte ich mich sogleich wieder auf das Kameel, welches dann ohne weitere Umfälle den Weg fortsetzte.

Der Kalkstein senkt sich von Südwest nach Nordost, und guckt mit seinen Höckern hie und da hervor. Die Erde ist fahl bis gegen Ramle, wo sie röthlich zu werden beginnt.

Etwa an acht Dörfern auf der Ebene Sephelah kam ich vorüber. Wie nahe ich an den alten Ortschaften Askolon, Astod, Gath, Jabueh und Ekron vorüberritt, vermag ich freilich nicht zu bestimmen. So viel ist gewiß, daß kein fließender Bach, weder der Eschkol (Traubenbach), noch der Jarkon, überschritten wurde, und die gerühmten Weinpflanzungen entgingen meinem Auge. Die Häuser Sephelahs stehen alle städteartig beisammen. Weil sie niedrig und die Dächer bauchig oder gewölbt sind, so erkennt man von der Ferne ein Dorf mit einiger Schwierigkeit; anders verhält es sich, wenn der Giebel hoch aufragt. Das palästinische Dorf sieht häßlich aus. Die Häuser sind von unbearbeiteten Steinen aufgeführt, die Dächer derselben sehr dick, mit einer feuerfesten Rinde von Erde, so daß sich darauf hie und da ein geschlossenes Grün ansetzt. Dieser Umstand vermehrt noch die Schwierigkeit, mit der man ein Dorf aus der Ferne erkennt.

Die Weiber auf dem Felde, deren Gesichter ich mit meinem Auge gleichsam erhaschen konnte, waren hübsch. Andern sah ich nur einen Streifen vom Antlitze, welches der Schleier in ein noch größeres Geheimniß verhüllte, als bei den Egypzierinnen.

Bis Ramle sind zwölf Kameelstunden. Das Thier mußte diesen Weg unaufhörlich gehen, ohne daß es Nahrung bekam. Selbst dem kleinen Esel ward kein besseres Loos zu Theil, und durch den größten Theil des Weges trug er den Führer. Die Thiere halten im Morgenlande mehr aus, als in Europa. Sind sie etwa in diesem Welttheile verwöhnt oder verzärtelt? Ich sah, erzählt Wesling, unter der heißen Sonne ziemlich locker angebundene Pferde der Beduinen mit zwei oder vier Loth Wasser für einen ganzen Tag und eine ganze Nacht hinlänglich gelabt werden.

Zwei Männer zu Esel schloßen sich nicht weit von Gaza als Reisegefährten an. Bei einem Dorfe wollte einer von ihnen links auf einen kleinen Weg mich leiten, der mir ein verführerischer Feldweg zu sein schien. Ich sagte: Nein, ritt rechts davon, und man folgte mir auf dem wirklich richtigen Wege. Etwa drei Stunden von Ramle verließen mich diese Leute, und lenkten in ein Dorf, wohin sie auch mich locken wollten. Uebrigens darf ich nicht verschweigen, daß dieser Reisegefährten einer mir eine Mütze einhändigte, die ich verloren hatte. Es scheint der gute Eindruck noch nachgewirkt zu haben, den er dadurch bekommen mochte, daß ihm ein wenig Speisen aus meinem Vorrathe dargereicht wurden. Ich gab sie zwar nicht ihm selbst, sondern dem Treiber; allein die Araber haben es im Brauche, die Speisen Andern mitzutheilen, und dem Geber in aufrichtiger Gefälligkeit erkenntlich zu sein.

Ich hätte wohl ein ganzes Register von Klagen über meinen Treiber. Er war ein junger, unbärtiger Kerl, und wußte nicht einmal den Weg nach Ramle. Darum fragte er oft darnach; darum wollte er das Uebernachten in einem Dorfe erpochen. Die Sonne war untergegangen, und ich ritt mit diesem unwissenden Jungen. Gegen acht Uhr hörte ich das Gebell eines Hundes. Dasselbe gab mir die Gewißheit, daß ich von Hunden und — folglich auch von Leuten nicht mehr ferne sei. So unwillkommen das Hundegebell sonst, so willkommen war es mir dieses Mal.

Schon zeugte der Boden von fleißigerem Anbaue; die indischen Feigen begleiteten wie ein Geländer die breiter werdende Straße; nun schon entdeckte ich Licht; das Minaret glänzte in der frei- und festtäglichen Beleuchtung; es erscholl ein Chor von Hundegebell. Völlig verschwanden meine Zweifel über die Nähe der Stadt. Unser Weg aber kreuzte sich, und der unwissende Bursche fragte deutend mich um Weisung. Ich war entschlossen, nach der Gegend, wo die Hunde bellten, zu reiten, und winkte sogleich mit der Hand.

Noch sollte mir ein kleiner Unfall begegnen. Nahe schon am Orte meiner Bestimmung trank ich gerade in vollen Zügen das süße Glück, als ein niedriger Baumzweig mir ins Auge fuhr, daß ich im Augenblicke nichts, als einige Funken sah, und daß ich wund und blau wurde. Endlich bin ich in der Stadt Ramle.

Um den Umfang des Philisterlandes zu würdigen, darf ich nur daran erinnern, daß ich es an einem Tage in seiner Länge durchritt; die Breite desselben ist nur unbedeutend. Die Erzählung von den Kriegen, welche die Juden mit den Philistern führten, ist geeignet, die Vorstellung von der Größe des Philisterlandes irre zu leiten.

Müde, aber sehr müde, gleichsam wie zerschlagen stieg ich am Stadtthore ab. Man versicherte mich, daß man beim Reiten auf einem Kameele oder Dromedare ähnlichen Beschwerden ausgesetzt sei, wie auf dem Schiffe. Dies war bei mir wenigstens nicht der Fall, ohne daß ich die Aussage eines Deutschen bezweifeln möchte, welcher dieses Reiten glatterdings nicht ertragen konnte, und daher mit dem Reitthiere zu Fuß ging. Als ein gutes Vorbauungsmittel gegen die Beschwerden, welche das Reiten etwa verursachen könnte, empfiehlt man allgemein das feste Gürten des Unterleibes. Auch ich bediente mich dieses Mittels, das mir in der That sehr behagte.

Ich hatte Empfehlungen an zwei im Dienste des Vizekönigs stehende Franken. Wie sollte ich sie bei Nacht in den menschenleeren Gassen aufsuchen? Ich ließ an einem Hause derb anklopfen. Die Stille in demselben verkündigte die Ruhe aller Hausgenossen. Doch man ließ vom Klopfen nicht ab. Zum Glücke endlich öffnete ein halb gekleideter Mann die Thüre. Er wußte die Wohnungen der bezeichneten Franken. Der Antheil nehmende, gute Mann war bald beredet, mir jene zu zeigen. Leider verfehlte ich die Franken, die sich in Akre befanden. Mir blieb nichts übrig, als in dem lateinischen Hospizium der Spanier, die man mir eben nicht zu ihrem Vortheile schilderte, Herberge zu nehmen.

Dieser Tag war ein unsriger Sommertag. Die Wolken, durch welche die Strahlen der Sonne in Strähnen brachen, arbeiteten an einem Schauer, und der Regen drohte bei der schwülen Witterung. Tags lärmten in großer Menge die Thiere der Luft, die Vögel, und Nachts die Thiere der Erde, die Insekten. Alles, was da lebt auf und über der Erde, singt Tag und Nacht das Hochzeitlied, zur Freude der Menschen.

Ach, wie war ich bei meiner Müdigkeit froh, in einer fränkischen Herberge ausruhen zu können. Von den Patres freundlich begrüßt, ward ich ins Refektorium eingeladen. Sie setzten mir Eier, Fische, Käse, Brot und Wein vor, und ich sättigte mich mit Wohlgefallen.

Den 28.

Ueber Nacht rollte Sommerdonner.

Ich wollte nach Jerusalem abreisen; allein da der Eseltreiber noch durch das Beladen der Esel mit Fischen (vom Hospizium, welches mir es verheimlichte) mich zum Warten nöthigte, und da ich unter solchen Umständen nicht glauben durfte, daß ich noch bei Tageszeit in Jerusalem anlangen würde, so blieb ich, obwohl sehr ungerne, zurück. Bereits nämlich verließ ich das Hospizium. Ich stand schon am Orte, wo die Esel beladen wurden; das Felleisen war schon aufgepackt. Ich drängte auf schnelle Abreise. Es half nichts, indem der Muchero (Eseltreiber) wähnen mochte, daß ich weder selbst das Felleisen forttragen, noch bei der schwachen Morgendämmerung das Hospiz finden werde. Der Mann aber thäte sich verrechnen. Ich hob das Felleisen auf die Schulter und trug es ins Hospiz.

Rama, Ramla oder Ramle, ungewiß das Arimathia der Bibel, ist weder hübsch, noch groß, aber in einer sehr fruchtbaren Gegend und unter einem milden Himmel. Auch hier liegen Ueberbleibsel von Alterthümern, z. B. Säulen, herum. Von der Stadt aus eröffnet sich eine köstliche Aussicht ins Gebirge Juda bis zum Ephraim.

Der Bassar ist unansehnlich. Ich konnte der Anlockung nicht widerstehen, Brot und einige Früchte zu kaufen, die ich mit Lust verzehrte.

Zum Zeitvertreibe besuchte ich das griechische Kloster, welches ebenfalls Pilger beherbergt. Der Erzpriester empfing mich mit vieler Freundlichkeit, verstand aber keine der fränkischen Sprachen, und so mußten wir uns begnügen, einander anzuschauen, was doch unstreitig viel bequemer ist, als eine auf Nadeln setzende Anrede von Komplimenten zu halten.