Hektor und Andromache
Aber Hektor fand in den Gemächern
Nirgends Andromache. Denn sie stand mit dem Kinde
Noch auf dem Turm und jammerte dort und weinte,
Und als er nirgends im Hause seine Frau
Antraf, trat er unter die Türe des Hauses:
„Mädchen, sagt mir die Wahrheit rasch: wohin
Ist sie gegangen, Andromache? Ging sie etwa
Zu ihren Schwägern oder den Schwägerinnen?
Oder betet sie mit den andern Fraun,
Um die furchtbare Göttin, die uns zürnt,
Dort mit Bitten und Flehen zu versöhnen?“
Doch des Hauses Schaffnerin sagte darauf:
„Da du die Wahrheit befiehlst, so höre denn:
Nicht zu den Schwägern oder Schwägerinnen,
Noch zum Tempel Athenes ist sie gegangen,
Nein, auf dem Turme steht sie, denn sie erfuhr,
Daß die Achäer siegreich seien, da lief sie,
Und das Mädchen folgte ihr, das das Kind trägt.“
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Aber Hektor eilte denselben Weg
Wieder zurück, den er kam, die Straße hinunter,
Bis zum Tor, wo der Weg hinaus ins Feld führt.
Dort kam laufend Andromache ihm entgegen,
Seine teure Gemahlin, Eëtions Tochter,
Der in Thebe, am Fuße des waldigen Plakos,
Über Kilikiens Männer herrschte: dessen
Tochter gewann einst Hektor, und die traf er
Jetzt am skäischen Tore samt der Dienerin,
Mit dem Kind an der Brust, dem lieben Kinde.
Dem unmündigen Sohn, den sein Vater selbst
Gern Skamandrios nannte: aber die andern
Riefen ihn Astyanax, weil Hektor allein doch
Troja hielt und beschützte.
Und er lächelte schweigend über dem Kinde,
Und Andromache stand an seiner Seite,
Weinend griff sie nach seiner Hand und sagte:
„Dich wird dein Mut noch verderben! Und dich jammert
Nicht deines Kinds, des Würmchens, nicht deiner Frau,
Die bald nun deine arme Witwe sein wird?
Denn dich töten bald nun die Achäer,
Alle gegen dich Einen! Doch mir wäre
Ohne dich wohler zu sterben! Mir bleibt ja
Nichts mehr, das mich tröstete, wenn du hinsinkst.
Vater und Mutter hab ich nicht mehr. Den Vater
Tötet’ Achilleus, als er das hochgetürmte
Thebe zerstörte. Doch er beraubte ihn nicht:
Ehrfurchtsvoll verbrannt er ihn mit der Rüstung,
Und einen Hügel schüttet’ er über ihm auf,
Und die Nymphen, die das Gebirg bewohnen,
Pflanzten Ulmen umher. Sieben Brüder hatt’ ich:
Alle opfert’ Achill an jenem Tage
Unter Stieren und Schafen. Aber die Mutter
Führt’ er hinweg ins Lager und gab sie frei,
Als ihm Lösung geboten ward; aber Diana
Hat sie mit ihren Pfeilen dann getötet.
Du bist Vater und Mutter mir! Du mein Bruder!
Du mein Gemahl! Erbarme dich und bleib bei mir!
Laß dein Kind nicht verwaisen! Nicht dein Weib
Alles verlieren! Stelle am Feigenbaum
Dort das Volk auf, wo der Weg zur Stadt
Leicht ist und die Mauer dem Angriff freisteht.
Dreimal stürmten die Griechen da schon herauf,
Sei’s, daß ihnen ein Seher den Weg verriet,
Oder daß sie der eigne Mut zum Sturm trieb.“
„Liebe Frau, das weiß ich so gut wie du.
Aber die Scham vor den Männern und Weibern Trojas
Treibt mich hinab: ich darf nicht feige erscheinen.
Auch der eigne Mut zwingt mich, zu kämpfen.
Nur das hab ich gelernt: an der Spitze des Heeres
Ruhm für den Vater und für mich zu erwerben.
Denn das weiß ich, und tief im Herzen empfind ich’s:
Einst wird ein Tag sein, wo das heilige Troja
Sinkt und Priamos und Priamos’ Volk!
Und nicht bewegt mich der Trojaner Elend
Und der Sturz des Königs und meiner Mutter
Und der Brüder und all der Tapfern, die
Unter den Feinden dann im Staube liegen,
So wie dein Elend mich kümmert, das dann einbricht,
Wenn von den griechischen erzbepanzerten Männern
Einer dich packt, an der Freiheit letztem Tage,
Die du in Argos dann am fremden Webstuhl
Sitzest, oder gezwungen und widerstrebend
Wasser holst an der Quelle Messeis oder
Hyperia! Und einer, der dich da
Tränenvoll sieht bei der Arbeit, sagt vielleicht:
»Das ist Hektors Weib, der so tapfer war,
Als um die Stadt der Troer so hart gekämpft ward.«
Das wird er sagen vielleicht und dich mit neuem
Jammer erfüllen und Sehnsucht. Doch ich liege
Längst im Dunkel der Erde und höre
Nicht, wie du schreist, und sehe nicht, wie sie dich fortziehn.“
Und so sprechend griff nach seinem Kinde
Hektor; aber das warf sich schreiend herum
Und an die Brust des Mädchens: denn seines Vaters
Nickender Helmbusch und Panzer schreckten es.
Und sein lieber Vater und seine Mutter
Lachten, und Hektor nahm den glänzenden Helm ab,
Setzte ihn neben sich nieder, küßte sein Kind,
Tänzelte es mit beiden Händen und rief,
Auf zu Zeus und den andern Göttern betend:
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„Zeus und ihr Götter alle! Laßt dies Kind
Gleich mir unter den Troern einst voranstehn!
Tapfer sein und über Ilion herrschen,
Daß die Sage einmal im Volke gehe:
Größer noch als sein Vater, wenn er vom Kampfe
Heimkehrt, ist er, wenn er die blutbespritzten
Köstlichen Waffen seiner Feinde heimbringt,
Und seine Mutter aufjauchzt!“ Also sprechend,
Legt er das Kind in seiner Mutter Arme,
Und sie nahm es an ihre atmende Brust,
Lächelnd unter Tränen. Und ihn, das sehend,
Jammert es, und er sprach: „Geliebte, laß
Nicht zu sehr die Dinge dein Herz belasten.
Nur was geschehen soll, geschieht: mich tötet keiner,
Dem nicht das ewige Schicksal den Befehl gab,
Doch dem Geschick zu entfliehn, ist keinem beschieden.
Weder der Gute noch der Böse entflieht ihm,
Denn es waltet von Anfang an. Deshalb
Geh du nach Hause und sieh nach deiner Wirtschaft,
Spindel und Webstuhl besorg und halte die Mägde an,
Fleißig zu sein. Den troischen Männern aber
Liege der Kampf am Herzen und mir zumeist,
Ilions Söhnen und allen.“ Und er setzte
Wieder den Helm auf. Doch seine liebe Frau
Machte sich auf nach Hause. Oftmals stand sie
Still und sah sich um nach ihm und weinte.
Und zu Hause, als die Mägde sie sahen,
Weinten und jammerten sie, und Hektor war
Doch noch am Leben! Aber es glaubte keine,
Daß er jemals wieder nach Hause käme.
Hermann Grimm