D. Weitere Ausflüge.

Tüchtige Fußwanderer, die das Hohe Venn kennen lernen wollen, mögen, wenn sie von Norden (Aachen) kommen, von Eupen nach Malmedy zu Fuß gehen. Man folgt dem Hillbach hinauf bis zur Baraque St. Michel (auf belgischem Gebiete) über den Gipfel des Bodranche, den höchsten Punkt des Gebirges (694 Meter über dem Meere), das sehr eigenartige Schönheiten aufweist. Beide Berge sind mit Aussichtstürmen versehen und werden in der schönen Jahreszeit häufig besucht. Zu den Füßen rund um den Turm herum breitet sich eine weite, nur mit Haidekraut bewachsene Hochebene aus. Hie und da gewahrt das Auge einen Wachholderstrauch, einen verkrüppelten Baum oder eine durch Nebel und Frost im Wachstum verkommene Waldanlage. Auch Tiere stören diese Einsamkeit nicht. In der ungünstigen Jahreszeit trifft man nur selten einen Wanderer auf diesen unwirtlichen Höhen. Von dort folgt man der Straße durch Xhoffraix und Bévercé nach Malmedy. Es sind zwar nur meistens einförmige Landschaftsbilder, die man auf dem Hohen Venn sieht, aber die mit Haide bedeckten langgestreckten Höhenzüge entbehren in der schönen Jahreszeit doch nicht eines anziehenden Reizes. Bei der Höhe von Bodranche erhebt sich eine Kapelle, die ein Menschenfreund 1827 errichten ließ mit der Anordnung, daß Abends eine Glocke geläutet würde, damit die einsamen Wanderer vor dem Verirren bewahrt blieben. Solche Glockenhäuschen sollen schon vor Jahrhunderten in dem Hohen Venn bestanden haben, das damals viel unwirtlicher war, als heutzutage. Das erwähnte Schutzhaus war vor einem halben Jahrhundert noch gleichsam das St. Bernhard-Hospiz dieser Einöden. Damals, als die heutige Staatsstraße noch nicht bestand, wurde bei abendlichen Nebeln und Schneewehen auch ein Laternenlicht an dem Kapellenturm ausgesteckt. Die vielen alten Kreuze am Wege oder seitwärts erinnern an die Gefahren, denen der bei Nachtzeit verirrte Wanderer oft genug unterlag, wenn er, die trügerische Schneedecke betretend, in einen der tiefen Wassertümpel geriet. In jener Gegend ist der Baumwuchs zurückgetreten, um der niedrigen, gleichwohl interessanten Torfflora Platz zu machen.

Wenigstens dem Namen nach erinnert Montjoie noch an die wallonische Gegend. Es ist eine an der Roer (Rur), einem Nebenflüßchen der Maas, reizend gelegene Kreisstadt (2000 Einwohner), deren Textilindustrie sich wieder aufzuschwingen beginnt.[20] Die Entstehung des Namens Montjoie scheint noch nicht endgiltig aufgeklärt zu sein[21]; jedenfalls haben manche Geographen sich durch diese Form verleiten lassen, die Gegend von Montjoie dem wallonischen Gebiete zuzurechnen. Stadt und Umgegend sind aber deutsch. In der niederfränkischen Volksmundart lautet der Name Monschau und die Bewohner heißen Monschäuer.

Vor einigen Jahren ging in den französischen und belgischen Zeitungen viel die Rede von dem „großen Lager von Malmedy“, das absichtlich dicht an der Grenze errichtet werde. Es stellte sich aber bald heraus, daß lediglich ein großer Truppenübungsplatz bei Elsenborn im Kreise Malmedy hergestellt wurde und daß der Platz deshalb gewählt war, weil dort das Land verhältnismäßig billig ist, während es in fruchtbareren Gegenden aus finanziellen Gründen nicht möglich wäre, einen etwa 5 Kilometer langen Schießplatz anzulegen. Die Errichtung dieses Lagers war natürlich Wasser auf die Mühle derjenigen, welche behaupten, bei einem nächsten deutsch-französischen Kriege würden deutsche Heere durch Belgien nach Frankreich dringen. Auffällig ist es übrigens, daß man in Malmedy selbst meistens gar kein Militär sieht, während man im Reichslande in jedem kleinen Neste eine Garnison antrifft.

Der Truppenübungsplatz befindet sich bei dem etwa in der Mitte zwischen Montjoie und Malmedy gelegenen Dörfchen Elsenborn. Er liegt also nahe an der belgischen, luxemburgischen und auch der französischen Grenze. Dieser letztere Umstand ist es, der bei einem Teile der Franzosen die Besorgnis wachzurufen scheint, dies Lager könnte zu einem künftigen Offensivstoße gegen Frankreich bestimmt sein. Der Übungsplatz Elsenborn ist aber nicht mehr offensiver Art gegen Frankreich oder Belgien, als die Übungsplätze Senne, Münster oder wie sie weiter heißen. Es ist wohl selbstverständlich, daß die Militärverwaltung solche Plätze, die tausende von Morgen Landes erfordern, nicht in stark bewohnter Gegend anlegt, sondern dort, wo möglichst gar keine Bewohner sich finden und das Terrain möglichst niedrigen Preis hat. Jedes Armeekorps bedarf eines solchen Platzes, und als für das VIII. Armeekorps eine entsprechende Fläche gesucht wurde, bot sich in seinem Bezirke lediglich diese einzige, weil sich nur dort das benötigte ebene Oedland finden ließ. Für die Militärverwaltung wäre es viel bequemer gewesen, wenn sie z. B. zwischen Köln und Düsseldorf den Platz hätte anlegen können, aber dann hätten ganze Ortschaften ausgerottet, blühende Gefilde verödet werden müssen, und abgesehen von einem solchen Vandalismus und der Schädigung des Volkswohlstandes wären die Kosten unerschwinglich gewesen. Lediglich der Notwendigkeit gehorchend, hat man sich zu der Wahl des Terrains bei Elsenborn entschlossen.

Man erblickt dort einige einfache Häuser, Wohnungen für Offiziere und Verwaltungsbeamte, Baracken für die Mannschaften, Stallbaracken für die Pferde, die notdürftigsten Magazinräume, und daneben ein paar Wirtschaften, die nur im Sommer einige Monate flotten Ausschank haben, sonst still und verlassen dastehen, und auf dem Uebungsplatze selbst hier und da Bauten, welche Windmühlen, Denkmäler, Burgen ⁊c. markieren und lediglich dazu dienen, daß die Offiziere und Mannschaften sich bei den Übungen in bezug auf den Platz orientieren können. Von Mai ab bis zum Beginn der Manöver herrscht auf dem Platze regstes Leben, ein Regiment löst das andere ab, das eine bleibt 14 Tage, das andere vier Wochen, und die Mannschaft freut sich zumeist, wenn die strapaziösen Lagertage, die indessen einer gewissen soldatischen Romantik nicht entbehren, ihr Ende erreicht haben. Zu Beginn des Herbstes hört das Leben im Übungsplatze auf, und wer dann nach Elsenborn kommt, wird gut thun, sich auf dem kalten Hohen Venn recht warme Kleidung mitzubringen und sich auch genügend mit Proviant zu versehen, denn außer vereinzelten Waidmännern, die einem treuherzig einen Schluck Jägerkorn anbieten, wird man kaum Jemand zu sehen bekommen. Das ist die Wahrheit über das „Lager von Malmedy“.

In der Nähe des Dorfes Sourbrodt (nicht weit von dem Truppenübungsplatz Elsenborn) wurden 1889 Arbeiterbaracken und Ziegeleien angelegt, um allmählich ein größeres Torfwerk herzustellen und landwirtschaftliche Kultur damit zu verbinden. Gründer dieser Unternehmungen ist der Oberst z. D. v. Giese in Aachen. Die bedeutenden Torflager, die man 1889 angefangen hat auszubeuten, verschaffen der Bevölkerung jener armen Gegend jedenfalls einigen Erwerb. Man sieht dort auch Wiesen und Baumgruppen, aber an Fruchtbäume darf man bei einer Höhe von durchschnittlich 600 Meter nicht denken. Die Preißelbeeren werden aber in großer Menge dort gezogen. Dem Touristen fallen die hohen Buchen-Schutzhecken auf, welche die Wohngebäude an der Schlagwetterseite umzäumen; auch die Bauart der Häuser verrät den echten Gebirgsstil.

Man kann von Malmedy aus noch andere entferntere Ausflüge machen, die jedoch hier nur kurz angedeutet werden sollen. Nach Spa kann man mit der Bahn in 1½ Stunde gelangen. Der von den Kurgästen dieses berühmten Ortes so viel besuchte, von einer lieblichen Landschaft umgebene Wasserfall von Coo, welchen die Amel bildet, ist auf einem ebenso bequemen als schönen Wege in 2½ Stunden zu erreichen. Der Wasserfall wurde von einem der letzten Äbte von Stavelot künstlich angelegt, um das Fischen im Fluß zu erleichtern.[22] Es wurde aber nur ein Teil der Amel abgeleitet, der sich mehr als 20 Meter tief herniederstürzt auf einen Felsen, sodaß der Schaum fast bis zur Brücke spritzt, auf welcher die Touristen sich das Schauspiel ansehen. Der größte Teil der Amel läuft mehr als eine Stunde weit um den Berg herum und vereinigt sich mit dem andern Teile bei dem Dorfe Coo. Man findet dort eine Kapelle, eine Mühle und einige Wirtschaften, die aber trotz ihrer großartigen Aufschriften sehr dürftig sind, sodaß es sich den Touristen empfiehlt, für des Leibes Notdurft zu sorgen, bevor sie dort hingehen.

In Malmedy wünscht man schon seit Langem eine Bahnverbindung mit dem belgischen Grenzstädtchen Stavelot. Die preußische Regierung ist dem Plane gewogen, aber auf belgischer Seite verhielt man sich bisher ablehnend; erst seit Kurzem hat sich die Stimmung geändert, so daß die Aussicht jetzt günstiger ist. Stavelot (deutsch Stablo) liegt auf dem rechten Ufer der Amel an einem Berghang und ist mit Malmedy durch das reizende Warchethal verbunden. Es hat ebenfalls bedeutende Gerbereien. Da nur wenige hervortretendere Bauten aus den letzten Jahrhunderten übrig geblieben sind, merkt man nicht, daß es eine der ältesten europäischen Residenzen ist. Ein Thurmrest und einige alte Schloßtrümmer sind die einzigen Spuren der alten Geschichte dieses Städtchens. Kunstkenner versäumen nicht, sich in der übrigens stillosen Pfarrkirche die aus der alten Abtei stammende Châsse de St. Remacle (Schrein des hl. Remaklus) mit Figuren in getriebener Arbeit zeigen zu lassen. Heinrich Freimuth schreibt u. a. über Stavelot: „Ehrfurcht vor den kleinen Hauptstädtchen, und doppelt Ehrfurcht, wenn sie in Folge eines tragischen Schicksals ihr altes Krönlein verloren haben! Spielten sich in den meisten dieser ehemaligen Residenzchen auch keine größeren politischen Aktionen ab, so suchte sich dafür um so häufiger die Romantik diese wenig bewegten, räumlich oft auf ein Idyll nur zugeschnittenen Städtchen aus, um dort ihre zum Teil originellen und oft eindrucksvollen Bilder zu weben, und selbst das bischen Politik, das dort getrieben wurde, gewinnt unter der phantastischen Laune dieser Romantik zuweilen Interesse und Leben. Es liegt auf dem rechten Ufer der Amblève, nicht gar weit von Malmedy, auf belgischem Gebiet, eine solche kleine Ex-Residenz, ein stets wohl aufgeputztes Städtchen in idyllisch-romantischer Landschaft von saftigstem Grün, die durch Anmut ersetzt, was ihr an Großartigkeit fehlt. Dieses Städtchen, gleichzeitig eine der ältesten europäischen Residenzen, ist das uralte, mit seiner Geschichte bis in die Mitte des 7. Jahrhunderts zurückreichende Stavelot. Niemand würde in diesem vorwiegend modern romantischen Orte, in welchem nur wenige hervortretende Bauten aus den letzten Jahrhunderten übrig geblieben sind, den Schauplatz einer altersgrauen, ebenso romantischen als dramatischen Geschichte vermuten. Ein über die Dächer an der rue du Châtelet hinausragender Turmrest und auf der andern Seite des Flüßchens einige alte Schloßtrümmer sind die einzigen verbliebenen Spuren dieser alten Geschichte. In den weitläufigen, imposanten Abteigebäuden, wo wir einen Reichtum an geschichtlichen Erinnerungen schöpfen, die über den Rahmen einer bloßen Reiseplauderei weit hinausgehen würden, weckt das dort in einem Flügel untergebrachte „Hospiz Ferdinand Nicolai“ das Andenken an ein originelles Menschenkind. Dieser Nicolai, Comthur u. s. w. war ein großer Philantrop, aber auch kein kleiner Narr. Er schenkte nach allen Seiten, sodaß jedes Kind in Belgien seinen Namen kannte. Das Hospiz von Stavelot soll ihm über eine Million Franken gekostet haben. Er sorgte aber auch dafür, daß seine geschätzte Person vermittelst Porträts, Büsten und Statuen bestens bekannt wurde.“ Den Namen des freigebigen Sonderlings führt eine Avenue, durch die man auf die Landstraße nach Malmedy gelangt.

Auf der belgischen Seite, wie auch in dem Kreise Malmedy ist in den letzten Jahren Gold gefunden worden, und einige Zeit war fortwährend in den belgischen, westdeutschen und luxemburgischen Zeitungen die Rede davon, wie wenn dort ein zweites Kalifornien entstände. Das Gold kommt besonders bei der Ortschaft Recht in Ablagerungen von Schutt, bestehend in Quarzgeröllen, Sand und Lehm vor. Das Waschverfahren, das jetzt bereits dort betrieben wird, ist sehr einfach, aber es sind nur einzelne kleine, kaum sichtbare Flitterchen, Blättchen und Körnchen vorhanden; einzelne wenige erreichen die Dicke eines Stecknadelkopfes. Man glaubt, im Altertum habe dort Bergbau stattgefunden, weil man in der Gegend zahlreiche kleine Hügel findet, die die Geologen als „Goldhaufen“ betrachten.[23] Die „Goldminen“ bildeten einige Zeit eine ständige Rubrik in den Malmedyer Zeitungen, aber es ist fraglich, ob die Ausbeutung besonders stark sein wird.

Die Grenze der Wallonie wird im Süden durch den Amelbach gebildet. Ligneuville[24] oder Engelsdorf, das schöne Baumanlagen besitzt, die in der Eifel nicht allzu häufig sind, wird von belgischen, holländischen und englischen Touristen als Sommerfrische benutzt. Von dort führen schöne Wege nach Pont, Malmedy, Stavelot, Vielsalm u. s. w. Letzteres ist ein altes Städtchen, das anmutig auf dem rechten Hochufer der Salm liegt und hübsche Landhäuser und Gärten aufzuweisen hat.

[19] Von diesen Dörfern und Weilern der preußischen Wallonie sind manche zweinamig. So kommen nach Dr. Esser, der im „Kreisblatt für den Kreis Malmedy“ 1882–1884 eine Reihe eingehender Untersuchungen über die Ortsnamen des Kreises Malmedy veröffentlicht hat, neben einander vor die Namen: Faymonville und Außelborn, Ligneuville und Engelsdorf, Pont und Brücken, Champagne und Gringertz, Ondenval und Niedersteinbach, Thirimont und Deidenberg, Gueuzaine und zur Heiden, Bruyères und außer Heiden, Robertville und zur Bivel, Outrewarche und zur Spinnen, Belair und Wolfskuhl, Ovifat und Mischvenn, Bellevaux und Schönthal, Noirthier und auf dem schwarzen Hügel, Eaurouge und Rotwasser. Dr. Esser bemerkt dazu: „Da zu der Zeit, als der hl. Remaklus an den Ufern der Warchenne sein Kloster gründete, die hiesige Gegend deutsch war, so sind auch die deutschen Namen wie Außelborn, Engelsdorf u. s. w. die älteren und ursprünglicheren, die romanischen Namen wie Faymonville, Ondenval u. s. w. sind dann offenbar vom Kloster ausgegangen, das überhaupt die deutsche Sprache bis an die nordöstlichen Grenzen des Fürstentums zurückdrängte.“ Vgl. de Nouë. Miscellanées sur l’ancien pays de Stavelot et Malmédy, S. 82.

[20] Montjoie liegt in einem von Bergen eingeschlossenen Thale. In dem Städtchen, welches nach dem Aussterben der Dynastie gleichen Namens an das Herzogtum Jülich und dann an die Kurpfalz fiel, haben die Franzosen im 17. Jahrhundert arg gehaust. Das hoch gelegene, jetzt verwetterte Schloß ist noch ein beredtes Zeugnis ihrer Zerstörungswut. Montjoie erfreut sich erst seit 1885 der Bahnverbindung mit Aachen und wird von Fremden, besonders auch von Engländern, viel besucht.

[21] Vgl. darüber: Dr. H. Pauly, Beiträge zur Geschichte der Stadt Montjoie. 1852 ff.

[22] So berichtet der „Guide pratique aux eaux de Spa“. 14ᵉ édition. Spa, Bruch-Maréchal. S. 151.

[23] Der Landesgeologe H. Grebe in Trier berichtete 1896 darüber: „Schon im vorigen Frühjahr bei Rückkehr von einer geologischen Studienreise aus Belgien wurde mir in Burtonville, nahe der preußischen Grenze, Kunde von den Goldfunden bei Recht im Kreise Malmedy; ich habe sie nicht beachtet, weil ich oftmals in meiner bergmännischen und geologischen Praxis von solchen sprechen hörte, auch von Goldborn, Goldkaul u. s. w., und das Mineral, das mir gezeigt wurde, war Schwefelkies, wie er auch in den ältern Gebirgsschichten der Malmedyer Gegend häufig vorkommt. Bei den geologischen Aufnahme-Arbeiten dort im vorigen Sommer hörte ich wiederholt, daß man bei Recht Versuche mache, Gold zu waschen. Ich habe auch eine Probe davon erhalten und dann persönlich dem Goldwaschen beigewohnt und zwar an der Rechter Mühle, dicht an der belgischen Grenze. Das Gold kommt daselbst in Ablagerungen von Schutt, bestehend aus Quarzgeröllen, Sand und Lehm vor. Diese Materialien sind durch Verwitterung des conglomeratischen Muttergesteins (grobe Conglomerate und Arkosen der ältern Eifeler Sedimentschichten) entstanden, in der Nähe der Schuttablagerungen auftretend. Das Waschverfahren ist ein ganz einfaches: man schaufelt das Material in eine geneigt liegende hölzerne Rinne, an deren unterm Ende ein Blechsieb angebracht ist und über die man aus dem nahen Bache Wasser unter stetigem Umrühren laufen läßt. Dabei gelangen die schlammigen Massen durch das Sieb in eine tiefere, ebenfalls schwach geneigt liegende Rinne. Die auf dem Sieb zurückgebliebenen Gesteinsbrocken werden zur Seite aufgehäuft; alsdann läßt man einen Wasserstrahl über die den Schlamm enthaltende zweite Rinne laufen, auf deren Boden sich das specifisch schwere Gold ablagert. Aber es waren davon nur einzelne kleine, kaum sichtbare Flitterchen, Blättchen und Körnchen vorhanden, einzelne wenige erreichten freilich die Dicke eines Stecknadelkopfes, die mittels Messers hervorgeholt wurden. Ein Korn Gold, angeblich bei andern Versuchen gefunden, das mir gezeigt wurde, hatte fast die Größe einer Erbse. Jedenfalls ist dieses Goldvorkommen in wissenschaftlicher Hinsicht ein recht interessantes. Wie bereits bemerkt, gehört das Muttergestein zu den ältern Gebirgsschichten der Eifel (unterstes Unterdevon, Gedinnien der Franzosen) und erstreckt sich mit den darauf lagernden phyllitischen Schichten von Viel-Salm über die belgisch-preußische Grenze, die Rechter Mühle, die großen Steinbrüche von Recht nach Montenau hin. Im Altertum, wohl zur Römerzeit, muß in dieser Gegend ein bedeutender Bergbau stattgefunden haben, denn man findet nicht nur in der Umgebung der Rechter Mühle, sondern auch etwa 8 km. nordöstlich von da, besonders zwischen Born und der Station Montenau eine fast unzählige Menge von kleinen Hügeln, die Halden von Goldseifen sein werden. Der erste Finder des Rechter Goldes, Bergverwalter Jung aus Bliesenbach, hat dasselbe auch bei Montenau nachgewiesen und hat in dem ganzen Gelände, in dem die kleinen Hügel vorkommen, Mutungen auf Gold bei der Bergbehörde eingelegt. In der Nähe der vielen Hügel in der Umgebung der Rechter Mühle sah ich viele schachtförmige Vertiefungen (alte Pingen) mit hohem Baumwuchs bestanden, die sicherlich von früherm Bergbau herstammen. Herr Jung hat die Gegend schon in den 70er Jahren durchsucht und vermutet, daß die vielen Hügel Halden von Seifen seien. v. Dechen, mit dem Jung damals in Briefwechsel trat, war anderer Ansicht, indem er ihm unter dem 27. Januar 1876 schrieb: „Die kleinen Hügel von Montenau habe ich hier und westlich von Recht an der belgischen Grenze gesehen. Es sind wohl keine Halden. Mit Halden von Goldwäschen, die ich bei Goldberg, Löwenberg, Bunzlau in Schlesien gesehen, haben dieselben keine Aehnlichkeit. Ebensowenig weist der Bestand derselben auf irgend ein sonst bekanntes Goldvorkommen hin. Ich habe sie für alte Grabhügel gehalten, obgleich bei einigen, die aufgeworfen worden sind, nichts gefunden worden ist.“ Derselben Ansicht, daß sie alte Grabhügel seien, war früher auch der Altertumsforscher Dr. Esser in Malmedy, er hält sie aber jetzt für Halden von Erzseifen, wie er mir unlängst mitteilte. Dafür spricht ihre geringe Ausdehnung — sie sind kaum 1 m hoch — und namentlich der Umstand, daß sie nur in Thalgründen unmittelbar an Bächen (Amelsbach, Emmelsbach, Rechter Bach u. s. w.) vorkommen. Es mögen im Altertum hier viele Arbeiter beschäftigt und eine größere Gewinnung von Metall im Gange gewesen sein. Nun, die Römer verfügten sicherlich über ganz billige Arbeitskräfte und es stand damals das Gold in weit höherm Werte als heute. Ob gegenwärtig noch eine Rentabilität zu erzielen ist, werden die weiteren Versuchsarbeiten ergeben.“

[24] Die Ortschaft wird seit 888 in Urkunden genannt: Nova villa, la neuve ville, auf wallonisch: li nouve veie, dann: Lignonville, im 11. Jahrhundert: Langeneuville.

VI.
Die Bewohner von Malmedy und die Sprachen-Verhältnisse in der Wallonie.

Die Namen der Bewohner von Malmedy sind meistens französisch, aber infolge des Zuzuges aus Altdeutschland nimmt die Zahl der Deutschen fortwährend zu. Die Mischehen, d. h. die Heiraten zwischen Einheimischen und Altdeutschen sind übrigens gar nicht so selten, wie z. B. von französischer Seite behauptet wird. Auguste Descamps, auf den ich noch zu sprechen komme, behauptet, die Malmedyer heirateten nur Walloninnen aus Stavelot u. s. w. Das ist natürlich übertrieben. Es mag ja Leute geben, die von Altdeutschen nichts wissen wollen, aber Mischehen kommen sogar in solchen Gegenden häufig vor, wo die nationalen Gegensätze viel stärker sind, als hier. Auf dem Bürgermeisteramt von Malmedy habe ich sogar erfahren, daß etwa ein Viertel der dortigen Heiraten zwischen Einheimischen und Auswärtigen (Deutschen) geschlossen werden.

Die Straßen tragen zum Teil nur französische, zum Teil deutsche und französische Namen, die manchmal recht sonderbar sind, z. B. Rue chemin-rue, Rue Derrière la Vaulx u. s. w. Neuerdings ist angeordnet worden, daß die Straßen deutsche Namen erhalten müssen, der Gemeinderat hat dieses jedoch nur insoweit genehmigt, als die Namen leicht übersetzbar sind. Von den Geschäftsschildern sind viele deutsch. In den meisten Läden werden beide Sprachen gesprochen: die einheimischen Geschäftsleute müssen der Beamten und anderen Eingewanderten wegen deutsch sprechen lernen, und die altdeutschen Geschäftsleute lernen meistens so viel Französisch, daß sie sich auch mit solchen Kunden behelfen können, die das Deutsche nicht beherrschen. Es ist deshalb ganz irrig, wenn Heinrich Freimuth schreibt: „Wer Brasserie und Poudre à tirer nicht versteht, der geht dort kein Bier und hier kein Schießpulver suchen.“ Sogar Aerzte, die aus Stavelot herüberkommen, bemerken in ihren Anzeigen, daß sie auch deutsch sprechen.

Einen französischen „Führer“ durch Malmedy gibt es bis jetzt nicht. Ein ziemlich gutes Büchlein ist „Malmedy und das Thal der Warche“ von Hermann Rehm. Der landschaftliche Teil ist ausführlich darin behandelt, aber der geschichtliche und ethnographische Teil weist manche Lücke auf. Manche von den interessantesten Fragen werden nicht einmal darin berührt. Übrigens wird Malmedy auch in den Eifelführern behandelt, von denen der beste vom Eifelverein herausgegeben ist. Den Bemühungen dieses Vereins ist es zu danken, daß mit jedem Jahre mehr Touristen ihre Schritte nach dieser Gegend lenken.

Das Wallonische, welches in Malmedy und Umgegend gesprochen wird, unterscheidet sich von demjenigen in Belgien einerseits durch eine etwas veränderte Betonung und andererseits durch die Aufnahme germanischer Sprachelemente. Schön klingt es keineswegs, und es ist für einen Kenner des Französischen zum großen Teil unverständlich. In dem Gedichte „Die Wallonen“ spottet Alexander Kaufmann über das Wallonische, indem er St. Jürgen vor der Himmelsthüre sagen läßt:

„Als auf Erden ich einst Linddrachen erlegt und Gewürme,

Lernt’ ich auch Sprachen dabei — nur eine, Gewalt’ger, verzeiht mir,

Wollte mir nicht in den Kopf, so verzweifelt konfus ist der Mischmasch.

Drunten in Hainault redet man sie, auch schwätzt in Namur man,

Wenn ich nicht irre, das Zeug und in Limburg, wo man den Käse,

Wißt Ihr, den trefflichen, macht, und die Leute benennen’s Wallonisch.

Dreißig Jahr studirt’ ich daran, doch immer vergebens,

Ob ich das Englische gleich in vierzehn Tagen erlernt.“

So schwer dürfte das Wallonische wohl doch nicht zu erlernen sein, aber wenn es auch für einen Philologen interessant sein mag, so dürfte kaum jemand es aus litterarischem Interesse lernen wollen. Es zählt zu den nordfranzösischen Patois und entstand im 5. und 6. Jahrhundert. Die mittelalterlichen Schriftsteller nannten das Wallonische (abgeleitet von wael, gallus, gaulois) romana lingua (la langue romance oder le gaulois). Das älteste bekannte Schriftstück in wallonischer Sprache ist aus dem Jahre 1450. Der Bischof Notker von Lüttich dürfte wohl einer der Ersten gewesen sein, der neben der deutschen auch die wallonische und französische Sprache redete. Das Wallonische überhaupt ist mit den nordfranzösischen Dialekten verwandt. Es zerfällt hier wie in den belgischen Ardennen in mannichfache, mehr oder weniger abweichende Untermundarten. Die sehr urwüchsigen ältesten wallonischen Sprachdenkmäler enthalten noch einen Rest von dunkeln, anderweit unbekannten Ausdrücken, wie auch das Neuwallonische noch manches Altertümliche in der Flexion u. s. w. aufweist.[25] Die Malmedyer Mundart insbesondere bearbeitete der bereits erwähnte Rechtsgelehrte Villers in seinem „Dictionnaire wallon“, von dem bis jetzt jedoch nur Auszüge veröffentlicht sind.

Die Sprache des Volkes ist also das Wallonische. Die Bewohner lernen aber ebenso rasch das Französische, wie z. B. der Holländer das Deutsche. In der wohlhabenderen Gesellschaft wird denn auch noch vielfach französisch gesprochen, wenn auch nicht immer in reiner Form. Die Einheimischen lernen auch deutsch, aber das Französische geben sie deswegen nicht auf.

Auguste Descamps hat in Malmedy einige sonderbare Redensarten der Wallonen aufgezeichnet. Diese nennen z. B. den Schlaftrunk (das letzte Gläschen vor dem Schlafengehen) bonnet de nuit, ein kleines Brötchen pistolet u. s. w. Sie fragen nicht Comment allez-vous, sondern comment va-t-il?

In Malmedy erscheinen zwei Zeitungen ausschließlich in französischer Sprache. Die älteste ist die seit 50 Jahren bestehende Wochenzeitung: „La Semaine. Journal de la Ville et du Cercle de Malmédy“, die von dem Buchhändler H. Scius-Stouse redigirt, gedruckt und verlegt wird. Neben ihr erscheint seit 16 Jahren das „Organe de Malmédy. Feuille d’annonces et revue hebdomadaire du Cercle de Malmédy“, im Verlage von F. J. Lemoine. Es ist nicht immer ein klassisches Französisch, das in diesen Zeitungen geschrieben wird, aber es genügt den Malmedyern zur Verständigung.[26] Die „Semaine“ wurde von dem jetzigen Herausgeber gegründet, der also in diesem Jahre sagen kann, er habe ein halbes Jahrhundert hindurch seine Zeitung allein geleitet. Das Blatt war zur Verteidigung der religiösen und monarchischen Grundsätze in stürmischer Zeit gegründet worden, und es ist seiner Devise „Nous maintiendrons“ treu geblieben. Beide Zeitungen nehmen den größten Teil ihres Stoffes aus französischen und belgischen Blättern, sowie aus der „Gazette de Lorraine“, dem bekannten offiziösen Organ in Metz. Hier und da findet man eine eigene Bemerkung des Redakteurs beigefügt, so unter Frankreich: „Charmante et pudique république!“ Ein besonderes Interesse bieten die lokalgeschichtlichen Artikel der „Semaine“, die von dem Geschichtsforscher Arsène de Noüe herrühren. Die Anzeigen sind teils französisch, teils deutsch. Eine eigenartige Bezeichnung hat man in Malmedy für den Gemeinderat, den man nicht conseil municipal, sondern conseil de ville (wörtliche Übersetzung von Stadtrat) nennt. So wie jetzt die Verhältnisse in Malmedy liegen, wäre es jedenfalls am empfehlenswertesten, eine Zeitung in deutscher und französischer Sprache erscheinen zu lassen, wie es deren noch jetzt im Elsaß giebt. Dadurch würde den Einheimischen Gelegenheit geboten werden, deutsch zu lernen, und es würde überhaupt eine Verständigung in Ortsangelegenheiten zwischen ihnen und den Einheimischen leichter erzielt werden können, als jetzt, wo nur französische Artikel erscheinen. Das amtliche Kreisblatt für Malmedy wird übrigens in St. Vith ausschließlich in deutscher Sprache ausgegeben. Aus der ehemaligen Schwesterstadt kommt „L’Annonce“, ein für Stavelot und Vielsalm bestimmtes Blättchen. Daneben werden noch andere belgische und westdeutsche Zeitungen gehalten.

Litterarisch wird die wallonische Mundart in Malmedy wenig verwertet. Die „Semaine“ bringt jede Woche einen „Armonac do l’Saméne“ und hie und da auch ein Gedicht in derselben. Außerdem giebt sie für die Abonnenten als Prämie jedes Jahr einen Kalender: „Armonac wallon“ mit Gedichten, geschichtlichen Notizen u. s. w. heraus.[27]

Die Vereine in Malmedy scheinen ziemlich rege Beziehungen mit den Wallonen jenseits der Grenze zu unterhalten. Es giebt mehrere Musikvereine: das „Echo de la Warche“ (seit 1846), die „Union Wallonne“ (seit 1847), „La Malmédienne“, „La Fraternité“. Ferner giebt es einen Kriegerverein, der die vaterländischen Festtage feiert, wobei die einheimischen Vereine mitwirken. Es besteht auch eine „Société Littéraire“, eine „Société de Tir“ u. s. w. Schon die französischen Namen deuten an, daß in diesen Vereinen meistens wallonisch oder französisch gesprochen wird.

Die Amtssprache ist jetzt in der preußischen Wallonie durchweg die deutsche. Bis in den siebziger Jahren herrschte allerdings das Französische vor, sowohl in der Gemeindeverwaltung, als auf dem Gerichte und im Progymnasium in Malmedy. In letzterem war sogar ein bekannter französischer Schriftsteller, de Molinari, Mitarbeiter der „Revue des Deux-Mondes“, zwei Jahre Lehrer bei Beginn seiner Laufbahn.

Jetzt gilt das Deutsche überall als Amts- und Lehrsprache, obschon es aus praktischen Zwecken noch oft dem Wallonischen oder Französischen Platz machen muß. In den Gemeinderatssitzungen in Malmedy und den wallonischen Gemeinden werden die zu verhandelnden Gegenstände in deutscher Sprache vorgetragen. Wünscht dann ein Mitglied eine Aufklärung in französischer Sprache, so wird ihm diese erteilt. Besonders unter den älteren Herren giebt es solche, die das Deutsche nicht zur Genüge verstehen und denen amtliche Verfügungen in französischer Sprache erklärt werden müssen. Andere Mitglieder aber sind der deutschen Sprache nicht so mächtig, daß sie ihre Ansichten in ihr gut vortragen könnten, und um dann Mißverständnisse zu vermeiden oder sich nicht lächerlich zu machen — besonders da die Sitzungen öffentlich sind und die Presse gern Kritik übt — sprechen sie wallonisch oder französisch. Alle Protokolle werden aber in deutscher Sprache abgefaßt.

Noch bis in die sechziger Jahre hinein waren die Malmedyer selten, welche einen halbwegs richtigen deutschen Brief schreiben konnten. Jetzt ist das ganz anders. Übrigens hätte eine an sich so wenig deutsche, hart an Belgien grenzende Stadt in bezug auf Schulen mehr Aufmerksamkeit verdient, als sie Malmedy thatsächlich zu teil geworden ist. Sie besitzt erst seit 1869 ein Progymnasium. Angesehene Familien lassen ihre Töchter in belgischen Klosterschulen erziehen.

Der Schulunterricht wird gegenwärtig in deutscher Sprache erteilt, und das trägt neben dem Militärdienst viel zu ihrer Verbreitung bei.[28] Den Volksschullehrern wie auch den Geistlichen erwächst durch die Mehrsprachigkeit des Bezirks eine keineswegs leichte Aufgabe. Die Lehrer und Lehrerinnen sind bis auf zwei oder drei Ausnahmen Altdeutsche, beherrschen aber meistens das Französische bezw. Wallonische. Die sämmtlichen Schulbücher sind deutsch und werden nicht, wie Descamps behauptet, aus Belgien, sondern aus dem Inlande bezogen. Der Religionsunterricht findet an den Schulen in deutscher Sprache statt; nur von den beiden jüngsten Jahrgängen erhalten die wallonischen Kinder den Religionsunterricht in französischer Sprache, während die Kinder deutscher Familien in deutscher Sprache unterrichtet werden. Der teilweise außerhalb der Schulen erteilte Vorbereitungsunterricht zur ersten hl. Kommunion findet ebenfalls in deutscher und in französischer Sprache statt. Diese Einrichtungen sind einfach deshalb getroffen, damit die Kinder auch verstehen, was sie lernen sollen. In den Kirchen in Malmedy wird gewöhnlich jeden Sonntag zweimal deutsch und zwei- bis dreimal französisch gepredigt.

Wir finden hier dieselbe Erscheinung wie in anderen Gegenden, wo eine nationale Veränderung vor sich geht. Die Geistlichkeit läßt sich, soweit ich in Erfahrung gebracht habe, keineswegs durch deutschfeindliche Gesinnung leiten; sie sucht sich nur den Pfarrkindern verständlich zu machen, mag dies in deutscher oder französischer Sprache sein.

Ein aufmerksamer Beobachter wird zugeben müssen, daß bei der niederen Bevölkerung das Französische sichtlich abgenommen hat. Das Wallonische bleibt aber natürlich bestehen.

[25] Vgl. Grandgagnage-Scheler, Dictionnaire étymologique, und W. Altenburgs Abhandlung über Lautgeschichtliches.

[26] Es geht den Bewohnern von Malmedy in der Hinsicht noch schlimmer, als denjenigen des französischen Sprachgebiets im Reichslande: die Sprache bleibt zwar französisch, aber sie verarmt und verkümmert. Man ist gezwungen, viel aus dem Deutschen zu übersetzen, und für manche Bezeichnungen muß man erst französische Ausdrücke suchen. Diese sind dann meistens für Franzosen unverständlich. So würde es keinem Franzosen einfallen, hinter der „Régence“ die Regierung in Aachen zu suchen. Landrat, Amtsgericht u. s. w. werden überhaupt nicht übersetzt, obschon man schon einigermaßen entsprechende Ausdrücke dafür finden könnte.

[27] Ein Malmedyer, der Lehrer des Französischen am Gymnasium in Mülhausen i. E. wurde, hat eine Sammlung französischer Gedichte veröffentlicht: Poésies lyriques par Joseph Lebiere. Malmédy, F. J. Lemoine. 1882. Eine neue Auflage erschien unter dem Titel: Poésies, par Joseph Lebierre. Nouvelle édition. Strasbourg, Imprimerie alsacienne, ancᵗ. G. Fischbach. 1896. Diese Sammlung ist in französischen Zeitungen sehr beifällig besprochen worden. Sein Bruder Florent Lebierre hat einige wallonische Lokalgedichte geschrieben.

[28] Der Kreisschulinspektor Dr. Esser in Malmedy hat sich besondere Verdienste um den Volksschulunterricht erworben. Die in den Schulen der preußischen Wallonie befolgte Methode wird sogar von dem Franzosen Henri Gaidoz sehr gelobt. Näheres findet man in der Einleitung zu: „100 deutsche Anschauungs- und Sprachübungen für die Unterstufe der preußischen Volksschule mit Kindern nichtdeutscher Nationalität.“ Dortmund, Crüwell 1879.

VII.
Die Sitten und Gebräuche.

Die Einwohner halten nicht bloß an ihrer Sprache, sondern auch an ihren Sitten und Gebräuchen beharrlich fest. Man findet dort auch einige hübsche Sagen, besonders von Zwergen, die im Wallonischen Sottais (von sous terre) genannt werden, weil sie sich meistens unter der Erde aufhielten, oder Nuttons (von nuit), weil sie nur während der Nacht zum Vorschein kamen. Die bemerkenswertesten dieser Sagen findet man in der Zeitschrift „Wallonia“[29] erzählt. Es würde mich zu weit führen, wenn ich hier darauf eingehen wollte.

Die preußischen Wallonen lieben wie ihre belgischen Stammesgenossen die Feste. Fastnacht wird mit vielem Lärm gefeiert, und die „Semaine“ verfehlt nicht, eine Beschreibung von zwei Folioseiten zu bringen. Allerdings ist die Polizei ziemlich strenge, denn die Polizeistunde ist für die drei Fastnachtstage „ausnahmsweise“ auf 1 Uhr Nachts festgesetzt. Früher scheint es etwas ungezwungener hergegangen zu sein, denn jetzt wird noch jedes Jahr daran erinnert, daß die unter der Bezeichnung „Egyptiennes“ bekannten Masken verboten sind. Hermann Rehm sagt:

„In Malmedy trägt man allem karnevalistischen Mummenschanze große Sympathien entgegen, doch hat der Fasching, wie er in dieser Stadt gefeiert wird, neben vielem Geräuschvollen manches Schöne und Originelle. Der Zug des „trouvl’ai“ (Holzspaten), die sog. „Massitours“, die „Haguette“,[30] die charakteristischen Pierrottänze, das sind Dinge, welche man in einer anderen Stadt nicht zu sehen bekommt. Bei der Maskerade bleibt nichts der Willkür überlassen, Kleidung, Bewegung, Rufe und Gesänge, alles wird durch die herkömmlichen Formen geregelt. Die aus der altitalienischen Komödie herübergenommenen Masken haben sich beim Karneval einer besonderen Beliebtheit zu erfreuen. Zu Fastnacht werden ferner in den Gesellschaftszirkeln häufig Gelegenheitspossen, von Einheimischen in französischer oder wallonischer Sprache verfaßt, aufgeführt.“

In der Nacht vom 1. Mai pflanzen die jungen Leute Bäumchen vor den Häusern ihrer Freundinnen auf, ebenso am Tage der Verlobung. Dabei singen sie dann „lu Nutte du Maie“ (la Nuit de Mai), ein in der Wallonie volkstümliches Lied, sozusagen die Lokalhymne von Malmedy. Sie wurde von einem dortigen Dichter Florent Lebierre verfaßt, dessen Bruder Olivier sie in Musik gesetzt hat.

Jedes Jahr wird der Martinstag mit seinen alten symbolischen Bräuchen gefeiert. Schon einige Zeit vorher gehen die Knaben von Haus zu Haus, um unter Absingung wallonischer Lieder Holz und Stroh zu erbitten. Am Martinsabend wird auf einer Höhe ein großes Feuer angezündet, um welches die Jugend tanzend und springend sich bewegt. Hier gelangt auch das wallonische Volkslied, das ja allmählich durch das deutsche Lied verdrängt wird, zu Ehren. Singend kehrt man in die Stadt zurück, um den an jenem Abend üblichen Reisbrei zu verzehren.

So recht ländlich ist auch ein anderes Vergnügen, „Cusnée“ genannt: man begiebt sich in Gesellschaft aufs Feld, um in einem frei brennenden Feuer Kartoffeln zu braten, die mit Butter bestrichen genossen werden. Häufig wird auch Bier dazu getrunken oder ein Liebeslied gesungen. Oft versteigt man sich auch zu einem ländlichen Tanz, einem „bal champêtre“. Die Bedeutung des Wortes „Cusnée“ oder „Küssnee“ hat sich allmählich erweitert; man bezeichnet darunter auch jede Landpartie, sowie gesellige Zusammenkünfte in der Stadt selbst.

Eine wirkliche Unsitte sind die auf dem Lande vorkommenden „Leichenschmäuse“, Gastereien bei der Totenwache, gegen welche die Behörden und die Presse schon oft geeifert haben, ohne sie jedoch verdrängen zu können.

Herr Gymnasiallehrer Zander aus Aachen, der mehrere Jahre in Malmedy thätig war, beschreibt in einer Plauderei[31] einige andere interessante Gebräuche. Ich gebe den mir vom Verfasser freundlichst zur Verfügung gestellten Artikel, der auch eine Beschreibung der „Cusnée“ enthält, hier vollständig wieder:

„Der Herbst ist die schönste Zeit für die Volksspiele im Freien. Wenn man jetzt des Sonntags auf den Bergen herumklettert, sieht man überall auf den Dörfern und Weilern der Wallonie die Landleute und auch manche Stadtbewohner damit beschäftigt, Kegel zu spielen oder Schinken zu werfen. Die Kegelbahn ist viel kürzer als in der Stadt, und die Kugeln sind, wie auch in Süddeutschland vielfach, mit Löchern versehen. In manchen Orten soll der Einsatz recht hoch sein. Das Schinkenwerfen ist nur ein Spiel für kräftige Leute. Zwei hölzerne Balken, 1½ Meter hoch, sind in den Erdboden hineingetrieben und bilden, durch einen Balken von 3 Meter Breite miteinander verbunden, ein Gerüst. An dem wagerechten Balken befinden sich mehrere Nägel, und an diesen werden zu Beginn jedes Spiels hölzerne Schinken mit Kordeln befestigt. Die Spieler stellen sich in einiger Entfernung von diesem Gerüst auf und werfen in einer durch das Loos bestimmten Reihenfolge danach mit schweren eisernen Stäben. Es handelt sich darum, den wagerechten Balken so zu treffen, daß die Kordel, womit ein Schinken befestigt ist, zerreißt. Wem dies gelingt, der erhält den Schinken oder was man sonst verabredet hat. Es kann dabei vorkommen, daß mehrere Schinken zusammen herabfallen. Sicherlich gewinnt nicht immer der Stärkste, sondern wer am geschicktesten den Balken zu treffen weiß, auch werden wohl, wie bei jedem Spiel, Kniffe dabei sein, und wie beim Vogelschießen ist es auch Glückssache. Eine interessante Abart des Schinkenwerfens ist das Hammelwerfen. Allsonntäglich kann man jetzt in unsern Wochenblättern lesen: „Aujourd’hui, dimanche, on jettera un mouton. Qui l’abat, l’a. N. N.“ (Heute, Sonntag, wird man einen Hammel werfen. Wer ihn herunterschlägt, hat ihn). So lautet die Anzeige eines Gastwirtes, der Gäste dadurch heranzuziehen hofft, daß er ihnen das Vergnügen des Hammelwerfens bietet. Nachmittags gegen 5 Uhr, nachdem man oft schon mehrere Stunden auf demselben Platze dem Schinkenwerfen obgelegen hat, wird der Hammel vorgeführt. Das Tier ist natürlich selten von erster Güte und hat nicht viel Geld gekostet. Es beginnt die Diskussion um die Höhe des Einsatzes. Dabei geht alles in der anständigsten Weise zu; denn der Wallone geht nicht leicht zu Streitigkeiten und Schlägereien über. Aber es wird mit unglaublicher Beredtsamkeit und Lebhaftigkeit gefeilscht, unter vielem Lachen und auf die Tische schlagen. Endlich ist man einig. Das Tier wird geschlachtet und mit einem Hinterbeine an einem senkrecht in die Erde getriebenen Pfahl, 2 Meter über dem Erdboden, festgenagelt, der nach hinten von mindestens zwei schrägen Holzbalken gestützt wird. Die Sehnen der Hammelbeine sind bekanntlich sehr stark, und das Bein ist noch mit einer Kordel an dem Nagel befestigt. Nun wird gerade so wie beim Schinkenwerfen nach dem Pfahl gezielt, und jeder sucht den hintern Teil des Hammels zu treffen. Hierbei benutzt man jedoch nicht die Eisenstäbe, sondern gerade so große hölzerne Balken. Die Reihenfolge der Spieler wird auch hier durch das Loos bestimmt. Der Hammel muß so herunterfallen, daß ein Stück des Hinterbeins an dem Nagel bleibt. Es würde hier nicht gelten, wenn etwa die Kordel entzwei ginge. Das Spiel dauert oft zwei Stunden. Endlich gelingt es einem, das Bein zu zerbrechen, und der Hammel gleitet auf die Erde. Der Sieger wird mit lautem Jubel begrüßt und zieht, mit seinem Hammel beladen, zur Wirtschaft. Dort muß sich der Hammelkönig revanchieren, und seinen Kameraden Tournées (Runden) werfen. Am Abend bringt er stolz seine Beute heim, aber sein Geldbeutel ist leer. Auch der Hammel macht nicht immer viel Freude, denn gerade die besten Stücke sind durch das Werfen oft ungenießbar gemacht.

„Ein anderes eigenartiges Volksvergnügen, das man nur hier sehen kann, sind die Cusnées. Sobald die Kartoffeln anfangen zu reifen, also von Mitte August ab, werden diese Festlichkeiten abgehalten. Familien, Gesellschaften, junge Leute versammeln sich, um zu schmausen, und die Kartoffeln, wie sie aus der Erde herauskommen, in Asche gebraten, zu verzehren. Nach der Etymologie des Volkes kommt das Wort von cuit und né, d. h. wie sie geboren werden, werden sie gekocht. In Stavelot heißt das Wort wirklich: Cuitnée. Es heißt aber einfach: Das Kochen, Braten, und ist abzuleiten von cuhner = cuisiner, faire la cuisine. Eine rechte Cusnée muß im Freien stattfinden. Da zündet man ein großes Feuer von trockenen Reisern an, und hierauf legt man glühende Kohlen. Auf diesen werden die Kartoffeln in gewaschenem, aber ungeschältem Zustande gebacken, indem man über dieser Schicht ein zweites Feuer anzündet. In weniger als einer Viertelstunde sind sie genießbar. Sie sind von einer gerösteten Kruste umgeben, und ihr Geschmack würde sogar dem wählerischsten Gourmand Ausrufe des Entzückens entlocken. Man bricht sie (schneiden mit dem Messer würde ihnen ein gut Teil ihres Wertes nehmen) und versieht sie tüchtig mit Pfeffer, Salz und Butter. Da sie nicht gerade leicht verdaulich sind, trinkt man Schnaps dazu. Wer seinen Magen daran gewöhnt hat, kann bis zwanzig Stück essen. Der Schmaus wird durch Singen und Tanzen gewürzt. Wenn die Witterung kalt wird, werden die Cusnées in verschlossenen Räumen abgehalten. Die Kartoffeln sind dann im Backofen auf Asche gebacken. Besonders schön sind die von den hiesigen Gesangvereinen veranstalteten Cusnées. Man hat dabei das seltene Vergnügen, dieselben Leute fortwährend in drei Sprachen — wallonisch, französisch und deutsch — sprechen und singen zu hören, und das letztere nicht in dem tötlich langweiligen Unisono des deutschen Kneipengesangs, sondern von geschulten Sängern, die schon bei manchem Wettsingen preisgekrönt worden sind.“

„Die Sitte des Hammelwerfens wird wohl in alte Zeiten zurückreichen. Man darf wohl annehmen, daß früher der Hammel lebendig aufgehängt wurde, und daß rohere Zeiten und Menschen sich an dem Blöken des gequälten Tieres erfreuten. Vielleicht hat die Sitte einen mythologischen Hintergrund, der ja beim Kegelspiel längst nachgewiesen ist. Die Kartoffelmahle können aber nicht älter sein als die Kartoffel; ältere Leute müßten über die Einführung dieser Freudenfeste Bescheid wissen. Sie legen Zeugnis ab von dem Jubel, mit dem die Kartoffel in den ärmeren Gegenden begrüßt wurde.“

Das „Burgbrennen“, d. h. Abbrennen eines Feuers auf einer Anhöhe am ersten Fastensonntag, ist im Kreise Malmedy, wie überhaupt in der Eifel und den Ardennen üblich. Der Ursprung dieser Feuer geht in das heidnisch-germanische Altertum zurück, denn am Burg- oder Schoofsonntag[32] (französisch dimanche des brandons und dimanche des bures) wird, wie Simrock im Schlußwort zu den Sitten und Sagen des Eifler Volkes von Schmitz (Bd. II, S. 148) ausführt, der Winter in Gestalt einer alten Frau oder Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Am Burgsonntag pflegt man in der Eifel Buchweizenpfannkuchen („Pankech“) und Haferwaffeln zu essen. Auch in der Stadt Malmedy, wo man das Burgbrennen jetzt nicht mehr kennt, werden am ersten Fastensonntage Waffeln gebacken.

Dr. Quirin Esser, der die Sitten und Gebräuche der Wallonie beschrieben hat,[33] sagt, die Bewohner des Dorfes betrachteten es als eine Pflicht, solche Feuer abzubrennen. Sie seien der Meinung, wenn sie es unterließen, würden sie im Laufe des Jahres von einem Unglücke (Brand, Todesfall in der Familie, Verlust im Viehbestande usw.) heimgesucht werden. Zu dem Feuer werden besonders Wachholdersträuche benutzt, die beim Brennen laut knistern. Die Sträucher werden auf einem Wagen auf die Anhöhe gebracht, während die Kinder im Dorfe Stroh und Reisig zusammenbetteln. All dieses Brennmaterial wird um eine hohe Stange oder eine Strohpuppe (haguette) aufgehäuft und gegen Abend in Brand gesteckt, während die Bewohner des Dorfes sich ringsum versammeln. Unter Schreien und Jauchzen sieht man dem Feuer zu, während die Jungen und Mädchen um die Feuerstätte tanzen. Stehen an dem Abend viele Sterne am Himmel, so glaubt man, es werde ein reiches Erntejahr werden. Manche behaupten auch, der Wind behalte den größten Teil des Jahres über dieselbe Richtung, wie an jenem Abend, während andere behaupten, die Richtung werde eine entgegengesetzte sein.

Der Johannistag wurde früher in Malmedy von den Kindern gefeiert. In einzelnen Familien wurden sie mit Milch und Kuchen bewirtet; sie bekränzten sich mit Blumen und zogen dann, mit einer Harmonika an der Spitze, durch die Straßen der Stadt und tanzten auf den öffentlichen Plätzen.

Zum Schlusse sei noch ein anderer Gebrauch erwähnt, der anderwärts wohl selten vorkommen dürfte. Schon Wibald erklärt in einem seiner Briefe, niemand dürfte sich in einer auswärtigen Familie verheiraten, ohne die Erlaubnis des major (mayeur), des Verwalters und Vorsitzenden des Schöffengerichts. Dieser Gebrauch ist auf dem Lande lange geblieben. Ein junger Mann, der ein Mädchen aus einem anderen Dorfe heiratete, mußte der Jugend seines Heimatdorfes ein „droit de sortie“ bezahlen. In der letzten Zeit des Fürstentums wurde demselben außerdem ein Katzenständchen gebracht. Dieser Gebrauch scheint übrigens in dem Lande ziemlich alt gewesen zu sein, denn es giebt nicht weniger als 15 Verordnungen gegen die charivaris, die bei solchen Anlässen verübten Spektakelscenen.

[29] 13. April 1893.

[30] Haguette war eine Strohpuppe, welche auf dem Marktplatz zu Malmedy am Abend des Aschermittwochs zum Beschluß des Carnevals feierlich und mit großem „Knalleffekt“ verbrannt wurde. Haguette ist auch ein Maskierter oder eine besondere Charaktermaske.

[31] Unterhaltungsblatt des Politischen Tageblatts (Aachen) 1893. Nr. 84.

[32] Das niederdeutsche Schoof oder Schöf bedeutet Strohbund oder Strohwisch. Die Jugend sammelt Stroh für das Feuer.

[33] Mélusine, Revue de mythologie, littérature populaire, traditions et usages. Dirigée par Henri Gaidoz. Paris 1889 Nr. 14, 1890 Nr. 3, 1896 Nr. 4.

VIII.
Die Verdeutschungs-Maßregeln und die Zukunft der Wallonie.

In Malmedy erzählte man mir von einem französischen Schriftsteller, der vor zwei Jahren dort anwesend war, um sich über die Verhältnisse zu erkundigen. Er hat jedenfalls nur mit Einheimischen verkehrt und ist in manchen Sachen schlecht unterrichtet worden. Vorurteilsfrei vermag er die Lage nicht aufzufassen, und ich entspreche nur den Wünschen vieler Bewohner von Malmedy, wenn ich etwas näher auf den Bericht eingehe, den er in dem Organ der geographischen Gesellschaft von Lille veröffentlicht hat.[34] Auguste Descamps hat Wahres mit Falschem vermischt. Er hat manche interessante Eigentümlichkeiten verzeichnet, aber den Charakter der Bewohner hat er durchaus falsch erfaßt, da er sie als unversöhnliche Protestler ansieht. Die Witze, mit denen er seine Abhandlung beginnt, sind kaum der Beachtung wert. „Wo sind“, fragt er, „die Pickelhauben, wo die Notare, Lehrer und Richter mit narbendurchschnittenen Gesichtern, wo die Soldaten mit Brillen, wo die Spießbürger, die im Schlafrock, mit Pantoffeln und Nachtmütze ausgehen und unaufhörlich mit einer langen bis zu den Knieen herabreichenden Pfeife bewaffnet sind, ohne die sie wie Elefanten aussehen würden, welche ihren Rüssel verloren haben?“ Wer diese Bemerkungen als geistreich ansehen will, muß eben über jede nationale Eigentümlichkeit lachen. In Malmedy herrscht allerdings die kurze belgische Pfeife vor, aber die deutschen Spießbürger haben doch nicht die Gewohnheit, im Schlafrock und in Pantoffeln auszugehen.

Man könnte ja darüber streiten, ob Preußen Recht hatte, eine wallonische Gegend zu annektieren, aber es ist doch lächerlich, zu behaupten, es sei arm und habe sich nach dem reichen Malmedy gesehnt; wer so was schreibt, ist jedenfalls nicht über die preußische Wallonie hinausgekommen. Vom nationalen Standpunkt aus wäre es wohl empfehlenswerter gewesen, auf diese Gegend zu verzichten und an Stelle derselben Arlon und Umgebung mit den deutsch sprechenden Gemeinden zu beanspruchen.

Descamps will an dem Aussehen der Häuser und der Gärten „la positive Belgique“ erkennen. Nun sieht zwar Malmedy nicht wie eine altdeutsche Stadt aus, aber es verliert doch allmählich sein wallonisches Gepräge. Wenn der Franzose ferner bemerkt, Samstags werde in der ganzen Stadt geputzt (das wird in Lille wohl auch der Fall sein) und die Frauen schütteten den Fremden ganze Eimer voll Wasser über die Beine, so erinnert das an den Engländer, der irgendwo einen Mann mit roten Haaren sah und dann in sein Notizbuch schrieb: „In dieser Gegend haben die Leute rote Haare.“

Es mag sein, daß die Einheimischen von Gestalt etwas kleiner sind, als die Deutschen, aber es ist doch nicht richtig, daß deswegen mehr junge Leute bei der Aushebung zurückgestellt werden, als in anderer Gegend. Descamps läßt sich leicht eine Meinung beibringen, sobald sie ihm in den Kram paßt. Es ist leicht begreiflich, daß manchen jungen Leuten aus Malmedy die Kenntnis des Französischen beim Fortkommen in der Welt von Nutzen ist, allein ich habe nirgends davon gehört, daß ihnen in „königlichen und kaiserlichen Bureaus“ besonders vorteilhafte Stellen („de grasses sinécures“) zugewiesen worden seien. Descamps sagt, seit 1876 werde der untere und mittlere Unterricht ausschließlich in deutscher Sprache erteilt, obwohl im übrigen Deutschland zahlreiche Stunden dem Französischen gewidmet seien. Letzteres ist aber nur in den mittleren und höheren Lehranstalten der Fall, denn in den deutschen Volksschulen wird selbstverständlich kein Französisch gelehrt. Ebenso ist es falsch, daß alle Kinder, sogar die altdeutscher Familien, gezwungen werden, den Religionsunterricht in französischer Sprache zu nehmen. Auch ist es nicht richtig, daß nur französisch geredet wird. Kurz und gut, die Broschüre enthält eine solche Menge Irrtümer, daß man allein zu deren Richtigstellung eine ganze Abhandlung schreiben müßte. Ueberhaupt ist der französische Schriftsteller durchaus im Irrtum befangen, wenn er die Malmedyer als widerspenstige Köpfe betrachtet. Sie machen vielmehr den Eindruck guter deutscher Unterthanen. Auch Hermann Rehm hebt hervor, daß die Gesinnung der Bewohner von Malmedy echt deutsch ist. Er fügt allerdings hinzu, daß sie Manches an sich tragen, was an französisches Wesen gemahnt. „Namentlich Höflichkeit und Gefälligkeit“, schreibt er, „zwei Tugenden, die wir bei unsern westlichen Nachbarn in so hoher Ausbildung antreffen, findet man auch in Malmedy in allen Gesellschaftsschichten vor, wodurch der Verkehr mit den Bewohnern dieser Stadt sich zu einem angenehmen und genußreichen gestaltet.“ Von anderer Seite werden die Wallonen als ein reich begabter, lebhaft empfindender Volksschlag geschildert, deren Regsamkeit ihnen allerwärts, welchen Berufen sie sich auch zuwenden mögen, zu günstigem Fortkommen verhilft.

An Opposition denkt niemand in der preußischen Wallonie. Die Beziehungen zwischen den Einheimischen und den Vertretern der Behörden sind durchaus gut. Als im Januar 1896 infolge des kaiserlichen Gnadenerlasses die Gefangenen in Freiheit gesetzt wurden, riefen sie „Vive l’Empereur!“ Man spricht dort seine deutsche Gesinnung in französischer Sprache aus. Die Ortsblätter bringen über vaterländische Feste Berichte, die sich manchmal bis zur Begeisterung erheben. Man sieht, daß die Zeitungen keine Rücksicht auf grollende Protestler zu nehmen brauchen, sondern nur dem Gefühl der Bevölkerung Ausdruck verleihen. Bei einigen Einheimischen fand ich allerdings eine gewisse Verstimmung, aber das waren Geschäftsleute, denen der Wettbewerb der Eingewanderten unerwünscht ist. Es ist ungefähr so, wie in einem Orte, wo die alteingesessenen Geschäftsleute mißmutig auf die von auswärts zuziehenden blicken.

Malmedy gehört zum Wahlkreise des wegen seines Eintretens für die Militärvorlage bekannten, durch persönliche Beziehungen zu Hofkreisen einflußreichen Zentrums-Abgeordneten Prinzen von Arenberg. Die Bevölkerung sprach sich 1893 entschieden für die Militärvorlage aus.

Der oberste Beamte in Malmedy ist der Landrat. Der jetzige Inhaber dieses Postens gestand mir offen, daß er Land und Leute noch nicht kenne, weil er erst kurze Zeit da sei. Wie es scheint, wird die Malmedyer „Landratur“ als eine Art Uebergangsposten für solche Beamte betrachtet. Das ist entschieden ein Fehler. In einer derartigen Gegend, wo es auf eine stetige Verwaltungspolitik ankommt, sollte man doch nicht Beamte nur auf einige Jahre unterbringen. Der jetzige Bürgermeister von Malmedy nimmt schon seit sechs Jahren diesen Posten ein. Er ist ein Altdeutscher, hat eine Malmedyerin geheiratet und kommt überhaupt mit den Wallonen gut aus, obschon er gut deutsch gesinnt ist.

Die Auswanderung aus der Gegend war früher anscheinend ziemlich stark, wie überhaupt aus der Eifel und den Ardennen. Die Ortsblätter von Malmedy weisen mit Stolz darauf hin, daß sie von ehemaligen Bewohnern der Gegend in Belgien, Frankreich, Rußland und Amerika gehalten werden. Manche Malmedyer suchen jetzt ihr Fortkommen in Deutschland, wo ihnen die Kenntnis zweier Sprachen an manchen Stellen von großem Nutzen ist. Die Einwanderung von Altdeutschen ist natürlich nur in der Stadt Malmedy ziemlich stark. Durch die politischen Verhältnisse werden die Einheimischen gezwungen, nicht bloß deutsch zu lernen, sondern auch sich den deutschen Verhältnissen anzubequemen.

Eine achtzigjährige Zugehörigkeit zu Preußen hat Malmedy seinen wallonischen Charakter nicht zu nehmen vermocht. Es handelt sich übrigens selbstverständlich hier nicht um eine Sprachinsel, sondern um einen Ausläufer des belgischen Wallonentums. Die Bewohner des Kreises Malmedy stehen mit ihren Stammesgenossen jenseits der Grenze im vielfachen Verkehr, und deshalb dringt das Deutschtum nicht so leicht bei ihnen ein, wie wenn sie isoliert wären.

[34] Die Abhandlung ist auch als Broschüre erschienen unter dem Titel: Société de géographie de Lille. Malmédy et les Wallons prussiens ou une ville belge en Allemagne, par l’Auteur d’un village français en Allemagne. Extrait du Bulletin de la Société de géographie de Lille (Mai 1895). Lille, L. Danel 1895. Viel unparteiischer und gründlicher beurteilt Henri Gaidoz, Herausgeber der „Mélusine“ (Paris) die Verhältnisse in Malmedy in einer Abhandlung: „Malmédy et la Wallonie prussienne.“ (Le Correspondant, 10. September 1886. S. 911–935.)

IX.
Schlußwort.

„Möchte Malmedy sich gleich Spa bald zu jener Stufe des Ranges erheben, den seine so sehr ausgezeichneten Heilquellen ihm unter den vorzüglichsten Eisenwässern Europas anweisen, einen Rang, den es fortdauernd durch die glänzendsten und auffallendsten Heilungen zu erproben wissen wird.“ Mit diesen Worten schloß Dr. Monheim 1829 seinen Bericht über die von ihm unternommene Untersuchung des Malmedyer Mineralwassers. Möge jetzt der Wunsch dieses Gelehrten in Erfüllung gehen und das ins Werk gesetzte Unternehmen schnell emporblühen. Ein gewisses Anrecht auf Unterstützung seitens des deutschen Publikums hat sich die Stadt dadurch erworben, daß sie dem deutschen Kapital den Vorzug gab und die nicht minder günstigen Offerten der englischen Unternehmer unberücksichtigt ließ.

Malmedy ist von der Natur sehr begünstigt, und wenn die deutschen Touristen und Kurgäste sich ihm zuwenden, wird es bald dem berühmten belgischen Badeorte Spa Konkurrenz machen können. Wer durch die Eifel oder die Ardennen reist, möge nicht verfehlen, auch Malmedy einen Besuch abzustatten. Er wird dort ein eigenartiges Städtchen kennen lernen, wie kein zweites im deutschen Reich zu finden ist.

Von Jahr zu Jahr mehrt sich die Zahl der Touristen und Sommerfrischler, welche in der schönen Jahreszeit die Eifel aufsuchen. Diese Gegend war lange Zeit vernachlässigt; seitdem sie aber durch verschiedene Bahnlinien dem Verkehr aufgeschlossen wurde, lernen immer mehr Deutsche und Ausländer dieses an eigentümlichen Schönheiten so reiche Hochland kennen. Wer die vulkanische Eifel mit ihren Maaren und Ruinen oder einen anderen Teil der Eifel aufsucht, möge seine Schritte auch nach Malmedy lenken, wo er gewiß ebenso gern verweilen wird wie in irgend einem anderen Städtchen des Eifellandes. Sowohl von Gerolstein, dem Mittelpunkt der Eifelbahnen, als von Aachen aus, läßt Malmedy sich jetzt leicht mit der Bahn erreichen. Wer Malmedy nicht gesehen hat, kennt einen der interessantesten Punkte der Eifel und überhaupt des deutschen Reiches nicht.