In einem Seminar – –
Von Felix Freiherr von Stenglin
Es war zur Zeit, als die Prüfungsarbeiten der Seminaristen bevorstanden.
In diesen Jünglingen gärte es wie in jungem Wein. Am Tore des Lebens, in dem sie nie geahnte Taten zu vollbringen gedachten, empfanden sie mit Grimm den täglichen Zwang, dem sie noch immer ausgesetzt waren, und gelegentlich brach sich die Urnatur in rücksichtslosester Weise Bahn. Einige Lehrer (aber sehr wenige) ließen sie gelten, andere sahen sie als ihre persönlichen Feinde an. Der Direktor aber war in ihren Augen ein Pedant, dem sie mit Vergnügen den größten Schabernack gespielt hätten. Ein Pedant! Was lag alles in diesem Worte!
Ihre Vorgänger hatten es ähnlich getrieben wie sie. Besonders hatte man auch früher schon alle List und Tücke daran gesetzt, sich vor dem Examen die Prüfungsarbeiten zu beschaffen, denn so kühn und selbstbewußt diese jungen Leute auch in die Welt sehen mochten, bei der Prüfung vertrauten sie doch lieber sicheren Tatsachen, als der unbestimmten eignen Kraft.
Das Dienstmädchen des Direktors war in diesen Zeiten eine umworbene Persönlichkeit. Diesmal gelang es einem gewissen P., zarte Beziehungen zu ihr anzuknüpfen und sich die Schlüssel zu dem Zimmer des Direktors zu verschaffen. Er geht über Leichen, sagten seine Kameraden von ihm. Der Schreibtischschlüssel lag an einem bestimmten Platze, das hatte man herausbekommen; es galt also nur, unbemerkt einzudringen, die Aufgaben abzuschreiben und alsbald wieder zu verschwinden.
In der Nacht schlich also P., mit einer Blendlaterne und einem Notizbuch bewaffnet, in das Allerheiligste. Er fand den Schlüssel zum Schreibtisch, öffnete das inhaltreiche rechte Schubfach, entnahm ihm ein Päckchen mit Papieren – und siehe da, obenauf lag der Zettel mit den Aufgaben. Der »Pedant« war also immer noch nicht vorsichtig genug gewesen!
Mit fliegender Hast schreibt der Eindringling beim Schein der Blendlaterne die Aufgaben ab. Schon ist er bis ans Ende gelangt, als er Schritte hört. Schnell wirft er die Papiere wieder ins Schubfach, schiebt es zu, legt den Schlüssel fort, löscht die Blendlaterne und will entfliehen. Er hat aber nur noch so viel Zeit, unter den großen Tisch in der Mitte des Zimmers zu kriechen, dessen Decke fast bis auf den Fußboden reicht. Die Tür öffnet sich; ein Licht in der Hand, in einem großen Schlafrock, schlurft der Direktor über die Schwelle. P. ist ganz von der Decke verborgen und verhält sich mäuschenstill.
Der Direktor bleibt stehen und sieht sich um. Er scheint zweifelhaft zu werden, ob er wirklich etwas gehört habe. Der Seminarist glaubt schon, die Gefahr sei vorüber, als der Zipfel der Tischdecke leise hochgehoben wird, und das Licht sich dem Fußboden nähert. Schnell pustet er es aus. Der Direktor wirft den Leuchter fort und packt den Eindringling gerade noch, als er entwischen will. Der will sich frei machen, und es kommt zu einem stummen Ringen Mann gegen Mann. Es widersteht dem Direktor, Hilfe herbeizurufen. Daß er sich hier mit einem Seminaristen balgt, darf nach seiner Meinung nicht an die große Glocke gehängt werden, es wäre blamabel. Aber er fühlt, daß seine Kräfte nachlassen, und daß der junge Mensch ihm im nächsten Augenblick entgleiten wird. Und wie dann den Täter herausbekommen? Da hat er den glücklichen Einfall, ihn mit den Nägeln der rechten Hand im Gesicht zu zeichnen, er kratzt ihm ein paar scharfe Striemen über die linke Wange. Dann läßt er ihn laufen.
Am nächsten Morgen im Betsaal nähert sich der Direktor von links her der Reihe der Prüflinge. Da geht ein teuflisches Lächeln über seine Züge. Im linken Flügelmann hat er den Täter entdeckt. Doch gleich darauf erstarren seine Züge zu Stein – –
Alle Prüflinge ohne Ausnahme haben drei Nägelspuren auf ihrer linken Wange.