Deutsche Heimat – deutsches Lied

Ein Beitrag für Beseelung der Zeit

Von Max Zeibig, Bautzen

Ein merkwürdig Jahr ist von uns gegangen und in das ewige Meer der Vergessenheit hinabgetaucht. Es strahlte Heiterkeit in einem sonnenhellen Frühling und brachte einen Sommer, der voll köstlicher Reife war. Der Herbst kam und stand in tiefem, lachenden Blau über uns, immer in Klarheit und Schönheit. Erst der späte November verhing den Himmel mit düstren Wolken, und die herbstlichen Schauer ließen daran denken, daß es ein dunkles, kummervolles, leiderfülltes Jahr gewesen.

Das Neue kam mit Sturm und Regen, ganz, als wollte es bedeuten, daß deutsche Notzeit ist, sonnenarm und freudenleer.

Ein Wort genügt, um diese Stimmung zu rechtfertigen: Oberschlesien! Verlornes Land ringsum im deutschen Reiche, und das deutsche Volk wird von Erschütterung zu Erschütterung geworfen. Bricht ja einmal ein lichter Hoffnungsstrahl in das Dunkel der Zeit, so wird er nur zu bald wieder von düsteren Wolken verdämmt. Der Grundzug unseres Lebens aber bleibt Leid. Freilich sind der Tränen schon viel geweint, und eine stille Ergebung hat dem lauten Schmerz Platz gemacht. Hierin liegt allerdings die Gefahr, daß das Volk in seiner Gesamtheit apathisch wird. Dann führt das Leid zur Schwäche. Wir müssen darum Quellen des Trostes und der Kraft suchen und daraus schöpfen. Solche Quellen scheinen mir Heimat und Lied.

Es sind zwei Worte, die so schlicht und bescheiden klingen, und doch vermögen sie uns über die Armutei unseres Lebens zu erheben; denn sie haben etwas von jenem unverlierbaren Reichtum in sich, der seit Jahrhunderten in den deutschen Seelen lebte. Man kann reich sein und unendlich arm an Freuden, und man kann arm sein und großen Herzensreichtum besitzen; wir müssen nur das unsagbar große Glück erkennen, das im Kleinen verborgen ruht. Ein solches Glück ist uns in aller Not die Heimat.

Früher wanderten wir hinaus in die weite Welt, wohl gar um die ganze Welt; die Heimat selbst aber blieb uns oft ein verschlossenes Buch. Jetzt bannt uns die Not an die Scholle. Vielleicht liegt hier in allem Unglück ein Glück. Wir werden untereinander inniger zusammengeschmiedet. Es geht eben nicht mehr an, daß wir dem Volke Klassenhaß predigen, wenn anders wir uns nicht unser eigenes Grab graben wollen; wir werden fester im Boden verwurzelt und erkennen staunenden Auges die großen Schönheiten der Heimat. Als wir im Felde waren, brannten unsere Seelen in Heimweh, nun, da wir heimgekehrt sind aus Schlacht und Grauen schmeicheln wir dem schmerzensreichen Wort aus harten Kriegsjahren und erkennen in ihm den Garten glückseliger Kinderzeit und sehen in ihm die heilsame Trösterin bis in die Abendschatten unseres Menschenlebens. Und so liegt in dem Worte Heimat eine selige Hoffnung auf bessere Zeit.

Unsere Kinder nehmen wir in frommer Andacht bei den Händen und erziehen sie im tieferen Sinne des Heimatschutzes, lehren sie über und hinter die Dinge sehen, bauen ihre Herzen zu Hütten, darinnen die Heimatliebe erblüht aus Freude an der Heimatschönheit und darinnen Heimattreue wächst als gesunde Frucht. Solche Heimatgefühle aber sind die besten Grundlagen zu einem bewußten Deutschtum, zu dem wir uns und unsere Jugend erziehen müssen, wenn wir endlich einmal aus all dem deutschen Leid heraus wollen.

Wo wir die Spuren der Heimat suchen und auf ihren Wegen gehen, ist uns im deutschen Lied ein treuer Begleiter zur Seite. Fremd ist der stillen schönen Heimat der Gassenhauer, jener Sang, der sich wie eine feile, geputzte Dirne buhlerisch aufdrängt, jener Sang, der immer geistloser und verblödeter wird und einer allgemeinen Entsittlichung nicht nur in der Großstadt, sondern auch auf dem einst so gesunden Lande den Weg liebedienerisch bereitet. Die Heimat will ein Volkslied, das in seiner Schlichtheit ist wie eine Blume im tiefen Wiesengrunde, das da klagt:

»Es ist bestimmt in Gottes Rat,

das man vom Liebsten, was man hat,

muß scheiden,«

das da scherzt:

»Horch was kommt von draußen rein!

Holla hi, holla ho,

ist das nit mein Schätzelein?

Holla hi, hallo,«

das überhaupt für alle und jede Lebenslage, für alle und jeden Beruf ein rechtes, inniges Verstehen hat. Und man muß nicht etwa meinen, daß im deutschen Liede nur etwas Weiches, zum Sentimentalen Neigendes lebe, daß es etwa unmännlich sei. Wie sprudelt darin der Humor, wie lebt es von Trotz und Kraft! Und etwas Humor und Trotz und Kraft vor allen Dingen brauchen wir wieder, wir Männer, und ein kernhaft trotziges Wort dazu: Und doch!

Wohl ist es wahr: das harte Zeitalter der Maschine hat uns gemütsärmer gemacht, Krieg und Revolution haben darüber manch frohen Mund verstummt. Tagtäglich schlagen harte Hammerschläge auf unser Herz, das oft nur noch zucken kann, wo es einst gejubelt hat. Die Ideale schwinden vor einem erschrecklichen Materialismus und Egoismus, daß wir schauernd vor diesem Antlitz des Lebens stehen.

Besinnen, Einschau und Umkehr tuen not! Das deutsche Wesen, das Edeldeutsche muß wieder lebendig werden. Die Stillen und Feinen und Besten müssen sich vereinen, denn nur von innen heraus kann die deutsche Erneuerung kommen. Alles andere äußere Operieren wird Stück- und Flickwerk bleiben.

Die Heimat, als seelischer Wert aufgefaßt, soll unser gemeinsamer Anker sein, der uns rettet; das Volkslied aber, aus der Gemeinschaft heraus geboren, soll uns wieder einen und versöhnen und zur wahren, echten deutschen Volksgemeinschaft führen. Die Heimat soll in uns lebendig werden, und die alten Lieder sollen von neuem heiß emporflammen, geschürt an heiligen Bränden, sollen leuchten und klingen dem Opferaltar des Vaterlandes, so, wie es der Dichter meint:

»Der Kraftgesang soll himmelan

mit Ungestüm sich reißen,

und jeder echte deutsche Mann

soll Freund und Bruder heißen!«