VON MOSES.

„Jeden Sohn, der geboren wird, sollt ihr in den Strom werfen.“ — Rabbi Chanan erzählte: Israels fromme und keusche Töchter suchten ihre Kinder zu retten. So nahmen sie sie denn und verbargen sie in Höhlungen ihrer Wohnstätten. Da brachten die Ägypter ihre kleinen Kinder in die jüdischen Häuser und zwickten sie da, bis sie weinten. Da hörte das jüdische Kind die weinende Stimme seines Kameraden und weinte mit ihm. So fanden sie die Ägypter und warfen sie in den Fluß.

In dieser Stunde sprach der Heilige, gebenedeit sei er, zu den Dienstengeln: Steigt doch herab und seht die Kinder meiner Lieblinge Abraham, Jizchak und Jakob, wie man sie in den Strom wirft. Da stiegen die Engel erschreckt herunter und standen bis zu den Knien im Wasser und fingen die jüdischen Kinder auf und legten sie auf emporragende Sandbänke. Der Heilige aber, gebenedeit sei er, ließ ihnen Brüste aus den Steinen sprießen und gab ihnen so zu trinken.

Wenn die Ägypter kamen, die Kinder zu töten, geschah ein Wunder und die Kinder wurden von der Erde verschluckt. Da brachten die Ägypter Ochsen und pflügten die Erde, aber wenn sie weg waren, sprossen die Kinder wieder auf wie das Gras auf dem Felde. Und wenn sie groß gewachsen waren, kamen sie scharenweise nach Hause. So kam es denn auch, daß sie am Roten Meere, da Gott sich offenbarte, ihn gleich wiedererkannten und riefen: „Dies ist mein Gott!“

Rabbi Jehuda Hanassi hielt einmal eine Predigt und die Zuhörer schliefen ein. Da wollte er sie wieder wach machen und rief: „In Ägypten war einst eine Frau, die hat auf einmal sechshunderttausend Menschen geboren.“ Erstaunt fuhren die Zuhörer auf. Da sagte er: „Jochebed, Moses’ Mutter, ist gemeint. Denn Moses hat sechshunderttausend Israeliten aus Ägypten geführt, so ist er denn soviel Menschen gleich zu achten.“

Es erzählten unsere Lehrer: Als Moses die Herde Jithros in der Wüste weidete, entlief ihm ein Böcklein. Moses setzte ihm nach, bis er zu einem Felsen kam, da stand das Böcklein an einer Quelle und trank. Als Moses das sah, sagte er ihm: „Ich wußte gar nicht, daß du aus Durst weggelaufen bist. Nun bist du gewiß recht müde.“ So lud er es sich auf die Schulter und trug es. Das sah Gott und sprach: Du hast Mitleid mit deiner Herde, so wahr du lebst, so sollst du meine Herde weiden, Israel.

Warum zeigte sich Gott dem Mose im Dornbusche, der loderte und nicht verbrannt ward? Um Moses Zweifel zu besiegen. Denn Moses glaubte doch, daß vielleicht die Ägypter Israel vernichten würden. So zeigte ihm Gott den Dornbusch und sprach: Wie der Dornbusch vom Feuer umflackert wird und nicht verzehrt werden kann, so können auch Israels Feinde es nicht vernichten.

Mit Moses Stab hat es eine eigentümliche Bewandtnis. Der Stab ward am sechsten Schöpfungstage in der Dämmerung erschaffen und dem ersten Menschen im Paradies übergeben. Adam gab ihn dem Henoch und Henoch dem Sem und dann erhielten ihn nacheinander Abraham, Isaak und Jakob. Jakob brachte ihn nach Ägypten und gab ihn dem Josef. Nach Josefs Tode fiel er mit seiner ganzen Habe dem Pharao zu. In Pharaos Palaste sah ihn Jithro, der einer von Pharaos Wahrsagern war, entwendete ihn und pflanzte ihn in seinen Garten. Aber da konnte ihn niemand nahe kommen — bis Moses nach Midjan kam und in den Garten eintrat. Er konnte die Zeichen lesen, die auf dem Stabe standen und hatte die Macht, ihn an sich zu nehmen. Als Jithro dies sah, sprach er: Fürwahr, das ist Israels Erlöser. Deshalb gab er ihm seine Tochter, die Zipporah, zur Frau.

Ein Heide fragte den Rabbi Josua ben Karcha: „Weshalb redete Gott zu Moses aus einem Dornbusche?“ Der Rabbi erwiderte: „Hätte er aus einem Johannisbrotbaume zu ihm geredet oder aus einer Sykomore, so hättest du mir dieselbe Frage gestellt. Allein ich will es dir sagen: es soll dir so gezeigt werden, daß es nichts gibt, worin nicht Gottes Herrlichkeit lebte; sogar im Dornbusche ist sie.“