MELAMEDS HOFFNUNG.

Von Ch. N. Bialik.

Ach, es wird Zeit, die Stunde muß kommen,

Daß endlich auch ich, Leeser Mendel Melamed,

Verschnaufe die heillose, leidige Mühsal,

Die mir dörrt das Gebein und aufsaugt mein Mark ...

Der Herr sieht mein Herz: ich kann’s nicht mehr tragen,

Die alten Kräfte sind längst dahin ...

Mein Leib verfällt und geht darnieder,

Die harte Bürde reibt ihn auf ...

Acht Halbjahre sind’s, seit die Schulmeisterbank

Unter mir drückt und mein Herzblut zehrt;

Acht Halbjahre — volle, gezählte vier Jahre

Hab ich mein Heim, Weib und Kind nicht gesehen!

Der einzige Gott allein kennt mein Herz,

Mein banges, wehes, zitterndes Sehnen

Nach meinen teuren Augensternen —

Nach meinem herzigen, kleinen Küchlein,

Nach meinem geliebten, frommen Weibe,

Frau Zippe — bis hundertundzwanzig Jahr!

Doch was ist zu tun — und Gott ist mein Zeuge:

Ich kann nicht, ich kann nicht mit leerer Hand,

Wie ich gegangen bin, wiederkehren!

Zuvor muß ich sparen ein Taler fünfhundert —

Wie ich mit meinem frommen Weibe

Beim Abschied klärlich bedungen habe,

In bündigster Form, nach der Satzung der Thorah ...

Nun werd ich gottlob nur ein einziges Jahr

Den Rücken noch beugen, den Zuchtstock schwingen,

Bis die Zahl beisammen: ein Taler fünfhundert —

Dann „Schluß und zu Ende, dem Weltenherrn Dank.“

Übers Jahr, wenn der Herr mich am Leben erhält,

Vor Chamez-Räumung, bei Sonnenaufgang,

Wenn der Hahn noch kräht, und die volle Zahl

Beisammen ist — ein Taler fünfhundert:

Dann — auf, Leeser Mendel, den Abschied gegeben

Dem Zuchtstock, der Schulbank, dem Lehramt für immer!

Verkauf samt dem Chamez die drei um ein Nickel

Mit gültigem Zuschlag für ewige Zeit!

Genug, Leeser Mendel, vom unsteten Leben,

Vom Elend der Wanderung, fern deinem Nest!

Hast fünfhundert Taler, das Glück, im Beutel,

Hast satt und vollauf dich gerackert. — Genug!

Nun breite die Flügel! Auf, auf in dein Nest!

Dort harrt deine Taube, die lieblichen Jungen —

So werd ich vergnügten Herzens mir sagen

Und tief in die Tasche versenken den Beutel,

Mein Bündel schnürend, gerüstet zur Reise —

Hernach auf Adlerfittichen heim ...

Wie jauchzen mir Weib und Kinder entgegen

— Ich male so recht ihren Jubel mir aus —

„Was bringst du mir, Mendel?“ „Was bringst du mir, Vater?“

So drängt sich um mich die fragende Schar.

„Nichts hab ich gebracht, mein Weib, meine Kinder,

Ich hatte nicht Muße, Geschenke zu schaffen,

Geschenke und Gaben für jedes von euch.

Doch habe ich ein Geschenk für euch alle,

Ein rechtes Geschenk für euch mitgebracht,

Das fegt uns die Armut aus allen Winkeln,

Das spendet uns Trost für vergangenes Leid ...

Hier bring ich euch — wohlgefüllt — einen Beutel:

Fünfhundert Talerchen bar und blank!“

Und ich sehe voraus all den schimmernden Glanz,

Der die Stube erfüllt und den festlichen Tisch,

Wenn in selbiger Nacht ich zum Seder mich schicke,

In blitzblanken Gläsern der Rotwein funkelt,

Und mein Jüngster, Jechiel, das zarte Stimmchen

Zu gar gewichtiger Frage erhebt:

„Ach, Väterchen, sage, was ist diese Nacht

Vor allen anderen ausgezeichnet?“

Und nach Peßach, so Gott mich am Leben erhält,

Wenn der Lenzwind weht und die Pfützen trocknen,

Will ich sogleich zur guten Stunde

Ein großes Geschäft bei uns eröffnen ...

Das soll hernach ein Laden werden,

Ein Laden — wie geschrieben steht!

Dann brauch’ ich fürwahr bloß etwas Glück,

Ein wenig himmlisches Erbarmen ...

Denn nicht umsonst hat sich Leeser Mendel

In aller Welt umhergetrieben;

Hab’ manches erfahren vom Weltenlauf

Und werd’ in Geschäften Bescheid doch wissen ...

Und dann: dürfte ich, Leeser Mendel, der Schnorrer,

Mich erfrechen, die göttliche Vorsicht zu leugnen?

Ist kein Vater im Himmel, im Herzen kein Glaube?

Ist meine Zipporah kein wackeres Weib? ...

Ach, du lieber Gott, wann erscheint schon der Tag,

Den ich mit wehem Herzen erwarte!

Schon spür’ ich seit langem zur linken Seite

Ein spitzes Bohren, wie Nadelstiche,

Als nagte und sägte mir dort ein Wurm ...

Doch das tut nichts. Sobald ich erst wieder daheim bin,

Bereit ich mir Tränklein und melk unsre Ziege,

Vertreibe die Schmerzen und flick mich zurecht ...

Ach Gott, es wird Zeit, die Stunde muß kommen,

Daß endlich auch ich, Leeser Mendel Melamed,

Verschnaufe die leidige, zehrende Mühsal;

Daß mein tägliches Brot — und seis noch so bitter —

Nur aus Deiner Hand komme, allmächtiger Vater,

Nur aus Deiner Hand komme, barmherziger Gott!