Siebentes Capitel.

Als ich erwachte, war es hoher Mittag, und ich fühlte mich an allen Gliedern gelähmt. Nur mit Mühe vermochte ich mich loszubinden, worauf meine traurige Wanderung weiter gieng. Der Weg war mit feinem aschfarbenem Sande bedeckt, der mir bei jedem Schritte entgegenflog; daher ich von heftigem Durste gepeinigt ward. Zum Glück kam ich endlich an einen Bach, wo ich den Rest meines Arrakes mit Wasser vermischte, und so ein kühlendes Getränk erhielt. Unterdessen zogen am Horizonte furchtbare Gewitterwolken auf. Ich eilte daher, einen großen schattigen Baum zu erreichen, den ich in einiger Entfernung vor mir sah.

Es mochte ungefähr um sechs Uhr Abends seyn, als ich glücklich auf dieser Stelle ankam. Sofort bratete ich mir einige gefundene Schnecken, und kletterte dann auf den Baum, wo ich mich wie gewöhnlich mit dem Taue anband. Kaum hatte ich indessen einige Stunden geschlafen; als ich aus einem schrecklichen Traume erwachte, und mich über und über von Feuer umgeben sah. Das furchtbarste Ungewitter war losgebrochen; der ganze Himmel ein wallendes Flammenmeer. Mit unsäglicher Heftigkeit raste der Sturm in den Aesten, und warf mich wie einen Ball hin und her. Den Kopf auf die Knie gestüzt, schloß ich die Augen, und brachte den Rest der Nacht in einer Art Betäubung zu.

Der Tag brach an; der Regen hörte auf, der Himmel ward heiter, und alles glänzte in goldnem Sonnenlicht. Ich trocknete meine durchnäßten Kleider, und machte mich auf den Weg. Allmählig lief der Canal nach Osten, eine Richtung, die sehr erfreulich für mich war. Voll Muth und Hoffnung wanderte ich so bis Nachmittags um 3 Uhr fort. Plözlich stand ich vor einer hohen Felsenwand, die mir den Weg verschloß.

Keine Möglichkeit weiter zu kommen, es mußte denn von Seite des Waldes gewesen seyn. Ich beschloß es daher zu versuchen, und drang auch wirklich zwischen zwei Dornengebüschen durch. Doch in dem Augenblicke schoß eine ungeheure Schlange auf mich los. Wohin sollte ich fliehen? Nirgends mehr Rettung für mich! Rechts hatte ich den Canal, links das Ungeheuer, vor mir die hohe Felsenwand. Ohne zu wissen, warum, eilte ich indessen den vorigen Weg wieder nach derselben zurück.

Unterdessen war die Schlange immer näher gekommen, und kaum war sie noch drei bis vier Fuß von mir entfernt. In dieser entsezlichen Lage folgte ich blos meiner Verzweiflung, und sprang, wie wahnsinnig auf ein hervorragendes Felsenstück. Von diesem arbeitete ich mich, ohne zu wissen wie, allmählich höher hinauf, bis ich endlich oben war. Jezt aber sank ich ermattet zu Boden, und lag eine gute Weile, ehe ich wieder zu mir kam.

Als ich die Augen aufschlug, und in die Tiefe richtete, sah ich die fünfzig Fuß lange Schlange, die sich langsam in den Wald zurück begab. Aber zu gleicher Zeit bemerkte ich mit großem Schmerze, daß mein ganzes Reisegeräthe verloren war. Ich fühlte, daß meine Lage doppelt elend werden mußte, und überließ mich der Verzweiflung. Wohin ich blickte, sah ich ein Felsenchaos vor mir, in dessen Mitte sich ein furchtbarer Abgrund befand.

Der Abend dämmerte; ich suchte in meinen Taschen, und fand zu meiner großen Freude noch ein Stück Zwieback und mein Feuerzeug. Von wilden Thieren war in dieser Einöde nichts zu fürchten; ich machte daher blos Feuer zur Vertreibung des Gewürmes an. So nahm ich mein Lager auf dem harten Boden, mein Haupt an die Felsen gelehnt. Alles war still und öde um mich; ach! diese Wüste schien mein eigenes Grab zu seyn.

Achtes Capitel.

Am folgenden Morgen neues Erwachen; neue Noth. Mein ganzes Frühstück bestand in ein wenig Regenwasser, das ich in einer kleinen Felsenhöhlung fand. Mühsam schleppte ich mich nun in diesem Labyrinthe fort; bis ich endlich gegen Mittag an dem Fuße eines hohen steilen Berges ankam, der mir abermals den Weg verschloß. Indessen nahm ich allen meinen Muth und meine Kraft zusammen, denselben zu erklimmen, in der festen Hoffnung, jenseits werde das Ziel meiner Leiden seyn. Doch wie groß war mein Entsetzen, als ich mich endlich auf dem Gipfel befand, und nichts erblickte, als ein ödes, wildes, mit Klippen besäetes Thal!

Es mochte zwei Uhr Nachmittags seyn; ich war gänzlich erschöpft, und sah mich vergebens nach etwas Nahrung um. Als ich so da saß, erblickte ich eine kleine Schlange, die begierig hinter einer Eidechse herschoß. Ich zerschmetterte die erstere mit einem Steine, schnitt ihr, des Giftes wegen, den Kopf ab, und bereitete mir ein gutes Mahl von ihr. So ist die Existenz der Wesen verknüpft; ein ewiger Kampf der Kräfte, wo eine der andern Opfer ist!

Der Berg war auf dieser Seite fast senkrecht abgeschnitten, und der ganze Abhang mit spitzigen Klippen bedeckt. Gleichwohl mußte ich das Thal zu erreichen suchen, ehe mich auf dem Gipfel die Nacht überfiel. — »Nun, wie Gott will!« — sagte zu mir selbst, sezte den rechten Fuß vorwärts, klammerte mich mit den Händen an, und fand, daß das Herabsteigen wenigstens nicht unmöglich war. Mit unsäglicher Mühe arbeitete ich mich nun immer tiefer und tiefer hinab. Doch die Hand des Allmächtigen leitete mich sicher neben dem Abgrunde hin. So kam ich glücklich an dem Fuße des Berges an.

Als ich das Thal genauer betrachtete, bemerkte ich einen Canal, der aber blos in der Mitte, und selbst da nur ganz dünn mit Gesträuch bewachsen war. Allein, da es düster zu werden anfieng, beschloß ich in einer Felsenhöhle zu übernachten, wo ich zum Glück einige Vogeleier fand. Am folgenden Morgen erquickte ich mich mit etwas Regenwasser, und wanderte anfangs eine gute Strecke längs des Canals hin. Endlich kam ich an eine Stelle, wo der Rand eingestürzt, und die Tiefe zur Hälfte damit ausgefüllt war. Fröhlich stieg ich hinunter, und kam bald auf der andern Seite an. Hier schlug ich einen Reiher nieder, der gebraten wenigstens eßbar war. Von nun an ward der Weg immer ebener, immer bequemer, so daß ich die Gebirge bald sehr weit hinter mir sah.

Am andern Morgen, am 16. August, trieb mich die brennende Sonne etwas tiefer in den Wald, der neben dem Wege hinlief. Unvermuthet finde ich einen gebahnten Weg, und plözlich werde ich frische Fußtapfen gewahr. Bald höre ich in der Entfernung Stimmen, und bald vernahm ich, daß es bekannte Töne sind. — Gott, welcher Augenblick! Es durchbebte mich, wie ein elektrischer Schlag. Ich wollte rufen, ich konnte es nicht. Da stürzte ich fort, und stand in wenig Minuten vor einem Haufen Singalesen, unter denen mein alter Freund Manioppu war.

Sie zogen nach Putlan, um Salz zu holen, wir waren nur noch drei Tagereisen davon entfernt. Nachdem ich daselbst eine Woche ausgeruht hatte, kehrte ich zu Wasser nach Jaffanapatnam zurück. Hier fand ich Gelegenheit ein äußerst vorteilhaftes Geschäft zu machen, wodurch mir mein ausgestandenes Elend sehr reichlich vergütet ward. Als nun endlich die Nachricht von dem Pariser Frieden ankam, hielt ich's fürs beste, wieder nach der Küste zurückzukehren, und kam nach einer sehr kurzen Fahrt, glücklich in Bimilipatnam an.

Neuntes Capitel.

Ein Jahr lang hatte ich hier meine Geschäfte mit vielem Erfolge betrieben, als ich mich, um dieselben noch mehr zu erweitern, zu einer Landreise nach Madras veranlaßt sah. Dieses geschah in einem Palankin. Man kann in der That durchaus nicht sicherer, bequemer und angenehmer reisen, als auf diese Art. Ein Palankin ist nämlich eine Art von Canapegestell, das ungefähr sieben Fuß lang, und drei Fuß breit zu seyn pflegt. Er hat einen mäßig hohen Rand, vier kleine Füße, und eine gewölbte Decke von Bambusrohr. Inwendig ist er mit einer weißen Matrazze und einigen Kissen belegt, während die Decke entweder mit Tuch oder Wachsleinwand überzogen wird.

In der Mitte dieses zeltartigen Daches, ist außerdem noch ein großes Stück grüner Cattun befestigt, das nach der Länge des Palankins, an beiden Seiten bis auf den Boden reichen muß. Bei Tage wird es aufgerollt, und in eine Wulst zusammengeknüpft; bei Nacht aber, wenn man in dem Palankin schläft, bildet es eine Art Bettvorhang. Ueberhaupt braucht man den Palankin gerade wie ein Canape.

Ein solcher Palankin wird von vier Männern getragen, denen noch vier andere zum Ablösen beigesellt sind. Zwei der Träger gehen vorn, zwei andere hinten, und jene wie diese halten den Palankin vermittelst eines Bambusrohres, das vorn und hinten mitten aus der Decke geht. Sie marschiren indessen nicht neben, sondern hinter einander, wobei das Bambusrohr auf der Schulter ruht. Da sie nun eine Art Takt im Schritte halten, den sie auch von Zeit zu Zeit mit der Stimme angeben, so ist die Bewegung eben so gleichförmig als angenehm. Man kann dabei lesen, schreiben, schlafen u. s. w. wie es einem beliebt. Wäsche, Vorräthe u. s. w. werden theils zu den Füßen, theils unter das Kopfkissen gepackt.

Es war vier Uhr Morgens — »Tschollo!« (Marsch!) — riefen meine Träger, nahmen den Palankin auf, und wanderten lustig die Straße entlang. Als wir Bimilipatnam im Rücken hatten, fieng es eben an vollends Tag zu werden, und überall flogen Schaaren von Krähen von den hohen schattigen Bäumen auf. Bald kamen wir bei einem schönen Mangabusche vorbei. Lieblich schimmerten die goldenen Früchte durch die dunkelgrünen glänzenden Blätter, und zwischen den freundlichen Aesten flatterten girrende Turteltauben herum.

Weiterhin holten wir eine Menge indischer Pilgrime von allen Sorten ein. Sie zogen sämmtlich nach dem heiligen Berge Schiemanchelom, den ich ebenfalls zu besehen willens war. Lange mußten wir zwischen diesen betenden und singenden Haufen bleiben, bis wir endlich das große schöne Thal erreichten, worin sich jener hohe steile Berg erhebt.

Eben sollte am folgenden Morgen das große Jahresfest beginnen, das immer neun Tage zu dauern pflegt. Der Zufluß von Menschen war daher außerordentlich. Nur mit Mühe fand ich noch einen schattigen Platz für meine Palankin, ruhte daselbst bis fünf Uhr, und stieg endlich den Berg auf einer breiten bequemen Treppe hinan. Das Thal, das kleine Dörfchen Chindopillie, der dabei befindliche See, u. s. w. alles bietet die mannichfaltigsten Aussichten dar.

Die ersten 430 Stufen hat man nichts als sanfte Abhänge neben sich. Plözlich aber stößt man auf einen steilen Felsenkranz, den man durch ein ausgehauenes Portal passirt. Von diesem Thore bis zum Gipfel werden noch 1160 Stufen gezählt. So wie man diesen erreicht hat, findet man das Dorf Schiemanchelom, und am südlichen Ende desselben den Tempel, der dem Gotte Appana geheiligt, und einer der ältesten in ganz Indien ist. In der Nähe desselben entspringt die heilige Quelle, die nach der Religion der Hindus für eben so wirksam wie das Wasser des Ganges gehalten wird. Kein Hindu darf sich dem Tempel nähern, wenn er sich nicht vorher in diesem Wasser gebadet, oder wenigstens seinen Kopf einige Minuten unter eine der fünf Adern gehalten hat. Das Gedränge um dieselben war daher außerordentlich, zumal da der ganze Badeplatz kaum hundert Schritt lang, und etwa halb so breit ist. Indessen fand dennoch die größte Ordnung, und das beste Betragen dabei statt. Einer half dem andern, einer machte dem andern Platz.

Noch bunter waren die Gruppen längs dem übrigen Wege, und auf dem Gipfel des Berges selbst. Zu beiden Seiten der Treppe ziehen sich nämlich schöne schattige Rasenplätze hin, wo die wandernde Masse von Zeit zu Zeit auszuruhen pflegt. Eben so ist es oben in der Nähe des Tempels, wo der ganze Haufen zusammentrifft. In dichten Kreisen knieten Männer und Weiber an dem Eingange des Heiligthums. Einige waren in tiefer Betrachtung; andere beteten mit stiller Lippenbewegung; noch andere stimmten Lobgesänge an. Die Luft war mit Weihrauchsdampf erfüllt; schöne Tänzerinnen scherzten mit ihren Liebhabern, und überall ertönten die Dools (Trommeln), und die Chelimbies (Becken).

Zehntes Capitel.

Es mochte ungefähr um vier Uhr Morgens seyn, als einer meiner Träger mich zu wecken kam. Noch war es völlig dunkel; gleichwohl hatte sich bereits der ganze Haufen Pilgrime in Bewegung gesezt. Das Geräusch glich dem dumpfen Donner eines Wasserfalles. Alles eilte nach dem Berge, der aufs prächtigste mit Fackeln und Pechkränzen erleuchtet war. Ich folgte dem Menschenstrome auf der von tausend Lichtern flammenden Treppen nach, verließ aber bald das Getümmel, um auf der andern Seite des Berges die Sonne aufgehen zu sehen. Nie habe ich eines schöneren Morgens, nie einer entzückenderen Aussicht genossen; alles war Licht und Klarheit, Leben und Herrlichkeit. Endlich stieg ich auf einem schattigen Fußpfade wieder in das Thal hinab, wo ich verabredetermaßen meinen Palankin fand.

Wir wendeten uns nun südöstlich, und kamen durch eine schön bebaute Ebene nach Nabob Pette, das zwar ein kleines, aber recht artiges Dörfchen ist. Hier hielten wir unser Mittagsessen in einem angenehmen Mangawäldchen, und sezten dann unsere Reise bis Dovigram, einem etwas seitwärts liegenden Dorfe fort, wo eine große und bequeme Chauderie befindlich ist. Unter den Reisenden, die sich bereits dort einlogirt hatten, fielen mir besonders zwei büßende Fakirs auf, wovon der eine ungefähr dreißig, der andere fünfzig Jahre alt war. Jener gieng völlig nackend, und trug in seinem Geschlechsgliede einen dicken und großen eisernen Ring. Der zweite hatte sich die entsezliche Buße aufgelegt, seine Arme und gefalteten Hände, hoch ausgestreckt, unaufhörlich über dem Kopfe zu halten, und es wirklich ausgeführt. Die Arme waren nun völlig steif geworden, und die Hände gleichsam in einander verwachsen, so daß alles ganz unbeweglich stand.

Als ich am andern Morgen in meinem Palankin erwachte, befand ich mich unvermuthet bereits zu Vizagapatnam. Meine Träger hatten ihn nämlich vorsichtig aufgenommen, und in der Kühle die Paar Stunden schnell zurückgelegt. Vizagapatnam ist eine Stadt, oder vielmehr ein Dorf mit einer englischen Factorei. Es ist ein unangenehmer, einsamer, trauriger Ort, der mitten zwischen kahlen Bergen, wie in einem Kessel liegt. Indessen hat es einen schiffbaren Fluß, und viele Baumwollenfabriken; auch sind die Einwohner wegen ihren feinen Elfenbeinarbeiten berühmt. Eben waren meine Geschäfte abgemacht, und ich wollte weiter reisen, als ich von einem Begräbnisse in der Nachbarschaft hörte, das ich mit anzusehen beschloß.

Es war zu Velur, nur anderthalb Stunden von Vizagapatnam. Eine junge Wittwe von der Caste der Chetries sollte sich mit dem Leichname ihres Mannes in einer Grube verbrennen, wie es im südlichen Theile von Coromandel auf einem Scheiterhaufen geschieht. Bei meiner Ankunft ward ich sogleich nach einem Hause gewiesen, wo die Wittwe in der Mitte ihrer sämmtlichen Verwandten, unter einer Art Baldachin saß. Es war ein junges wohlgebildetes Weib von höchstens ein und zwanzig Jahren, mit einer äußerst sanften Physiognomie. Sie bewegte die Lippen, wie eine Betende, theilte dann und wann unter ihre Verwandten Betel aus, und schien vollkommen gefaßt zu seyn. Ich betrachtete sie mit innigem Mitleid; bald aber zog mich die Menschenmasse nach dem zur Feierlichkeit bestimmten Platze fort.

Dieser lag außerhalb des Dorfes, ungefähr eine Viertelstunde davon. In der Mitte desselben befand sich eine Grube, die bei zehn Fuß Länge, acht Fuß breit und tief zu seyn schien. Sie war bereits mit einer großen Menge Kohlen angefüllt, dennoch warf man noch von allen Seiten Holz hinein. Endlich rückte der Leichenzug näher, rund um die Grube wurden Matten aufgehängt, und die ganze Masse der Zuschauer bildete einen unübersehbaren Kreis.

Die Wittwe war aufs prächtigste gekleidet, und überall mit Juwelen bedeckt. In der Hand hielt sie eine kleine, mit Gewürznelken besteckte Citrone, woran sie bisweilen zu riechen schien. Neben und hinter ihr, giengen ihre Verwandten, mit mehrern Braminen, und eine Menge Weiber beschloß den Zug. In einer gewissen Entfernung von der Grube ward Halt gemacht. Die Wittwe legte ihre Prachtgewänder und Juwelen ab, badete sich in dem benachbarten Weiher, den ein dichter Kreis von Freundinnen umschloß, und kam endlich in einem ganz einfachen weißen Gewande zurück. So gieng der Zug bis in die Nähe der Grube, an deren Rande der Leichnam des Mannes auf einer Bahre lag.

Als die Wittwe hier angekommen war, blieb sie einige Augenblicke davor stehen, sah ihn mit zärtlichen Blicken an, schlug sich vor die Brust, und brach in Thränen aus. Zulezt verbeugte sie sich, verließ die Bahre, und gieng dreimal um die Grube herum, wobei sie nie den Leichnam zu begrüßen vergaß. Jezt bei dem Leztenmale blieb sie wieder davor stehen; wendete sich zu ihren Verwandten; nahm mit völliger Ruhe Abschied von ihnen; empfieng von einem Braminen einen Krug mit Oel; goß etwas davon auf den Leichnam; sezte sich das Gefäß auf den Kopf; rief dreimal mit lauter Stimme: Naraina! (Gott) und sprang dann muthig in das brennende Grab hinein. Man hatte in demselben Momente die Matten fallen lassen; zu gleicher Zeit ward auch der Leichnam hineingeworfen, und alles mit tausend bereit gehaltenen Bränden bedeckt. Hoch schlugen die knisternden Flammen in die Lüfte empor, und die Weiber erhoben unter dem Lärm der Trommeln, Trompeten und Becken, ein gräßliches Freudengeschrei.

So sehr ich überzeugt war, daß die Unglückliche sogleich erstickt seyn mußte; so machte das Ganze dennoch einen sehr schmerzhaften Eindruck auf mich. Ich verließ den Platz, und trat meinen Rückweg nach Vizagapatnam an. Schon war es dunkel geworden, und in tiefen Gedanken wanderte ich wohl eine Stunde fort, bis ich endlich bemerkte, daß ich auf dem unrechten Wege war. Ein guter alter Mann, den ich eben einholte, bestätigte mir dieses, rieth mir nach Velur zurückzugehen, und zeigte mir einen kürzeren Fußsteig dahin. Ich kehrte demnach um, gieng einige Zeit auf diesem Fußsteige fort, glaubte aber bald in der Entfernung einige Lichter zu sehen, und beschloß geradesweges darauf zuzugehen. Doch die Lichter verschwanden, und ich fühlte mit Entsetzen, daß der Boden unter mir wich. Vergebens suchte ich mich an einem Busche festzuhalten; der Ast brach, und ich stürzte in einen tiefen Abgrund hinab.

Eilftes Capitel.

Als ich wieder zu mir kam, spürte ich in meiner Nähe einen scheußlichen Verwesungsgeruch. Es war ein todter Büffel, auf dem ich lag. Hastig raffte ich mich auf, und starrte verzweiflungsvoll in die undurchdringliche Finsterniß. Zorn und Wehmuth, Verdruß und Ungeduld; alle diese Empfindungen wechselten unaufhörlich in meiner Seele ab. Doch suchte ich mich endlich zu beruhigen, sezte mich auf den steinigten Boden nieder, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Der Tag brach an; die finstere Gruft erhellte sich; ich erwachte, und wurde mit Entsetzen mein ganzes Unglück gewahr. Ich befand mich nämlich in einer Höhle, die sich zu beiden Seiten tief in die Erde zu erstrecken schien. Aus dem Gewölbe war ein großes Stück eingebrochen, und durch diese Oeffnung fiel das Licht hinein. Die hohen Wände waren völlig steil, und auf allen Seiten gleich weit davon entfernt.

Was sollte ich thun? Die Gegend schien durchaus menschenleer. Dennoch beschloß ich zu rufen, und verstärkte die Stimme nach Möglichkeit. Allein vergebens, sie verhallte in dem ungeheuren Raume, der mich umgab. Der Tag vergieng, das tröstende Licht verschwand, und Finsterniß des Grabes hüllte mich abermals ein. Diese zweite Nacht war ungleich schrecklicher für mich. Tausende von Uhus flogen über meinem Kopfe aus und ein, und ganze Haufen heulender Schakals umringten die Oeffnung. So saß ich mehrere Stunden lang, bis endlich ein schwacher Mondstrahl in die Höhle fiel, und meine Stimmung etwas ruhiger ward. Bald darauf sank ich in tiefen Schlaf.

So vergieng die Nacht, und mit dem ersten Sonnenstrahle floß neue Hoffnung in mein Herz. Durch die Oeffnung aus der Höhle zu kommen, war unmöglich; aber durch einen der Seitengänge vielleicht einen Ausweg zu finden, schien, troz der Gefahren, eines Versuches werth. — »Wohlan!« — sagte ich zu mir selbst — »Wohlan! das Aeußerste gewagt!« — So raffte ich mich ungefähr um Mittag auf, und schlug den Weg in einen der düsteren Seitengänge ein.

So lange ich noch etwas Tageslicht hatte, gieng es ziemlich gut. Als aber auch der lezte Schimmer verschwand, hielt ich mit klopfendem Herzen an. Doch auch diesmal trug die Ueberlegung den Sieg davon, und so stürzte ich mich muthig in die unermeßliche Nacht hinein. Die einzige Vorsicht, die ich brauchte, war, mich Schritt vor Schritt an der Wand zu halten, und allen Biegungen derselben nachzugehen.

Der Boden war rauh, und ungleich. Steinhaufen, und einzelne Felsenstücke, Erhebungen und Vertiefungen wechselten unaufhörlich ab. Ich mußte den Weg unaufhörlich mit dem Hirschfänger untersuchen, und rückte daher nur langsam fort. So mochte ich mich ohngefähr zwei Stunden fortgearbeitet haben; als ich plözlich an etwas Bewegliches stieß. Ich befühlte es mit dem Fuße; es schienen Knochen zu seyn. Ich griff es an; es war ein Menschenskelett. Welche Entdeckung! — »Das Bild meines Schicksals!« — sagte ich zu mir selbst, und lehnte mich tief erschüttert an die Wand.

Unterdessen glaubte ich einiges Geräusch zu hören, und rufte laut durch die starrende Finsterniß. Zugleich verdoppelte ich meine Schritte, entschlossen, dem Tode, oder dem Leben entgegen zu gehen. Plözlich ward ich zwei kleine feurige Punkte gewahr. — Vielleicht eine Schlange die auf mich zugeschossen kam. — Aber die Punkte blieben unbeweglich; es schien von zwei Lampen zu seyn. In dem Augenblicke machte die Wand einen starken Abfall, und ich erblickte eine Felsenspalte, die vom glänzenden Abendrothe beleuchtet war. Eilends kappte ich das Gesträuch hinweg, zwang mich mit muthiger Brust hindurch, und athmete nun wie neue geschaffen, in der freien herrlichen Gotteswelt.

Die Sonne gieng unter, und im Purpurglanze lag die ganze liebliche Landschaft, und Vizagapatnam in geringer Entfernung vor mir. Ich eilte dahin, und ward mit großer Freude empfangen; jedermann hatte mich todt geglaubt. Es zeigte sich jezt, daß ich in einer der Höhlen gewesen war, die ehedem mit den Pagoden in Verbindung standen, und deren Eingänge nur noch wenigen Braminen bekannt sind.

Zwölftes Capitel.

Nach einigen Tagen Erholung brach ich von Vizagapatnam weiter auf. Die Hitze war groß, der Weg beschwerlich; mit Vergnügen hielt ich gegen Mittag in dem freundlichen Dörfchen Chieriepille an. Es liegt in einem reizenden Thale, ist mit einer Menge Obst- und Betelgärten umgeben, und hat eine der schönsten und bequemsten Chauderies, die mir vorgekommen sind. Wir fanden hier einen Wahrsager, dergleichen sind in Indien sehr häufig. Zum Spaß ließ ich mir auch die flache Hand besehen, und bekam eine Menge Glück und Segen gewünscht.

Man darf diesen Leuten kein Geld anbieten, weil ihnen dergleichen anzunehmen, nach ihren Geboten nicht erlaubt ist. Man giebt daher Cattun, Musselin u. s. w., auch wohl eine Portion Reis. Alle diese Effekten müssen sie aber erst neun Tage an ihrem Leibe herumtragen, ehe ihnen der Verkauf davon gestattet ist. Was sie dann an Geld dafür lösen, dürfen sie nehmen, weil es auf indirektem Wege gewonnen wird. Der arme Teufel in unserer Chauderie schien die lezten neun Tage über, gewaltig beschäftigt gewesen zu seyn. Er hatte eine solche Menge Zeug, Schnupftücher, Turbans u. s. w. an seinem Gürtel hängen, daß er wie eine wandernde Schnittwaaren-Bude aussah.

Um meine armen Träger zu schonen, beschloß ich erst am andern Morgen weiter zu gehen. Ich benuzte daher den lieblichen Abend zu einem Spaziergange in dem schönen Thale, das mit herrlichen grünenden Bergen eingefaßt ist. Mit einbrechender Dämmerung gieng ich nach meinem Palankin zurück, fand einen vortrefflichen Pillau von Hühnern, und Bananas in Eiern gebacken, zum Abendessen, und schlief endlich unter den Gesängen einiger reisenden Tänzerinnen ein.

Am andern Morgen gieng es nun rasch über Berg und Thal, durch eine Menge Dörfer bis zur Chauderie Darma-Oro, wo zu Mittag angehalten ward. Hier sah ich einen Pandarone oder Mönch, der jedem Reisenden auf Verlangen, einen Trunk Reiswasser (Canje) gab. Dies geschah, indem er es ihm aus einem kleinen kupfernen Topfe in die Hände goß. Kein Hindu pflegt nämlich ein Trinkgefäß an die Lippen zu setzen; er hält es vielmehr so, daß ihm das Wasser, wie ein kleiner Strahl in den Mund schießen muß. Da nun aber eine niedere Caste das Gefäß schon durch die bloße Berührung für eine höhere unrein machen kann, so giebt es der Pandarone lieber Niemanden in die Hand.

Wir reisten weiter, bekamen bald das Meer zu Gesicht, und langten Abends in einem Fischerdorfe hart am Strande an. Hier ward ich für eine Kleinigkeit mit einem Gericht trefflicher Seefische bewirthet, und konnte die Ankunft der Kattamarans mit großer Bequemlichkeit sehen. Es ist dies in der That ein Schauspiel, das der Mühe lohnt. Man erinnert sich, daß ein Kattamaran ein, fünfzehn bis zwanzig Fuß langes, Floß ist, das aus fünf Balken besteht.

Man weiß, daß immer zwei Männer darauf befindlich sind, wovon der eine vorn, der andere hinten zu rudern pflegt; eben so, daß bei günstigem Winde ein kleines Segel aufgespannt werden kann.

Die Sonne sank tiefer, und von allen Seiten eilten diese Fahrzeuge dem Ufer zu. Es war eine ganze, kleine Flotte, pfeilschnell flog sie zwischen den purpurnen Fluthen hindurch, von tausenden von Möwen umringt, und vom fröhlichen Gesange der Ruderer belebt. Bald näherte sie sich nun der Brandung, die bekanntlich an diesen Küsten ungeheuer ist. Schnell wurden die Segel gestrichen, und die Ruder eingetaucht; da flogen die Kattamarans in die tosenden Wogen hinein. Hier sah man einige auf der Spitze derselben, dort andere wie in einem Abgrunde schweben, der sich darüber zu schließen schien. Aber wenig Minuten, und die ganze Flotte flog in einem Augenblicke auf den sandigen Strand.

Wir hatten unser Nachtlager zwischen den Dünen genommen, wo die angenehmste Kühlung herrschte, und nichts von Moskitos zu fürchten war. Am folgenden Morgen fanden wir uns daher außerordentlich gestärkt, und legten die ganze Tagereise schneller als gewöhnlich zurück. Abends kamen wir bei einem Mangabusche an. Hier hatte sich bereits ein großer Haufen Reisender gelagert, um am folgenden Tage zusammen durch einen Wald zu ziehen, der nicht für ganz sicher gehalten ward. Da ich mit Schießgewehr versehen, und überdem ein Europäer war, so baten sie mich, sie anzuführen, wozu ich dann auch ganz willig war.

Mit Tagesanbruch machten wir uns demnach auf den Weg. Indessen stießen wir auf nichts, als eine Menge rother Affen, von denen der ganze Wald bevölkert war. Als wir denselben hinter uns hatten, nahm ich von meinen Gefährten Abschied, und stieg wieder in den Palankin. Der Weg gieng nun durch eine sehr reizende Landschaft, Dorf an Dorf, und alles mit Tamarinden-, Cocos- und ähnlichen Baumpflanzungen, so wie mit Betelgärten bedeckt. Jezt bekamen wir auch wieder das Meer zu sehen, und athmeten erquickende Kühlung ein.

Ich mußte die Nacht im Palankin zubringen; die ganze Chauderie war mit Kaschie-Kauris angefüllt. Es sind dies eine Art Mönche, die zehn, zwanzig, und mehrere zusammen, nach Kaschie (oder Bonares) wandern, dort Wasser aus dem Ganges holen, und damit beladen, in ihre Heimath zurückgehen. Sie füllen dies heilige Wasser in runde irdene Krüge, wovon jeder zwanzig bis fünf und zwanzig Kannen halten kann. Diese Krüge sind mit dickem Netzwerk umflochten, und mit einem kurzen Halse versehen, der sorgfältig vergipst und versiegelt wird. An dem Siegel des Oberpriesters von Bonares, so wie an dem Certificate jedes Pilgers, erkennt man, ob das Wasser ächt ist. Ein jeder Kaschie-Kauris trägt zwei Krüge, den einen vorn, den andern hinten, an einem Bambusrohr. Dies Wasser wird entweder an Tempel verschenkt, oder an reiche Hindus verkauft. Für leztere ist es ein Gegenstand eines religiösen Luxus. Man benezt Sterbenden Haupt und Lippen damit; giebt es aber auch bei großen Gastmählern herum.

Am folgenden Tage passirten wir die Stadt Mongletur, die auf indische Weise befestigt ist, und langten Abends ziemlich spät in Tallapalar an. Hier mußten wir die Chauderie einer Abtheilung englischer Srapoys überlassen, und trieben nur mit Mühe etwas zum Abendessen auf. Am nächsten Morgen gieng es vollends nach Mazulipatnam. Wir kamen dabei durch das Dorf Pakaat. Hier sah ich einen Barbier, der einen ziemlich dicken Bart, auf das allervollkommenste mit zwei — Glasscherben abnahm.

Dreizehntes Capitel.

Nachdem ich meine Geschäfte besorgt hatte, sezte ich meine Reise ohne Verzögerung fort. Vorher hatte sich noch ein Gefährte, ein gewisser holländischer Capitain, Namens Holtrop, zu mir gefunden, der nach dem Verluste seines Schiffes nach Madras zurückging. Wir kamen durch die Dörfer Okalgatta und Sorligatta, und nahmen unser Nachtlager in einer Chauderie hinter Naralcor. Der lezte Theil des Weges war äußerst angenehm; er lief durch eine fruchtbare Ebene, mit den mannigfaltigsten Pflanzungen bedeckt. Kaum hatten wir aber die Chauderie erreicht, als ein heftiges Ungewitter ausbrach. Da sich nun außer uns noch an sechzig Reisenden darin befanden, konnten wir allerdings nicht ohne Besorgnisse seyn. Indessen gieng alles glücklich vorüber, und nach einigen Stunden war der Himmel wieder völlig wolkenleer.

Unsere harmlosen Hindus hatten inzwischen nicht die mindeste Furcht gezeigt. Die Männer lasen oder sprachen; die Weiber und Mädchen schäkerten und kochten; die Kinder spielten mit unbefangener Fröhlichkeit fort. Nach dem Essen wurde erzählt und getanzt, und alles war voll Milde und Fröhlichkeit.

Die folgende Tagereise war entzückend schön; die ganze Landschaft blühte und grünte in üppiger Fruchtbarkeit. Wir giengen über den Kischtna, der in dieser Jahrszeit nicht besonders wasserreich war. Die Ueberfahrt ward wie gewöhnlich, in großen, runden, platten Körben gemacht. Diese Körbe haben ungefähr zwölf Fuß im Umfange, sind mit Leder überzogen, und werden mit Pagaien (kurzen Rudern) in Bewegung gesezt. Man muß sich indessen in diesen Körben sehr ruhig verhalten, indem sie beständig im Kreise drehen. Einige sind groß genug, um zehn bis zwölf Personen zu fassen; allein Hokkeries (indisches Fuhrwerk), Palankins u. s. w. werden niemals auf diese Art übergesezt. Hierzu bedient man sich der sogenannten Sangaries, welches ausgehölte Cocosstämme sind.

Wir ergözten uns während der Ueberfahrt an den herrlichen Uferansichten, und langten endlich in dem freundlichen Dorfe Kischtnapatnam an. Die Chauderie lag in der Nähe des Stromes, was uns der Kühlung wegen höchst willkommen war. Hier hörte ich zum erstenmale die melodischen Minkurwies (eine Art Wasservögel), die, wie man behauptet, in dem Kischtna ausschließend zu finden sind. Ich glaubte die Töne einer Aeolsharfe zu hören, und sank dabei in den süßesten Schlaf.

Nach einem stärkenden Morgenbade sezten wir unsere Reise weiter fort. Die Gegend war eben, und meistens mit Reis- und Gerstenfeldern bedeckt. Nur hie und da ragten aus den gelblichten Aehrenfluten einige glänzend grüne Hügel hervor. Dann folgte eine sandige, mit lichtem Tannengebüsch bedeckte Ebene, von einer Menge Schakals bewohnt. Endlich zeigte sich eine Reihe düsterer Cocoshaine, von Tausenden von Vögeln belebt. So langten wir um ein Uhr in Pampeton an. Dies ist ein großes volkreiches Dorf, das von einer Menge Betelgärten und Baumpflanzungen, Tamarinden und Arekagebüsche umringt ist.

Nachmittags kamen wir bei einer neuen Chauderie, und einem dem Goneisch (Gott der Andacht) geheiligten Tempel vorbei. Das Götzenbild lag indessen noch auf dem Boden; es fehlte noch das nothwendigste Erforderniß seiner Göttlichkeit. Dies waren die Augen, die immer erst der Oberpriester mit vielen Feierlichkeiten einsezt. So lange ein Götzenbild noch dieser entbehrt, wird es blos für einen gewöhnlichen Block angesehen.

Mit einbrechender Dämmerung kamen wir in einem großen, auf einer Anhöhe gelegenen Dorfe an. Hier quartierten wir uns in einer Trivasel (der kleinsten Art von Chauderies) ein, und fanden zu unserer Freude nur wenig Reisende darin. Allein da es bald darauf heftig zu regnen anfieng, kam in kurzem noch ein ganzer Schwarm dazu. Ich eilte daher mein Abendessen einzunehmen, ließ den Palankin unter einen dickblätterigen Baum stellen, streckte mich hinter den Vorhängen auf meine Matrazze hin, und schlief, troz der Clapper eines Reisfeldhüters, in wenig Minuten ein.

Am folgenden Morgen, das herrlichste Wetter, und alles voll Leben und Heiterkeit. Indessen begegnete mir schon in der ersten Stunde ein Unfall, der wenigstens meinen armen Trägern den ganzen Tag verdarb. Als ich nämlich einmal aus dem Palankin steigen wollte, ward ich einige Schritte vor mir eine ganz still liegende Brillenschlange gewahr; ich hielt sie für todt, und gieng unbesorgt darauf los. Allein wie groß war mein Entsetzen, als sie sich auf einmal mit glühenden Augen, geöffnetem Rachen und blitzender Zunge aufzurichten anfieng! Plözlich flog ich zurück, ergriff die Flinte und drückte los, worauf die Schlange nach einem benachbarten Busche kroch.

Unterdessen war auch Capitain Holtrop und mein Bedienter hinzugeeilt, jeder mit einem Hirschfänger in der Hand. Wir beschlossen den Busch anzuzünden, und auf die Schlange, die dann herauskommen mußte, vereinigt loszugehen. Bald stand der Busch in vollen Flammen, und noch immer erschien sie nicht. Schon glaubte ich mich geirrt zu haben, plözlich schoß sie zwischen meinen Füßen hindurch.

»Herr! Das bedeutet Unglück!« — riefen meine Träger mit kläglicher Stimme, und ich selbst war fast außer mir. Aus gleichem Aberglauben natürlich nicht; nur weil ich einer so großen Gefahr entgangen war. Meine Träger boten jezt alles auf, um mich zum Umkehren zu bewegen, allein ich gab durchaus nicht nach. So legten wir unsern gewöhnlichen Tagesmarsch zurück, und kamen mit Sonnenuntergang Wohlbehalten in Pariatschirli an.

Vierzehntes Capitel.

Unter der großen Menge anderer Reisenden, die sich allmählig in der Chauderie zu uns gesellten, befand sich auch ein Trupp herumziehender Tänzerinnen, Sutred-Haries genannt. Es waren ihrer sieben zusammen, wie gewöhnlich von ihrem Tanzmeister (Chelcinbikarea) und ihrem Musikanten (Juntries) begleitet. Nachdem sie sich in dem benachbarten Weiher gebadet, und ihre Tanzkleider angelegt hatten, kam die erste Tänzerin auf mich zu, überreichte mir einen Blumenstrauß und fragte, ob es mir gefällig sey, ihre Gesellschaft tanzen zu sehen. Ich erwiederte ihren Gruß, bestellte sie nach dem Abendessen wieder, und ward dafür von allen Anwesenden mit Danksagungen überhäuft. — »Der gute Herr! Der große Herr!« — tönte es in der ganzen Chauderie wieder; denn tanzen zu sehen, ist für die Hindus, besonders für das weibliche Geschlecht, ein höchst angenehmer Zeitvertreib. Kaum war ich nun mit dem Essen fertig, als alles die Matten bei Seite schaffte, und einen großen Kreis um mich schloß. Bald darauf erschienen die Tänzerinnen, hinter ihnen die Juntries. Die Musik fieng an; die lieblichen Nymphen entschleierten sich, und begangen den kunstreichsten Elfentanz. Sie waren aus Surate, das von jeher für den Geburtsort der schönsten und vorzüglichsten Tänzerinnen galt. Mit großem Vergnügen sah ich ihnen wohl eine Stunde zu.

Aber endlich war es Zeit aufzuhören; ich gab demnach das Zeichen dazu — »Genug, schöne Mädchen!« — sagte ich im indischen Stil — »Genug für diesmal! — Ihr habt mir mit eurem kunstreichen Tanze die höchste Genüge gethan, und mein Herz mit Entzücken erfüllt. Gewiß, Rhambe (die Göttin des Tanzes) selbst übertrifft euch nicht. Seyd ihr nicht zu sehr ermüdet, so vergönnt mir, daß ich nun auch eure lieblichen Stimmen hören kann!« — Dieses Lob gefiel ihnen außerordentlich, zumal, da es von einem Europäer kam. Sofort sezten sie sich in einen Halbkreis, und sangen mir eine der schönsten indischen Romanzen, die Liebesgeschichte des Prinzen Sondor, und der Prinzessin Biddrah vor. Dies dauerte bis Mitternacht. Endlich machte ich der ersten Sängerin ein angenehmes Geschenk, und entließ die ganze Truppe, höchst vergnügt über meine Freigebigkeit.

Alles eilte nun schlafen zu gehen, und ich selbst suchte meinen Palankin auf. Kaum hatte ich aber einige Minuten geschlummert, als ich durch ein leichtes Zupfen am Ueberhange wieder geweckt ward. — »Wer da?« — rufte ich, indem ich denselben aufhob. — »Ich bin es, mein Herr!« antwortete eine leise Stimme — »Die Daja (Aufwärterin) der Sutred-Haries (Tänzerinnen). Ich bringe euch tausend Grüße von dem lieblichen Mädchen, mit dem Kranze von weißen Rosen im Haar. Eure Freundlichkeit hat ihr Herz geöffnet, wie sich die Lilie der Sonne aufschließt. Empfangt diesen Betel; sie bereitete ihn selbst für euch. Sie sizt zu den Füßen eures Lagers und erwartet euren Befehl!« —

Das liebliche Mädchen mit dem Kranze von weißen Rosen war mir allerdings sehr erinnerlich. Es hatte bei seiner Jugend, Grazie und Schönheit, einen sehr lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Indessen kannte ich die reisenden Tänzerinnen etwas genauer, beschloß daher auf meiner Hut zu seyn, und fertigte die Daja mit einer ziemlich kalten Antwort ab.

»Wie, mein Herr!« — erwiederte sie lebhaft — »Ihr verschmäht die schöne Mamia? — Ich glaubte doch bemerkt zu haben, daß sie euch nicht gleichgültig war. — Was fürchtet ihr? — Sie ist mein liebstes Kind, und ihr seyd der erste, dem sie den Betel der Liebe[6] schickt.«

Ich mußte lächeln — »In Wahrheit?« — fragte ich etwas spöttisch — »Aber seyd so gut, und laßt mich mit eurem Kampaak in Ruhe, ich bitte euch darum.« — Sie verbeugte sich tief und gieng.

Als ich indessen am folgenden Morgen das schöne Mädchen noch einmal sah, ward ich in meinem Innersten gerührt. Wie viel Liebreiz! Welche Sehnsucht! Und welcher stille Schmerz! Ihre Augen schwammen in Thränen; sie wandte ihr Gesicht von mir ab, und verschleierte sich. Wir brachen auf, ich hoffte die Tänzerinnen nachkommen zu sehen; allein sie hatten andere Stationen gewählt.

Wir aßen Mittags zu Pondipitly, wo wegen eines Festes alles voll Fröhlichkeit war. Unter andern sahen wir einen Schonir (eine Art Bettelmönche), der die Flöte durch die Nase blies. Er steckte nämlich zwei kleine, ungefähr anderthalb Spannen lange, Flöten in die Nasenlöcher, und blies Prime und Secunde mit großer Fertigkeit darauf. Nachmittags kamen wir bei einem schönen Ala[7] vorbei. Er mochte ungefähr erst hundert Jahre alt seyn; gleichwohl bildete er mit seinen unzähligen herabhängenden Aesten bereits ein grünendes Gewölbe, das wenigstens tausend Schritte im Umfange hielt. Abends blieben wir in Palpatte, wo eine der größten Chauderies von ganz Indien ist.

Unsere lezte Tagereise bot wenig Merkwürdigkeiten dar. Wir begegneten einer anderen Truppe Tänzerinnen, und ich dachte lebhaft an die liebliche Mamia. Gegen fünf Uhr kamen wir in Carraconde an. Die Chauderie war bereits völlig besezt, wir lagerten uns daher in einem benachbarten Mangabusch. Um schneller Feuer zu bekommen, raffte ich einige trockene Baumblätter auf. In dem Augenblicke fühle ich einen stechenden Schmerz; ziehe die Hand zurück, sehe, daß eine schwärzliche Schlange daran hängt, und verliehre das Bewußtseyn.

Fünfzehntes Capitel.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Feuer, von meinen Trägern umringt. Sie fuhren fort, meinen Finger gegen die Flamme zu halten, um, wie sie glaubten, das Gift heraus zu ziehen; während bereits nach dem Schorpojan, oder Schlangenbeschwörer geschickt worden war. Bald darauf kam der Bote mit der Nachricht zurück, daß derselbe abwesend sey. Indessen brachte er dafür einen mohrischen Waitium (Arzt) mit. Dieser besah meinen Finger mit großer Aufmerksamkeit, und erklärte mir ohne Umschweife, daß ich allerdings nicht außer Gefahr sey. Indessen gab er mir einen Löffel von einer höchst bittern Latwerge ein, versprach den andern Tag wieder zu kommen, und nahm mit den Worten: Gott ist groß! (Tambrane meharse!) Abschied von mir.

Es währte keine halbe Stunde, als mich ein allgemeines Frösteln mit heftigem Schwindel überfiel — »Freunde!« — rief ich mit gebrochener Stimme. — »Es ist vorbei! Ich sterbe! Lebt wohl! Lebt alle wohl!« — Alle schwiegen und weinten; ich fühlte wie es immer düsterer um mich ward. Auf einmal hörte ich ein lautes Pfeifen neben mir. Ich schlug die Augen auf, und erblickte dieselbe Schlange, von der ich gebissen worden war. — »Das ist sie! Das ist sie!« — rief ich mit Entsetzen, während sie langsam an einem vom Feuer beleuchteten Stamme herunterkroch. Meine Leute betrachteten sie nun genauer, und versicherten einstimmig, daß sie nicht giftig sey. Mein Schwindel verlor sich; ich athmete mit leichterer Brust.

Indessen nahm der Schmerz am Finger außerordentlich zu. Bald zeigte sich der Anfang einer Entzündung, die allmählig die ganze Hand zu ergreifen schien. Ich beschloß daher, auf den eigenen Rath des Waitiums nach Naporlie zu gehen, wo ein berühmter Schorpojan wohnhaft war. Wir kamen an, aber leider befand er sich nicht mehr daselbst. In dieser verzweifelten Lage beschloß ich so schnell als möglich nach Madras zu eilen, und brach auch wirklich am folgenden Morgen in aller Frühe auf.

Aber welcher Unterschied! Meine Träger niedergeschlagen; ich von den heftigsten Schmerzen gequält; mein Reisegefährte ebenfalls krank. Schweigend und traurig zogen wir daher; das einförmige Hei! Hei! Hei! der Träger[8] war alles, was von Zeit zu Zeit die melancholische Stille unterbrach. So kamen wir Mittags nach Kalurie, wo wir ganze Heerden calecuttischer Hühner sahen, und übernachteten bei Madupatte unter Bäumen in freier Luft. Mein Schmerz war unerträglich; ich konnte keine Viertelstunde ruhen; wir machten uns daher noch vor Sonnenaufgang auf den Weg.

Der Boden ward sandiger, die Landschaft kahler, die Bevölkerung schwächer; alles kündigte die Nähe des Meeres an. Indessen fanden wir doch noch ein sehr schönes Dorf, Anenabob genannt, wo zu Mittag gegessen ward. Nachmittags passirten wir den Gondakama in einem Sangarie (hohlen Cocosstamme) und kamen Abends nach Pandalur, das ganz mit Betelgärten umgeben ist. Ich hatte eine sehr traurige Nacht. Gegen Morgen indessen bekam ich einige Linderung, und durfte einer erträglichen Tagereise entgegen sehen. Sie bot jedoch nichts Merkwürdiges dar. Wir hielten Mittags zu Binganapilli an, und übernachteten zu Aschacoldindi, das in der Nähe des Meeres liegt. Die Chauderie war völlig leer; ich ließ daher meinen Palankin hineinbringen, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Als ich am andern Morgen erwachte, war der Schmerz in meiner Hand beinahe verschwunden, allein der Finger völlig fühllos, folglich der Brand nur zu gewiß. Eilends rief ich meine Träger herbei. — »Ich muß nach Madras, Freunde« — sagte ich — »Nach Madras, oder es ist um mich geschehen. — Ich muß Tag und Nacht durch reisen, oder es ist keine Hülfe mehr für mich!« —

Meine Kulies sahen einander an, und gaben dann einstimmig ihre Einwilligung. — »Ja Herr!« — riefen sie — »Wir wollen bei euch aushalten; wir wollen euch nach Madras bringen, verlaßt euch darauf!« — Ich nahm nun noch sechs andere Träger, theils zum Ablösen, theils zum Fackeltragen an, und die Reise ward fortgesezt.

Dieser Tag war einer der traurigsten meines Lebens, dessen ich mich erinnern kann. Er endigte jedoch mit einer Entdeckung, worüber ich allen meinen Schmerz vergaß. Gegen vier Uhr Nachmittags kamen wir nämlich durch Nebabpent, ein großes, wegen eines alten Tempels berühmtes Dorf. Diesem Tempel gegen über war ein schöner Weiher, mit einer Menge Badender angefüllt, worunter sich an dem einen Ende auch ein Haufen junger Mädchen befand. Ziemlich flüchtig hatte ich auf diese Gruppen hingeblickt, als ich plözlich einen durchdringenden Schrei vernahm. Die Stimme schien mir bekannt, ich sah noch einmal hin, und sah — O gütiger Himmel! — sah Mamia, die liebliche Tänzerin, die eben aus dem Bade gestiegen war.

»Halt! Halt!« — rief ich den Trägern zu, sprang aus dem Palankin, und flog auf das Mädchen zu. — »O Mamia! Geliebte Mamia!« — sagte ich — »Wie oft habe ich an dich gedacht!« — Nie hatte ich sie so reizend gesehen. Sie glich in ihrem feuchten, die schönen Glieder dicht umschließenden Gewande, einer dem Meere entstiegenen Huldgöttin. — »O mein Herr!« — erwiederte sie mit holdem Erröthen — »Aller Augen sind auf uns gerichtet!« — »Wohl süße Mamia!« — gab ich zur Antwort — »Ich spreche dich in der Chauderie.« — Sie bejahte es mit einem himmlischen Lächeln, und eilte mit ihren Gespielinnen zurück. Wir aber nahmen so fort von der Chauderie Besiz.

Sechzehntes Capitel.

Indessen war ich nicht wenig verwundert, weder die Juntries (Spielleute) noch die Bagage der Tänzerinnen daselbst zu sehen. War es ein Mißverstand? Hatten sie einen andern Lagerplatz? — Oder waren sie plözlich abgereist? — Beinahe fieng ich an ungeduldig zu werden, als die Daja mit vielen Grüßen von Mamia erschien. Sie waren in einem Mangabusche gelagert, in wenig Minuten würde sie bei mir seyn. Ich gab der Alten einige Rupien, ließ noch mehr Lampen anzünden, und harrte des lieblichen Mädchens am Eingange der Chauderie. Endlich erschien sie, doch des Wohlstandes halber die Daja mit ihr.

Sie verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen; allein das Klopfen ihres Busens verrieth, wie sehr sie in Bewegung war. Ich führte sie sogleich zu einem Teppich, und bot ihr Betel an. — »Freue dich, schöne Mamia!« — sagte ich — »Du bist gerächt!« — Und hiermit erzählte ich ihr die ganze Geschichte meiner Leidenschaft.

»O mein Herr!« — erwiederte sie — »Ich habe sie längst entschuldigt. Ich erkenne mein Schicksal, das mich auch in meiner Liebe verfolgt!« — So erklärte sie mir mit sanftem Erröthen den ganzen Zusammenhang. — »Mein Herz war immer bei Ihnen!« — fuhr sie fort — »Ich klage niemand als mein Unglück an!« — Sie war aus der Caste der Aerzte, und nur aus Noth eine Tänzerin geworden[9], da sie sich nach dem Tode ihrer Eltern gänzlich verlassen sah. Für meine Hand versprach sie mir einen köstlichen Balsam zu bereiten, und eilte deshalb sofort zu dem Lagerplatze zurück.

Während ihrer Abwesenheit unterhielt mich die Daja sehr lebhaft von ihr. Sie konnte mir nicht beschreiben, wie betrübt das gute Kind über meine Gleichgültigkeit und meine Abreise gewesen war. Nach einer kleinen halben Stunde war das liebliche Mädchen schon wieder mit dem Balsam da, und verband meine Wunde mit vieler Geschicklichkeit. Ich konnte mich nicht enthalten, sie an mein Herz zu drücken, und sie erwiederte meinen Kuß mit Zärtlichkeit.

»Ach!« — rief sie wehmüthig aus — »Das ist ja doch das Leztemal, daß ich sie sehen kann!« — »Das Leztemal?« — fragte ich bestürzt — »Wie meinst du das lieblichste Mamia?« — »Ach mein Herr! Ich fürchte es wenigstens!« — erwiederte sie, und erzählte nun, wie weder sie, noch die Daja, noch irgend eine ihrer Gespielinnen jemals in Madras gewesen sey. — »Wie werde ich sie wiederfinden können?« — fuhr sie fort — »Ach nimmermehr! — Ich werde vor Sehnsucht sterben; ich fühle es.« — Ihre Thränen flossen; sie verbarg ihr Gesicht an meiner Brust.

»Nein, bei Gott nicht!« — rief ich mit Lebhaftigkeit aus — »Bei Gott nicht!« — »Hier Mamia!« — indem ich eine Ola[10] herausnahm. — »Hier Mamia, hast du Namen und Wohnung von drei Freunden, bei denen du mich aufsuchen kannst.« — Zu gleicher Zeit schrieb ich ihr noch mein Speisehaus u. s. w. auf. — »So wirst du mich nicht verfehlen, liebstes Herz!« — fuhr ich fort, und hatte die Freude, sie beruhigt zu sehen.

Mein Entschluß war gefaßt, Mamias Zukunft für immer bestimmt. Noch eine Umarmung, und ich stieg in den Palankin. Meine Träger hatten fünf Stunden geruht; mit brennenden Fackeln zogen wir zum Dorfe hinaus. Die Nacht war still und schön; bald schlief ich unter den lieblichsten Erinnerungen ein. Als ich am andern Morgen erwachte, lag die herrliche Landschaft schon in vollem Sonnenglanz. Ich war sehr vergnügt; meine Wunde ließ sich vortrefflich an. Sorgfältig goß ich von Zeit zu Zeit neuen Balsam darauf.

Mittags hielten wir in Jasurpalam, in einer etwas kleinen, aber sehr reinlichen Chauderie an. Bald darauf kamen noch drei andere Reisende zu uns. Es war ein Mr. Harclay mit seinem Intendanten und Secretär. Er kam von Madras, und gieng als Gouverneur nach Mazulipatnam. Wider Gewohnheit der Engländer war er sehr gesprächig, und lud mich zum Mittagsessen ein. Er gestand mit vieler Offenherzigkeit, daß er blos, um ein Paar Plumbs[11] zusammenzubringen, nach Ostindien gekommen sey. Nach einigen Stunden brachen wir wieder auf, und ruhten dann die halbe Nacht zu Kukenpuron. Am folgenden Morgen kamen wir zu Palliacatta, und so am vierzehnten Tage zu Madras an.

Siebenzehntes Capitel.

Ich war bei meinem alten Freund Frank abgetreten, und lernte durch diesen einen französischen Arzt, Namens Beißer kennen, der seiner Geschicklichkeit wegen, in großem Rufe stand. Doctor Beißer besah meine Wunde, zuckte die Achseln, nahm einige Operationen vor, und legte einen neuen Verband an. Nur Mamias Balsam mußte ich es verdanken, wenn noch Möglichkeit zur Rettung vorhanden war. Während wir so von meinen Abentheuern sprachen, kam endlich Doctor Beißer auf meinen Namen zurück.

»Aber Haafner! Haafner!« — sagte er — »Der Name kommt mir so bekannt vor. War ihr Vater vielleicht aus Kolmar?« — Ich bejahte es. — »Und ihr Großvater Bürgermeister daselbst?« — »Ganz richtig!« — erwiederte ich — »Nun so seyn Sie mir herzlich willkommen, liebster Vetter« — rief er auf einmal zu meiner Verwunderung aus, und umarmte mich. — »Ihres Vaters Schwester war meine Schwiegermutter; ich bin ebenfalls aus dem Elsaß.« — Nun ruhte der gute Mann nicht länger; ich mußte noch denselben Tag zu ihm ziehen.

Er war von Isle de France hierher gekommen, und hatte sich durch einige glückliche Kuren, in kurzer Zeit eine sehr ansehnliche Praxis verschafft. Dies sezte ihn in den Stand auf einem höchst glänzenden Fuße zu leben, so daß sein Haus den reichsten Kaufmannshäusern ähnlich war. Unter seiner Aufsicht ließ sich nun meine Wunde immer besser an, und heilte endlich vollkommen zu. Auch das hatte ich also im Grunde dem lieben Mädchen zu danken, deren Ankunft ich sehnsuchtsvoll entgegensah.

Bald waren indessen vierzehn Tage vergangen, und noch immer hatte ich keine Nachricht davon. Doch endlich kam ein Juntrie, und brachte mir tausend Grüße von ihr. Ich folgte ihm außerhalb der Stadt in ein Wäldchen, wo die ganze Truppe gelagert war. Wenig Minuten und Mamia sank mit süßem Erröthen an meine Brust. — Ich erfuhr nun, daß ihre Ankunft blos durch eine Unpäßlichkeit der Daja verzögert worden war, und daß sie die Gesellschaft verlassen könnte, so bald ich es für dienlich hielt.

»Wohlan denn, liebstes Herz!« — sagte ich — »Das soll den Augenblick geschehen!« — Und so bat ich sie, mich in die Stadt zu begleiten, und die für sie bestimmte Wohnung zu besehen. Ich hatte ihr nämlich in einem malabarischen Hause, bei einer alten Wittwe, ein Paar artige Zimmer gemiethet, und auch für eine Aufwärterin gesorgt. So brachen wir auf; ein Juntrie trug die Sachen des lieben Mädchens, und ehe zwei Stunden vergiengen, war alles in Ordnung gebracht. Noch denselben Tag nahm ich das erste Abendessen bei dem holden Mädchen ein. — Von nun an war der Tag meinen Geschäften, der Abend meiner Liebe geweiht. Doch, ehe wir Madras verlassen, noch einige Bemerkungen über diese Stadt.

Madras, von den Eingebornen Tschinepatnam (Chinesenstadt) genannt, wird in die weiße und schwarze Stadt eingetheilt. Jene von vier bis fünf hundert Häusern, und mit einer Menge großer Magazingebäude, befindet sich in der Mitte der starkbefestigten Citadelle, Fort St. George genannt, das hart am Strande liegt. Diese, durch einen großen Plaz davon getrennt, hat ungefähr eine Stunde im Umfang. Die weiße Stadt ist der Siz der Regierung, auch wohnen die vornehmsten und reichsten Leute daselbst. Die schwarze Stadt wird hauptsächlich von Malabaren, Armeniern, Mestizen u. s. w. bewohnt, doch trifft man auch hier viel Engländer an.

Die englischen Häuser in der weißen, so wie die armenischen in der schwarzen Stadt, zeichnen sich durch ihren Umfang und ihre Nettigkeit aus. Sie sind von Quadern oder Backsteinen, glänzend weiß angestrichen, und mit Balkons, und platten Dächern versehen. Glasfenster findet man nirgends, wohl aber welche von Bambusfäden, auch sogenannte Jalousien; die malabarischen Häuser u. s. w. in der schwarzen Stadt sind äußerst einfach, und haben alle nur ein Erdgeschoß.

Der Boden von Madras ist dürres Sandland, wo man nur mit Mühe einige Produkte ziehen kann. Das Wasser ist schlecht. Man muß sich mit Brunnen- und Teichwasser behelfen, weil das Seewasser alle Quellen verdirbt. Die Rhede ist unsicher; die Schiffe befinden sich wie in offener See, zumal bei Veränderung des Moußon (Jahreszeit). Ehedem mußten daher die englischen Kriegsschiffe, vor Eintritt des Regenmonßon, immer nach Bombay abgehen, und die englischen Besitzungen auf der Küste, blieben allen feindlichen Angriffen von Trinconomale (auf Ceylon) ausgesezt. Seitdem sich aber die Engländer dieses wichtigen Punktes, so wie der ganzen reichen Insel bemächtigt haben, können sie nicht nur ihre Flotten in der Nachbarschaft überwintern lassen, sondern auch vor jedem Angriffe sicher seyn. Die englischen Einwohner von Madras leben im Allgemeinen auf einem sehr glänzenden Fuß. Der Gouverneur giebt den Ton an, und alles ahmt ihm nach, so weit es möglich ist. Dieser asiatische Pomp zeigt sich vorzüglich in einer zahlreichen Dienerschaft, in glänzenden Equipagen, in prächtigen Wohnungen, in schönen Gartenhäusern, in einer vortrefflichen Tafel und einer großen Gastfreiheit. Freilich sezt dies sehr ansehnliche Einkünfte voraus; allein diese fehlen auch nicht. Sowohl die höhern, als die niedern Compagniebeamten beziehen sehr hohe Gehalte, und erwerben überdem durch Handelsgeschäfte außerordentlich viel. Die eigentlichen Kaufleute, die Mäkler, die Aerzte und Wundärzte, die Advokaten u. s. w. alle häufen in kurzem ansehnliche Reichthümer auf.

Mit Anbruch des Tages, d. h. um fünf Uhr Morgens steht man auf, und fährt oder reitet spazieren bis gegen acht Uhr, wo gefrühstückt wird. Dies ist zugleich die beste Zeit, wo man jedermann zu Hause treffen, und Geschäfte machen kann. Die Büreauarbeit hat von neun bis zwei Uhr statt. Jezt wird gespeist, worauf die Siesta (Nachmittagsschlaf) folgt. Um fünf Uhr fangen die Assembleen an. Um neun Uhr wird zu Abend gegessen, was hier die Hauptmahlzeit ist. Selten pflegt man vor Mitternacht, in der Regel, erst gegen ein Uhr schlafen zu gehen.

Ein stehendes Theater giebt es nicht, doch finden zuweilen Vorstellungen von Liebhabern statt. Dafür werden desto mehr Pferderennen mit indischen und arabischen Pferden gehalten, wozu man die kühlen Morgenstunden wählt. Gelegenheit zu Landparthien u. s. w. giebt es mancherlei, z. B. nach dem St. Thomasberge, wo noch ein portugiesisches Kloster ist, nach Emnore, wo man das Seebad brauchen kann, nach Meliapar, wo sehr viel artige Landhäuser sind, und dergleichen mehr.

Eines der angenehmsten Ereignisse für Madras ist die Ankunft eines Indiaman, oder großen Compagnieschiffes, wovon die meisten auf vier und dreißig Canonen gebohrt sind. Dann ist alles voll Leben und Thätigkeit, und überall werden die neu angelangten Waaren zum Verkaufe ausgestellt. Die Beamten der Compagnie haben dabei den Vortheil, daß ihnen Tuch und Maderawein für den Facturenpreis überlassen werden muß. Sehr angenehm ist auch die Ankunft der großen Chinafahrer auf ihrer Rückreise nach England. Sie bringen die schönsten Seidenzeuge, Nankins, Frauenzimmerschuhe, Porcellanwaaren, Gemälde, Fächer, Spielsachen u. s. w. mit.

Achtzehntes Capitel.

Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. Meine Verhältnisse erlaubten mir, meiner Neigung zum Landleben zu folgen, und mich von allen Geschäften völlig zurückzuziehen. Allein um dieses ausführen zu können, mußte ich durchaus noch eine Reise nach Pondichery machen, wo ich in weitläuftigen Verbindungen stand. Theils der Ersparniß, theils der Schnelligkeit wegen, beschloß ich diesmal zu Wasser zu gehen, und brachte den Abend vor der Abreise, wie gewöhnlich bei Mamia zu.

Sie war mit meinen Angelegenheiten bekannt; sie wußte wie nothwendig diese Reise war. Kaum hörte sie mich aber vom Schiffe sprechen, als sie zu weinen anfieng. Sie fürchtete das Meer, sie bat mich aufs zärtlichste, zu Lande zu gehen. Allein es ließ sich nun nicht ändern, ich suchte sie daher zu beruhigen, und verließ sie endlich nach Mitternacht. Jezt nach einigen Stunden Ruhe begab ich mich an den Strand, um mit einer Chialeng (Ruderboot) nach dem Schiffe zu fahren, das bereits auf der äußeren Rhede lag.

Indem ich mich der Chialeng näherte, erblickte ich zwei Frauenzimmer dabei, und erkannte sie bald für Mamia und ihre Begleiterin. — »Herz meines Herzens!« — sagte sie — »Ich mußte dich noch einmal sehen! Ich wollte dich um Erlaubniß bitten, dich auf das Schiff zu begleiten; es ist mir, als würde ich dann ruhiger seyn!« —

Vergebens suchte ich ihr dies auszureden, besonders der ungewöhnlich hohen Brandung wegen; sie bat nun noch dringender darum — »Gerade deswegen!« — fuhr sie fort — »Wenn dir ein Unglück begegnet, bin ich wenigstens bei dir!« — So willigte ich endlich ein, um ihr nicht wehe zu thun.

Allein, wie groß war mein Erstaunen, als ich die Chialeng fast ganz mit Waarenballen angefüllt sah. — »Was ist das?« — fragte ich unwillig — »Ist das unserm gestrigen Accorde gemäß?« — Der arme Tandel (Steuermann) erzählte mir nun, daß die Chialeng von dem Hafenmeister gepreßt worden sey. Wirklich trat auch in dem Augenblick ein Seecadet auf uns zu, und befahl ihm ungestüm in See zu gehen.

Ich fühlte, daß gegen Gewalt nichts auszurichten war, und schränkte mich daher blos auf Vorstellungen ein. — »Die Brandung geht zu hoch! Es ist unmöglich, daß die schwere Chialeng hinüber kommt.« — Der arme Tandel bestätigte es — »Gott ist groß!« — sezte er bedeutend hinzu — Allein vergebens, der junge tollkühne Midshipmann bestand darauf.

Was sollte ich thun? Alle meine Papiere befanden sich bereits an Bord. Wenn ich das Schiff absegeln ließ, war ich völlig ruinirt. Noch stand ich unschlüßig, als Mamia beherzt in die Chialeng sprang, und so alles entschied. Wir waren nun nebst den sechs Ruderern vier Passagiere zusammen, indem außer dem Seecadet, noch eine alte Mestize dazu gekommen war.

Allein kaum hatten wir uns einige Klaftern vom Ufer entfernt, als die Chialeng kaum eine Hand breit Bord behielt. Ich winkte daher meinem Dobasch (Bedienten) der am Ufer stand, uns ein Paar Kattamarans (kleine Flöße) nachzuschicken, was auch sofort bewerkstelligt ward. Indessen wälzte sich bereits die erste Woge mit donnerndem Getöse gegen die Chialeng. Der Tandel that sein möglichstes derselben auszuweichen; dennoch stürzte sie zum Theil auf uns herab, und die Chialeng sank bis auf einige Zoll ins Wasser. Jeder Augenblick war kostbar — »Komm, Mamia!« — rief ich, und sprang mit ihr Hand in Hand über Bord. — Indem brach die Brandung wie ein niederschmetterndes Gewölbe über mich her. Als ich wieder empor kam, war die Chialeng verschwunden, und Mamia befand sich dicht hinter mir. Muthig schwammen wir nunmehr dem Ufer zu, das ungefähr nur noch hundert Schritte von uns entfernt war.

Plözlich fühlte ich mich in die Tiefe gezogen, und erblickte mit Entsetzen die alte Mestize, die sich an meinen Kleidern festhielt. Vergebens suchte ich mich loszureißen; sie hatte mich im Todeskampfe gefaßt. — »O Mamia!« — rief ich — »Ich bin verloren! Rette dich!« — »Nein!« — erwiederte sie — »Ich verlasse dich nicht.« — In diesem Augenblicke stürzte die lezte Brandung über uns her, und ich verlor das Bewußtseyn.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Strande, von einer Menge Menschen umringt, in einem Palankin. Ich erblickte meinen Dobasch, und fragte nach Mamia. — »Sie ist gerettet, lieber Herr!« — erwiederte er. — Freudig hieß ich ihn nach dem Schiffe fahren, um meine Sachen zu holen, und ward so glücklich nach Hause gebracht. Bald kam mein Dobasch mit den Coffres zurück. Jezt erfuhr ich, wie alles zugegangen war. Mamia hatte mich mit unsäglicher Anstrengung emporgehalten, bis uns der eine Kattamaran zu Hülfe kam. Indem wir so sprachen, flog sie mit einem lauten Schrei in meine Arme, und drückte mich aufs innigste an sich. Zu ihrer großen Freude beschloß ich nun zu Lande zu gehen.

Alle Anstalten waren gemacht; Mamia lag zum leztenmale an meiner Brust. — »Ach!« — sagte sie weinend — »Ach Freund meiner Seele, komm so bald als möglich zurück, wenn ich dich noch einmal sehen soll!« — »Hier, hier schmerzt es« — indem sie die Hand an ihr Herz legte — »Ich fürchte, du findest mich todt!« — Es war ein wehmüthiger Abschied. — Nach einem langen, heißen Kuße riß ich mich endlich los.

Neunzehntes Capitel.

Es war gerade drei Uhr Nachmittags; langsam zogen wir durch den Schattengang, der von Madras nach St. Thomas (indisch Maliapur) führt. Hinter diesem Dorfe fingen die Verwüstungen des lezten Krieges an, alles war daher mit Ruinen bedeckt. Zum Glück hatten wir uns hinlänglich mit Lebensmitteln versehen.

Am dritten Tage kamen wir durch das Thal Maweliewarom, das seiner wunderbaren Ruinen wegen berühmt ist. Man sieht hier nämlich eine Reihe von Tempeln, Piramiden, Chauderies, Gewölben u. s. w., die sämmtlich aus einem Stücke in den Felsen gehauen sind. Mit Ehrfurcht betrachtet man diese Ueberreste einer eben so kühnen, als romantischen Architektur, aus den ersten Jahrtausenden der Welt.

Am merkwürdigsten sind sieben Tempel, die sich in gerader Linie, einer hinter den andern, vom Strande aus, über eine Meile weit, ins Meer hinausziehen. Der erste steht beinahe noch ganz auf dem Lande, das Wasser steigt nur bei sehr hohen Fluthen hinein. Die vier folgenden ragen immer weniger, die zwei lezten fast gar nicht aus dem Meere empor.

Noch weiter in den See hinaus, erblickt man eine Menge ähnlicher Ruinen, die bei hohem Wasser sehr gefährlich sind. Die sieben Pagoden von Maweliewarom, pflegen daher auf allen Seekarten bemerkt zu seyn.

Alle diese ungeheuren Gebäude hält man für die Ueberreste einer der ältesten und größesten Städte von Indien, deren Geschichte indessen in tiefer Nacht verborgen liegt. Blos ein berühmtes indisches Heldengedicht (Mahebaroth) erwähnt des mächtigen Königs Joudishter, der daselbst residirt haben soll. Wie dem indessen auch seyn mag; die Aufführung solcher Massen beweißt einen hohen Grad artistisch-scientifischer Cultur. Das Ganze muß übrigens von unermeßlichem Umfange gewesen seyn, da nicht nur das Thal, sondern auch ein so beträchtlicher, jezt vom Meere verschlungener, Küstenstrich damit bedeckt war. Mitten unter diesen Denkmälern längstverschwundener Generationen, findet man ein kleines, meistens von Braminen bewohntes Dorf, an dessen Eingange die Chauderie steht.

Indessen pflegen nur wenig Reisende hier zu übernachten, weil alles mit Tigern, Schakals u. s. w. angefüllt ist. Da wir uns aber zu lange aufgehalten hatten, schien es noch weniger räthlich, in der Dämmerung weiter zu gehen. Wir beschlossen daher, vor der Chauderie ein großes Feuer anzuzünden, und wechselweis dabei Wache zu halten, wo mich dann nach dem Abendessen die erste Wache traf.

Es war fast Mitternacht, der Mond gieng hinter den waldigen Gebirgen unter, und goß sein schwindendes Licht auf die gigantischen Ruinen einer Pagode herab. Bald lag nun alles in Dunkelheit; kein Lüftchen wehte; kein Blättchen rauschte; selbst das Heulen der Schakals hatte aufgehört. Da starrte ich hinaus in die schwarze Nacht, und auf das einsame Thal, wie auf das Grab einer entschlafenen Welt. O Menschenleben! O Menschengröße! Augenblicke — Jahrtausende! — Ein Tropfen aus dem Ocean der Ewigkeit.

Am sechsten Tage kam ich durch lauter verwüstete Gegenden in Pondichery an, und fand in dem deshalb bezeichneten Wirthshause bereits einen Brief von Mamia, der den Tag nach meiner Abreise abgegangen[12] war. Sie schrieb mir in den zärtlichsten Ausdrücken, und hoffte mich unverzüglich wieder zu sehen. Ihre Brustbeschwerden schienen zuzunehmen, doch war sie im übrigen vollkommen wohl. Ich selbst ward aber leider nunmehr von einem Fieber befallen, das mich nun alle Tage im Bette hielt. Unterdessen hatte ich dem lieben Mädchen geantwortet, und ihr versprochen, in zehn, zwölf Tagen wieder in Madras zu seyn.

Schon stand ich jezt im Begriffe, meine Rückreise anzutreten, als ich von meinem Dobasch einen Brief mit der Nachricht erhielt, daß Mamia plözlich verschwunden sey. Ein Gunekare (Wahrsager) hatte ihr einige Tage vorher, ihren Horoscop gestellt, und ihr die nahe Trennung von ihrem Geliebten vorhergesagt. Seit diesem Augenblick hatte sie unaufhörlich geweint, und ihre Brustschmerzen dadurch vermehrt. In ihrem Zimmer war jedoch nicht die mindeste Anzeige von einer Reise zu finden; im Gegentheile waren Juwelen, Kleider u. s. w. in der besten Ordnung. Ich gestehe es, ich erschrack über diese Nachricht so sehr, daß ich mich kaum zu fassen im Stande war.

So hatte ich einige Tage in großer Unruhe zugebracht, als eines Abends ein Malabar bei mir erschien, der gerade von Omur kam. Er brachte mir Nachrichten von Mamia; sie war krank, und befand sich in dem Hause seiner Mutter, die ebenfalls von der Caste der Tänzerinnen war. — »Wie?« — rief ich mit wehmüthiger Freude aus: — »Krank, und zu Omur?« — »Ja Herr!« — erwiederte der Juntrie, und erzählte mir den Zusammenhang. Mamia kam wirklich von Madras, und wollte nach Pondichery. Sie hatte diese Reise so eilig angetreten, daß sie nun gefährlich darnieder lag. Die Daja hatte den Juntrie auf ihr ausdrückliches Verlangen abgeschickt: — »Sie wünsche mich vor ihrem Tode nur noch einmal zu sehen.«

Man denke sich meine Empfindungen. — Soviel Liebe, soviel Anhänglichkeit! Und ich sollte sie verlieren, die mein Alles war! — Schnell ließ ich einen Palankin kommen, reiste die ganze Nacht, und kam schon Morgens um sieben Uhr zu Omur an. Da stand ich nun mit klopfendem Herzen vor dem kleinen malabarischen Häuschen, das meine geliebte Freundin verbarg, während der Juntrie hineingegangen war, und der Daja von meiner Ankunft Nachricht gab.

Die gute alte Frau erschien, und erzählte mit thränenden Augen, wie alles zugegangen war. Mamia hatte seit meiner Abreise keinen ruhigen Augenblick gehabt. Nichts war im Stande gewesen, sie von der Reise nach Pondichery abzubringen; sie wollte, sie mußte mich noch einmal sehen. Aber am fünften Tage hatte sie ein heftiges Fieber bekommen, und war halbtodt in Omur angelangt.

Der Juntrie kam uns jezt zu sagen, daß Mamia aufgewacht sey. Die Daja gieng hinein, sie auf meine Ankunft vorzubereiten; ich hörte meinen Namen nennen, und folgte ihr auf dem Fuße nach. Mamia lag auf einer Matte ausgestreckt. Ihr himmlisches Gesicht war todtenbleich; ihr ganzes Ansehen zeigte die höchste Erschöpfung an. Aber kaum ward sie mich gewahr, so richtete sie sich auf, und breitete ihre Arme nach mir aus. — »Ach mein bester Freund!« — rief sie mit heißen Thränen — »Wie bist du so gut! — Nun will ich gern sterben, habe ich dich doch noch einmal gesehen!« —

Ich suchte sie zu trösten, aber vergebens — »Ach Gott!« — fuhr sie fort — »Nein! Für mich ist keine Hülfe mehr, ich fühle es nur zu gut! Mein Schmerz ist tödlich; meine Augenblicke sind gezählt! Geliebtester! Ich habe nur noch eine Bitte an dich!« —

»Und was soll ich für dich thun, o Einzige meines Lebens« — sagte ich. —

»Du bist mir Alles! Ich habe keinen Freund als dich! Zünde du meinen Scheiterhaufen an!« —

Ich versprach es ihr — Sie legte ihr Haupt an meine Brust, und hob ihre brechenden Augen noch einmal voll Zärtlichkeit zu mir empor. — »Leb wohl, Geliebtester! — Leb ewig wohl!« — Dies waren ihre lezten Worte, und so entschlummerte sie.

Nichts von meinen Empfindungen; einen solchen Schmerz hatte ich noch nie gefühlt. Das holde theure Mädchen war das Opfer ihrer Zärtlichkeit. Erst seit jenem schrecklichen Tage, wo sie mich rettete, hatte sie über Brustbeschwerden geklagt.

»Theure, geliebte Seele!« — rief ich mit heißen Thränen — »Ach! Ohne dich ist das Leben nur eine Marter für mich!« — Traurig vergieng der Tag; die Braminen richteten alles zum feierlichsten Begräbnisse ein. — Zum leztenmal sah ich das himmlische Gesicht — die Flamme loderte auf — der unsterbliche Theil meiner Geliebten stieg zu Brama empor. — Lebt wohl, ihr Gestade Ostindiens! — Ich kehrte nach Pondichery, und bald darauf nach Europa zurück!


Zweite Abtheilung,
Ch. Fr. Tombe


Quelle.

Voyage aux Indes Orientales etc. par Ch. Franc. Tombe. Paris VI. Vol. 8. 1810.