Frühlingsboten
Von Dr. H. Beil, Pirna
Abb. 1 Märzenbecher (Leucojum vernum) (Phot. J. Ostermaier, Blasewitz)
Der Frühling naht! Die wärmenden Strahlen der Februarsonne sind zunächst das Einzige, was uns sein Kommen verkündet. Noch steht Baum und Strauch im kahlen Winterkleide. In den Dorfgärten an der Sonnenseite der kleinen Häuschen müssen wir seine ersten Boten, die Schneeglöckchen, suchen, die Weiden rüsten sich und legen ihren goldenen Frühlingsschmuck an. Aber gerade die ersten Boten des Frühlings, die wir Menschen alle Jahre wieder mit Ungeduld erwarten, haben wir so lange recht unfreundlich empfangen. Körbeweise wurden sie abgerissen, um, schon halb verwelkt, auf den Markt gebracht zu werden. Weit von der Großstadt muß man heute schon wandern, wenn man sich an wildwachsenden Frühlingsblumen erfreuen will, so weit, daß die echten Großstadtmenschen sich wundern, wenn man ihnen erzählt, daß diese Blumen, die sie nur als Gartenblumen kennen, auch auf freier Wiese wachsen, in entlegenen Gegenden, von deren Schönheit die meisten keine Ahnung haben, und es ist recht gut so, die Schönheit wäre sonst bald vernichtet. Mit ein paar solchen Pflanzen, die fast ausgestorben sind, sollen sich diese Zeilen befassen. Auf Wanderungen mit meiner geliebten Kamera habe ich sie aufgesucht und im Bild festgehalten. Das Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) ist mir in Sachsen wild wachsend nie begegnet. Dagegen kommt der Märzbecher (Leucojum vernum)[4] noch in einigen Gegenden vor, trotz der Ausrottung durch unverständige Menschen. Da es ein Zwiebelgewächs ist, so ist das Ausgraben mit der Wurzel doppelt schädlich. Die Aufnahme stammt aus einem kleinen Seitental des oberen Polenztales. Während noch vor etwa 15–20 Jahren die Wiesen übersät gewesen sind mit Märzbechern, muß man jetzt schon suchen, um kleine Bestände zu finden. Welch prächtiges Bild die Wiesen früher geboten haben müssen, kann man sich vorstellen, wenn man die vom Besitzer einer Mühle eingezäunte Wiese sieht, auf welcher das Pflücken untersagt ist, und die ein Naturschutzgebiet im Kleinen darstellt.
[4] Siehe Aufsatz: »Vom Märzenbecher«, Band IV, 1915, Seite 367.
Abb. 2 Leberblümchen (Hepatica triloba)
(Phot. H. Beil)
Wenig später als der Märzbecher blüht das blaue Leberblümchen. Vor 50 Jahren hat es zu den Pflanzen der Dresdner Umgebung gehört, die überall verbreitet waren, im Saubachtal, Schonergrund soll es in Massen gestanden haben. Heute wird man es dort vergeblich suchen. Wirklich häufig findet es sich auf dem Rotstein bei Sohland am Rotstein, wo es in dankenswerter Weise von der Rittergutsverwaltung geschützt wird. In günstigen Jahren ist der Waldboden blau von der Menge der Leberblümchen. Kleinere Bestände sind über die ganze Lausitz verstreut.
Abb. 3 Seidelbast (Daphne Mezereum)
(Phot. H. Beil)
Zu Märzbecher und Leberblümchen gehört als dritter im Bunde der ersten Frühlingsboten der Seidelbast, dessen stark duftende, violette Blüten stengellos aus dem dürren Holz herauswachsen. Auch ihn findet man vereinzelt in der Lausitz, meist in dichtem Gestrüpp, in schönen Beständen auch auf dem Rotstein. Auch im Vorland des Erzgebirges ist er mir schon begegnet. –
Wenn ich mir vorstelle, welch herrliches Frühlingsbild es geben müßte, die Wiese übersät mit Märzbechern, am Rande des Gehölzes die Leberblümchen und der Seidelbast, so wird mir weh ums Herz. Könnte es nicht auch heute noch so sein? Pflanzen, die niemandem ein Leid getan haben, die nur wachsen, um uns zu erfreuen, vernichtet bis auf spärliche Reste, deren Standort der Naturfreund sorgfältig geheim hält. Wenn alle Menschen zusammenhalten, wenn alle die Heimat, die sie zu lieben so oft versichern, auch tätig schützen, dann muß es wieder besser werden, dann muß der Verödung unseres Sachsenlandes Einhalt zu tun sein.