Die Mutter des Siegers
Im weiten Rund des Stadion zu Olympia
Sitzt, Kopf an Kopf gedrängt, in Schaubegier
Das Volk von Hellas. Voll zum Rand hinan
Am frühen Morgen schwoll die Volkeswoge,
Um zu erstarren, bis die Sonne sinkt.
Kein Weiberantlitz auf den Stufen rings,
Nur der Demeter greise Priesterin
Zunächst dem Hochsitz der Hellanodiken,
Denn uralt heiliges Gesetz gebeut:
Wenn je aus frevlem Vorwitz sich ein Weib
Einschlich in den Bezirk der Spiele, hoch
Herabgestürzt von jenen Felsenzacken,
Die in Olympias Ebne niederschaun,
Soll sie zerschellten Haupts die Neugier büßen.
Der Tag verkühlt sich. Schon zum Meer hinab
Sein feurig Viergespann lenkt Helios,
Mit Zögern scheint’s, um aus der blauen Höhe
Der Spiele stolzem Reigen zuzuschaun,
Da wird es still im ungeheuren Ring.
Die Volkesbrandung hält den Atem an,
Und einen schlanken Jüngling an der Hand
Des Herolds sieht man nahn dem Ehrensitz
Der Kampfesrichter. Auf den breiten Schultern
Trägt er das kleine Haupt, den Blick gesenkt,
Daß durch die schwarzen Wimpern nur verstohlen
Ein scheuer Blitz der stolzen Freude zuckt.
Die Stirn, von weichen Locken tief verhangen,
Die Brust gewölbt gleich der des Götterboten,
Eratmend süß im linden Abendhauch,
Tritt er mit stockenden Schritten, ob er auch
Die Kraft der jungen Schenkel eben erst
Bewährt im Wettlauf, vor die Alten hin,
Die Ruhmausteilenden, und neigt das Haupt,
Gleichwie belastet von der Wucht des Glücks.
Im Fünfkampf blieb er Sieger, erst im Sprung,
Im Diskuswurf, im Lauf, im Ringen dann,
Zuletzt im Faustkampf. Nun wie traumentrückt,
Wie zweifelnd an des wachen Tages Licht,
Steht er den tausend Gaffenden zur Schau,
Und flüsternd durch die Reihen läuft sein Name:
„Koröbos, Sohn des Pelias.“
Und jetzt
Herab vom Hochsitz naht der älteste
Der Kampfesrichter, milden Angesichts.
Vom schlanken Tisch aus Gold und Elfenbein,
Auf dem die Kränze ruhn und Siegespalmen,
Den dichtbelaubtesten, wie Silber schimmernd,
Nimmt er und drückt des heil’gen Ölbaums Zweig
Dem Sieger aufs gesenkte Lockenhaupt,
Indes der Herold laut den Namen ausruft:
„Koröbos, Sohn des Pelias, aus Elis,
Sieger im Fünfkampf.“
Brausend in der Runde,
Wie Meeresbrandung schallt der Jubelruf,
Und schon erhebt der Palme zarten Zweig,
Der Ehren herrlichste, des Greisen Hand,
Da plötzlich von den höchsten Stufen dringt
Ein wirrer Lärm herab, ein eifernd Toben
Empörter Stimmen. Innehält der Greis
Und blickt empor. Und durch die Sitzreihn nieder
Zur ebnen Bahn wälzt sich ein wilder Hauf,
Nachschleppend eine dürftige Gestalt,
Klein, welken Angesichts, zerzausten Haars, —
Ein Weib! — Verwünschungen, geballte Fäuste,
Und jetzt — horch! — aus des Jünglings Mund ein Schrei:
„Mutter! O Mutter!“ — und er stürzt zu ihr,
Umfängt die wie in Ohnmacht Hingesunkne
Und hält sie stammelnd fest ans Herz gedrückt.
Doch aus der wütenden Rotte tritt der Führer
Und ruft: „Wir bringen euch dies Weib, ihr Richter,
Daß sie den Bruch der heil’gen Ordnung büße.
Zwei Tage schon, als wie ein greises Männlein,
In sich gebückt, sah sie den Spielen zu,
Und nicht ein Laut erging aus ihrem Munde,
So daß den Nachbarn taubstumm sie erschien.
Doch jetzt, da diesen Jüngling du bekränzt
Als Sieger im Pentathlon, plötzlich hören
Wir ein Gestöhn des wunderlichen Wesens;
Ein heftig Schluchzen hebt und senkt die Brust,
Und seinem Aug entbricht ein Tränensturz.
Das sehn wir Nächsten mitleidvoll, und ich,
Im Wahn, das Wichtlein sei von jäher Krankheit
Befallen, will den Kopf ihm heben. Da
Streif ich den Bart ihm ab, und offenbar
Wird ihr Geschlecht und des Geschlechtes Schwäche,
Die Neugier, die sie zu Verbotnem trieb.
Nun bringen wir zu euch die Frevlerin,
Daß ihr sie richten mögt.“
Alsbald erhob sich
Die Frau, und aus des Jünglings Arm sich lösend,
In Demut vor die Richter trat sie hin:
„Ja, richtet mich! Mein Leben ist verwirkt:
Ich flehe nicht um Schonung. Was auch könnten
Mir Götter gönnen noch nach diesem Tag,
Der mich erhöht vor allen Weibern sah!
Durft ich nicht meines Lieblings Sieg und Ruhm
Mit Augen schaun? Das blieb zuvor mir streng
Versagt. Denn dreimal kam mein lieber Mann
Heim von Olympia mit dem gleichen Schmuck;
Doch nicht des Volkes Zuruf, nicht die Ehren
Der Kränzung seiner Stirn erlebt ich mit.
Zweimal bekränzt dann ward mein ältster Sohn,
Bis sie zuletzt ihn blutig und entseelt,
Da ihn im Wagenkampf die Rosse schleiften,
Ins Haus mir brachten. Meinen zweiten, ach!
Der fortzog in den Perserkampf, ihn sah
Mein Aug nie wieder. Nur die Kunde kam,
Ihn habe, rühmlich kämpfend, sein Geschick
Ereilt im Blutgefild. Nur einer blieb mir,
Nur mein Koröbos. Als er von mir ging,
Gelockt vom Ruhm des Vaters und der Brüder,
Da litt es mich im öden Hause nicht.
Ein Männerkleid verschafft ich mir und fälschte
Mein Antlitz, denn ich dachte, wenn auch ihm
Vielleicht die Moira steckt ein frühes Ziel, —
Jung soll ja sterben, wen die Götter lieben —
Bist du doch nah und kannst in deinem Schoß
Weich betten sein veratmend Haupt. Denn das
Bleibt ewig einer Mutter Recht und Pflicht,
Und kein Gesetz, das Menschen je erdacht,
Löscht diese Schrift in ihrem Busen aus.
Und so, getrost, beging ich, was verpönt,
Und nicht bereu ich’s. Von dem Felsen dort
Hinabgestoßen, mit dem letzten Hauch
Den Göttern dank ich, die mich so begnadet,
Und nicht in Lethes Fluten könnt ich je
Vergessen trinken dieses Freudentags,
Der mir der letzte war.“
Sie schwieg, den Blick
Auf ihren Liebling haftend, tränenlos,
Verklärt. Und eine Stille ward ringsum,
Und in der Brust der strengen Richter schwankte
Die tiefbewegte Seele. Da erhob sich
Die greise Priesterin und sprach: „Wie könnt ihr
Noch zweifeln? Hört ihr nicht der Götter Stimme,
Die laut zu euerm Herzen spricht? Dies Weib,
Das ein Geschlecht von Siegern Hellas gab
Und, ihrer Mutterpflicht gedenk, dem Tod
Getrotzt, steht über dem Gesetz, und mir
Gesellt sie zu ihr priesterlicher Adel.
Mögt ihr sie denn verdammen, rauhe Männer —
Die Göttin, der ich diene, spricht sie los,
Und Zuflucht findet sie an meinem Busen.“
So sprechend nahte sie der Staunenden,
Und sanft zu ihr sich neigend, rührte sie
Die Stirn ihr an mit schwesterlichem Kuß.
Der Jüngling aber, jauchzend, ungestüm,
Schlang um der Mutter Leib den starken Arm
Und hob sie auf, und wiegend auf der Schulter
Trug im Triumph er strahlend sie dahin,
Die weite Bahn umschreitend, allem Volk
Sein Mütterlein zu zeigen. Und ringsum
Begrüßten winkend ausgestreckte Hände
Und tausendstimm’ger Jubelruf das Paar:
„Heil, Heil dem Sieger! Heil der edlen Frau,
Der Glücklichen, die ihn gebar.“
Sie aber,
Das Haupt des Sohns umklammernd, bleich und still,
Erhob die Blicke nicht, in sich gebückt,
Und weinte, leise „mein Koröbos!“ flüsternd,
Auf seinem Kranz. Schwerer ward und schwerer
Die leichte Last, und tief und tiefer sank
Das Haupt der Mutter auf des Sohnes Locken,
Und als den Rundgang er vollbracht, da glitt
Ein stumm verblichen Weib ihm aus den Armen.
„Das Glück hat sie entseelt!“ so flüsterten
Die Greise, da der Jüngling, tiefauf stöhnend,
Hinkniete zu der Toten. Doch die Priestrin
Nahm einen Palmenzweig vom Tisch und legt
Ihn auf die Brust der selig Ruhenden.
Und eine Stille ward im weiten Rund,
Als hörten sie die weichen Flügel rauschen
Des Götterboten, der zur Schattenwelt
Die Seele forttrug dieser Siegerin.
Paul Heyse