Ein böhmisches Spiel.

In den Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen, III. Jahrgang 1865, Seite 115 teilt Joseph Stocklöw Teile eines Spieles mit, das in der Nähe von Schmiedeberg aufgeführt ward und den Namen des »boren Kinnel« führte. Hier finden wir unser »Bornkinnel« wieder. Das Spiel enthält nichts wesentlich Besonderes. Nur ist eine gesungene Verkündigung durch die Engel an Maria dabei. Auch sonst wird im Spiel, der böhmischen Sangesfreude entsprechend, viel gesungen.


Außer den angeführten Spielen haben sich noch viele Reste erhalten, die man an verschiedenen Orten »Weihnachtslieder« nannte. So teilt John (Aberglaube, Sitte und Brauch im sächsischen Erzgebirge Seite 176) ein Bruchstück solcher Spiele aus Olbernhau mit. Das unbegreifliche Verbot der Spiele hat verheerend gewirkt. Trotz aller behördlichen und geistlichen Maßnahmen ging aber das Volk nicht davon ab. Im geheimen wurde weiter gespielt. Auf originelle Weise umging ein Einwohner von Raschau das Polizeiverbot: er führte seine Engelschar im Puppentheater auf und fand enormen Zuspruch. So kam man schließlich darauf, für die Spiele eine der Polizei genehmere Form zu wählen. Die Geistlichen nahmen die Sache in die Hand und es entstanden eine größere Anzahl von sogenannten Weihnachtsstücken oder -spielen, z. B. die an den Pfarrern Steiniger (Lößnitz), Seidel (Lichtenstein), Lehmann (Freiberg), Müller (Zwickau), Bauer (Berthelsdorf), Löscher (Zwönitz) u. a. Das beste dieser Art hat unstreitig der oft erwähnte Gustav Mosen geschaffen. Er bringt in seinem mehrmals erwähnten Buche zunächst eine größere Anzahl der alten Spiele und meint zuletzt, daß man die Spiele, da sie meist Bruchstücke seien, nicht als abendfüllende Aufführung anwenden könne und dichtet aus dem Geist der Spiele heraus ein neues ganz treffliches Spiel. Es ist im Graserschen Verlag erschienen in einer Neubearbeitung Alfred Müllers.

Der Verfasser dieses Buches möchte aber doch den alten Spielen das Wort reden. Wenn sie auch nicht glatt und fein sind.

Den Weihnachtsspielen erging es wie den Volksliedern. Durch ihre mündliche Weitergabe änderte sich ihre Originalform. Das Volk geht mit seinen Dichtungen nicht sehr säuberlich um. Es läßt weg oder verändert, was ihm mißfällt, wiederholt gern nochmals, was ihm zusagt. Ort und Zeit sind unwesentliche Dinge, die man dem Gebrauche anpassen kann, die Lieder zersingt das Volk, die Spiele zerspielt es. Aber sie sind Geist vom Geiste des Volkes, den zu stärken man sich keine Mühe verdrießen lassen sollte.

Nehmen wir an, irgend ein Ort findet in den vorerwähnten Spielen seine »Engelschar« wieder. Er würde sie am 1. Feiertag von einem Verein oder von Schulkindern gern aufführen aber das Spiel ist zu kurz, zu unvollkommen. Da stelle man das eigene Spiel in den Mittelpunkt und entnehme anderen Spielen das Fehlende. Das Ganze rundet sich ab. Auch sorge man für reichlichen Gesang zwischen den Szenen, und ein Stück echtes Volksgut ist gerettet. In der Zeit, wo ein Haaß-Berkow durch seine wunderbare Kunst die Kraft der alten deutschen Volksspiele beweist, dürfte man einen solchen Versuch wohl wagen.

Die Chemnitzer Volkshochschule hat diesen Vorschlag des Verfassers aufgegriffen und sucht durch Aufführungen für den Gedanken zu werben. Es lag nahe, ein Stück zu schreiben, in dem in eine erzgebirgische Stube die Engelschar tritt, ähnlich, wie es Hermann Löscher in seinem »Bornkindel« tut. Dankbar sei anerkannt, daß er damit auf das alte Volksgut eindruckvollst hinweist. Wir wollen aber doch mehr, als nur Theater. Wie die Christspieler in die größte Stube des Dorfes kamen, so kommen sie jetzt in den Saal; in banger Erwartung der Engelschar sitzen die Hörer, da – da ertönt Gesang, die Engelschar kommt zu ihnen, nicht zu den Personen eines Bühnenstückes. Wir wollen nicht Zuschauer, sondern Miterleber haben.

Nun muß mit dem Publikum gerechnet werden. Ein Moment fehlt unseren Spielen fast völlig: das der Spannung. Den Hörern sind die Vorgänge alle vertraut. Das »Was« wird sie darum weniger interessieren, als das »Wie«. Dabei darf man das Kostümliche nicht zu gering achten. Alle Volkskunst, sie mag sein, welche sie will, braucht die Farbe, ohne sie ist die Volkskunst unfroh, ledern. Darum sei man nicht zu ängstlich mit der Kleidung der Spielenden, wenn sie sich recht sehr dem Historischen nähern, ist es durchaus kein Fehler.

Für die Ausgestaltung der Bühne gibt es verschiedene Möglichkeiten. Daß sie so einfach wie möglich sein möchte, ist ein Gebot der Notwendigkeit. Am eindrucksvollsten wirkt die einfache Vorhangbühne. Dunkle Gardinen geben den besten Hintergrund für die farbenfrohen Gestalten des Spiels. Der Stall fällt weg, es genügt eine einfache Krippe. Die Krippenszene sei nur von der Stallaterne Josefs erleuchtet.

Eine andere Auffassung ging dahin, die Bühne mehr dekorativ auszugestalten. Vorbild dafür waren die Weihnachtskrippen unserer Gebirgsstuben. Ein großer Prospekt mit Aussicht auf Jerusalem oder Bethlehem schließt die Bühne nach hinten ab. Vor diesem spielen sich die Szenen ab, die im Freien spielen. Der Felsen des Engels kann durch eine mit geknittertem Packpapier benagelte Kiste leicht hergestellt werden.

Für die Stallszenen wird aus Latten und Brettern ein Gerüst errichtet; nicht zu groß, nur eine Hinterwand, eine Seitenwand, ein Dach mit Stroh bedeckt. Die eine Seitenwand bleibt weg, wegen der verschiedenen Anbetungen des Kindleins. Die Wände werden nicht völlig vernagelt, sodaß überall zu Lücken und Spalten Engel hineinsehen können.

Die Mitte der Bühne wird durch einen Vorhang abgeteilt. Vor diesem spielen sich alle Innenszenen ab, so die Verkündigung an Maria und die Herodesszenen. Die Vorderbühne wird durch den Hauptvorhang abgeschlossen.

Unter allen Umständen lasse man sowohl die Engelschar, als auch die Königschar durch den Saal nach der Bühne ziehen, vor die ein Treppenaufgang gebaut wird. Die Vorhänge möchten geteilt sein.

Die Spieler sollen natürlich sprechen, zu viel Pathos schädigt; vom Erhabenen zum Lächerlichen ist bekanntlich nur ein Schritt.

Wesentlich ist der Anteil der

Musik.

Harmoniumspiel verbindet Gesänge und Szenen. Für die Gesänge benutze man möglichst alte erzgebirgische Weisen. Man findet solche im »Musikalischen Anhang« zum Mosenschen Weihnachtsfestspiel, Grasers Verlag, in »Lied und Spiel zum Preise des Christkindes« von Bernhard Schneider (Dresden, Huhle), sowie auch in Dosts Weihnachtsliedern aus dem Erzgebirge. Die bei den Aufführungen der Chemnitzer Volkshochschule benutzten Gesänge waren von Johannes Halke vierstimmig gesetzt worden. Beim Einzug der Spieler spielte ein kleines Orchester aus Lauten, Violinen und Clarinetten zusammengesetzt.

Wir bringen am Schlusse als Beispiel der Verwendbarkeit der alten Spiele eine Zusammenstellung, die in vielen Aufführungen bereits erprobt ist. Es lag dem Bearbeiter daran, die einzelnen Stücke nicht zu zerreißen, darum erscheinen aus den verschiedenen Spielen immer geschlossene Szenen.

Alte, erstorbene Volksbräuche und Sitten wiederbeleben zu wollen, würde ein vergebliches und unersprießliches Beginnen sein. Man soll nicht einen Leichnam ausgraben und ihn buntgeschmückt zur Schau stellen. Das Vergangene kehrt nicht wieder, wenn es auch lange noch zurückleuchtet. Wir freuen uns alter Sitten und Gebräuche, hören voll Behagen von allerlei Aber- und Zuvielglauben – aber, Gott sei dank, das sind alles überwundene Dinge.

So wäre die ganze Wissenschaft der Volkskunde nur eine forschende, eine historisch betrachtende?

Dies ist nicht der Fall. Wohl muß die Volkskunde die Vergangenheit des Volkes kennen, muß den geheimsten Regungen der Volksseele nachspüren. Dabei darf sie aber nicht stehen bleiben. Wie eine Zeit die andere ablöst, wie Geschlechter kommen und gehen, so wandeln sich auch Sitten und Gebräuche mit den Zeiten um. Dabei sieht man aber mit Betrübnis, daß die neue Sitte, die die alte ablöste, selten einen Fortschritt bedeutet, im Gegenteil, gute alte Sitten sind vergangen, schlimmere sind dafür eingezogen. Nun hat die Volkskunde die Aufgabe, zu wirken, das, was an altem Volksbrauch lebensfähig ist, zu erhalten, auf gutem Alten wertvolles Neue aufzubauen.

Man hat gesagt, die erzgebirgischen Christspiele seien tot, es würde dem Geiste unserer Zeit nicht entsprechen, Wiederbelebungsversuche vorzunehmen. Dem ist zu widersprechen. Wohl hat eine volksfremde Geistlichkeit, eine dem Volksempfinden so fern wie möglich stehende Regierung eine Zeit lang die Spiele unterdrücken können. Sie lebten aber immer wieder auf. Man schränkte die kirchlichen Mettenspiele ein, man verbot sie und nahm damit dem Volke ein gut Teil Poesie aus seinem armseligen Leben. Man trieb die Heiligenchristspieler von der Straße, ja sperrte sie ein, wie im Jahr 1805 zu Thalheim geschehen ist – aber immer erbten sich die Reime weiter.

Wie wollen wir nun die Spiele zu neuem Leben erwecken? Zunächst ist es wünschenswert, daß alle Orte, die noch Metten und dergleichen besitzen, sich dieselben nicht nehmen lassen. Wo noch kein Mettengottesdienst besteht, oder wo er nur rein kirchlich beschaffen ist, lasse man dies eine Mal im Jahr das Volk hinzu und gestalte den Gottesdienst entsprechend aus. Aber auch die außerkirchlichen Spiele führe man wieder auf. Eine große Zahl von Weihnachtsstücken sind geschrieben, die wohl die Weihnachtsgeschichte dramatisch darstellen, aber doch mehr oder weniger Theaterstücke sind. Das sollen sie nicht sein. Wir wollen die schlichten, alten Volksspiele wieder haben.

Aus den vielen Zuschriften, die wir erhielten, ersehen wir mit Freuden, wie man allerorts unseren Gedanken aufgegriffen hat. Wenn uns auf unserem Wege die Wiederbelebung dieses Stückes alter Volkskunst gelingen sollte, würden wir herzlich zufrieden sein.