Du deutsches Kind!
Eine Gabe für unsere Jugend.
Dargereicht von J. B. Laßleben.
Bilder von Albert Reich.
Hochwald-Verlag München-Kallmünz
Ein jeder nehme wohl in acht, was Lust und Ehr' ihm hat gebracht: Der Wirt seinen Krug, der Krämer sein Tuch, der Bauer seinen Pflug, das Kind sein Buch.
Robert Reinick.
Druck von Michael Laßleben (Oberpfalz-Verlag)
Kallmünz/Bayern 1922
[Zum Tagewerk.]
Gehe hin in Gottes Namen greif dein Werk mit Freuden an! Frühe säe deinen Samen! Was getan ist, ist getan.
Sieh nicht aus nach dem Entfernten; was dir nah' liegt, mußt du tun. Säen mußt du, willst du ernten; nur die fleiß'ge Hand wird ruhn.
Müßigstehen ist gefährlich, heilsam unverdroßner Fleiß; und es steht dir abends ehrlich an der Stirn des Tages Schweiß.
Weißt du auch nicht, was geraten oder was mißlingen mag, folgt doch allen guten Taten Gottes Segen für dich nach.
Geh denn hin in Gottes Namen, greif dein Werk mit Freuden an! Frühe säe deinen Samen! Was getan ist, ist getan.
Philipp Spitta.
[Der Vater und die drei Söhne.]
An Jahren alt, an Gütern reich, teilt' einst ein Vater sein Vermögen und den mit Müh erworb'nen Segen selbst unter die drei Söhne gleich. „Ein Diamant ist's,“ sprach der Alte, „den ich für den von euch behalte, der mittels einer edlen Tat darauf den größten Anspruch hat.“
Um diesen Anspruch zu erlangen, sieht man die Söhne sich zerstreu'n. Drei Monden waren kaum vergangen, so stellten sie sich wieder ein.
Drauf sprach der älteste der Brüder: „Hört! es vertraut' ein fremder Mann sein Gut ohn' einen Schein mir an; ich gab es ihm getreulich wieder. Sagt, war die Tat nicht lobenswert?“— „Du tat'st, mein Sohn, was sich gehört,“ ließ sich der Vater hier vernehmen; „wer anders tut, der muß sich schämen; denn ehrlich sein ist unsre Pflicht. Die Tat ist gut, doch edel nicht.“
Der zweite sprach: „Auf meiner Reise fiel einmal unachtsamerweise ein Kind in einen tiefen See.
Ich stürzt' ihm nach, zog's in die Höh und rettete dem Kind das Leben. Ein ganzes Dorf kann Zeugnis geben.“— „Du tatest,“ sprach der Greis, „mein Kind, was wir als Menschen schuldig sind.“
Der jüngste sprach: „Bei seinen Schafen war einst mein Feind fest eingeschlafen an eines tiefen Abgrunds Rand; sein Leben stand in meiner Hand. Ich weckt' ihn und zog ihn zurücke.“— „O,“ rief der Greis mit holdem Blicke, „Dein ist der Ring! Welch edler Mut, wenn man dem Feinde Gutes tut.“
M. G. Lichtwer.
[Das Tischgebet.]
An der Tafel im Gasthaus zum goldnen Stern waren beisammen viel reiche Herrn. Vor ihnen standen aus Küch' und Keller gar lieblich lockend die Flaschen und Teller. Schon saßen sie da in plaudernden Gruppen, die Kellner reichten die dampfenden Suppen und mehr noch begann Gemüs' und Braten mit süßem Wohlgeruch zu laden.
Da kam zur Türe still herein ein Fremder mit seinem Töchterlein und setzte sich unten am langen Tisch, um auch zu kosten von Wein und Fisch. Oben klirrten die Löffel und Messer, klangen die Gläser und scherzten die Esser.
Da tönt auf einmal gar hell und fein eine Stimme in den Lärm hinein, wie wenn von fern ein Glöcklein klingt, wie wenn im Wald ein Vogel singt. Und wie auch der Strom der Rede rauscht, still wird es rings und jeder lauscht: der Krieger, der von den Schlachten erzählt, der Kaufmann, der über die Zölle geschmält, die Reisenden, die von Abenteuern gesprochen und von Ungeheuern, die Stutzer, die von Pferd und Wagen und Hunden und Moden so vieles sagen.
Und wie sie schauen nach dem Orte, von woher dringen die lieblichen Worte: mit gefalteten Händen das Mädchen steht und spricht sein gewohntes Tischgebet. Und wie beseelt von höherem Geist falten auch sie die Hände zumeist und horchen alle mit rechtem Fleiße auf des betenden Kindes Weise. Drauf setzt es sich nieder mit stiller Freude und achtet nicht auf all die Leute. Die aber, ergriffen im tiefsten Innern, mußten sich oft noch daran erinnern. Und mancher hat wieder gebetet fortan, was er schon lange nicht mehr getan.
Friedrich Güll.
[Dem Vaterland.]
Das ist ein hohes, helles Wort, Dem Vaterland! das hallt durch unsre Herzen fort wie Waldesrauschen, Glockenklang, Drommetenschmettern, Lerchensang; das fällt, ein Blitz, in unsre Brust, zu heil'ger Flamme wird die Lust! Dem Vaterland!
Dem Vaterland! Das Wort gibt Flügel dir, o Herz. Flieg auf, flieg auf, schau niederwärts die Wälder, Ströme, Tal' und Höhn; o deutsches Land, wie bist du schön! Und überall klingt Liederschall und überall ein Widerhall: Dem Vaterland!
Dem Vaterland! Das seinen Töchtern hat beschert der keuschen Liebe stillen Herd, das seinen Söhnen gab als Hort die freie Tat, das treue Wort, das feiner Ehren blanken Schild zu wahren allzeit sei gewillt,— dem Vaterland!
Dem Vaterland! O hohes Wort, o helles Wort, du tön' für alle Zeiten fort wie Waldesrauschen, Glockenklang, Drommetenschmettern, Lerchensang! zu heil'ger Flamme weih' die Lust, so lange schlägt die deutsche Brust dem Vaterland! Heil dir, Heil dir, du deutsches Land!
Robert Reinick.
[Deutscher Rat.]
Vor allem eins, mein Kind: Sei treu und wahr, laß nie die Lüge deinen Mund entweih'n! Von alters her im deutschen Volke war der höchste Ruhm, getreu und wahr zu sein.
Du bist ein deutsches Kind, so denke dran; noch bist du jung, noch ist es nicht so schwer. Aus einem Knaben aber wird ein Mann; das Bäumchen biegt sich, doch der Baum nicht mehr.
Sprich ja und nein und dreh' und deutle nicht! Was du berichtest, sage kurz und schlicht; was du gelobest, sei dir höchste Pflicht! Dein Wort sei heilig, drum verschwend' es nicht!
Leicht schleicht die Lüge sich ans Herz heran; zuerst ein Zwerg, ein Riese hintennach; doch dein Gewissen zeigt den Feind dir an, und eine Stimme ruft in dir: „Sei wach!“
Dann wach' und kämpf', es ist ein Feind bereit: Die Lüg' in dir, sie drohet dir Gefahr. Kind! Deutsche kämpften tapfer allezeit. Du, deutsches Kind, sei tapfer, treu und wahr!
Robert Reinick.
[Geschichte vom Nußknacker.]
Zwei Knaben hatten im Walde Haselnüsse gepflückt, saßen unter den Stauden und wollten Nüsse essen; aber keiner hatte sein Messerlein bei sich, und mit den Zähnen konnten sie sie nicht aufbeißen. Da jammerten sie sehr und sagten: „Ach, käme doch nur jemand, der uns unsre Nüsse aufknacken wollte!“ Kaum gesagt, so kam ein kleines Männlein durch den Wald einher gezogen. Aber wie sah das Männlein aus? Es hatte einen großen, großen Kopf, an dem ein langer, steifer Zopf bis an die Ferse herabhing, eine goldene Mütze, ein rotes Kleid und gelbes Höslein. Indem es nun so einhertrippelte, brummte es das Liedlein:
„Heiß, heiß, beiß, beiß Hans heiß' ich, Nüsse beiß' ich; geh' gern in den grünen Wald, wenn die Nuß vom Strauche fallt; mach's dem lust'gen Eichhorn nach, knack' und nag' den ganzen Tag!“
Die Knaben mußten sich schier zu Tode lachen über den kleinen, drolligen Burschen, den sie für ein Waldzwerglein hielten. Sie riefen ihm zu: „Wenn du Nüsse beißen willst, so komm her und knack' uns diese auf, damit wir sie essen können!“ —Da brummte das Männlein in seinen langen weißen Bart:
„Hansl heiß' ich, Nüsse beiß' ich; hab' ich aber mich beflissen, euch ein Dutzend aufgebissen, gebt mir zum Lohn ein paar davon!“
„Ja, ja!“ schrien die Buben, „du kannst mitessen, knacke nur fleißig auf.“—Das Männlein stellte sich zu ihnen hin—denn am Sitzen hinderte es sein steifer Zopf—und sprach:
„Hebet auf den langen Zopf, schiebt die Nuß in meinen Kropf, drücket nieder und so fort, schnell ist jede Nuß durchbohrt.“
Also taten sie, und hörten das Lachen nicht auf, wenn sie den Kleinen immer beim Zopfe nehmen mußten und nach jedem tüchtigen Knack die Nuß aus dem Munde sprang. Bald waren alle Nüsse aufgebissen, und das Männlein brummte:
„Heiß, heiß, beiß, beiß, will meinen Lohn nun auch davon!“
Der eine der Knaben wollte nun dem Männlein den versprochenen Lohn spenden; der andere aber, ein böser Bube, hinderte ihn daran, indem er sprach: „Warum willst du dem Bürschlein von unsern Nüssen geben? Wir wollen sie allein essen. Geh nur fort jetzt, Nußbeißer, und suche dir deine Nüsse selbst!“
Da ward das Nußbeißerlein gewaltig erzürnt und brummte:
„Gibst du mir keine Nuß, so machst du mir Verdruß; ich nehme dich beim Schopf und beiß' dir ab den Kopf!“
Da lachte der böse Bube und sagte: „Du mir den Kopf abbeißen? Mache lieber, daß du fortkommst, sonst laß' ich dich mein Haselstaudengertlein fühlen!“ Zugleich drohte er mit seinem Stöcklein; der Nußknacker wurde ganz rot vor Zorn, hob sich mit einem Händchen den Zopf auf, schnappte wie ein Fisch im Wasser und—knack— der Kopf war weg.
Das ist die Geschichte von dem ersten Nußknacker. Habt wohl acht, Kinder, daß euch die Köpfe oder wenigstens die Fingerlein nicht abgebissen werden; denn wie ihr Ahnherr, so machen auch die Enkel und Urenkel des Nußknackergeschlechts mit bösen Kindern nicht lange Federlesens!
F. v. Pocci.
[Der alte Landmann an seinen Sohn.]
Üb' immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab! Dann wirst du wie auf grünen Au'n durchs Erdenleben gehn; dann kannst du sonder Furcht und Grau'n dem Tod ins Auge sehn.
Dann wird die Sichel und der Pflug in deiner Hand so leicht; dann singest du beim Wasserkrug, als wär' dir Wein gereicht. Dem Bösewicht wird alles schwer, er tue, was er tu'. Der Teufel treibt ihn hin und her und läßt ihm keine Ruh'. Der schöne Frühling lacht ihm nicht; ihm lacht kein Ährenfeld; er ist auf Lug und Trug erpicht und wünscht sich nichts als Geld. Der Wind im Hain, das Laub am Baum saust ihm Entsetzen zu. Er findet nach des Lebens Traum im Grabe keine Ruh'. Sohn, übe Treu' und Redlichkeit bis an dein kühles Grab und weiche keinen Finger breit von Gottes Wegen ab! Dann suchen Enkel deine Gruft und weinen Tränen drauf, und Sonnenblumen, voll von Duft, Blühn aus den Tränen auf.
Hölty.
[Der getreue Eckart.]
„O wären wir weiter, o wär' ich zu Haus! Sie kommen, da kommt schon der nächtliche Graus; sie sind's, die unholdigen Schwestern. Sie streifen heran und sie finden uns hier, sie trinken das mühsam geholte, das Bier, und lassen nur leer uns die Krüge.“
So sprechen die Kinder und drücken sich schnell; da zeigt sich vor ihnen ein alter Gesell: „Nur stille, Kind! Kinderlein, stille! Die Hulden, sie kommen von durstiger Jagd, und laßt ihr sie trinken, wie's jeder behagt, dann sind sie euch hold, die Unholden.“
Gesagt, so geschehn! Und da naht sich der Graus und siehet so grau und so schattenhaft aus, doch schlürft es und schlampft es aufs beste. Das Bier ist verschwunden, die Krüge sind leer; Nun saust es und braust es, das wütige Heer, ins weite Getal und Gebirge.
Die Kinderlein ängstlich gen Hause so schnell, gesellt sich zu ihnen der fromme Gesell: „Ihr Püppchen, nur seid mir nicht traurig!“ — „Wir kriegen nun Schelten und Streich' bis aufs Blut!“ — „Nein keineswegs, alles geht herrlich und gut, nur schweiget und horchet wie Mäuslein!
Und der es euch anrät und der es befiehlt, er ist es, der gern mit den Kindelein spielt, der alte Getreue, der Eckart. Vom Wundermann hat man euch immer erzählt; nur hat die Bestätigung jedem gefehlt, die habt ihr nun köstlich in Händen.“
Sie kommen nach Hause, sie setzen den Krug ein jedes den Eltern bescheiden genug und harren der Schläg' und der Schelten. Doch siehe, man kostet: „Ein herrliches Bier!“ Man trinkt in die Runde schon dreimal und vier und noch nimmt der Krug nicht ein Ende.
Das Wunder, es dauert zum morgenden Tag; doch fraget, wer immer zu fragen vermag: „Wie ist's mit den Krügen ergangen?“ Die Mäuslein, sie lächeln, im stillen ergötzt; Sie stammeln und stottern und schwatzen zuletzt und gleich sind vertrocknet die Krüge.
Und wenn euch, ihr Kinder, mit treuem Gesicht ein Vater, ein Lehrer, ein Aldermann spricht, so horchet und folget ihm pünktlich! Und liegt auch das Zünglein in peinlicher Hut, verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut; dann füllt sich das Bier in den Krügen.
Goethe.
[Die beiden Pflugscharen.]
Von gleicher Art des Eisens wurden in einer Werkstätte zwei Pflugscharen verfertigt. Eine davon kam in die Hand eines Landmannes, die andere ward in einen Winkel gestellt. Erst nach mehreren Monaten erinnerte man sich derselben, zog sie aus ihrer Ruhe hervor, und siehe! sie war ganz mit Rost bedeckt. Wie erstaunte sie, als sie ihre Gefährtin wiedersah und sich selbst mit ihr verglich! Denn diese fand sie hell und glatt, ja, glänzender als sie anfangs gewesen war. „Ist das möglich?“ rief die verrostete aus; „einst waren wir einander gleich; was hat dich so herrlich gemacht, während ich in der glücklichsten Ruhe so verunstaltet worden bin?“ — „Eben diese Ruhe“, erwiderte jene, „war dir verderblich. Mich hat Übung und Arbeit erhalten, und diesen verdanke ich die Schönheit, in der ich dich jetzt übertreffe.“
G. Meißner.
[Die beiden Äxte.]
Ein Zimmermann ließ seine Axt in einen tiefen Strom fallen und bat den Flußgott inbrünstig, er möchte ihm, da er arm sei, wieder dazu verhelfen. Der Flußgott war so gnädig, stieg auf und brachte eine — goldene Axt zum Vorschein.
„Das ist die meinige nicht!“ sprach der Zimmermann ganz gelassen. — Der Geist tauchte von neuem unter und langte eine silberne hervor.
„Auch diese gehört mir nicht!“ sprach der Arme und zum dritten Male langte der Flußgott eine Axt von Eisen mit einem hölzernen Stiele heraus. —
„Das ist die rechte! das ist sie!“ rief der Arbeitsmann fröhlich.
„Gut! Ich sehe, du bist eben so wahrhaft und ehrlich, als arm“, sprach der mitleidige Geist. „Zur Belohnung nimm alle drei mit.“
Die Geschichte ward bald in der ganzen Gegend ruchbar. Ein Schalk, der sie erfahren, nahm sich vor zu versuchen, ob auch gegen ihn der Flußgott so mildtätig sein würde. Er ließ seine Axt mit Willen in den Strom fallen, flehte zum Flußgott und hatte das Vergnügen, ihn aufsteigen zu sehen. Er klagte ihm seinen Verlust, und der Geist brachte, wie ehemals, eine goldene hervor.
„Ist sie das, mein Sohn?“
„Ja, ja, das ist sie!“ antwortete der Lügner und griff schon darnach. „Halt, Nichtswürdiger!“ erschallte nun die Stimme des erzürnten Geistes. „Glaubst du denjenigen zu hintergehen, der bis ins Innere deines Herzens blicken kann? Zur Strafe deines Lugs und Betrugs verliere auch dasjenige, was bisher dein war!“ Und ohne Axt mußte er nach Hause wandern.
G. Meißner.
[Sparbüchslein.]
Teuer ist die War' und das Geld ist rar: Spar'!
Lang ist auch das Jahr, groß der Tage Schar: Spar'!
Eh' dein Geld ist gar, jetzt und immerdar: Spar'!
Spar' für die Gefahr, für die grauen Haar: Spar'!
Sag' nicht: Wenn und zwar! — Bis zu deiner Bahr: Spar'!
Friedrich Güll.