Der Gesandte von Bismarck

Von Leo Sternberg

Wie ein Blitz war dem jugendlichen Deichhauptmann von Schönhausen das blanke »Ja« von den stolzen Lippen gefahren, mit dem er sich verband, am Frankfurter Bundesratstische den Sitz eines preußischen Gesandten einzunehmen. Ein sechsunddreißigjähriger Gutsherr von Gardemaß, der nie ein diplomatisches Schriftstück gelesen! In militärischer Haltung hatte er seinem König, der diese Kühnheit bewunderte, entgegnet: »Der Mut ist ganz auf seiten Eurer Majestät!«

Welche Stimme hatte aus ihm geredet? Verbrennt uns zuweilen ein übernatürlicher Augenblick zur gewaltigen Flamme, die geheimnisvoll ins All hinaus schlägt, und entläßt uns sofort wieder als irdische Schlacke, wenn die Flamme uns entflohen?

In der Tat – kaum daß der freie Landjunker in der geschäftigen Mainstadt, wo der ältliche General von Rochow einstweilen noch das Gesandtschaftssiegel führte, hinter hohen Aktenstößen saß, von früh bis spät eingekerkert in dem Salongefängnis des Bundestagshotels, so schlug er wild die Faust auf den Rokokotisch und fragte sich, welche Teufelsgewalten das schicksalsvolle Wort aus ihm emporgeworfen, und warum er nicht lieber bei Weib und Kind geblieben und Roggen auf Schönhausen gebaut, statt hier Ballen Papier zu verschmieren, in Kommissions- und Plenarsitzungen, die bis in die Nächte dauern, leeres Stroh zu dreschen und zwischen Tür und Angel die Zeit heranzuwarten, wo er selbst das Steuerrad ergriffe! Rochow zeigte verdammt mehr Lust, sich an der rheinischen Sonne bräunen zu lassen, als ihm das Feld zu räumen. Der Teufel sollte diesen Zustand länger ertragen.

Er dampfte vor Tatkraft, und manche schlaflose Nacht hallten seine Reiterstiefel bis zum grauenden Morgen durch die dunklen Frankfurter Gassen. Wie Rübezahl streifte er durch die Wälder des Taunus, des Spessarts, des Odenwalds; fuhr mit der Wasserdiligenze den Main hinab, um sich auf der Mainzer Schiffbrücke in die Stunde zu verlieren, da Johanna in ihrem flatternden Genfer Mäntelchen dort neben ihm stand; und dreimal schon hatte er das Telegramm an den Minister bereit, in dem er binnen vierundzwanzig Stunden in sein Amt eingesetzt zu werden verlangte oder seine sofortige Entlassung forderte …

An einem herrlichen Julitage, als selbst in dem muffigen Legationsbureau der Aktenstaub regenbogenfarben auf schrägen Sonnenstrahlen schwebte, schien die angesammelte Elektrizität ihre höchste Spannung erreicht zu haben. Er schritt im Zimmer auf und ab und tobte: »Galeerenarbeit … bestes Feuer verrauchen lassen … Fiduz zu sich selbst zum Teufel … sein gutes Heim aufgeben …«

Sein Attaché, der schüchterne Lynar, sah ihn an wie einen leidenden Titanen.

»Das ist zu viel, sage ich!« – schrie er und riß das Fenster auf. Lynars weißer Pudel, der auf dem Teppich lag, winselte mit, wie leises Weinen …

Da erhob sich Lynar vom Schreibsessel, stellte sich zu ihm an das geöffnete Fenster, wendete seinen Blick fragend hinaus in den kornblumenblauen Sommertag und erinnerte ihn sanft, wie man zu einem Schwerkranken spricht, an den Besuch in Johannisberg, zu dem der greise Fürst Metternich schon wiederholt seine Einladung geschickt hatte.

Fürst Metternich! Der unlängst aus der englischen Verbannung Heimgekehrte! … Der als erste Stätte auf dem wiedergewonnenen Heimatboden sein altes Geburtshaus am Rhein aufsuchte! … Der Treue, der auch in den Tagen seines höchsten Glanzes nicht an Koblenz vorübergefahren, ohne sich den Metternicher Hof bis zum letzten Dachwinkel aufschließen zu lassen – das Boudoir seiner Mutter … die kleinen Stuben, wo er mit dem Hofmeister gehaust …

Er mußte an Schönhausen denken …

Das war sein Mann! Keine von jenen verknöcherten Exzellenzen, die hier ordenbehangen um ihn herstelzten … Ein Romantiker war er – auf seinem Schloß, das von dem sonnigsten Rebenhang des Rheins herabglühte …

Auf! Fort von Bureaukratie und Aktenstaub – zur Urmutter Natur, wo wilde Sonne brennt und die Woge das Ufer peitscht …

Der Pudel sprang auf und wedelte und merkte, daß es ging.

Es war eine eigentümliche Fahrt. Das zarte Delfter Blau, in dem sich die Sättel der waldigen Taunuskette neben dem Reisewagen mitwiegten, verwischte sich bald hinter der Weißglut geladener Dünste. Aschenschwarze Wolken schoben sich scharfgerändert aus der Wetterecke des Gebirges vor und verschatteten die hohen, goldenen Ährenfelder, in denen ein schlaffer Wind wühlte. Stickige Schwüle stieg aus dem Staub, nur selten von einer fernen Welle des trockenen Heues durchduftet, das die Bäuerinnen überall noch eilig auf die Leiterwagen gabelten. Dicht über dem Wasserspiegel jagten die Schwalben und netzten sich die weiße Brust in der Flut. Und General von Rochow, der sich der Fahrt ebenfalls angeschlossen, hatte abwechselnd das schwimmende Mützenleder zu wischen und gegen die Schnaken zu fechten. Doch das Gewitter entlud sich nicht.

Einsilbig saß der feurige Legationssekretär im Wagen und schaute wie Wotan unter dem großen, breitkrämpigen Strohhut in die Ferne …

»Schönhausen, ganz wie Schönhausen!« rief er versunken, als sie an den ersten rheingauischen Herrensitzen vorüberrasselten. »Meine liebe Zampel« – als das Gefährt den plätschernden Kiedricher Bach überschritt. »Der Kniephof!« seufzte er leise und zog den Duft einer mächtigen Linde ein, die am mohnroten Feldrain in der grellen Sonne stand …

Der verstehende Lynar, um ihn mit seinen Gedanken allein zu lassen, hielt Rochow im Gespräch, aus dem Bismarck manchmal nur dunkel ein Wort aufgriff … »Rheinische Backofenglut …« »Wie es reift!« war das geheimnisvolle Echo. »Wie es reift« – wiederholte er im unverwandten Anblick der reichbehangenen Rebgärten und pfirsichglühenden Spaliere, die sein Auge angestrengt im Vorüberfahren abwanderte. Solchermaßen arbeitete es in ihm …

Unterdessen waren sie in Winkel angekommen, wo der Weg zum Johannisberg abzweigt. Da aber zeigte es sich, daß das, weswegen er die Reise unternommen, innerlich schon überlebt und ihm zuteil geworden war, und der Seitenpfad zu dem Schlosse hinauf jetzt nur ein lästiger Abweg gewesen wäre von der Hauptstraße seines Dranges, der ihn dem Strome entlang vorwärts trieb. Konnte es im Grunde größere Gegensätze geben, als ihn, den Diplomaten in Holzschuhen, und den ministre papillon? Und was sollte er jetzt auf zierlich gepflegter Schloßterrasse zwischen Semperflorens-Rosen und einer in Töpfen gezogenen Orangerie anfangen?

Rochow, wegen seiner heimlichen Mitbewerbung um den Frankfurter Gesandtschaftsposten befangen, ließ sich ohne Widerspruch den edlen Tropfen aus den fürstlichen Weinkellern von den Lippen reißen und schickte nur einen verlechzten Blick nach dem entschwindenden Schlosse auf die Höhe hinauf – ohne zu ahnen, daß seine Gegenwart mit die Ursache war, warum es den andern vom Menschen fortdrängte ins Grenzenlose der Natur, bei der wir uns allein von unserer letzten Einsamkeit befreien, weil wir im tiefsten mit ihr zusammenklingen.

Und wie jeder redliche Entschluß erfrischt, so begann auch der junge Diplomat, nachdem er sich den Weg freigemacht in eine unbestimmte Weite, seine Verschlossenheit mit dem beginnenden Abend abzuwerfen, sich den Traum von seiner pommerischen Heimat aus den Augen zu wischen und mit erhöhtem Pulsschlag zu fühlen, daß er nicht mehr an den Wiesenbächlein der heimatlichen Scholle, sondern am Rheine war – dem deutschen Strom! So lebhaft zeigte er jetzt nach der dunkelnden Giebelfront der Hallgarter Zange, jetzt nach den heidnischen Walddolmen der Rabenköpfe, jetzt nach den goldgelben Sanden und Pappelauen mitten in den Fluten, daß Lynars Pudel den deutenden Händen bald herüber, bald hinüber, die Vorderpfoten über den Wagenschlag gelegt, nachsprang, um zu ergründen, was es da draußen zu apportieren gebe … Als sie aber neben der reichgezackten Silhouette des Adlerturms mit seinem Birkenbäumchen in der Zinnenkrone in Rüdesheim einfuhren; drüben auf dem Rochusberg die Kapelle im Mondschein aufragen sahen; das dunkle Felsentor, das der Strom durchbricht, mächtig vor ihren Blicken lag; und rings um die Ufer die abendlichen Lichter an den Berglehnen sich entzündeten, als sei Vineta heraufgestiegen – da wußte er, daß ein höher gewolltes Ziel ihn richtig geführt hatte …

Und während der Engelwirt seine Begleiter von dem Wagenschlag durch den vornehmen Treppenpavillon in den Gasthof komplimentierte, stand er just, wie er aus dem Reisewagen gesprungen, schon am grasigen Ufer drunten, an dem muschelknirschenden vordersten Kiesrande, – allein mit dem erdgeisterhaften Rauschen der nächtlichen Brandung …

Das Gewitter hatte sich jenseits der Berge entladen und gereinigte Lüfte herübergesandt. Der Wisperwind kam aus den Felstoren und kräuselte Schaumkämme über die Wasserfläche, die im Mondschein spiegelte, als glühte das Nibelungengold aus der Tiefe herauf … Er stand mit seherischen Sinnen und setzte sich allmählich, dem Stromlauf folgend, in Bewegung, wie ein Nachen auf den Wellen treibt, immer von dem Verlangen gequält, dem Strome näher zu kommen, anstatt verurteilt zu sein, auf dem Leinpfad nebenher zu schreiten – bis er an die Klippe gelangte, darin der Lehrer Metternichs sein Herz hatte begraben lassen, daß es dort ewig umwiegt sei von den heiligen Wogen, über denen der Geist des Vaterlandes schwebt. Da riß es ihn plötzlich hin, all das Licht der Wasser in die Arme zu fassen; und, dem verankerten Dreibord seine Kleider hinterlassend, warf er sich in die Flut und tauchte bald wie ein Rheingott in der Ferne auf, wo die Mäuseturminsel mit ihrem Pappelhain traumhaft aus der Tiefe steigt …

Und während er auf den Wellen dahinwiegte, von der riesigen Stufenpyramide der Weinberge und mondduftigen Waldhöhen eingeschlossen, überglitzert von Sternen, die durch die Fensterhöhlen der getürmten Burgruine schauten, und der schäumende Wogenfall des Bingerloches durch die Stille donnerte, da fühlte er, wie er dem ganzen Lande angehörte; wie seine Arme erstarkten, indem er spielend die Flut bezwang an einer Stelle, wo die Strömung reißend den gefährlichen Felsenbänken entgegenschießt; und wie in seine Schultern die Kraft strömte, das Schicksal des geliebten Landes zu tragen …

Aber nur die murmelnden Wogen, die der Wiegengesang des Lebens sind, vernahmen, wie es ihn, reingebadet von Druck und Zweifel, betend erfüllte: In sein Wirken hineinzutragen und nie zu verlieren, was er, in der lichten Dunkelheit schwimmend, in weiten Armen hielt! Mit den Füßen im Bodenlosen schwebend auch am Tische des Rates! Aus der Urtiefe des Elementes das Wort hinaufzurufen und die Tat zu schwingen – die wilde Woge im Blut und Sternengüte, Ruinenschweigen und Donner der Gegenwart, Felsenfinster und streichelnden Wind! Und das Segel des Staatsschiffes zu bewegen mit dem Sturmodem des ganzen Weltzaubers, der allein an die Küsten des Lebens bläst! …

Als er ans Ufer stieg, saß der weiße Pudel, der den Weg zu dem leeren Nachen gefunden, auf seinen Kleidern und erkannte ihn erst, als der Riese sich wieder in der Maske des bürgerlichen Rockes verborgen hatte und, während das Flämmchen der fernen Lichtboje auf den Wassern tanzte, schweigend im Dunkel neben ihm schritt.


Ein Anekdotenkreis aus dem Kriege