Auf Grenzpfaden
Von Curt Sippel, Plauen
Aufnahmen vom Verfasser
Abb. 1 Fallend Laub
Aus der vogtländischen Kreisstadt rollt der Zug elsteraufwärts in den herbstkühlen Sonntagsmorgen hinein. Dichter Reif bedeckt die Flur; aus silbergrauem Nebel dämmert der Tag heran und verspricht ein sonniger zu werden. Je öfter der Zug hält, um so mehr verliert sich die quetschende Enge in den Abteilen, scheiden die festlich geputzten Sonntagsgäste aus und bleiben nur noch die ins Gebirge strebenden schlichten Wanderer, deren liebstes Sonntagsgewand das abgenutzte Lodenkleid mit dem verwitterten Hut ist. Auffallend viel Vertreterinnen des schönen Geschlechts zeigen sich jetzt in dem Äußeren der Wanderzunft. Die früheren Lebensgewohnheiten der Frauenwelt haben in den letzten Jahren eine einschneidende Wandlung erfahren, haben mit den oberflächlichen Vergnügungen gebrochen und sich mehr einer selbständigen natürlichen Einfachheit zugewendet, haben zur Erkenntnis der, der großen herrlichen Heimatnatur innewohnenden Verjüngungskraft geführt. Gibt es für den naturliebenden Städter doch nichts schöneres, als am Sonntag hinauszuwandern, sich so recht zu erfreuen an all dem Reizvollen, das die Natur gerade in dem schönen Bergland des Vogtlandes so überreichlich darbietet. Welch großen Gewinn bringt doch eine solche Tageswanderung für Körper und Geist. Leider ist in dem sich von Tag zu Lag mehrenden Heer der Wanderer die ältere männliche Jugend in der Minderheit. Wenn die jungen Herren auch viel anderen Leibessport treiben, so dürfen sie daneben den vornehmsten, das Wandern, doch nicht vernachlässigen. Aus ihm erwächst Begeisterung für das Edle und Schöne, erglüht Heimatliebe und deutscher Geist.
Abb. 2
Der Kegelberg (755 m) und der Hohe Stein (777 m) bei Erlbach
Abb. 3 Blick ins Landesgemeinder Tal
Abb. 4 Dreirainsteine
(746 m hoher Berg, auf dem die drei Waldgebiete Erlbach, Schönbach und Graslitz zusammenstoßen und über den die Reichsgrenze läuft.)
Abb. 5
Kirchberg in der Hochfläche östlich des Hohen Steins
Abb. 6
Das klingende Tal (Untersachsenberg)
Abb. 7
Der Aschberg 936 m (sächs. Seite)
Abb. 8
Am Aschberg
Im Spinnen der Gedanken ist die Zeit vergangen. Das Bähnle dampft bereits durchs Schwarzbachtal und hält zum letzten Male. Nur wenig Leute steigen aus; fast alle sind Wanderer, die nach allen Himmelsrichtungen frohgemut davon eilen. Einer wendet sich ostwärts, der Sonne entgegen, die schon über den Hohen Stein hereinlugt und mit den dichten Nebelmassen des Tales in heftigem Kampf liegt. Das graue Gewoge wallt durcheinander, zieht hierhin und dorthin, steigt empor, umhüllt die Bergwände, die Gipfel, wird von der Sonne wieder zurückgedrängt und muß sich zu guterletzt doch als überwunden erklären und sich als Tau im Tale niederschlagen. Die Erlbacher schlafen noch. Warum sollten sie’s auch nicht! Sie feiern eben den Sonntag auf ihre Art. Würden es ja doch nicht verstehen, daß so närrische Stadtleute schon in der Nacht sich auf und davon machen, um den Aufgang der Sonne, ihren Kampf mit den Nebelgeistern zu erleben. Nun schlaft nur zu! Um so feierlicher wird es droben im prächtigen Waldesdom sein, der so nahe schon seine Bogen schlägt und den Wanderer in sein geheimnisvolles Reich ladet. Der friedliche Marktflecken liegt zurück, der Wanderer zieht grüßend den Hut vor dem Hohen Brand und dem Kegelberg, den beiden Torwächtern zum engschluchtigen, weltabgeschiedenen Landesgemeinder Tal, Einlaß heischend. Steil steigt der Hochwald hinauf. In dusterem Schatten steht die Mühle, feiernd, und daneben ein moderner Bau, Holzbaracken als Unterkunft für erholungbedürftige Großstadtkinder. Ein Blick durch die angelaufenen Scheiben fällt noch auf schlafende Gesichter. Empfindliche Kühle herrscht im engen Tal, und der Mittag wird wohl herankommen, bis die Sonnenstrahlen hier unten den dicken weißen Reif auflecken werden. Das Auge wendet sich empor und sucht den Weg hinauf in sonnigere Höhen, dorthin, wo der Wald in den klarblauen Himmel ragt. Vom unteren Floßteich führt am Nordhang ein ansteigender Saumpfad über den Wettinhain zur Paßhöhe hin. Beim Emporkommen gibt der Wald ab und zu den Blick frei hinüber zu den südlichen Hängen und hinunter ins idyllische Tal, durch das der Fahrweg in großen Windungen sich bergwärts schlängelt und mit seinen Ebereschen einen gelbroten Saum in das dunkle Grün des jenseitigen Fichtenwaldes webt. Aber das dunkle Kleid zeigt jetzt auch im Innern viel Farbe. Verschwenderisch gibt sie der große Maler Herbst in allen Schattierungen von Gelb, Braun, Rot, Violett, und weckt ein ehrlich Entzücken. Alte prächtige Buchen stehen am Weg. Kräftige Silberstämme tragen wohlgeformte Kronen; kühn ragt ihr Gezweig gen Himmel, und ein Meer flüssigen Goldes und Silbers wogt im sonnenwärts gerichteten Blick. Schnell bereit ist die nie fehlende Begleiterin, die alte treue Strahlenfalle, zu einer Gegenlichtaufnahme. Leider noch unzulänglich ist die Silberplatte, vermag noch nicht das blendende Bunt wiederzugeben und verhilft nur zu einem Schwarzweißbild, aus dem man nur in der Phantasie die farbenprächtige Wirklichkeit erschauen kann. Lautlos fallen die Blätter, unablässig, immerzu; am Boden schichtet sich das dürre Laub, und raschelnd mahnt der Tritt an das große Sterben. Aber keine trüben Gedanken kommen auf, sind nur frohgestimmt und glückerfüllt von dem großen Wunder Natur, denken weiter, sehen auf dem kahlen Gezweig sich die weißen Flocken häufen, die Brillantsternchen blitzen, braune Knospen schwellen, gelbgrüne Seidenblätter werden, und hören das sommerlich geheimnisvolle Raunen des dichten Blätterdaches wieder, als wäre es heut. Herbst und Winter haben nichts Schreckhaftes mehr für den Naturfreund, werden beide neben ihren anderen Brüdern gleichviel geliebt.
Abb. 9 Der Kranichsee[1] (930 m)
Soweit die verkrüppelten Sumpfkiefern wachsen, reicht das riesige Hochmoor an der Grenze zwischen Sachsen und Böhmen, zwischen Erzgebirge und dem Vogtland
Abb. 10 Baumatzengrund zum Silberbach, von links nach rechts Aschberg (böhm. Seite) 936 m Großer Rammelsberg (963 m) und Großer Hirschberg (942 m)
Abb. 11
Silberbach und der Aschberg (böhm. Seite) 936 m
Abb. 12
Obersilberbach, von links nach rechts Eselsberg, Spitzberg (995 m), Plattenberg, Härtelsberg (986 m), Pferdhuth
Abb. 13
Lichtung im Filzbruckwald. Der Zwieselbach
Im Sinnen und Betrachten ist unmerklich die Höhe erklommen worden. Schon schimmern durch das lichtüberflutete Gehölz die Dreirainsteine. Geheimnisvoller Zauber webt um die alten Steine, liegt im morgenfrischen Wald. Sonnenstrahlen stehlen sich herein, spiegeln Regenbogenfarben in die nebeldampfende Luft und lassen im Gras und Beerengestrüpp Tautropfen diamanten sprühen. Und doch betritt der Fuß schon fremdes Land, erinnert der Wegebalken drohend, daß es noch gar nicht lange her ist, als hier im herrlichen Waldgebiet die verbündeten Wachtposten sich mißtrauisch gegenüberstanden, und niemand diese scheinbar unverständliche Maßnahme verstehen konnte. Der Sklavenvertrag hat die Binde von den Augen gerissen, Feindesland sollte das urdeutsche Gebiet werden, das deutscher noch als das eigene Vaterland, deutsch in seinen Ortsnamen, in seiner Bevölkerung, in seinem ganzen Wesen. Nun ihr Machthaber in Paris und wo sonst überall noch welche sitzen von unseren vielen Feinden auf der ganzen Welt, ihr habt euch alle verrechnet. Niemals wird uns Deutsch-Böhmen vergessen, wird nur stärker sein Deutschtum empfinden, und hoffen, hoffen!
Abb. 14
Der Hausberg (715 m) bei Graslitz
Abb. 15
Das Markhausental
Abb. 16
Blick auf Klingenthal vom Bartelsberg aus
Der Wanderer schreitet hinüber, fühlt sich von unsichtbaren Fäden gezogen, empfindet so recht die lang entbehrten, altbekannten idyllischen Winkel. Der Ursprung wölbt sich sanft hinan und bereitet doch so prächtigen Blick nach allen Seiten. Waldreich ziehen sich die beiden Markhausen Täler hinab. Drüben nordwärts schimmern ab und zu die weißen Grenzsteine am Hang und lassen den reizenden Waldpfad gen Klingenthal ahnen. Im Osten wallt noch der Nebel, im Westen aber blinken die Häuser von Ursprung und Kirchberg im Sonnenschein und hält das Felsenriff des Hohen Steins Wacht. Weiter südwärts wendet sich der Wanderer, kreuz und quer durch Wald und Feld, naht sich dem Schönauer Berg. Nun wird auch die Ferne nebelfrei, immer deutlicher entschleiert sich das schöne Berggebiet. Tief unten dehnt sich der Leibtschgrund und südwärts im Osten türmen schwarzhäuptige Bergriesen eine wuchtige Horizontlinie auf. Liebe alte Bekannte sind es, Kiel, Aschberg, Rammelsberg, Grünberg, Eibenberg, Hausberg, Glasberg, Eselsberg, Plattenberg, Spitzberg, Muckenbühl, Härtelsberg und als blaue Nebelferne das gewaltige Massiv des Kaiserwaldes.
Abb. 17
Herbststürme. Altensalz, bekannt durch sein Salzlager
Abb. 18 Steinkreuz aus der Franzosenzeit am Weg von Kemnitz nach Gutenfürst (oberes Vogtland)
Abb. 19 Waldinneres aus Hermann Vogels Reich
Eine Waldblöße am sonnigen Steilhang mit dem Blick auf das dunkle Wäldermeer der Ferne ist der rechte Ort zum Rasten. Unter einer schlanken feingliedrigen Birke wird der Mittagstisch gedeckt; den Nachtisch liefert reichlich und billig der Wald. Erfrischend schmecken die so völlig ausgereiften Heidel- und Preiselbeeren. In dem Laubgold am weißen Stamm zu Häupten rauscht der Wind; so warm strahlt die Sonne. Schmeichelnd umzieht Altweibersommer das Gesicht; sommerlich lind und einschläfernd wirkt die Luft, daß der Wanderer ganz ungewollt eingeschlafen ist. Obs nur ein Viertelstündchen war? Aber plötzlich wird er wach, denn vor ihm steht ein junges Menschenkind, eine hübsche Wanderin mit schelmisch fragenden Augen. Viel Schalk sprüht daraus und ein wenig Spott über das unglaublich wirklichkeitszweifelnde Gesicht des erwachten Schläfers. Und die schöne Unbekannte hat eigentlich gar keinen Anlaß zum Spotten, hat sich im Wald verlaufen, weiß weder Weg noch Steg, und heischt Auskunft über Woher und Wohin. Nun, einer Dame den Weg zu zeigen, und dazu noch einer jungen, hübschen, fällt einem rechten Wanderer niemals schwer. Und die Aussicht, als Begleiter von so viel jugendfrischer Anmut nach dem Grenzstädtchen Klingenthal wandern zu sollen, kann auch den einsamen Wanderer von noch so gut ausgearbeiteten Wanderungen ablenken. Gar bald schwindet der Spott aus den hübschen Augen und macht viel Freude Platz über das von blendender Lichtfülle überstrahlte herrlich-schöne Landschaftsbild. Dankbar wird die Erklärung all der unzähligen Namen hingenommen und freudig werden Anstrengungen der Durchquerung tief eingeschnittener Seitentäler der Zwodau überwunden. Wenn es auch keine Kleinigkeit ist, bei sengenden Sonnenstrahlen vierhundert Meter tiefe, dachschräge Steilhänge hinabzuklettern, um sie drüben wieder emporzuklimmen, so ist es doch eine gute Kraftprobe und nötig, um auf geradem Weg noch rechtzeitig den letzten Zug von Klingenthal zu erreichen.
Abb. 20 Herbstsonne. Gutenfürst (oberes Vogtland)
Abb. 21 Hermann Vogels Märchenwald (oberes Vogtland)
Abb. 22
Oelsnitz (Vogtland)
Vom Falkenberg gleitet abschiednehmend der Blick hinüber in das altbekannte Bergland, wo droben auf den Spitzen die letzten Sonnenstrahlen feurig lohen, drunten in den Tälern aber schon die Dämmerung ihre Flügel ausbreitet. Dann heißt es gewaltsam sich losreißen von dem erhabenen Anblick. Eilend geht es tief hinab ins Markhausen-Tal gen Klingenthal. Ein hindernd im Weg stehender Gartenzaun muß überstiegen werden, denn der Zeiger der Uhr rückt unablässig weiter, und der Zug wartet nicht.
Ein naturliebend Herz aber ward entflammt beim Schauen des Landes um Klingenthal und Graslitz und diesmal das einer jugendfrischen, lebensprühenden, gertenschlanken Wanderin.
[1] Siehe Mitteilungen Heft 6, Band III: Das Kranichseemoor bei Carlsfeld im Erzgebirge, ein Naturschutzbezirk Sachsens von Professor Dr. Arno Naumann.