I.
Es war an einem jener warmen, sonnenklaren Herbsttage, an welchen man so recht den eigenartigen Zauber der langsam zum Winterschlafe sich vorbereitenden Natur herausfühlt, als ein mit allerlei Hausrat beladener Wagen, von zwei kräftigen Pferden gezogen, sich langsam die in mehreren Windungen nach dem Bergdorfe D. führende Bergstraße hinaufbewegte.
Den Möbelstücken sah man es an, daß ihr Besitzer nicht gerade ein reicher Mann sei; indessen deutete auch nichts darauf hin, daß er sich in Verhältnissen befinde, die ihn zwängen, notwendige Haushaltungsgegenstände entbehren zu müssen. Der sofort auffallende Unterschied der Mobilien in Bezug auf Alter, Herstellungsweise und Material, ließ darauf schließen, daß viele der einzelnen Stücke nach und nach, je nach Gelegenheit und Bedarf angeschafft wurden. Es war deutlich zu erkennen, daß einige Schränke und Kommoden schon mehreren Generationen gedient hatten. Wie vorteilhaft nehmen sich doch diese schweren, harthölzernen, von ihren Erstellern scheinbar für die Ewigkeit bestimmten Möbel gegen manche Erzeugnisse der heutigen Möbelfabrikation aus, wo alles für das Auge berechnet ist und beim ersten rechtschaffenen Putsch aus dem Leim geht.
Verschiedene Anzeichen deuteten darauf hin, daß das hier seinen Wohnsitz wechselnde Ehepaar oder wenigstens die eine Hälfte davon Liebhabereien für Blumenzucht hege. Ein ziemlich geräumiger Waschzuber, der zu oberst auf dem hochgeladenen Fuder tronte, schien ganz mit Topfpflanzen gefüllt zu sein, wenigstens schauten die Blütendolden verschiedener Geranien wie verwundert in die Welt hinaus, und die schwellenden Knospen einer Monatrose hingen nickend über den Rand des Zubers hinunter. Hinten an dem Fuder aufgehängt, baumelte ein Blumentisch aus einfachem Weidengeflecht und mit Föhrenzapfen verziert – wohl von eigener Hand des Besitzers gefertigt.
Der Hausrat gehörte dem aus D. gebürtigen Zimmermann Martin Müller, der gleich nach beendigter Lehre ins Unterland gezogen war, wo er an verschiedenen Orten gearbeitet und sich zu einem tüchtigen Arbeiter ausgebildet hatte. Der lebenslustige, dabei sehr fleißige und sparsame Zimmergeselle wurde überall, wo er hinkam, gerne gesehen. Als er bei einer größern Baufirma einen gutbezahlten Palierposten erhielt, verheiratete er sich mit der Tochter eines Kleinbauern, die freilich keine große Mitgift in die Ehe brachte, ihren Mann aber wahrhaft liebte und über zwei gesunde Arme und einen häuslichen Sinn verfügte. Zwölf glückliche Jahre hatten sie nun schon mit einander verlebt; sie waren zufrieden in ihren einfachen Verhältnissen und dankten Gott, daß er sie bis jetzt vor herben Prüfungen verschont hatte.
Martin hatte seine Mutter schon früh verloren, und nun war vor einem halben Jahre auch sein Vater gestorben. Dieser war Maurer gewesen, der seit Jahren für die Bewohner von D. die etwa notwendigen Reparaturen an ihren Häusern ausführte und hie und da auch kleinere Bauten übernahm. Daneben versah er die Stelle eines Gemeindeweibels und galt überall als ein äußerst fleißiger und rechtschaffener Mann. Eine alte Verwandte, die dem Weibelhannes (so wurde der alte Müller allgemein genannt) nach dem Tode seiner Frau die kleine Haushaltung geführt hatte, zog jetzt zu einer im Oberland wohnenden Schwester, und unser Martin erbte das kleine, mitten im Dorfe stehende Haus samt angrenzendem Baumgarten und einigen andern kleineren Grundstücken. Dieser Umstand hatte ihn bewogen, in die Heimat zurückzukehren und auf eigene Rechnung ein kleines Geschäft zu gründen. Wir finden ihn heute mit seiner Familie auf dem Wege dahin.
Martin ging neben dem Fuhrmann her; sie beide waren Schulkameraden und hatten einander natürlich vieles zu erzählen, besonders Martin hatte manches zu fragen über die heimatlichen Verhältnisse, in denen sich so manches in den vielen Jahren seiner Abwesenheit geändert hatte.
Die an der Seite des Wagens dahinschreitende Mutter hatte vollauf zu tun, all die Fragen zu beantworten, die zwei Knaben im Alter von sechs und acht Jahren immerfort an sie richteten. Sie saßen auf dem Kanapee, das vorn auf dem Wagen Platz gefunden, und schienen ein großes Wohlgefallen an der Fahrt zu haben. Ein zehnjähriges Töchterchen, das an der Seite der Mutter den Weg zu Fuß machte, war ganz in das Anschauen der ihm fremdartig erscheinenden Berglandschaft versunken. Bald entlockte ihr der in den verschiedensten Färbungen prangende Wald, bald die den Hintergrund des Tales bildenden Bergriesen, die schon mit frischem Schnee bedeckt waren, laute Ausrufe des Entzückens; bald machte sie die Mutter auf eine sich aus dem Gebüsch erhebende Ruine oder auf die oben am Bergeshang zerstreut liegenden Hütten aufmerksam.
Wir überlassen die vier Personen ihren Betrachtungen und wenden uns den beiden Männern zu, um zu lauschen, über was sie so angelegentlich miteinander verhandeln.
»Ja, Ja, Martin,« hub der Fuhrmann eben wieder an, »Du wirst sehen, daß wir jetzt ganz andere Verhältnisse in D. haben als früher, und namentlich Dir, der Du so lange abwesend warst, wird es erst recht auffallen, daß die Zustände leider nicht besser, sondern schlimmer geworden sind.«
»Aber,« erwiderte Martin, »es ist mir doch, als ich beim Begräbnis meines Vaters war, aufgefallen, daß viele Häuser ein vorteilhafteres Aussehen haben als früher, daß auch einige neue freundliche Behausungen entstanden sind, ein neues Schulhaus ist ja auch gebaut worden, und es schien mir, als ob viele Leute am Sonntag viel besser gekleidet wären als früher. Alles das deutet doch auf einen vermehrten Wohlstand hin, und der kann nicht aus so mißlichen Zuständen entspringen, wie Du sie mir darstellst. Freund, ich glaube, Du siehst die Sache mit einer zu schwarzen Brille an!«
»Wenn Du aus den eben angeführten Veränderungen, die bei uns stattgefunden haben, den Schluß ziehst, daß mehr Geld vorhanden, also der Verdienst ein größerer geworden sei, so ist das im ganzen genommen richtig, obwohl damit noch lange nicht bewiesen ist, daß das für unsere Leute ohne weiteres einen Vorteil bedeute. Du weißt, wie einfach es früher in unserm Dorfe zuging. Die Leute bebauten ihre Wiesen und Aecker, hatten keine andere Erwerbsquelle als die Landwirtschaft und waren gesund und zufrieden dabei. Verdiente man weniger, so brauchte man auch weniger. Man kleidete sich in selbstgesponnene und gewobene Stoffe, die freilich nicht so schön waren als die heutige Fabrikware, sich dafür aber durch viel größere Haltbarkeit auszeichneten. Nachdem man die ganze Woche tüchtig geschafft hatte, freute man sich, den Sonntag als wirklichen Ruhetag feiern zu dürfen. Die einzige Wirtschaft, die es damals bei uns gab, hätte als solche für sich allein gewiß nicht rentiert, wenn nicht noch ein Kramladen damit verbunden gewesen wäre. Am Werktag ging – von einigen gewohnheitsmäßigen Schnapsern abgesehen – niemand ins Wirtshaus, und auch an gewöhnlichen Sonntagen war der Zulauf kein großer; nur an der Bsatzig*), in der Fastnacht und bei ähnlichen Anlässen ging es etwas höher her. Seit nun aber auch bei uns alles darnach trachtet, in der Hotelerie und bei der Fremdenindustrie Stellung und Verdienst zu finden, ist alles anders geworden. Du wirst staunen, wenn Du im Frühling die Völkerwanderung siehst. Die jungen ledigen Leute gehen sozusagen alle fort, und es gilt schon bald für eine Schande, im Sommer hier bleiben zu müssen. Aber auch genug verheiratete Männer sind den ganzen Sommer abwesend. Frauen, Kinder und Greise bilden der Hauptsache nach im Sommer die Bevölkerung unseres Dorfes. Da werden im Frühjahr vor dem Auszug die Aecker bestellt, die Wiesen gedüngt, überhaupt das Notwendigste gemacht, und alle Sommerarbeit – manchmal auch ein großer Teil der Herbstarbeiten – den Frauen und alten Leuten überlassen. Auch die Kinder, die den ganzen Sommer keine Schule haben, müssen tüchtig mit anfassen. Du kannst Dir denken, daß unter solchen Verhältnissen die Landwirtschaft nicht sonderlich gehoben werden kann, weil alle Arbeiten nur notdürftig und oberflächlich gemacht werden. Aber auch die Familienbande lockern sich, und die Kindererziehung läßt vieles zu wünschen übrig.«
*) Wahl des Kreisgerichtes.
Martin, der ohne Unterbrechung den Worten des Fuhrmanns zugehört hatte, war etwas nachdenklich geworden und sagte dann: »Ich weiß, daß Du es gut meinst, und daß Deine Worte aus einem für die Heimat besorgten Herzen kommen; aber es nützt nun einmal alles nichts, die Zeiten lassen sich nicht ändern, was vergangen ist, kehrt nicht mehr. Das einzig Richtige ist, sich den einem ewigen Wechsel unterworfenen Verhältnissen so gut als möglich anzupassen; wer das am besten versteht, bleibt über Wasser und wird nicht Heimweh haben nach der guten alten Zeit. Wenn es der Fremdenindustrie gelungen ist, sich emporzuschwingen, oder wenn sie wenigstens das Bestreben hat, es zu tun, so soll man sie unterstützen; denn wo diese Industrie blüht, da bietet sie vielen Leuten Lebensunterhalt und Verdienst und stellt eine vortreffliche Absatzquelle für alle landwirtschaftlichen Produkte dar. Ich glaube, daß die besten Zustände da herrschen, wo die verschiedenen Erwerbsgruppen sich gegenseitig unterstützen und ergänzen. Freilich gehe ich mit Dir einig, daß es für unsere Verhältnisse nicht zum Nutzen ist, wenn fast unsere gesamte Jungmannschaft und natürlich gerade der intelligentere Teil derselben, ganz oder zeitweise auswandert, und wenn dadurch das Bebauen der heimatlichen Scholle mangelhaft ist und überhaupt fast jeder gesunde Fortschritt gehemmt wird. Doch ich denke, daß die Auswüchse dieser Art von Auswanderung von selbst eingehen werden. Die gesunden Elemente unserer Bevölkerung werden einsehen, daß auch manchmal das Los eines Hotelangestellten nicht ein sehr beneidenswertes ist, und daß man daheim im Kreise der Familie und bei landwirtschaftlicher Betätigung ein Leben führen kann, das weit mehr Befriedigung verschafft, als die abhängige und oft sehr aufreibende Tätigkeit in einem Hotel. Zu wünschen wäre es, daß einige Männer sich unserer Landwirtschaft annehmen und an deren Hebung arbeiten würden; das gute Beispiel würde andere hinreißen, und der Erfolg müßte ein bedeutender sein.«
»Ich sehe schon,« fiel der Fuhrmann wieder ein, »Du fassest alles von der leichten Seite auf, indessen möchte ich selbst nur wünschen, daß Du recht behalten möchtest und alles wieder von selbst ins richtige Geleise käme. Einstweilen sind viele unserer engern Landsleute zu bedauern, hauptsächlich auch deswegen, weil sie moralisch allmählich auf abschüssige Bahnen kommen. Das beweist schon das sich immer mehr entwickelnde Wirtshausleben unserer Dorfbewohner. Wo früher eine Wirtschaft kaum bestehen konnte, rentieren jetzt deren drei, wie es scheint, sehr gut. Nicht nur Wein und Branntwein wie früher, sondern auch Bier und allerlei fremde Liqueure, die man früher nicht einmal dem Namen nach kannte, werden jetzt ausgeschenkt. Das ganze gesellschaftliche Leben spielt sich jetzt im Wirtshause ab. Unsere jungen Männer, die im Sommer abwesend sind, finden es zu langweilig, die Winterabende im Kreise ihrer Eltern und Geschwister zuzubringen; sie glauben, es fehle ihnen etwas, wenn sie einmal abends nicht im Wirtshaus gewesen sind. Sollte es einmal den Eltern einfallen, einen halberwachsenen Jungen an Sparsamkeit und Häuslichkeit zu ermahnen, dann heißt es gleich: »Ich verdiene ja das Geld, und wenn es Euch nicht gefällt, kann ich im Winter auch fortgehen, denn ich bin mein eigener Herr und Meister und brauche mich nicht wegen jedem Glas Bier, das ich trinke, auszanken zu lassen.« Aber auch viele Familienväter fühlen sich zu Hause nicht wohl; Kneipen und Spielen ist auch bei ihnen an der Tagesordnung, und wohin das alles führen mag, kannst Du Dir leicht selbst vorstellen. Viele, die Jahresstellen haben, oder den Winter in südlichen Gegenden verbringen, kommen etwa einmal im Jahr, oder alle drei bis vier Jahre für einige Wochen in die Heimat, um sich zu »erholen«; diese drehen dann erst recht alles auf den Kopf, sie bestimmen gewöhnlich schon vorher eine gewisse Summe, die während der »Ferien« verklopft werden soll. Wenn man so lange Zeit, ohne sich einmal Ruhe zu gönnen, gearbeitet und dabei viel Geld verdient habe, dürfe man sich schon etwas zu gute tun, denken solche Leute; etwas müsse man vom Leben doch auch haben. Da werden denn allerlei Festlichkeiten arrangiert, es gibt Bälle, Ausflüge, Kneipgelage und dergleichen mehr. Teils weil jeder Genuß ohne passende Gesellschaft zuletzt langweilig wird, teils aus verwandtschaftlichen Rücksichten oder aus alter Freundschaft, teils aber auch aus purer Prahlerei oder Mitleid mit den »armen Schluckern«, die immer zu Hause bleiben und die heimatliche Scholle bebauen müssen, ergehen Einladungen an die nicht ausgewanderten oder sonst zufällig ortsanwesenden Bekannten, denen dann meistens, um nicht zu verletzen, oder um die willkommene Gelegenheit, auch einmal etwas mitmachen zu können, nicht unbenutzt vorüber gehen zu lassen, Folge geleistet wird. Es kommt sogar häufig genug vor, daß Jünglinge und Männer von der Arbeit weg ins Wirtshaus geholt werden. Da braucht man sich nun gewiß nicht zu verwundern, wenn bei den zum Hierbleiben verurteilten Handwerkern und Landwirten die Unzufriedenheit mit ihrem Geschick immer mehr sich ausbreitet, wenn bei ihnen gewisse Lüste und Leidenschaften wach werden, und wenn sich viele eine Lebensweise angewöhnen, die mit ihrem Beruf und ihrem Verdienst keineswegs in Einklang stehen.« So hatte sich der Fuhrmann in einen wahren Eifer hineingeredet, und die Debatte zwischen den beiden Freunden wäre jedenfalls noch lange nicht zu Ende gewesen, hätte man sich jetzt nicht dem Dorfe genähert, welcher Umstand natürlich dem Gespräch ein Ende machte. Martin wendete sich seiner Frau und den Kindern zu, während der Fuhrmann vollständig von seinem Fuhrwerk in Anspruch genommen wurde.
Weil es gerade um die Mittagszeit war, als der Wagen über die holprige Dorfstraße fuhr, hatten die Leute Gelegenheit, sich den Einzug der Müllerschen Familie mit Muße anzusehen, und diese Gelegenheit wurde auch reichlich ausgenützt.
Während sich die Dorfjugend in der Straße aufstellte und so von ihrem Vorrecht, sich nicht genieren zu müssen, Gebrauch machte, standen die Alten unter den Haus- oder Stalltüren, schauten zu den geöffneten oder geschlossenen Fenstern heraus, und manche, welche sich nicht sehen lassen wollten, hatten sich hinter den Fenstervorhängen postiert. Die einen musterten mit kritischem Blick die Möbel, andere schienen sich für die Kinder zu interessieren, während wieder andere die Augen nur auf die Frau und ihre Kleidung gerichtet hatten.
Unterdessen hatte der Wagen seinen Bestimmungsort erreicht und hielt vor dem Hause, das fortan unsern Martin und seine Familie beherbergen sollte. Der Fuhrmann spannte die Pferde aus und zog mit ihnen ab, seiner nicht weit entfernt liegenden Behausung zu.
Einige Verwandte und alte Bekannte Martins hatten sich schnell eingefunden; sie boten sich zur Hilfeleistung beim Abladen der Möbel an, und einige Frauen zeigten sich bereit, so schnell als möglich für die leiblichen Bedürfnisse der Familie sorgen zu wollen, da alle, wie sie meinten, von dem ziemlich weiten Weg doch gewiß hungrig und durstig sein müssen. Martin dankte allen für den freundlichen Willkomm und nahm gerne die dargebotene Hilfe an; denn er meinte, es sei gut, wenn abgeladen werden könne, so lange es noch Tag sei. Für das Essen aber sei bereits gesorgt, da der Fuhrmann sie alle schon unterwegs eingeladen habe. Er gedenke nur noch schnell seine Frau und die Kinder durch das Haus zu führen und dann der Einladung Folge zu leisten, damit dann schnell mit dem Unterbringen des Hausrates begonnen werden könne.
Elise, so hieß die Gattin Martins, zeigte sich sehr erfreut, nun einmal eine geräumige Wohnung zu besitzen, in welcher man sich viel besser einrichten konnte als in den engen Mieträumen, auf die man vorher beschränkt war. Die vom Vater ererbten Einrichtungsgegenstände, zusammen mit den mitgebrachten Mobilien, mußten eine Ausstattung geben, an welche die bescheidene Frau vorher nie hatte denken dürfen.
Martin durchschritt mit einer gewissen Wehmut die ihm so wohlbekannten Räume, wo alles ihn an seine Jugendzeit und an die nun heimgegangenen Eltern erinnerte.
Wir überlassen es nun den Leutchen, ihr Mittagessen einzunehmen, ihre Habseligkeiten abzuladen und sich notdürftig einzurichten, und wollen unterdessen einen Rundgang durch das Dorf machen, um die herrschenden Zustände etwas näher kennen zu lernen.
D. liegt an einem Abhang nach Süden, so daß es von rauhen Nordwinden vollständig geschützt ist. Dieser glücklichen Lage ist es jedenfalls auch zu verdanken, daß trotz der bedeutenden Höhe ein ziemlich ausgedehnter Obstbau betrieben wird. Namentlich die unter der von Ost nach West sich durch das Dorf ziehenden Hauptstraße gelegenen Häuser sind fast ganz in dem Obstbaumwalde versteckt. Die Wohnhäuser und Ställe sind meistens mit Schindeln gedeckt und gewähren in ihrer unregelmäßigen Gruppierung einen pittoresken Anblick. Die Gassen und Plätze sind nicht gerade unsauber, doch machen sich auch hie und da die braunen Bächlein bemerkbar, die von den Düngerstätten abfließen und wenig Sparsinn der Bauern verraten. Manche der Häuser lassen es deutlich erkennen, daß ihre Besitzer in der glücklichen Lage sich befinden, etwas wagen zu dürfen zur Verschönerung und Verbesserung ihrer Wohnstätten. Abgesehen von dem frischen Verputz, sehen wir dort ein neues Ziegeldach, hier neue Fensterstöcke mit entsprechenden Fenstern, an einem andern Hause ist sogar ein kleiner Balkon angebracht. Auch einigen größeren und kleineren Neubauten begegnen wir beim Durchschreiten der Hauptstraße. Wir vermuten, daß in diesen neuen und frisch renovierten Behausungen jene Glücklichen wohnen, denen es gelungen ist, fern von der Heimat, in den verschiedensten Lebensstellungen, sich ein schönes Stück Geld zu verdienen, und die nun sich teils aus dem Getriebe der großen Welt in ihr stilles Heimattal zum Ausruhen zurückgezogen, teils aber noch mitten im Strudel des Erwerbes stecken und nur hin und wieder einmal für kurze Zeit nach D. kommen, um sich etwas zu erholen von den Anstrengungen ihres Berufes. Dieser Umstand läßt uns auch begreifen, warum die Fensterläden vieler Wohnungen geschlossen sind, ein Zeichen, daß diese leer stehen.
Mitten im Dorfe, wo auf einem freien Platze ein Brunnen steht, der aus zwei Röhren das geräumige Brunnenbett mit klarem Quellwasser speist, steht das Gasthaus zur Post, mit dem Postbureau, Laden und einer kleinen Gaststube im Parterre. Einige Fuhrleute, die hier den Pferden eine kurze Rast gönnen, schneiden Brot in die Futtertröge, schütten etwas Hafer aus den mitgebrachten Säcken dazu, um sich dann zu einem Glase Wein in die Gaststube zu begeben. Sonst ist es um diese Zeit hier ruhig und von weiteren Gästen nichts zu bemerken. Es herrscht überhaupt eine gewisse Stille im Dorfe; die Kinder sind in der Schule, die Erwachsenen aber bei dem schönen Wetter meistens auf dem Felde beschäftigt. Machen also auch wir einen Gang vor das Dorf, um die Leute bei ihren Erntearbeiten zu beobachten.
Wir kommen jetzt auch an der Kirche vorbei, die auf einer kleinen Anhöhe liegt und mit ihrem spitzen Turm und den hohen gemalten Fenstern einen freundlichen Eindruck macht. Dicht neben der Kirche liegt das Pfarrhaus, und vor demselben finden wir den einzigen wohlgepflegten Garten, dem wir bis jetzt in D. begegnet sind. Auf einer dem Zaune entlang führenden Rabatte blühen feurigrote Dahlien, und gelbe und weiße Winterastern beginnen ihre Blütendolden zu entfalten, gut entwickeltes Gemüse harrt der Einwinterung und an der Hauswand bemerken wir schöngezogene und mit Früchten vollbehangene Zwergbäume. So gewährt denn das Pfarrhaus mit seinen blank geputzten Fensterscheiben, durch welche die Blüten einiger Topfgewächse zwischen den blendendweißen Vorhängen herausschauen, inmitten der freundlichen Umgebung einen höchst einladenden Anblick.
Zu äußerst im Dorfe und nicht weit voneinander entfernt, finden wir die zwei vom Fuhrmann genannten neuen Wirtschaften, das Gasthaus zum Freihof und das Restaurant National. Der Besitzer des letzteren ist jedenfalls ein Wirt, der es mit seinem Berufe ernst nimmt und es versteht, die Gäste heranzulocken und es ihnen bei ihm so angenehm als möglich zu machen. Neben dem im Châletstil erstellten Hause befindet sich eine kleine Gartenwirtschaft und eine Kegelbahn, aus der das Rollen der Kugeln und lautes Gelächter an unser Ohr dringt, als Beweis, daß auch heute eine lustige Gesellschaft sich mit Kegelspiel die Zeit vertreibt.
Gleich hinter den Wirtschaften liegen rechts und links von der Landstraße einige Aecker, da und dort im Wiesland zerstreut. Weil die Kartoffeln hier die wichtigste Feldfrucht ausmachen und jetzt gerade die Zeit der Ernte ist, so herrscht reges Leben auf den Feldern. Ueberall sehen wir die kleinen Bergwagen, zum Teil schon mit gefüllten Säcken beladen, an den Ackergrenzen stehen. Die Kühe, welche als Zugtiere dienen, weiden daneben in der Wiese. Die Leute arbeiten emsig; man sieht es ihnen an, daß es ihnen sehr darum zu tun ist, bei dem schönen Wetter möglichst viel auszurichten. Uns, denen die Verhältnisse fremd sind, fällt es auf, daß wir so wenige Männer an der Arbeit sehen und die ganze Arbeit der Kartoffelernte fast ausschließlich von Frauen besorgt wird. Es fällt uns aber das Gespräch zwischen Martin und dem Fuhrmann ein, und wir vermuten, daß die Fremdensaison noch nicht zu Ende und die meisten der männlichen Bewohner infolgedessen noch abwesend seien. Die verschiedenen Aecker lassen auch auf den ersten Blick die Unterschiede in der Art und Weise der Bewirtschaftung deutlich erkennen. Während einige Stücke rein von Unkraut sind, zeigen sich auf andern meterhohe Stauden von Melden und andern Unkräutern, welche durch reichlichen Samenansatz dafür gesorgt haben, daß auch für ihre Verbreitung im nächsten Jahre der Grund gelegt ist. Eine Frau fand es sogar für zweckmäßig, das Unkraut zuerst abzumähen, um das Ausgraben der Kartoffeln leichter vornehmen zu können.
So ist es denn über unsern Betrachtungen allmählich spät geworden, der Rauch der verbrannten Kartoffelstauden vermischt sich mit der Dämmerung zu einem leichten Nebel; da und dort sieht man bereits die Kühe einspannen und zum Heimweg rüsten. Auch für uns wird es Zeit, zu unserer Zimmermannsfamilie zurückzukehren, die wir in ihrem neuen Heim zurückgelassen haben. Der kurze Rundgang hat uns belehrt, daß die Verhältnisse in D. im ganzen nicht besser und nicht schlimmer sind als an andern Orten, daß es auch hier zu loben und zu tadeln gibt wie allerwärts. Wenn aber der Fuhrmann von Martins Habseligkeiten heute morgen der Ueberzeugung Raum gab, daß die Auswanderung und das Streben nach Hotelstellen, im Umfange wie beides heute besteht, in landwirtschaftlicher und allgemein moralischer Beziehung einen ungünstigen Einfluß auf die Zustände in D. ausübe, und daß dieser Uebelstand nicht ganz aufgehoben werde durch die Erhöhung des Verdienstes und den Zufluß reicherer Geldquellen nach D., so müssen wir ihm ein wenig recht geben.
II.
Im Müllerschen Hause war alles in reger Tätigkeit, besonders Frau Elise tat sich in ihrer Eigenschaft als Hausfrau tüchtig hervor. Mit sicherem Blick ordnete sie das Plazieren der verschiedenen Möbelstücke so an, daß jedes Stück gleich an den richtigen Platz kam und nicht nachher alles wieder von einem Zimmer ins andere gebracht werden mußte. Noch bei vollständiger Tageshelle war alles unter Dach gebracht und die schwerste Arbeit getan.
Begreiflicherweise herrschte im ganzen Hause noch eine große Unordnung, und bis Kisten und Körbe ausgepackt und jede Kleinigkeit ihren Platz gefunden, waren noch einige Tage erforderlich.
Elise ließ es sich nun vor allem angelegen sein, die Küche so in den Stand zu stellen, daß es ihr möglich war, selbst zu kochen und sie nicht mehr nötig hatte, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schon beim Einpacken hatte sie auf diesen Umstand Bedacht genommen und alles so eingerichtet, daß die verschiedenen Gegenstände leicht gefunden und sofort benützt werden konnten. Die kleine Marie ging der Mutter fleißig an die Hand, und bald stand auf dem Tisch eine kräftige Mahlzeit, der dann auch – zum erstenmal im neuen Heim – von allen Seiten tüchtig zugesprochen wurde. Als dann auch in den Schlafzimmern alles soweit in Ordnung war, daß man die Betten benutzen konnte, begab sich die ganze Familie zur Ruhe. »Es tauge nichts,« meinte Martin, »wenn man sich noch länger abmühe; es gehe dann alles viel leichter morgen, wenn man die Nacht gut ausgeruht habe. Zudem komme man doch bei Licht mit solcher Arbeit nicht so recht vom Fleck, das gehe doppelt so schnell, wenn das Tageslicht einem helfe.«
So ruhig wie am ersten Tage wurde auch an den folgenden gearbeitet, bis das ganze Haus von oben bis unten in Ordnung war. Als auch die letzte Verrichtung, das Befestigen der Fenstervorhänge, beendigt war, da freuten sich Martin und Elise wie die Kinder und fühlten sich froher und glücklicher in ihrem kleinen Hause, als ein Fürst in seinem Palaste.
Das freundliche Aussehen, das Martins Häuschen nun erhalten hatte, als auch Elisens Topfpflanzen vor den blitzblanken Fenstern ihren Platz gefunden hatten, veranlaßte nicht nur manchen Vorübergehenden zu kurzem Stehenbleiben und Hinaufschauen zu den heruntergrüßenden Blumen, welche die kurze Zeit, die ihnen der Herbst noch gewährte, durch reiches Blühen ausnützen zu wollen schienen, sondern erregte auch – namentlich bei einigen Nachbarinnen Elisens – den Wunsch, einmal einen Blick hineinwerfen zu dürfen in die innere Häuslichkeit der Müllerschen Familie. An Vorwänden für allerlei Besuche fehlte es nicht, und so sah sich denn Elise – namentlich wenn Martin in seinen Geschäften abwesend war – häufig in Gesellschaft von Bewohnerinnen D's, die ihr bald in dieser, bald in jener Angelegenheit ihre Aufwartung machten.
Elise ließ sich durch solche Visiten in ihren häuslichen Verrichtungen gewöhnlich nicht stören, erteilte aber gerne Auskunft, wenn eine solche von ihr verlangt wurde und sie imstande war, eine solche zu geben. Sie müßte auch keine Evastochter gewesen sein, wenn sie sich nicht gefreut hätte über das Lob, das ihr hin und wieder bei solchen Gelegenheiten gespendet wurde. Elise verdiente aber dieses Lob auch, besonders wegen ihrer Reinlichkeit und ihrem strengen Ordnungssinn, der sich auch in dem kleinsten Winkel ihres Hauses bemerkbar machte. In der Küche glänzte und blitzte alles. Auf einem Gestell, welches mit ausgezacktem Papier belegt war, war das etwas ungleiche Geschirr so geordnet, daß dieser Mangel kaum bemerkbar war, wie es Elise überhaupt verstand, ihre im ganzen ja sehr einfache Einrichtung so herauszuputzen und in ein solches Licht zu stellen, daß alles mehr vorstellte, als es eigentlich in Wirklichkeit war. Der kleine eiserne Herd und der Fußboden aus Steinplatten waren stets so sauber, als wenn sie gar nicht gebraucht würden. So war es in der freundlichen Wohnstube, in den gut gelüfteten Schlafzimmern und hinauf bis auf den Dachboden.
Den Nachbarinnen gefiel das alles sehr wohl, wenn auch einige meinten, es sei für gewöhnliche Leute nicht notwendig, daß alles so glänze, daß man sich drin spiegeln könne; von dem ewigen Putzen, Wischen, Abstauben habe man nicht gegessen, das müsse man den Herrenleuten überlassen, die hätten Zeit und Geld für solche unnützen Sachen. Die Elise würde es auch bald bleiben lassen, wenn sie im Feld und im Stall herum hantieren müßte; aber die habe es lange gut, sie könne den ganzen Tag in der Stube sitzen, indem das bißchen Hausarbeit schnell gemacht sei. Das werde aber schon noch anders kommen, der Martin verrechne sich allweg mit seinem Verdienst; im Winter könne ein Zimmermann auch nicht jeden Tag etwas verdienen und dann werde es bei den teuren Zeiten wohl ohne den Nebenverdienst der Frau nicht ausreichen, um fünf Mäuler zu stopfen. Solche Redensarten bedeuteten aber nichts anderes, als eine schlechtangebrachte Verdeckung des Neides und der Unzufriedenheit mit dem eigenen Los.
Manche der Frauen, die mit Elise in Berührung kamen und sie ganz aufrichtig wegen ihrer musterhaften Ordnung und Reinlichkeit im Hauswesen lobten, ließen durchblicken, daß sie das gerne auch hätten, aber die Fülle der landwirtschaftlichen Arbeiten, die auf ihren Schultern ruhe, lasse sie nicht dazukommen, alles so im Stande zu halten, wie sie es gerne möchten. Fremde Leute zu halten, das sei viel zu teuer, und außerdem bekomme man auch gute landwirtschaftliche Arbeiter selbst um hohen Lohn nicht mehr. Die Männer und zum Teil auch die Töchter seien gezwungen, auswärts Verdienst zu suchen, weil das »Bauern« nicht mehr so rentiere, um ein gesichertes Auskommen zu haben. Da müsse man sich halt nach der Decke strecken und die Verhältnisse nehmen wie sie seien.
Bei Gelegenheit solcher Gespräche hielt dann auch Elise nicht hinter dem Berg mit ihren Gedanken und machte durchaus kein Hehl daraus, daß ihr die Verhältnisse in D. gar nicht gefallen. Sie führte dann ihre Heimat als Beispiel an, indem sie auseinandersetzte, daß man im Unterland auch Landwirtschaft treibe, daß sie ja selbst die Tochter eines Bauern sei, aber es falle dort niemanden ein, den Frauen und Töchtern die schwerste Arbeit sozusagen allein aufzubürden; solche besorgen die Männer schon selbst und die Frauen seien in erster Linie zur Führung des Hauswesens da, was dann freilich nicht ausschließe, daß auch sie zu gewissen Zeiten tüchtig in Feld, Wiese und Weinberg mit Hand anlegen müssen. Daß unter Umständen die Frauen auch beim Erwerb mithelfen sollen, sei ganz recht, aber man dürfe nicht vergessen, daß eine tüchtige Hausfrau auch indirekt viel mehr verdienen könne, als man im allgemeinen annehme. »Rechnet nur aus,« sagte sie einmal zu zwei Nachbarinnen, mit denen sie über diesen Gegenstand zu reden kam, »wie viel müßte ich der Schneiderin und dem Schneider geben, wenn ich die Kleider für mich und die Kinder nicht selbst anfertigen könnte. Mein Vater hat nicht gesagt, daß ich keine Zeit habe, als ich einen Zuschneidekurs besuchen wollte; er wußte, daß die Zeit gut angewandt sei. Schaut, da habe ich gerade meinem Manne ein Paar Pantoffeln gemacht, auch das habe ich in wenigen Tagen in einem Kurs gelernt. So ist es noch mit vielen Sachen, und es ist deshalb unrecht zu glauben, daß ich nichts verdiene, wenn ich nicht gerade Mist führe und Erde schaufle wie ihr andern. Mein Mann hat mir schon versprechen müssen, einen kleinen Garten anzulegen und damit hoffe ich dann viele Auslagen zu sparen, indem ich darin Gemüse ziehe, so daß wir das ganze Jahr genug davon haben. Wir sind an den Genuß der verschiedenen Gartengemüse gewöhnt und haben sie als gesunde und billige Nahrungsmittel schätzen gelernt. Selbst das Putzen und Waschen trägt noch etwas ein. Die Reinlichkeit ist wie nichts anderes geeignet, den Krankheiten vorzubeugen und Seife und Bürsten sind viel billiger als die hohen Doktorrechnungen. Durch gute Ordnung nutzen sich alle Dinge weniger ab, man spart also Geld und hat obendrauf weniger Arbeit, als wenn alles in Unordnung herumliegt und oft allein mit Suchen nach Dingen, die irgendwo verlegt sind, sehr viel Zeit verloren geht. Das einzige was mir vielleicht nichts einbringt, sind meine Blumen; aber ein Vergnügen muß der Mensch doch auch haben. Die Pflege meiner Topfpflanzen gewährt mir Erholung von meiner Arbeit, und weil diese Freude sehr wenig kostet, so mag man mir dieselbe wohl gönnen.«
Diese und ähnliche Auseinandersetzungen von seite Elisens waren geeignet, die Frauen von D. zu überzeugen, daß bei ihnen manches anders sein könnte, als es war, und sie begannen die »Unterländerliese« – wie man unsere Elise in D. kurzweg nannte – zu beneiden. Es war deshalb kein Wunder, daß man immer mehr von ihr sprach. Freilich hatte das keine weitere Aenderung zur Folge, als daß die Unzufriedenheit bei den Frauen wuchs und die Männer infolgedessen manchen Vorwurf zu hören bekamen über die ungerechten Zumutungen der Männer. Diese waren deshalb nicht gut auf Elise zu sprechen und meinten, sie wäre besser im Unterland geblieben, als da herauf zu kommen und ihren Weibern die Köpfe zu verdrehen. Die Frauen glaubten zuletzt selbst, daß an der Sachlage nichts zu ändern sei; sie stellten, teils um des lieben Friedens willen, teils weil ihre Neugierde über die häuslichen Verhältnisse Elisens befriedigt war, den Verkehr mit ihr nach und nach ein, und alles blieb vorerst beim alten.
Elise ihrerseits hielt das Verhalten ihrer Nachbarinnen für Hochmut. Sie hatte sich schon von Anfang an nicht aufgedrungen und wollte das auch ferner nicht tun, obwohl sie sich eine Zeitlang in dem Gedanken gefallen hatte, etwas beitragen zu können zur Verbesserung des harten Loses vieler Frauen von D.
Die einzige Person, welche die Bestrebungen der Unterländerliese nicht verkannte, sie vielmehr zu unterstützen trachtete, war der Pfarrer. Er war in der Gegend aufgewachsen und kannte die Verhältnisse genau. Die sozialen Uebelstände, die nach und nach in der Talschaft eingerissen, hatte er mit schwerem Herzen bemerkt, war aber unfähig, ihnen zu steuern, da es ihm an tatkräftiger Hilfe mangelte. Es war ihm deshalb sehr willkommen, als er das schöne Familienleben im Müllerschen Hause bemerkte, und er sagte sich gleich, daß ein solches Beispiel nicht ohne wohltätigen Einfluß bleiben könne. Als ihm Elise nun klagte, wie alle Nachbarinnen sich voll Hochmut von ihr abgewandt und ihre guten Absichten mißdeutet haben, da lächelte er nur und meinte, das werde schon wieder anders werden. Ein wenig sei sie vielleicht auch selbst schuld, weil sie den hier herrschenden Verhältnissen zu wenig Rechnung getragen habe. Es gehe nicht an, die hiesigen Frauen auf einmal zu Unterländerinnen umformen zu wollen. Um Besserung erzielen zu können, müsse man die Ursachen kennen, aus welchen die ungünstigen Zustände entsprungen seien. Indem man dann durch gutes Beispiel zeige, daß diesen mit Erfolg entgegengetreten werden könne, werde man Frauen und Männer für durchgreifende Reformen gewinnen. Er möchte ihr den Rat geben, mit allen Leuten freundlich zu sein, ihren Nachbarinnen gegenüber nicht als Besserwisserin und Lehrmeisterin aufzutreten, und namentlich das Unterland als Beispiel ganz aus dem Spiel zu lassen. Die Verhältnisse seien dort zu verschieden im Vergleich zu den hiesigen. Die Landwirtschaft leide unter der großen Güterzerstückelung, dem allgemeinen Weidgang und andern ungünstigen Einflüssen, von denen man im Unterland nichts wisse derart, daß es nur zu natürlich sei, wenn andere sich bietende Erwerbsquellen bereitwillig ausgebeutet werden. Die landwirtschaftliche Lage sei zwar nicht derart, daß keine Besserung mehr zu hoffen sei, im Gegenteil, es zeige sich schon Tendenz zu einer solchen; aber es brauche Zeit und Geduld und Männer, die sich mit ganzer Kraft der Sache widmen. Vor allen Dingen gelte es, die Leute so gut als möglich an die Heimat zu fesseln, und das geschehe am besten durch die Bande der Familie. Hier müsse man vor allen Dingen veredelnd eingreifen, und hier rechne er auch am meisten auf Elisens Hilfe.
Martin hatte vollauf zu tun. Große Unternehmungen waren es vorderhand freilich nicht, mit denen er sich beschäftigte; denn es waren meist nur kleinere Reparaturen, mit denen man ihn betraute, und die man vielfach aufgeschoben hatte, um sie von Martin ausführen zu lassen, weil in D. vorher kein Zimmermann ansässig war. Es waren das alles Arbeiten, die kein großes Betriebskapital erforderten und doch einen sichern Verdienst abwarfen. Das war ganz im Sinne Martins; denn er wollte nur nach und nach sein Geschäft vergrößern.
Zufrieden und vergnügt ging er seiner Arbeit nach. Die Sonntage und die nun immer länger werdenden Abende verbrachte er in seiner Familie. Schon hie und da hatten alte Freunde versucht, ihn in diese oder jene Gesellschaft hineinzuziehen, ihn zu einem Kegelabend einzuladen, zu einem gemütlichen Jaß aufzufordern oder sonst, eine Gelegenheit vorschützend, ihn ins Wirtshaus zu ziehen; freundlich aber entschieden lehnte er jedesmal ab. Viele sahen in ihm deshalb einen erbärmlichen Pantoffelhelden, der nach der Pfeife seiner Frau tanzen müsse. Weil sie keinen Sinn hatten für das Glück einer stillen Häuslichkeit und eines durch nichts getrübten Familienlebens, hielten sie die Anhänglichkeit Martins an seine Familie für eine nicht ganz freiwillige, und während ihn einige bemitleideten, meinten andere, es geschehe ihm ganz recht; warum habe er diese Unterländerin geheiratet, er hätte eine aus der Talschaft nehmen können, dann hätte er nicht nötig gehabt, innerhalb seiner vier Wände Trübsal blasen zu müssen.
Martin, dem natürlich solches Gerede auch zu Ohren kam, lächelte nur darüber; ihm war es gleichgültig, was andere Leute in dieser Beziehung über ihn dachten. Nur als es einmal einer wagte, sich ihm gegenüber direkt mißbilligend über Elise zu äußern, indem er sagte: »Es schaut gewiß nichts dabei heraus, wenn in einer Familie, die nicht reich ist, die Frau nichts als putzt und wascht, sich und die Kinder stets in frische Kleider steckt, die doch schnell wieder schmutzig werden. Das ist gut für Herrenleute, die Geld genug haben, aber für einen gewöhnlichen Handwerker oder Bauer paßt das nicht; ich wenigstens möchte es mit so einer Frau nicht machen; ich wüßte nicht, wo Geld genug auftreiben, wenn mein Weib, statt auf dem Feld und im Stall zu arbeiten, nur immer ans Kochen, Putzen und Waschen denken würde, wie es die Liese tut.« Da konnte er sich denn nicht enthalten, dem Manne ziemlich aufgebracht zu erwidern.
»Du denkst wahrscheinlich nicht daran,« hub Martin seine Entgegnung an, »daß Du da meiner Liese die größte Lobrede gehalten hast; denn ich bin ihr z. B. sehr dankbar, daß sie auf Reinlichkeit bei den Kindern hält; ist es doch mein Stolz, daß sie so gut geraten; nichts trägt mehr zum Verderbnis von Leib und Seele bei, als Schmutz und Unreinlichkeit. Gerade so ist es mit dem Schmutz auf den Böden und an den Fenstern; denn wo derselbe auf den Geräten liegen bleibt, bleibt er auch gerne im Herzen und in den Gedanken liegen; und Du so wenig wie ich, hast je durch eine schmutzige Scheibe ein fröhliches Gesicht schauen sehen. Daß mein Weib vollends keine Lumpen aufkommen läßt, däucht mir gerade das schönste an ihr; denn ich weiß nicht, ob lumpige Menschen lumpige Kleider machen oder lumpige Kleider lumpige Menschen; eines aber ist gewiß, daß sie stets bei einander sind. Deine Kathrine ist eine fleißige und brave Frau, der man gewiß nichts nachsagen kann; aber bedauert habe ich sie schon oft, wenn ich sie schon am morgen in aller Frühe im Stall und auf dem Miststock hantieren sah, während Du gemütlich drüben in der Post Deinen Schnaps trankst. Und dann, was meinst Du? Wie viel Seife und Bürsten ließen sich bezahlen aus dem Gelde, das Du abends und Sonntags bei Spiel und Wein verbrauchst? das würde noch so weit reichen, daß Du Dir eine Häuslichkeit schaffen könntest, in der es Dir weit besser als in der dumpfen Wirtsstube gefallen würde. Schau! wenn ich an den Feierabend denke, da geht mir meine oft schwere Arbeit nochmal so gut aus den Händen. Komme ich heim, so wartet meiner ein, wenn auch einfaches, so doch kräftiges und schmackhaftes Essen. Während mir mein kleiner Hans die Pantoffeln bringt, holt der Franz Pfeife und Tabak, die Zeitung liegt schon parat, und wenn ich so rauchend, plaudernd oder lesend im gut durchlüfteten und erwärmten Zimmer, im Kreise meiner Familie, von des Tages Mühen ausruhe, so danke ich jedesmal im Stillen meiner Liese, daß sie es versteht, mir ein Heim zu bieten, mit dem kein Wirtshaus der Welt den Vergleich aushalten kann.«
Der auf diese Weise von Martin Zurechtgewiesene wagte nichts mehr zu entgegnen und schlich sich wie ein begossener Pudel von dannen, innerlich denkend, daß der Zimmermann eigentlich recht habe, und daß es einen Versuch wert sei, die erhaltenen Ermahnungen sich nicht nur zu Herzen zu nehmen, sondern sie auch zu befolgen.
Mit den Arbeiten, die Martin ausführte, war man allgemein zufrieden. Es konnte eben leicht wahrgenommen werden, daß er wußte, als Handwerker nicht nur das Anrecht auf den Taglohn zu haben, sondern daß ihm auch die Pflicht zukam, etwas vollwertiges dafür zu leisten. Alle Arbeit ging ihm rasch aus den Fingern, wobei aber auch beim Kleinsten auf Genauigkeit und Dauerhaftigkeit gesehen wurde. So wurde Martin mit Aufträgen überhäuft, trotzdem er einen höheren Lohn verlangte, als mancher der andern Zimmerleute, mit denen man sich bis jetzt hatte behelfen müssen.
Weil Martin sich nur selten einmal im Wirtshaus blicken ließ, so waren diejenigen, welche einen Auftrag für ihn hatten oder in irgend einer Angelegenheit etwas mit ihm besprechen sollten, genötigt, ihn zu Hause aufzusuchen. So kam es nun immer mehr vor, daß am Abend oder an Sonntagen Leute im Müllerschen Hause vorsprachen. Merkwürdig war es dabei, zu beobachten, wie mancher, der nur das Geschäftliche schnell abtun wollte, um sich dann gleich wieder zu entfernen und vor Eile kaum die Türklinke aus der Hand ließ, der freundlichen Einladung zum Sitzen nicht widerstehen konnte und dann oft für mehrere Stunden nicht ans Fortgehen dachte. Das bewirkte der eigenartige Zauber, der von der Häuslichkeit Martins ausging, das freundliche Wesen Elisens und die ernsten und heiteren Gespräche Martins, der ein guter Gesellschafter war und mancherlei zu erzählen wußte.
Es läßt sich leicht begreifen, daß da mancher sozusagen gezwungen wurde, einen Vergleich anzustellen zwischen den anheimelnden, traulichen Verhältnissen in der Familie und in dem Heim Martins und denjenigen, die in seinem Hause herrschten. Andere konnten es zuerst absolut nicht begreifen, wie sie es, ohne die mindeste Langeweile empfunden zu haben, einen ganzen Abend oder Sonntag-Nachmittag haben aushalten können, in Martins Stube zu sitzen, ohne Karten und ohne Bier und Wein. Der eine oder andere merkte es dann vielleicht, daß er das auch in seiner Stube könnte, wenn es dort so behaglich wäre, wie bei Martin, und nahm sich dann wohl vor, einmal zu probieren, ob sich nicht in seinem Haushalt hie und da etwas ändern ließe. Sei dem wie ihm wolle; Tatsache ist, daß nach und nach mancher gestrenge Eheherr, der noch vor wenigen Wochen seiner Frau Vorwürfe machen wollte, wenn sie der Unterländerliese etwas nachmachen wollte, geradezu befahl, künftig mehr im Hause zu arbeiten und nachzusehen, daß es dort eine bessere Ordnung gebe, dabei aus freien Stücken von der Stallarbeit etwas mehr übernahm und manchmal sogar am Abend zu Hause blieb und mit der Frau einen Jaß machte, statt mit den alten Freunden drüben im Wirtshaus.
So begann sich ganz langsam, ohne daß es eigentlich jemand gewahr wurde, ein Umschwung in D. anzubahnen, ausgehend von dem Müllerschen Hause, wo Reinlichkeit und Ordnung waltete, und wo das schönste Familienleben jene Zufriedenheit schuf, welche Eltern und Kindern aus den Augen leuchtete.