Geschichtlicher Überblick

»Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging«, so beginnt die lieblichste aller religiösen Erzählungen. Alle Fragen geschichtlicher Kritik und fordernder Dogmatik schweigen bei dieser Weihnachtsgeschichte und selbst der dem Christentum Abgekehrte läßt die heiligen Märlein gern auf sich wirken und feiert selige Kindheitserinnerungen. Wie ein echtes und rechtes Volkslied mutet dieser Bericht von der Geburt des Heilandes an. Das traute hochheilige Paar im dunklen Stalle, wo der Weltenheiland nackt und arm geboren wird. Aus der Tiefe muß er emporsteigen, der sein Volk zur Höhe führen will. Und den armen und verachteten Hirten naht der himmlische Herold und schickt sie zu dem frierenden göttlichen Kinde. Auch der geheimnisvolle Orient muß vertreten sein, darum erscheinen die drei Weisen aus dem Morgenlande, sogar ein wirklicher Neger ist dabei, und stellen ihre reichen Gaben in den Stall. Gegensätze über Gegensätze, wie sie das Volk liebt.

Darum war es der glücklichste Gedanke der altchristlichen Kirche, die volkstümlichste Erzählung der heiligen Schriften in den Mittelpunkt eines Festes zu stellen, das heute noch seinen Zauber auf Gläubige und Ungläubige ausübt.

Seine ganze Liebe hat das Volk von jeher über dieses Fest ausgegossen. Die Volkssitte umgab es mit einem bunten Kranze von volkstümlichen Sitten und Gebräuchen, die es von jedem anderen Feste unterscheiden. Was an künstlerischer Begeisterung und inbrünstiger Liebe im Volke schlummert, von dem Rauschen der Engelsfittige ward es aufgeweckt und auf allen Kunstgebieten entstanden köstliche Werke naivsten Kunstempfindens. Aus ungefügen Holzklötzen formte sich die Gottesmutter mit dem Kinde, um den Kirchen ein festlicher Schmuck zu sein. Der Winkel der Wohnstube bevölkerte sich mit allerlei buntem Schnitzwerk, das die liebliche Erzählung figürlich darstellte. In süßen Liedern und innigen Versen ward das hochheilige Paar gepriesen. Und die aus der Tiefe des Volks schöpfende Kunst fand einen Schacht voll Gold und Edelsteinen, sodaß sie noch heute der Ausbeute froh wird. Die darstellenden Künste, Tonkunst und Dichtkunst haben gleichen Anteil an der Hebung der Schätze. Ja auch die Anfänge der Schauspielkunst berühren sich mit der volkstümlichen Darstellung der Geburtsgeschichte des liebenswertesten aller Menschen.

Von altersher hat das Volk an dramatischen Vorführungen seine Freude gehabt, sowohl als andächtiger Hörer, wie als eifriger Mitspieler. Die Uranfänge dieser dramatischen Betätigung liegen teils in dem vorchristlich-heidnischen Mythos der Zwölfnächte, in denen, als in der Zeit der wiederkehrenden Sonne, die Götter lohnend und strafend Umzüge halten, teils in den Mysterien der altchristlichen Kirche. Heute noch ziehen zur Weihnachtszeit, wie in den alten Zeiten, in Norddeutschland der Schimmelreiter, der Breithut, Wotans wilde Jagd, Berchta und Holle, mehr nach dem Süden zu in mehr oder weniger christlicher Aufmachung der Pelzmärtel, der Knecht Ruprecht, St. Niklas und andere Göttergestalten umher. Die Kirche, die sich mit ausgezeichnetem Geschick dem alten Volksglauben anzupassen verstand, legte schon das Fest der Geburt des Heilandes in die mit mystischem Geiste erfüllte Zeit der Wintersonnenwende. Die alten Götter mußten sich eine Umtaufe in Gestalten der christlichen Legende gefallen lassen. Götter und Bräuche der Julzeit wurden leicht mit den ansprechenden Verhältnissen und Personen des Weihnachtsevangeliums verquickt. So kam christlich-religiöses in den germanischen Gotteskult, aber umgedreht drang auch liebes Altgewohntes und Schwerzuvergessendes in den christlichen Volksglauben ein.

Die Kirche war bestrebt, dem neuen Feste einen mystischen Zauber zu verleihen, wußte sie doch, daß sie damit die schlichten Naturmenschen unwiderstehlich in ihren Bann zog. Daher wirkte sie durch prächtige Gewänder, Weihrauch, Lichter, durch süße schmeichelnde Gesänge auf die Hörer ein, ja sie verschmähte auch die dramatische Darstellung des Weihnachtsmysteriums in ihren Gotteshäusern nicht. Dies dürften auch die Anfänge der deutschen Schauspielkunst sein. Aber wie das griechische Drama aus dem Geiste der Musik entstanden ist, so wurden auch die ältesten Weihnachtsspiele gesungen und zwar lateinisch. Dies schloß zunächst eine Mitwirkung der Laien an den Spielen vollständig aus. Die Kirche mochte wohl erkennen, welche tiefe Wirkung sie mit diesen Darstellungen auf ihre Gläubigen ausübte und war bemüht, diese Wirkung noch zu vertiefen, dadurch, daß sie die Spiele volkstümlich gestaltete. Nach und nach trat ein Laie nach dem andern in die Darsteller ein. Mehr und mehr erklangen deutsche Laute, ja endlich blieben nur die eigentlichen überirdischen Aussprachen, wie das Gloria der Engel, das Ave Maria lateinisch bestehen. Mit dem Eindringen des Volkes in diese geistlichen Spielergesellschaften traten gewisse Elemente in die Dichtungen selbst, die wohl zunächst von der Kirche nicht beabsichtigt waren, dann stillschweigend geduldet wurden, bis sie endlich eine Gefahr für die ganze Weihe des Ortes und der Handlung bildete. Das Volk drückte seine Gefühle des Wohlwollens mit einzelnen Personen und Verhältnissen anders aus, wie die gelehrte Geistlichkeit es wünschte.

Die in alten Zeiten herrschende Derbheit, ja Rohheit ließ die Spiele nicht unberührt, allerhand Allzuweltliches mischte sich hinein, es entstanden Unzuträglichkeiten, die schließlich den Geistlichen die Teilnahme an den Spielen verboten und diese aus den Gotteshäusern verwies. Die Spiele waren für die große Masse des Volks berechnet und dieses wollte sein Vergnügen haben, darum mengte es Heiliges und Possenhaftes seelenruhig durcheinander. Man ist ehrlich überrascht, wenn man sich in dieses alte Volksgut versenkt. Wunderliche, bunte Klänge umgeben uns, guter echter Volksliederton. Wie nüchtern und einsam kommen uns die paar Weihnachtslieder vor, die unseren Christfeiern geblieben sind.

Ebenso stark ist aber auch eine gewisse Befremdung über den unerhört freien und kecken Ton, in dem hier die heiligen Gestalten und Ereignisse behandelt werden. Die allzu große Intimität und Heimatlichkeit möchte uns fast zweifeln lassen, ob nicht etwa hier schon gespottet wird. Die ganze heilige Geschichte ist eine heimische Angelegenheit geworden. Draußen auf dem Feld am Bergwald hat sich alles zugetragen. Zwischen die Veitel und Stöffel, Matz und Jaköbl platzt auf einmal so ein unerhörtes Geschehnis, wie das Erscheinen eines Engels, hinein. Doch man betrachtet die Sache mit gutem Humor. Es geht so gemütlich zu, daß man das »Fürchtet euch nicht!« des Engels recht unnötig findet. Der Joseph ist ein alter Mann, schon so zittrig, daß er den Brei des Christkindleins verschüttet, er geht ganz krumm und hustet fortgesetzt. Man muß es recht deutlich merken, daß er viel zu alt ist, um der natürliche Vater des Kindleins sein zu können. Und der König Herodes ist doch ein recht dummer Teufel, der sich von den drei Weisen und dem Engel Gabriel nasführen lassen muß. Ueberhaupt, was an biblischen oder dogmatischen Tönen erklingt, mutet fast etwas fremd an. Es klingt, als wenn in das lustige Geplapper der Kinder eingelernte Bibelsprüche und Liederverse aus dem Gesangbuch gemischt werden. Mir erscheint die volkstümliche Behandlung der biblischen Erzählung geradezu charakteristisch für den deutschen Volkshumor. Dieser verbindet gern einen kleinen Scherz, ja sogar einen gutmütigen Spott mit den Gefühlen der Achtung und Ehrfurcht. Ist es bei Gottfried Keller, Wilhelm Raabe und Fritz Reuter nicht ebenso? Auf dem Gebiete der Religion haben wir diesen Humor durch die zeitweilige Einwirkung einer erkältenden Orthodoxie etwas verloren. Gerade dieser Humor ist ja alles andere wie eine Verhöhnung. Nur mit Personen, die seinem Herzen nahe stehen, die es mit Liebe und Wohlwollen betrachtet, erlaubt sich das Volk solch köstlichen Spott.

Die Freude an solchen Spielen war in Deutschland allgemein. Besonders in Schlesien und Süddeutschland waren sie zu Haus. Von hier brachten sie zuziehende Bergleute, die das Gerücht von dem fabelhaften Silberreichtum des Erzgebirges von ihrer Heimat weglockte, in unsere Berge. Nicht gedruckt oder handschriftlich wurden sie mitgebracht. Einer oder der andere hatte zu Haus schon den Joseph, den Wirt oder einen Hirten gespielt. Seine Rolle kannte er genau, die anderen waren ihm zum Teil auch geläufig. Was noch fehlte, konnten andere ergänzen, die ebenfalls zu Haus an solchem Tun teilgenommen hatten. Im Notfall wurde auch ein Verslein hinzugedichtet. So sind jedenfalls die erzgebirgischen Weihnachtsspiele entstanden.

Es erscheint unzweifelhaft, daß sie hauptsächlich aus Schlesien zu uns gekommen sind. In dem grundlegenden Werke »Weihnachts-Spiele und Lieder aus Süddeutschland und Schlesien« von Dr. Karl Weinhold (ordentl. Professor an der Universität Kiel, neue Ausgabe 1875 bei Braumüller in Wien erschienen) treten einige schlesische Spiele auf, die man ohne Zweifel als die Urformen der erzgebirgischen Spiele ansehen kann. Man vergleiche das nachfolgende Christkindlied aus Niederschlesien mit dem Beginn der später in diesem Hefte angeführten Wiesaer Engelschar.

Der Engel tritt ein, weißgekleidet, in der Hand ein Schwert und singt:

Vom Himmel hoch da komm ich her,
ich bring euch neue gute Mär,
der guten Mär bring ich so viel,
davon ich sing und sagen will.

Das Christkind tritt ein, bunt gekleidet, in der Hand eine Rute und singt:

Ein schön guten Abend geb euch Gott,
ich komm herein ohn allen Spott.
Hat es auch fromme Kinder innen,
die fleißig beten und singen künnen,
die fleißig in die Schule gehn
und züchtig vor dem Tische stehn.
Wenn sie fleißig beten und singen,
so werd ich eine große Bürde bringen.

Engel.

Ei, liebes Christkind, wenn ich dir soll die rechte Wahrheit sagen,
so muß ich über die kleinen Kinder klagen,
des Morgens wenn sie aufstehn,
kein Gebet aus ihrem Munde geht,
Die Bücher tun sie zerreißen,
die Blätter in die Winkel schmeißen.

Christkind.

Ei lieber Engel, hätt ich das eher vernommen,
in das Haus wär ich nicht gekommen;
da hätt ich mir meine Gaben erspart
und wär wieder gen Himmel gefahrn.

Engel.

Ei liebes Christkind, bis nicht to hart
gegen die kleinen Kinder zart!
sie wollen fromm sein und beten,
daß du kannst mit deine Gaben vor sie treten.

Christkind.

Ach lieber Engel, weil du der Kinder tust gedenken,
so will ich ihnen etwas geben und schenken,
damit sie an das heilge Christkind gedenken.

Das Christkind teilt seine Gaben aus, unterdessen singt der Engel:

Ach liebes Christkind, wenn ich wär wie du,
so hieb ich mit der Rute zu.

Der Engel und das Christkind bleiben vor einander stehen und singen:

Wir stehen auf einem Lilienblatt
wir wünschen euch allen eine gute Nacht,
ein schöne gute Nacht, ein fröhliche Zeit,
die uns Herr Christus vom Himmel bereit.

Im Herausgehen:

Gute Nacht, gute Nacht, gute Nacht,
wir haben uns noch weiter bedacht;
wir haben draußen stehen ein schönen Wagen,
Der ist mit lauter Gold und Silber beschlagen.


An einigen herausgegriffenen Beispielen sollen weiter gewisse Uebereinstimmungen zwischen den schlesischen und erzgebirgischen Spielen festgestellt werden. Dabei wurde in den meisten Fällen die Rechtschreibung des Originals beibehalten, auch gewisse Verballhornungen lateinischer Sentenzen blieben bestehen, z. B. das typische »Landevere« für laudavere.

Niederschlesisches Spiel.[1]

Einen schön guten Abend geb euch Gott
ich komm herein ohn allen Spott.

Reichenbacher Dreikönigsspiel.

Wir treten herein ohn allen Spott,
einen schön guten Abend den geb euch Gott,
einen schön guten Abend, ein fröhliche Zeit,
die uns Herr Christus hat bereit.

Reichenbacher Dreikönigsspiel.[2]

Laban:

Jetzt tret ich wieder herein ins Haus,
meine Sachen hab ich gerichtet aus.
Viel tausend Mann hab ich erschlagen,
trotz dem, der mir ein Wort kann sagen!
Die Kinder schrien zwar jämmerlich,
bei mir war kein Erbarmen nich.

Ernstthaler Spiel.[3]

Wir treten herein ohn allen Spott,
einen schönen guten Abend, den geb euch Gott,
einen schönen guten Abend, eine fröhliche Zeit,
die Sie und Ihre Kinder erfreut.

Thalheimer Spiel.[4]

Kriegsknecht:

Viel tausend Mann hab ich erschlagen,
trotz dem, der mir ein Wort kann sagen,
die kleinen Kinder schrien erbärmlich
bei mir war aber ganz und gar kein Verschonen nich.

Löwenheiner Spiel.[5]

Von Bethlehem komm ich zu Haus
und hab mein Sach gerichtet aus:
Viele tausend Mann hab ich erschlagen,
trotz dem, der mir ein Wort kann sagen.
Die Kinder schrien jämmerich,
bei mir war kein Verschonen nich.

Im Schlaupitzer Spiel (Weinhold Seite 106) spricht Joseph:

Gotts Pudrament, Gotts Schwefel und Pech.

Im Wiesaer Spiel bricht der große Ruprecht los:

Hopp, hopp, Gotts Perlemann, Gotts Schwefel und Pech.

Fast übereinstimmend schließen unsere erzgebirgischen Spiele mit dem Gesang der Liedstrophe:

Heut schleußt er wieder auf die Tür
zu seinem Paradeis,
der Cherub steht nicht mehr dafür,
dem Herrn sei Lob und Preis.

Dieses Lied führt Weinhold (Seite 124 Anmerkung) in einer ganz köstlichen Verballhornung an:

Jetzt schleicht er wieder aus der Tür
der fromme Paradeis.
(fehlt)
Gott sei Lob und Preis.

Daß aber auch süddeutsche Klänge, wie halbverloren, in unsere Spiele hineintönen, zeigt die Uebereinstimmung des Anfangs des Ernstthaler Spiels mit dem eines Paradeisspiels, das Weinhold (Seite 302) aus Vordernberg in Obersteier mitteilt. Dort heißt es:

Ich trat herein ganz abends spat
ein glückselgen Abend geb euch Gott,
ein glückselgen Abend, ein fröhliche Zeit,
gleich wie uns Gott vom Himmel zeit.

Naturgemäß waren auch die zugewanderten Bergleute die ersten Regisseure und Darsteller der Spiele. Man darf wohl annehmen, daß zunächst die religiöse Begeisterung die Triebfeder des ganzen Tuns gewesen ist. Dies spricht dafür, daß zunächst das Gotteshaus als Schauplatz der Aufführungen in Frage kam. Diese im Gotteshause aufgeführten Spiele sind die Christmetten, Ueberbleibsel jener alten geistlichen Mysterien. Die Christmetten waren in ganz Sachsen verbreitet.

Sie wurden in den Kirchen mit aller Pracht gefeiert. Die heilige Erzählung wandelte man, in ihren einzelnen Abschnitten, dramatisch um. Anfangs waren nur die Geistlichen die Darsteller, später gingen die Rollen nach und nach in den Besitz von Leuten aus dem Volke über. Die schon angedeuteten Uebelstände führten endlich dazu, sie durch Reskripte der Landesregierung aus der Kirche zu verbannen. Die bei den Landtagen im Jahre 1805 und 1811 von den Landständen »in Consistorialibus angebrachten Anliegen und Beschwerden« betreffen auch die »sogen. Christmetten.« 1805 beantragten Ritterschaft und Städte, »die Christmetten wegen des dabei gewöhnlichen Unfugs durch ein Landesgesetz abzustellen.« Der König[6] war zunächst nicht für eine völlige Beseitigung der alten Sitte, er ordnete nur an, daß bei fernerer Beibehaltung der Metten allem Unfug auf wirksame Weise gesteuert werden möchte. Es wurden nun Berichte von den Superindenturen des Landes eingezogen, um über die Art und Weise der Kirchenspiele Klarheit zu erhalten. Nach den gewonnenen Unterlagen konnte das Konsistorium zu Leipzig am 27. November 1811 an den König berichten, »daß die Christmetten weniger als eine religiöse Feier und Vorbereitung auf das Weihnachtsfest anzusehen seien, vielmehr als eine Art Volksbelustigung, weshalb die Christmetten ohne allen Nachteil abgeschafft werden können.«

Der König entschied jedoch mittels Reskriptes vom 21. August 1812, »daß an denjenigen Orten, wo Christmetten seither stattgefunden haben, selbige auch noch fernerhin beibehalten werden mögen, hingegen an denjenigen Orten, wo sie abgeschafft worden sind, es bei deren Abstellung bewenden solle.«[7]

Trotzdem ließen sich die althergebrachten Feiern nicht aus den Kirchen verdrängen. Viele Gemeinden hielten zäh daran fest. Dies gab u. a. Veranlassung zu einem heftigen Artikel eines anonymen Verfassers, im »Gemeinnützigen Erzgebirgischen Anzeiger für alle Stände« (3. Stück, Schneeberg, den 14. Januar 1815, Seite 15).

Nachdem erst die weise Verordnung des »Kirchenrathes«, die Christmettenfeier betreffend, gepriesen worden ist, heißt es weiter: »Man hätte nun glauben sollen, daß der zeitherige Mettenunfug die Farcen mit den als Engel und Hirten verkleideten Kindern wie durch einen Zauberschlag vernichtet sein würden. Aber nein! Dieser Unfug dauert in vielen Ortschaften des Erzgebirges und Vogtlandes noch immer fort. Engel im weißen bebänderten Gewande, mit Sonnen und Welten tragenden Kronen, das flammende Schwert in der Rechten haltend und Hirten mit Tasche und Stab machen ihre mystischen Herumzüge in der Kirche, singen von der Kanzel und Altar ihre Lieder, leiern ihre Weihnachtssprüche ab und machen ihre englischen Tänze um den Altar herum. Bald erblickt man sie auf der obersten Emporkirche bald an den Stufen des Altars. Auch sogar ein Wiegenlied wird gesungen. Die dem Volke so gefälligen Schulmeister halten die Kirchenuhren zurück, damit die Feier durch die Finsternis der Nacht begünstigt wird. Alles dieses und die volle Erleuchtung der Kirche verbreitet einen so mystischen und magischen Zauber, daß das tollsinnliche Volk ganz entzückt ist. Zwei Stunden läuft es in der Nacht, um nur die lieben Engelchen zu sehen und zu hören. Man trägt die Säuglinge auf den Armen in die Kirche. Jede Familie kommt mit ihren Kinderchen gezogen. Auf die Predigt hört niemand. Das Getöse der großen Volksmenge, das durch das Aufschreien der vielen Kinderchen noch vermehrt wird, läßt auch nichts davon vernehmen. So saugen schon kleine Kinder durch die Anschauung die grobkörperlichsten Vorstellungen vom Geisterreiche ein, die bei dem gemeinen Manne das ganze Leben hindurch nicht wieder zu vertilgen sind.«

Der Verfasser war wohl in den Reihen der Geistlichen zu suchen, die in dem ganzen Treiben eine Konkurrenz des Predigtgottesdienstes erblickten. Auch dem obersten Kirchenrat zu Dresden war eine anonyme Zuschrift zugegangen. Dies veranlaßte einen neuen Befehl am 25. Januar 1815 an die Superintendenturen zu Zwickau, Annaberg, Plauen und Oelsnitz, Erkundigungen einzuziehen, welche Bewandtnis es mit der Darstellung der Engel und Hirten überhaupt habe und inwiefern die Geistlichen und Schullehrer beteiligt seien. Die nun erfolgten Berichte sind nicht uninteressant. In Grünhain und Breitenbrunn waren zwar die Schulmädchen mit weißen Kleidern und Kränzen auf dem Kopfe erschienen; jede andere Verkleidung war unterblieben, weshalb die Pfarrherrn keinerlei Grund gehabt hätten, die Feier zu verbieten.

Das Programm der Metten in Bernsbach war allerdings reichhaltiger. Die Gemeinde hatte zum Eingang das Lied »Vom Himmel hoch« gesungen. Dann kam eine Kirchenmusik, nach der das sogenannte Quem pastores landavere von den Schulknaben gesungen worden war. Dann hatte ein Knabe unter Orgelbegleitung die Weissagung des Jesaias von der Kanzel gesungen. Dieser Knabe war weiß gekleidet und trug eine Krone auf dem Kopf. Hierauf hatte der Ortspfarrer gepredigt. Zum Schluß versammelten sich die Knaben in den Sonntagsanzügen und die Mädchen in weißen Kleidern auf dem Altarplatz, hier haben sie Reden, Gespräche und Gesänge gehalten, die die heilge Geburtsgeschichte zum Inhalt hatten. Pfarrer, Schulchor und Gerichte versehen ausdrücklich, daß der ganze Gottesdienst nichts Unziemliches enthalten habe. Prachtvoller wurden die Christmetten in Beyerfeld gefeiert.

1. Ein Weihnachtslied mit Pauken und Trompeten[8].

2. Das Quem pastores landavere mit abwechselnden Chören von den Kindern allein gesungen mit Begleitung blasender Instrumente.

3. Die Weissagung des Jesaias unter musikalischer Begleitung durch einen Knaben von der Kanzel gesungen.

4. Weihnachtslied 5. Predigt. 6. Musik. 7. Die Unterhaltung der Kinder am Altar oder der sogenannte Auftritt, d. i. Gespräche der Kinder mit Gesängen über die Geburt Jesu nach Anleitung der heiligen Schrift.

8. Dankgebet, von 4 Knaben kniend nach der Reihe verrichtet. 9. Kollekte, Szene und Schlußgesang.

Allegorische Verkleidungen der Kinder hatten stattgefunden, die Knaben bemittelter Eltern haben grüne oder blaue Jacken, weiße Beinkleider, Schuhe und Strümpfe und grüne Hüte oder Kappen auf dem Kopfe und Stäbe in den Händen gehabt, die Mädchen aber sind weiß gekleidet gewesen, mit grünen Kränzen auf dem Kopfe und Stäben in den Händen. Der Knabe, der die Weissagung gesungen, hat, hergebrachter Gewohnheit nach, ein weißes Gewand mit einem Bande gebunden und eine Krone oder Kranz auf dem Kopf gehabt, aber dieses Gewand auch sogleich nach Beendigung seines Gesanges abgelegt. Vor dem Altar ist dann noch ein sogenanntes Theater, eine kleine Erhöhung mit Schranken von Stangen, errichtet worden, weil der Platz zu eng sei und damit die Kinder vor jedem Gedränge in Sicherheit wären und das Volk die Kinder besser sehen könnten. Zu ihrer Entschuldigung bringen der Pfarrer August Friedrich Blüher und der Schulmeister Christian Gottlob Tag vor, daß keinerlei Ungebührnis oder Unordnung vorgefallen sey, daß die Feier der Christmetten in diesem Orte seit den ältesten Zeiten stattgefunden habe, daß zwar der höchste Befehl vom 21. August 1812 anstößigen und zu Spöttereien Veranlassung gebende Ceremonien untersage, die vorerwähnte Feier aber ihnen nicht anstößig erschien, auch niemals Anstoß erregt, sondern zur Erbauung gedient hätte und daß es bei der Gemeinde großen Verdruß erregt hätte, wäre die Feier unterblieben. Der Kirchenpatron Freiherr v. Müller auf Sachsenfeld und die Gerichte zu Sachsenfeld, Beyerfeld und Wildenau bestätigen dies durchaus. – Der Pfarrer zu Lauter glaubt auch, daß er bei der Beibehaltung jener Ceremonien nichts getan habe, was der erwähnten Verordnung entgegen sei. In Oberschlema war der Pfarrer gerade neu ins Amt gekommen und hatte, um nicht gleich den Haß der ganzen Gemeinde auf sich zu lenken, die Ceremonien geduldet.

Der Zwickauer Superintendent fügt seinem Berichte noch hinzu: »Ich muß selbst bezeugen, daß die Gemeinen an den Ceremonien des Engels in den Christmetten noch sehr hängen und die Pastores, die eine Aenderung machen wollen, bei mir hart anklagen.«

Auf Grund dieses Berichtes ergeht am 16. Juni 1815 an den Zwickauer Superintendenten Lorenz der königliche Befehl:

»Friedrich August usw. Wie es nun bei der unterm 11. August 1812 ergangenen Verordnung, nach welcher die Feier der Christmetten, wo dergleichen noch gewöhnlich sind, auf eine dem Geiste des Christentums und dem Zwecke religiöser Erbauung angemessenen Weise eingerichtet und mit einer Predigt oder Betstunde begangen, Ceremonien und Gebräuche aber, welche mit der Absicht einer religiösen Feierlichkeit sich nicht vereinbaren lassen oder zu Gespötte und Aberglauben Veranlassung geben, dabei schlechterdings nicht gestattet werden sollen, bewendet, also ergeht hiermit an euch unter Zurücksendung des beigefügten Aktenstückes Unser gnädigster Befehl, Ihr wollet zukünftig Vorkehrung treffen, daß die Christmetten, wo sie noch stattfinden, nur in dem vorgeschriebenen Maße gehalten werden und daher die Geistlichen und Schullehrer an obengedachten Orten wegen der von ihnen nachgesehenen beiden Christmetten des vorigen Jahres vorschriftswidrig stattgefundenen Ceremonien nicht nur rectificieren, sondern auch dieselben anweisen, daß sie künftig weder den Anfang der Christmetten vor 6 Uhr des Morgens zulassen, noch den Knaben, den zwar zweckmäßigere Gesänge zu singen nachgelassen bleibt, eine besonders sich auszeichnende Kleidung oder Kronen sich zu bedienen, Engel und Hirten vorzustellen und dergleichen Figuren dabei zu gebrauchen oder wohl gar die Kanzeln zu betreten, verstatten.«

Die Gemüter der einzelnen Gemeinden beruhigten sich natürlich damit nicht. Mag. Lorenz, der Zwickauer Superus muß am 11. Dezember 1815 an den König berichten: »die Gemeinden beruhigen sich schwer bei den Abänderungen, die ihren Metten eine andere Gestalt geben sollen und die Pastores müssen schon in hohem Ansehen stehen, wenn die Vorstellungen, die sie dagegen machen, noch gemäßigt und bescheiden sind.«

Eine solche Vorstellung oder Beschwerde war auch von der Gemeinde Lauter bei dem Superintendenten eingereicht worden. Zwei Deputierte dieser Gemeinde erschienen auf der Superintendentur und unterstützten diese Vorstellung noch durch mündlich angebrachte Gründe. Sie waren nicht einverstanden, daß die Metten nicht früher als 6 Uhr beginnen sollten. Früher, wenn ihre Kinder aus den Metten kämen und durch die Feierlichkeit besonders für Jesum Christum gestimmt wären, hätten sie ihnen ihren heiligen Christ bescheren können, was auf sie einen recht guten Eindruck gemacht habe. Alles dies müsse nun wegfallen, sobald keine Zeit zwischen den Metten und dem Hauptgottesdienst übrig bleibe. Ferner sei ihre Christmettenfeierlichkeit auch keine sogenannte Komödie, sondern eine erhebende, fromme Gefühle erregende und tiefe Eindrücke zurücklassende Feier der Geburt Christi.

Darauf kommt bald der kurze Entscheid an den Superintendenten zu Zwickau, d. d. 15. Dezember 1815:

»Friedrich August usw. Uns ist geziemend vorgetragen worden, in welcher Weise Carl Friedrich Epperlein und Consorten zu Lauter auf Abänderung des wegen der Christmetten unter dem 16. Juni d. J. an euch ergangen. Wir lassen es jedoch bei dem obenerwähnten Reskripte bewenden.«

Nun – trotz aller Einschränkungen – die Metten blühen noch heut in einzelnen Orten. Man lese in Oskar Seyferts »Dorf und Stadt« die entzückende Schilderung einer solchen Mettenfahrt. Auch Dr. Alfred Müller hat an einem Mettengottesdienst in Steinbach, Bez. Annaberg, teilgenommen und schildert seine Eindrücke in einem sehr ansprechenden Aufsatz »Eine Mettenfahrt« (Glückauf 1900, Seite 2.)

Nach John[9] ist in vielen Orten (Neudorf, Tannenberg, Thum, Wolkenstein, Bärenstein, Schlettau) das Turmsingen üblich. Auch in Schneeberg wird schon früh 4 Uhr vom mächtigen Turm der hochgelegenen Kirche gesungen, wobei die Reihenfolge und Auswahl der Stücke jedes Jahr ein und dieselbe ist.

1. Herr wir singen dir zur Ehre (Melodie: Wachet auf, ruft uns).

2. »Das Ehre«, ein achtstimmiger Chor auf den Text »Ehre sei Gott in der Höhe.«

3. »Das Glückauf!« ein uraltes Bergmannslied von dem Stadtältesten Biel komponiert.

4. Chor: Laut verkündet die Trompete und die Pauke rollt es dir.

5. Choral: Preiset ihn durch Jubellieder (Str. 2 von »Herr, wir singen dir zur Ehre«.)

Schmetternde Trompetenbegleitung verstärkt den feierlichen Eindruck der Gesänge, die von den Chorknaben und freiwilligen Sängern aus der Stadt ausgeführt werden. Beim Verlassen des Turmes schrieb man sich in der Turmwohnung in das dort aufliegende Kantoreibuch ein. Wer 50mal ununterbrochen am Singen teilgenommen hat, erhält eine Pelzmütze und eine Laterne. John berichtet, daß in den 90er Jahren dies letztmalig der Fall war. In anderen Orten singt man einfach einige bekannte Weihnachtslieder oder Choräle vom Turme. In Zwönitz findet das Turmblasen nachts 3 Uhr statt, um 4 Uhr singen die Chorjungen und die Metten nehmen ihren Anfang.

In Geyer wirkt die Stadtkapelle früh 5 Uhr beim Gesang der Choristen mit.

Neben den Christmetten gab es auch noch Berg- und Schulmetten. Nach John (Aberglaube, Sitte und Brauch im Erzgeb.) haben sich die ehemals weitverbreiteten Bergmetten nur auf einzelnen Schneeberger Gruben erhalten. »An einem der Festtage kommen die Bergleute mit Lichtern in der »Hutstube«, wo sonst vor der Einfahrt die Gebete abgehalten werden, zusammen und überreichen dem Obersteiger ein Geschenk. Um 23. Dezember 1907 feierte die Belegschaft (ungefähr 45 Bergleute) des Zinnbergwerkes »Gewerkschaft Alberthütte« in Ehrenfriedersdorf seit etwa 25 Jahren wieder zum ersten Male (so lange hatte der Bergbau geruht) ihre altertümliche Mettenschicht. Von früh 5 Uhr bis zum hellen Tageslicht erglänzte das auf dem Sauberge stehende Triebgebäude, sowie die daneben befindliche Werkschmiede in hellem Lichterglanz. Die Feier dieser Mettenschicht wurde in der Betstube durch Gesang und Gebet abgehalten.«

Die Schulmetten, die z. B. in Buchholz bis in die neueste Zeit hinein abgehalten wurden, nahmen ungefähr folgenden Verlauf. Die Klassen versammelten sich in ihren durch lichterstrahlende Christbäume geschmückten Klassenzimmern. Jedes Kind hatte außerdem ein Lichtlein mitgebracht, das es auf seinen Bankplatz stellte. Eltern und Verwandte wohnten der Feier bei. Mit Gebet, Gesang und einer Ansprache des Lehrers wurde die Zeit ausgefüllt. Oft brachten die größeren Schüler ein kleines Weihnachtsspiel zur Aufführung. In vielen Orten war es üblich, bei dieser Gelegenheit dem Lehrer ein Geschenk zu überweisen. Zuletzt wurde der Christbaumbehang unter die Kinder verteilt. Diese Schulfeiern sind allerdings auch außerhalb unseres Gebirges gang und gäbe, selbst in den Großstädten füllt man den Unterricht am letzten Schultage gern durch eine solche Feier aus.

Die Schulmetten bedeuten bereits eine Verweltlichung der eigentlichen Metten in der Kirche. Noch einen Schritt weiter gehen die Christfahrten. Diese beruhen auf der altgermanischen Sitte, wichtige Festzeiten durch Umzüge zu feiern. Besonders sollen, wie schon Tacitus erwähnt, die für die Fruchtbarkeit der Felder so wichtigen Götter Wotan und Donar segnend über die Felder gezogen sein. Der alte Götterglaube ließ sich nicht ausrotten, die missionierende christliche Kirche war auch klug genug, es auf keinen Zwang ankommen zu lassen, sie setzte nur an Stelle der Götter ihre Heiligen. St. Andreas, Nikolaus, Petrus und Martin sollten nun dem Volke seine Götter ersetzen. Da dies nicht gelingen wollte, verwandelte man die hehren Heidengötter in Schreckgestalten und hoffte, das Volk dadurch völlig von ihnen abzuwenden. So ist der wackere Knecht Ruprecht jedenfalls ins Leben getreten, ja in manchen Gegenden sah man sogar zwei, einen großen und einen kleinen. Zu diesen Personen kam noch der heilge Christ selbst hinzu, der aber hier als Mann auftrat, und – um seinen Hofstaat voll zu machen – begleiteten ihn mehrere Engel. Diese Gruppe heiliger Personen nannte man eine Christfahrt.

Das Volk war nicht allenthalben mit der Christianisierung ihres alten Götterumzugs einverstanden, daher ließ es das Abbild der alten Gottheiten, den rauhen Knecht Ruprecht allein umherziehen, um die Kinder zu schrecken und zu lohnen. Der wackere Weihnachtsmann ist immer eine dem Volke liebe und traute Gestalt gewesen. So ist uns eine Nachricht erhalten, daß am 6. Dezember 1608, dem Nikolaustag, zu Chemnitz ein Leinenwebergeselle Georg Heinrich in einem besonderen »Habitu«, nämlich in einem langen weißen Hemde mit einer Kinderrute in den Händen wohlmeinend ausging, die Nachbarkinder zu besuchen. Einige Schuhknechte neckten, schlugen und stießen ihn. Ein Knabe steckte dem Weihnachtsmann ein Messer zu seiner Verteidigung zu. Ein Schuhknecht ward verwundet und starb am 3. Tage. Der Täter ward flüchtig. Durch ein Reskript des Kurfürsten Johann Georg I. vom 14. September 1615 ward der Uebeltäter aber begnadigt, wahrscheinlich hatte der Fürst volkstümliches Empfinden, das dem erstochenen Schuhknecht die Schuld an seiner Ermordung selbst zuschrieb. (Mitteil. des sächs. Altertumsvereins.)

Die Christspieler zogen in den Häusern umher. Sie führten im Flur oder in der Stube ihr Spiel vor, ermahnten und beschenkten, bez. tadelten und bedrohten hauptsächlich die Kinder. So eine Christfahrt aus dem Jahre 1631 wird von Buchwald in den »Kirchl. Nachrichten aus Zwickau und Umgegend 1890 Nr. 12« veröffentlicht. Sie befindet sich handschriftlich in der umfangreichen Zwickauer Ratsbibliothek und ist von einem gewissen Georg Petzoldt in Lengenfeld aufgezeichnet worden. Nach seinen Angaben ist das Spiel »Anno 1631, den 24. Dezember das erstemal agiret worden zu Lengenfeld.«

Das interessante Stück soll hier folgen:

Eine Komödia[10]

welche am heiligen Weihnachtsabend die Lengefelder Jugend aufführt.

Personen:

Gabriel. Der Heiland. Nikolaus. Raphael. Uriel. Michael.

Der Engel Gabriel.

Fried, Freud und ewig Seligkeit
sei euch allen von Gott bereit.
Auch ein glückselig neues Jahr
geb euch Gott und immerdar!
Weil heut zu dieser Abendzeit
die ganze werte Christenheit
sich freuen tut des heilgen Christ,
der jetzt gar noch vorhanden ist,
insonderheit die Kinderlein
an diesem Abend die frömmsten sein,
indem sie nach den schönen Gaben
ein herzliches Verlangen haben,
so hat mich das Christkindelein
jetzt selbst zu euch gesandt herein,
daß ich euch seine Gegenwart
anzeigen soll zu dieser Fahrt
und ihm bereite seinen Thron,
darauf sich setz' der Gottessohn.
Darum, ihr lieben Kinderlein,
seid still, merkt auf und lernet fein
alles, was euch der heilge Christ
befehlen wird zu dieser Frist.

Hierauf klopft ein anderer Engel oder auch statt des Engels ein Bauer draußen an die Tür und spricht:

Glück denen, die darinnen sein,
macht auf, macht auf und laßt uns ein!

Dann tritt der Heiland ein, dem der Engel Michael vorangeht.

Der Heiland.

Eine kurze Zeit verlaufen ist,
Daß ich, genannt der heilge Christ,
Mein' treuen Diener in alle Land
Nicolaum hab ausgesandt,
Daß er zum Gebet und Frömmigkeit
Die kindlich Jugend mach bereit.
Weil aber die Zeit vorhanden ist,
in welcher beschert der heilge Christ,
so bin ich selber kommen rein,
zu sehen ob die Kinderlein
gelebt han nach mein' Gebot,
ob sie auch treulich gefürchtet Gott,
ob sie auch meinen Namen geehrt
und fleißig Gottes Wort gehört,
ob sie Vater oder Mutter fein
gehorcht und gehorsam gewest sein.
Darum, ihr Eltern, so saget an,
Wie sich die Kinder gehalten han.

Beklagen sich die Eltern über ihre Kinder, so spricht der Heiland:

Der Eltern kläglicher Bericht
Erfreut mich itzund wahrlich nicht.
Darum ich billig Ursach hab,
Diesen Kindern durchaus keine Gab zu geben.
Drum nehmt ihr Diener mein
die Gaben, so ihr bracht herein.
Ich weiß noch frömmer Kinderlein,
Da wolln wir jetzund kehren ein
und ihnen geben die schönen Gaben,
die sie gar wohl verdienet haben.

Beklagen sie sich aber nicht, so hebt Uriel an zu klagen:

Ja, lieben Eltern, es wäre fein
wenn eure lieben Kinderlein
sich so verhielten, wie ihr bericht,
mein Mund aber ein andres spricht.
Als ich und der vor wenig Tagen
vor dieses Haus vorüber zogen,
War ein groß Geschrei und großer Saus
von euern Kindern in euerm Haus.
Sie schrien und blökten so schrecklich,
daß wir beide entsetzten sich.
Solchs ich nun nicht verschweigen kann,
sondern dem heilgen Christ zeigen an.

Darauf der Heiland:

Meines Knechts kläglicher Bericht
erfreut mich itzund wahrlich nicht
usw. (wie nebenstehend).

Nikolaus tritt für die Kinder ein und spricht:

O frommer Christe, Gottes Sohn,
der armen Kindlein doch verschon.
Siehe doch wie ihre Aeugelein
und Mündlein auf dich gerichtet sein.
Ach sieh, wie stehen sie so traurig,
ach sollt es nicht erbarmen dich,
bist du doch sonst gütig und milde,
freundlich und rechter Lieb ein Bilde,
insonderheit den Kindelein
pflegst du hold und gewogen sein,
sie sein unverständig und klein,
wissen noch nicht, was recht mag sein.
Drum laß dein Zorn bald vergehen
und bleib allhier bei ihnen stehen.
Tu anhören die Kinderlein!
Vielleicht sie frömmer werden sein.

Der Heiland.

Nikolaus, du treuer Knecht,
du erinnerst mich jetzund recht,
drum geh jetzt hin und stell vor dich
die Kinderlein fein ordentlich.

Nikolaus.

Das der heilge Christ befohln allzeit
treulich zu tun bin ich bereit.
Darum, ihr lieben Kinderlein,
stellt euch hier in die Ordnung fein
und tut hersagen, was ihr habt
gelernt nach meinem Mandat.

Der Heiland.

Für mich dürft ihr euch fürchten nicht,
euch guts zu tun bin ich verpflicht.
Mein Nam' ist Gott, mein Tun ist gut,
Mein Feind ist der, so Schaden tut.
Ich hab mit mir viel schöner Gaben
für Mägdlein und für junge Knaben,
Welche ich denen tu geben,
die schön und hübsch können beten.
Drum kommt, ihr lieben Kinderlein
Heran zu mir und betet fein!

Nachdem die Kinder ihre Gebete hergesagt, spricht der Heiland:

Das gefällt mir aus der Maßen wohl,
Drum ich euch billig lohnen soll.
Wohlan, Nikolaus, Diener mein,
teil aus die Gaben den Kinderlein!

Nikolaus.

Es soll geschehen, drum nehmet jetzt
die Gaben, die der heilge Christ
jetzt geben tut euch Kinderlein,
dieweil ihr noch könnt beten fein.

Der Heiland.

Ihr Kinderlein, nehmt so vor gut
und habt damit ein' guten Mut.
Wenn ihr hinfort werd't frömmer sein,
so will ich tun den Dienern mein
befehl'n, daß sie euch viel mehr
Gaben heut diese Nacht bescher'n.
Ich will euch auch geben allzeit
langes Leben und gute Gesundheit.
Desgleichen all mein Engelein,
solln euer Hüter und Wächter sein.
Wohlauf ihr Diener, allzumal
singt und lobt Gott mit Freudenschall.

Dann singt man ein Lied und Michael sagt zum Schluß:

Hiermit von hinnen scheiden wir
und wünsche, daß mögt erleben ihr
in Fried und guter Gesundheit
das künftig Jahr und allezeit.
Darzu auch denn der Engel Schar
wünscht ein glückselig neues Jahr.
Ihr Kinderlein habt ein gute Nacht,
was ihr gehört, fleißig betracht.
Der Segen Gottes sei mit euch,
zuteil werd euch das Himmelreich.
Guter Fried sei stets in dem Haus
Allen, die gehen ein und aus!

Derartige Christfahrten waren eigentliche Bescherungsspiele. Es sind auch im übrigen Sachsen solche Adventsumzüge gang und gäbe gewesen; so berichtet P. Kruschwitz im 1. Bande der »Bunten Bilder aus dem Sachsenlande« von dieser Volkssitte aus dem Eigenschen Kreis (zwischen Herrnhut und Ostritz) und H. v. Opell in Band 5 der Mitteilungen des Vereins für sächs. Volkskunde von ebensolchen »Christkindern« aus Niederfriedersdorf b. Neusalza. Der Inhalt deckt sich vollständig mit den Christfahrten des Erzgebirges, auch lassen einzelne Zeilen und Reime auf einen gemeinsamen Ursprung schließen. Der Schluß des letztgenannten Spiels ist ganz köstlich.

Die beiden »Christkinder« sprechen beim Gehen:

Nun so wünschen wir euch allen eine schöne gute Nacht,
von Samt und Seide ein Bettchen gemacht,
von Zucker und Rosinen eine Tür,
von Pfefferkuchen ein Schlößchen dafür,
und von Muskaten eine Schwell
und einen Engel zum Schlafgesell.

Die Rollen sind in den meisten Spielen die gleichen, nur die Namen der handelnden Personen sind verschieden, z. B. wurde der heilige Martin hier und da durch St. Petrus mit dem Schlüssel ersetzt. Wie schon angedeutet, wurden die Spiele durch die Hinzunahme eines oder zweier Ruprechte recht weltlich, ja oft sogar unflätig. Es wurden nicht nur die Kinder examiniert, sondern auch die »Großen« aus dem Hause. Daß es dabei nicht ohne kräftiges Necken und Spotten abging, erscheint, bei der Neigung der Erzgebirgler zur Satire, als selbstverständlich. Der heilige Charakter der Spiele war in Gefahr und hielt sich nur dadurch, daß man ihm Teile der kirchlichen Mettenspiele anhängte. So fügte man an die Christfahrt zunächst die Hirtenszene an und nannte das Ganze »Engelschar«. Diese zog am 1. Advent bis zu Hohneujahr in den Häusern umher. Dann trat die Königsschar in ihre Rechte, die hauptsächlich die Unterhandlungen der 3 Weisen mit Herodes, die Anbetung und den Kindermord enthielt. Diese »Königsschar« spielte am Epiphanias bis zur Fastnacht. Darin liegt vielleicht auch ihre Neigung zu komischen, ja grotesken Szenen begründet, man hatte einen bequemen Ersatz für die beliebten Fastnachtsspiele. Auch die »Engelschar« und die »Königsschar« erweiterten sich. Zur ersteren kam das Herbergsspiel mit dem Wirt und der Magd hinzu, letzteres vervollständigte sich durch Auftreten des Todes.

Solange in den Privatwohnungen gespielt wurde, nahm das Bescherungsspiel einen ziemlichen Raum ein; als man aber begann, die Spiele in die öffentlichen Säle zu verlegen, beschränkte man die »Christfahrt« und führte andere Szenen und Personen dafür ein. Man war dazu gezwungen, da das Ueberbleibsel doch zu dürftig ausgesehen hätte.

Ueber die Art und Weise des Auftretens der Christspiele sind uns verschiedene Aufzeichnungen erhalten, aus denen man zugleich ersieht, daß die Spiele durchaus nicht die volle Sympathie der Geistlichen und sonstigen Obrigkeitspersonen besaßen.

In dem Wild'schen Buche »Interessante Wanderungen durch das sächsische Obererzgebirge«, 1809 in Freiberg erschienen heißt es darüber:

»Sonst war auch das sogenannte heilige Christspiel gebräuchlich, wo Bergleute und andere gemeine Leute in schön gereimten Burlesken-Versen die Geburt Jesu als Lustspiel aufführten und so von Haus zu Haus zogen. Dabei war immer eine lustige Person, welche allerhand Possen trieb, z. B. dem König Herodes, welcher frisiert, mit goldenem Zepter und Reichsapfel auf einem hölzernen Stuhle saß, Schnupftabak unter die Nase rieb, daß er nießen mußte. Joseph wurde als hektisch vorgestellt und hatte eine Säge in der Hand, Marie sprach oft im schönsten Kontrebaß; denn Frauenzimmer waren bei dieser Truppe nicht; die Engel gingen in langen Hemden, mit vielen Bändern geschmückt und gepudert, und hielten mit einem seidenen Tuche große Husarensäbel in der Hand; die Hirten hatten hohe spitzige Hüte von Zuckerpapier auf und knallten entsetzlich mit den Peitschen, auch bliesen sie auf Nachtwächterhörnern; der Stern war von Pappe und ölgetränktem Papier an einer Stange aufgesteckt und konnte gedreht werden; manchmal brannte er, denn inwendig stak ein brennendes Licht. Das Christkind endlich war nicht himmlischer Abkunft, es sah erbärmlich aus und ward oft sehr übel behandelt. Uebrigens war immer ein Knecht Ruprecht dabei, welchen man im Gebirge Rupperich nennt, mit einer Klingel und einer Ofengabel erschien und mußte die nachlaufenden Kinder abschrecken. – Am sogenannten heiligen drei Königsfeste erschienen dabei gar diese drei Majestäten, wobei eine schwarz war. Doch seit mehreren Jahren hat dieser Unfug aufgehört, welcher eigentlich noch ein Ueberbleibsel des in Sachsen ehedem herrschenden Aberglaubens war.«

Härter noch äußert sich ein ungenannter Gewährsmann, wie man bei Behandlung des Thalheimer Spiels noch erkennen wird.

Allerhand Unzuträglichkeiten stellten sich ein. So berichtet Mosen (Seite 21), daß oft in der Stadt »zwei oder drei Engel- oder Königsscharen zusammenkamen, was bisweilen zu Unordnungen Anlaß gab.« So kam es endlich zu Verboten der Spiele. Sie verschwanden aus der Oeffentlichkeit. Im Geheimen lebten sie aber noch lange fort. Zäh hingen die Erzgebirger an dem alten Brauche, die Lokalchroniken bestätigen dies. Von Mund zu Mund erbten sich die Reimlein fort. Schließlich gedachte man ihrer noch als einer alten überlebten Sitte und alte Leute berichteten leuchtenden Auges von der schönen Zeit, da sie noch die Engelschar erlebt oder selbst mit dargestellt hatten. So kam auch mancher volkskundliche Sammler zu solchem Gut und hier und da stieß man in den Zeitungen auf einen Bericht über ein solches Spiel. Leider ward in den seltensten Fällen das ganze Spiel aufgezeichnet, sodaß man wohl eine Menge Bruchstücke, aber wenige vollständige Spiele besitzt. Der Bruder des bekannten Dichters Julius Mosen, der Gymnasiallehrer Gustav Mosen in Zwickau hat das große Verdienst, viele bis zum Jahre 1861 vorhandenen Bruchstücke gesammelt und aufgezeichnet zu haben. Das schlichte Büchlein, das er im Auftrage des Vereins zur Verbreitung guter und wohlfeiler Volksschriften herausgab, ist hier und da noch in Büchereien anzutreffen.

Mosen berichtet von Weihnachtsspielen in folgenden Orten: Gersdorf, Ernstthal, Zschopau, Annaberg und Umgegend, Frohnau, Wiesa, Hermannsdorf, Königswalde, Sehma, Cranzahl, Raschau, Markersbach, Großpöhla, Grünhain, Crottendorf, Aue, Pfannenstiel, Rittersgrün, Jöhstadt, Cunnersdorf, Geyer, Scheibenberg, Schlettau, Bockau, Grumbach, Buchholz, Bärenstein, Wildenau, Neudorf. Merkwürdigerweise sind ihm zwei vollständige Spiele nicht in die Hände gekommen, nämlich das Thalheimer und das Löwenhainer.

Auffallend ist eine gewisse Aehnlichkeit in den Spielen. Im Grunde genommen sind es wohl nur 4 oder 5, alle anderen sind durch die mündliche Weitergabe und durch die Anpassung an dem jeweiligen Ort und die verschiedene Zeit »zerspielt«.

Das Ernstthaler Spiel.[11]

Bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts hinein wurde das Stück regelmäßig in Ernstthal und jedenfalls auch in Gersdorf aufgeführt. Bühnendekoration war unnötig. Mosen fand leider nur noch Bruchstücke vor. Seine Uebereinstimmung mit dem Reichenbacher Spiel (R. in Schlesien) wurde schon erwähnt. Mosen teilt nur den Anfang mit.

Die Spieler singen in der Hausflur den Vers:

Hosianna, Davids Sohn, kommt in Zion eingezogen.

Dann geht der Schriftgelehrte ins Zimmer und spricht:

»Geliebte in dem Herrn!
Wir treten hier ein ohn allen Spott.
Einen schönen guten Abend, den geb Euch Gott
einen schönen guten Abend, eine fröhliche Zeit,
die Sie und Ihre Kinder erfreut.

Geliebte in dem Herrn! Wir sind heut hier versammelt, den großen Gedächtnistag unseres Erlösers mit unseren Mitchristen feierlich zu begehen und denselben, wie sichs bei Christis Geburt hat zugetragen, deutlich ans Herz zu legen und vor Augen zu stellen. Denn es ist ein Tag, den der Herr gemacht, sei Lob in alle Welt gebracht. Das laßt uns freuen und fröhlich sein und Gott die Ehre geben. Ja

Wie groß ist dieser Freudentag,
daran man sich versammeln mag,
zu loben unsern Gott allein,
der jetzt sein Volk läßt fröhlich sein.
Uns Menschen aber sei bewußt
die wundersüße Weihnachtslust.
Wir fangen an mit frischem Mut,
Euer Jesulein, das höchste Gut!

Dann singen alle Beteiligten den Vers: »Wachet auf, ruft uns die Stimme!« Nun treten die Schäfer auf. Das Stück trug schon zu Mosens Zeiten alle Zeichen des Verfalls, zusammengeflickt und verwirrt muß es gewesen sein, sodaß Mosen auf eine vollständige Wiedergabe verzichtet.

Vollständiger ist das

Zschopauer Spiel[12]

erhalten, von dem Mosen einige Stücke mitteilt. Dieses Weihnachtsstück führt den Namen »Die Ankunft Jesu«. Es ist von 1861 an des öfteren aufgeführt worden, nachdem es lange Jahre geruht hatte. Eine einfache Bühne wurde mit Hilfe von zwei spanischen Wänden hergestellt, über die der Stern emporgehalten wurde. Der Engel erschien von wirksamen Kolofoniumblitzen begleitet. Das Stück beginnt mit der Herbergsszene. Der Wirt weiß nicht, wie er seine Gäste unterbringen soll. Er spricht:

Ich weiß nicht, wie es werden soll,
die Stuben sind nun alle voll,
und kommen dennoch stündlich Leute.
Der Kaiser schreibt die Schatzung aus,
und dieses geht von Haus zu Haus!
ich weiß nicht, wo ich Raum bereite.

Knecht.

Herr Wirt, es ist hier noch ein Mann
mit einem zarten jungen Weibe
und redet Ihn um Herberg an.

Wirt.

Fast weiß ich nicht mehr, wo ich bleibe.
Geh hin und weist sie diesmal weg,
ich kann sie heute nicht behalten,

Der Knecht geht ab.

und wenn ich übern Stall sie steck,
da möchten sie vielleicht erkalten.

Der Knecht kommt wieder und spricht:

Die Leute hören gar nicht auf
zu bitten, höre doch ihr Flehen.

Wirt.

Weis' ich sie auf den Boden nauf,
das lässet nicht, es will nicht gehen.
Geh, bring sie beide zu mir her.
ich muß mit ihnen selber reden.

Der Knecht geht ab.

– Kein Sinnen hilft nun da nicht mehr,
da kommen sie schon angetreten.

Joseph und Maria kommen.

Joseph.

Herr Wirt, o laß Er sich bewegen,
und nahm er uns ins Haus herein;
was könnt Ihnen das für Freude sein,
wenn wir auf freier Straße lägen?

Maria.

Kann Ihn ein armes Weib bewegen,
so laß er uns nicht wieder gehn,
und sollten wir in'n Stall uns legen,
es soll mit Freuden gern geschehn.

Wirt.

I nun, so geht in jenen Stall,
wo sonsten Ochs und Esel stehn.

Maria.

O angenehmer Freudenstall!
Komm, Joseph, komm, wir wollen gehn!

Joseph.

Herr Wirt, es soll Ihn nicht gereuen,
daß er uns beide aufgenommen;
gewiß, wir wollen ehrlich sein,
er soll die Zahlung gut bekommen.

Dies ist der Schluß des ersten der fünf Akte. Der zweite enthält die Hirtenszene, der dritte die Unterredung der Weisen mit dem König Herodes, im vierten beten die Hirten und die Weisen im Stalle das Kind an, im fünften gibt Herodes den Befehl zum Kindermord, der Engel mahnt Joseph zur Flucht und zum Schluß treten noch einmal die drei Weisen und die drei Schäfer auf.

Der 1. Schäfer.

Habt Ihr das Kindlein auch gesehn?

Der 1. Weise.

Ich sah es in der Krippe schön.
Es war so hold, so zart und mild,
von lauter Sanftmut angefüllt.

Der 2. Weise.

Sein Wangen glänzten voller Huld,
voll Liebe, Sanftmut und Geduld.

Der 2. Schäfer.

So wollen wir hinnen scheiden,
des großen Gottes Ruhm ausbreiten.

Nun wird der Schlußvers gesungen

Heut schleußt er wieder auf die Tür
zum schönen Paradeis!
Der Cherub steht nicht mehr dafür,
Gott sei Lob, Ehr und Preis.

Die Wiesaer Engelschar.

Diese wurde nach Mosen (Seite 21) auch in Frohnau und Hermannsdorf aufgeführt. Weihnacht 1857 bemühten sich die Frohnauer das Spiel zur Aufführung zu bringen, es wurde ihnen indes die Erlaubnis versagt. Mosen teilt dieses Spiel vollständig mit. In die am Schlusse des Büchleins erfolgte Zusammenstellung ist aus diesem Spiel fast das ganze Vorspiel aufgenommen worden, nur wurde ein kleines Stück, das allzusehr die Bescherungsszene betont, weggelassen. Das Herbergsspiel ist vollständig dem Wiesaer Spiel entnommen. Nach Beendigung der genannten Szene fährt das Spiel fort. (Mosen Seite 29.)

Chor.

Steht ihr Hirten auf und wachet!
Seht doch, wie der Himmel lachet,
seht doch an die schöne Nacht.
Jeder Tag, der muß entweichen
und die schöne Nacht sich zeigen,
weil sie steht in voller Pracht.
Wir leben ohne Furcht und gehen hin zu sehn
das große Wunder, das in dieser Nacht geschehn.

Die Hirten gehen während dieses Gesanges in taktmäßigen Schritten im Zimmer auf und ab und zwar so, daß der eine unten ist, während der andere oben ist. Jetzt beginnt in derselben Weise fortschreitend, der große Hirt:

Schau, Bruder ein groß Wunder dar!

Der kleine Hirt, der jetzt auf der anderen Seite der Stube ist, spricht nach:

»Wunder da!«

Er wiederholt so bei jeder Verszeile die letzten Worte, bei denen sich beide Hirten allemal umwenden und nach der entgegengesetzten Seite gehen.

Die schwarze Nacht scheint hell und klar,
ein großes Licht bricht jetzt herein,
ihm weichet aller Sternenschein.

Der kleine Hirt.

Schau, Bruder, ein groß Wunderlicht!

(Der große Hirt wiederholt »Wunderlicht«, wie oben.)

Scheint ja die alte Sonne nicht,
weils wider die Natur die Nacht
zu einem hellen Tage erwacht.

Der große Hirt.

Was wird hierdurch und zeiget an,
daß sich die Natur so ändern kann?
Es muß ein großes Werk geschehn,
wie wir an diesem Zeichen sehn.

Nun erscheint der Engel und verkündet mit den Worten der heiligen Schrift die Geburt des Christkindes.

Der kleine Hirt.

Drum, Bruder, auf, geh mit mir einen Lauf,
nach Bethlehem wollen wir gahn
und wollen nach diesem Kindlein fran,
wie uns der Engel hat kundgetan.

Chor.

In dulcio jubilo,
nun singet und seid froh,
unseres Herzens Wonne
liegt in praesepio
und leuchtet als die Sonne.

Dann gehen die Hirten zu Maria und Joseph; der große Hirt spricht:

Ein schönen guten Abend, mein lieber Papa,
treffen wir das neugeborne Kindlein hier a?

Joseph.

Ja, ja, ja, ja!

Großer Hirt.

Wie heißt das Kind?

Joseph.

Emanuel.

Großer Hirt.

Was bringt es mit?

Joseph.

Trost, Heil der Seel!

Großer Hirt.

Ei, wer führt uns zu dem Kindelein?

Joseph.

Das tut der rechte Glaub allein.

Großer Hirt.

Ei, warum sollten wir da nicht fröhlich sein
und singen mit den lieben Engelein:
Laßt uns alle fröhlich sein?!

Chor.

Laßt uns alle fröhlich sein,
grüßen Gott den Herrn,
der sein liebes Söhnelein
uns selbst tut verehr'n.

Der große Hirt.

Ach mein herzliebstes Jesulein,
wenn ich was bei mir hätt,
das ich dir verehren tät!
Nun diesen Apfel geb ich dir,
das ewge Leben schenkst du mir.

Der kleine Hirt.

Ach mein herzliebstes Jesulein,
wenn ich a was bei mir hätt,
das ich dir verehren tät!
Ich hab noch ein alt hart Rinnel Brot,
hobs länger als vier Wochen in mein Kober gehot,
do, Alter, iß du's.

Nun singt der Chor den Liedvers:

»Heut schleußt er wieder auf die Tür«

wie im Zschopauer Spiel. Der heilige Christ spricht die Schlußworte:

Ihr Kinderlein, zur gute Nacht
seid nur auf Lob und Dank bedacht
und grüßet Jesum, Gottes Sohn,
der heut kimmt von des Himmels Thron.
Er wird dies Jahr noch oft einkehren
und übers Jahr vielmehr bescheren.

Mit einem Liedvers schließt das Spiel, während sich die Engelschar entfernt.