VOR KĪṬĀGIRI
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit wanderte der Erhabene im Lande der Benāreser von Ort zu Ort, von vielen Mönchen begleitet. Da nun wandte sich der Erhabene an die Mönche:
»Ich nehme, ihr Mönche, nur zu anderer Zeit und nicht am Abend Nahrung ein: und weil ich nun, ihr Mönche, nur zu anderer Zeit und nicht am Abend Nahrung einnehme, wahr’ ich mir Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein. So nehmet auch ihr denn, Mönche, nur zu anderer Zeit und nicht am Abend Nahrung ein: nur zu anderer Zeit, ihr Mönche, und nicht am Abend Nahrung einnehmend werdet auch ihr Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein euch wahren.«
»Gern, o Herr!« erwiderten da jene Mönche dem Erhabenen gehorsam.
Und der Erhabene wanderte im Lande der Benāreser von Ort zu Ort weiter und kam in die Nähe von Kīṭāgiri, einer Burg im Gebiete von Benāres.
Vor Kīṭāgiri weilte nun der Erhabene, vor der benāresischen Burg. Und gerade damals hielten sich die Jünger Assaji und Punabbasu mit ihren Mönchen bei Kīṭāgiri auf.
Da nun begaben sich viele Mönche dorthin wo Assaji und Punabbasu mit ihren Mönchen weilten. Dort angelangt sprachen sie also zu ihnen:
»Der Erhabene, ihr Brüder, nimmt nur zu anderer Zeit und nicht am Abend Nahrung ein, und auch die Mönchgemeinde: nur zu anderer Zeit und nicht am Abend, ihr Brüder, Nahrung einnehmend wahren sie sich Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein. So nehmet, Brüder, auch ihr nur zu anderer Zeit und nicht am Abend Nahrung ein: nur zu anderer Zeit, ihr Brüder, und nicht am Abend Nahrung einnehmend werdet auch ihr Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein euch wahren.«
{474} Auf diese Worte sprachen die Mönche Assajis und Punabbasus also zu den Mönchen:
»Und wir, Brüder, nehmen eben abends Nahrung ein und morgens und mittags, außer der Zeit: und weil wir eben abends Nahrung einnehmen und morgens und mittags, außer der Zeit, wahren wir uns Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein. Was werden wir da ein Gegenwärtiges aufgeben um einem Künftigen nachzujagen? Sondern abends wollen wir Nahrung einnehmen und morgens und mittags, außer der Zeit.«
Da nun jene Mönche die Mönche Assajis und Punabbasus nicht aufzuklären vermochten, begaben sie sich zum Erhabenen zurück, begrüßten den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend berichteten nun jene Mönche dem Erhabenen Wort um Wort den ganzen Vorgang. Und der Erhabene wandte sich an einen der Mönche:
»Gehe, o Mönch, und sage in meinem Namen den Mönchen Assajis und Punabbasus: Der Meister lässt euch Ehrwürdige rufen.«
»Wohl, o Herr!« erwiderte jener Mönch, dem Erhabenen gehorchend, und begab sich dorthin wo die Mönche Assajis und Punabbasus weilten. Dort angelangt sprach er also zu ihnen: »Der Meister lässt euch Ehrwürdige rufen.«
»Gut, o Bruder, wir kommen!« erwiderten die Mönche Assajis und Punabbasus jenem Mönche und begaben sich dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßten sie den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder. Und zu den Mönchen Assajis und Punabbasus, die da zur Seite saßen, sprach der Erhabene also:
»Ist es wahr, wie man sagt, ihr Mönche, dass viele Mönche euch besucht und euch zugesprochen haben: ›Der Erhabene, ihr Brüder, nimmt nur zu anderer Zeit und nicht am Abend Nahrung ein, und auch die Mönchgemeinde: nur zu anderer Zeit und nicht am Abend, ihr Brüder, Nahrung einnehmend wahren sie sich Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein. So nehmet, Brüder, auch ihr nur zu anderer Zeit und nicht am Abend Nahrung ein: nur zu anderer Zeit, ihr Brüder, und nicht am Abend Nahrung einnehmend werdet auch {475} ihr Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein euch wahren.‹ Auf diese Worte, ihr Mönche, sollt ihr dann also zu den Mönchen gesprochen haben: ›Und wir, Brüder, nehmen eben abends Nahrung ein und morgens und mittags, außer der Zeit: und weil wir eben abends Nahrung einnehmen und morgens und mittags, außer der Zeit, wahren wir uns Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein. Was werden wir da ein Gegenwärtiges aufgeben um einem Künftigen nachzujagen? Sondern abends wollen wir Nahrung einnehmen und morgens und mittags, außer der Zeit.‹«
»Ja, o Herr!«
»Wie nun, ihr Mönche? Wisst ihr etwa, dass ich also die Lehre gezeigt habe: ›Was immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl, oder Wehe, oder weder Wohl noch Wehe, da mindern sich bei ihm die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen‹?«
»Das nicht, o Herr!«
»So wisst ihr denn, Mönche, dass ich also die Lehre gezeigt habe: Da empfindet einer irgend ein wohliges Gefühl und ihm mehren sich die unheilsamen Dinge und mindern sich die heilsamen, und wieder einer empfindet irgend ein wohliges Gefühl und ihm mindern sich die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen; da empfindet einer irgend ein wehes Gefühl und ihm mehren sich die unheilsamen Dinge und mindern sich die heilsamen, und wieder einer empfindet irgend ein wehes Gefühl und ihm mindern sich die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen; da empfindet einer irgend ein weder wohlig noch wehes Gefühl und ihm mehren sich die unheilsamen Dinge und mindern sich die heilsamen, und wieder einer empfindet irgend ein weder wohlig noch wehes Gefühl und ihm mindern sich die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen.«
»Freilich, o Herr!«
»Gut, ihr Mönche. Hätt’ ich das, ihr Mönche, nicht erkannt, nicht gesehn, nicht gefunden, nicht offenbar gemacht, nicht weise gefasst: ›Da empfindet einer irgend ein wohliges Gefühl und ihm mehren sich die unheilsamen Dinge und mindern sich die heilsamen‹, wüsst’ ich das nicht und spräche: ›Derartiges wohlige Gefühl sollt ihr lassen‹, würde mir denn solches, ihr Mönche, zukommen?«
»Allerdings nicht, o Herr!«
»Weil ich nun aber das, ihr Mönche, erkannt, gesehn, gefunden, offenbar gemacht, weise gefasst habe: ›Da empfindet einer irgend ein wohliges Gefühl und ihm mehren sich die unheilsamen Dinge und {476} mindern sich die heilsamen‹, darum sag’ ich: ›Derartiges wohlige Gefühl sollt ihr lassen.‹ — Hätt’ ich das, ihr Mönche, nicht erkannt, nicht gesehn, nicht gefunden, nicht offenbar gemacht, nicht weise gefasst: ›Da empfindet einer irgend ein wohliges Gefühl und ihm mindern sich die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen‹, wüsst’ ich das nicht und spräche: ›Derartiges wohlige Gefühl sollt ihr gewinnen‹, würde mir denn solches, ihr Mönche, zukommen?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Weil ich nun aber das, ihr Mönche, erkannt, gesehn, gefunden, offenbar gemacht, weise gefasst habe: ›Da empfindet einer irgend ein wohliges Gefühl und ihm mindern sich die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen‹, darum sag’ ich: ›Derartiges wohlige Gefühl sollt ihr gewinnen.‹ — Hätt’ ich das, ihr Mönche, nicht erkannt, nicht gesehn, nicht gefunden, nicht offenbar gemacht, nicht weise gefasst: ›Da empfindet einer irgend ein wehes Gefühl und ihm mehren sich die unheilsamen Dinge und mindern sich die heilsamen‹, wüsst’ ich das nicht und spräche: ›Derartiges wehe Gefühl sollt ihr lassen‹, würde mir denn solches, ihr Mönche, zukommen?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Weil ich nun aber das, ihr Mönche, erkannt, gesehn, gefunden, offenbar gemacht, weise gefasst habe: ›Da empfindet einer irgend ein wehes Gefühl und ihm mehren sich die unheilsamen Dinge und mindern sich die heilsamen‹, darum sag’ ich: ›Derartiges wehe Gefühl sollt ihr lassen.‹ — Hätt’ ich das, ihr Mönche, nicht erkannt, nicht gesehn, nicht gefunden, nicht offenbar gemacht, nicht weise gefasst: ›Da empfindet einer irgend ein wehes Gefühl und ihm mindern sich die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen‹, wüsst’ ich das nicht und spräche: ›Derartiges wehe Gefühl sollt ihr gewinnen‹, würde mir denn solches, ihr Mönche, zukommen?«
»Freilich nicht, o Herr!«
»Weil ich nun aber das, ihr Mönche, erkannt, gesehn, gefunden, offenbar gemacht, weise gefasst habe: ›Da empfindet einer irgend ein wehes Gefühl und ihm mindern sich die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen‹, darum sag’ ich: ›Derartiges wehe Gefühl sollt ihr gewinnen.‹ — Hätt’ ich das, ihr Mönche, nicht erkannt, nicht gesehn, nicht gefunden, nicht offenbar gemacht, nicht weise gefasst: ›Da empfindet einer irgend ein weder wohlig noch wehes Gefühl und ihm mehren sich die unheilsamen Dinge und mindern sich die heilsamen‹, wüsst’ ich das nicht und spräche: ›Derartiges weder wohlig noch wehe Gefühl sollt ihr lassen‹, würde mir denn solches, ihr Mönche, zukommen?«
»Allerdings nicht, o Herr!«
»Weil ich nun aber das, ihr Mönche, erkannt, gesehn, gefunden, offenbar gemacht, weise gefasst habe: ›Da empfindet einer irgend ein weder wohlig noch wehes Gefühl und ihm mehren sich die unheilsamen Dinge und mindern sich die heilsamen‹, darum sag’ ich: ›Derartiges weder wohlig noch wehe Gefühl sollt ihr lassen.‹ — Hätt’ ich das, ihr Mönche, nicht erkannt, nicht gesehn, nicht gefunden, nicht offenbar gemacht, nicht weise gefasst: ›Da empfindet einer irgend ein weder wohlig noch wehes Gefühl und ihm mindern sich die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen‹, wüsst’ ich das nicht und spräche: ›Derartiges weder wohlig noch wehe Gefühl sollt ihr gewinnen‹, würde mir denn solches, ihr Mönche, zukommen?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Weil ich nun aber das, ihr Mönche, erkannt, gesehn, gefunden, offenbar gemacht, weise gefasst habe: ›Da empfindet einer irgend ein weder wohlig noch wehes Gefühl und ihm mindern sich die unheilsamen Dinge und mehren sich die heilsamen‹, darum sag’ ich: ›Derartiges weder wohlig {477} noch wehe Gefühl sollt ihr gewinnen.‹
»Nicht sag’ ich, ihr Mönche: ›Ein jeder Mönch muss unermüdlich kämpfen‹, noch auch sag’ ich, ihr Mönche: ›Ein jeder Mönch muss nicht unermüdlich kämpfen.‹ Jene Mönche, ihr Mönche, die da Heilige, Wahnversieger, Endiger sind, die das Werk gewirkt, die Bürde abgelegt, das Heil errungen, die Daseinsfesseln vernichtet haben, die in vollkommener Weisheit Erlösten, von solchen Mönchen, ihr Mönche, sag’ ich: ›Nicht müssen sie unermüdlich kämpfen.‹ Und warum nicht? Gekämpft haben sie unermüdlich, sie können nicht mehr ermüden. Jene Mönche aber, ihr Mönche, die als Kämpfer, mit streitendem Busen die unvergleichliche Sicherheit zu erringen trachten, von solchen Mönchen, ihr Mönche, sag’ ich: ›Unermüdlich müssen sie kämpfen.‹ Und warum das? ›Vielleicht werden noch diese Ehrwürdigen, an geeigneten Orten verweilend, im Umgang mit frommenden Freunden, die Sinne sicher hinlenken und jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen‹: das ist es, ihr Mönche, was ich bei diesen Mönchen als Lohn der Unermüdlichkeit vorhersehe, und darum sag ich: ›Unermüdlich müssen sie kämpfen.‹
»Sieben Arten von Menschen, ihr Mönche, finden sich hier in der Welt vor: welche sieben? Der Beiderseiterlöste, der Weisheiterlöste, der Körperzeuge, der Aufgeklärte, der Gläubigerlöste, der Wissendergebene, der Gläubigergebene.
»Was für einer, ihr Mönche, ist aber der Beiderseiterlöste? Da hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit der Formen, keinerlei Form behalten, leibhaftig erfahren und gefunden, und des weise Sehenden Wahn ist aufgehoben. Den heißt man, ihr Mönche, einen Beiderseiterlösten. Und von einem solchen Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Nicht muss er unermüdlich kämpfen.‹ Und warum nicht? Gekämpft hat er unermüdlich, er kann nicht mehr ermüden.
»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Weisheiterlöste? Da hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit der Formen, keinerlei Form behalten, nicht leibhaftig erfahren und gefunden, aber des weise Sehenden Wahn ist aufgehoben. Den heißt man, ihr Mönche, einen Weisheiterlösten. {478} Und auch von einem solchen Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Nicht muss er unermüdlich kämpfen.‹ Und warum nicht? Gekämpft hat er unermüdlich, er kann nicht mehr ermüden.
»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Körperzeuge? Da hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit der Formen, keinerlei Form behalten, leibhaftig erfahren und gefunden, und des weise Sehenden Wahn ist zum Theil aufgehoben. Den heißt man, ihr Mönche, einen Körperzeugen.[63] Und von einem solchen Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹ Und warum das? ›Vielleicht wird noch dieser Ehrwürdige, an geeigneten Orten verweilend, im Umgang mit frommenden Freunden, die Sinne sicher hinlenken und jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen‹: das ist es, ihr Mönche, was ich bei diesem Mönche als Lohn der Unermüdlichkeit vorhersehe, und darum sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹
»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Aufgeklärte? Da hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit der Formen, keinerlei Form behalten, nicht leibhaftig erfahren und gefunden, aber des weise Sehenden Wahn ist zum Theil aufgehoben, und die vom Vollendeten dargelegten Dinge sind ihm weise klar geworden, bis auf den Grund. Den heißt man, ihr Mönche, einen Aufgeklärten. Und auch von einem solchen Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹ Und warum das? ›Vielleicht wird noch dieser Ehrwürdige, an geeigneten Orten verweilend, im Umgang mit frommenden Freunden, die Sinne sicher hinlenken und jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen‹: das ist es, ihr Mönche, was ich bei diesem Mönche als Lohn der Unermüdlichkeit vorhersehe, und darum sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹
»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Gläubigerlöste? Da hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit der Formen, keinerlei Form behalten, nicht leibhaftig erfahren und gefunden, aber des weise Sehenden Wahn ist zum Theil aufgehoben, und der Glaube an den Vollendeten hat bei ihm Boden gefunden, Wurzel geschlagen, standgehalten. Den heißt man, ihr Mönche, einen Gläubigerlösten. Und auch von einem solchen Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹ Und warum das? ›Vielleicht wird noch dieser Ehrwürdige, {479} an geeigneten Orten verweilend, im Umgang mit frommenden Freunden, die Sinne sicher hinlenken und jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen‹: das ist es, ihr Mönche, was ich bei diesem Mönche als Lohn der Unermüdlichkeit vorhersehe, und darum sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹
»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Wissendergebene? Da hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit der Formen, keinerlei Form behalten, nicht leibhaftig erfahren und gefunden, und des weise Sehenden Wahn ist nicht aufgehoben, aber die vom Vollendeten dargelegten Dinge kommen ihm allmälig weise zum Bewusstsein, und folgende Sinneskräfte wirken in ihm, als da sind: Glaube, Muth, Einsicht, Sammlung, Weisheit. Den heißt man, ihr Mönche, einen Wissendergebenen. Und auch von einem solchen Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹ Und warum das? ›Vielleicht wird noch dieser Ehrwürdige, an geeigneten Orten verweilend, im Umgang mit frommenden Freunden, die Sinne sicher hinlenken und jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen‹: das ist es, ihr Mönche, was ich bei diesem Mönche als Lohn der Unermüdlichkeit vorhersehe, und darum sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹
»Und was für einer, ihr Mönche, ist der Gläubigergebene? Da hat, ihr Mönche, einer jene heiligen Erlösungen, die, jenseit der Formen, keinerlei Form behalten, nicht leibhaftig erfahren und gefunden, und des weise Sehenden Wahn ist nicht aufgehoben, aber er hegt Glauben und Liebe zum Vollendeten, und folgende Sinneskräfte wirken in ihm, als da sind: Glaube, Muth, Einsicht, Sammlung, Weisheit. Den heißt man, ihr Mönche, einen Gläubigergebenen. Und auch von einem solchen Mönche, ihr Mönche, sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹ Und warum das? ›Vielleicht wird noch dieser Ehrwürdige, an geeigneten Orten verweilend, im Umgang mit frommenden Freunden, die Sinne sicher hinlenken und jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen‹: das ist es, ihr Mönche, was ich bei diesem Mönche als Lohn der Unermüdlichkeit vorhersehe, und darum sag’ ich: ›Unermüdlich muss er kämpfen.‹
»Nicht kann man, sag’ ich, ihr Mönche, gleich im Anfang Gewissheit erlangen, sondern, ihr Mönche, allmälig sich mühend, allmälig kämpfend, Schritt um Schritt weiter schreitend erlangt man Gewissheit. {480} Wie aber, ihr Mönche, erlangt man allmälig sich mühend, allmälig kämpfend, Schritt um Schritt weiter schreitend Gewissheit? Da kommt, ihr Mönche, ein Gläubigerregter heran. Herangekommen gesellt er sich zu. Zugesellt giebt er Gehör. Offenen Ohres hört er die Lehre. Hat er die Lehre gehört behält er sie. Hat er die Sätze behalten betrachtet er den Inhalt. Hat er den Inhalt betrachtet gewähren ihm die Sätze Einsicht. Indem ihm die Sätze Einsicht gewähren billigt er sie. Indem er sie billigt lässt er sie gelten. Hat er sie gelten lassen wägt er ab. Hat er abgewogen arbeitet er. Und weil er innig arbeitet verwirklicht er eben leibhaftig die höchste Wahrheit, und weise durchbohrend erschaut er sie.
»Nun hat aber, ihr Mönche, jener Glaube gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Herankommen gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Zugesellen gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Gehörgeben gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Hören der Lehre gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Behalten der Sätze gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Betrachten des Inhalts gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Einsichtgewähren der Sätze gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jene Billigung gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Geltenlassen gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Abwägen gefehlt, nun hat aber, ihr Mönche, jenes Arbeiten gefehlt: in Irre wandelt ihr, Mönche, auf falscher Fährte wandelt ihr, Mönche. Wie fern stehn sie doch, ihr Mönche, die Thoren, abseit von dieser Lehre und Ordnung.
»Es giebt, ihr Mönche, eine viertheilige Darlegung, die, wenn man sie gegeben hat, von einem verständigen Manne, sogar binnen kurzem, ihrem Sinne nach weise gefasst werden kann: ich will sie euch geben, ihr Mönche, ihr werdet mir’s fassen.«
»Wer sind wir, o Herr, und wer sind die Erfasser der Wahrheit!«
»Wer da, ihr Mönche, ein Meister ist, der die Welt liebt, der Welt nachgeht, mit weltlichen Dingen sich abgiebt, selbst der wird nicht wie ein Krämer und Trödler behandelt: ›So möchten wir’s haben, dann wollen wir uns einlassen: können wir’s nicht so haben, wollen wir uns nicht einlassen‹; warum denn, ihr Mönche, der Vollendete, der gänzlich von weltlichen Dingen losgelöst ist? Dem gläubigen Jünger, ihr Mönche, der im Orden des Meisters mit ernstem Eifer sich übt, geht die Zuversicht auf: ›Meister ist der Erhabene, Jünger bin ich: der Erhabene weiß, ich weiß nicht.‹ Dem gläubigen Jünger, ihr Mönche, der im Orden des Meisters mit ernstem Eifer sich übt, theilt sich der Orden des Meisters erquickend mit und köstlich. Dem gläubigen Jünger, ihr Mönche, der im Orden des Meisters mit ernstem Eifer sich übt, geht die Zuversicht auf: {481} ›Gern soll Haut und Sehnen und Knochen einschrumpfen an meinem Leibe, auftrocknen Fleisch und Blut: was da durch Mannesgewalt, Manneskraft, Mannestapferkeit erreicht werden kann, nicht bevor es erreicht ist wird die Kraft nachlassen.‹ Dem gläubigen Jünger, ihr Mönche, der im Orden des Meisters mit ernstem Eifer sich übt, mag eins von beiden zur Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest Hangen da, Nichtwiederkehr.«
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.[64]
ACHTER THEIL
BUCH DER PILGER
71.
Achter Theil
Erste Rede
VACCHAGOTTO
– I –
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Vesālī, im Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei. Um diese Zeit nun hielt sich der Pilger Vacchagotto im Pilgergarten der Weißen Lotusrose auf. Und der Erhabene, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und wanderte gegen Vesālī, um Almosenspeise. Und es gedachte der Erhabene: ›Allzu früh ist’s noch, in der Stadt um Almosen zu stehn; wie, wenn ich nun in den Pilgergarten der Weißen Lotusrose einträte und den Pilger Vacchagotto besuchte?‹ Und der Erhabene trat in den Pilgergarten der Weißen Lotusrose ein und begab sich dorthin wo der Pilger Vacchagotto weilte. Da sah der Pilger Vacchagotto den Erhabenen von ferne herankommen, und als er den Erhabenen gesehn sprach er also zu ihm:
»Es komme, o Herr, der Erhabene, gegrüßt sei, o Herr, der Erhabene! Lange schon, o Herr, hat der Erhabene hoffen lassen, mich einmal hier zu besuchen. Möge sich, o Herr, der Erhabene setzen: dieser Sitz ist bereit.«
Es setzte sich der Erhabene auf den dargebotenen Sitz. Vacchagotto aber, der Pilger, nahm einen von den niederen Stühlen zur Hand {482} und setzte sich an die Seite. An der Seite sitzend sprach nun Vacchagotto der Pilger also zum Erhabenen:
»Gehört hab’ ich solches, o Herr: ›Der Asket Gotamo weiß alles, versteht alles, bekennt unbeschränkte Wissensklarheit: ‚Ob ich geh’ oder stehe, schlaf’ oder wache, jederzeit hab’ ich die gesammte Wissensklarheit gegenwärtig.‘‹[65] Die da solches, o Herr, gesagt haben, haben die wirklich, o Herr, des Erhabenen Worte gebraucht und den Erhabenen nicht mit Unrecht angeführt und der Lehre gemäß geredet, so dass sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen kann?«
»Die da, Vaccho, solches gesagt haben: ›Der Asket Gotamo weiß alles, versteht alles, bekennt unbeschränkte Wissensklarheit: ‚Ob ich geh‘ oder stehe, schlaf‘ oder wache, jederzeit hab’ ich die gesammte Wissensklarheit gegenwärtig’‹, die haben nicht meine Worte gebraucht und haben mich also ohne Grund und mit Unrecht angeführt.«
»Wie dann, o Herr, sollten wir reden, um eben die Worte des Erhabenen zu gebrauchen und den Erhabenen nicht mit Unrecht anzuführen und der Lehre gemäß zu reden, so dass sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen könnte?«
»‚Drei Wissen weiß der Asket Gotamo‘: also redend, Vaccho, würde man eben meine Worte gebrauchen und mich nicht mit Unrecht anführen und der Lehre gemäß reden, so dass sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen könnte. Denn nach Belieben, Vaccho, erinnere ich mich an manche verschiedene frühere Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein.‹ So erinnere ich mich mancher verschiedenen früheren Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen. Und nach Belieben, Vaccho, seh’ ich mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkenne wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, gelangen sie abwärts, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige Welt.‹ So seh’ ich mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkenne wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Und ich habe, Vaccho, den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten mir offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. ‚Drei Wissen weiß der Asket Gotamo‘: also redend, Vaccho, {483} würde man eben meine Worte gebrauchen und mich nicht mit Unrecht anführen und der Lehre gemäß reden, so dass sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen könnte.«
Nach diesen Worten sprach Vacchagotto der Pilger zum Erhabenen also:
»Giebt es nun wohl, o Gotamo, irgend einen Hausgewohnten, der ohne die häuslichen Bande gelassen zu haben, bei der Auflösung des Körpers, dem Leiden ein Ende macht?«
»Nicht giebt es, Vaccho, irgend einen Hausgewohnten, der, ohne die häuslichen Bande gelassen zu haben, bei der Auflösung des Körpers, dem Leiden ein Ende macht.«
»Giebt es aber, o Gotamo, irgend einen Hausgewohnten, der, ohne die häuslichen Bande gelassen zu haben, bei der Auflösung des Körpers, in himmlische Welt gelangt?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr Hausgewohnte, die, ohne die häuslichen Bande gelassen zu haben, bei der Auflösung des Körpers, in himmlische Welt gelangen.«
»Und giebt es, o Gotamo, irgend einen Nackten Büßer, der, bei der Auflösung des Körpers, dem Leiden ein Ende macht?«
»Nicht giebt es, Vaccho, irgend einen Nackten Büßer, der, bei der Auflösung des Körpers, dem Leiden ein Ende macht.«
»Doch giebt es, o Gotamo, irgend einen Nackten Büßer, der, bei der Auflösung des Körpers, in himmlische Welt gelangt?«
»Von heute, Vaccho, zurück bis zum einundneunzigsten Weltalter, dessen ich gedenke, weiß ich von keinem Nackten Büßer, der in himmlische Welt gelangt wäre, einen ausgenommen: der aber glaubte an eigene That und eigenes Handeln.«
»So ist freilich, o Gotamo, jenes Büßerthum eitel, sogar um in himmlische Welt zu gelangen?«
»So ist freilich, Vaccho, jenes Büßerthum eitel, sogar um in himmlische Welt zu gelangen.«
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich Vacchagotto der Pilger über das Wort des Erhabenen.[66]
72.
Achter Theil
Zweite Rede
VACCHAGOTTO
– II –
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.
{484} Da nun begab sich Vacchagotto der Pilger dorthin wo der Erhabene weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun Vacchagotto der Pilger also zum Erhabenen:
»Wie doch wohl, o Gotamo: ‚Ewig ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Ewig ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Wie dann, o Gotamo: ‚Zeitlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Zeitlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Und wie nun, o Gotamo: ‚Endlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Endlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Wie dann, o Gotamo: ‚Unendlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Unendlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Und wie nun, o Gotamo: ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Wie dann, o Gotamo: ‚Anders ist das Leben und anders der Leib; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Anders ist das Leben und anders der Leib; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Und wie nun, o Gotamo: ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Wie dann, o Gotamo: ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Und wie nun, o Gotamo: ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
{485} »Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Und wie nun, o Gotamo: ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Wie denn nun, o Gotamo: zu keiner dieser Ansichten bekennst du dich! Was findet wohl Herr Gotamo für arg daran, um sich also dieser Anschauungen gänzlich zu begeben?«
»‚Ewig ist die Welt‘: das ist, Vaccho, eine Gasse der Ansichten, Höhle der Ansichten, Schlucht der Ansichten, ein Dorn der Ansichten, Hag der Ansichten, Garn der Ansichten, voll von Leid und Quaal, Verzweiflung und Jammer, führt nicht zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zur Aufhebung, nicht zur Durchschauung, nicht zur Erwachung, nicht zur Erlöschung. ‚Zeitlich ist die Welt‘, ‚Endlich ist die Welt‘, ‚Unendlich ist die Welt‘, ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe‘, ‚Anders ist das Leben und anders der Leib‘, ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode‘, ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘, ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode‘, ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘: {486} das ist, Vaccho, eine Gasse der Ansichten, Höhle der Ansichten, Schlucht der Ansichten, ein Dorn der Ansichten, Hag der Ansichten, Garn der Ansichten, voll von Leid und Quaal, Verzweiflung und Jammer, führt nicht zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zur Aufhebung, nicht zur Durchschauung, nicht zur Erwachung, nicht zur Erlöschung. Das find’ ich, Vaccho, für arg daran, um mich also dieser Anschauungen gänzlich zu begeben.«
»Bekennt nun aber Herr Gotamo irgend eine Ansicht?«
»‚Eine Ansicht‘, Vaccho, die kommt dem Vollendeten nicht zu. Denn der Vollendete, Vaccho, hat es gesehn: ›So ist die Form, so entsteht sie, so löst sie sich auf: so ist das Gefühl, so entsteht es, so löst es sich auf; so ist die Wahrnehmung, so entsteht sie, so löst sie sich auf; so sind die Unterscheidungen, so entstehn sie, so lösen sie sich auf; so ist das Bewusstsein, so entsteht es, so löst es sich auf.‹ Darum, sag’ ich, ist der Vollendete durch aller Meinungen und aller Vermuthungen, durch aller Ichheit und Eigenheit und Dünkelsucht Versiegung, Abweisung, Aufhebung, Ausrodung, Entäußerung ohne Hangen erlöst.«[67]
»Und ein also gemütherlöster Mönch, o Gotamo, wo ersteht der auf?«
»‚Auferstehn‘, Vaccho, das trifft nicht zu.«
»Dann also, o Gotamo, ersteht er nicht auf?«
»‚Nichtauferstehn‘, Vaccho, das trifft nicht zu.«
»Dann also, o Gotamo, ersteht er auf und nicht aufersteht er?«
»‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, Vaccho, das trifft nicht zu.«
»Dann also, o Gotamo, ersteht er weder auf, noch ersteht er nicht auf?«
»‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, Vaccho, das trifft nicht zu.«
»So giebst du mir nun, o Gotamo, auf meine Fragen immer die Antwort: {487} ›Das trifft nicht zu.‹ Jetzt bin ich, o Gotamo, in Unwissenheit gerathen, bin jetzt in Verwirrung gerathen, und was ich da bei dem früheren Gespräche mit Herrn Gotamo an Vertrauen gewonnen hatte, das ist mir nun wieder verloren gegangen.«[68]
»Genug denn, Vaccho, deiner Unwissenheit, genug der Verwirrung! Gar tief ist, Vaccho, diese Lehre, schwer zu entdecken, schwer zu gewahren, still, erlesen, unbekrittelbar, innig, Weisen erfindlich: die wirst du schwer verstehn ohne Deutung, ohne Geduld, ohne Hingabe, ohne Anstrengung, ohne Lenkung. So will ich dir, Vaccho, eben darüber Fragen stellen: wie es dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was meinst du wohl, Vaccho: wenn da vor dir ein Feuer brennte, wüsstest du: ›Hier brennt ein Feuer vor mir‹?«
»Wenn da vor mir, o Gotamo, ein Feuer brennte, wüsst’ ich: ›Hier brennt ein Feuer vor mir‹.«
»Wenn dich nun, Vaccho, jemand fragte: ›Dieses Feuer, das da vor dir brennt, wodurch brennt es?‹ Also gefragt, Vaccho, würdest du was antworten?«
»Wenn mich, o Gotamo, jemand fragte: ›Dieses Feuer, das da vor dir brennt, wodurch brennt es?‹, würd’ ich auf solche Frage also antworten: ›Dieses Feuer, das da vor mir brennt, das brennt indem es durch Heu und Holz unterhalten wird‹.«
»Wenn da, Vaccho, dieses Feuer vor dir ausginge, wüsstest du: ›Dieses Feuer vor mir ist ausgegangen‹?«
»Wenn da, o Gotamo, dieses Feuer vor mir ausginge, wüsst’ ich: ›Dieses Feuer vor mir ist ausgegangen.‹«
»Wenn dich nun, Vaccho, jemand fragte: ›Dieses Feuer, das da vor dir ausgegangen ist, wo ist es hingegangen, nach welcher Richtung, nach Osten oder nach Westen, nach Norden oder nach Süden?‹ Also gefragt, Vaccho, würdest du was antworten?«
»Das trifft nicht zu, o Gotamo, weil ja das Feuer, o Gotamo, das durch Heu und Holz unterhalten brannte, dieses verzehrt hat und, nicht weiter genährt, eben ohne Nahrung ausgegangen heißt.«
»Ebenso nun auch ist, Vaccho, jede Form, durch welche man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von der Art der Form abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der Ozean: ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu. {488} Jedes Gefühl, durch welches man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, ist vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass es nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von der Art des Gefühls abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu. Jede Wahrnehmung, durch welche man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, ist vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von der Art der Wahrnehmung abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu. Jede Unterscheidung, durch welche man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, ist vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von der Art der Unterscheidungen abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu. Jedes Bewusstsein, durch welches man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, ist vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass es nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von der Art des Bewusstseins abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu.«
Nach dieser Rede sprach Vacchagotto der Pilger zum Erhabenen also:
»Gleichwie etwa, o Gotamo, wenn sich da in der Nähe eines Dorfes oder einer Stadt ein großer Kronbaum befände, und vergänglich wechselnd fielen Blätter und Zweiglein von ihm ab, fiele Geäst und Rinde und Grünholz ab, so dass er späterhin, frei von Blättern und Zweiglein, frei von Geäst und Rinde, frei von Grünholz, rein aus Kernholz bestände: ebenso nun auch ist hier des Herrn Gotamo Darstellung, frei von Blättern und Zweiglein, frei von Geäst und Rinde, frei von Grünholz, rein aus Kernholz bestanden. — Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder ein Licht in die Finsterniss hielte: {489} ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre gar vielfach gezeigt. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«
73.
Achter Theil
Dritte Rede
VACCHAGOTTO
– III –
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen.
Da nun begab sich Vacchagotto der Pilger dorthin wo der Erhabene weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun Vacchagotto der Pilger also zum Erhabenen:
»Seit langem pfleg’ ich mit Herrn Gotamo Gespräch. O wohl, wenn mir Herr Gotamo in Kürze das Gute und das Böse darlegen möchte!«
»In Kürze kann ich dir, Vaccho, das Gute und das Böse darlegen, und ausführlich kann ich dir, Vaccho, das Gute und das Böse darlegen; aber ich will es dir, Vaccho, in Kürze künden, das Gute und das Böse: das höre und achte wohl auf meine Rede.«
»Ja, Herr!« erwiderte da aufmerksam Vacchagotto der Pilger dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:
»Sucht ist, Vaccho, das Böse: Suchtlosigkeit das Gute. Hass ist, Vaccho, das Böse: Hasslosigkeit das Gute. Irre ist, Vaccho, das Böse: Irrlosigkeit das Gute. So sind hier, Vaccho, drei Dinge bös und drei Dinge gut. Tödten ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung des Tödtens das Gute. Stehlen ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung des Stehlens das Gute. Ausschweifen ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung des Ausschweifens das Gute. Lüge ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung der Lüge das Gute. Verleumdung ist, Vaccho, das Böse: {490}Ueberwindung der Verleumdung das Gute. Barsche Rede ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung barscher Rede das Gute. Schwätzen ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung des Schwätzens das Gute. Gier ist, Vaccho, das Böse: Gierlosigkeit das Gute. Wuth ist, Vaccho, das Böse: Wuthlosigkeit das Gute. Falsche Erkenntniss ist, Vaccho, das Böse: rechte Erkenntniss das Gute. So sind hier, Vaccho, zehn Dinge bös und zehn Dinge gut. Wenn da nun, Vaccho, ein Mönch den Lebensdurst verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht hat, so dass er nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann, dann ist er ein heiliger Mönch, ein Wahnversieger, Endiger, hat das Werk gewirkt, die Bürde abgelegt, das Heil errungen, die Daseinsfesseln zerstört, ist in vollkommener Weisheit erlöst.«
»Sei es Herr Gotamo: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur einen Mönch als Jünger, der den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen hat?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Mönche, die als meine Jünger den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen haben.«
»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur eine Nonne als Jüngerin, die den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen hat?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Nonnen, die als meine Jüngerinen den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen haben.«
»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur einen Anhänger als Jünger, der, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigt, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Anhänger, die als meine Jünger, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigen, um von dort aus zu erlöschen, {491} nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt.«
»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen, seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur einen Anhänger als Jünger, der, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, ordensgetreu ist, der Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken, keinem anderen trauend, in erfahrener Zuversicht zum Orden des Meisters verweilt?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Anhänger, die als meine Jünger, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, ordensgetreu sind, der Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken, keinem anderen trauend, in erfahrener Zuversicht zum Orden des Meisters verweilen.«
»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen, seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur eine Anhängerin als Jüngerin, die, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigt, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Anhängerinen, die als meine Jüngerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigen, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt.«
»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen, seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, seien es die Anhängerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur eine Anhängerin als Jüngerin, die im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, ordensgetreu ist, der Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken, keinem anderen trauend, in erfahrener Zuversicht zum Orden des Meisters verweilt?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Anhängerinen, die als meine Jüngerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, ordensgetreu sind, der Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken, keinem anderen trauend, in erfahrener Zuversicht zum Orden des Meisters verweilen.«
»Wenn, freilich, o Gotamo, diese Lehre nur von Herrn Gotamo erlangt worden wäre und nicht von den Mönchen, {492} dann wäre dieses Asketenthum unvollkommen, eben insofern; weil nun aber, o Gotamo, diese Lehre von Herrn Gotamo sowohl wie von den Mönchen erlangt worden ist, ist dieses Asketenthum vollkommen, eben insofern. Wenn, freilich, o Gotamo, diese Lehre nur von Herrn Gotamo und den Mönchen erlangt worden wäre und nicht von den Nonnen, dann wäre dieses Asketenthum unvollkommen, eben insofern; weil nun aber, o Gotamo, diese Lehre von Herrn Gotamo sowohl wie von den Mönchen und den Nonnen erlangt worden ist, ist dieses Asketenthum vollkommen, eben insofern. Wenn, freilich, o Gotamo, diese Lehre nur von Herrn Gotamo und den Mönchen und den Nonnen erlangt worden wäre und nicht von den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, dann wäre dieses Asketenthum unvollkommen, eben insofern; weil nun aber, o Gotamo, diese Lehre von Herrn Gotamo sowohl wie von den Mönchen und den Nonnen und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, erlangt worden ist, ist dieses Asketenthum vollkommen, eben insofern. Wenn, freilich, o Gotamo, diese Lehre nur von Herrn Gotamo und den Mönchen und den Nonnen und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, erlangt worden wäre und nicht von den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, dann wäre dieses Asketenthum unvollkommen, eben insofern; weil nun aber, o Gotamo, diese Lehre von Herrn Gotamo sowohl wie von den Mönchen und den Nonnen und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, erlangt worden ist, ist dieses Asketenthum vollkommen, eben insofern. Wenn, freilich, o Gotamo, diese Lehre nur von Herrn Gotamo und den Mönchen und den Nonnen und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, erlangt worden wäre und nicht von den Anhängerinen, {493} im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, dann wäre dieses Asketenthum unvollkommen, eben insofern; weil nun aber, o Gotamo, diese Lehre von Herrn Gotamo sowohl wie von den Mönchen und den Nonnen und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, und den Anhängerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, erlangt worden ist, ist dieses Asketenthum vollkommen, eben insofern. Wenn, freilich, o Gotamo, diese Lehre nur von Herrn Gotamo und den Mönchen und den Nonnen und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, und den Anhängerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, erlangt worden wäre und nicht von den Anhängerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, dann wäre dieses Asketenthum unvollkommen, eben insofern; weil nun aber, o Gotamo, diese Lehre von Herrn Gotamo sowohl wie von den Mönchen und den Nonnen und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, und den Anhängern, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, und den Anhängerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, und den Anhängerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, erlangt worden ist, ist dieses Asketenthum vollkommen, eben insofern.
»Gleichwie etwa, o Gotamo, der Gangesstrom nach dem Meere sich neigt, nach dem Meere sich beugt, nach dem Meere sich hinsenkt und angekommen am Meere stillesteht: ebenso auch ist hier des Herrn Gotamo Gefolge, so Pilger wie Bürger, zur Erlöschung geneigt, zur Erlöschung gebeugt, zur Erlöschung hingesenkt und bleibt angekommen bei ihr stillestehn. — Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, als ob einer Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder ein Licht in die Finsterniss hielte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre gar vielfach gezeigt. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: möge mir Herr Gotamo Aufnahme gewähren, die Ordensweihe ertheilen!«
{494} »Wer da, Vaccho, erst einem anderen Orden angehörte und in diese Lehre und Zucht aufgenommen werden, die Weihe erhalten will, der bleibt vier Monate bei uns; und nach Verlauf von vier Monaten wird er, wenn er also verblieben ist, von innig erfahrenen Mönchen aufgenommen und eingeweiht in das Mönchthum: denn ich habe hier manche Veränderlichkeit erfahren.«
»Wenn, o Herr, die früheren Anhänger anderer Orden, welche in diese Lehre und Zucht aufgenommen werden, die Weihe erhalten wollen, vier Monate bleiben, und nach Verlauf von vier Monaten, wenn sie also verblieben sind, von innig erfahrenen Mönchen aufgenommen und eingeweiht werden in das Mönchthum, so will ich vier Jahre bleiben: und nach Verlauf von vier Jahren sollen mich, wenn ich also verblieben bin, innig erfahrene Mönche aufnehmen und einweihen in das Mönchthum.«
Es wurde Vacchagotto der Pilger vom Erhabenen aufgenommen, wurde mit der Ordensweihe belehnt.
Nicht lange aber war der ehrwürdige Vacchagotto in den Orden aufgenommen, vierzehn Tage war er in den Orden aufgenommen, da ging er zum Erhabenen hin, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Vacchagotto also zum Erhabenen:
»So viel man, o Herr, mit kämpfender Weisheit, mit kämpfendem Wissen gewinnen kann, das hab’ ich gewonnen: weiter möge mir der Erhabene die Lehre darlegen!«
»Dann also, Vaccho, erwirb dir noch weiter zwei Dinge: Ruhe und Klarsicht. Und hast du dir, Vaccho, diese zwei Dinge noch weiter erworben, Ruhe und Klarsicht, so werden sie dir zur Zerlegung der einzelnen Artungen taugen.
»Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›Geläng’ es mir doch auf manigfaltige Weise Machtentfaltung zu erfahren, als nur einer etwa vielfach zu werden, und vielfach geworden wieder einer zu sein, oder sichtbar und unsichtbar zu werden[69], auch durch Mauern, Wälle, Felsen hindurchzuschweben wie durch die Luft; oder auf der Erde auf- und unterzutauchen wie im Wasser; auch auf dem Wasser zu wandeln ohne unterzusinken wie auf der Erde; oder auch durch die Luft sitzend dahinzufahren wie der Vogel mit seinen Fittichen; auch etwa diesen Mond und diese Sonne, die so mächtigen, so gewaltigen, mit der Hand zu befühlen und zu berühren[70], etwa gar bis zu den Brahmawelten den Körper in meiner Gewalt zu haben‹: was da je zu verwirklichen ist wirst du gewinnen, je nach der Wirkensart.
{495} »Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›Wenn ich doch mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, beide Arten der Töne hörte, die himmlischen und die irdischen, die fernen und die nahen‹: was da je zu verwirklichen ist wirst du gewinnen, je nach der Wirkensart.
»Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›Wär’ es mir doch gegeben, der anderen Wesen, der anderen Personen Herz im Herzen zu schauen und zu erkennen, das begehrliche Herz als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das hasslose Herz als hasslos, das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt‹: was da je zu verwirklichen ist wirst du gewinnen, je nach der Wirkensart.
»Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›Wär’ ich doch imstande, mich an manche verschiedene frühere Daseinsform zu erinnern, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen, ‚Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein‘, wär’ ich doch also imstande, mich an manche verschiedene frühere Daseinsform zu erinnern, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen‹[71]: was da je zu verwirklichen ist wirst du gewinnen, {496} je nach der Wirkensart.
»Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›Hätt’ ich doch das himmlische Auge, das geläuterte, über menschliche Gränzen hinausreichende, die Wesen zu sehn, wie sie dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, säh’ ich doch wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren, ‚Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes, bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gerathen sie auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt; jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes, bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige Welt‘, könnt’ ich doch also mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen erkennen, wie sie dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, säh’ ich doch wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren[72]: was da je zu verwirklichen ist wirst du gewinnen, je nach der Wirkensart.
»Wie du eben, Vaccho, es wünschen magst: ›O könnte ich doch den Wahn versiegen und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten mir offenbar machen, verwirklichen und erringen‹: was da je zu verwirklichen ist wirst du gewinnen, je nach der Wirkensart.«
Und der ehrwürdige Vacchagotto war durch des Erhabenen Rede erfreut und befriedigt; und er stand von seinem Sitze auf, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und entfernte sich.
Und der ehrwürdige Vacchagotto, einsam, abgesondert, unermüdlich, in heißem, innigem Ernste verweilend, hatte gar bald was edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel des Asketenthums noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ verstand er da. Auch einer war nun der ehrwürdige Vacchagotto der Heiligen geworden.
Um diese Zeit nun waren viele Mönche unterwegs, den Erhabenen zu besuchen. Es sah aber der ehrwürdige Vacchagotto jene Mönche wie sie von ferne heranzogen, und als er sie gesehn ging er ihnen entgegen und {497} sprach also zu ihnen:
»Wohlan, wo geht ihr, Ehrwürdige, denn hin?«
»Den Erhabenen, o Bruder, wollen wir besuchen.«
»So geht, ihr Brüder, und bringt dem Erhabenen zu Füßen meinen Gruß dar: ›Vacchagotto, o Herr, der Mönch, bringt dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar, und er lässt sagen:
Bedient von mir ist unser Herr,
Bedient von mir der hohe Held.‹«
»Gern, o Bruder!« sagten da jene Mönche, dem ehrwürdigen Vacchagotto zustimmend.
Und jene Mönche begaben sich dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßten sie den Erhabenen ehrerbietig und setzen sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprachen nun jene Mönche zum Erhabenen also:
»Der ehrwürdige Vacchagotto, o Herr, bringt dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar, und er lässt sagen:
›Bedient von mir ist unser Herr,
Bedient von mir der hohe Held.‹«
»Schon hab’ ich, ihr Mönche, Vacchagotto den Mönch, im Geiste geistig erfassend, erkannt: ›Drei Wissen weiß Vacchagotto der Mönch, hat hohe Macht, hohe Gewalt.‹ Und auch Gottheiten haben es mir angezeigt: ›Drei Wissen weiß, o Herr, Vacchagotto der Mönch, hat hohe Macht, hohe Gewalt.‹«
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.
74.
Achter Theil
Vierte Rede