Achills Tod
Odysseus:
Wir zogen aus, auf des Atriden Rat,
Mit der gesamten Schar der Myrmidonen,
Achill und ich: Penthesilea, hieß es,
Sei in den scythschen Wäldern aufgestanden,
Und führ ein Heer, bedeckt mit Schlangenhäuten,
Von Amazonen, heißer Kampflust voll,
Durch der Gebirge Windungen heran,
Den Priamus in Troja zu entsetzen.
Am Ufer des Skamandros, hören wir,
Deiphobus auch, der Priamide, sei
Aus Ilium mit einer Schar gezogen,
Die Königin, die ihm mit Hilfe naht,
Nach Freundesart zu grüßen. Wir verließen
Die Straße jetzt, uns zwischen dieser Gegner
Heillosem Bündnis wehrend aufzupflanzen;
Die ganze Nacht durchwindet sich der Zug.
Doch, bei des Morgens erster Dämmerröte,
Welch ein Erstaunen faßt uns, Antiloch,
Da wir in einem weiten Tal vor uns
Mit des Deiphobus Iliern im Kampf
Die Amazonen sehn! Penthesilea,
Wie Sturmwind ein zerrissenes Gewölk,
Weht der Trojaner Reihen vor sich her,
Als gält es übern Hellespont hinaus,
Hinweg vom Rund der Erde sie zu blasen.
Wir sammeln uns,
Der Troer Flucht, die wetternd auf uns ein
Gleich einem Anfall keilt, zu widerstehn,
Und dicht zur Mauer drängen wir die Spieße.
Auf diesen Anblick stutzt der Priamide;
Und wir im kurzen Rat beschließen, gleich
Die Amazonenfürstin zu begrüßen:
Sie hat auch ihren Siegeslauf gehemmt.
War je ein Rat einfältiger und besser?
Hätt’ ihn Athene, wenn ich sie befragt,
Ins Ohr verständiger mir flüstern können?
Sie muß, beim Hades! diese Jungfrau, doch,
Die wie vom Himmel plötzlich, kampfgerüstet,
In unsern Streit fällt, sich darein zu mischen,
Sie muß zu einer der Partein sich schlagen;
Und uns die Freundin müssen wir sie glauben,
Da sie sich Teukrischen die Feindin zeigt.
Nun gut.
Wir finden sie, die Heldin Scythiens,
Achill und ich — in kriegerischer Feier
An ihrer Jungfraun Spitze aufgepflanzt,
Geschürzt, der Helmbusch wallt ihr von der Scheitel,
Und seine Gold- und Purpurtroddeln regend,
Zerstampft ihr Zelter unter ihr den Grund.
Gedankenvoll, auf einen Augenblick,
Sieht sie in unsre Schar, von Ausdruck leer,
Als ob in Stein gehaun wir vor ihr stünden;
Hier diese flache Hand, versichr’ ich dich,
Ist ausdrucksvoller als ihr Angesicht:
Bis jetzt ihr Aug auf den Peliden trifft:
Und Glut ihr plötzlich, bis zum Hals hinab,
Das Antlitz färbt, als schlüge rings um sie
Die Welt in helle Flammenlohe auf.
Sie schwingt, mit einer zuckenden Bewegung,
— Und einen finstern Blick wirft sie auf ihn —
Vom Rücken sich des Pferds herab und fragt,
Die Zügel einer Dienrin überliefernd,
Was uns in solchem Prachtzug zu ihr führe.
Ich jetzt: wie wir Argiver hoch erfreut,
Auf eine Feindin des Dardanervolks zu stoßen;
Was für ein Haß den Priamiden längst
Entbrannt sei in der Griechen Brust, wie nützlich,
So ihr, wie uns, ein Bündnis würde sein;
Und was der Augenblick noch sonst mir beut:
Doch, mit Erstaunen, in dem Fluß der Rede,
Bemerk ich, daß sie mich nicht hört. Sie wendet
Mit einem Ausdruck der Verwunderung,
Gleich einem sechzehnjährigen Mädchen plötzlich,
Das von olympischen Spielen wiederkehrt,
Zu einer Freundin ihr zur Seite sich,
Und ruft: „Solch einem Mann, o Prothoe, ist
Otrere, meine Mutter, nie begegnet!“
Die Freundin, auf dies Wort betreten, schweigt,
Achill und ich, wir sehn uns lächelnd an,
Sie ruht, sie selbst, mit trunknem Blick schon wieder
Auf des Aeginers schimmernder Gestalt:
Bis jen’ ihr schüchtern naht und sie erinnert,
Daß sie mir noch die Antwort schuldig sei.
Drauf mit der Wangen Rot, war’s Wut, war’s Scham,
Die Rüstung wieder bis zum Gurt sich färbend,
Verwirrt und stolz und wild zugleich: sie sei
Penthesilea, kehrt sie sich zu mir,
Der Amazonen Königin, und werde
Aus Köchern mir die Antwort übersenden!
Hierauf unwissend jetzt,
Was wir von diesem Auftritt denken sollen,
In grimmiger Beschämung gehn wir heim,
Und sehn die Teukrischen, die unsre Schmach
Von fern her, die hohnlächelnden, erraten,
Wie im Triumph sich sammeln. Sie beschließen
Im Wahn, sie seien die Begünstigten,
Und nur ein Irrtum, der sich lösen müsse,
Sei an dem Zorn der Amazone schuld,
Schnell ihr durch einen Herold Herz und Hand,
Die sie verschmäht, von neuem anzutragen.
Doch eh der Bote, den sie senden wollen,
Den Staub noch von der Rüstung abgeschüttelt,
Stürzt die Kenaurin, mit verhängtem Zügel,
Auf sie und uns schon, Griech und Troer ein.
Mit eines Waldstroms wütendem Erguß
Die einen, wie die andern, niederbrausend.
Jetzt hebt
Ein Kampf an, wie er, seit die Furien walten,
Noch nie gekämpft ward auf der Erde Rücken.
So viel ich weiß, gibt es in der Natur
Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes.
Was Glut des Feuers löscht, löst Wasser siedend
Zu Dampf nicht auf und umgekehrt. Doch hier
Zeigt ein ergrimmter Feind von beiden sich,
Bei dessen Eintritt nicht das Feuer weiß,
Ob’s mit dem Wasser rieseln soll, das Wasser,
Ob’s mit dem Feuer himmelan soll lecken.
Der Troer wirft, gedrängt von Amazonen,
Sich hinter eines Griechen Schild, der Grieche
Befreit ihn von der Jungfrau, die ihn drängte,
Und Griech und Troer müssen jetzt sich fast,
Dem Raub der Helena zu Trotz, vereinen,
Um dem gemeinen Feinde zu begegnen.
Diomedes:
Seit jenem Tage
Grollt über dieser Ebne unverrückt
Die Schlacht, mit immer reger Wut, wie ein
Gewitter, zwischen waldgekrönter Felsen Gipfeln
Geklemmt. Als ich mit den Ätoliern gestern
Erschien, der Unsern Reihen zu verstärken,
Schlug sie mit Donnerkrachen eben ein,
Als wollte sie den ganzen Griechenstamm
Bis auf den Grund, die Wütende, zerspalten.
Der Krone ganze Blüte liegt, Ariston,
Astyanax, vom Sturm herabgerüttelt,
Menandros auf dem Schlachtfeld da, den Lorbeer
Mit ihren jungen, schönen Leibern groß
Für diese kühne Tochter Ares’ düngend.
Mehr der Gefangnen siegreich nahm sie schon,
Als sie uns Augen, sie zu missen, Arme,
Sie wieder zu befrein, uns übrig ließ.
— Oft, aus der sonderbaren Wut zu schließen,
Mit welcher sie, im Kampfgewühl, den Sohn
Der Thetis sucht, scheint’s uns, als ob ein Haß
Persönlich wider ihn die Brust ihr füllte.
So folgt, so hungerheiß, die Wölfin nicht
Durch Wälder, die der Schnee bedeckt, der Beute,
Die sich ihr Auge grimmig auserkor,
Als sie, durch unsre Schlachtreihn, dem Achill.
Doch jüngst, in einem Augenblick, da schon
Sein Leben war in ihre Macht gegeben,
Gab sie es lächelnd, ein Geschenk, ihm wieder:
Er stieg zum Orkus, wenn sie ihn nicht hielt.
Denn als sie um die Abenddämmrung gestern
Im Kampf, Penthesilea und Achill,
Einander trafen, stürmt Deiphobus her,
Und auf der Jungfrau Seite hingestellt,
Der Teukrische, trifft er dem Peleiden
Mit einem tück’schen Schlag die Rüstung prasselnd,
Daß rings der Ormen Wipfel widerhallten,
Die Königin, entfärbt, läßt zwei Minuten
Die Arme sinken: und die Locken dann
Entrüstet um entflammte Wangen schüttelnd,
Hebt sie vom Pferdesrücken hoch sie auf,
Und senkt, wie aus dem Firmament geholt,
Das Schwert ihm wetterstrahlend in den Hals,
Daß er zu Füßen hin, der Unberufne,
Dem Sohn, dem göttlichen, der Thetis rollt.
Er jetzt, zum Dank, will ihr, der Peleide,
Ein Gleiches tun; doch sie bis auf den Hals
Gebückt, den mähnumflossenen, des Schecken,
Der, in den Goldzaum beißend, sich herumwirft,
Weicht seinem Mordhieb aus, und schießt die Zügel,
Und sieht sich um, und lächelt, und ist fort.
Hauptmann:
Ein neuer Anfall, heiß wie Wetterstrahl,
Schmolz, dieser wuterfüllten Mavorstöchter,
Rings der Ätolier wackre Reihen hin,
Auch uns, wie Wassersturz, hernieder sie,
Die unbesiegten Myrmidonier, gießend.
Vergebens drängen wir dem Fluchtgewog
Entgegen uns: in wilder Überschwemmung
Reißt’s uns vom Kampfplatz strudelnd mit sich fort:
Und eher nicht vermögen wir den Fuß,
Als fern von den Peliden festzusetzen.
Erst jetzo wickelt er, umstarrt von Spießen,
Sich aus der Nacht des Kampfes los, er rollt
Von eines Hügels Spitze scheu herab,
Auf uns kehrt glücklich sich sein Lauf, wir senden
Aufjauchzend ihm den Rettungsgruß schon zu;
Doch es erstirbt der Laut im Busen uns,
Da plötzlich jetzt sein Viergespann zurück
Vor einem Abgrund stutzt, und hoch aus Wolken
In grause Tiefe bäumend niederschaut.
Vergebens jetzt, in der er Meister ist,
Des Isthmus ganze vielgeübte Kunst:
Das Roßgeschwader wendet, das erschrockne,
Die Häupter rückwärts in die Geißelhiebe,
Und im verworrenen Geschirre fallend,
Zum Chaos, Pferd und Wagen, eingestürzt,
Liegt unser Göttersohn, mit seinem Fuhrwerk,
Wie in der Schlinge eingefangen da.
Es stürzt
Automedon, des Fahrzeugs rüst’ger Lenker,
In die Verwirrung hurtig sich der Rosse:
Er hilft dem Viergekoppel wieder auf.
Doch eh er noch aus allen Knoten rings
Die Schenkel, die verwickelten, gelöst,
Sprengt schon die Königin, mit einem Schwarm
Siegreicher Amazonen, ins Geklüft,
Jedweden Weg zur Rettung ihm versperrend.
Sie hemmt, Staub rings umqualmt sie,
Des Zelters flücht’gen Lauf, und hoch zum Gipfel
Das Angesicht, das funkelnde, gekehrt,
Mißt sie, auf einen Augenblick, die Wand:
Der Helmbusch selbst, als ob er sich entsetzte,
Reißt bei der Scheitel sie von hinten nieder.
Drauf plötzlich jetzt legt sie die Zügel weg,
Man sieht, gleich einer Schwindelnden, sie hastig
Die Stirn, von einer Lockenflut umwallt,
In ihre beiden kleinen Hände drücken.
Bestürzt, bei diesem sonderbaren Anblick,
Umwimmeln alle Jungfraun sie, mit heiß
Eindringlicher Gebärde sie beschwörend;
Die eine, die zunächst verwandt ihr scheint,
Schlingt ihren Arm um sie, indes die andre,
Entschloßner noch, des Pferdes Zügel greift:
Man will den Fortschritt mit Gewalt ihr wehren,
Doch sie — Ihr hört’s.
Umsonst sind die Versuche, sie zu halten,
Sie drängt mit sanfter Macht von beiden Seiten
Die Fraun hinweg, und im unruh’gen Trabe
An dem Geklüfte auf und nieder streifend,
Sucht sie, ob nicht ein schmaler Pfad sich biete
Für einen Wunsch, der keine Flügel hat;
Drauf jetzt, gleich einer Rasenden, sieht man
Empor sie an des Felsens Wände klimmen,
Jetzt hier, in glühender Begier, jetzt dort,
Unsinn’ger Hoffnung voll, auf diesem Wege
Die Beute, die im Garn liegt, zu erhaschen.
Jetzt hat sie jeden sanftern Riß versucht,
Den sich im Fels der Regen ausgewaschen;
Der Absturz ist, sie sieht es, unersteiglich;
Doch, wie beraubt des Urteils, kehrt sie um,
Und fängt, als wär’s von vorn, zu klettern an.
Und schwingt, die Unverdrossene, sich wirklich
Auf Pfaden, die des Wandrers Fußtritt scheut,
Schwingt sich des Gipfels höchstem Rande näher
Um einer Orme Höh; und da sie jetzt auf einem
Granitblock steht, von nicht mehr Flächenraum
Als eine Gemse sich zu halten braucht;
Von ragendem Geklüfte rings geschreckt,
Den Schritt nicht vorwärts mehr, nicht rückwärts wagt;
Der Weiber Angstgeschrei durchkreischt die Luft:
Stürzt sie urplötzlich, Roß und Reiterin,
Von los sich lösendem Gestein umprasselt,
Als ob sie in den Orkus führe, schmetternd
Bis an des Felsens tiefsten Fuß zurück,
Und bricht den Hals sich nicht und lernt auch nichts:
Sie rafft sich bloß zu neuem Klimmen auf.
Das Fahrzeug steht, die Rosse auch, geordnet —
— Hephästos hätt in so viel Zeit fast neu
Den ganzen erznen Wagen schmieden können —
Er schwingt dem Sitz sich zu und greift die Zügel:
Ein Stein fällt uns Argivern von der Brust.
Doch oben jetzt, da er die Pferde wendet,
Erspähn die Amazonen einen Pfad,
Dem Gipfel sanfthin zugeführt, und rufen,
Das Tal rings mit Geschrei des Jubels füllend,
Die Königin dahin, die sinnberaubte,
Die immer noch des Felsens Sturz versucht.
Sie, auf dies Wort, das Roß zurücke werfend,
Rasch einen Blick den Pfad schickt sie hinan;
Und dem gestreckten Parder gleich, folgt sie
Dem Blick auch auf dem Fuß: er, der Pelide,
Entwich zwar mit den Rossen, rückwärts strebend;
Doch in den Gründen bald verschwand er mir,
Und was aus ihm geworden, weiß ich nicht.
Die Amazonen werden zurückgedrängt, und ihre Königin, durch einen Speerwurf Achills ohnmächtig geworden, fällt in die Hände der Griechen. Nach dem Erwachen hält sie Achilleus, der waffenlos vor ihr steht, für ihren Gefangenen. Sie gesteht ihm ihre Liebe und will ihn mit ins Amazonenreich führen. Achilleus aber weigert sich, mit der Königin zu ziehen; er will Penthesilea mit sich nehmen und auf den Thron seiner Väter setzen. Penthesilea erkennt, daß sie die Gefangene des Peliden ist. Aber schon rücken die Amazonen wieder siegreich vor, und die Königin wird befreit. Der Grieche fordert sie nun zum Zweikampf auf, um die Geliebte wieder zu gewinnen. Sie jedoch erblickt in dieser Forderung den schmählichsten Hohn und zieht als rasende Rächerin mit Hunden und Elefanten dem Peliden entgegen.
Meroe:
Ihr wißt,
Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen,
Sie, die fortan kein Name nennt —
In der Verwirrung ihrer jungen Sinne,
Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen,
Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend.
Von Hunden rings umheult und Elefanten,
Kam sie daher, den Bogen in der Hand:
Der Krieg, der unter Bürgern rast, wenn er,
Die blutumtriefte Graungestalt, einher
Mit weiten Schritten des Entsetzens geht,
Die Fackel über blühnde Städte schwingend,
Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie.
Achilleus, der, wie man im Heer versichert,
Sie bloß ins Feld gerufen, um freiwillig
Im Kampf, der junge Tor, ihr zu erliegen:
Denn auch er — o wie mächtig sind die Götter! —
Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend,
Und wollt ihr zu Dianas Tempel folgen;
Er naht sich ihr voll süßer Ahnungen,
Und läßt die Freunde hinter sich zurück.
Doch jetzt, da sie mit solchen Gräulnissen
Auf ihn herangrollt, ihn, der nur zum Schein
Mit einem Spieß sich arglos ausgerüstet:
Stutzt er und dreht den schlanken Hals, und horcht,
Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder:
Gleich einem jungen Reh, das im Geklüft
Fern das Gebrüll des grimmen Leun vernimmt.
Er ruft: „Odysseus!“ mit beklemmter Stimme,
Und sieht sich schüchtern um, und ruft: „Tydide!“
Und will zurück noch zu den Freunden fliehn:
Und steht, von einer Schar schon abgeschnitten,
Und hebt die Händ empor, und duckt und birgt
In eine Fichte sich, der Unglücksel’ge,
Die schwer mit dunklen Zweigen niederhängt. —
Inzwischen schritt die Königin heran,
Die Doggen hinter ihr, Gebirg und Wald
Hochher, gleich einem Jäger, überschauend;
Und da er eben, die Gezweige öffnend,
Zu ihren Füßen niedersinken will:
„Ha! sein Geweih verrät den Hirsch,“ ruft sie
Und spannt mit Kraft der Rasenden sogleich
Den Bogen an, daß sich die Enden küssen,
Und hebt den Bogen auf, und zielt und schießt,
Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals; er stürzt!
Ein Siegsgeschrei schallt roh im Volk empor.
Jetzt gleichwohl lebt der ärmste noch der Menschen,
Den Pfeil, den weit vorragenden, im Nacken,
Hebt er sich röchelnd auf, und überschlägt sich,
Und hebt sich wiederum und will entfliehn;
Doch „Hetz!“ schon ruft sie: „Tigris! hetz, Leäne!
Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon!“
Und stürzt — stürzt mit der ganzen Meut, o Diana!
Sich über ihn, und reißt — reißt ihn beim Helmbusch,
Gleich einer Hündin, Hunden beigesellt;
Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken,
Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn wieder!
Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend,
Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:
„Penthesilea! meine Braut! was tust du?
Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?“
Doch sie — die Löwin hätte ihn gehört,
Die hungrige, die wild nach Raub umher,
Auf öden Schneegefilden heulend treibt —
Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend,
Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,
Sie und die Hunde, die wetteifernden,
Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte,
In seine linke sie; als ich erschien,
Troff Blut von Mund und Händen ihr herab.
Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle,
Bei seiner Leich, umschnüffelt von der Meute,
Und blicket starr, als wär’s ein leeres Blatt,
Den Bogen siegreich auf der Schulter tragend,
In das Unendliche hinaus, und schweigt.
Wir fragen mit gesträubten Haaren sie:
Was sie getan? Sie schweigt. Ob sie uns kenne?
Sie schweigt. Ob sie uns folgen will? Sie schweigt,
Entsetzen faßt mich, und ich floh zu euch.
Heinrich von Kleist