Gottfried Keller und der freche Student

Von Karl Henckell

Gottfried Keller, berühmter Dichter und Alt-Staatsschreiber von Zürich, saß wie allabendlich gewohnt im geräumigen »Pfauen«, nahe seinem schwesterlich betreuten Junggesellenheim am Hottinger Zeltweg, und trank mit beschaulichem Behagen ganz langsam sein wohlverdientes Schöppli Roten, unauffällig angesehen, als ein echt bürgerlich schweizerischer Hafis und Homeros inmitten seiner frohmütig-grillig gemischten Seldwyler. Sein großes Sinnier- und Fabulierhaupt mit der stark ausladenden Stirn nur wenig vorgeneigt, in der linken Hand die brennende Zigarre, die rechte leicht zur Faust geballt auf den stämmig breitwinkligen Oberschenkel gestützt, lugte der untersetzte Mann unter der Brille durch mit bedächtigem Ernst vor sich nieder und schwieg anhaltend bedeutsam in seinen aschgrauen Vollbart hinein.

Mit energisch zurückgelehntem Oberkörper überragte ihn gegenüber am selben Tisch in strammer Haltung sein hochansehnlicher Basler Landsmann und sozusagen Dichterkollege von der malenden Fakultät – seiner eigenen Jugendliebe – Arnold Böcklin.

Dessen vorwuchtende Augenknochen und bismarckisch pupillenfester Blick, die kurz auftrotzende Haarwelle vorn und der fast verächtlich hochgestrichene Schnurrbart zeugten, wiewohl heute zur ausgeglichenen Überlegenheit gemildert, von rauhem Künstlerkampf und Schicksalsgang stürmisch heldenhafter Jahrzehnte. Böcklin schaute klar und gerade vor sich aus, wie auf ein fernes Ziel innenäugiger Vorstellung zu, nicht getrübt durch weltfremde Schwärmerei, nur durch seelische Sammlung weltunbeirrt, schaute, schaute und schwieg, des heimlichen Sichverstehens mit dem bewährten Freunde und Trinkgenossen sicher, in den allmählich immer dunstiger werdenden gefüllten Wirtshaussaal hinein.

Da platzte plötzlich vom Nebentisch, dem Keller seinen episch breiten Rücken zukehrte, eine dramatische Lärmbombe prasselnd in die Luft:

»Laßt mich gefälligst mit diesem hochtrabend langweiligen Schiller in Ruh!« zeterte mit greller Stimme ein geschniegeltes junges Herrchen und, wie sich nachher herausstellte, frischgebackenes Studentlein beider Rechte, dessen Stirn freilich mehr auf kantige Sinnesenge als auf kantische Geistesweite schließen ließ, während der ausgiebige Mund sein Werk geräuschvoll verrichtete und vor allem eine unsagbar abschätzige Mundfalte dem aufgeblähten Gesicht den Stempel hemmungsloser Arroganz aufprägte.

»Das war doch der größte rhetorische Phrasenheld, der sich denken läßt, ein moraltriefender theatralischer Fanfarenbläser, nichts weiter, ein bombastischer Stelzengänger und Marquis Posa mühselig hochgepumpter Redensarten, ein selbstberauschter Wolkenkuckucksheimer, der mit seinem aufgedonnerten Jambenschwulst und seiner pathetischen Sentimentalität, mit seinem windigen kosmopolitischen Humanitätsdusel den kraftvoll und zielbewußt realistischen Sinn der deutschen Jugend auf mindestens ein Jahrhundert verpfuscht und verdorben hat … Ich habe gerade heute zum schwarzen Kaffee eine wirklich erstklassige, epochemachende Broschüre darüber gelesen, einfach katastrophal vernichtend für euren Idealgötzen, vom konsequent naturalistischen Standpunkt aus …« es zischte, spritzte und sprudelte dem pausbäckigen Bürschlein nur so heraus, daß seine Kameraden im Wortgeplänkel ihm gänzlich den Lauf lassen mußten und sich betreten ob der lauten Generalverdonnerung des karikierten Genius am Kragen zupften, wobei sie rings verlegene Blicke umherirren ließen.

Meister Gottfried, der während des frech-gewaltigen Geredes sich nur einmal, allerdings ziemlich verdächtig, nach dem Sprecher umgedreht hatte, tat noch einen letzten Zug, brummte zu Böcklin: »Sei so gut!« und legte den Zigarrenrest auf den näher geschobenen Aschenbecher behutsam ab. Auf einmal schoß ihm eine Blutwelle zu Kopf, rot wie der Seewein, die Zornesader schwoll: »So'n Scheißjunge, chaibe!« Er zerknüllte mit der Rechten sein Taschentuch und steckte es heftig in die hintere Rocktasche. Böcklin murmelte gelassen bremsend, leichthin: »Laß den Bengel!« Doch schon war der »gesatzliche« annähernde Siebziger wie ein Jüngling emporgeschnellt, rückte auf seinen kurzen Beinen mit dräuendem Schicksalstempo wutbebend auf den Nebentisch los und versetzte mit dem lakonischen Begleitspruch: »Ehrfurcht, Mosjöh!« dem rosig winkenden Bäcklein des Schillerzerschmetterers einen saftigen Streich von klatschender, klassisch-naturalistischer Wahrheit und Lebensgewalt.

Schleunig und scheu, selbst ohne zu zahlen, wie ein schmählich gezüchtigter armer Sünder und unfreiwilliger Zechpreller, drückte sich der zukünftige Anwalt der Gerechtigkeit lautlos seitwärts zur Nebentüre hinaus.

Gottfried Keller aber, ohne sich irgend umzusehen, kehrte von seinem handgreiflichen dichterpädagogischen Streifzuge zu seinem Tische zurück und pflanzte sich mit idyllischer Gemächlichkeit auf seinen warmen Platz, wo schon ein neues Schöpplein des wieder völlig beruhigten trinkfesten Altmeisters herzenskundiger und weltweiser Erzählungskunst harrte. Böcklin nickte bloß bestätigend: »Gut so!«, die Hottinger Seßhaften steckten, den jüngsten »Streich« ihres eigenlaunigen Ehrenbürgers einen Augenblick neugierig beschwatzend, die Köpfe enger zusammen, und ein »hierorts« unbekannter, gründeutscher Dichterstudent lachte in der Ecke verständnisvoll beifällig in sich hinein, wozu er ein Glas bräunlich mißfarbenen, aber prickelnd süßen »Sausers im Stadium« stillvergnügt hinunterschlürfte.