BAKKULO

{239} Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige Bakkulo bei Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen. Da nun begab sich der Nackte Büßer[123] Kassapo, ein ehemaliger Hausgenosse des ehrwürdigen Bakkulo, dorthin wo der ehrwürdige Bakkulo weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihm und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der Nackte Büßer Kassapo zum ehrwürdigen Bakkulo also:

»Wie lang ist es her, Bruder Bakkulo, dass du Pilger bist?«

»Achtzig Jahre, Bruder, bin ich Pilger.«

»Während dieser achtzig Jahre aber, Bruder Bakkulo, hast du wie oft der Paarung gepflegt?«

»Nicht wohl darfst du mich, Bruder Kassapo, also befragen, sondern die Frage kannst du mir stellen: ›Während dieser achtzig Jahre aber, Bruder Bakkulo, ist dir wie oft eine begehrliche Wahrnehmung zuerst aufgestiegen?‹ Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keiner begehrlichen Wahrnehmung, die mir zuerst aufgestiegen wäre.«

»Dass aber der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren von einer begehrlichen Wahrnehmung, die zuerst aufgestiegen wäre, nichts mehr weiß, eben das wollen wir uns als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken.«[124]

»Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keiner gehässigen, keiner rachgierigen Wahrnehmung, die mir zuerst aufgestiegen wäre.«

»Dass aber der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren von einer gehässigen, einer rachgierigen Wahrnehmung, die zuerst aufgestiegen wäre, nichts mehr weiß, eben das wollen wir uns als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken.«

{240} »Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keinem begehrlichen Gedanken, der mir zuerst aufgestiegen wäre.«

»Dass aber der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren von einem begehrlichen Gedanken, der zuerst aufgestiegen wäre, nichts mehr weiß, eben das wollen wir uns als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken.«

»Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keinem gehässigen, keinem rachgierigen Gedanken, der mir zuerst aufgestiegen wäre.«

»Dass aber der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren von einem gehässigen, einem rachgierigen Gedanken, der zuerst aufgestiegen wäre, nichts mehr weiß, eben das wollen wir uns als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken.«

»Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keinem bürgerlichen Kleide, das ich angenommen hätte.«

»Dass aber der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren von keinem bürgerlichen Kleide weiß es angenommen zu haben, eben das wollen wir uns als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken.«

»Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keiner Scheere, mit der ich mir den Mantel zugeschnitten, von keiner Nadel, mit der ich mir den Mantel genäht, von keiner Farbe, mit der ich mir den Mantel gefärbt, von keinem Flecken, mit dem ich mir den Mantel geflickt hätte, weiß nicht, dass ich mit den Ordensbrüdern die Kleidung ausgebessert hätte.[125] Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keiner Einladung, der ich zugesagt hätte, von keinerlei Gedanken, der mir etwa gekommen wäre, ›O dass mich doch jemand einlüde‹, weiß nicht, dass ich in einem Hause gesessen, in einem Hause gegessen hätte. Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich nicht, dass ich ein Weib erblickend es angesehn hätte, weiß nicht, dass ich einem Weibe die Lehre dargelegt, und wär’ es auch nur ein Spruch von vier Silben gewesen. Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keiner Nonnenzelle, der ich genaht wäre, von keiner Nonne, keiner Jüngerin, {241} keiner Schülerin, der ich die Lehre dargelegt hätte.[126] Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keiner Aufnahme, keiner Ordensweihe, die von mir ertheilt worden, weiß nicht, dass ich beigestanden wäre, dass von mir ein Schüler unterwiesen worden[127]. Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich nicht, dass ich im Badhause gebadet, ein Seifenpulver gebraucht, von den Ordensbrüdern mich abreiben hätte lassen. Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich von keinerlei Krankheit, die mich etwa befallen, und wär’ es auch nur ein Hustenreiz in der Gurgel gewesen[128], weiß von keinem Heilkraute, das ich genommen, und wär’ es auch nur ein Grashalm gewesen. Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich nicht auf der Seite gelegen zu sein, mich niedergelegt zu haben. Die achtzig Jahre, Bruder Kassapo, wo ich Pilger bin, weiß ich nicht, dass ich über die Regenzeit in der Nähe eines Dorfes Obdach aufgesucht hätte.«

»Dass freilich der ehrwürdige Bakkulo seit achtzig Jahren also gelebt hat, eben das wollen wir uns als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken.«

»Sieben Tage erst hatt’ ich da, Bruder Kassapo, als Asket Almosenbissen genossen, als am achten die Gewissheit aufging.«

»Dass eben da der ehrwürdige Bakkulo sieben Tage erst als Asket Almosenbissen genossen, als am achten die Gewissheit aufging, auch das wollen wir uns als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken. Könnte ich doch, Bruder Bakkulo, in diese Lehre und Ordnung aufgenommen, mit der Weihe belehnt werden!«

Und der Nackte Büßer Kassapo wurde in diese Lehre und Ordnung aufgenommen, wurde mit der Weihe belehnt.

Nicht lange aber war der ehrwürdige Kassapo in den Orden aufgenommen, da hatte er, einsam, abgesondert, unermüdlich, in heißem, innigem Ernste gar bald {242} was edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel des Asketenthums noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ verstand er da. Auch einer war nun der ehrwürdige Kassapo der Heiligen geworden.


Und der ehrwürdige Bakkulo begab sich nach einiger Zeit, in seinen weiten Mantel gehüllt, von Klause zu Klause und sprach also: ›Schreitet herbei, ihr Brüder, schreitet herbei, ihr Brüder: heute werd’ ich vom Wahne vollkommen erlöschen.‹ Dass aber der ehrwürdige Bakkulo, in seinen weiten Mantel gehüllt, von Klause zu Klause gegangen ist und gesagt hat: ›Schreitet herbei, ihr Brüder, schreitet herbei, ihr Brüder: heute werd’ ich vom Wahne vollkommen erlöschen‹, auch das wollen wir uns als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken.

Und der ehrwürdige Bakkulo ist, in der Mitte der Ordensbrüder sitzend, vom Wahne vollkommen erloschen. Dass aber der ehrwürdige Bakkulo, in der Mitte der Ordensbrüder sitzend, vom Wahne vollkommen erloschen ist, auch das wollen wir uns als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des ehrwürdigen Bakkulo merken.[129]


125.

Dreizehnter Theil

Fünfte Rede