Siebentes Capitel.

Mein Schmerz war grenzenlos; aber zu diesen Seelenleiden kam nun noch Geldverlegenheit. Meine Coffres waren an Bord, kaum hatte ich achtzig Pagoden bei mir. Zwar bot mir der gute Sabico Kost und Wohnung an; auch machte ich wirklich Gebrauch davon; allein wir hatten beide nicht viel. Mein Herz war unaufhörlich in Tranquebar. Tag und Nacht brütete ich über meinen Reiseplan.

Gleichwohl fehlte es immer an Schiffsgelegenheit, denn die französischen Kaper nahmen alle Küstenfahrer weg. Eben so wenig war an die Landreise zu denken; Hyder Ali's Reuter durchstreiften den ganzen Distrikt. Aber die Theurung ward immer größer; ich fühlte, daß ich meinem Freunde lästig zu werden anfieng. Sichtbar griff mich der beständige Kummer an. Was war zu thun? Es galt auch diesmal einen verzweifelten Entschluß. — Ich mußte nach Tranquebar — Tot oder lebendig; ich mußte nach Tranquebar.

Vergebens rieth mir der gute bedächtige Sabico von diesem — wie er's nannte — entsetzlichen Wagstück ab. Ich blieb unerschütterlich, meine Liebe gab mir zu allem Muth. Ohne Zeitverlust kaufte ich so eine alte Chialeng, (Ruderboot) brachte vier Ruderer zusammen, versah mich mit Reis, Fleisch, Wasser, Natten, u. s. w. und stieß endlich am 24. Nov. 17— Nachmittags um 3 Uhr — vom Ufer ab.

Doch kaum hatten wir uns einige Klaftern weit entfernt, als schon das Wasser auf allen Seiten in die Chialeng drang. Sie war sehr lange ungebraucht gewesen, und sog es daher auf allen Fugen ein. Man rieth mir, sie bis zum andern Morgen verquellen zu lassen, doch dies erlaubte mir meine Ungeduld nicht. Ich nahm daher noch einen fünften Mann, einzig zum Ausschöpfen, an, und fuhr so endlich zum zweitenmale ab.

Glücklich waren wir über die Brandung gekommen; zum erstenmal athmete ich wieder mit Leichtigkeit. Jeder Ruderschlag, der mich von Madras entfernte, führte mich der Geliebten zu. Der Himmel war heiter, das Meer vollkommen ruhig, die nach Süden laufende Strömung uns förderlich. Freundlich sank die Sonne in's blaue Meer hinab, und die Spitzen der Pagoden, und die Wipfel der Cocospalmen glänzten im Abendroth. Zufällig blickte ich auf das Fort St. Georges; man ließ die Flagge herab. Wenig Minuten darauf geschah ein Schuß, und pfeifend fuhr die Kugel über die Chialeng hin.

Mehr verwundernd als erschrocken hielten wir einen Augenblick mit Rudern ein. Wir waren allein auf der Rhede, und nirgends ein anderes Fahrzeug zu sehen. — »Wahrscheinlich ein Signalschuß!« — sagte ich ruhig — »Und ein Mißgriff vom Canonier. Aber bei einem Haar hätte er uns doch in den Grund gebohrt. Jetzt in Gottes Namen wieder frisch daran!« —

Herzhaft ruderten wir weiter; doch in demselben Augenblicke geschah ein zweiter Schuß, und die Kugel schlug keine Klafter von uns in's Meer. Jetzt sah ich deutlich, daß es auf unsere Chialeng angelegt war. — »Zurück! — Zurück!« — rief ich meinen Leuten zu — »Arbeitet, was ihr könnt! Um Gotteswillen, ehe der dritte Schuß geschieht!« — Wir thaten nun unser Möglichstes, wiewohl uns die Strömung entgegen war. Man schien es auf dem Fort zu bemerken, und hielt wirklich mit Schießen ein.

Nichts von meinen Empfindungen; ich war außer mir. — Schweigend ruderten wir fort, bis es immer düsterer ward. Bald hörten wir ein anderes Fahrzeug auf uns zukommen, und nicht lange darauf lag eine stark bemannte Chialeng neben uns. — Zwei Srapoys sprangen herüber — »Im Namen des Gouverneurs! — Ihr seyd arretirt. — Vorwärts! Frisch an den Strand!« — Ich vermochte kein Wort zu sagen, meine Gedanken verwirrten sich. — O Sophie! — O Tranquebar!

Achtes Capitel.

So langten wir, ohngefähr um zehn Uhr Abends, bei dem am Strande stehenden Hause des Equipagen-Meisters an. Alles war hier mit Menschen angefüllt, alles wollte den Arrestanten sehen. — »Da ist er! Da ist er!« — rief man von allen Seiten, und der ganze Haufe drängte sich um mich. — »Wer seyd ihr?« (who are you?) fragten mich hundert Stimmen zugleich. — »Es ist ein Spion! Es ist ein Franzos!« (It is a spy! It is a French dog!) schrie man hier. — »Nein! Es ist ein Holländer! Ich kenne ihn!« (It is a Dutchman, I know him) antwortete man dort. — Endlich fiel eine mir wohl bekannte Stimme ein. — »Es ist ein ehrlicher Mann, ich bürge dafür!« (It is an honest man; I'll answer for it!) Es war der gute Franck, er erkannte mich erst in diesem Augenblick. Doch eben trat der Equipagen-Meister, Mr. Hall, heraus.

»Wer seyd ihr?« — fuhr er mich mit barscher Stimme an.

»Ein Holländer von Sadraspatnam.«

»Wo ist euer Erlaubnißschein?«

»Ich habe keinen, weil ich es nicht für nöthig hielt.«

»Wie? Keinen Erlaubnißschein? — Also wißt Ihr auch nicht, daß ich der Equipagen-Meister bin, und daß, ohne mein Wissen, Niemand die Rhede verlassen darf?«

»Sir! Haben Sie die Güte zu bedenken, daß ein Fremder« —

»Was Fremder? Fremder? — Ausflüchte! Nichts als Ausflüchte. — Ihr müßt die Gesetze von dem Lande kennen, worin ihr lebt. — Man schleicht nicht, wie ein Dieb davon, wenn man nichts Böses im Schilde führt. — Ich wette, ihr seyd am Ende ein französischer Spion! — Aber nehmt euch in Acht — He Srapoys! führt ihn« —

In diesem Augenblicke trat der gute Franck hinzu, und sagte ihm etwas in's Ohr. — »Das ist was anderes« — fuhr er jetzt etwas milder fort. — »Aber, was soll ich machen? — Melden muß ich es doch dem Gouverneur! — Nun gehen Sie unterdessen nur auf die Hauptwache. — Nachher wollen wir weiter sehen! Hoffentlich wird es so arg nicht werden! — Gehen Sie nur!«

So gieng ich denn, und brachte ohngefähr eine Stunde auf der Hauptwache zu. Endlich, nach elf Uhr, trat ein wohlgekleideter Mann herein, und fragte nach dem »Gentleman«, der arretirt worden sey. Ich nahm dies Wort für eine gute Vorbedeutung an. Wirklich begleitete er mich auch zum Gouverneur, wo ich in einen großen Saal geführt ward.

Es dauerte wohl eine halbe Stunde, ehe sich jemand sehen ließ. Endlich trat der Plazmajor, Mr. Sydenham herein; er kannte mich unter andern von Herrn Souza her. — »Wie?« — fragte er verwundernd — »Sind Sie es, Haafner? — Welche Tollheit ficht sie an, bei Nacht mit einer Chialeng in See zu gehen? — Wo wollen Sie hin? Was haben Sie vor?«

»Ach, Sir!« — antwortete ich seufzend — »Mangel und Liebe treiben mich fort!« — Zugleich machte ich ihn mit meiner Lage bekannt. — »Sprechen Sie für mich!« — fuhr ich fort — »Ich weiß, daß ein Wort von Ihnen hinreichend ist!« — Meine Erzählung schien ihn gerührt zu haben; er versprach, sein Möglichstes zu thun, und verließ mich.

Doch bald darauf kam er lächelnd zurück. — »Beruhigen Sie sich. Die Sache wird besser gehen, als Sie denken.« — »Hier!« indem er mich in ein Nebenzimmer wies, wo ein kleiner Tisch gedeckt war — »Hier trinken Sie unterdessen ein Glas Wein. In einer halben Stunde bin ich wieder da.« — Ich dankte ihm auf's herzlichste für seine Güte, denn ich war wirklich bis zum Aeußersten erschöpft.

Eben hatte ich das kleine Mahl geendigt, als die Thüre aufgieng, und der Gouverneur, Lord Macartney, in Begleitung des Plazmajors und eines Secretärs, in das Zimmer trat. Er schien keinesweges zornig, fixirte mich indessen mit großer Aufmerksamkeit.

»Wissen Sie nicht?« hub er endlich an, — »daß wer sich in Kriegszeiten heimlich aus einer Stadt zu schleichen sucht, wie ein Spion angesehen werden muß?«

»Ich weiß es, Mylord, aber ich bitte Ew. Exc. zu bemerken, daß ich nichts weniger als heimlich, sondern bei hellem lichten Tage, und in Beiseyn vieler Zeugen abgefahren bin.«

»Aber doch immer ohne Erlaubnißschein. — Warum machten Sie dem Equipagen-Meister keine Anzeige davon? — Es ist ein Glück für Sie, daß Mr. Sydenham Sie kennt. Um seines Zeugnisses willen, mag die Sache auf sich beruhen!«

Ich machte eine tiefe Verbeugung.

»Nun gut! Sie können abreisen; allein es ist eine Bedingung dabei. Sie müssen einige Briefe für den Obersten Hamilton bei Tranquebar mitnehmen, die ihm eigenhändig zu übergeben sind.«

Ich verbeugte mich abermals.

»Es sind Briefe von der äußersten Wichtigkeit. Sie können leicht denken, daß mir an der richtigen Bestellung derselben sehr viel gelegen ist. Bei der Uebergabe werden Ihnen sofort tausend Pagoden ausgezahlt. Ueberdem werde ich, im Falle ihrer Zurückkunft, auf Ihre Versorgung bedacht seyn.« —

Ich dankte ihm für sein Zutrauen, und versprach mein Möglichstes zu thun. Hierauf händigte er mir die Briefe, in lauter kleinen Röllchen, nebst der Ordre für die tausend Pagoden, ein; wünschte mir glückliche Reise, und entfernte sich. Mr. Sydenham befahl darauf einigen Srapoys, mich an den Strand zu begleiten, und ein Couti (Träger) folgte mir mit einem Korbe voll Lebensmittel nach. So trat ich wieder in meine Chialeng, und kam endlich um zwei Uhr nach Mitternacht glücklich in See.

Neuntes Capitel.

Wunderbare Veränderung! — Und das alles verdankte ich den Briefen von Lord Macartney. Aber warum legte er so viel Wichtigkeit darauf? Weil die Verbindung mit dem englischen Lager schon seit mehreren Wochen unterbrochen war. Alle Couriers (Harkarrahs) wurden von den mahrattischen Streifparthien ermordet, oder mit verstümmelten Nasen und Ohren zurückgeschickt. Niemand wollte sich mehr zu dieser Reise verstehen. Aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes dienen, oder sollte ich nicht vielmehr — Doch das Wetter war vortrefflich, der Mond stand groß und freundlich am Himmel, und das ruhige Meer glänzte in Silberschein. Wir spannten unser kleines Segel auf, und steuerten fröhlich nach Süden zu.

Als die Sonne aufgieng, befanden wir uns auf der Höhe von Covilom, und schon um zwei Uhr Nachmittags hatten wir mein liebes Sadras im Gesichte. Plözlich tagte im Südost eine Fregatte auf, die mir verdächtig schien. Ich ließ daher zwischen die Brandung rudern, und lief in eine kleine Sandbucht ein. Jezt, so nahe bei Sadras, mußte ich diesen freundlichen Ort doch noch einmal sehen. Ich ließ demnach die Chialeng an den Strand ziehen, und eilte den wohlbekannten Fußsteig hinan.

Allein was fand ich? Alles öde, alles mit Schutt und Trümmern bedeckt. Die Einwohner waren durchs Schwerdt, oder den Hunger umgekommen; die Engländer, die mahrattischen Streifparthien, die Räuberbanden hatten allmählich Alles zerstört. Traurig wandelte ich durch die einsamen Straßen hin, bis ich endlich an mein eigenes Häuschen kam. Noch breitete der hohe, schattige Tamarindenbaum seine kühlenden Aeste darüber aus; aber es hatte das Schicksal der übrigen gehabt. Voll wehmüthiger Erinnerungen eilte ich an den Strand zurück, und beschloß, wo möglich, noch bis Alamparve zu gehen. Es war ohngefähr vier Uhr Nachmittags.

Eine Stunde darauf befanden wir uns auf der Höhe von Arialchery. Aber inzwischen war der Wind weniger günstig geworden, und der Himmel hatte sich mit schwarzen Wolken bedeckt. Die See gieng hohl; die Möwen flogen nach dem Lande; Alles kündigte ein Ungewitter an. Dennoch hoffte ich Alamparve noch erreichen zu können, und ließ daher die Leute rudern, was nur möglich war. Bald aber versank die Küste in Nacht, und der glänzende Schaum der Brandung war das Einzige, was ihre Nähe verrieth.

Noch eine gute Stunde hatten wir ungefähr in dieser Richtung fortgesteuert; als der Wind allmählig aus Norden aufzufrischen anfieng. Bald war er uns völlig entgegen, und Alamparve zu erreichen pure Unmöglichkeit. Zugleich brach das Ungewitter los, und der Regen schoß in Strömen herab. »Ans Land! Ans Land!« — schrien wir alle, und ruderten muthig in die schäumende Brandung hinein. Die Chialeng stieg und sank, bis sie endlich von der lezten Welle, wie ein Pfeil ans Ufer geschnellt ward.

Die Gegend, wo wir uns befanden, war mit Gebüsch und wilden Palmbäumen bedeckt, und schien gänzlich unbewohnt. Wir zogen die Chialeng so hoch als möglich ans Land, nahmen einige Lebensmittel daraus, und verbargen uns im Gehölz. Der Sturm wüthete mit Heftigkeit fort. Die Palmen rauschten; der Regen schoß zwischen den Zweigen herab; und furchtbar tönte die Brandung vom Ufer her. Keiner von uns vermochte ein Auge zuzuthun.

Gegen Morgen schien das Wetter etwas besser zu werden; doch gieng die See entsezlich hoch. Wir beschlossen daher, ruhig am Lande zu bleiben, worauf sich jeder dem Schlafe überließ. Einige Stunden darauf erwachte ich plözlich von einem Sonnenstrahl, stand auf, und legte mich an einen Baum. — Auf einmal — Menschenstimmen ganz nahe bei mir. — Ich warf mich auf den Boden; der Ton kam vom Strande her — Mit zurückgehaltenem Athem kroch ich an den Rand des Gehölzes, da zogen sie hin. — Zwanzig Mann von einer mahrattischen Streifparthie.

So ritten sie vorüber, und eilends weckte ich meine schlafenden Leute auf. — Was sollte ich thun? — In See gehen? — Der Sturm hielt noch immer an. — Am Lande bleiben? — Die Gefahr nahm mit jedem Augenblick zu. — Unterdessen hatte sich der Himmel aufgeklärt. — Ich beschloß, mein Schicksal dem Meere anzuvertrauen. — »In See!« — rief ich meinen Leuten zu; sie schüttelten den Kopf. — »So wißt denn« — fuhr ich fort, und theilte ihnen den Vorfall mit. — Mehr bedurfte es nicht; augenblicklich war die Chialeng flott gemacht. Muthig ruderten wir durch die Brandung, und kamen bei dem dritten Versuche glücklich in See.

Zehntes Capitel.

Das Wetter blieb gut, das Meer wurde von Stunde zu Stunde ruhiger, langsam steuerten wir längs der Küste hin. So hatten wir ungefähr eine Meile zurückgelegt. Plözlich wurden wir am Strande einen Menschen gewahr. Er rang die Hände, warf sich auf die Knie, kurz, er schien unsere Hülfe anzuflehen. — »Wir müssen ihn aufnehmen!« — rief ich meinen Leuten zu, und sie waren sämmtlich dazu bereit. Auf einmal hören wir Pferde wiehern! — »Verrath!« — rief ich heftig — »Zurück! Zurück! Um Gotteswillen zurück!« — Schwer schwebten wir auf der Spitze der zweiten Welle — Einige Minuten später, und die Chialeng würde an den Strand geflogen seyn. Mit gräßlichem Geschrei kam jezt ein Haufen Räuber aus dem Gebüsche. Einer davon schwang sich auf ein Pferd und jagte fort. Doch wir waren schon wieder in offener See.

Gegen Mittag konnten wir bereits das rothe Dach der Chauderie[1] von Alamparve sehen. Gern wäre ich einen Augenblick gelandet, um Wasser einzunehmen, allein der Truppen wegen, beschloß ich, es lieber an einer einsamern Stelle zu thun. Wir ruderten also herzhaft fort, bis wir ungefähr auf der Höhe des Dorfes waren, das mit seinen Baumgruppen gar lieblich vor uns lag. Plözlich sahen wir zwei, dann zehn, dann immer mehr Reiter auf den Strand zueilen, bis er endlich fast ganz damit bedeckt war. Sie riefen uns zu, ans Land zu kommen — »Morgen! Morgen!« (Nalekie! Nalekie!) gaben wir lachend zur Antwort, und hatten nur unsern Scherz damit.

Doch mit wüthenden Geberden wiederholten sie ihre Aufforderung, und legten zu gleicher Zeit ihre Büchsen auf uns an. Jezt fand ich räthlich vom Lande abzuhalten, und gab sofort das Zeichen dazu. Aber in demselben Augenblicke schossen sie, und einer meiner Leute that einen gräßlichen Schrei. — »O Vater! Vater!« (Are appa! Are appa!) — »Wo? Wo?« — rief ich erschrocken, in der Meinung, daß er verwundet sey. Doch es war noch viel schrecklicher — Er zeigte auf zwei Kattamarans[2] — Sie waren mit Srapoys bemannt, suchten uns den Weg abzuschneiden, und ruderten eilig auf uns zu. Wahrscheinlich hatten sie an einer andern Stelle vom Ufer gestoßen, während uns der Räuberhaufen beschäftigt hielt.

Was war zu thun? — Wir arbeiteten was wir konnten, allein nach wenig Minuten hatten sie uns eingeholt. — »Zurück! Ihr Spitzbuben!« (Rirau Bantjot!) — riefen sie uns zu, und legten auf uns an. — Wir waren verloren; ich sah es vollkommen ein. Einen so schrecklichen Augenblick hatte ich noch nie gehabt. Doch plözlich faßte ich wieder Muth. — »Seyd unbesorgt!« — sagte ich zu meinen Leuten — »Ich habe meinen Plan gemacht; es wird euch nichts zu Leid geschehen. Wir haben uns bei Nacht von Madras geflüchtet! Vergeßt es nicht, bei Nacht von Madras!« — In diesem Augenblick waren die Kattamarans neben uns, und fluchend sprangen die Srapoys in unsere Chialeng.

»Ich bin ein Holländer!« — rief ich ihnen zu, ohne daß es jedoch etwas zu helfen schien. Einer war besonders so kühn, daß er seinen Säbel über meinen Kopf schwang — »Nehmt euch in Acht« — fuhr ich fort, — »und bedenkt, was ihr thun wollt. Ich bin ein Abgesandter; ich habe eine äußerst wichtige Botschaft an den französischen Admiral, und an den Nabob Hyder Bahadur. Die geringste Beleidigung, die ihr mir, oder meinen Leuten zufügt, kostet euch euren Kopf, dafür stehe ich euch!« — Dies wirkte, und sie steckten sofort ihre Säbel ein. Zugleich erfuhr ich, daß ich auf Befehl des Jammedaars (Districtscommandanten) eingeholt worden war.

Als ich ans Land trat, ward ich von der ganzen Masse umringt, und mit den niedrigsten Schimpfwörtern überhäuft — »Wie?« — rief ich — »Ihr wagts, den Vakirl (Gesandten) an den Nabob zu schmähen? — Wartet! Es soll euch gereuen!« — »Hier!« — fuhr ich mit gebieterischem Tone zu einem der Offiziere fort — »Hier liegt meine Chialeng! Ich übergebe sie eurer Obhut! Stellt augenblicklich eine Wache dabei! Es sind Briefschaften und Papiere für den Nabob darin! — Daß sie kein Mensch anrührt; hört ihrs! Ich fordere Alles von euch zurück!« —

»Und ihr!« — indem ich mich zu meinen Leuten wandte, — »Ihr bleibt hier, bis ich wieder komme, und wehe dem, der euch etwas zu Leide thut!«

»Jezt!« — zu den Srapoys — »Jezt, laßt uns gehen! — Meine Zeit ist kostbar!«

Eilftes Capitel.

Wir kamen an, der Jammedaar saß vor der Thüre der Chauderie. Mein Plan war gemacht; nichts konnte mich retten, als die kühnste Entschlossenheit. Stolz und ruhig gieng ich auf ihn zu, grüßte ihn, und sezte mich ohne weiteres neben ihn. Er griff nach seinem Dolche, allein ich kam ihm mit meiner Anrede zuvor. — »Jammedaar!« — sagte ich — »Du kennst mich und meinen wichtigen Auftrag nicht; das entschuldigt dich! Aber ich wünsche um deinetwillen, daß der Nabob nichts davon erfährt. Bei dem allmächtigen Gott! Er würde dich für diese schnöde Behandlung zu bestrafen wissen, ich stehe dir dafür!« —

Was ich voraus gesehen hatte, geschah. Der Jammedaar war überrascht, und sah schweigend und unentschlossen vor sich hin. — »Ich bin ein Holländer!« — fuhr ich im vorigen Tone fort — »Und muß nach Pondichery, — der französische Admiral.« —

»Jammedaar!« — rief hier plözlich ein Srapoy, und trat aus dem uns umgebenden Haufen hervor. — »Jammedaar! Laß dich nicht von diesem Prahler hintergehen! Ich habe seine Leute befragt. Sie kommen von Madras und gehen nach Tranquebar. Es ist gewiß ein englischer Hund, der nach dem Lager von Cudelore will!« — Bei diesem Worten gerieth der ganze Haufen in Wuth — »Ja! Ja! Es ist ein englischer Hund!« wurde von allen Seiten wiederholt.

»Nein!« — rief ich entrüstet — »Kein Engländer! — Ein Holländer von Sadringapatnam bin ich. — Warum die giftigen Worte? — Ihr sagt, daß ich von Madras komme? Wer läugnet es? — Aber warum verschweigt ihr, daß wir bei Nacht von dort geflüchtet sind?« —

»Jammedaar!« — fuhr ich ungeduldig fort, indem ich mich wieder zu ihm wandte — »Halt mich nicht länger auf! Ich muß durchaus noch heute in Pondichery seyn. Die Nachrichten, die ich dem französischen Admiral zu überbringen habe, sind von der äußersten Wichtigkeit. Jede Stunde, die du mich aufhältst, kann dem Nabob gefährlicher werden, als eine verlorne Schlacht!« —

Er schien verlegen, stand auf und sprach mit einem seiner Offiziere einige Minuten zur Seite. Endlich kam er zurück. — »Du sollst und kannst abreisen, so bald du bewiesen hast, daß du ein Holländer, und kein Engländer bist.«

»Wie, Jammedaar! spottest du meiner? Wie soll ich das beweisen? Sind wir nicht von einer Farbe? Ist in unsern Zügen, unserer Kleidung, unseren Manieren irgend ein Unterschied? Ja, wenn du die Sprachen verständest, aber so? — Weißt du was, Jammedaar! Laß mich nach Pondichery bringen, wenn du mir nicht glauben willst! Hörst du, nach Pondichery!« —

Er konnte nichts darauf erwidern, aber mich reisen zu lassen, dazu hatte er eben so wenig Lust. — »Es ist am besten« — sagte er endlich — »ich lasse dich zu Nabob bringen, der bei Arcot steht. So bin ich von aller Verantwortung frei!« —

»Ei nicht doch!« — erwiederte ich, denn diese Reise war ganz und gar nicht in meinem Sinne. — »Ich sage dir ja, daß ich noch heute in Pondichery seyn muß!« — Allein vergebens. Nur mit der äußersten Mühe brachte ich ihn am Ende noch auf eine andere Idee.

»Azoaf!« — rief er einem seiner Srapoys zu — »Schwing dich auf dein Roß, flieg nach Marampette, und sage Rosan Alichan, daß ein Weißer in meine Hände gefallen ist, der sich für einen Holländer aus Sadringapatnam ausgiebt.« —

»Und sag ihm zu gleicher Zeit« — fiel ich ein — »daß es derselbe Holländer ist, der ihn einmal aus den Händen der Engländer gerettet hat.« —

Bei diesen Worten schrie der Jammedaar auf, während mir der Srapoy zu Füßen fiel. — »Maharadja« (Herr) — rief er — »Verzeih! Ich erkannte dich nicht. Ja! ich war damals bei Rosan Alichan, als du unser aller Retter warst. Jezt flieg ich zu ihm, um ihm zu melden, daß du hier bist!« — So sprach er, schwang sich auf sein Pferd, und eilte im Galopp davon.

Jezt wendete sich auch der Jammedaar zu mir — »Freund!« — sagte er mit Innigkeit, und legte die linke Hand aufs Herz — »Freund! Mache mich zu deinem Sclaven für diese Beleidigung. Ich weiß, welchen Dienst du Rosan Alichan erzeigt hast; er hat mir oft davon erzählt!« — Zu gleicher Zeit bot er mir seine Huka (Pfeife) an, und befahl, meine Leute augenblicklich frei zu lassen, auch sie reichlich mit Lebensmitteln zu versehen.

Nach ungefähr einer Stunde traf Rosan Alichan ein, und begrüßte mich mit vieler Herzlichkeit. — »Warlich!« — rufte er voll Freude aus — »Der Fang ist mir lieber als die halbe englische Armee!«— Hierauf sezten wir uns zum Pillau (Reis mit Fleisch u. s. w.) hin, wobei es nicht an Arrac gebrach. Endlich um vier Uhr ward ich in stattlicher Begleitung ans Ufer getragen, und eine halbe Stunde später befanden wir uns wieder in See.

Zwölftes Capitel.

Der Abend war still und freundlich; singend ruderten meine Leute längs der Küste hin, während ich in tiefe Betrachtungen versank. Man erinnert sich der Briefe von Lord Macartney. Ich hatte geschehen lassen, was nicht zu ändern war; aber sollte ich den Feinden meines Vaterlandes dienen? — Nimmermehr! — Mich band weder Eid noch Pflicht. — Ich beschloß demnach, in Pondichery einzulaufen, die Briefe dort abzugeben, und dann so fort nach Tranquebar zu gehen. Mit Schrecken bemerkte ich indessen, daß das Wasser immer stärker in die Chialeng drang. Ich war daher gezwungen die Nacht am Strande zuzubringen, bis der langersehnte Morgen anbrach. Jezt ward der Leck entdeckt und sorgfältig verstopft. Mit erneuerten Kräften ruderten wir nun weiter, und langten endlich um zehn Uhr auf der Rhede von Pondichery an.

Als wir ans Land gestiegen waren, versammelte sich Alles um uns her. — »Wie, von Madras? Mit dieser Chialeng?« — Es schien allerdings ein halbes Wunderwerk, denn alle Cocosstricke an den Planken waren fast gänzlich verfault. Bei einer schweren Ladung hätten wir dies alte Fahrzeug sicher nicht so weit gebracht. Ich gab es jezt meinen armen Leuten Preis, bezahlte ihnen den bedungenen Lohn, und wanderte langsam in die Stadt hinein. Sofort kam ein Pron (Diener) auf mich zu, und wieß mich zu dem Equipagenmeister, einen Mr. de Salmiac.

Als ich in das Zimmer trat, sah ich ein kleines, rundes, dickbäuchigtes Männchen, bloß in Hemde und Pantalons vor mir. Ich war ein wenig erstaunt, und glaubte unrecht gegangen zu seyn. — »Nein! Nein!« — fiel er mir lebhaft ins Wort — »Ich bin es selbst — Sie sind freilich nicht der erste, der sich über mein Neglige verwundert; aber so laufe ich, der Hitze wegen, immer im Hause herum. Es ist doch ein Herzleid, wenn man so dick ist — Mais l'habit ne fait pas le moine — Was haben Sie anzubringen? — Setzen Sie sich.«

»Ich habe englische Briefe für den Admiral de Suffroin!«

»Wie, englische Briefe für den Admiral?« — rief er mit Verwunderung und Freude aus — »Vielleicht Nachricht vom Frieden? — Sagen Sie, wissen Sie etwas davon? Haben Sie etwas davon gehört?« — So ging es, in einem Athem, wohl eine Viertelstunde lang fort. Er war ganz begeistert von seiner Friedensidee. Endlich erzählte ich ihm den Zusammenhang.

»Bravo! Bravo! « — rief er in die Hände klatschend — »Tausend Pagoden! Warlich, das ist keine Kleinigkeit. Aber Sie haben wahrscheinlich Vermögen?« — »Im Gegentheil, ich bin nichts weniger als reich« — »c'est fort!« — sagte er halblaut für sich, und dann mit Lebhaftigkeit zu mir: »Ma foi, vous êtes un honnête homme!«

»Aber!« — fiel er plözlich in einem anderen Tone ein — »An wen denken Sie Ihre Briefe abzugeben? — Der Admiral ist abgesegelt, wie Sie sehen; der Intendant ist auf einige Tage verreist. Sie wollen gern nach Tranquebar, wie Sie sagen, und da geht eben ein Thony (Küstenfahrer) hin. Ich erwarte den Capitain jeden Augenblick. Wissen Sie was? lassen Sie die Briefe bei mir; so ist es gut!« —

»Sehr gern!« — erwiederte ich, und war im Grunde herzlich froh, sie endlich los zu seyn. Es waren fünf und dreißig zusammen, worüber ich einen Empfangschein erhielt. Zu gleicher Zeit schrieb Mr. de Salmiac meinen Namen, nebst der Adresse eines meiner Freunde zu Tranquebar auf.

Jezt kam der Capitain der Thony, ich ward mit ihm um drey Pagoden eins. Es war mein leztes Geld; Mr. de Salmiac hörte es, blieb aber ganz gleichgültig dabei. — »Essen Sie zu Mittag!« — sagte der Capitain: »Sie haben gerade noch zwei Stunden Zeit!« — Sofort überhäufte mich Mr. de Salmiac mit tausend Entschuldigungen, daß er heute selbst zu Gaste gebeten sey. — »Wenn Sie indessen durchaus Niemand anders kennen« — fuhr er fort — »So werde ich Sie mitnehmen — Ja! Ja! — Ich werde Sie mitnehmen, wenn nämlich der Capitain warten will!« —

Sein zweideutiges Wesen misfiel mir; ich nahm daher augenblicklich Abschied von ihm. — »Mais!Mais!« — fiel er ein — »J'en suis fâché! J'en suis an desespoir!« — führte mich unter einer Menge Complimente zur Thüre hinaus, und ließ mich auf der Straße stehen. Ich darf es sagen, eine Belohnung verlangte ich nicht; aber ein gutes Mittagsessen hätte mir allerdings Vergnügen gemacht. Ich verkaufte nun einige kleine Pretiosen, aß in einer Taverne, und begab mich hierauf an Bord. Der Wind war günstig; schon um acht Uhr Abends ankerten wir auf der Rhede von Tranquebar. Vor Freude und Ungeduld war ich außer mir.

Alle Chialengs waren indessen bereits in Sicherheit gebracht; ich sah keine Möglichkeit ans Land zu gehen. Endlich vernahm ich Rudergesang. Es waren Fischer; sie kamen aus der See zurück. — »He!« — rief ich ihnen zu — »Wollt ihr einen Weißen mit ans Land nehmen?« — Sie achteten wenig, oder gar nicht darauf. — »Eine Rupie, wenn ihr wollt« — fuhr ich fort, und in wenig Minuten war ich auf dem Kattamaran (Floß). Wohl wußte ich, was ich wagte, und wie gefährlich das Landen war; allein ich dachte an Sophien, und verließ mich auf mein bisheriges Glück.

Jezt waren wir bei der glänzenden Brandung, die sich mit dumpfem Donner am Ufer brach. — »Noch eine Rupie!« — rief ich den Fischern zu, wenn ihr mich glücklich hinüber bringt. Zu gleicher Zeit warf ich mich nieder, und klammerte mich an die Balken an. Glücklich kamen wir über die zwei ersten Wellen hinweg, nicht so über die dritte, so groß auch die Anstrengung der Ruderer war. Sie holte uns ein, hieng, wie ein schreckliches Gewölbe, einen Augenblick über uns, und stürzte dann donnernd auf uns herab. Ich verlor das Bewußtseyn. — Als ich wieder zu mir kam, lagen wir hoch und trocken auf dem Strande von Tranquebar.

Dreizehntes Capitel.

Ohne Aufenthalt eilte ich nun vollends in die Stadt hinein, und beschloß bei dem ersten besten nach Sophien Erkundigungen einzuziehen. Eben kam ich bei dem Zollhause vorbei; es war noch Licht darin. — »Guten Abend!« — sagte ich zu den Kannekas (Schreibern) — »Könnt ihr mir nicht sagen, ob die Thony von Maleappa — so hieß der Schiffer — angekommen ist?« —

»O ja, schon vor geraumer Zeit! — Dort liegt sie auf dem Strande — Wenn's Tag wäre, könntet ihr sie gleich vor euch sehen. — Sie wird reparirt; sie hat einen schweren Sturm auszuhalten gehabt.« —

»Wo wohnt Maleappa? Ich muß ihn sprechen.« —

»Wo er wohnt? — Nun vermuthlich bei den Fischern, denn beim Sturme fiel er über Bord.« —

»Und die Frau mit dem jungen Mädchen? — Sie befanden sich als Passagiere auf der Tony. — Sind sie noch in Tranquebar?« —

Die Schreiber sahen einander an; keiner hatte ein Wort von diesen Personen gehört; ich ward leichenblaß. In diesem Augenblicke trat ein Kuli (Träger) auf mich zu. Er hatte bisher an der Thüre gesessen und unserem Gespräche zugehört. — »Aya!« — sagte er — »Gieb mir ein Paar Panams und ich führe dich hin. Ich habe ihre Sachen getragen, und weiß, wo sie eingekehrt sind.« — »Du sollst eine Rupie haben!« rief ich, und eilte mit ihm fort.

»Hier!« — sagte er endlich, indem er auf ein malabarisches Häuschen zeigte — »Hier Aya, hier wohnen sie! Soll ich anklopfen?« — »Nein! Nein!« —sagte ich hastig, und hielt ihn zurück. — »Hier hast du dein Geld, und gute Nacht!« —

In dem Augenblick gieng die Thür auf, und Sophie trat mit einer Lampe heraus. — »O mein Gott!« — rief sie und flog an meinen Hals. Seliger und unbeschreiblicher Augenblick. So fand uns die Mutter in stummer Umarmung. — »Ach! wie haben wir uns geängstiget« — sagte sie. — »Nun Gott sey hoch gedankt!« —

Am andern Morgen dachte ich nun im ganzen Ernste an meine Einrichtung. Alle meine Sachen waren unversehrt; allein Tranquebar bot wenig, oder gar keine Hülfsquellen dar. Der dänische Handel ist unbedeutend; das Comtoir beschäftigt nur wenig Leute! überall herrscht die größte Sparsamkeit. Ich mußte mir einen bedeutenden Plaz wählen, wo ich überdem von dem Kriege sicher war. Es schien mir daher am besten, nach Jaffanapatnam auf Ceylon zu gehen. Die Mutter freute sich über meinen Entschluß, Sophie aber sagte kein Wort dazu. Erst jezt hörte ich von jener, daß der Bräutigam zu Trinconomale sey. — In wenig Tagen hatte ich eine gute, geräumige Chialeng mit einem Sonnendeck gekauft, und tüchtige Ruderer u. s. w. besorgt. Da erschien auf einmal ein alter gutgekleideter Herr bei mir.

»Ich bin der Graf von Bonvoux« — hub er französisch an — »Sie befrachten eine Chialeng nach Jaffanapatnam; ich suche ebenfalls eine Gelegenheit dahin — Wenn Sie mich mitnehmen könnten, wär' es mir angenehm. — Ich habe nur ein Paar Coffers, vier Kisten mit Wein, zwei Ballen Musselin, und zwei weibliche Bedienten bei mir!« — Ich sah an seinem Orden, daß er Maltheser war, und lachte herzlich über seine Dienerschaft.

»Das ist so einmal meine Art!« — gab er jovialisch zur Antwort — »Ich habe immer zwei Mädchen bei mir. Die eine besorgt die Küche, die andere meine Person.« — »D'ailleurs!« — indem er mich sehr bedeutend ansah — »Le nom ne fait rien à la chose. Vous le verrez!«

Ich hatte anfangs wenig Lust zu dieser Reisegesellschaft, und entschuldigte mich durch den Mangel an Plaz, was auch nicht ganz ungegründet war. Allein der alte Ritter wußte mir alles so leicht vorzustellen, und schien zugleich so jovialisch zu seyn; daß ich ihm endlich die Ueberfahrt, und obendrein umsonst zugestand.

»Nun gut!« — sagte er — »So kaufen sie wenigstens keine Provisionen ein! Das will ich auf mich nehmen, und ich denke zu ihrer Zufriedenheit. Geben Sie keinen Sous dafür aus, ich bitte Sie! Verlassen Sie sich ganz auf mich!« — So gieng er, und ich verließ mich wirklich auf ihn.

Beim Mittagsessen erklärte mir die Mutter, daß sie nicht mit zu reisen willens sey. Sie habe ein treffliches Unterkommen als Haushälterin bei einem Hollsteiner erhalten, sie vertraue Sophien meiner Rechtlichkeit an. Zerschlüge sich die Heirath, so hätte ich ihre Einwilligung. Sophie schien über dies alles äußerst vergnügt; man kann denken, wie sehr ich es selbst war.

So schlug es vier Uhr, und wir eilten in die Chialeng. Die gute Mutter begleitete uns an den Strand; wir nahmen herzlichen Abschied von ihr. Der Graf befand sich mit seinen beiden Mädchen bereits an Bord, und war äußerst höflich, wiewohl er einen kleinen Hieb zu haben schien. — Wir richteten uns ein, so gut es möglich war. — Endlich Anker auf! — Da segelten wir lustig die Rhede hinaus.

Vierzehntes Capitel.

So verließ ich denn die Küste von Coromandel, wo ferner kein Glück für mich zu blühen schien. Mit vermischten Gefühlen blickte ich noch einmal auf das verschwindende Gestade zurück. Die Stadt, das Fort, die Pagoden, die Cocos-Wälder — alles glänzte im Dufte des Abendroths; alles sank allmählich in Dämmerung.

Bald war es Zeit zum Abendessen, und der Graf öffnete seinen Speisekorb. Noch jezt sah ich ihn vor mir, wie er vier kleine gebratene Hühner, zehn Sousbrode, und eine Flasche Madera heraus nahm. Da ich dies natürlich nur für eine Art Voressen hielt, expedirte ich mein Huhn, und meine zwei Brode mit gutem Seemannsappetit.

»Parbleu!« — sagte der Graf — »Hätte ich das gewußt, ich hätte mich mit einem Huhn, und einem Paar Broden mehr versehen!« —

»Wie, Herr Graf?« fiel ich lebhaft ein — »Das ist Alles?« —

»Wie Sie sehen, ja! — Vraiement! J'en suis fâché! — Aber es hat gar nichts zu sagen. Wir frühstücken zu Caix[3], ich stehe Ihnen dafür. Lassen Sie mich nur machen; ich bin ein alter erfahrner Steuermann!«

Ich ließ ihn schwatzen; denn ich merkte wohl, er hatte abermals zu tief ins Glas gesehen. Im Nothfall gab es überdem längs der Küste noch kleine Häfen genug. Völlig unbesorgt streckte ich mich also, wie die ganze Gesellschaft, auf meine Matte hin.

So mochte ich ungefähr bis fünf Uhr Morgens geschlafen haben, als ich von dem Tandel (Steuermann) geweckt ward. — »Steht auf, lieber Herr!« — sagte er sehr betrübt. — »Ich kann keinen Grund mehr finden, und sehe auch kein Land mehr.« —

»Wie?« rief ich erschrocken — »Kein Land? Wie ist das möglich?« — Und mit einem Sprunge war ich auf, und sah leider, daß es gegründet war. — »Aber« — fuhr ich heftig fort — »Warum hast du die Küste verlassen?« — »Um Gotteswillen!« — antwortete er zitternd — »Nicht ich, der Franzose« — »Wie, der Franzose?« — »Ja Herr! Er hat es gethan! — Er zwang mich dazu, er sezte mir die Pistole auf die Brust!« —

Es war in der That ein entsezlicher Streich. Die See gieng hoch; die Strömung lief nach Nordost; das Rudern war äußerst beschwerlich; unsere Richtung gerade entgegengesezt. Hierzu die Hitze, die Windstille, der Mangel an Proviant — Ich gestehe es; ich war außer mir vor Zorn. Ich hätte den gräßlichen Patron über Bord werfen können; so erbittert war ich auf ihn. — »Da!« sagte ich, und weckte ihn ziemlich unsanft auf — »Da! Sehen Sie ihre verdammte Steuermannnskunst! — Wir treiben in offener See.«

»Vous êtes une bête!« — war seine Antwort — »Was verstehen denn Sie davon? Nun ja! Ich habe diese Nacht gesteuert, und danken sollten Sie mir noch dafür. — Parbleu! — So an der Küste hinzuschleichen, wenn man Curs halten kann. In ein Paar Stunden müssen wir zu Caix seyn. Wenn man die Küste nicht sieht, so ist der Nebel daran Schuld.«

Jezt wurde es mir zu arg, und ich bewieß ihm mit der Charte, daß er ein Windbeutel sey. — »Treiben wir die Nordspitze von Ceylon vorbei« — fuhr ich fort — »so ist es um uns geschehen. Also ans Ruder, bis der Wind auffrischt! Geben Sie den Leuten Geld, sonst stehe ich Ihnen für nichts!« —

Er schien mir Recht zu geben, und warf eine Hand voll Rupien hin. Diese theilte ich sofort unter die Ruderer aus, und machte sie wirklich ganz munter dadurch. Zu gleicher Zeit theilte ich Reis und Wasser unter sie aus. Wir andern behalfen uns mit etwas Zwieback und Maderawein.

So kam der Abend heran; der Wind schien aufzufrischen; die armen Ruderer konnten wenigstens etwas ruhen. Ich selbst löste den Tandel am Steuer ab, und war endlich der einzige, der auf der Chialeng wachend blieb. Zu meiner großen Freude ward der Wind immer stärker, und so steuerte ich muthig nach Südwest fort.

Fünfzehntes Capitel.

Die Sonne gieng auf. Rings umher nichts als Himmel und Wasser, und bald gänzliche Stille, wie vorher. Mit kummervollem Herzen rief ich die armen Malabaren an ihr beschwerliches Tagewerk. — »Noch kein Land?« — fragten sie traurig, als sie die weite, öde Wasserfläche vor sich sahen. — »Noch kein Land, lieber Herr?« — »Diesen Abend gewiß« — antwortete ich mit erkünstelter Heiterkeit, und in dem Augenblicke trieb ein Bananasstamm vorbei. — »Seht ihr?« — fuhr ich fort, und faßte selbst einige Hoffnung — »Seht ihr? Es kann nicht weit mehr seyn!« —

In diesem Augenblicke stürzte der Graf herbei — »Hier«! — schrie er einem seiner Mädchen aus der Caste der Parias zu — »Hier! Sag den armen Leuten, daß der Mensch da ein Betrüger ist, daß er sie nun und nimmermehr in einen Hafen bringen wird. Von nun an will ich selber steuern, und wette tausend Rupien, daß wir morgen in Caix sind. Wer mir nicht gehorcht, dem jage ich den Degen durch den Leib!« — Mit diesen Worten stieß er den Tandel auf die Seite, und wollte die Chialeng wieder nach Osten drehen.

»Freunde!« — rief ich mit Heftigkeit — »Nehmen wir einen andern Curs, so mag uns Gott beistehen!« — Zu gleicher Zeit packte ich den Grafen beim Kragen, und entfernte ihn etwas unsanft von seinem Platz. Er stolperte, wollte ein Tau fassen, verfehlte es, und flog über Bord. Augenblicklich sprang ihm aber ein Ruderer nach, und brachte ihn wieder herauf, so daß er mit der Abkühlung davon kam.

Nachmittags ward ich in Osten einige Wolken gewahr. Dies versprach für die Nacht äußerst günstigen Wind. Gegen Abend indessen waren die Ruderer so ermüdet, daß einer nach dem andern zu Boden sank. Es ward finster; noch immer frischte kein Lüftchen auf. Jeder Seufzer Sophiens zerriß mir das Herz. Endlich schlief alles ein, und mir selbst sanken zulezt die Augen zu.

Plözlich — vielleicht nach einigen Stunden — erwachte ich von einem heftigen Stoße der Chialeng, und fand, zu meiner unsäglichen Freude, daß der Wind frisch aus Norden blies. — »Auf Freunde, auf!« — rief ich jezt dem Tandel, und den Ruderern zu — »Der Wind ist da! Der Wind ist da! Jezt lustig das Segel auf! Morgen laufen wir in Caix ein!« — Alle sprangen in Eile auf; alle waren mit neuem Muthe erfüllt. Ich steuerte nunmehr mit fester Hand, und rauschend flog die Chialeng durch die glänzenden Fluthen hin. Sophie kam zu mir, wir sprachen zusammen, bis der Tag anbrach.

Die Sterne blühten, in Osten fieng es an heller zu werden; mit klopfendem Herzen blickte ich nach der ersehnten Küste, die meiner Rechnung nach, in Süden zu finden war. Da gieng die Sonne auf, und wie ein bläulich glänzender Nebelstreif stieg das Land aus dem wellenden Meer empor. — »Land! Land!« — rief ich freudig, und zeigte mit der Hand dahin! — »Land! Land!« — tönte es durch die ganze Chialeng. — Einige Stunden, und wir konnten schon die dunkeln Waldungen sehen. Endlich kamen wir näher und näher, und ich erkannte die kleine Insel Caradiva, oder Amsterdam, ungefähr zwei Seemeilen von Ceylon.

Gern hätte ich die Chialeng auf den Strand gesezt, allein der Felsenriffe wegen mußten wir vor Anker gehen. Eilig kletterten wir nun, den Grafen ausgenommen, vom Fahrzeuge herunter, wadeten über die Klippen, und langten wohlbehalten am Ufer an. Eine Frau zeigte uns den nächsten Brunnen, und besorgte uns bald ein gutes Mittagsmahl. Der Graf ließ seine Sachen in eine andere Chialeng bringen, und befreite mich so, zu meiner großen Freude, von seiner Gegenwart. Um vier Uhr ankerten wir bei dem Fort Ham an Hiel, und am andern Morgen kamen wir glücklich zu Jaffanapatnam an. Hier ward Sophie die meinige, und hier fand ich auf eine kurze Zeit, ein nie genossenes Glück.

Erste Abtheilung,
Jacob Haafner.