Der junge Themistokles
In Athens gepriesnen Hallen saßen Jünglinge beim Mahl —
Blut der Syrakuser Traube rötete den Goldpokal.
Wie den Becher überwallend schäumend stieg die Purpurflut —
So aus jeder Wange sprühte Lebensfülle, Jugendmut.
Ob man hier von Rosen-Jungfraun — dort vom Vaterlande sprach
Oder siegend hier die Wahrheit aus des Sehers Lippen brach:
So gewannst du über alle, Himmelstochter, doch den Sieg,
Freude, die mit goldnem Flügel vom Olympos niederstieg.
Einen hast du nicht bezwungen, Siegerin, der lächelt nicht —
Ernst wie Pallas’ Götterauge blickt sein stolzes Angesicht.
Weit entrückt hat seine Seele sich der Gäste munterm Schwarm —
Quält nach Ruhm ihn heißes Schmachten, peinigt ihn der Liebe Harm?
Und des Gastmahls junger König nimmt ein Lautenspiel zur Hand —
Prüft den Ton mit leichtem Finger, bis er sich den rechten fand —
Hebet an ein Lied zu singen, singt mit süßer Stimme Ton,
Wie der Thraker herzbesiegend, schmeichelnd wie Anakreon.
Reicht dem Nächsten dann die Laute, und auch der hat sie gestimmt
Und gesungen, daß ein jeglich Herz in Lust und Wonne schwimmt.
Und von Hand zu Hand ging weiter so die Laute durch die Reihn,
Jeder sang von Lieb und Rosen, Frühling, Vaterland und Wein.
Als sie nun zu dem gekommen, der so finster sitzt und schweigt,
Hat er schweigend sie empfangen, schweigend weiter sie gereicht.
Und es höhnten ihn die andern, sprachen: „Nicht dem frohen Kreis
Nahe sich, wer zu der Laute nicht ein Lied zu singen weiß!“
Und errötend sprach der Jüngling: „Lieder singen lernt’ ich nie —
Aber nennt zu Hellas’ Ehre eine Tat — ich leiste sie!“
Weiter wanderte die Laute, und als unter Phöbos’ Joch
Längst die Himmelsrosse flogen, klangen hell die Lieder noch.
Und wer waren jene Sänger? — Ihre Namen hört ich nicht;
Gleich den Rosen ihres Festes welkten sie im Morgenlicht.
Willst du wissen, wie der Jüngling, der nicht singen konnte, hieß?
Durch Äonen trägt ihm brausend der Gesang von Salamis!
Karl von Alsen