Der Jähzorn.
Ein junger Schäfer hütete im Gebirge seine Schafe. Eines Tages saß er auf einem Felsenstücke in dem Schatten einer Tanne. Er schlief ein und wankte und nickte im Schlafe beständig mit dem vorwärts hängenden Kopfe. Der Schafbock, der nicht weit von ihm graste, meinte, der Schäfer fordere ihn zum Zweikampfe heraus und wolle mit ihm stoßen. Der Bock nahm daher eine drohende Stellung, ging, um einen rechten Anlauf zu nehmen, einige Schritte zurück, rannte dann auf den Schäfer zu und versetzte ihm mit seinen Hörnern einen gewaltigen Stoß. Der Schäfer, der sich aus seinem süßen Schlummer so unsanft geweckt sah, geriet in wütenden Zorn. Er sprang auf, packte den Bock mit beiden Fäusten und schleuderte ihn weit von sich. Der verscheuchte Bock rannte fort und stürzte in den nahen Abgrund. Die Schafe, wohl ihrer hundert, sprangen dem Bocke nach und wurden an den Felsen elend zerschmettert. Der Schäfer aber raufte sich vor Jammer die Haare aus und bereute zu spät seinen Jähzorn.
Chr. v. Schmid.