g. Wo Narva's früherer Reichthum liegt.
In den Tagen, als Narva noch eine reiche Stadt war, zog einst von Rußland oder von Polen her der grimmige Feind mit großer Heeresmacht heran, um die Stadt einzunehmen und auszuplündern. Zum Glück erhielten die Bewohner einige Tage vorher durch ihre Spione Nachricht, so daß sie noch Zeit hatten, den größten Theil ihres Goldes und Silbers zusammenzuraffen und in der Mündung des Flusses unweit der See zu versenken. Darauf wurden die Thore geschlossen und die Schanzen besetzt. Mit Proviant war die Stadt so reichlich versehen, daß eine Hungersnoth nicht zu besorgen stand; die festen Mauern und Werke rings um die Stadt, der tiefe, breite Fluß einerseits und die mit Wasser gefüllten Wallgräben andrerseits wehrten den Feind ab, so daß er nicht eindringen konnte. Er belagerte die Stadt bis zum Herbst, mußte aber dann unverrichteter Sache abziehen. Nach dem Abzuge des Feindes hatten die Bürger der Stadt nichts Eiligeres zu thun, als an die Mündung des Flusses zu gehen, um ihren Schatz aus seinem Versteck heraufzuholen. Unglücklicher Weise aber hatten sie ihn zu nahe am Meere auf den Grund des Flusses gesenkt; die heftigen Stürme hatten oftmals die Tiefe aufgewühlt und die Geldfässer gegen einander geschüttelt und zerbrochen, der vom Meere ausgeworfene Sand aber hatte später Alles bedeckt und festgelegt, so daß man nur wenig von dem versenkten Gelde wieder erlangte. Der größte Theil dieses Schatzes der Vorzeit ruht bis zum heutigen Tage auf dem Grunde des Flusses und des Meeres, und Niemand weiß, welchem Glückskinde er einmal in die Hände fallen wird.
h.[73] Das Mädchen von Waskjalasild[74].
Vor Zeiten ging einmal an einem freundlichen stillen Sommerabend ein frommes Mädchen, sich in einem Bache unweit Waskjalasild zu baden, um die von der Hitze des Tages ermatteten Glieder zu stärken. Der Himmel war klar, die Luft wehte lind und aus dem nahen Erlengebüsch ertönte die Nachtigall. Der Mond stieg am Horizonte auf und blickte liebreich auf des Mädchens Kopfband, ihr hellgelbes Haar und ihre rothen Wangen. Der Jungfrau Herz war unschuldig, keusch und rein wie Quellwasser, das durchsichtig ist bis auf den Grund. Plötzlich fühlte sie in ihrem fröhlichem Herzen ein unbekanntes Sehnen sich regen, so daß sie ihren Blick nicht mehr vom Antlitz des Mondes wegwenden konnte. Weil sie nun so fromm, keusch und unschuldig war, so gewann der Mond sie lieb, und nahm sich vor, ihr die geheime Sehnsucht und das Verlangen ihres Herzens zu stillen. Aber die fromme Maid trug nur den einen Wunsch im Herzen, den sie nicht laut werden zu lassen wagte: aus dieser Welt zu scheiden und am hohen Himmel ewig bei dem Monde zu leben. Der Mond errieth auch die unausgesprochenen Gedanken ihres Herzens.
Die Luft des lieblichen Abends war wiederum mild und still, die Nachtigall flötete im Erlengebüsch durch die Nacht, der Mond schaute in den Grund des Baches von Waskjalasild hinab, aber nicht mehr einsam wie vorher; der Jungfrau liebes Gesichtchen schaute mit ihm in den Bach durch die Wellen hindurch in die Tiefe und blieb von der Zeit an bis auf den heutigen Tag immer neben dem Monde sichtbar. Dort am hohen Firmament zu wohnen hat das Mägdlein jetzt ihre Freude und Genüge und hegt den Wunsch, daß auch andere Mädchen mit ihr dieses Glückes theilhaftig werden könnten. Freundlich blickt deshalb ihr Auge in mondheller Nacht von oben auf die Erde herab und lockt schmeichelnd die staubgeborenen Schwestern zu sich zu Gaste. Da aber nicht eine von ihnen so fromm, keusch und unschuldig ist wie sie, so kann auch keine zu ihr hinauf in den Mond kommen. Das Mondmägdlein wendet drum von Zeit zu Zeit ihre Augen trauernd ab und bedeckt ihr Antlitz mit einem schwarzen Tuche. Gleichwohl giebt sie deswegen die Hoffnung nicht auf, vielmehr hofft sie immer noch, es werde sich künftig einmal unter ihren irdischen Schwestern eine finden, die so fromm, keusch und unschuldig sei, daß der Mond sie zu sich rufen könne, um des glückseligen Lebens theilhaftig zu werden. Darum wendet die Mondjungfrau von Zeit zu Zeit mit wachsender Hoffnung ihre Augen zur Erde nieder, mit freundlichem Lächeln und unverhülltem Antlitz, wie an dem seligen Abend, wo sie zum ersten Male vom hohen Himmel herab in den Bach von Waskjalasild hinunter schaute. Aber auch die besten und verständigsten der staubgeborenen Mädchen sind nicht ohne Fehl, und weichen, ehe man sich's versieht, vom rechten Pfade ab, und keine von ihnen ist so fromm, keusch und unschuldig, daß sie des Mondes Gefährtin werden könnte. Wenn das fromme Mondmädchen dessen inne wird, so bemächtigt sich ihrer der Unmuth von Neuem und sie verhüllt ihr Gesicht abermals mit dem schwarzen Trauertuche.
i. Emmujärw und Wirtsjärw[75] (Muttersee und Pfützensee).
Nachdem Altvaters Güte dem Menschengeschlecht hier zu Lande Wohnsitze bereitet, den Boden gesegnet, daß er ihnen Frucht bringe, die Wälder mit Vögeln und Vierfüßern angefüllt hatte, schuf er auch einen See mit klarem, kaltem und erquickendem Wasser, aus welchem die Menschen sich jederzeit einen stärkenden Trunk holen konnten. Am hohen Ufer des Sees wuchsen grüne Eichen- und Lindenwälder, in deren Schatten die schönsten Blumen blühten, während in den Wipfeln der Bäume Morgens und Abends Vogelsang ertönte, so daß eitel Wonne und Jubel das Menschenherz erfüllen mußte. Solch' ein glückliches Loos hatte Altvater's Wille seinen Kindern bereitet. Aber dies Glück war nicht von langer Dauer, denn die Menschen wurden übermüthig, thaten was ihr böses Herz ihnen eingab und wurden endlich so verderbt, daß Altvater länger kein Wohlgefallen an ihnen haben konnte; die Ohren sausten ihm, da er immerfort von ihrer Bosheit hören mußte. Da sprach Altvater eines Tages: »Ich will meine entarteten Kinder für ihre Ruchlosigkeit züchtigen und zwar dadurch, daß ich das erquickende Wasser mit sammt dem See ihnen entziehe, vielleicht daß die Qual des Durstes sie bessert und allmählich auf den rechten Weg zurückführt. Und siehe! eines Tages stieg im Süden eine schwarze drohende Gewitterwolke auf, und zog näher und näher, bis sie über dem See stand, wo sie gleichsam ausruhte und ihren Rand säulenartig zum See hinabstreckte. Plötzlich begann das Wasser des Sees zu zischen und zu steigen und sich so lange aufzublähen, bis es, die Wolkensäule berührend, mit ihr sich vereinigte: dergestalt verschwand in wenig Augenblicken alles Wasser aus dem See bis auf den letzten Tropfen.
Die schwarze Gewitterwolke schwebte mit ihrer Ladung weiter und entschwand vor Abend den Blicken der Zuschauer. Das vormalige Becken des Sees war leer und es war nur ein sumpfiger Schlamm für Frösche zurückgeblieben; aber auch diesen trockneten nach einigen Tagen die Sonnenstrahlen und der Wind aus. Jetzt erhob sich groß Geschrei und Wehklagen unter den Leuten: der Durst quälte sie, weil sie nirgend mehr ein anderes Trinkwasser fanden, als was der Regen in Vertiefungen des Bodens sich ansammeln ließ. Allmählich füllten zwar Regenschauer und die Schneeschmelzen des Frühlings den früheren Raum des Emmujärw wieder bis zum Rande, aber es war weiches Pfützenwasser, was weder den Durst hinlänglich stillte noch den Körper zu erquicken vermochte. Die Leute legten dem See wie zum Schimpfe den Namen Wirtsjärw (Pfützensee) bei und dieser Name ist ihm auch bis auf den heutigen Tag geblieben. Die schönen hohen Ufer mit den grünen Laubholzwaldungen und den blühenden Blumen sind aus der Umgebung des See's längst verschwunden; an ihrer Stelle bildeten sich Moräste, in denen nicht viel Andres wächst, als einige kränkliche Kiefern.
Als späterhin des Durstes Pein die frevelnden Menschen etwas gebessert hatte und ihre Klagen und Bitten mit jedem Tage wehevoller zu Altvaters Ohr emporstiegen, erweichte er sein Herz und erbarmte sich ihrer wiederum. Gleichwohl wurde ihnen der frühere See nicht wieder zurückgegeben, sondern Altvater ließ überall schmale unterirdische Rinnsale entstehen, goß das vormalige Wasser des Emmujärw hinein und befahl zugleich dem Wasser so zu fließen, daß es hie und da aus dem Boden hervorsprudele, damit die Menschen ihren Durst löschen könnten. Damit aber die unterirdischen Wasseradern im Winter nicht zu kalt und im Sommer nicht zu heiß würden, ordnete Altvater's Weisheit an, daß im Frühling ein Kältestein in die Quellen gelegt werde, der im Herbst herausgenommen und zum Winter mit einem Wärmesteine vertauscht wird: wodurch bewirkt wird, daß die Quellen niemals gefrieren können — wie sonst Bäche, Flüsse und Seen sich mit Eis bedecken.
k. Die Tochter des Strandbewohners von Tolsburg[76].
Am Strande von Tool wohnte vor Zeiten ein unermeßlich reicher Fischer, der schon von vielen Geschlechtern Geld und Gut geerbt hatte, ungerechnet das, was er selbst zusammengescharrt oder was der Hausgeist[77] ihm zugeführt hatte. Er besaß eine einzige Tochter, die von außen wohl einem hübschen Blümchen glich, inwendig aber voll Tücke war. Der Reichthum ihres Vaters reckte die Nase des Dirnleins so sehr in die Höhe, daß es ihrer Meinung nach im ganzen Lande keinen Burschen geben konnte, den sie hätte heirathen können. Daran wäre nun auch weiter nichts gelegen gewesen, hätte sie nicht selbst die jungen Leute zu sich herangelockt und sie dann hinterdrein mit Spott und Schande heimgeschickt und vor aller Welt gelästert. In dem Maße freilich, wie mit der Zeit die Geschichte der verschmähten Freier überall bekannt wurde, hörten endlich auch die Brautfahrten auf, weil die jungen Leute dachten: mag die Uebermüthige hinter ihren Geldkasten zur alten Jungfer verwelken, an deren Fleisch dann auch nicht einmal ein Wolf mehr anbeißt.
So verstrichen ein paar Jahre ruhig, während welcher kein Freier mehr erschien. Eines Morgens aber kam ein fremder vornehmer Freier auf einem schwarzen Pferde, er selbst von Gold und Silber schimmernd, so daß man ihn durchaus für nichts Geringeres als einen Königssohn halten konnte. Einen solchen Freier durften nun freilich weder die Eltern noch die Tochter verschmähen, vielmehr wurde er mit großen Ehren- und Freudenbezeugungen empfangen. Als jedoch der Freier zu Tische gebeten wurde, nahm er weder Speise noch Trank in den Mund, sondern bat die Braut sich schleunigst anzukleiden und mit ihm in seine Wohnung zu kommen, welche nicht weit entfernt sei und wo Hochzeitsschmaus und Gäste schon des neuen Paares harreten. Als die Maid sich geschmückt hatte, hob der Bräutigam sie auf den Rücken seines Pferdes, schwang sich selbst in den Sattel und ritt wie der Wind davon, so daß man von ihm nichts weiter gewahr wurde als die Funken, welche des Pferdes Hufe aus den Steinen schlugen. Sie erreichten ein freies Feld, wo ein prächtiges steinernes Schloß vor ihnen stand, aus welchem ihnen der Festlärm der Hochzeitsgäste dumpf entgegentönte. Der Bräutigam sprang vom Pferde, half der Braut absteigen, nahm ihren Arm und trat mit ihr in den Festsaal. Ein häßliches Hohngelächter, welches dem Mädchen durch Mark und Bein drang, empfing die Beiden. Dann erhob sich ein lautes Krachen, als ob ein Donnerschlag die Erde zum Bersten gebracht hätte! In demselben Augenblicke war das schöne Schloß mit allen Hochzeitsgästen wie weggefegt und von Allem keine Spur mehr vorhanden.
Als die umwohnenden Leute auf das Getöse herzueilten, zu sehen was es gebe, konnte man nichts weiter entdecken, als einen steinernen Pfosten von Menschenhöhe, an dessen oberer Hälfte viele Streifen hinliefen, wie Perlenschnüre um einen Hals. So steht der steinerne Pfosten bis zum heutigen Tage bei Karlshof vor dem Dorfe Raudlep zum Schreckbild für übermüthige Mädchen.
l. Die Steindenkmale der Hungersnoth[78].
»Die Männer seien hochgeehrt,
Die Volksgedächtniß hält so werth.«
Wer je nach Palms[79] gekommen ist, der hat wohl auch jene Steinhaufen gesehen, welche an vielen Orten auf den Gutsfeldern stehen. Wie die alten Leute zu erzählen wissen, sind jene Steinhaufen alle zur Zeit einer schweren Hungersnoth zusammengetragen worden, was so zuging: Die Herren von Pahlen hatten seit unvordenklichen Zeiten die Gewohnheit, einen reichen Getreidevorrath in den Gutskleten anzusammeln, auf daß, wenn einmal die Leute durch Mißwachs Mangel litten, die Gutsklete sie bis zur neuen Ernte ernähren könnte. Da geschah es, daß eines Jahres eine so bittere Hungersnoth in Estland herrschte, daß die Leute aller Orten hinstarben wie die Fliegen. Wer aber zu seinem Glücke noch soviel Kraft hatte, sich nach Palms aufzumachen, der war gerettet. Daher kamen hier nach und nach Hunderte von Menschen zusammen, welche der Herr von Pahlen aus seiner Klete versorgte und es war ein so reicher Gottessegen vorhanden, daß die Kornkasten nicht leer wurden. Obgleich nun der Herr dafür keine Arbeit von den Leuten verlangte und sie zu keinerlei Leistung anhielt, sondern ihnen aus Erbarmen das Brot gab, so hielten es doch die Leute ihrerseits für Pflicht, für den Herrn irgend eine Arbeit zum Dank für seine Wohlthat auszuführen. Weil nun die Pahlenschen Felder sehr steinig waren, so faßten die Leute einmüthig den Beschluß, alle Steine von den Feldern aufzusammeln und in Haufen aufzuthürmen. Diese Steinhaufen führen deshalb den Namen: »Steindenkmale der Hungersnoth.« Man sagt ferner, daß seit der Zeit bis auf unsere Tage herab die Pahlenschen Felder reich gesegnet sind, und wenn auch ringsum Mißwachs eintritt, so bleiben diese Felder doch bewahrt, weil die Thränen der Hungrigen sie bethaut haben und die Dankgebete der Gesättigten zu Gottes Ohr gedrungen sind.