Zum Eingang
Der Versuch, die im deutschsprachigen Schrifttum auf dem Gebiet der Anekdote wirkenden Kräfte in einem Sammelbuch aufzuzeigen, erschien in manchem Betracht von Wert. Er wurde unternommen im vollen Bewußtsein seiner Schwierigkeit; hat sich doch die einst so klare Form der Anekdote dem großen Wandlungsvorgang der Zeit nicht entziehen können. Daß solche Wandlung große Gebiete des Stofflichen umfaßt, wird man als eine aus verändertem Zeitbild organisch erwachsene Ausweitung würdigen und begrüßen; daß aber die Bestimmtheit der Form sich verwischte und heute so manches als Anekdote ohne Recht sich ausgibt, – das scheint eine Abgrenzung der Anekdote gegen andere Kunstformen nötig zu machen. Es sei versucht, von der Kennzeichnung ihres Wesens zu ihrer Wertung vorzudringen.
Die Anekdote ist die gedrängte, unbedingt in sich gerundete Darstellung eines Vorganges von irgendwie kennzeichnender Bedeutung, – gleichgültig, ob kennzeichnend für eine bekannte Persönlichkeit, für einen Einzelmenschen, einen Menschentypus oder nur als Vorgang an sich. Sie ist nicht Ausmalung, Betrachtung, Stimmung, sondern Leben, Bewegung, Handlung. Das umrankende Beiwerk darf, sparsam verwandt, nicht die klaren, sicheren Linien des fortschreitenden Geschehens überwuchern; es darf nur dazu dienen, die plastische Wesenheit der Handlung zu erhöhen, die Farben mit lebendiger Leuchtkraft zu untermalen. Alles dient nur der Weiterführung des Geschehens, dem fortschreitenden Vordringen zu Wesen und Sinn; alles steht für sich selbst ohne breite, nachdenkliche Erläuterung da, die Klarheit bedarf keiner Erklärung und Erklügelung. Die Anekdote ist ein unbestechlicher Spiegel des Lebendigen; darum habe ich dieses Buch »Der Spiegel« benannt. Wie ein Spiegel dem Betrachter einen fest umrissenen Ausschnitt aus einem Geschehen körperhaft zeigt, so auch die Anekdote. Man hat sie mit einer Zeichnung verglichen. Darin liegt viel Richtiges, wenn man die Zeichnung als Ganzes und Fertiges betrachtet, – und doch kann der Vergleich irreführen. Denn die Technik des Anekdotenerzählers ist im wesentlichen eine andere als die des Zeichners. Dieser baut aus Linien ein Bild auf, das die zur Reglosigkeit erstarrte Plastik einer Situation wiedergibt, und erst die weiterschaffende Phantasie des Beschauers flößt ihm Leben ein. Ich erinnere z. B. an die Zeichnungen Menzels; sie sind in ihrer plastischen Kraft gewissermaßen Stoffe zu Anekdoten, und der Betrachter schöpft aus ihnen die Anregung zur Vervollständigung des linienscharf erfaßten Vorganges. Der Anekdotenerzähler aber packt mit sicherem Griff ein Lebendiges und läßt es durch Tun und Gebärde sein Wesen ausprägen. Zur langsam strichelnden Stimmungsergänzung bleibt ihm wenig Zeit, das drängende Tempo reißt ihn wie seinen Leser fort.
Das führt abermals auf den »Spiegel«-Vergleich, und diesmal tiefer. Die Anekdote kann sich nicht auf die ausführliche und betrachtende Zerlegung seelischer Vorgänge einlassen. Diese Vorgänge sollen aus dem Geschehnis, das den Leser zum Nachdenken zwingt, erhellen. Auch der Spiegel liefert dem Beschauer Merkmal und Ausdruck des Seelischen und überläßt ihm die Folgerung daraus. Und weiter: Er fängt mit dem Handelnden zugleich auch seine Umgebung auf; aber von diesem Beiwerk wird auch nur dem eine wesentliche Rolle zufallen, das dazu dienen kann, den Vorgang zu begründen und zu unterstreichen, ihn zu erklären und zu ergänzen – soweit ihm das überhaupt gegeben ist. So wird auch der Anekdotenerzähler vom »Milieu« in knappen, aber scharf und körperhaft bildenden Worten nur das erstehen lassen, was seinem Vorwurf farbigen Hintergrund gibt und den Fluß der Handlung weiterleitet.
Gewiß wird der »Spiegel«-Vergleich auch in anderen Fällen zutreffen; auch Satire etwa und Groteske können Spiegelungen sein, aber sie müssen um ihres Zweckes willen die Linien verstärken, verzerren, übertreiben. Die Anekdote ist aus dem Wirklichen erwachsen; Leben schaffen und wirken lassen nur durch seine Kraft ist ihr einziger Zweck. Ein alter Irrtum verlangt von ihr, daß sie zum Lachen reizen soll; auch das kann ihre Folge sein, aber die Verallgemeinerung solcher Forderung ist natürlich unsinnig.
Den Vorwurf formalistischer Engherzigkeit, den man mir nach alledem vielleicht entgegenhält, wird man fallen lassen, wenn man erkannt hat, daß gerade hier dem wirklichen Künstler die klare Umreißung des Formbegriffs Schaffensvorbedingung ist. Und solche Beschränkung ist keine Enge; sie eröffnet das Feld für den stärksten Einsatz gestaltender Kraft, sie fordert eine gezügelte, aber gerade darum ganze und bedingungslos sich einsetzende Kunst. Sie belohnt den Bildner tausendfach durch die Freude am schöpferischen Wort, am lebenzeugenden Stil, am schönen, festen Gefüge des unverrückbar dastehenden Ganzen. Ihr Beherrscher wird sich aus eigener Kraft vom »Rezept« freimachen und in der strengen Form ein in sich vollendetes Mittel zur Geltendmachung seines Willens sehen; er wird auch ohne Schwanken darüber entscheiden, welche Möglichkeiten sich ihm auftun, wo die Grenzen liegen, bis zu denen er seine Kraft spielen lassen kann. Und aus solcher Meisterung, solcher unbeirrbaren Blickschärfe wird ihm ein Gewinn erstehen, der weit über den Sonderfall hinaus in anderen Formen der Kunst sich auswirkt.
Soweit der Versuch zur Festlegung des Programmatischen. Ich erhebe nicht den Anspruch, Abschließendes gesagt zu haben; ich bin mir auch durchaus bewußt, daß dieses Buch, rein als Auswahl genommen, diese oder jene Anforderung unerfüllt läßt, da es in seiner anthologischen Eigenart einen ersten Schritt in unbegangenes Gebiet tut. Der Einladung, die ich an die hier vereinigten berufenen Erzähler ergehen ließ, lag die Absicht zugrunde, das Problem von recht vielen Seiten zu beleuchten und den Mitarbeitern die Möglichkeit zu schaffen, ihrer Auffassung durch das Beispiel Ausdruck zu geben. Darüber hinaus wird sich vielleicht über als wichtig erkannte Formprobleme eine Aussprache entspinnen, die (soweit das denkbar ist) zur Klarheit führt. Wenn aber der »Spiegel« diese Schattierungen in der Auffassung anschaulich macht, und wenn er durch den stets beobachteten einigenden Gesichtspunkt des Gewählten und die aus der Vielheit des Inhalts ganz unverkennbar sich abhebende Einheit der Grundlinien die Wirkung hat, eine als Kunstform nicht mehr nach Gebühr geachtete Erzählungsgattung wieder in ihre Rechte einsetzen zu helfen, so ist sein Zweck erreicht.
Warum dieses Buch der Lebendigen dem Andenken eines seit langem Toten gewidmet ist? Weil in der klaren, urwüchsigen Kraft der Hebelschen Anekdoten ein zeitloser Wert an lebensstarker, herzhafter Kunst und weltfrohem Menschentum steckt; weil wir Heutigen, die wir eigene Wege gehen und gehen sollen, diesem deutschen Erzähler Dank und Achtung schulden wegen der helläugigen Geradheit und aufrechten Schlichtheit seiner Geschichten.
Es bleibt mir noch die gern erfüllte Pflicht, allen, Mitarbeitern und Verlegern, die durch Beiträge und Nachdruckserlaubnis zu dem Buche beisteuerten, auch hier herzlichen Dank zu sagen.
Bremen, im Januar 1918.
Karl Lerbs
Von allerlei Leuten