Der befreite Prometheus
Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus;
Er war erlöst, Zeus gab ihn frei.
Der Riese durfte endlich von dem Gletscher
Herunter, drauf er büßend lag;
Er durfte nun hinab auf seine Erde,
Hin zu den Menschen, die er so geliebt,
Daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz,
Das Feuer des Olympos für sie stahl.
Nicht dauerte den Götterkönig
Der Himmelsgünstling, der abtrünnige.
Warum auch lockte die Versuchung ihn,
Den Menschen Göttergut hinabzutragen;
Er hatte seinen Lohn dahin,
Den Heilandslohn,
Nach der Olympier unerbittlichem Gesetz.
Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus,
Und Laune war’s und Gnade, daß sein Blitz
Vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte,
Die lavastarr gehärteten.
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O lange Qual! O Leib, zerfleischt, entstellt!
Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel:
Kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger
Das große Wundmal unterm Herzen schützen,
Das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen
Des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars.
O Tag voller Wut und Ohnmacht!
O Tag der Bitternis, da ihm die Hand,
Die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,
Zum ersten Male
Erlahmte vor der Übermacht des Neides,
Des weltbeschattenden, der Götter all!
O Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!
Doch nun war alles überwunden.
Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen.
Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft
Der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge,
Als trüg er in sich, wie ein Fremder kalt,
Nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft.
Um seine schmerzgeübte Stirne zauste
Der eisige Wind des Haars ergraute Büschel.
So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.
Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen.
Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder.
Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten.
Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen,
Seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,
Seit er den unstet Irrenden
Den ersten warmen, festen Herd gebaut.
Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen,
Die tierisch-wild in Hader, Haß und Habgier
Einst um das nackte Leben markteten,
Die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.
Und nieder kam er in die mildern Lüfte,
Ins ebne Land; da sah er blühende Triften,
Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
Und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
Da lachte seine Seele: „Sieh doch, Zeus,
War das nicht wert der tausendjährigen Pein?
Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!“
Und in die Dörfer ging er, in die Städte,
Und sah die Menschen, sah sie leben, sterben,
Und ging und ging, und suchte hin und her,
Und fand:
Weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor.
Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen
Als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß.
Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid —
Den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel,
Den Neid der Menschen um Besitz —
Und war genug doch da, genug für alle.
In Hütten sah er, in die Burgen sah er,
Doch es war alles eines,
War alles wie zuvor — und schlimmer noch.
Zuletzt und matt betrat er eines Priesters
Entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede,
Den er vergebens bei den andern suchte;
Dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes
Heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe,
Wollt er noch einmal unter Menschen rasten
Und dann auf immer in die Einsamkeit.
Zum Hausherrn, der die Flamme schürte, sprach er:
„Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“
Der wandte sich erschrocken, blickte scheu
Dem großen Mann ins seltsame Gesicht,
Und schlich geduckt davon und schloß sich ein,
Und durch die Tür quoll eine fette Stimme:
„Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart!
Prometheus, der ist tot — und kommt nicht wieder.
Ja, damals waren bessre Zeiten noch
Als heute!“
Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.
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Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und
Der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle
Schlug er lang hin, zum erstenmal laut schluchzend,
Und wehklagte: „O Zeus! Sehr furchtbar strafst du!
So nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen!
Das war das Letzte! Ich will sterben gehn!“
Und jäh und gellend riß sich
Ein Lachen los aus der vernarbten Brust,
Und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese:
„Weg von den Menschen! Weg! Zum Meer! Ins Meer!
Im Meer, da find ich Ruhe, endlich Ruhe!“ —
Da stand er oben, starr, auf steiler Klippe.
Denn wieder sah er im Gelände unten
Die blühenden Fluren, die beglänzten Triften,
Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
Und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
Da überfiel ihn totgeglaubter Gram,
Da überfuhr ihn nie erlebter Grimm,
Brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und
In rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend,
Schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend
Flog übers Meer sein weinendes Gelächter:
„O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen,
Die mir mein Gut, mein göttliches, veraast!
— Ha, meine Menschen, hahaha —“
Da horch, was scholl da? Drang da nicht ein Schrei,
Ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf?
Er stierte: dunkel rollend ging die See,
Von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt,
Und auf dem Gischt trieb halb zerschellt ein Kahn,
Und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben.
Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut
Ein andres Boot heran, draus warf sich
Ein zweiter Fischer in die Brandung.
Und oben auf der Klippe stand Prometheus,
Und stierte, stierte und erkannte sie:
Auf seiner Wandrung hat er sie gesehn,
Die ersten Menschen waren’s, die er traf:
Todfeinde waren’s — und jetzt kämpfte dort
Der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben!
Und endlich siegten sie den schweren Sieg,
Und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend,
Sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter,
Einander in die Arme.
Und oben auf der Klippe stand Prometheus,
Und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken,
Und sah sie lachen — und nun jauchzen sie.
Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut,
Da überfiel ihn nie erlebte Demut,
Und in die Knie taumelte Prometheus,
Und auf zum Himmel stammelte Prometheus:
„O Zeus! Ich danke dir! Du armer Gott!
Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe!
O laß mich leben, laß mich leiden!
Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“
Richard Dehmel