Iphigeniens Parzenlied

„Es fürchte die Götter

Das Menschengeschlecht!

Sie halten die Herrschaft

In ewigen Händen

Und können sie brauchen,

Wie’s ihnen gefällt.

Der fürchte sie doppelt,

Den je sie erheben!

Auf Klippen und Wolken

Sind Stühle bereitet

Und goldene Tische.

Erhebet ein Zwist sich,

So stürzen die Gäste,

Geschmäht und geschändet,

In nächtliche Tiefen,

Und harren vergebens,

Im Finstern gebunden,

Gerechten Gerichtes.

Sie aber, sie bleiben

In ewigen Festen

An goldenen Tischen.

Sie schreiten vom Berge

Zu Bergen hinüber;

Aus Schlünden der Tiefe

Dampft ihnen der Atem

Erstickter Titanen,

Gleich Opfergerüchen,

Ein leichtes Gewölke.

Es wenden die Herrscher

Ihr segnendes Auge

Von ganzen Geschlechtern,

Und meiden, im Enkel

Die ehemals geliebten

Still redenden Züge

Des Ahnherrn zu sehn.“

So sangen die Parzen;

Es horcht der Verbannte

In nächtlichen Höhlen,

Der Alte, die Lieder.

Denkt Kinder und Enkel,

Und schüttelt das Haupt.

Wolfgang von Goethe