IX
In einem kleinen schleswigschen Grenzort wollte Esther nach der zehnstündigen Bahnfahrt übernachten.
Es war ein langer, mühseliger Weg von der Bahnstation bis zum Gasthof. Esther ging ihn ganz allein, eine verschneite Landstraße hinauf, die nur durch Räderspuren kenntlich war. Sie trug ihre kleine Reisetasche bald in der einen, dann in der andern Hand. In der Kälte schmerzte der metallene Griff ihre Finger.
Weithin über dem Schneeland stand ein purpurner Mond.
Ein schwacher, gläserner Klang kam aus dem Dorf herüber: die Turmuhr schlug eine späte Abendstunde.
Esther ging immer langsamer. Eine schwere, herabziehende Müdigkeit erfüllte sie mehr und mehr. Sie konnte kaum mehr denken, empfing nur dumpf die Außeneindrücke, an die sich zerflatternde Reflektionen knüpften.
Neben der Straße lief ein halb zugeschneiter Graben. Da mußten im Sommer die vielen Feldstiefmütterchen wachsen – so immer zu hunderten auf einem Fleck, daß es aussah, wie ein großer, schwellender Strauß. Aber jedes Blümchen hat sein eignes ernstes Gesicht unter der violetten Haube – und wenn der Wind ja einmal durch den Graben fährt, dann reiben sie sich rischelnd aneinander, wie Kinder, die sich in die Ohren flüstern – – – –
Dicht und hoch lag jetzt der Schnee – – So ein paar Schritte zur Seite machen und sich da hinein fallen lassen – –
Kein Mensch würde wissen –
Und was ging sie überhaupt irgend ein Mensch an?
Doch – das ist ja nicht wahr –
Wie ein fremdes Heiligtum stieg die Liebe Adam Rudes vor ihr auf. Doch ihr war, als müßte sie in Ehrfurcht wegsehen. Als dürften auch ihre heimlichsten Gedanken nicht daran rühren. –
Eine ferne Sehnsucht kam über sie – kam und ließ sich schwer niedersinken auf ihr Herz –
Und dann war wieder alles wie einem andern Menschen angehörend – oder so wunderlich vereinzelt, ohne inneren Zusammenhang.
Und wieder kam eine lange, bittere und kummervolle Sehnsucht nach Eliza, dem Kind. Wie hatte sie es nur fertig gebracht sie allein zu lassen? Wenn sie schnell umkehrte? Morgen noch zurückreiste?
Ein Ruck ging durch ihren Körper: Adam Rude! – Aber das war ja Wahnsinn – Unmöglichkeit! –
Sie griff nach dem Brief, den sie in der Kleidertasche trug –
Und dann war plötzlich wieder alles Begreifen ausgelöscht – nur noch eine träge dämmernde Sehnsucht nach diesem Haus, das sie lieb hatte, in das sie hätte zurücklaufen mögen, wie eine Katze, die man fortgetragen hat. –
Und immer ging sie mechanisch weiter, den endlosen zugeschneiten Weg hinauf.
Dann kam das Gasthaus.
Sie mußte die Wirtsleute erst herausklopfen. Es waren freundliche Bauern, die sich in ihrem rauhen jütischen Dialekt nicht genug über die Ankunft einer Dame erstaunen konnten. Es schien, als gäbe es für diese Wirtschaft nichts Verwunderlicheres, als einen Gast!
Esther wurde in die Familienwohnstube geführt. Dort mußte sie sofort ein paar riesige Filzsocken für die nassen Stiefel eintauschen. Die Wirtin befahl das mit einer Autorität, die jeden Widerspruch vergeblich machte. Dann wurde ihr ein Kübel voll schwarzbraunem Thee zudiktiert.
Über dem Sofa hing das Bild des deutschen Kaisers neben einem andern, das die Photographie eines jungen Soldaten, wahrscheinlich der Sohn des Hauses, umgeben von allerlei »Scenen aus dem Soldatenleben« enthielt. Als Überschrift prangten die Worte: »Aus meiner Soldatenzeit.«
Die Frau folgte Esthers Blicken, dann erklärte sie entschuldigend, er, der Sohn, wollte »das« dort haben. Und voll Groll und Verachtung: »Seit er gedient hat, ist er ja ein Deutscher!«
Der Wirt, der mit einer langen Pfeife jenseits des Tisches saß, zog die Stirn in kummervolle Falten. Er sagte: »Die dort in Berlin, die werden sich freuen, daß sie ihn herumgekriegt haben! Bei der Leibgarde ist er gewesen – so 'ne Schande!«
Esther bekam ein ganz böses Gewissen, daß sie sich nicht als Deutsche eingeführt hatte; ganz gedankenlos hatte sie noch dänisch gesprochen. Sie fühlte sich recht bedrückt im Gedanken an die warmen Filzsocken und das Wohlwollen der Wirtin, die sie immer schlechtweg »Kind« anredete, – das alles wäre der Deutschen gewiß nicht zugefallen!
Und am nächsten Morgen gar, wie die Alte gehört hatte, daß Esther auch der entsetzlichen Stadt patriotischer Verführung zureiste, gab es so viele gute Wünsche und Ermahnungen, daß Esther vor Beschämung nicht mehr die Augen aufzuschlagen wagte.
Aber sie konnte doch wirklich nicht jetzt auf einmal mit ihrer Enttäuschung herauskommen?
Und gegen Abend gelangte Esther an ihr Reiseziel.
Die Droschke hielt vor einem hohen, eingezwängten Haus, dessen Eingang in der Pracht verschiedenster Imitationen strahlte. Eine imitierte Eichenthür öffnete sich in eine imitierte Marmorhalle, die mit imitierten Gobelins und imitierter Glasmalerei ausgestattet war.
Der Hausmeister bemächtigte sich des Koffers, und in feierlich langsamer Fahrt hob sich der Lift zu seinem Endziel, der fünften Etage.
»Also hier wohnt Fräulein Schulze?«
»Jawoll, klingeln Sie man!«
Nach einer Weile kam ein ältliches, verblaßtes Mädchen und öffnete. Sie führte Esther über einen kurzen, düsteren Flur, der nur in einer Ecke durch ein kleines stark riechendes Lämpchen erhellt wurde und dann durch ein langgestrecktes Zimmer.
»Bei uns müssen wir immer durch die Berliner Stube gehn,« erläuterte das Mädchen.
Eine große, starke Dame in Lahmannkleidung sah Esther mit unverhohlener Neugier nach und erwiderte ihren Gruß mit einem resoluten Nicken.
Dagegen bemerkte sie erst im Hinausgehen, daß sich ein kleines, dunkelgekleidetes Geschöpf auf sie zu bewegte.
»Verzeihen Sie – ich bin Fräulein Schulze,« sagte die kleine Dame und sah Esther fragend unter einem spanisch drapierten Kopfputz hervor an.
»Ich bin Esther Franzenius.« Esther mußte unwillkürlich dem kleinen fragenden Gesicht der Spanierin zulächeln.
Fräulein Schulze machte ein paar ratlose Bewegungen nach rechts und links, dann kam es ihr wie eine Erleuchtung: »Darf ich Sie nach Ihrem Zimmer führen?« Und sie trippelte Esther und dem Kofferträger voran, zur Thür hinaus, über einen langen und niedrigen Korridor, den man gar nicht in dem prunkvoll imitierten Marmorpalais erwarten durfte, und öffnete die Thür zu einem kleinen viereckigen Zimmerchen, das durch ein winziges schräges Dachfenster nach dem Hof hinaus lag.
Während Fräulein Schulze noch ein paar Fragen über die »gute Reise« an Esther richtete, bemühten sich das Mädchen und der Dienstmann, für den Koffer einen Platz zu ermöglichen.
Endlich waren alle Ankunftsfeierlichkeiten bewältigt, und auch die Spanierin verließ das Zimmer.
Esther nahm den Leuchter mit der dünnen übelriechenden Kerze und beleuchtete ihre Umgebung. Da gab es nur die allernötigsten Gebrauchsgegenstände, denen allen es wie ein Ausdruck schamhaftester Dürftigkeit anhing. Und jedes Ding schien sich zu bemühen, etwas anderes zu imitieren. Sogar das Bett hatte die Aufgabe, tagsüber ein Sofa darzustellen, und der Waschtisch war unter dem Äußern einer Komode verborgen. Als der Koffer untergebracht war, konnte man sich nur noch in einer kleinen Schlangenlinie durch das Zimmer winden. Esther lehnte sich unwillkürlich weit zum Fenster hinaus – dort sah man in den Hof hinab, wie in einen spärlich beleuchteten Schacht. Dann führte sie das Licht an den Wänden entlang – die Tapete trug ein Muster von lauter Lilien.
Eine stumpfe Trostlosigkeit überkam Esther in diesem imitierten Liliengarten.
»Nancy! Nancy!«
Esther erwachte. Wer rief denn da? Und wo war sie?
Weshalb verflog doch so schnell der Traum von einem Frühlingsgarten und dem weißen Haus im Mondlicht? – Sie wollte so gern weiterschlafen. Sie fürchtete das Erwachen. –
»Nancy! Nancy! Schläfst du noch?«
Das war wieder diese rauhe Stimme, und nun folgte ein endloser Hustenanfall.
Esther sah sich um. Das war ja das Lilienzimmer. Diese kahlen und dürftigen Gegenstände, die aussahen, als seien unzählige verschwiegene Sorgen in sie gebettet, schienen ein kraftloses Grauen auszuströmen.
Nancy mußte inzwischen geantwortet haben, denn die gequälte Stimme des Zimmernachbars begann von neuem: »Hast du gut geschlafen, Nancy? Wie fühlst du dich heute?«
Und wieder nach einer Weile, während der Esther aufzustehen begann: »Mußt du nicht über die Hofjagd referieren? Wir könnten zusammen einen Wagen nehmen, wie?« – Hier eine Pause für Nancys Antwort – Und wieder: »Nancy! Nancy! Mir fällt etwas Köstliches ein! Paß auf: Ein Wagen kostet 10 Mark – zu zahlen von meiner löblichen Redaktion! Ein Wagen für dich zu 10 Mark – haben deine Braven zu blechen. Daß wir uns zusammenthun, geht niemanden was an. – Bin ich nicht ein Rechengenie?! Hahaha!!«
Und wieder ein gräulicher Hustenanfall.
Esther machte ihre Anwesenheit bemerkbar und die nachbarlichen Stimmen verhandelten gedämpfter.
»Wer wohnt da nebenan?« fragte Esther das Mädchen, das Feuer machte. Es baute mit virtuoser Vorsicht ein paar Holzspähne aneinander und deckte das spärliche Flämmchen mit den drei für »eine Heizung« abgezählten Preßkohlen.
Ida warf über die Schulter einen verächtlichen Blick auf das Nachbarzimmer. »Ach, das ist man bloß Redakteur Engel,« sagte sie im Ton würdevollster Herablassung.
»Ist der Herr sehr leidend?«
»Ja – er hat es auf der Brust. Seine Verlobte, das Fräulein Maceday auch. Schon den ganzen Winter. Und wie sie zu uns gekommen sind, sahen sie auch halbverhungert aus. Das Fräulein wohnt ja doch neben ihm, und sie pflegen sich immer nur einer den andern.«
»Aber das ist ja schrecklich,« sagte Esther in bedauerndem Entsetzen unwillkürlich vor sich hin.
Das Mädchen mißverstand die Worte. Es wurde plötzlich vertraulich und gesprächig. »Ja, nicht wahr, Fräulein? Uns ist das auch recht peinlich. Verlobt sind sie und wohnen Thür an Thür! – Und dann wollen sie sich immer noch das Essen allein besorgen! Sie können es gar nicht billig genug kriegen. Und was für Sachen sie dann kochen! Ach Gotte doch! puh!«
Ein unbestimmter Ekel – vor diesem Geschwätz – vor ihrer ganzen Umgebung – vor der Lage, in der sie sich befand, erfüllte Esther. Sie verließ die Stube und ging nach dem Eßzimmer, um zu frühstücken. Auf dem Gang begegnete ihr eine kleine abgehärmte Person mit den glühroten Backenknochen der Schwindsucht. Sie sah auf Esther mit glänzenden, argwöhnischen Augen.
Und Esther hätte ihr etwas Gutes sagen mögen – irgend eine kleine, gleichgültige Freundlichkeit erweisen. Sie grüßte höflich. Die andere dankte kurz, abweisend, höhnisch.
Esther fiel eine kleine Begebenheit aus ihrer Kindheit ein: Wenn sie zur Schule ging, kam sie immer an einem vergitterten Hof vorüber, an dessen Thür ein mageres, jämmerliches Hündchen stand und giftig auf die Vorübergehenden bellte. Dann warfen die Jungen mit Steinen nach ihm, reizten und höhnten es; das nahm es aber nur wie die gebührende Antwort auf sein Gebell entgegen. Das Tier that Esther so leid. Sie versuchte es einmal, sich ihm freundlich zu nähern, es zu streicheln. Da geriet es aber ganz außer sich vor Wut. Und jedesmal, wenn Esther wieder vorüberging, wußte es sich in seinem Zorn gar nicht mehr zu lassen. Es hatte die Freundlichkeit augenscheinlich als unvergeßliche Beleidigung empfunden. –
»So 'ne einjebildte Jöhre!« hörte Esther das Fräulein Nancy noch in der Stube des Verlobten in accentuiertem Berliner Jargon ausrufen. – – – –
Das war der Beginn der freiwillig angetretenen Epoche der Arbeit und Entbehrung.
Später gab es Stunden, in denen Esther sich fragte, warum sie nicht einmal den Versuch gemacht hatte, diese besonders antipathische Umgebung mit einer andern zu vertauschen. Und sie kam auf die wunderliche Erklärung, daß die Macht des Ekels sie fesselte.
Ja, wir haben diese seltsam kraftlosen Zeiten, in denen wir wie gelähmt vom Abscheu und unfähig zur Gegenwehr, auf eine krankhafte Weise angezogen auf das starren müssen, was unsern Ekel erregt.
Wir sind unfähig, uns durch einen Entschluß loszureißen, ja irgend einen Entschluß zu fassen vermögen wir nicht einmal. Nur noch ein alter Wille leiert sich mechanisch in stumpfen Handlungen ab. Wie im Traum gehen wir da – und das kraftlose Entsetzen des Traumes bedrückt uns, während wir ganz im geheimen eine andere Wirklichkeit wie die Ahnung des Erwachens in uns tragen. Und so versäumen wir die Empörung gegen das Traumschicksal.