Hinterindien.

Hinterindien, der zwischen dem Bengalischen Meerbusen und der chinesischen Südsee liegende Abschnitt des südöstlichen asiatischen Festlandes (abgesehen von der malaiischen Halbinsel) zerfiel vor dem Eingreifen der Engländer und Franzosen in mehrere Staaten: Birma, Siam, Annam, Tonking, Kotschinchina und Kambodscha. Mit Ausnahme von Siam, das ein eigenes, selbständiges Reich geblieben ist, haben alle andern die europäische Oberherrschaft anerkannt, jedoch hat sich in ihnen eine herrschende Oberschicht erhalten, die wir als Birmanen, Siamesen, Annamiten und so weiter bezeichnen. In ihrem Äußeren machen diese Völker einen ziemlich einheitlichen Eindruck; ihr Rassenverhältnis ist im übrigen aber noch nicht aufgeklärt. Es scheint jedoch so viel festzustehen, daß sich zu einer bodenständigen Urbevölkerung, die wahrscheinlich der indoaustralischen Grundrasse angehörte, also den Senoi, Kubu, Toala und so weiter verwandt war, im Laufe der Zeiten von Westen her sich nordindische (Tibet) und von Norden her chinesische Elemente hinzugesellten, die teils die einheimische Bevölkerung allmählich aufsogen, teils in die unzugänglichen Landesteile verdrängten. Die aus diesem Mischungsprozeß, an dem übrigens auch die Malaien Anteil nahmen, hervorgegangene Bevölkerung bezeichnet man als Thaivölker (= freie Männer). Diese Thai haben sich wieder in vier große Stämme gegliedert, in die Thosmuong im Nordosten (Tonking und Annam), die Schan mit den Khamti, Sing-po und Katschin im Nordwesten (Oberbirma), die Laotier im Südosten (Französisch-Laos) und die Siamesen im Südwesten (Siam).

In kultureller Hinsicht stehen die Thaivölker den Chinesen und Tibetern näher, in gesellschaftlicher aber schließen sie sich mehr an die Malaien an. Im allgemeinen sind die Kulturverhältnisse Hinterindiens recht verschiedene. Die in die Berge zurückgedrängten Stämme haben zumeist ihren ursprünglichen Zustand noch bewahrt, hingegen die genannten herrschenden Stämme der fruchtbaren Ebenen sich eine gewisse Halbkultur angeeignet, die teils indischem, teils chinesischem Einflusse ihre Entstehung verdankt. Überreste der ersteren sind die großartigen zahlreichen, von Birma bis nach Kotschinchina hin vorkommenden Tempelruinen, die mit ihren reichen Skulpturen und Sanskritinschriften von der ehemaligen Herrschaft des Brahmanentums Zeugnis ablegen; es sei unter anderem nur an die prächtigen Tempelreste von Angkor-Wat (erbaut 825 vor Christi) und Nakhon-Thom erinnert. Beschäftigen wir uns nunmehr mit den Sitten und Gebräuchen in den einzelnen Ländern Hinterindiens.

Siam.

Über die Abstammung der Siamesen haben wir uns im vorstehenden bereits ausgelassen. Ihr Äußeres wird gekennzeichnet durch eine mittelgroße Gestalt, olivbraune Hautfarbe, schwarzes glattes Haar, auffallend kurzen Kopf, rautenförmiges Gesicht, vorstehende Backenknochen, große Augen, flache, kurze Nase, aufgeworfene Lippen und kurzes Kinn. Dieser im allgemeinen unangenehme Eindruck wird beim männlichen Geschlecht noch durch die unschöne Haartracht (kurz abgeschnittene, bürstenartig hochstehende Haare) und die schwarz gefärbten Zähne verstärkt. Die Frauen dagegen tragen das Kopfhaar lang und halten sich ihre Zähne mehr oder weniger weiß. Wie alle Malaien wohnen die Siamesen meistens auch in Pfahlbauten. Auf den großen Flüssen bringen sie ihr Leben vielfach direkt auf Booten zu, so daß sozusagen schwimmende Dörfer hier entstehen ([Abb. 389]).

Phot. Gebr. Haeckel.

Abb. 387. Siamesisches Mädchen.

Die Nationaltracht der Männer ist der Panung, ein etwa ein Meter breites und zweieinhalb Meter langes Stück Tuch, das mit seiner Mitte um den Körper gelegt und vorn so befestigt wird, daß die beiden Enden herunterhängen, die dann wie ein Strick gedreht, zwischen den Beinen durchgeführt, hinten hochgehoben und in der Taille mitten auf dem Rücken zusammengerafft werden. Sieht man einen so bekleideten Mann von vorn, so hat man den Eindruck, als ob er in Kniehosen einherginge. Früher pflegten die Frauen ebenfalls mit einem Panung sich zu bekleiden, der als Rock eingerichtet war, und trugen dazu noch eine von der Schulter herabhängende kleine, die Brust bedeckende Schärpe ([Abb. 387]). Heutzutage wird dagegen noch eine Jacke und eine reich bestickte europäische Bluse getragen; Damen der besseren Gesellschaft gehen indessen vollständig nach der neuesten abendländischen Mode angezogen. Auch die Männer in den Städten tragen meistens unter dem Panung weiße Drillichhosen nach europäischem Schnitt, baumwollene Strümpfe, und Schuhe, die Beamten sämtlich Uniform. Kleine Kinder dagegen gehen für gewöhnlich nackt einher, wenn man nicht gerade eine herzförmige Scheibe aus Gold oder Silber, die die kleinen Mädchen umgehängt erhalten, als Kleidungsstück ansehen will. Auf dem Lande aber herrscht noch die alte Mode vor. Die Laosfrauen tragen noch heute einen Rock, die Männer einen Gürtel über dem Panung. Eine alte Bestimmung schreibt eine gewisse Farbe für die einzelnen Wochentage vor, für Sonntag rosa, für Montag silbergrau, Dienstag rot, Mittwoch grün, Donnerstag verschieden, Freitag hellblau, Sonnabend dunkelblau. — Die Karenfrauen pflegen ihre Gewänder mit hübschen Stickereien zu verzieren ([Abb. 391]).

Phot. R. Lenz.

Abb. 388. Ein Meaoweib mit eigenartigem Kopfputz,

der aus Bambusringen besteht, die mit Tuch aneinander befestigt und mit Perlen und Silberkörnern sowie Hahnenfedern reich verziert sind. Seine obere Partie gleicht einem Körbchen.

Die Leidenschaft der Siamesen für Schmuck ist groß. Mag eine Person sonst noch so arm sein, stets wird sie mit dem einen oder anderen Schmuckstück aus Edelmetall sich zieren. Selbst kleine Kinder behängt man bereits mit Ringen um Finger, Arme und Beine aus Gold oder Silber. Die Erwachsenen schmücken sich außerdem noch mit wertvollen Halsketten, Ohrringen, Gürteln und so weiter ([Abb. 388]). Ganz eigenartig ist das Tragen langer Fingernägel, das ebenso wie in China als ein Zeichen von Vornehmheit gilt, sowie das schon erwähnte Schwärzen der Zähne (bei den Männern).

Phot. Gebr. Haeckel.

Abb. 389. Schwimmendes siamesisches Dorf auf dem Menam.


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Ihrem Charakter nach kann man die Siamesen als große Kinder bezeichnen. Sie sind liebenswürdige, friedfertige, sorglose, nüchterne, besonders im Darreichen von Almosen freigebige, sehr zum Müßiggang neigende, leidenschaftslose Menschen, die an den althergebrachten Einrichtungen zähe festhalten und streng auf Etikette achten. Auch geben sie sich gern dem Vergnügen hin, besonders haben sie eine ausgesprochene Vorliebe für das Theater. Das „Lakon“, wie die Siamesen das Theater nennen, findet während der Zeit des Vollmonds statt, so daß die Teilnehmer nach der Vorstellung am späten Abend noch gut nach Hause finden können. Sie besuchen diese mit der ganzen Familie und nehmen sich auch Eßwaren dorthin mit. Die Bühne ist meistens oval, die Zuhörer sitzen rings herum, außer an dem einen Ende, an dem sich zwei Zugänge befinden. Kleine umherziehende Gesellschaften, deren es viele im Lande gibt, sind gewohnt, auch ohne Hintergrund fertig zu werden und ziehen sich nötigenfalls auch in Gegenwart der Zuhörer um. Im Gegensatz zu allen anderen orientalischen Völkern übernehmen die Frauen alle ernsten Männerrollen. Das Drama, das sich vor den Zuschauern abspielt, verrät keine Gedanken und zusammenhängenden Handlungen, sondern gibt einzelne Ereignisse aus der Mythologie der Brahmanen wieder, die durch die Tradition geheiligt sind. Die Trachten, die dabei getragen werden, sind ganz phantastische, mit bunten Steinen und flimmerndem Flitter besetzte Gewänder, welche die Überlieferung den Gottheiten und königlichen Personen von früher zuschreibt ([Abb. 390]). Durch Auftragen einer dicken weißen Paste auf das Gesicht als Schönheitsmittel wird den Darstellern die Möglichkeit genommen, Leidenschaften zum Ausdruck zu bringen; alle sind vielmehr von tiefem Ernst durchdrungen. Eine Ausnahme hiervon machen die Clowns, die ungeschminkt, einfach wie moderne Bauern gekleidet, die heiligsten und heldenhaftesten Stellen mit komischen Gesprächen unterbrechen, die auf Tagesereignisse anspielen. — Auch das Vorführen von Tänzen ist in Siam sehr beliebt. Alten Traditionen gemäß werden sie hier, wie überhaupt in Hinterindien, in ganz eigenartiger Weise ausgeführt. Sie bestehen nämlich in Posen mit gebeugten Knien, wobei die sich windenden Arme vorgestreckt werden und die Tänzerinnen sich langsam mit dem flachen Fuß vorwärtsschieben. Dazu kommen aber auch heftigere Kundgebungen, die sich in mächtigen Sprüngen, Aufschlagen der Absätze und Posieren in ausgebreiteter Adlerflügelstellung äußern. Auf den Fußspitzen zu tanzen oder zu pirouettieren, wie unsere Tänzerinnen es tun, ist in Siam ganz unbekannt. Die Beweglichkeit der siamesischen Tänzerinnen ist eine außerordentlich große; man könnte fast behaupten, daß diese ihre Geschmeidigkeit von doppelten Gelenken herrühre. Sie befähigt sie bei den Bühnenspielen mehr zum Ausdruck zu bringen als die Sprache.

Der Siamese huldigt auch sehr dem Glücksspiel; daher sind die Spielhäuser, besonders in der Hauptstadt Bangkok, Tag und Nacht über gefüllt. Die Spielregeln sind ganz einfache. Die Spieler sitzen um eine in vier Felder eingeteilte Matte herum und setzen auf dieser. Der Spielleiter wirft eine beliebige Anzahl Muscheln auf ihre Mitte und zählt von dieser Summe immer vier ab. Der Spieler, dessen Feld der Zahl der übrig gebliebenen Anzahl Muscheln entspricht, erhält das Doppelte seines Einsatzes, das übrige streicht der Croupier mit einer kleinen Harke ein. Auch wettet man noch, ob die Anzahl der übrig bleibenden Muscheln eine gerade oder ungerade sein wird. Die Leidenschaft der Siamesen für dieses Spiel ist eine so große, daß sich um die Spielhöllen herum gleichzeitig Pfandhäuser aufgetan haben, in denen ein blühendes Geschäft betrieben wird. Täglich kommen Landleute an, die infolge eines Traumes oder irgend einer anderen Vorbedeutung die Bank zu sprengen gedenken, aber recht bald nicht nur ihre gesamten Ersparnisse verloren gehen sehen, sondern auch die ihrer Freunde, unter Umständen die Ernteerträge eines ganzen Dorfes.

Phot. R. Lenz.

Abb. 390. Siamesische Ballettänzerinnen.

Ein großer Teil der Theatervorstellungen besteht nur in Schrittänzen, welche Liebe, Triumph, Zurückweisung versinnbildlichen, und in Balletten, welche die Schlachtordnung der Truppen oder, wie in obigem Bild, den Flug von Engeln darstellen.


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Eine sehr beliebte Unterhaltung ist auch das Ballspiel, wobei ein geflochtener leichter Ball mit dem Kopf oder irgend einem Körperteil, ausgenommen die Arme und Hände, aufgefangen wird, aber vorher die Erde nicht berühren darf. Ferner ist das Drachensteigenlassen ein viel betriebener Sport bei heißer Witterung; hierbei werden gleichsam Duelle ausgetragen, die Besitzer der Drachen suchen sich gegenseitig die Schnur zu zerreißen oder zu verwirren. Die Drachen haben die Form eines Sterns, besitzen aber keinen Schwanz. Auch Hahnenkämpfe in der schon beschriebenen Form und sogar Fischkämpfe sind ein beliebter Zeitvertreib. Bei letzteren werden in einem Bassin zwei kleine zornige rote Fische aufeinander losgelassen, und mit Interesse beobachtet man, wie sie sich gegenseitig zerfleischen.

Die Elefantenjagd ist ein königlicher Sport. Die wilden Elefanten, die die Steppe durchstreifen, werden zu diesem Zweck zu bestimmten Zeiten in einem großen Kraal zu Ayuthia, der alten Landeshauptstadt, zusammengetrieben. Viel Volks strömt bei dieser Gelegenheit zusammen, um sich die Vorgänge, die sich abspielen, mit anzusehen; auch der König und sein Hof beobachten sie von einer Loge aus. Von den eingetriebenen Elephanten werden dann diejenigen, die gezähmt werden sollen, ausgesucht. Leute, die auf zahmen Elefanten inmitten der Herde sitzen, legen den auserwählten Tieren sehr geschickt die Endschlinge eines langen Seils um ein hinteres Bein und befestigen es an einem Pfosten ([Abb. 392]). Die wilden Anstrengungen des so eingefangenen Tieres bereiten den Zuschauern eine große Freude, ebenfalls reizt es sie, wenn die wieder in Freiheit gelassenen übrigen Elefanten von der Menge geneckt werden und dabei ein etwas zu waghalsiger Mensch den Tieren zu nahe kommt, ergriffen und getötet wird.

Phot. R. Lenz.

Abb. 391. Eine Karenfrau.

Die Karen von Siam sind reine Geisteranbeter, deren Ritus in Opfern besteht mit den sie begleitenden Festen und Trinkgelagen. Die Wahrsagekunst wird bei ihnen viel ausgeübt, hauptsächlich mit Hilfe der Knochen von geschlachtetem Geflügel. Die Frauen schmücken ihre Gewänder mit Stickereien aus Grassamen, sie tragen silberne Ringe in den Ohren und, nachdem sie verheiratet sind, ein blaues Tuch um den Kopf.

Phot. R. Lenz.

Abb. 392. Das Einfangen wilder Elefanten.


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In Siam gilt die Person des Königs für ein übernatürliches Wesen und ist daher Gegenstand besonderer Heiligkeit und Verehrung. Der Volksmund behauptet, daß im Königspalaste zu Bangkok ein Dämon, Phra Deng oder der „Rote Herr“ genannt, der einst ein Halbgott war und zu Beginn der gegenwärtigen siamesischen Ära vom Himmel herabflog, mit Ketten gefangen gehalten würde und, solange er nicht entwische, dem Königshause und dem Volke Glück bringe. Bei allem, was mit dem Hofe zusammenhängt, wird eine strenge Etikette bewahrt. Die Zeremonien, die mit dem Thron in Verbindung stehen, zum Beispiel die Krönung, sind sämtlich religiöser Natur und stark mit brahmanischem Einfluß durchsetzt, allerdings hat der König Chulalongkorn bereits manchen der Riten, mit denen seine Vorgänger bedacht wurden, abgeschafft. Zu den althergebrachten Sinnbildern, wie dem Dreizack, dem Schirm und so weiter, gehört seit undenklichen Zeiten auch der weiße Elefant, ohne den, wie auch früher in Indochina, nach der Annahme des Volkes kein König echt sein könne. Es ist dies eigentlich kein direkt weißes Tier, sondern ein solches, dessen Hautfarbe pathologischen Ursprunges ist, ein Albino, denn es besitzt schmutzig graues Haar, weiße Nägel auf den Zehen und eine gelbe oder rosafarbene Regenbogenhaut. — Zweimal im Jahre schwören die Prinzenschaft, der Adel und der Beamtenstand im ganzen Lande dem König den Eid der Treue. Diese Zeremonie, die den Namen Teu Nam oder das „Wasserhalten“ führt, kann auf ein sehr hohes Alter zurückblicken, denn schon am Hofe der Könige von Brahmanisch-Indien wurde sie vor mehr als zweitausendfünfhundert Jahren abgehalten. In Bangkok findet sie in Gegenwart des Königs statt. In einem Tempel ganz dicht beim Palaste versammeln sich die Prinzen und führenden Staatsbeamten, während draußen auf den weiten Rasenflächen der äußeren Palastumgrenzung Soldaten aller Truppengattungen in blinkenden Uniformen und weiße Elefanten in glänzender Ausstaffierung Aufstellung nehmen. Unter Trommelschlag und Fanfarenklang wird der König auf einem goldenen Thron aus dem Innern des Palastes herausgetragen, Tausende von Bajonetten blitzen zum Gruße auf, Kanonen donnern und zahlreiche Militärkapellen verkünden die Nationalhymne, während Seine Majestät vor den Truppen entlang passiert und sich sodann niederläßt, um zu beobachten, wie der Hof und die Staatsbeamten zu zweien in den Palast hineingehen, vom Tische einen kleinen Becher Wasser nehmen, das besonders für diesen Zweck unter machtvollen brahmanischen Formeln geweiht wurde, ihn mit den Lippen berühren und sich durch eine Außentür wieder zurückziehen. In den Provinzen wird die gleiche Zeremonie vor den amtlichen Vertretern des Königs vollzogen.

Phot. Antonio.

Abb 393. Eine königliche Barke,

die jetzt nur noch bei Staatsangelegenheiten gebraucht wird. Früher benutzte der König häufig eine vergoldete Barke, die mit fünfzig und mehr rotgekleideten Ruderern bemannt war.

Höflichkeit und Achtung erfordern, daß bei einer Unterhaltung mit Personen königlichen Geblütes bestimmte Redensarten, gleichsam nur gewählte Ausdrücke angewendet werden, ein Brauch, der vielleicht mit dem allgemeinen Empfinden zusammenhängt, man könne, wenn man einen gewöhnlichen Gegenstand umschreibt oder ein Fremdwort für ihn sagt, seine Niedrigkeit gleichsam mildern. Diese sogenannte Palastsprache ist so fein durchgearbeitet, daß man nicht nur Hunde, Krähen und andere gewöhnliche und unreine Tiere mit besonderen Worten benennt, sondern auch die Tätigkeit der hohen Herrschaften, wie essen, schlafen, gehen, sprechen, baden und so weiter mit gewählteren Ausdrücken bezeichnet, als wenn man sie auf einfache Leute anwendet. Im übrigen ist der Siamese bestrebt, jedweder im Range höher stehenden Person die erforderliche Achtung zu zollen. So wagt zum Beispiel niemand, seinen Kopf so hoch wie sein Vorgesetzter zu tragen, niemand über eine Brücke zu gehen, wenn ein anderer von höherem Range sie in demselben Augenblicke überschreiten will und anderes mehr.

Phot. F. Chit.

Abb. 394. Überführung eines alten Buddhabildes in einen neuen Tempel,

das sich unter dem Baldachin auf dem festlichen Boot befindet; der König und sein Hof begleiten diese Überführung in Staatsbooten.

Die Siamesen sind Anhänger der Lehre Buddhas, indessen ist diese in vieler Hinsicht noch mit dem alten Geisterglauben durchsetzt. Sie halten das ganze Weltall von allen möglichen Geistern gleichsam überflutet: von den mächtigen Königen der Himmel und der Höllen, den Gottheiten der Lehre Brahmas, die sich in dieser Auffassung des Volkes noch widerspiegelt, an bis zu den kleinsten Elfen, die in der Dachrinne hausen, und den Kobolden, die in der Nacht die Kinder an den Fußsohlen kitzeln, herab. Jeder Fluß, jeder See, jeder Berg, jede Klippe, jeder Baum, jedes Feld, jeder Garten, jede Behausung wird als Sitz von Geistern, Waldnymphen und Gespenstern gedacht. Auf der Veranda oder auf dem Hofe eines jeden Hauses steht ein winziges Puppenhäuschen, in dem ein Spukgeist wohnt, der, falls man ihm fleißig Opfer darbringt, als Dank das Haus vor Unheil und anderen bösen Geistern beschirmt, wenn er aber vernachlässigt oder nicht beachtet wird, aus Rache es mit allem möglichen Bösen heimsucht. Alle Geister sind ihrer Veranlagung nach bösartig, die meisten von ihnen besitzen aber irgend eine Schwäche und lassen sich durch Gaben, die ihrem Geschmack zusagen, umstimmen. Manche wiederum sind schwer zu versöhnen oder leicht zu kränken; ihrem Zorn schreibt man beinahe alles Unglück zu, das den Menschen trifft, so die Stürme, Erdbeben, Überschwemmungen und andere folgenschwere Naturereignisse, die Unfälle und Krankheiten. Es gibt aber auch wachsame Geister, die sich angelegen sein lassen, Städte und Paläste zu schützen, die aus ihren Verstecken hervorkommen und den Kampf gegen die Einfälle böser Geister aufnehmen, sofern sie gut behandelt werden. Diese läßt der Aberglaube von gesunden, kräftigen Menschen herstammen, die vorzeiten man einfach köpfte und an den betreffenden Stellen unter der Mauer, an den Eingängen und so weiter begrub. So leicht öffentliche Gebäude auf diese Weise sich vor den bösen Geistern Schutz verschaffen können, so schwer wird dies dem einzelnen gemacht; er ist auf die Hilfe eines Vermittlers angewiesen, eines Zauberers, Wahrsagers oder ähnlichen Geschäftsmannes, der dann meistens eine Teufelaustreibung vornimmt. Auch die medizinische Wissenschaft der Siamesen greift auf solchen Hokuspokus zurück, wenngleich ihr auch eine ganze Reihe von Kräuterheilmitteln, die einen wirklichen Heilwert besitzen, zur Verfügung stehen. Aber die Ärzte schätzen sie nicht immer deswegen hoch, weil ihnen eine Heilkraft innewohnt, sondern weil sie glauben, daß diese gegen die Geister, Hexen und so weiter wirksam sind. Musik, Tanz, häufiges Baden sind allgemeine Rezepte für die meisten Krankheiten. Der behandelnde Arzt versucht auch oft, das Übel durch Pusten, Ausspeien, Pfeifen und Schwenken grüner Zweige auszutreiben. Der Verkauf von Zaubermitteln ist für den Apotheker eine gute Einnahmequelle, jedoch wird ihm viel Konkurrenz durch die Tätigkeit der Buddhamönche gemacht, die als Teufelaustreiber auftreten, obwohl ihnen diese Tätigkeit untersagt ist. Denn nach der Lehre Buddhas besteht die Macht der Geister nur in der Einbildung. Aber der Siamese läßt sich von seinem alten Aberglauben einmal nicht abbringen. — Die [Abbildung 394] zeigt die Überführung einer Buddhastatue in einer festlich geschmückten Barke nach einem neuen Tempel, begleitet von dem König und seiner Familie. Die vergoldete königliche Barke ([Abb. 393]) wird jetzt nur noch bei besonderen Staatsangelegenheiten benutzt.

Phot. Antonio.

Abb. 395. Ein Buddhistenmönch bei der Predigt.

Diese Buddhistenmönche sind Menschen, die sich vor der Welt zurückgezogen haben, um die Sünde zu meiden und dadurch göttliche Belohnung zu erringen. Ihre Mission besteht etwa nicht darin, daß sie den Menschen dienen; wenn sie es tun, dann geschieht dies nur aus dem Grunde, um für sich dadurch einen Vorteil zu erreichen. Die sündigen Laien, die nicht genug Kraft in sich verspüren, der Welt zu entsagen, können aber doch für ihr eigenes Seelenheil Vorteil herausschlagen, wenn sie jene unterstützen. Ursprünglich waren die Buddhistenmönche Bettler, die in Lumpen gehüllt im Lande umherzogen und von den erbettelten Almosen lebten; jetzt aber kleiden sie sich in bessere Stoffe und leben in behaglichen Klöstern; dabei verschmähen sie oft genug die Brocken und die grobe Kost, die sie sich den Satzungen ihres Ordens gemäß eigentlich erbetteln müßten. Die Klöster stehen unter geregelter Aufsicht; in ihnen werden strenge Lebensregeln befolgt, die den Insassen ein Faulenzen nicht gestatten. Die Mönche sind bestrebt, ihren Sinn von weltlichen Dingen durch Nachdenken abzulenken; während der einsamen Stunden, die sie in ihren Zellen zubringen, werden ihnen verschiedene Themata zur Betrachtung zugewiesen, in die sie sich vertiefen müssen. Durch andauerndes Studium können sie sich verschiedene Grade von Gelehrsamkeit erwerben, die sie zu höheren Stellen in der Kirche befähigen. In der trockenen Jahreszeit aber wird das Klosterleben aufgehoben und an Stelle der Betrachtungen nehmen die Mönche das alte Bettlerleben wieder auf. Sie wandern von Ort zu Ort, legen dabei oft genug große Strecken zurück, ehe die einsetzende Regenzeit sie in ihre Klöster sich wieder zu flüchten zwingt. Sie führen auf ihren Reisen wenig mit sich außer einem großen weißen Schirm, der sie am Tage gegen die brennende Sonne schützt und ihnen in der Nacht als Zelt dient. Für alles, was sie sonst benötigen, rechnen sie auf die Almosen der Frommen. Sind die Mönche an einem Orte, dann halten sie zweimal täglich einen kurzen Gottesdienst in den Tempeln ab, die zum Kloster gehören; an Feiertagen predigt der höchste der Mönche oder der Abt von einem Platze zu Füßen des Buddhabildes aus ([Abb. 395]).

Phot. R. Lenz.

Abb. 396. Das Sandfest der Siamesen.

Im März jeden Jahres bringt man Sand auf die Vorplätze der Tempel und formt daraus kleine Haufen in Gestalt von Pagoden, die man mit Fähnchen und so weiter schmückt im Glauben, sich dadurch ein Verdienst zu erwerben.

Phot. T. A. Gerald Strickland.

Abb. 397. Aufzug beim Schaukelfest.

Die Männer im Vordergrund stellen Doktoren der alten Zeit dar. Alle Arten von Armen von der Vergangenheit bis auf den letzten Tag werden in dem Zuge gezeigt.

Gelangt ein Siamese zu Reichtum, so läßt er sich die Erbauung eines Klosters, eines Tempels oder einer Pagode angelegen sein und hofft dadurch einen wesentlichen Vorteil zugunsten seines Seelenheils zu erlangen. Um ein verfallenes kirchliches Gebäude wieder herzustellen, gibt er aber kein Geld aus, weil er fürchten muß, daß er, wenn er dieses für das Werk eines anderen verwendete, er nur zu dessen Heil beitragen würde. Überhaupt muß der Buddhist, wenn er zukünftiges Glück erlangen will, sich bereits in diesem Leben verdient machen. Die beliebteste Art und Weise, dies zu ermöglichen, wenn er nicht gerade in ein Kloster gehen will, besteht eben darin, den Mönchen Geschenke zu machen, die diese in jeder dargebotenen Form annehmen, sei es, daß es sich um ein wenig gekochten Reis oder um ein prachtvolles Kloster mit allem Zubehör handelt. Man hat auch bestimmte Tage und bestimmte Jahreszeiten, an denen man diese besondere Form, Gutes zu tun, zum Ausdruck bringt, dabei verbindet man aber auch mit diesen Pflichten allerhand Vergnügungen ([Abb. 396]). Vier Tage im Monat sind heilige Tage, an denen die Leute ihre besten Kleider anlegen und zum Tempel wandeln, um hier kleine Opfer darzubringen. Am Anfang und Ende der buddhistischen Fastenzeit bietet sich zu ähnlichen Gebräuchen Gelegenheit. Im April wird die Geburt des Buddha und sein Tod durch einen dreitägigen Gottesdienst im Tempel gefeiert, und am Abend finden Feuerwerk, festliche Beleuchtung und Theater statt. Im Oktober sind alle Menschen eifrig dabei, den Mönchen Kleider zu schenken; es ist dies das bedeutendste Fest der buddhistischen Religion, das Tot Krathin oder das „Niederlegen des heiligen Tuches“. Dieses Fest dauert ungefähr einen Monat und verschlingt eine Unmasse Geld, das für das gelbe Tuch der Mönche ausgegeben wird. Jeder von ihnen bekommt viel mehr davon als er irgend nur gebrauchen kann. Die Hauptsache aber dabei ist, daß das ganze Volk vom König abwärts sich dadurch sehr verdient macht und trefflich unterhält. Zum Prabahtfest, das in den Monat Oktober fällt, unternimmt das Volk Pilgerfahrten in die Berge bei Bangkok, um dort in einem Tempel zu beten, der auf den angeblichen Fußspuren Buddhas, allerdings auf solchen von mehr als einem Meter Länge, erbaut ist. Kurz vor Vollmond bringen Sonderzüge die Pilger zum geweihten Ort; während der nächsten Tage drängen sie sich auf den Stufen des Tempels, um Geschenke niederzulegen, Spielsachen, Bilder, Uhren und andere seltsame Gegenstände, die in Bangkok gekauft wurden, oder um Goldschaum auf jede nur erreichbare Stelle der Tempelmauer zu kleben. Die Nächte bringen sie mit Lesen der heiligen Schriften oder mit Unterhaltungen und Flirt bei hellem Mondschein zu.

Phot. R. Lenz.

Abb. 398. Szene aus dem Schaukelfest.


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Phot. F. Ebit.

Abb. 399. Szene aus dem Fest des ersten Pflügens.

In Vertretung des Königs wird der Ackerbauminister zum Festplatze getragen.

Andere Feste religiöser Natur, die die Siamesen feiern, sind entweder aus dem Brahmakultus übernommen oder beruhen auf deutlicher Geisteranbetung. Im April findet das Songkranfest statt, nach einem brahmanischen Gott so benannt, der auf die Erde kommt, um das neue Jahr einzuweihen. Einige Tage vorher verkünden die Brahmanenpriester des Hofes die Anwesenheit dieses Gottes auf der Erde. Daraufhin macht sich das ganze Volk daran, die Erde mit Trankopfern zu begießen und damit auch Personen zu bedenken, denen ihre Ehrfurcht gilt. Mit besonderem Ernst wird diese Zeremonie im Königspalast vorgenommen, indem man die Erde und das Staatsoberhaupt feierlichst mit Weihwasser besprengt. Andernorts nimmt diese Zeremonie aber mehr die Form einer Belustigung an, bei der die weibliche Jugend die Führung hat und die sie so lange betätigt, bis sie und alle, die sich ihr nähern, ganz und gar durchnäßt sind. Die Verkündigung der Rückkehr des Gottes in den Himmel macht dem Spiel ein Ende. — Im Oktober wird die Versöhnung des Flußgeistes mit großartiger Feierlichkeit begangen; man nennt diese Zeremonie Loi Kratung oder das „Schwimmen der Körbe“, weil man auf dem Flusse Dankopfer in Körben aussetzt und diese hinabtreiben läßt. In Bangkok, wo man diese Festlichkeit in der Nacht vornimmt, wird ein jeder Korb noch beleuchtet, so daß der ganze Strom einem funkelnden Lichtmeer gleicht, und diese Wirkung wird noch durch Feuerwerk erhöht. — Das alljährlich stattfindende Schaukelfest, das eine althergebrachte Einrichtung ist, soll den Dank für die letzte Ernte und gleichzeitig die Fürbitte um einen reichlichen Ertrag im nächsten Jahre bedeuten ([Abb. 397]). Der Gott Indra, in Gestalt eines vornehmen Siamesen, überwacht die Feier und marschiert im Zuge, der sich von einem entfernt gelegenen Tempel bis zu dem Platze begibt, wo die große Schaukel steht, mit. Vier Männer, deren Tracht auf einen Zusammenhang mit Regengöttern hinweist, werden auf die Schaukel gehoben — diese selbst ist gegen dreißig Meter hoch und das Schaukelbrett befindet sich etwa fünf Meter über der Erde —, ergreifen die herabhängenden Seile und setzen sie in Bewegung. Sobald sie genügend in Schwung geraten ist, sucht einer einen kleinen Beutel zu erfassen, der an einer langen Bambusstange in der Nähe der Schaukel hängt und Münzen enthält ([Abb. 398]). Glückt es ihm, ihn zu erfassen, dann ruft die zahlreich versammelte Menge vor Freuden Beifall, verfehlt er ihn aber, dann erhebt sich Bedauern. Daß das Volk so lebhaften Anteil an dem Gelingen dieses Versuches nimmt, hängt mit dem Aberglauben zusammen, daß dadurch eine zwischen Indra und den Regengöttern abgeschlossene Wette ausgetragen werden soll. Wenn die Münzen ergriffen werden, so haben letztere gewonnen.

Phot. W. A. Graham.

Abb. 400. Das Fest des ersten Pflügens.

Zum Schluß sei noch das Rek Na-Fest oder das „erste Pflügen“ erwähnt, eine Zeremonie, um die Götter des Ackerbaues günstig zu stimmen und zu erfahren, wie voraussichtlich die nächste Ernte ausfallen wird. Mit ihm wird die Feldarbeit eröffnet. Ehemals führte der König selbst diese Zeremonie aus, jetzt vertritt ihn dabei ein hoher Beamter, meistens der Ackerbauminister ([Abb. 399]). Dieser lenkt einen vergoldeten Pflug, der von bunt angeschirrten Ochsen gezogen wird ([Abbild. 400]), dreimal um ein geweihtes Feld, auf das nachher Reis gestreut und sofort vom Volke wieder aufgelesen wird, in dem Glauben, daß, wenn man diese Körner unter die eigene Saat mischt, sie gute Ernte zeitigen werden. Außerdem werden zwei jungen Ochsen verschiedene Getreidesorten vorgelegt und aufgepaßt, von welcher sie am meisten fressen. Diese wird aber nicht angebaut, weil dann die Ernte schlecht ausfallen würde. Zum Schluß der Zeremonie werden die Ernteaussichten der bevorstehenden Jahreszeit verkündet.

Aus „Anthropos“.

Abb. 401. Siamesische Tafel, um das Horoskop zu stellen.

Der silberne Schirm zum Beispiel bedeutet: Ehren, Macht, Achtung; der Mann ohne Kopf: Verlust eines Prozesses, materiellen Verlust, auch gewaltsamen Tod; der königliche Palast: hohe Würden, Protektion, Einfluß auf andere und so weiter.

Phot. Antonio.

Abb. 402. Ein siamesischer Knabe, zur Zeremonie des Haarknotenabschneidens vorbereitet.

Er ist in schöne Gewänder gekleidet und mit den Familienkostbarkeiten geschmückt.

Allerlei Gebräuche knüpfen sich auch an die wichtigsten Augenblicke im Leben der Siamesen. Sobald ein Kind geboren ist, wird es von der weisen Frau sogleich auf Anzeichen hin untersucht, die dem Wahrsager als Unterlage dienen könnten, um ihm die Zukunft zu prophezeien, und dann sich selbst überlassen, während die Mutter, auf einem Plankenbett liegend, der Hitze eines großen Feuers ausgesetzt wird, das angeblich ihre Genesung beschleunigen soll. Ist das Kind einen Monat alt geworden, dann wird ihm feierlichst der Kopf glatt geschoren und vom Familienwahrsager das Horoskop gestellt. Um die Zeit herum, wenn es die ersten Schritte macht, wird der Wahrsager noch einmal herbeigerufen und, nachdem er von neuem das Horoskop und andere üble Vorbedeutungen in Betracht gezogen hat, ein Name für das Kind unter denen ausgewählt, die sich für das Jahr, den Monat, Tag und Augenblick am besten eignen. Um das Horoskop zu stellen, bedient man sich einer Tafel ([Abb. 401]), die um den Mittelpunkt angeordnet in zwölf Segmenten je eine Figur trägt (Buddhapyramide, Drache, Zauberin, Wahrsager, silberner und goldener Sonnenschirm, Mann ohne Kopf und so weiter). Jeder von ihnen kommt eine besondere glück- oder unglückbringende Bedeutung für die Begebenheiten des täglichen Lebens zu. Bei der Benutzung dieser Wahrsagetafel fängt man bei der Buddhapyramide an zu zählen und geht, wenn es sich um ein männliches Wesen handelt, nach links, wenn um ein weibliches, nach rechts herum. Zunächst zählt man die Wochentage, dann in gleicher Weise die Monattage und schließlich die Jahre, von denen jedes unter einem der zwölf Zeichen steht, von dem gleichen Ausgangspunkt aus ab, bis man zu seinem Datum kommt, und ermittelt auf diese Weise drei Figuren. Wenn alle drei unglückverheißend sind, dann steht zweifelsohne ein Mißerfolg zu erwarten; wenn man nur eine böse Figur unter den dreien erhält, dann ist die Vorhersage gut, sind alle drei aber günstige, dann kann das Unternehmen nur glücklich ausschlagen. — Das Siamesenbaby tyrannisiert gleichsam seine Hausgenossen. Alle seine Verwandten sind seine Sklaven und erfüllen ihm seine leisesten Wünsche; von allen wird es verwöhnt und verhätschelt. Der Kopf wird ihm bis ungefähr zum vierten Jahre beständig rasiert, von da ab beginnt die Mutter sein Kopfhaar zu pflegen; sie dreht es zu einem Büschel oben auf dem Scheitel und steckt eine bunte Nadel hindurch. Bald darauf bekommt das Kind auch Kleider und wird später in die Klosterschule des Dorfes gesandt. Von jetzt an nimmt der Lebenslauf der beiden Geschlechter eine verschiedene Richtung. Die Mädchen nämlich erhalten für gewöhnlich keinen Unterricht in der Schule, sondern werden in die Pflichten ihres späteren Hausfrauenberufes eingeführt. — Sobald bei den Kindern die Reife sich einzustellen beginnt, also um das zehnte bis dreizehnte Lebensjahr, wird den Knaben und Mädchen das Haarbüschel unter großer Feierlichkeit abgeschnitten; es ist dies der wichtigste Augenblick im ganzen Leben des Siamesen. An einem von dem Wahrsager festgesetzten Tage wird im Hause der Eltern ein Altar mit dem Buddhabildnis errichtet, und dieser mit Kerzen und Zieraten, soweit die Mittel es erlauben, geschmückt. Um den Altar herum verteilt man eine große Schere, eine Schale mit geweihtem Wasser, eine Seemuschel und andere Gegenstände, die zu der Zeremonie gehören, und stellt auf einen Ständer in der Nähe kleine Portionen Speise zur Erfrischung für die Familiengötter hin. Ein geweihter Faden wird sodann unter der Dachrinne rings um das Haus herumgeführt und seine beiden Enden werden ins Haus hinein zu den Händen der Mönche geleitet, deren Predigten an der Schnur entlang gleiten sollen, um die bösen Geister zu verhindern, störend in die heilige Handlung einzugreifen. Der Ahnen wird auch nicht vergessen, denn ihre Urnen mit der Asche finden sich auf einem kleineren Altar aufgestellt. Schließlich ist draußen vor dem Hause noch ein Gerüst mit einem Baldachin auf vier Pfosten erbaut, unter dem auf einem spitz zulaufenden Gestelle etwas Speise für den Gott Kedu, den Spender langen Lebens, gestellt wird. — Am Nachmittage des dem eigentlichen Feste vorausgehenden Tages finden sich zuerst die Familienfreunde, jeder mit einem Geschenk, sodann die Mönche ein, die bei ihrem Erscheinen mit Gongschlägen begrüßt und mit Tee bewirtet werden. Nach einer Pause tritt das Kind auf, vornehm angezogen und mit dem ganzen Familienschmuck behängt ([Abb. 402]). Die Mönche sprechen Gebete, in die die anwesenden Besucher einfallen; Musik spielt sodann auf; Tee, Zigarren, Speise und Betel werden herumgereicht, und alles widmet sich dem Vergnügen. Der nächste Tag vergeht in ähnlicher Weise und erst am dritten findet die Hauptzeremonie statt. Vorher wird größte Ruhe gewahrt, damit die bösen Geister, die sich vielleicht in der Nähe aufhalten, nicht merken, daß etwas im Gange ist. Kurz vor Sonnenaufgang erscheint das Kind wieder, den Kopf bis auf das Haarbüschel glatt rasiert. Das Haarbüschel wird in drei Strähnen geteilt, der Gast, dem von den Anwesenden die höchste Ehre gebührt, sowie zwei hochbetagte Anverwandte erfassen jeder eine Strähne und schneiden sie genau bei Sonnenaufgang ab. Ohrenbetäubender Trommelschlag und Musik setzen in diesem Augenblick ein. Die Speise für den Ketu wird von der Plattform draußen genommen und das Kind unter dem Baldachin an ihre Stelle gesetzt. Darauf treten die Verwandten und Freunde einer nach dem anderen heran und gießen Wasser aus einer Muschel auf den kahlen Kopf des Kindes, das bis auf die Haut durchnäßt wird ([Abb. 404]). Von neuem bekleidet, und diesesmal mit seinem schönsten Gewand, übernimmt das Kind die zeremonielle Speisung der Mönche; dieser Abschnitt der Feier vollzieht sich unter Musikbegleitung sowie unter Hersagen und Absingen heiliger Worte und endigt mit einer Predigt. — Der Prunk, mit dem die Zeremonie des Haarabschneidens vollzogen wird, richtet sich natürlich nach dem Reichtum und dem Stand der betreffenden Familie. Wird einem königlichen Prinzen das Haarbüschel abgeschnitten, dann gestaltet sich diese Zeremonie zu einem wahren Volksfest, bei dem es allenthalben hoch hergeht.

Phot. F. Chit.

Abb. 403. Der Kronprinz im Mönchskloster zur Ablegung des üblichen Ordensgelübdes.

Phot. F. Chit.

Abb. 404. Die Zeremonie des Haarknotenabschneidens am siamesischen königlichen Hofe.

Der König gießt einem seiner Söhne, an dem die Zeremonie soeben vollzogen wurde, geweihtes Wasser über das Haupt.


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Nachdem ihnen das Haarbüschel abgeschnitten ist, nehmen die Mädchen ihre häusliche Beschäftigung wieder auf, ebenso bilden sich die Knaben weiter aus, bis sie das zwanzigste Lebensjahr erreicht haben. Dann werden sie sozusagen konfirmiert und in den heiligen Orden der Mönche aufgenommen. Die Lehre Buddhas schreibt nämlich vor, daß jeder, der sich ernstlich zu ihr bekennt, dies dadurch betätigen muß, daß er vor der Welt flüchtet und in den Orden sich aufnehmen läßt, allerdings kann er dieses Gelübde jederzeit widerrufen. Daher legt jeder siamesische Jüngling, auch wenn er sich nicht den geistlichen Beruf erwählt hat, das Ordensgelübde ab, um dem Buchstaben des Gesetzes zu genügen ([Abb. 403]). Wer nicht die Absicht hat, ein Glied des Ordens zu bleiben, bittet nach einiger Zeit, für gewöhnlich nach drei Monaten, ihn von seinem Gelübde wieder zu entbinden, was anstandslos gewährt wird. Dann darf er aus der Abgeschlossenheit wieder in die Welt zurücktreten. Die Aufnahme in den Orden gestaltet sich für die Angehörigen zu einem großen Freudenfest. In kostbare Gewänder gekleidet, begibt sich der Kandidat mit seinen Verwandten, Freunden und allen Mädchen seiner Bekanntschaft in den Tempel, wirft sich dreimal vor den Mönchen demütig auf die Erde und wird in aller Form von den Angehörigen vorgestellt, die den Mönchen Geschenke anbieten. Sodann muß er ein Verhör, ob er sich geistig und körperlich auch eigne, über sich ergehen lassen, und wenn seine Antworten zur Zufriedenheit ausgefallen sind, wirft er sich von neuem auf die Erde und bittet flehentlich, aus der schnöden Welt befreit und in den Orden aufgenommen zu werden. Daraufhin wird er seiner vornehmen Gewänder entkleidet und mit dem gelben Gewande des Mönches angetan, bekommt einen Bettelnapf um die Schultern gehängt und einen Fächer in die Hand. So ausgestattet, wirft er sich noch einmal auf die Erde und legt sodann die zehn vorgeschriebenen Gelübde ab, nämlich niemals ein Leben zu vernichten, niemals zu stehlen oder zu lügen, stets ein züchtiges Leben zu führen, keine berauschenden Getränke zu trinken, nur zu der vorgeschriebenen Zeit zu essen, alle weltlichen Freuden zu meiden, keinen persönlichen Schmuck zu tragen, nie mit Geld etwas zu tun zu haben und auf der Erde zu schlafen. Der Abt macht nun öffentlich bekannt, daß der Kandidat in den Orden aufgenommen ist, und erinnert ihn noch einmal an die Pflichten, die er übernommen hat, und an die Sünden, die er meiden muß. Wie schon gesagt, kann der Jüngling jederzeit von seinem Eide auf seinen Wunsch befreit werden und in die Welt zurückkehren, wie es auch meistens geschieht.

Phot. R. Lenz.

Abb. 405. Aufbahrung der Leiche des Königs Chulalongkorn

für mehrere Monate in einer goldenen Urne auf der Spitze einer kunstvollen goldenen Pyramide im Palaste.


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Er tut dies, wenn er heiraten will. Etwa um das zwanzigste Lebensjahr herum pflegen die Jünglinge, zwischen vierzehn und siebzehn die jungen Mädchen die Ehe einzugehen. Sie verheiraten sich in Siam fast alle; alte Jungfrauen kommen daher in diesem glücklichen Lande kaum vor. — In den meisten Fällen ist die Ehe lediglich eine Abmachung zwischen den Familien, die ursprünglich eine ältere, diplomatisch sehr gewandte Frau zustande brachte, jetzt aber mehr und mehr von den Eltern direkt getroffen wird, die diese Dinge frei miteinander erörtern. Auch Neigungsheiraten kommen heutzutage mehr in Aufnahme. Einer Ehezeremonie legt der Siamese wenig Gewicht bei, daher verkürzt er sie vielfach oder läßt sie gänzlich fort; denn um einer Ehe die gesetzliche Gültigkeit zu verschaffen, bedarf es nur des Beisammenwohnens. Da aber manche Eltern natürlich das Verlangen haben, die Hochzeit ihres Kindes zu einem Ereignis zu machen, so spielt sie sich in sehr vielen Fällen wenigstens zum Teil mit Feierlichkeiten verknüpft ab. Wenn man die Zeremonie in ihrem vollen Umfange betrachtet, findet die Hochzeit im Hause der Braut statt und dauert zwei Tage. Freunde und eine bezahlte Musikbande geben dem Bräutigam das Geleite dorthin, wo die Freunde sich versammelt haben und sich in den Empfangsräumen an Essen, Trinken und Betelkauen gütlich tun, während die Eltern das von beiden Teilen beigesteuerte Kapital für das junge Paar nachzählen und prüfen. Sobald das Brautpaar erscheint, wird es mit einer geweihten Schnur zusammengebunden, kniet nieder, wird mit Reis beschüttet und von den Gästen aus einer Seemuschel mit Weihwasser begossen. Darauf werden beide getrennt; der Bräutigam bringt seiner Geliebten mit Hilfe einer Kapelle die Nacht über ein Ständchen. Am nächsten Morgen werden die amtierenden Mönche festlich bewirtet, und den ganzen Tag über herrscht eine ausgelassene Lustbarkeit. Am Abend endlich wird die Braut in aller Form zum Hochzeitsgemach geleitet. Das junge Paar lebt lange mit der Familie der Frau zusammen, oft bis zur Geburt des ersten Kindes.

Phot. Antonio.

Abb. 406. Leichenzeremonie im Hause eines reichen Siamesen.

Der Sarg pflegt auf einem hohen, reich verzierten Unterbau, umgeben von Leuchtern, für längere Zeit aufgestellt zu werden.

Phot. R. Lenz.

Abb. 407. Der künstlerische Gerüstaufbau für die Einäscherung der Leiche des verstorbenen Königs Chulalongkorn.


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Da die Vielweiberei von Buddha nicht ausdrücklich verboten ist, so gilt sie für erlaubt, und ein Mann kann daher so viele eheliche Verbindungen eingehen, als er sich Frauen zu leisten vermag. Die erste Frau behält aber immer das Vorrecht und bleibt das anerkannte Oberhaupt aller auf sie noch folgenden. Altert eine Frau, dann hält sie es für ratsam, ihrem Manne Nebenfrauen zu verschaffen, einmal weil sie dadurch das Heim für diesen noch weiter anziehend zu gestalten hofft und zum anderen, weil sie sich dann als Oberhaupt einer großen Häuslichkeit aufspielen kann. — Scheidung erfolgt mit beiderseitiger Zustimmung und hat die Teilung des Besitztums zur Folge, ausgenommen, wenn es sich um Nebenfrauen handelt, die auf Wunsch des Mannes einfach beiseite geschoben werden können ohne jedwede Vergütung. Alle Kinder sind erbberechtigt, aber die von der ersten Frau erhalten den größten Anteil.

Phot. R. Lenz.

Abb. 408. Einäscherungszeremonie für einen vornehmen Siamesen.

Der Vorgang spielt sich hinter dem Schirm in einem Tempel ab.

Die Eigenart der buddhistischen Lehre nimmt dem Siamesen, wenn es mit ihm zum Sterben geht, viel von der Todesfurcht; er beschäftigt sich in diesen Augenblicken mehr mit seiner Wiedergeburt als mit dem Schrecken der bevorstehenden Auflösung und verspürt bei seinem nahen Ende den Trost einer gütigen Philosophie, die vielfach dazu beigetragen hat, bereits sein Leben zu einem ruhigen zu gestalten. Nach dem Tode wird der Körper gewaschen, in ein sauberes weißes Tuch gehüllt und mit einer Münze im Munde, um damit den Zoll zum Paradiese zu zahlen, in den Sarg gelegt. Um diesen, der mit schwarzem Tuch bedeckt und mit Zierat aus Silberpapier geschmückt zusammen mit Kerzen und anderen Dingen, die dem Verstorbenen wert waren, im Prunkzimmer des Hauses steht ([Abb. 406]), halten Freunde ein bis zwei Tage und Nächte Wache. Dazu lesen eingeladene Mönche am Abend Totenmessen. Währenddessen empfangen die Angehörigen die Beileidsbesuche ihrer Bekannten, denen sie eine kleine Erfrischung vorsetzen. Außerdem wird sogleich nach dem Tode eine Musikkapelle geholt, die ihre Weisen ertönen lassen muß, einmal um die Trauernden aufzuheitern, zum andern aber auch, um die bösen Geister fernzuhalten. Manchmal müssen auch Klageweiber ein möglichst lautes Geheul anstimmen. Ist die Totenwache vorüber, dann wird der Sarg in den Tempel gebracht, bisweilen jedoch, vor allem am Hofe und in wohlhabenden Familien, behält man ihn noch längere Zeit, selbst Monate hindurch, im Hause aufgebahrt ([Abb. 405]). Wird der Sarg herausgetragen, dann tut man dies durch ein Loch in der Wand und führt ihn mehrere Male um das Haus herum, bevor man ihn in den Tempel bringt ([Abb. 386]), wo er auf einem Scheiterhaufen verbrannt wird ([Abb. 407] und [408]). Vorher trägt man ihn auch hier noch dreimal um diesen herum. Man will dadurch den Geist im unklaren über die eingeschlagene Richtung lassen, damit er den Weg nach Hause nicht wiederfindet. — In Bangkok gibt es eine regelrechte Saison für Verbrennungen derer, die im vergangenen Jahre starben ([Abb. 409]). Es wird dann eine große Pracht entfaltet, das Feuer des Scheiterhaufens wird von wohlriechenden Kerzen unterhalten, Musik, Tanz und Schmaus begleiten die Feier und der Armen wird durch reichliche Spenden gedacht. Es ist gleichsam Ehrensache, so viel Geld wie möglich dafür auszugeben, und es kommt oft vor, daß die ganze Hinterlassenschaft eines Menschen von den Erben vergeudet wird, um ihm einen geziemenden Abschied aus diesem Leben zu bereiten.

Phot. F. Chit.

Abb. 409. Krematorium zu Bangkok,

in dem die Einäscherung derjenigen Personen, die im vergangenen Jahre starben, festlich begangen wird.

Die Verbrennung von Königen und Prinzen ist ein höchst wichtiges Ereignis und gestaltet sich fast zu einem Volksfest, das sich nicht selten auf die Dauer eines Monats erstreckt; während dieser Zeit werden Tausende von Menschen täglich auf königliche Kosten gespeist und bewirtet. Die Leichen des Königshauses kommen nicht in Särge, sondern zusammengekauert in kupferne, stark vergoldete Urnen. Jedes Stadium einer königlichen Verbrennung, der Leichenzug, die Übergabe auf den Scheiterhaufen, das Anzünden des Feuers und das Einsammeln der Aschenreste, jede dieser Handlungen ist eine Feier für sich, die manchmal einen ganzen Tag in Anspruch nimmt. Jedesmal ist der Hof vollzählig zugegen, die Damen ganz in Weiß gekleidet und das Haar geschoren. Die Asche wird in kleinen goldenen Urnen im Palast aufbewahrt und ist von Zeit zu Zeit Gegenstand ehrfürchtiger Zeremonien. Von den Gebeinen der Könige werden Teile unter die Mitglieder der königlichen Familie und an Günstlinge aus dem Adel verteilt. — Die Angehörigen einfacher Leute bewahren ebenfalls die Asche ihrer Verstorbenen in kleinen Urnen auf, die in ihren Häusern Platz finden.

Abb. 410. Gebrauch der Ruder bei den Eingeborenen der südlichen Schanstaaten Birmas.

Anstatt mit der Hand rudern sie mit den Füßen und vermögen dies stundenlang fortzusetzen.

Birma.

Die Birmanen gehören zur Gruppe der Schanvölker und gleichen in ihrem Äußeren im großen und ganzen den Siamesen. Sie sind kräftig, wohlproportioniert und von ziemlicher Größe, die Höchstgewachsenen unter den Stämmen Hinterindiens. Ihre Hautfarbe ist braun, ihr Kopfhaar dicht, lang und schwarz. Ihre Gesichtszüge sind etwas edler als die der Siamesen, so daß sie, im besonderen Frauen, oft angenehm auffallen.

Die Kleidung ist bei beiden Geschlechtern die gleiche. Den Oberkörper bedeckt eine lose anliegende Jacke, den Unterkörper umhüllt von der Hüfte bis zu den Knien ein Stück Tuch oder noch häufiger Seidenstoff. Das Haar wird entweder auf dem Kopfe in einen Knoten geschlungen oder fällt chignonartig in den Nacken herab. Den Kopf umschlingt beim männlichen Geschlecht ein turbanartig umgebundenes Tuch ([Abb. 412]), die Frauen gehen barhäuptig, flechten sich aber Ketten und Blumen in die Haare ([Abb. 411]). Eine ganz eigenartige Form besitzen die geflochtenen großen Hüte der Schan, die zugleich als Schutz gegen den Regen dienen. Eine stete Begleiterscheinung der Birmanen ist sein Regenschirm aus braungefirnißtem, mit bunten Streifen besetztem Papier. Schmuck fehlt natürlich nicht, besonders beim weiblichen Geschlecht. Bei den Padaungfrauen sind schwere massive Ringe sehr beliebt, die um den Hals, die Unterarme und die Beine getragen werden und zusammen ein Gewicht von vierzig bis fünfzig Pfund ausmachen. Ganz besonders fallen davon die Ringe auf, die den Nacken wie ein steifer Stehkragen umgeben; sie werden nicht auf einmal, sondern nacheinander umgelegt, bis zu zweiundzwanzig Stück ([Abb. 414]). Nicht minder merkwürdig muten die Fußringe der Loilongfrauen an ([Abb. 413]). — Ein jeder Birmane, der etwas auf sich hält, läßt sich tatauieren, und zwar in Blau auf den Oberschenkeln, von der Hüfte bis zum Knie, und in Rot auf dem Oberkörper und den Armen ([Abb. 416]). Die eintatauierten Muster pflegen Tiere, im besonderen Tiger darzustellen, die von allerlei Schnörkeln umgeben sind.

Phot. Major Pearce.

Abb. 411. Mann und Frauen in der üblichen Landestracht auf einem Ochsenwagen, wie er auf dem Lande gebräuchlich ist.


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Aus „Kolonie und Heimat“.

Abb. 412. Ein vornehmer Birmane.

Phot. Sir George Scott.

Abb. 413. Loilong-Karen-Frauen mit sonderbarem Beinschmuck,

bestehend aus Messingringen, die an einem Rotangbande unterhalb des Knies hängen. Diese Ringe hindern die Bewegung erheblich. Keine Frau geht ohne Not aus und wenige kommen Zeit ihres Lebens weiter als eine Stunde von ihrem Dorfe. Die Arme sind von einer engen Messinghülse bis zu den Ellbogen bedeckt.

Bis zur Besitzergreifung durch die Engländer herrschte in Birma eine durchaus despotische Regierung. Erbliche Ehren gab es nicht, ein jeder konnte durch persönliche Tüchtigkeit es zu hohem Ansehen bringen, allerdings war dabei der Günstlingswirtschaft Tür und Tor geöffnet. Es gab eine Unmasse Beamte, von denen ein jeder durch irgend ein besonderes Merkmal an einem Gebrauchsgegenstand oder Schmuckstück, seien es Ohrringe, die Kopfbedeckung, der Regenschirm und so weiter als Rangabzeichen sich kenntlich machte. Die kleinen Bürger und Arbeiter gehörten dem Stande der Unfreien an; sie konnten jederzeit vom Könige zu seinen Dienstleistungen als Soldaten oder Sklaven verwendet werden.

Phot. H. G. A. Leveson.

Abb. 414. Padaungfrauen mit schweren Messingringen um Hals und Beine.

Trotz des großen Gewichts der Ringe wandern die Frauen stundenweit und verrichten alle ihre Arbeit auf dem Felde.


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Phot. N. Edwards, Littlehampton.

Abb. 415. Opfer vor einem Buddhabildnis in Rangoon.

Die Birmanen sind Anhänger der Lehre Buddhas ([Abb. 415]) und befolgen auch nach außen hin deren Gebote aufs strengste. Aber im Grunde ihres Herzens huldigen sie alle der Geisteranbetung. Besonders trifft dies für die auf niederer Kulturstufe stehenden Stämme in den Bergen zu, wie die Katschin, Karen, Tschin, Lahu, Akha, Wa und andere. Stets ist man darauf bedacht, die Geister, von denen man sich überall, in Wald und Flur, auf Flüssen, in den Bergen und anderwärts sonst, umgeben glaubt, fernzuhalten. Daher trifft man außerhalb der Umfriedigung der Dörfer Geistertore an; die Katschin legen von einem Baum zum anderen ein Bambusrohr quer über den Weg, der zum Dorfe führt, und behängen ihn mit Kreisen, Kreuzen und seltsamen Figuren aus gespaltenem Rohr, um dadurch die Geister, die ein böses Gewissen haben, von dem Betreten des Dorfes abzuhalten; sie sollen nämlich glauben, daß die verschiedenen Symbole, die im Winde wehen, so und so viele Fallen sind, die man ihnen stellt, und daher keine Lust verspüren, einen Umweg ins Dorf ausfindig zu machen, sondern vorziehen umzukehren. Die Schan von Nam Hkon errichten im Flusse ein Häuschen für die Geister ([Abb. 417]), hindern sie aber daran nachts an Land zu gehen, indem sie die Verbindungsbrücke, die sie sonst nötig haben, um ihnen ein Opfer zu bringen, einfach abbrechen. In jedem birmanischen Hause auf dem Lande hängt in einem viereckigen Bambusrahmen eine Kokosnuß und darüber als Turban ein rotes Stück Zeug; dies ist der Aufenthaltsort des Magayi Nat, des Hausgeistes, dem man täglich Opfergaben darbringt und jedes Kind, das im Hause geboren wird, in aller Form vorstellt. Recht bezeichnend für die Doppelreligion des Birmanen ist es, wenn er in einem Augenblick dem Hausgeiste ein Opfer darbringt und im nächsten den Bettelmönchen auf ihrer täglichen Runde Almosen reicht. Der Buddhismus ist eben seine angelernte Religion ([Abb. 419]), die Geisteranbetung seine rituelle. Auch jedes Dorf besitzt seinen Schutzgeist; er lebt im Dschungel, und daher steht sein Altar und seine Wohnung immer im Dickicht oder mitten in einer Bambusgruppe, auch am Fuße eines sehr großen Baumes, meistens eines Feigenbaumes ([Abbild. 418]). In dieser seiner kleinen Behausung findet man oft die Figur eines Geistes oder ein Bett, das ihm zur Ruhestätte dienen soll (manchmal auch zwei davon, falls er seine Frau bei sich hat) und oft mit einem winzigen Moskitonetz überspannt ist, ringsherum ferner Wasserkrüge, Speinäpfe, Betelkästchen, alles natürlich en miniature, manchmal auch noch Flinten und Speere, gleichfalls der Größe des Raumes angemessen, damit der Geist sie benutzen kann, wenn er in den Kampf ziehen will. Diesen Geistern werden an bestimmten Tagen Opfergaben dargebracht ([Abbildung 421]). Der Birmane kennt auch eine regelrechte Liste seiner siebenunddreißig Nats oder Nationalgeister, die er sich meist in Menschengestalt vorstellt. Die Tänze zu ihren Ehren werden stets von Frauen ausgeführt, sie entbehren aber des Gemessenen, Künstlerischen in der Haltung der Tänzerinnen, zeichnen sich durch wilde, tobende Bewegungen aus.

Phot. P. Klier.

Abb. 416. Ein tatauierter Birmane.

Die eintatauierten Muster unter der Hüfte pflegen Tiere, im besonderen Tiger, von allerlei Schnörkeln umgeben, darzustellen. Die Figuren auf dem Oberkörper und den Armen sollen Unverletzlichkeit gegen Schwert und Schußwaffen oder Erfolg in der Liebe bezwecken.


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Phot. Sir George Scott.

Abb. 417. Geisterhaus mitten im Fluß.

Phot. Sir George Scott.

Abb. 418. Ein Geisterschrein am Fuße eines Pipulbaumes zu Hsataw.

Phot R. W. Marshall.

Abb. 419. Feierlicher Gottesdienst in einem birmanischen Kloster.

Wenn der Birmane ein Wohnhaus baut, so legt er auf jeden Pfosten ein Tuch, um den Geist, der darin wohnt, zu bedecken; diese Gewohnheit dehnt er auch auf die Rasthäuser, die Holzbrücken und sogar auf die Klöster aus. Vor Beginn des Wettrennens zweier Boote werden Opfergaben in den Bug eines jeden davon für die Wassergeister gelegt, damit sie sich nicht aus reiner Bosheit an den Kiel hängen. Der Birmane gibt den Mönchen ([Abb. 423]) Almosen, er betet vor der Pagode an bestimmten Pflichttagen (siehe [farbige Kunstbeilage]), wenn er jung ist, und hält jeden Abend um die Dämmerstunde an einem geweihten Ort seine Andacht ab, wenn er in die Jahre kommt; er zündet Kerzen an, legt Gebetsfahnen und Blumen, auch kleine Wachsfiguren der Wesen, die über dem betreffenden Wochentag walten, an dem er das Licht der Welt erblickte, nieder ([Abb. 424]) und sagt seine frommen Sprüche her, die er als Knabe in der Schule lernte, und doch wird er niemals in seinem Leben es versäumen, bevor er etwas unternimmt, sein Horoskop sich stellen zu lassen und seine Zauberbücher zu Rate zu ziehen, die ihm anzeigen, wann er zum Beispiel seiner Tochter die Ohren durchbohren lassen, eine Reise unternehmen, mit Pflügen beginnen oder mit der Ernte anfangen, ein Boot ins Wasser setzen, einen Einkauf machen, sich oder seine Tochter verheiraten, ein Familienmitglied begraben oder eine Pagode stiften soll. In fast jedem Dorfe gibt es Geistermedien; gewöhnlich sind es Frauen, deren Beruf in direktem Widerspruch zu den Lehren des Buddhismus steht; denn sie halten wie jeder andere Gläubige ihre Andachten ab und geben den Mönchen Almosen, damit sie in ihrem nächsten Dasein eine Stufe höher im Leben stehen. Bei Ausbruch einer Krankheit werden sie oft herbeigerufen, um zu heilen, denn eine Krankheit gilt stets für die Anfechtung eines bösen Geistes ([Abb. 422]). Bei der Ausübung ihrer Tätigkeit binden sich die Frauen meistens ein rotes Tuch um den Kopf und beschränken ihre Geheimnistuerei auf hysterische Gesänge und wilde Wirbeltänze, die den Kranken oft genug anstecken. Manchmal erholt er sich dann infolge der Erregung, oft genug aber auch bricht er vor Erschöpfung zusammen. Was für den Birmanen die Zauberbücher, das sind für die roten Karen und Wastämme die Geflügelknochen; nichts unternimmt er, ehe er diese um Rat gefragt hat. Die Wa verwenden sie recht oft, manche von ihnen tragen sie paarweise in den Ohren, sie sind dann oft so schmutzig und von Alter gebräunt, daß sie wie ein altes Erbstück anmuten. — Um Glück bei seinen Unternehmungen zu haben, läßt sich der Birmane runde Scheiben aus Gold, Silber oder Blei, auch aus Schildpatt oder Horn, die das Bild eines Schweinchens, umgeben von mythischen Zeichen, eingeritzt tragen, unter die Brust- oder Armhaut einheilen. Mancher berüchtigte Räuber wurde mit einer ganzen Reihe solcher Glücksschweinchen, die sich durch Knoten verraten, festgenommen.

Phot. Sir George Scott.

Abb. 420. Geisterpfeiler,

die auf einem offenen Platz inmitten jedes Dorfes der roten Karen errichtet werden, ihre Spitzen tragen allegorische Darstellungen.

Betende Menge vor einer Pagode in Rangoon.

Die Frauen sind dabei in ihre besten Gewänder gekleidet und mit Blumen im Haar geschmückt. Sie leiern das übliche Pali ab, wissen aber im Grunde genommen meistens nicht, um was sie bitten und an wen sie beten.


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Phot. Sir George Scott.

Abb. 421. Ein Geisterhaus (Nat-haw) zu Kyèbogyi (Karenland)

mit Opferaltären außerhalb seiner Umzäunung. Auf dem rechten Altar liegen der Kopf und die Eingeweide eines geopferten Büffels.

Es gibt in Birma sehr viele religiöse Feste, bei denen man einen großen Pomp zu entfalten pflegt. Es finden großartige Umzüge statt ([Abb. 425] und [428]), bei denen die Götter auf phantastisch ausgeputzten Wagen ([Abb. 426] und [427]) heimgefahren werden, Vorführungen werden veranstaltet, bei denen Helden und Tiere der mythischen Zeit wieder auftauchen und anderes mehr ([Abb. 429] bis [432]). Am höchsten werden davon im ganzen Lande das Neujahrsfest, das die Europäer für gewöhnlich unter dem Namen Wasserfest ([Abb. 433]) kennen, und das Tawadeinthafest (nach Ablauf der Passionszeit) ([Abb. 435]) geschätzt. Daneben werden aber noch eine ganze Reihe weiterer Feste gefeiert, die aber zumeist in die heiße Jahreszeit verlegt sind, weil es sich dann viel leichter wandern läßt und Feldarbeit nicht verrichtet werden kann. — Das Neujahrsfest ist ein allgemeines Landesfest. Früher wurde das Datum dazu mühsam von den Ponna oder brahmanischen Astrologen in Mandalay ausgerechnet. Dem Feste liegt der Gedanke zugrunde, daß der König der Nats vom Himmel dann herabsteige und nach einem eintägigen Aufenthalte auf der Erde dahin wieder zurückkehre. Es wird zur Erinnerung an eine Wette zwischen dem Könige und einem Brahmanen gefeiert; der Einsatz beider war ihr Kopf. Der Brahmane, der Athi hieß, verlor seine Wette. Der Natskönig ließ dem Verlierer einfach den Kopf abhauen, und dieser wandert Jahr um Jahr von einer der sieben Schwestern zur anderen. Er ist glühend heiß und muß durch reichliches Begießen mit Wasser kühl gehalten werden. Aus diesem Grunde begießen sich alle Menschen gegenseitig drei Tage lang zur Erinnerung an diese Tatsache mit Wasser. Die älteren und würdigen Leute werden bei diesem „Um Verzeihung bitten mit Wasser“ mit Nachsicht behandelt, aber die Jugend und vor allem die Mädchen widmen sich mit großer Begeisterung dieser Aufgabe. — Das Tawadeinthafest will auf den Besuch Bezug nehmen, den Buddha Gautama dem Berg Meru abstattete, um seiner Mutter, der Königin Maya, das ewige Gesetz zu predigen. Die wichtigste Zeremonie dabei ist das Herumtragen der Padethabäume. Unter Padetha verstehen die Birmanen einen Baum, der auf der nördlichen Insel der birmanischen Fabelwelt wachsen und an seinen Zweigen alles mögliche tragen soll, was man sich nur wünschen kann. In der gegenwärtigen Zeit hat er die Gestalt einer hohen Pyramide angenommen, die mit allen nur denkbaren Gegenständen behängt ist ([Abb. 435]), von Büchsen mit kondensierter Milch und Sardinen an bis zu Waschschüsseln und Uhren. Mit diesen Bäumen stolzieren Männer im Stadtviertel oder im Dorf umher und legen sie schließlich in der Klosterumfriedigung nieder, wo die Mönche, je nachdem sie Zeit und Lust haben, die Opfergaben abnehmen. Am ausgelassensten ist bei dem Tawadeinthafeste die Jugend, die mit besonderem Interesse das Pwè verfolgt. Ein Pwè ist eine Vorführung oder Vorstellung irgendeiner Art; es kann sich dabei sowohl um einen Boxerwettkampf wie auch um ein ernstes mysteriöses Schauspiel handeln. Die höchste Bedeutung legen die Birmanen dem Pwè in Gestalt einer dramatischen Vorstellung bei. Die Bühne ist ein mit Bambusmatten belegter Platz, in dessen Mitte immer ein Baum steht. Die Schauspieler singen im tiefsten Alt und führen dabei Tänze auf, die aber nach unserer Auffassung nur in künstlichen Gliederverrenkungen und schlangenförmigen Bewegungen bestehen; dabei spielt eine Musikbande auf, so daß die Zuhörer auf eine harte Probe gestellt werden, zumal eine Vorstellung eine ganze Nacht, auch mehrere Nächte und selbst ein paar Tage andauert. Aber die Birmanen halten unentwegt so lange aus. Für gewöhnlich beginnt die eigentliche Vorstellung, nachdem die Dunkelheit eingesetzt hat. — Sehr ansprechend sind dagegen die Yein oder A-neyein Pwè, Tänze, die von jungen Mädchen und Kindern aufgeführt und oft wochenlang vorbereitet werden ([Abbild. 434]). Den Unterricht erteilt eine richtige Ballettlehrerin, die sehr streng vorgeht und große Ansprüche an das Können ihrer Schülerinnen stellt. Sie gibt gewöhnlich den Kehrreim der Melodie an, nach der getanzt wird; die meisten der Tänzerinnen fallen dann in diese Melodie ein. Die Mädchen haben ihre buntesten Gewänder an und sind mit Familienschmuck gleichsam überladen. Die Tänze werden sowohl stehend wie sitzend ausgeführt und bestehen nur in rhythmischen Bewegungen der in hohem Grade schmiegsamen Körper. Die Füße werden dabei überhaupt nicht von der Erde gehoben; der Takt ist der Minutentakt, und der Reiz des Ganzen liegt lediglich in den glänzenden Farben der Kleidung, der ernsten Feierlichkeit der Tänzerinnen und in dem genauen Einhalten des Taktes.

Phot. R. W. Marshall.

Abb. 422. Medizinmänner (Tumsa) der Katschin.

Unter gewöhnlichen Umständen sind es einfache Dorfbewohner wie alle andern, sie arbeiten gleich den übrigen auf den Feldern, aber wenn Geister in wichtigen Angelegenheiten um Rat befragt werden sollen, legen sie besondere Kleider an.

Phot. R. W. Marshall.

Abb. 423. Bettelmönche beim Auszug aus dem Kloster.

Die Mönche stehen bei Tagesanbruch auf und beginnen ihren täglichen Bettelumzug. Sie gehen hintereinander, der Abt an der Spitze und die übrigen dem Alter nach.

Ganz anders dagegen sind die Tänze der Bergstämme ([Abb. 436]), die in wilden Bewegungen bestehen, sei es, daß es sich um Bewerbungstänze, Totentänze oder Geistertänze der verschiedensten Art handelt. Ihnen liegt fast immer ein religiöses Moment zugrunde; man will dadurch die unsichtbaren Geister der Luft versöhnen. Selbst die Tänze der Wa, wenn sie ausziehen, um Köpfe zu erbeuten, sind gewissermaßen religiöser Natur, denn die Schädeljagd ist für sie sozusagen eine landwirtschaftliche Notwendigkeit. Würde ein Dorf nicht jedes Jahr seinen Schädel erhalten, dann würde der Regen ausbleiben und die Gemeinde eine Mißernte erleben.

Phot. D. A. Ahuja.

Abb. 424. Opfergaben, die man den Mönchen dargebracht hat.

Wohlhabende Leute spenden oft am ersten Tage Blumen, am nächsten Früchte und andere Eßwaren und am dritten allerlei Gebrauchsgegenstände. Die sämtlichen Geschenke werden in einem Schuppen des Klosters gesammelt; die Nachbarn kommen, um sie zu besichtigen.

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 425. Blumenfestzug birmanischer Mädchen und Frauen,

die in kostbare Gewänder gekleidet sind und in Gefäßen Blätter und Zweige des heiligen Feigenbaums tragen, zur Pagode gelegentlich der Feiertage, besonders des Neujahrsfestes.

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 426. Wagen bei festlichen Aufzügen.

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 427. Wagen beim Festzug.

Der vordere Büffelwagen trägt eine mythologische Gestalt, Elefantenvogel genannt, der nach einem Volksspiel die Königin Kithani davontrug. Er ist aus Bambus gefertigt und mit bemaltem rauhem Papier überzogen; zu den Kosten steuerte ein ganzes Dorf bei.

Die Geburt eines Birmanenkindes erfordert nach altem Brauch eine Unmasse von Förmlichkeiten, so daß dieser Akt für die Frau, abgesehen von den wirklichen Geburtsschmerzen, zu einer wahren Qual wird. Setzen die ersten Wehen ein, dann muß entweder die Schwangere selbst oder ihre Mutter oder eine Freundin der Geburtsgöttin, die „Dame des Westens“ genannt — diese Bezeichnung dürfte wohl daher rühren, daß in dem nach dieser Himmelsrichtung hin gelegenen Teile des königlichen Palastes die Frauen niederkamen — eine Opfergabe darbringen, die in einer Maß Reis, einem Vier-Anna-Stück (etwa zwanzig Pfennig) und einigen Knoblauchknollen besteht und von den Worten begleitet wird: „Öffne weit die Tore des Lebens, damit das neue Wesen hereintrete; Schmerz und Trübsal mögen vorübergehen und die Freude von langer Dauer sein.“ Sodann legt sich die junge Mutter auf die Matte. Von nun an beginnt für sie eine wirkliche Qual, die so groß ist, daß viele Birmanenfrauen es vorziehen, ihre Kinderzahl zu beschränken. Um die Gunst der „Dame des Westens“ sich zu erringen, nimmt sie zunächst ungekochten Reis in die flache Hand, verbeugt sich nach dem Untergang der Sonne zu und spricht dabei: „Erschrick mich nicht; rege mich nicht auf; tue mir kein Leid an; raube mir nicht den Atem“, worauf sie den Reis über einen niederen Schemel streut, den sie in der nächsten Zeit viel benutzt. Alles Lüften hört fortan im Zimmer auf, im Gegenteil, es wird eine wahre Backofenhitze darin unterhalten, ganz gleich, in welcher Jahreszeit man sich befinden mag. Die Gebärende wird dreimal täglich ganz und gar mit indischem Safran bestrichen, bekommt täglich ein heißes Bad, wird darauf massiert und schließlich in ein etwa drei Meter langes Tuch eingewickelt. Um den Kopf werden ihr noch fünf Turbane gelegt, weil man annimmt, daß sie dadurch keine Kopfschmerzen bekommen wird, und ihr heißes Wasser, in dem Safran und Salz aufgelöst sind, zu trinken gegeben. Dieses alles aber ist erst die Vorbereitung für die Hauptzeremonie, bei der die arme Frau auf ihrem Schemel sitzend vor einem glühenden Feuer, dessen Wärmekraft noch durch aufgelegte Steine erhöht wird, täglich eine Zeitlang buchstäblich braten muß. Dabei wird sie auf dem Rücken und in den Seiten mit Kleidern und Decken reichlich bepackt. Das Feuer brennt ununterbrochen Tag und Nacht; wohlriechende Holzsorten finden dabei Verwendung, deren Rauch das Unglücksweib auch noch einatmen muß. Sieben Tage lang geht dies so weiter, dann bekommt die Entbundene ein einfaches türkisches Bad, das über einem Topfe kochenden Wassers mit Tamarinden und anderen Blättern und Gräsern hergestellt wird; dieses muß sie in Matten und Decken gehüllt eine Stunde lang genießen. Darauf wird ihr ein kaltes Bad verabreicht, damit ihr die Füße nicht anschwellen, aus dem gleichen Grunde muß sie auch etwas umhergehen, die Zahl der Schritte, die sie dabei zu machen hat, darf nicht unter sieben betragen. Es liegt hierin offenbar ein Zugeständnis, daß die Förmlichkeiten bei der Geburt für die Wöchnerin ziemlich anstrengende sind. Mittlerweile ist das Kind auch geboren worden. Seine Mutter aber darf sich mit ihm erst vom siebenten Tage an beschäftigen. Gleichzeitig setzt die Geburts- oder Wiegenzeremonie ein. Kleine Zeugbeutelchen werden zunächst an den vier Ecken der Wiege befestigt; ein jedes von ihnen enthält etwas Reis, einige Münzen, Kokosnuß, Pipul, verschiedene Blätter, Gras und ähnliches. Sehr wichtig ist dabei, daß in jedem Päckchen auch für den einzelnen Wochentag bestimmte Blätter und Gräser vorhanden sind, mindestens aber dasjenige, das dem Tage entspricht, an dem das Kind geboren wurde. Über dem Kinde wird sodann eine Decke ausgebreitet, und, falls es ein Knabe ist, obendrauf noch eine vollständige Männerausstattung, bestehend in einem Hüfttuch, einer Jacke, einem Turban, einem Dolch, dem Familienschmuck in Gold und Silber, einem Spiegel, einem Kamm, einem Rubinring, falls solcher vorhanden ist, und mit Edelsteinen möglichst reich besetzten Ohrzylindern gelegt. Thanaka, der Ersatz für Puder bei den birmanischen Schönen, wird gemahlen und über das Ganze zerstäubt. Darauf füttert man das Kind symbolisch mit ein wenig Reis und Curry in Wasser, der sogenannten „gesegneten Speise“. Diese Zeremonie vollzieht die Hebamme, nicht die Mutter, und zwar dreimal. Sie rasiert auch den Kopf des Kindes (mit dem Schaum aus den Samen der Seifenakazie) und windet um sein Handgelenk, um Hals und Fußgelenk sieben weiße Baumwollfäden. Während man nun das dabei gewiß etwas nervös gewordene Kind sich selbst in der Wiege überläßt, beschäftigt man sich jetzt mit dem Nat, dem Schutzgeist des Hauses. Sein Aufenthaltsort ist eine Kokosnuß, die in einem Bambuskorb vor der Veranda eines jeden birmanischen Hauses aufgehängt ist; diese Behausung muß zu Anfang eines birmanischen Jahres und zu Anfang und Ende der buddhistischen Fastenzeit gewechselt werden; dabei achtet man aber sorgfältig darauf, daß dies nicht an einem Mittwoch, oder am vierten, sechsten oder neunten Tage des zunehmenden Mondes geschieht. Die Kokosnuß wird auch stets umgetauscht, wenn ein Kind im Hause zur Welt kommt. Man teilt dieses Ereignis bei dem Wiegenfeste dem Hausgeiste mit und bringt ihm, beziehungsweise seinem Symbol, eben dieser Kokosnuß, Opfer dar, nämlich Bananen, Arekanüsse, Blumen, Tee, Kuchen, Sirup, ein Ei und so weiter; die Nuß wird dabei heruntergenommen. Ist das Kind ein Knabe, dann wird es auch noch in zwei Stücke gelben Tuches gekleidet, womit sein Eintritt in den „Edlen Orden des gelben Gewandes“ schon frühzeitig gekennzeichnet werden soll, eine Vorsichtsmaßregel für den Fall, daß das Kind sterben sollte, bevor es das Alter für den Eintritt in einen Mönchsorden erreicht hat. Der älteste der anwesenden Männer schaukelt die Wiege siebenmal und ruft dabei aus: „Möge das Kind hundertundzwanzig Jahre alt werden; möge es weise werden, möge es reich werden, möge es schön werden, möge es jedwede schätzenswerte Eigenschaft besitzen.“ —

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 428. Prozession der Götterbilder.

Zur Namensfeier des Kindes werden alle Verwandten und sämtliche Dorfältesten eingeladen, außerdem noch so viele Nachbarn, als man bewirten und im Hause unterbringen kann. Dort sitzen sie, mit ihren besten Kleidern angetan, in einem Kreise und unterhalten sich geraume Zeit über Gemeindeangelegenheiten. Ganz plötzlich schlägt dann einer der älteren Männer einen Namen vor, wie wenn er ihm soeben, zum Beispiel in Verbindung mit der Meinung seines Nachbarn über die Ernteaussichten, eingefallen wäre. In Wirklichkeit aber haben ihn die Eltern nach vierzehntägiger Überlegung bereits ausgewählt. Da es aber gegen die gute Sitte verstoßen würde, ihn vorher zu verkünden, machen sie einen Fremden zum Sprachrohr ihres Wunsches.

Phot. R. W. Marshall.

Abb. 429. Eine Schauzeremonie.

Aus festlichen Anlässen werden oft Tiere der Fabel aus der Heldenzeit aufgestellt, zum Beispiel die obige furchterweckende Tiergestalt, die in den Geisterwäldern hausen soll.

Wenngleich den Eltern also das Recht zukommt, ihrem eigenen Kinde einen Namen zu geben, so sind sie bei dessen Auswahl doch an bestimmte Vorschriften gebunden. Es ist nicht üblich, Kinder nach ihrem Vater zu benennen und auch nicht notwendig, daß auch nur ein Bestandteil ihres Namens auf einen der Eltern hinweist. Familiennamen gibt es überhaupt nicht. Der Wochentag, an dem das Kind geboren wurde, pflegt für den Namen entscheidend zu sein. Man geht bei der Namensgebung folgendermaßen vor: das birmanische Alphabet ist in eine Anzahl Gruppen eingeteilt wie in alle mit k zusammenhängenden Buchstaben, in b und seine Verwandten, in alle Zahnbuchstaben und in die Vokale. Alle diese Buchstaben werden den einzelnen Wochentagen zuerteilt. Für Horoskopzwecke hat man acht Planetenkörper, der achte ist Rahu, der dunkle oder boshafte Planet, der Finsternisse hervorruft; er beherrscht den Mittwoch von Mittag bis Mitternacht und hat den Buchstaben y ganz für sich. Innerhalb der angeführten Schranken, die den Eltern für die Namensgebung auferlegt sind, können sie das Kind nennen, wie es ihnen beliebt. Ein Kind, das Sonntags geboren ist, hat alle Vokale zur Verfügung. So zum Beispiel kann, da Maung in der birmanischen Sprache ein männliches, Ma ein weibliches Wesen bezeichnet, ein Sonntagskind Maung O (= Herr Topf), Ma At (= Fräulein Nähnadel), Maung Eng Saung = (Herr Verwalter-das-Haus) oder Ma E (= Fräulein Frostig) genannt werden. Dem Freitag gehört der Buchstabe th und h, daher wird ein an diesem Tage geborenes Kind etwa die Namen Maung Thaw (= Herr Geräuschvoll) oder Ma Ho (= Fräulein Drüben) führen. Unter diesen Umständen ist es auch ein leichtes, wenn man den Namen eines Menschen kennt, seinen Geburtstag zu wissen. Ein Mann namens Maung Lauk (= Herr Made) kennzeichnet sich als Mittwochskind, eine Frau namens Ma Ba Tu (= Frau Ihrem-Vater-ähnlich) als Donnerstagskind und andere mehr. Im Grunde genommen hat ein Birmane an einem Tage jeder Woche seinen Geburtstag; viele Menschen vom Lande haben sowohl den Monat als auch das Jahr ihrer Geburt vergessen oder überhaupt nicht gewußt. Mit Eintritt der Entwicklungsjahre steht es einem jeden aber frei, seinen Namen zu wechseln. Man braucht, um dies kundzutun, nur ein Päckchen Tee umherzuschicken und zu erwähnen, daß man fortan soundso heißen wird.

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 430. Maskierte Figuren,

wie sie gelegentlich eines großen Festes, ähnlich wie bei dem beliebten Vot-the oder Marionettenspiel im kleinen, verwendet werden.


GRÖSSERES BILD

Die Kinder gehen die ersten Jahre ihres Lebens, im allgemeinen bis zum siebenten oder achten Jahre, unbekleidet einher, nur selten werden sie bereits früher in Gewänder eingekleidet und sind dann gleichsam Miniaturausgaben der Erwachsenen, deren Kleidung die ihrige vollständig gleicht. Sie wachsen sorglos und im Genusse völliger Freiheit auf. Von der frühesten Kindheit an erfreuen sich die Kleinen schon des Genusses einer Zigarre ([Abb. 437]). Es ist für den zum ersten Male nach Birma kommenden Europäer ein ganz seltsamer Anblick, wenn er kleine Mädchen nur mit „Luft bekleidet“ neben ihren Eltern an einem Glimmstengel ziehen sieht. Die birmanische Zigarre ist ein wahres Monstrum an Größe und Dicke, aber sehr mild; sie besteht aus einer Mischung von wohlriechenden Kräutern und Tabak. — Von dem angegebenen Alter an werden die Kinder auf jeden Fall in Kleider gesteckt und in die Schule gesandt; soweit nicht bereits europäischer Einfluß sich bemerkbar gemacht hat, sind dies die Klosterschulen. Die buddhistischen Mönche nämlich sind keine Prediger in unserem Sinne, keine Verkünder des Wortes Gottes an das Volk; nur durch ihr entsagungsvolles Beispiel wollen sie auf dieses einwirken, dafür aber erteilen sie der Jugend Unterricht. Die Klosterschule ([Abb. 438]) nun soll den Birmanenjüngling auf das bedeutungsvollste Ereignis seines Lebens vorbereiten, auf das Anlegen des gelben Mönchgewandes. Erst von diesem Augenblick an gilt der Birmane für einen Mann und kann durch seine Taten sich Verdienste für sein ferneres Leben erwerben, um sich dadurch einen Aufstieg in der Daseinsstufe zu ermöglichen.

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 431. Szene aus dem Taungnyospiel.

Dikyamba, der Bruder des Königs von Prome, liebte Saw Yu, die Schwester des Schankönigs von Taungnyo. Er lebte in ihres Vaters Palast und erhielt, nachdem sie von ihm ein Kind geboren hatte, die Erlaubnis, sie nach Prome zu nehmen. Hier aber tötete der König von Prome seinen Bruder und sandte dessen Weib nach Taungnyo zurück. Vor Gram starb sie aber auf dem Wege dorthin. Die obige Szene stellt die Prinzessin dar, die zum König bittet, und ihren Gatten, der das Kind hält.

Phot. D. A. Ahuja.

Abb. 432. Öffentliche Aufführung in Birma.

Zwei Personen, die einen Prinzen und eine Prinzessin darstellen, tanzen zur Musik. Das wichtigste Instrument einer birmanischen Musikkapelle ist das Saing-Kaing, ein kreisförmiges Gestell mit achtzehn zylindrischen Trommeln in seinem Innern, und ein zweites ähnlich gebautes mit Gongs, die alle auf einen Ton abgestimmt sind. Die Stimmung auf einen bestimmten Ton wird bei den Trommeln mit einer Mischung aus gekochtem Reis und Asche, bei den Gongs mit Bienenwachs erreicht.


GRÖSSERES BILD

Für die Aufnahme in den Orden ist ein Mindestalter von zwölf Jahren vorgeschrieben, allerdings wird der so frühzeitig Aufgenommene dann hier Novize oder Upazin. Erst mit zwanzig Jahren kann er wirkliches Mitglied (Akoluth oder Shin) werden. Die Mehrheit der Birmanen zieht es vor, als Knaben einzutreten, weil sie möglicherweise sterben könnten, bevor sie das Mannesalter erreicht haben. Die Aufnahme spielt sich mit großem Gepränge ab. Der Knabe wird, mit möglichst viel Schmuck beladen, auf einen Pony oder in einen Wagen gesetzt und im Zuge unter einem goldenen Schirm durch die Straßen geführt; er spricht unterwegs bei allen Freunden und Bekannten vor, die ihm moralische Ratschläge geben, und, was eigentlich die Hauptsache ist, zu den Unkosten der Feierlichkeit beitragen sollen. Alle Verwandten, in ihre schönsten Gewänder gekleidet, begleiten den Knaben in dem Zuge, den eine Musikkapelle mit ihren lustigen Weisen eröffnet. Vor dem Kloster, wo der Umzug endet, legt der Knabe all seinen Putz ab und zieht sich ein weißes baumwollenes Gewand dafür an. Sein langes Kopfhaar wird ihm abgeschnitten ([Abb. 439]), der Kopf rasiert ([Abb. 443]), mit Safran eingerieben und mit dem Absud von Seifenakaziensamen gewaschen. Die Haare werden der Mutter oder den Schwestern übergeben, die, wie es scheint, sich später Zöpfe daraus machen lassen. Nach diesen Vorbereitungen kniet der Knabe vor den Mönchen nieder, sagt seine Formel her, mit der er um Aufnahme als Novize bittet, und wird sodann in aller Form in die Kleider gehüllt, die die Eltern für ihn beschafft haben. Jetzt ist er zum Mann geworden und dokumentiert dies auch nach außen hin, indem er sich tatauieren läßt. Der ganze Körper wird von der Hüfte bis zum Knie mit Tiergestalten (Tigern, Löwen, Affen und so weiter) und um diese herum mit kabbalistischen Zeichen als Einfassung bedeckt, und erweckt auf den Beschauer den Eindruck, als ob sein Besitzer Kniehosen anhätte ([Abb. 416]). Ein Mann, der sich in dieser Weise nicht hat tatauieren lassen, gilt für einen Feigling; er rafft aus diesem Grunde auch nicht sein Lendentuch auf, besonders nicht, wenn Mädchen in der Nähe sind. Diese Tatauierung wird in blauer Farbe ausgeführt. Zu ihr gesellt sich vielfach noch eine rote an dem Oberkörper, die den Zweck haben soll, sich die Liebe der Mädchen zu erringen oder Unverletzbarkeit gegen Krankheiten zu erlangen. Mädchen werden nur dann tatauiert, wenn sich Bewerber für sie nicht einfinden wollen.

Phot. Sir George Scott.

Abb. 433. Wasserfest der Birmanen

zur Erinnerung an den Besuch eines birmanischen Königs auf einem „magischen Floß“ in den Schanstaaten vor vielen Jahrhunderten. Das Bild, das dieses Fahrzeug darstellt, wird für elfeinhalb Monate im Kloster aufbewahrt, aber jedes Jahr im Oktober in einem festlich geschmückten Boote für einige Wochen auf dem See umhergefahren.

Phot. Sir George Scott.

Abb. 434. Birmanischer Tanz (Yein Pwè), ausgeführt von jungen Mädchen, die dazu besonderen Unterricht erhalten.

Die Mädchen stehen auf einer viel niedereren Stufe als die Knaben; sie werden nicht für voll angesehen. Sie dürfen weder in ein Kloster noch in ein Stift eintreten. Das Beste, was sie erhoffen können und weswegen die meisten von ihnen inbrünstig mit Blumen in den Händen in demütiger Haltung vor den Altären und Pagoden beten ([Abb. 440]), ist, daß sie zu ihrem nächsten Erdendasein als Männer auf die Welt kommen. Um den gleichen Zeitpunkt herum, zu dem die Knaben ihr gelbes Gewand anlegen und sich tatauieren lassen, also etwa um das zwölfte bis dreizehnte Lebensjahr, manchmal auch schon früher, werden ihnen die Ohren durchbohrt ([Abb. 442]). Die gute Sitte erfordert nämlich, daß kein Mädchen irgendeinen Schmuck anlegt, bevor es nicht diese Operation durchgemacht hat. Diese nimmt ein Ohrenbohrer von Beruf mit silbernen oder goldenen Nadeln vor, führt sie aber nicht eher aus, als bis der Astrologe, der das Horoskop des Mädchens studiert hat, ihm sagt, daß jetzt der günstige Augenblick gekommen sei. Mit teils freudigem, teils ängstlichem Gefühl sehen ihm die Mädchen entgegen; sie verfallen unter Umständen in eine Art hysterische Aufgeregtheit und müssen gewaltsam niedergehalten werden. Um ihr Geschrei bei dem Eingriffe zu ersticken, spielt eine Musikbande laute Weisen auf. Der Operateur legt einen Kork unter das Ohr und sticht die Nadel durch das Ohrläppchen. Die Nadeln bleiben eine Zeitlang in der Wunde und werden jeden Tag ein- bis zweimal hin und her bewegt, bis die Haut heil ist. Dann werden sie durch Grashalme ersetzt; täglich kommt ein neuer hinzu, bis die Öffnung so groß geworden ist, daß man einen Finger hindurchstecken kann. Der birmanische Ohrschmuck besteht weniger in einem Ohrringe, als vielmehr in einem Stifte oder einer Tube. Für gewöhnlich trägt man Bernsteinstifte, die Reichen tragen bei festlichen Gelegenheiten goldene Tuben, die an ihren Enden mit Steinen besetzt sind. Die Armen begnügen sich mit hohlen Tuben aus Glas, recht häufig auch nur mit festen Papierrollen. Auf dem Felde oder auf dem Wege zum Basar tragen die Mädchen oft auch Ersatzzigarren in den Ohren. — Beim männlichen Geschlecht beschränkt sich die Ohrläppchendurchbohrung auf die Reichen. Die mit Diamanten besetzten Ohrtuben der Schanhäuptlinge gehören in den meisten Fällen zum Staatsschatze und gehen von einem Häuptling auf seinen Nachfolger über.

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 435. Tawadeinthafest mit Padethabäumen.

Phot. Sir George Scott.

Abb. 436. Szene aus einem Tanz der Padaungmänner.

Einer schlägt die Trommel zum Ton einer Flöte und ein anderer geht dabei auf und ab oder setzt sich nieder und steht abwechselnd auf zwischen Trommelfell und Trommelschläger. Eine Strafe muß von ihm bezahlt werden, wenn er dabei von diesem berührt wird. Das Ganze ist mehr ein Trick als ein Tanz.

Mit dem Augenblick der Aufnahme in den Orden ist der Knabe zum Mann, mit dem Augenblick der Ohrdurchbohrung das Mädchen zur Frau geworden. Es hat jetzt das Recht erworben, Juwelen zu tragen und die Lehrzeit im Spinnen, Weben, Kochen und Wassertragen überwunden. Zum Zeichen dessen, daß sie nun erwachsen sind, eröffnen die meisten Mädchen im Basar oder auf dem Markte ihres Heimatsdorfes eine Verkaufsbude. Hier verkaufen sie alle nur denkbaren Gegenstände (Drogen und Medikamente ausgenommen); die reicheren handeln mit Vorliebe mit Seide. Der Verkehr mit dem Publikum schärft ihren kaufmännischen Blick, fördert ihre Auffassungsgabe und läßt sie Kenntnisse sammeln, die sie später zu der fähigeren Ehehälfte machen. Außerdem hat dieser Umstand noch den Vorteil, daß die Mädchen mit den Jünglingen Bekanntschaften anknüpfen. Hat das Mädchen einen weiten Weg zu ihrem Verkaufsladen, so geht es im einfachen Hauskleid dorthin und putzt sich erst an Ort und Stelle. Da der Stand ringsum offen ist, so kann jedermann Zeuge von der Vornahme ihrer Toilette sein. Zu allererst gibt sich das Mädchen Teint, indem es Thanaka, eine Paste aus feingemahlener Borke und der Wurzel eines Strauches, auf das ganze Gesicht und den Hals aufträgt. Da die Paste ungefähr eine Stunde zum Eintrocknen gebraucht, so benutzt es die Zwischenzeit, um ihr Haar in Ordnung zu bringen. Sie kämmt und flechtet es, salbt es mit Kokosnußöl ein und befestigt es mit einer Nadel. Bei erwachsenen Mädchen ist das Kopfhaar ziemlich lang; man bemißt es nur nach Armlängen. Aber bei jüngeren muß dem Chignon durch Flechten nachgeholfen werden, die zumeist von dem abgeschnittenen Haar der Brüder herstammen. Nach Beendigung der Haarfrisur wird auf das inzwischen trocken gewordene Gesicht eine Art Schmelz in die Haut eingerieben. Zum Schluß werden noch die Augenbrauen nachgezeichnet und eine gelbe Blume, eine Rose oder eine Orchidee, in das glänzende, rabenschwarze Haar gesteckt. Ein graziös um Hals und Schultern geschlungener Schal vervollständigt die Toilette, und ein Blick in den Spiegel überzeugt das junge Mädchen, daß es sich sehen lassen kann. Es zündet sich nun eine Zigarre an und plaudert lustig mit seinen Nachbarinnen, den Vorübergehenden und den Käufern. Dabei benimmt es sich aber durchaus dezent, spricht ungezwungen und harmlos mit jedermann und nimmt gelassen und leidenschaftslos die Komplimente entgegen, geradeso als wüßte es nur zu gut, daß es im Besitze der „fünf Schönheitspunkte der vollendeten Frau“ ist. Einem Birmanen kommt es niemals in den Sinn, einem Mädchen öffentlich den Hof zu machen; er sagt ihm wohl im Vorübergehen gelegentlich Komplimente, die sie mit einem verächtlichen Hintenüberwerfen des Kopfes und einem Blick aus den schwarzen Augen quittiert, er denkt aber nicht daran, vor oder in der Bude herumzustehen und einen Flirt zu beginnen. Alle Klatschmäuler des Ortes würden sonst ihre Köpfe zusammenstecken und über ihn herfallen. Der rechte Ort für eine Werbung ist die Wohnung des Mädchens, wofür auch nach altem Brauche eine bestimmte Stunde festgesetzt ist. „Burschen-gehen-Werbezeit“, „Treu-Liebender-Stelldichein“ ist die landesübliche Bezeichnung für den Zeitraum zwischen acht und zehn Uhr abends. Wer ernste Absichten hat, wählt diese Zeit aus. Indessen geht alles dabei in Ehren zu. Sogar feste Grundsätze herrschen über diese Zusammenkünfte. Jedes Dorf oder jedes Stadtviertel hat nämlich einen sogenannten Junggesellenführer, dem die Aufgabe zufällt, solche Zusammenkünfte für Liebende zusammenzubringen. Die Jünglinge treffen sich auf Verabredung und marschieren unter Führung dieser Personen geschlossen durch den Ort; wo ein Verehrer seine Liebste wohnen hat, bleibt er zurück und gibt durch ein besonderes Kennzeichen zu verstehen, daß er angekommen sei. Manche spielen die Flöte, andere klatschen sich mit der rechten Hand auf den linken Arm oder husten, noch andere rufen „Ma Meit (Fräulein Liebchen), bist du da?“ und so weiter. Die Erlaubnis zum Betreten der Wohnung, in der das junge Mädchen angeputzt und siegesbereit dasitzt, wird fast niemals verweigert. Die Eltern sind in der Regel zunächst anwesend, nachdem sie aber lange genug über das Wetter, die Ernte oder irgendein anderes Ereignis geplaudert haben, schützen sie Müdigkeit vor und ziehen sich zurück. Indessen können sie, wenn sie es wollen, von ihrem Schlafzimmer aus durch Gucklöcher das Treiben des jungen Paares beobachten, und erörtern manchmal mit hörbarer und staunenswerter Offenheit das Äußere des Jünglings. Dieser bringt die Bewerbung seiner Angebeteten vor, zumeist in ganz poetischer Form, wie er es selbst vermag oder aus Liederbüchern gelernt oder auf der Bühne gesehen hat. Das Mädchen beschränkt sich für gewöhnlich aufs Zuhören oder auf kurze Antworten. Ein Küssen während der Brautzeit gilt für sehr unschicklich, auch schon das Sich-die-Händegeben für unfein. Der Dauer des Besuches wird nach der schicklichen Zeit von dem Junggesellenführer draußen durch krampfhaftes Husten oder, wenn dies nicht genügt, durch deutlichere Bemerkungen eine Grenze gesetzt.

Die Birmanin hat völlige Freiheit in der Wahl ihres Lebensgefährten, und die Eltern treten keineswegs hindernd dazwischen. Sie regeln aber doch die Einzelheiten der an sie zu zahlenden Summe, lediglich eine von früher her überkommene Sitte. Entführungen sind durchaus keine seltenen Erscheinungen und werden von den Eltern auch zumeist geduldet. Alles, was die Frau in die Gemeinschaftsehe mitbringt, bleibt ihr Eigentum. Bei einer Trennung steht ihr das Recht zu, es wieder mit sich zu nehmen, desgleichen die Hälfte dessen, was gemeinsam erworben wurde, sowie eine etwaige Erbschaft, die ihr während der Ehe zufiel.

Phot. D. A. Ahuja.

Abb. 437. Birmanenjunge beim Rauchen.

Die birmanische Heirat ist eine rein bürgerliche Zeremonie, nur das Öffentliche dabei macht sie bindend. Nachdem im Elternhause das Brautgemach hergerichtet worden ist, werden alle Verwandten und Freunde zu einem großen Feste eingeladen, bei dem die eigentliche Trauung nur eine unbedeutende Rolle spielt. Sobald ein Astrolog den Augenblick für günstig erklärt hat, legt das Paar seine Hände flach aneinander und steckt sich gegenseitig Reiskörner aus einer Schüssel in den Mund. Damit ist der Zeremonie Genüge geleistet. Viel wichtiger ist noch die Übergabe des bei der Verlobung ausbedungenen Geldes und der Geschenke durch die Eltern des Bräutigams.

Auf dem Lande herrscht noch der Brauch, daß Junggesellen in der Hochzeitsnacht Steine auf das Dach der Neuvermählten werfen. Diese Sitte, von der man sich durch ein paar Rupien loskaufen kann, scheint nicht unflätigen Motiven entsprungen zu sein, sondern ihre Entstehung der folgenden Sage zu verdanken. Zu Anfang der Welt hatte es fünf Männer und nur vier Frauen gegeben; als sie sich nun zu Paaren zusammengeschlossen hatten, konnte der übrig bleibende Junggeselle seinen Groll und seine Gefühle nicht meistern und hatte in der Nacht seinem Unwillen in der geschilderten Weise Ausdruck gegeben.

Phot. P. Klier.

Abb. 438. Unterricht der in den Mönchorden Neuaufgenommenen.

Bei den weniger zivilisierten Birmanenstämmen dagegen trifft man vielfach noch umfangreiche Ehezeremonien an, sie sind hier überall stark mit Brahmanismus durchsetzt. Schon bei den Schan ist dies der Fall, noch mehr aber bei den Katschin. Bei den Katschin wird das Hochzeitsfest damit eingeleitet, daß man Hühner, Schweine, selbst Ochsen oder Büffel schlachtet, den Hausgeistern Opfer darbringt und ihnen unter Gesang und Gebeten für das Wohl der zukünftigen Eheleute die Braut vorstellt. Darauf bereitet man vor dem Hause einen Kamphan vor, das heißt man steckt in einer Länge von etwa hundertfünfzig Zentimetern Bündel von Halmen in die Erde und legt in der Mitte dieser Reihe ein Brett über den Boden. Gegen Mittag erscheinen nun einige Matronen, die noch einen Gatten am Leben haben und eine zahlreiche Kinderschar besitzen, mit einem Gefäß voll Branntwein und einem zweiten voll Bier bei dem Lakya Wa, einem angesehenen Dorfbewohner, zu dem die Braut am Vorabend gebracht wurde, geben ihr davon zu trinken und holen sie ab. Zwei Ehrenjungfrauen folgen ihr, die eine mit Zeremonialhellebarden auf der Schulter, die andere mit Säbeln und anderen Geschenken in ihrem Tragkorb. Sobald man sie ankommen sieht, opfert man beim Kamphan zweien Geistern Hühner, oft auch ein ganzes Schwein und spritzt Blut umher. Sodann führt eine der Matronen die Braut an der Hand mitten durch den Kamphan, dadurch wird sie gereinigt und für die Zukunft von den Hausgeistern, die ihr folgten, befreit. Gleitet sie auf der Planke beim Überschreiten aber aus, dann gilt dies für eine böse Vorbedeutung (kurzes Leben); bleibt ihr Kleid von den Blutspritzern frei, dann glaubt man, daß sie lange leben und eine große Nachkommenschaft haben wird. Nun wird die Braut auf einer neuen Treppe ins Haus geführt; besteigt sie diese mit dem rechten Fuß, dann bekommt sie als erstes Kind einen Knaben, im anderen Falle ein Mädchen. An der Schwelle empfängt sie die Schwiegermutter und legt ihr ein silbernes Halsband als Zeichen der Aufnahme um; im Zimmer der Schwiegereltern legt die Braut die Geschenke nieder, die ihre Brautjungfern mitbrachten, und wird dem Gatten zugeführt, den sie oft jetzt erst zum ersten Male erblickt. Man läßt beide sich auf eine Matte niedersetzen, gibt ihnen Branntwein zu trinken und von einem Stück Tabak zu kauen. Darauf verteilen die junge Frau und die Ehrenjungfrauen an alle Teilnehmer zahlreiche Prims, die die Eltern des Gatten geliefert hatten, und gehen an den Brunnen, wo sich die junge Frau von etwaigen Sünden, die ihr anhaften, reinigt und Wasser schöpft, das sie am Abend beim Zeigen ihrer Kochkünste verwertet. Inzwischen haben einige Mundschenken Bier oder Branntwein herumgereicht und die Köche das Fleisch der Opfertiere und Reis zu Gerichten gekocht, die von den Anwesenden genossen werden. Die Freunde der Familie veranstalten eine Sammlung zur Deckung der Unkosten. Die Eltern der jungen Frau nehmen nicht an diesen Feierlichkeiten teil, am Abend senden ihnen die jungen Leute aber eine Keule und den Schwanz vom Opferschwein und einen Teil des Brautpreises; der Rest wird nach und nach bezahlt. Zur Nacht setzen sich die Festlichkeiten fort. Die junge Frau muß zunächst ihre Talente im Kochen entwickeln; sie stellt einige Gerichte mit Hilfe ihrer Brautjungfern her und verteilt sie an die Festgenossen. Diese kosten sie und pflegen dann auszurufen: „Ah, wie vorzüglich, möge die Jungvermählte lange leben, eine zahlreiche Nachkommenschaft haben“ und so weiter. Wenn alle Welt satt geworden ist, hält ein Dumsa noch die Zeremonie des num lani de ab. An jeder Seite des Herdes im Zimmer der Eltern stellt er zwei Paare von alten Zeremonialwaffen und einen Bambusstab auf, an dem ein Bündel Hirse befestigt ist, und legt davor weibliche Kleider und Schmucksachen, einen Topf, einen Dreifuß, Krüge mit Bier und Branntwein, einen Schweineschlegel und so weiter. Neben dem Herde nehmen die junge Frau und ihr Gefolge Platz. Der Dumsa macht nun allerhand Hokuspokus. Er ladet wohlwollende Geister ein, treibt übelgesinnte aus, erzählt eine Geschichte von dem Ursprung der Ehe, die ganz verschieden ausfällt, je nachdem es sich um einen Mann aus dem Volke oder um einen Vornehmen handelt, und wendet sich schließlich unter Hinweis auf die beim Herde niedergelegten Gegenstände an die junge Frau mit den Worten: „Dies ist alles für euch. Möget ihr hart werden wie diese Waffen, mögest du schön bleiben wie diese Schmuckstücke, gut sein wie dieser Branntwein und dieses Fleisch, möge euch dieser Topf lange zum Kochen des Reises für eure Schwiegereltern dienen und möget ihr euch vermehren wie die Körner der Hirse.“ Nach Beendigung dieser Zeremonie reicht man dem jungen Paar Branntwein, Bier und ein Blatt mit einer Mischung von Reis und Hühnerfleisch. Der Mann reicht der Frau die Tassen mit den Flüssigkeiten an die Lippen, um sie davon kosten zu lassen, und bietet ihr etwas von der Speise an, dasselbe tut die Frau mit dem Ehegatten. Der Rest der Speisen und Getränke wird an die Ehrenjungfrauen und an die Jugend verteilt. Damit ist die Hochzeitsfeierlichkeit beendet. Am anderen Morgen findet Empfang der Vornehmen des Ortes und der Freunde statt, die von den Getränken kosten und ihrerseits den Jungvermählten alles Glück wünschen.

Bei den Karen, wo Endogamie herrscht, bestehen bestimmte Heiratsverbote, die aber nach den verschiedenen Stämmen ganz verschieden ausfallen. Der eine Stamm gestattet die Heirat nur unter nahen Verwandten, ein anderer erlaubt eine eheliche Vereinigung nicht nur außerhalb der Familie, sondern auch außerhalb des Stammes und selbst der Rasse. Bei den Tschinvölkern anderseits treffen wir Exogamie an, das heißt die Heirat ist zwischen Mitgliedern des gleichen Stammes, des gleichen Dorfes oder der gleichen Gruppe verboten. Geradezu beängstigend sind die Eheverbote bei den Bergkaren. Hier sind der Heirat so zahlreiche Schranken gesetzt, daß es viele alte Junggesellen gibt, die deswegen keine passende Frau finden konnten und daher Zeit ihres Lebens in den Junggesellenhäusern zubringen. Diese Einrichtung der Junggesellenhäuser finden wir nicht nur bei den Karen, sondern auch bei verschiedenen anderen birmanischen Volksstämmen, wie den Luschai, Kuki, Padaung. Bei den Bergkaren sind die Junggesellen durch eine besondere Tracht kenntlich gemacht; sie tragen eine Art Muscheljacke mit Samenkörnern oder Muschelgeld besetzt, Halsketten aus farbigen Steinen, Perlen oder Schilfsamen, an denen ein Eberhauer auf die Brust herabhängt, in den Ohren große silberne Tuben und bei manchen Stämmen über der Stirn noch eine mit Muschelgeld und einem Reisstengelbündel verziertes Band. Heiratet ein Junggeselle, dann bekommt zunächst seine Frau den ganzen Schmuck, später geht er auf den ältesten Sohn über.

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 439. Die Zeremonie des Haarabschneidens.

Da die Birmanen sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreuen, viel auf dem Lande leben und die Städte, bis auf einen gelegentlichen Besuch, zu meiden pflegen, so haben die Ärzte wenig mit Krankheiten zu kämpfen. Es ist dies auch ein Glück für die Patienten, denn die einheimischen Heilkundigen sind alles andere als wissenschaftlich ausgebildete Mediziner. Man unterscheidet ihrer zwei Arten, die Drogisten und die Deitisten, dazu kommen für ernste Notfälle noch die Geisterdoktoren. Die Drogisten verabreichen, gewöhnlich zum Schaden ihrer Klienten, diesen alle nur denkbaren und unmöglichen Heilmittel, die aus tierischen, pflanzlichen und anorganischen Substanzen zusammengebraut sind. Ein Medikament, das aus hundertsiebenundvierzig Bestandteilen sich zusammensetzt, muß doch eine Wirkung äußern, entweder so oder so. Die Deitisten verlassen sich in der Hauptsache auf Glaubensheilungen und beschränken ihre Verordnungen, wie es scheint, auf Nahrungsvorschriften, die darauf hinauslaufen, daß der Kranke nur solche Lebensmittel genieße, deren Namen mit einem der Buchstaben beginnen, die dem Wochentage zuerteilt sind, an dem er geboren wurde. Der Geisterdoktor ist der gefürchtetste von allen, denn er pufft und knufft den armen Kranken, dem er Beistand leisten soll, nach allen Regeln der Kunst unter dem Vorwande, er treibe den Geist des Fiebers, der Kolik und so weiter, der von seinem Körper Besitz ergriffen habe, aus. Daher ruft man ihn, der am unbeliebtesten ist, erst, wenn es sozusagen Matthäi am letzten steht.

Phot. P. Klier.

Abb. 440. Birmanenmädchen in Anbetung vor einem Götterschrein.

Sie halten in den gefalteten Händen Opferkerzen. Neben dem ersten Mädchen liegt eine große grüne Zigarre, die es sich sofort anzündet, wenn es sein Gebet beendet hat.

Phot. R. Grant Brown.

Abb. 441. Einweihungszeremonie.

Dem Kinde werden sieben Baumwollfäden um das Handgelenk gebunden.

Einen Todesfall geben die Angehörigen den Nachbarn stets durch lautes Wehgeschrei kund. Sofort wird eine Musikkapelle geholt, um ununterbrochen bis zur Beerdigung aufzuspielen. Der Leichnam wird auf der offenen Veranda gewaschen, von der Brust abwärts in ein weißes Baumwolltuch gehüllt und in die buntesten Gewänder gekleidet. Darauf werden ihm die beiden Daumen und die beiden großen Zehen zusammengebunden, wenn möglich mit Haaren des Sohnes oder der Tochter, falls aber keine Kinder vorhanden oder solche Haare nicht zu beschaffen sind, mittels gedrehter weißer Baumwolle. Es wird dem Verstorbenen außerdem noch eine kleine Münze in den Mund gesteckt, um damit die „Fahrgebühren“ bei der Reise ins Land der Geister zu bezahlen. Dieses alles besorgen die Verwandten. Die weitere Behandlung der Leiche, um sie für die Einsargung vorzubereiten, ist Aufgabe einer besonderen, tiefstehenden Kaste, der Sandala. Der Sarg wird aus ganz leichtem Holze angefertigt und trägt einen turmähnlichen Aufbau, der aus Bambus hergestellt und daher ebenfalls ganz leicht ist und mit allerlei Flittergold und buntem Papier behangen wird. Die Sandala graben auch das Grab auf dem Friedhofe aus, der immer westlich von der Ortschaft gelegen sein muß, unter keinen Umständen östlich davon, da diese Richtung die unglückbringende ist, auch nicht nach Norden, weil dorthin der Kopf des Gautama Buddha bestattet liegt. Dem nächsten Kloster sendet man, zum Heile des Verstorbenen, besondere Opfergaben in Eßwaren, dafür kommen ein paar Mönche und lesen Gebete und fromme Sprüche aus heiligen Büchern vor, um die Geister, die vielleicht sich einfinden und Unheil anrichten könnten, fernzuhalten. Aus dem gleichen Grunde spielt auch die Kapelle unentwegt auf der Straße. Trauerkleider werden beim Begräbnis nicht getragen; die Leidtragenden kommen alle in ihren besten Gewändern, wie zu einem heiteren Fest. Man sieht es gern, wenn Mönche dem Trauerzuge vorangehen, der sich aus Angehörigen beiderlei Geschlechtes zusammensetzt; die Männer gehen aber von den Frauen getrennt. Fremde schließen sich oft dem Zuge aus Pietätsgründen an und werden wie alle Teilnehmer von den Frauen mit Erfrischungen und Zigarren bedacht. Der Trauerzug macht vor der Leichenhalle halt; hier hört die Musik zu spielen auf. Die Mönche lesen hier noch einmal Auszüge aus den heiligen Schriften zum Heile der Lebenden wie des Toten vor und ziehen sich dann gleichfalls zurück. Der Sarg wird zum Grabe getragen und, ehe man ihn versenkt, mehrmals hin und her geschwenkt. Die nächsten Angehörigen streuen stumm ein paar Hände voll Erde über die Bretter, dann schütten die Sandala das Grab zu. Jetzt ist es noch die Aufgabe des ältesten männlichen Verwandten, den Geist des Verstorbenen einzufangen und mitzunehmen. Nach dem Glauben der Birmanen ist dieser Geist, Leipbya (das heißt sehr sinnig „Schmetterling“) genannt, solange der Mensch lebt und wach ist, bei ihm; wenn er schläft, verläßt er ihn auf einige Zeit, weswegen man einen schlafenden Menschen nicht plötzlich wecken darf, es könnte sonst seine umherschweifende Seele nicht beizeiten zurückkommen und der Betreffende sterben; wenn der Mensch aber tot ist, dann muß der Leipbya eingefangen werden, um nicht auf dem Friedhof zurückzubleiben und zum bösen Geist zu werden. Zu diesem Zwecke hält der bejahrte Verwandte ein Taschentuch hin, ruft die Worte aus: „Komm mit uns mit“ und drückt es darauf plötzlich zusammen; er glaubt dadurch den entkörperten Geist eingefangen zu haben. Das Taschentuch wird nach Hause mitgenommen, hier sieben Tage lang zwischen zwei Hauspfosten auf der linken Seite der Eingangsstufen untergebracht, und am siebenten Tage bei Anwesenheit der Mönche, die eine Art Läuterungsfest veranstalten, auseinandergenommen. Damit ist die Gefahr, daß der Geist des Verstorbenen nach dem Friedhof zurückkehren und ein Ghul werden könnte, beseitigt. Reiche Leute bewirten die leidtragenden Gäste während dieser sieben Tage; wenn ärmere dies tun, geraten sie dabei leicht in Schulden.

Phot. R. W. Marshall.

Abb. 442. Die Zeremonie des Ohrdurchbohrens in Birma.

Früher war Leichenverbrennung allgemein üblich, jetzt beschränkt sich diese Sitte auf einzelne Landesteile. Die drei nächsten Verwandten sammeln die übrig gebliebenen Knochen, waschen sie in wohlriechendem Wasser oder Kokosnußmilch, wickeln sie in weiße Watte und legen sie in einen Krug. Dieser kommt zunächst ins Haus zurück, wird aber nach dem Läuterungsfest in der Nähe eines Klosters oder einer Pagode in der Erde beigesetzt. Ein hölzerner Turm wird als Denkmal über dem Grabe errichtet; wenn er verfallen ist, kennt niemand die Stätte mehr. Reiche Leute gestatten sich einen massiven Pfosten oder auch einen gemauerten Turm. Pagoden werden über königlichen Toten errichtet, können auch über Mönchen oder Häuptlingen (bei den Schan) erbaut werden.

Phot. D. A. Ahuja.

Abb. 443. Jünglinge nach ihrer Aufnahme in den Mönchorden.

Ihre Köpfe sind rasiert.


GRÖSSERES BILD

Abb. 444. Der letzte Erzbischof von Birma,

der zwei Jahre lang einbalsamiert vor seiner Einäscherung aufgebahrt lag.

Verbrennung der Leiche eines Mönchs in Birma.

Wenn ein birmanischer Mönch gestorben ist, so wird er nicht beerdigt, sondern stets verbrannt. Der Scheiterhaufen wird aus Bambusrohr aufgebaut und das Ganze wird über und über mit Goldpapier und Flitter bedeckt. Der Aufbau nimmt lange Zeit in Anspruch; von allen Seiten führen Seile zu ihm empor, an denen Raketen befestigt sind. Die Rakete, welche die Spitze entzündet, soll dem Dorf, das sie gestiftet hat, Glück bringen. Die Menge umtanzt den Scheiterhaufen mit hellem Jubel.


GRÖSSERES BILD

Phot. Klier.

Abb. 445. Birmanisches Leichenbegängnis.


GRÖSSERES BILD

Das Begräbnis eines angesehenen Mannes pflegt keine besonders großartige Feier zu sein, dagegen wird reichlicher Pomp beim Tode eines Mönches entfaltet ([Abb. 445]). Je älter ein Mönch und je größer die Zahl der Fasten war, die er im Kloster ausübte, um so länger wartet man mit seinem Begräbnis, denn es müssen zuvor noch die Gelder für die Feier eingesammelt werden. Hat ein Bettelmönch kein Vermögen hinterlassen, so wird das Kloster, selbst wenn es Geld besitzt, doch dem Volke nicht die Gelegenheit nehmen, sich durch eine gute Tat verdient zu machen. Unter Umständen kann oft ein Jahr vergehen, oder noch mehr Zeit, ehe genügend Mittel zusammengekommen sind, um dem Haupte eines Klosters die gebührenden Ehren zu erweisen. Daher wird der fromme Mann sofort, meistens indem der Leichnam in Honig gelegt wird, einbalsamiert ([Abb. 444]). Der Sarg, der aus einem Stück Holz geschnitzt ist, wird noch von einem vergoldeten und reich verzierten Behälter in Form eines Gerüstes mit einem Baldachin umgeben und in einem provisorischen Gebäude, Nirwanakloster genannt, untergebracht. Ringsherum werden überraschenderweise sehr oft eine Anzahl ganz unzüchtiger Bilder angebracht; sie sollen indessen die Versuchungen darstellen, denen der heilige Mann widerstand. Hier verbleibt der Sarg, bis alle Vorkehrungen zu der „Rückkehr in die große Herrlichkeit“, wie man die Feuerbestattung eines Mönches zu nennen pflegt, getroffen sind; dies ist im Februar oder März der Fall, wenn der Reis eingeerntet ist und die Landbevölkerung viel Geld in den Händen hat. An dem festgesetzten Tage errichtet man auf einem Hügel oder einem freien Platze einen mächtigen Scheiterhaufen in Gestalt eines hohen Turmes mit sieben Dächern ([Abb. 446] und [farbige Kunstbeilage]), der aufs bunteste mit Blattgold, Flitter und Bildern ausgeschmückt ist; in den unteren Stockwerken wird er mit Brennstoffen und wohlriechenden Hölzern ausgefüllt. Der vergoldete Behälter mit dem Sarg wird auf einem riesengroßen Wagen von so viel Menschen, als nur die Rotangseile erfassen können, herangeschleppt. Noch geschäftiger gestalten sich die allgemeinen Bemühungen, sobald der Wagen an der Verbrennungsstätte anlangt. Hunderte von Männern, Frauen und Kindern legen Hand an, heben den Sarg von dem Wagen und bringen ihn an seinen Platz. Dabei ertönt ein großes Geschrei der Teilnehmer, Musikbanden lassen ihre Weisen erschallen, und man bekommt den Eindruck, daß es sich hier um etwas ganz anderes, als um ein Begräbnis handeln müsse. Inzwischen haben Mönche in Bambushäusern, die ringsherum provisorisch erbaut wurden, die ganze Zeit hindurch aus frommen Büchern vorgelesen und gleichzeitig eine Unmasse an Opfergaben der verschiedensten Art eingeheimst. Darauf wird der Scheiterhaufen mittels Raketen angezündet. Diese Raketen sind mit Schießpulver gefüllte Bambusstäbe; an der Herstellung einer einzelnen arbeitet für gewöhnlich ein ganzes Dorf. Die Rakete, die die Spitze in Brand setzt, bringt dem betreffenden Dorfe Glück. Sobald eine Rakete zündet, erhebt sich unter dem Volk ein mächtiges Freudengeheul, wenn sie aber versagt, ein lautes Hohngelächter. Die Leiche ist bald verbrannt, denn in der heißen Jahreszeit, in der die Feuerbestattung erfolgt, ist alles trocken wie Zunder. Die in der Asche gesammelten Knochen werden in der Nähe eines geweihten Ortes begraben, oder es wird über ihnen ein viereckiger Turm ohne Spitze oder eine Pagode errichtet. Dieses Grabmal trägt aber niemals eine Inschrift, so daß nur die Leute im Orte imstande sind zu sagen, zu wessen Andenken solch ein Bau zustande kam.

Phot. D. A. Ahuja.

Abb. 446. Verbrennung der Leiche eines Mönchs in Birma.

Phot. A. Cabaton.

Abb. 447. Königliche Elefanten in vollem Staat.

Elefanten sind in Kambodscha ziemlich selten und daher sehr wertvoll. Jeder weiße Elefant gehört dem König, der jeden reich belohnt, der ihm ein solches heiliges Tier sichert.