b. Der Gerbleder-Verkäufer.

»Um Mitternacht der Thorwart fragt:
Wer reitet gespenstig durch die Stadt?«

In alter Zeit erblickte man am Laaksberge in mondhellen Nächten oftmals einen gepanzerten Mann auf hohem weißen Rosse, der ein Bündel gegerbten Leders unter dem Arme trug, welches er den Wanderern, auf die er stieß, zum Kauf anbot. Aber Niemand mochte die angebotene Waare kaufen, weil ein widriger Geruch wie von Menschen daran haftete, der die Käufer abschreckte. Eines Nachts kam ein kleiner alter Mann mit einem Ziegenbarte des Weges und fragte: »Was für einen Preis verlangst du für deine Felle, Brüderchen?« Der Gepanzerte erwiderte: »Die Ruhe im Grabe, die mir bis jetzt nicht gegönnt war.« Der Alte forschte weiter, um welcher Schuld willen der stattliche Reiter die Grabesruhe nicht finde und wer ihn zwinge hier allnächtlich umherzureiten. Der Gepanzerte gab zur Antwort: »Ich war zu meiner Zeit ein berühmter Kriegsmann, mit Namen Pontus; ich ließ den im Kriege Gefallenen die Häute abziehen, sie gerben und dann statt thierischer Felle verwenden, so daß in meinem Hause keine anderen Ledersachen zu finden waren als solche, die aus gegerbter Menschenhaut gemacht waren. Die Stiefel die ich anhabe, Wamms und Hosen, die ich unter dem Panzer trage, ebenso der Sattel, die Zügel und alles andere Riemenwerk, was du hier siehst, sind aus gegerbten Menschenhäuten gemacht. Vor meinem Tode blieb noch eine Menge von dem gegerbten Leder übrig, weil ich ja nun keinerlei Ledergeräth mehr brauchen konnte. Als ich an die Pforten jener Welt kam und eben eintreten wollte, rief der Thorwächter: »Halt! dich darf ich nicht eher einlassen, als bis du das noch unverarbeitete Menschenleder verkauft hast und da es dir nicht gestattet ist, bei Tage das Grab zu verlassen, so mußt du dir bei nächtlicher Weile Käufer suchen. Reite drum immer von Mitternacht bis zum Hahnenschrei in der Nähe des Laaksberges[64] umher, bis du Jemanden findest, der dir die gegerbten Häute abnimmt.« Obgleich ich nun schon zwei Generationen hindurch den Leuten meine Waare angeboten habe, so wollte sie doch Niemand kaufen, weil ihr ein widriger Geruch wie von Menschen anhafte.« »Nun« — erwiderte der Alte — »um dieses Fehlers willen werde ich deine Waare nicht verschmähen. Wenn du dafür keinen höheren Preis forderst, als die Erlösung von dem nächtlichen Reiten, so wollen wir den Handel durch Handschlag fest machen. Steige vom Pferde und komm mit mir.« — Pontus freute sich daß er einen Käufer gefunden hatte, nahm sein Bündel und ging mit dem Alten. Aber der Käufer brachte ihn geraden Wegs in die Hölle. Als der Alte an die Schwelle kam, nahm er seine wahre Gestalt an — Hörner am Kopfe und einen Schwanz hinten — stieß den Pontus hinein und rief mit gräulicher Stimme: »Ihr von Pontus geschundenen Männer, tretet her!« Da kamen schaarenweis Männer ohne Haut heran, welche sämmtlich die Hülle für ihr blutiges Fleisch zurückforderten. Der alte Höllenwirth aber sagte zähnefletschend: »Zieht ihm die Haut vom Leibe und reckt sie alle Tage so lange aus bis ihr genug habt, um euer Fleisch und Bein damit zu bedecken.«

c. Das Fräulein von Borkholm[65].

»Welch' hellen Schein hat auf dem Teich
Der Wächter Nachts gesehen?
Ist Volksgedächtniß wohl so reich,
daß wir die Mär' verstehen?«

Von einem wunderbaren Feuerschein, der fast allmitternächtlich auf dem Borkholmer Teiche zu sehen war, wußten die Leute der Umgegend in alter Zeit viel zu erzählen, wie sie es von den Wächtern vernommen hatten. Das Feuerchen schoß wie eine brennende Kerze plötzlich aus dem Wasser in die Höhe und erlosch wieder nach Verlauf einer Stunde. Wiewohl aber dieses Teichfeuer schon von Alters her den Leuten eine bekannte Sache war und viele Menschen dasselbe mit eigenen Augen gesehen hatten, so wußte doch Niemand genauer anzugeben, wie es sich mit der Sache eigentlich verhielt. Endlich fand sich im Kirchspiel Halljal ein Alter, der in dieser Beziehung nähere Auskunft geben konnte. Seine Aussage lautete so: Viele hundert Jahre vor der Russenzeit lebte in dem festen Schlosse Borkholm ein tapferer Ritter, der als lediger Mann die Haushaltung mit seiner jungen Schwester führte. Der Ritter mußte als Kriegsmann häufig abwesend sein, und so kam es, daß die Schwester mit einem jungen Manne eine Freundschaft schloß, die weiter führte als Beide voraussehen mochten. Als das Fräulein ihres Zustandes so weit inne wurde, daß sie einsah, der Frauenhaube nicht mehr entrathen zu können, entschloß sie sich das geschehene Unglück ihrem Bruder zu bekennen. Sie kam eines Tages in seine Kammer, warf sich ihm zu Füßen, gestand ihren Fehltritt, und bat um Erlaubniß sich mit dem jungen Manne trauen zu lassen. Der Bruder stieß sie voller Wuth mit dem Fuße fort wie einen Hund, ließ den Verführer seiner Schwester rufen, hieb ihm mit dem Schwerte den Kopf ab, so daß das Blut das Fräulein bespritzte, welches vor Entsetzen in Ohnmacht fiel. Dann befahl der Ritter, mitten im Teiche ein Loch in's Eis zu hauen, schleppte selber seine Schwester bei den Haaren dahin und stieß sie lebendig kopfüber unter's Eis; er selbst hielt so lange am Rande des Loches Wache, bis das unglückliche Geschöpf rettungslos verloren war.

Da aber das unglückliche Fräulein unbußfertig einen gewaltsamen Tod hatte erleiden und ohne den Segen der Kirche in ihr nasses Grab sinken müssen, so konnte auch ihre Seele darin keine Ruhe finden, sondern der ruhelose Geist mußte allnächtlich als Licht auf dem Teiche schimmern. — Als dem Prediger diese Erzählung des alten Mannes zu Ohren gekommen war, begab er sich eines Tages auf einem Kahne an die Stelle des Teiches, wo der nächtliche Feuerschein aufzusteigen pflegte, segnete die Grabstätte mit den üblichen Worten ein und verrichtete ein langes Gebet, wodurch die Seele des Fräuleins der ewigen Ruhe theilhaftig ward. Späterhin hat keines Menschen Auge mehr auf dem Borkholmer Teiche nächtliches Leuchten gesehn.