»Gäste«
Ein Intermezzo von E. Finck, Annaberg
In unserem Bergstädtlein Geyer, das durch seine sonnigen Bilder den Naturfreund zu sich lud, ist es im Erzgebirgsverein seit seinem ersten Vergnügen im Jahre 1907 zur Überlieferung geworden, daß dieses eine Saalvergnügen im Jahre einen Höhepunkt bedeute. Im Sinne der Bestrebungen des Heimatschutzes haben wir uns immer angelegen sein lassen, durch die Idee des Festes, den Inhalt der Einladungen und die Darbietungen des Abends echt heimatlich bodenständig zu bleiben. Die Idee durfte nur erzgebirgisches Leben, einheimische Sitten und Gebräuche zu ihrer Grundlage haben. Wir erreichten dies durch die »Schinnelbacher Kirmes«, »Eigeschneit in der böhmschen Mühle«, »Sommerausflug nach dem Fichtelberg«, »Wintersportfest«, »Rockenabend« und anderes. Auf die Idee und die Absicht der Veranstalter wies immer die »Eiloding« hin, die überhaupt den Auftakt zum Vergnügen fürs Städtlein bedeutet. Und die Darbietungen im Einzelvortrag zur Laute und im Chor umrahmten einen der derb-humoristischen Einakter oder einen dem Feste entsprechenden Reigen unserer Damen. Nebenher gingen Verlosungen und Glücksradserien, zu denen uns die »Volkskundliche Bude« des Landesvereins wertvolle Anregungen und Jahr für Jahr die wohlgelungenen Auswahlsendungen bot. Wir können immer nicht genug Nieten schaffen, so begehrt sind Lose und Gewinne!
Die Dezembertage des Vorjahres brachten uns nun die Einweihung unseres neuen Rathauses und somit die Idee unseres ersten Vergnügens im neuen Saale: »Alt-Geyer in neie Rathaus«.
»Mr hobn uns nu gedacht, wos de altn Geyerschen fir Aagn machn tätn, wenn die itze noch emol of dr Walt käme, wenn die ’s neie Rathaus un ’s Staadtle sahe tätn, un weil mr alle ’s Maul un de Nos ewing aufsperrn warn, denkn mr uns alle in dar Roll dr altn Geyerschen nei un feiern unner Fast: ›Alt-Geyer in neie Rathaus‹« sagte die »Eiloding«.
Und wie hatten sich alle in ihre Rollen hineingedacht. Allen Anregungen der Veranstalter war man bereitwilligst nachgekommen. Über Empire- und Biedermeierzeit, zur Urgroßmutter- und Großmutterzeit war so manches Belegstück vergangener Mode ans Tageslicht gezogen worden. Typische Handelsleute des Obererzgebirges, Bergleute, Bergherren, Postillion und Vertreter der klassischen Zeit – alle hatten den Ruf vernommen, so daß die, welche die Gegenwart in nüchterner Ballkleidung verkörperten, in der Minderheit blieben. Fast eine Stunde dauerte der Eintritt immer neuer Typen, bis endlich auch die »Tante aus Drebach« mit gestickter Reisetasche, Mantille und vorsintflutlichem Regenschirm sich eingefunden hatte, und eine Sänger-Knappschaft durch frischen »Glückauf«-Gesang und geschickt geführten Aufmarsch den ersten Teil des Abends beendete.
Jetzt kam die Jugend zu ihrem Rechte und tanzte nach alten schönen längst verklungenen Weisen die Tänze unserer Väter und der eigenen Jugend, wie schwer es manchem der heutigen Jugend auch gefallen sein mag, um den die Mitte des Saales einnehmenden Kachelofen mit Ofenbänken, der nun auch dieses Fest mit erleben durfte.
Unterdessen bereitete sich im Stillen der Höhepunkt des Abends vor. Die »Eiloding« verkündete
»Mr kenne Eich aa verrotn, doß dr alte Lotter ’s neie Rathaus asahe will mit seiner Fraa, die doch aa e geburne Geyersche is, vun alten Bauer – Gott hobne salig – de Ältste. Un dr Evans will kumme, dr Stülpner-Karl is aa in dr Näh, un de altn Geyerschen Stadtrichter, dr Blüher un dr Blumenhöfer, hom aa schie zugesaht.«
Ein paar einführende Worte des Vorstehers, darauf Lautenklang und Gesang der Hauskapelle, und nun als Mißklang an der Saaltür laute Stimmen, Wortwechsel eines, der ohne Festkarte Zutritt haben will, mit dem Wächter, der doch endlich sich zu beruhigen scheint und mit lauter Stimme und Kuhglocke den Vorstand ruft. So beginnt die feine wohldurchdachte Arbeit unseres Führers in volkskundlichen Dingen im Obererzgebirge, des Leiters des Erzgebirgs- und Altertumsmuseums in Annaberg, des Herrn Oberlehrer E. Finck. »Gäste« nennt er sie, »ein Intermezzo, das mitten in die Geyersche Gesellschaft hineingreift.«
Die ob der Störung entrüsteten Bürger und Frauen weisen den lärmenden Wächter zur Ruhe. Das ruft den Vorstand auf den Plan. Es entspinnt sich eine regelrechte Verhandlung, in die die Frau Vorsteher, der Kassierer und der Schriftführer, ihre Rechte wahrend, eingreifen. Das erlösende Wort findet der Vorsteher, indem er den draußen Harrenden hereinholen läßt und in ihm Karl Stülpner erkennt. Ihm legt nach der Begrüßung der Verfasser Worte in den Mund, die gerade deshalb, weil sie Stülpner spricht, so überaus ergreifend und wirkungsvoll sich gestalten. Er geißelt die jetzige Zeit mit ihren Irrungen und Wirrungen und leitet so über zu den Vorgängen, die sich nun auf der Bühne abspielen. Im selben Gespräch über die Zeitläufte sind Pfarrer Blüher, der Geschichtsschreiber Geyers, und Evan Evans, der »Vater der sächsischen Baumwollspinnerei«, eingetreten und werden vom Vorsteher mit dem Hinweis auf den Segen, der ihrer Tätigkeit entsproß, eingeführt. Eine mit Bezug auf den Ortsnamen von Stülpner wegen des teuren und schlechten Tabaks angewandte wegwerfende Redensart ruft die darob entrüstete Frau Vorsteher und den Schriftführer auf den Plan, der bewußt seiner Würde das »I« und »Y« im Ortsnamen nicht zu verwechseln bittet.
Da treten aus dem Walde der alte würdige Stadtrichter Lorenz Blumenhöfer mit dem einstigen schwedischen Feldprediger Hollenhagen, dem die Fama allerlei Dinge nachsagt, die aber bei ernstem Geschichtsstudium sich zugunsten Hollenhagens auflösen. So wird auch der Vorsteher belehrt, der bei des Predigers Eintritt sagt:
»Was hat damals durch den einen Toren
unser Geyer für wertvolle Urkunden verloren,«
durch den Hinweis, daß er mit den Kirchenbüchern damals zugleich die Namen der Exulanten verbrannt habe, die sich in Geyer und der ganzen Umgegend aufhielten, damit sie nicht in die Hände der Kaiserlichen fielen. Stadtrichter Blumenhöfer leitet ein Verfahren ein, das aber für den Beleidiger durch Einspruch der besorgten Gattin am Ende gütlich beigelegt wird und zur Entschuldigung und stummen Verzeihung führt.
Unterdessen ist auch der Meister Hieronymus Lotter mit seiner Frau Käte, einer geborenen Geyerschen, in den Kreis getreten und findet zum Ruhme des neuen Rathauses treffliche Worte, die durch abschließende, den Blick und die Gedanken aufwärts und vorwärts lenkende Schlußworte des Vorstehers ihren Ausklang finden, und nach denen durch gemeinschaftlichen Gesang des Liedes »O Täler weit, o Höhen« dem Wald als der Quelle des Vermögens der Stadt und der Baugelder zum Rathaus ein ergreifend wirkendes Loblied dargebracht wird.
Und nun bewegten sich die »Gäste« in den Trachten ihrer Zeit mit unter den Festteilnehmern, nahmen teil an deren Fröhlichkeit und sollen auch den Weg nicht allzubald zurückgefunden haben zu den Gefilden, von dannen sie kamen.
Dem anwesenden Verfasser wurde reicher Dank der Festteilnehmer zuteil, der aus dem Herzen kam, da er vielen aus der Seele sprach, da er uns rechtes Heimatleben in Geschichte, Volkstum und Mundart nachempfinden ließ. Unvergessen sind ihm seine entschuldigenden Worte, da Not und Elend die Bewohner des armen entlegenen Bergstädtleins als Hausierer und Bettler und noch Schlimmeres in die Umgegend trieb, unvergessen sein Loblied auf das gewerbfleißige Geyer der Gegenwart, auf die Tatkraft und den Opfersinn der Stadtväter und Bürgerschaft voraussetzende Schöpfung des neuen Rathauses, das ja dem Feste Anlaß und Mittelpunkt war. Wie wußte er Ernst und Humor zu paaren, so daß der über dem ganzen lagernden Feststimmung kein Abbruch geschah. Und die Vereinsleitung weiß dem Verfasser Dank, daß er so bereitwillig seine Weihnachtsferien der einmal gefaßten Idee opferte und ihr behilflich war, das Vergnügen aus der Flut von Vergnügungen herauszuheben als etwas ganz Besonderes, als einen Heimatabend in des Wortes wahrster Bedeutung.
L.
Über Orts-, Straßen- und Hausnamen lesen wir in der »Schwäbischen Chronik« bemerkenswerte Ausführungen, denen wir folgendes entnehmen: »Zahlreiche neue Siedelungen, namentlich für Kriegsbeschädigte und Kriegsteilnehmer, sind geplant und werden in den nächsten Jahren entstehen. Den schon vor dem Krieg entstandenen wurden teilweise recht inhaltlose Namen gegeben. Entweder waren es Benennungen nach den Himmelsrichtungen (Südheim, Ostau, Westdorf, Nordheim) oder sonstige unschöne Bezeichnungen, wie Fabrikdorf, Hafenau usw. Für die neuen Siedelungen sollten bei der Namensgebung nur bewährte bodenständige Namen Verwendung finden. Am natürlichsten wirken stets die Bezeichnungen, die auf die alten Flur- und Markungsnamen zurückgehen, auf deren Gebiet die Siedlung angelegt wird. Oft läßt sich der Flurname ohne weiteres auch als Ortsname verwenden. Wo das nicht möglich ist, helfen die alten Endungen: -hausen, -hohen, -ingen, -heim, -stetten. Empfehlenswerter als diese Bezeichnungen sind jedoch Endungen, die auch die Lage der neuen Siedelung auf einem Berg, an einem Hang, in der Nähe einer Quelle, am Waldrand, im Wiesental usw. zum Ausdruck bringen. Hier seien nur einige zur Namenzusammensetzung geeignete Wörter aufgezählt: Berg, Eck, Horn, Halde, Bronn(en), Brunn(en), Wald, Busch, Holz, Wiese, Tal, Au, Heide, Ort, Lust. Wo kein passender Flurname vorhanden sein sollte, empfehlen sich Bezeichnungen nach der Lage, wobei sich aus den vorstehend aufgezählten Wörtern sehr klangvolle und ansprechende Namen zusammensetzen lassen: Waldlust, Bergeck, Buschhalden u. a. Zur Namengebung sind ferner die Namen von Tieren oder von Früchten vorzüglich geeignet, die im Siedelungsgebiet besonders stark vertreten sind. Wie vielsagend und anheimelnd wirken Namen wie Fuchsbau, Rehberg, Finkenwiese, Amseleck, Käferholz, Kirschhofen, Dinkelsbühl.
Aber nicht nur für die Siedelung selbst gilt es, schöne und mit der Natur verbindende Namen zu prägen, sondern auch die Straßen in den neuen Siedelungen müssen derartige Namen bekommen. Wie öde wirkt eine Friedrich-, Heinrich-, Olga-, Karl- oder Marienstraße! Hoffentlich werden unsere neuen Siedelungen nicht nur Straßen besitzen, sondern auch kleine einspringende Höfe, Winkel usw. und es werden die daranliegenden Häuser auch mit entsprechenden Namen versehen, z. B.: Im Schwarzhof, an der Waldach, im Winkelgarten, unter den Weiden, beim Apfelnest. Wie noch jetzt auf dem Land jeder Hof seinen besonderen Namen trägt und in den alten Stadtteilen viele Häuser ihre eigenen Namen haben, so sollten auch die Bewohner von Eigenheimen die alte Sitte wieder aufleben lassen und ihr Heim mit besonderen Namen schmücken. Wie anders klingt es und um wieviel behaglicher und gemütvoller ist es, im Waldeck, Eichenhof, Fichtenheim, Kirschgarten oder Heidenest zu wohnen, als in der Langestraße Nr. 119 oder in der Kanalgasse Nr. 111!« –