Lauchhammerwerke in Wolkenburg und Waldenburg
Ein Gedenkblatt zur Zweihundertjahrfeier des Lauchhammers
Von Otto Eduard Schmidt
Am 17. Juli 1925 vollenden sich zwei Jahrhunderte, seitdem der Kurfürstlich Sächsische Bergwerksdirektor und Oberhofmarschall Freiherr Woldemar von Löwendahl auf Mückenberg in der Lausitz für seine Gemahlin (S. 162) das Privilegium erlangte, die zu ihrem Gute gehörige Lauchmühle in einen Eisenhammer zu verwandeln, in dem der in der Umgegend vorkommende Raseneisenstein verhüttet und das daraus gewonnene Eisen weiter verarbeitet werden sollte. Am 25. August desselben Jahres wurde der an den Lauchteichen errichtete Hochofen angeblasen. Das war der Ursprung und Anfang des jetzt in eine Aktiengesellschaft verwandelten großen Eisenwerkes Lauchhammer, das demnach zu den ältesten derartigen Unternehmungen in Deutschland gehört. Das Rohmaterial, der Raseneisenstein, später auch andere Eisenerze, bezog man außer von den Lausitzer Lagerstätten aus dem Kurkreise Wittenberg und aus dem Erzgebirge, den Kalkstein, der das Eisen in Fluß bringen half, aus der Pirnaer Gegend, die zum Schmelzen nötige Holzkohle lieferte die Mückenberger Heide und die nahen Kurfürstlichen Wälder, in denen der Abraum, d. h. die Scheite und Rollen, die das Klaftermaß nicht erreichten, zu Kohlen gebrannt wurde. Außerdem verwendete man die nahe bei Mückenberg gefundene Braunkohle als Heizstoff. Alle größeren Lasten wurden zum Lauchhammer und vom Lauchhammer, soweit es möglich war, auf dem Wasserwege befördert, auf dem bei Grödel in die Elbe mündenden Floßgraben und dann auf der Elbe selbst. Bald trat in Lauchhammer zur Eisenerzeugung der Guß von Öfen und eisernen Kochtöpfen. Um die Fortführung und den Ausbau des Werkes erwarb sich die zweite Gemahlin des Freiherrn von Löwendahl, Benedikte Margarete, eine geborene von Rantzau, die größten Verdienste. Bei ihrem Tode im Jahre 1776 vererbte sie ihren ganzen Besitz und damit auch den Lauchhammer an ihr Patenkind, den Kursächsischen Konferenzminister Detlef Carl Grafen von Einsiedel (1737 bis 1810), Herrn auf Wolkenburg an der Mulde, vermählt mit Sidonie Albertine, einer geborenen Gräfin von Schönburg-Lichtenstein. Damit begann die erste Blütezeit des Lauchhammerwerkes. Denn der Minister Graf Einsiedel war ein rastlos tätiger, für Gewerbe und Kunst sehr eingenommener Mann, der auch das Geschick besaß, für die Ausführung seiner Pläne die nötigen technischen Kräfte zu finden. Unter ihm wurde die Beschaffenheit des Stabeisens wesentlich verbessert, für die Kochtöpfe eine feuerfeste, der Bekömmlichkeit der Speisen nicht schädliche Glasur erfunden und durch Anlage einer großen Dampfmaschine das zu mancher Zeit fehlende Betriebswasser aus dem Lauchteiche herbeigepumpt. Der durch den Grafen Einsiedel verbesserte Betrieb des Lauchhammers war im Stande, technische Gußstücke zu liefern, die durch ihre Größe und Schwere in damaliger Zeit Bewunderung erregten. So stellte er für die ehemals Gräflich Einsiedelsche Spinnmühle in Wolkenburg ein dreihundertsiebenundachtzig Zentner wiegendes gußeisernes Wasserrad her, das sechzehn Ellen (neun Meter, vierzehn Zentimeter) im Durchmesser hatte. Vor allem aber zog Graf Einsiedel Männer heran, die den Erzeugnissen der Gießerei künstlerische Gestaltung zu geben vermochten. Schon 1781 wurde der Bildhauer Wiskotschill am Lauchhammer angestellt, ihm folgte bald Mättensberger, als Gießer arbeiteten unter beiden Klausch und Güthling. Wiskotschill war 1758 als Sohn eines Bildhauers in Prag geboren, hatte aber seine künstlerische Bildung in Dresden erhalten. Als ihn Graf Einsiedel an die Spitze der künstlerischen Gestaltung nach Lauchhammer berief, war er erst dreiundzwanzig Jahr alt. Aber durch die nach seinen Modellen im Lauchhammer gegossenen überlebensgroßen Büsten des Germanicus und des römischen Kaisers Caracalla, die Graf Marcolini erwarb und im Garten seines Palais, des heutigen Friedrichstädter Krankenhauses aufstellte, erregte der junge Künstler großes Aufsehen. Im Jahre 1782 trat Wiskotschill in den Dienst des Grafen Marcolini über, der ihn die meisten Statuen und Vasen seines berühmten Gartens fertigen ließ, aber auch Aufträge des Kurfürsten verschaffte, z. B. die Erneuerung von vier Satyrn an der Galerie des nordwestlichen Hofflügels am Zwinger. (1787/88.)
Unter Wiskotschills Einfluß wurden auch die Gußwerke des Lauchhammers durchaus im Geschmack des Klassizismus geformt. Zuerst wurden die großen Platten der eisernen Öfen mit Reliefdarstellungen aus der Sage und Geschichte des Altertums verziert. Dann formte man kunstvolle Grabplatten und Büsten, wie die oben erwähnten, und endlich ging man zur Herstellung ganz freistehender, lebensgroßer menschlicher Gestalten über. Das Verfahren war folgendes: Über eine Unterlage von Ton bossierte man die Figur aus Wachs, und darüber legte man eine das Ganze umhüllende Schicht von weichem Lehm. Wenn alles getrocknet und erhärtet war, wurde die Form erwärmt, dadurch schmolz das Wachs und floß aus dem Hohlraum zwischen Ton und Lehm heraus. In diesen Hohlraum wurde nun das flüssige Eisen gegossen und der Lehmmantel nach dem Erkalten zerschlagen. Auf diese Weise hat man in Lauchhammer die berühmte griechische Gruppe Kastor und Pollux, einen antiken Fechter, eine Herkulanerin, einen Hermes nach den Originalen in der Skulpturensammlung in Dresden, aber auch Bildnisbüsten, Grabdenkmäler und viele Werke der plastischen Kleinkunst gegossen.
Abb. 1. Geflügelter Cherubim im Innern der Kirche zu Wolkenburg
Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß auch der beste Lauchhammersche eiserne Kunstguß in der Feinheit der Umrißzeichnung und in der Genauigkeit der Wiedergabe der Form einen guten Bronzeguß nicht erreicht. Auch läßt sich die weichere Bronze nach dem Guß durch die Arbeit des Ziseleurs noch viel mehr verfeinern als das sprödere Eisen. Aber der Eisenguß hat mit dem Bronzeguß die fast unbegrenzte Dauerhaftigkeit gemein und ist dabei viel billiger. Der Zentner Kunstguß kostete in Lauchhammer um 1820 nur zwölf bis zwanzig Taler. Und gerade in der Zeit, als die französische Knechtschaft auf uns lastete (1797 bis 1813) und Ernst Moritz Arndt das Lied sang:
»Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
Der wollte keine Knechte,
Drum gab er Säbel, Schwert und Spieß,
Dem Mann in seine Rechte.«
und noch lange danach, als unser Volk infolge der Kriegslasten verarmt war, erschien ihm das Eisen als das rechte Metall zum Ausdruck des Schönen.
Abb. 2. Geflügelter Cherubim im Innern der Kirche zu Wolkenburg
Sehr viele der im Lauchhammer gegossenen Kunstwerke sind in das Ausland verkauft worden oder sonstwie verschollen. Aber noch immer trifft man hie und da in einem Museum oder auf einem Kirchhofe einen aus dem Lauchhammer stammenden älteren eisernen Kunstguß. Ganz besonders reich an solchen Werken ist das mittlere Tal der Zwickauer Mulde, weil Graf von Einsiedel, der Besitzer des Lauchhammers, auf Schloß Wolkenburg seinen Wohnsitz hatte. Das Schloß verrät noch heute in seinem Innern durch die Stuck- und Bilderausstattung des großen Saales den feinen klassizistischen Geschmack des Grafen Detlev Carl. Als er 1794 bis 1804 durch den Hofbauinspektor Giesel in Wolkenburg die schönste klassizistische Kirche bauen ließ, die Sachsen überhaupt aufzuweisen hat, schmückte er ihre griechischen Giebel mit herrlich gelungenen Darstellungen der Kreuzigung und der Auferstehung Christi, und das Innere mit zwei weihevollen Cherubim, die Opferschalen in den Händen halten. (1805 und 1810. [Abb. 1] und [2].) Andere Lauchhammerwerke kann man in der ehemaligen alten Dorfkirche zu Wolkenburg bewundern, die jetzt als Gruftkapelle der Schloßherrschaft dient. Dort ist links vom Altar an der Wand die große Grabplatte des Grafen Detlev Carl und rechts das Monument seiner Gemahlin Sidonie Albertine, eine eiserne Urne, die im Relief das Bildnis der Verstorbenen trägt, daneben steht in freier Figur der Tod, dargestellt als Knabe, der die Lebensfackel auslöscht und das Kreuz über die Urne der Heimgegangenen hält. ([Abb. 3.]) Außerdem enthält die Gruft das sehr bemerkenswerte Denkmal des am 29. Februar 1772 geborenen und am 30. November 1793, am letzten Tage der siegreichen Kämpfe gegen die Franzosen bei Kaiserslautern gefallenen Grafen Friedrich von Einsiedel auf einer liegenden, ovalen Grabplatte. Sie zeigt in lebensgroßem Hochrelief den Grafen in voller Uniform, den Dreimaster mit dem Federbusch auf dem Kopfe, den Degen an der Seite, mit noch jugendlichem, ausdrucksvollem Gesicht. In seiner ergreifenden Schlichtheit ist dieses Werk eins der eindrucksvollsten Denkmäler, die jene Zeit hervorgebracht hat. ([Abb. 4.]) Im Wolkenburger Park finden wir eine sehr anmutige Statue eines einschenkenden Satyrn ([Abb. 5]), die auf ein Werk des Praxiteles zurückgeht; das Original, nach dem der Eisenguß geformt ist, findet sich in der staatlichen Skulpturensammlung in Dresden. Ebenda steht auch das Original der Wolkenburger Flora, die in der Hand eine Weintraube und Blumen auf dem Kopfe trägt. Das Original hat sich aber nach Entfernung der unechten Teile (Kopf, linker Unterarm, rechter Unterschenkel) als eine Artemis aus hellenistischer Zeit entpuppt. Endlich schmückt den Wolkenburger Park auch die eiserne Nachbildung einer antiken Knöchelspielerin ([Abb. 6]), deren aus Rom gekommenes Urbild wir jetzt im staatlichen Museum in Berlin betrachten können. Auch im nahen Waldenburg ist eine reizvolle kleine eiserne Vase vorhanden. Sie steht im Grünfelder Park unweit des altertümlichen Steintores in einer Gebüschgruppe rechts vom Wege. Endlich enthält die Fürstlich Schönburgische Gruft im Schlosse Lichtenstein vier eiserne Sarkophage Lauchhammerscher Arbeit. (1807 und 1861.)
Abb. 3. Denkmal der Gräfin Sidonie Albertine von Einsiedel geb. Gräfin von Schönburg-Lichtenstein in der alten Dorfkirche (jetzt gräflich Einsiedelsche Gruftkirche) zu Wolkenburg
Nicht sicher ist der Lauchhammersche Ursprung, aber doch wahrscheinlich bei dem gußeisernen Grabmal zweier Kinder des Pfarrers Brause auf dem Kirchhofe zu Lichtenberg bei Freiberg. Meine bis ins Jahr 1913 zurückreichenden Nachforschungen über den Künstler, der dieses Grabmal entworfen hat, sind leider vergeblich geblieben, da die alten Geschäftsakten und Briefe im Lauchhammer nicht mehr vorhanden sind. Ich möchte aber doch dem Gefühl Ausdruck geben, daß dieses die Kindesnatur in so rührender Weise verkörpernde Bildwerk der Schule Christian Rauchs entstammt, der seit 1838 wegen des Bronzegusses seiner Statuen für den Posener Dom enge Beziehungen zum Lauchhammer unterhielt und in seinem Tagebuche schreibt, »daß er nie vorher einen solch dünnen und an der Oberfläche so schönen Guß gesehen und daß er sich entschlossen habe, die Figuren (für den Posener Dom) nicht zu ziselieren, sondern nur das Nötigste daran mit dem Punzen und der Feile zu tun und im übrigen nur mit Scheidewasser abzubrennen.« Noch näher läge es vielleicht, an den Lausitzer Ernst Rietschel als Urheber der Lichtenberger Gruppe zu denken, dessen Beziehungen zum Lauchhammer auch bis 1838 zurückreichen. Seit dieser Zeit tritt in der künstlerischen Tätigkeit des Lauchhammers allmählich der Bronzeguß vor dem Eisenguß in den Vordergrund. Aber begründet hat der Lauchhammer seinen künstlerischen Ruhm mit dem Guß in Eisen.
Abb. 4. Denkmal des Grafen Friedrich von Einsiedel (von oben gesehen) in der alten Dorfkirche zu Wolkenburg
Wenn wir die älteren Lauchhammerwerke betrachtet haben und dann als Gesamtbild vor unser inneres Auge stellen, so erscheinen sie nicht nur als Denkmäler der Personen, die sie gestiftet haben oder deren Andenken sie gewidmet sind, sondern auch als Ausdruck der Zeit, der sie ihr Entstehen verdanken. Notgedrungene Sparsamkeit und Schlichtheit sprechen aus ihnen. Aber dazu gesellen sich Wahrhaftigkeit und Anmut.
Abb. 5. Einschenkender Satyr nach Praxiteles im Park des Schlosses Wolkenburg
(Das Original befindet sich in der Skulpturensammlung zu Dresden)
Möge es auch den heutigen Deutschen, die so schwere Lasten zu tragen haben, an diesen Eigenschaften nicht fehlen und möge auch unserer Zeit ein gleichwertiger künstlerischer Ausdruck ihres Wesens beschieden sein.
Abb. 6. Knöchelspielendes Mädchen im Parke des Schlosses Wolkenburg
(Das Original aus Rom befindet sich im staatlichen Museum in Berlin)
Anmerkung. Die Vorlagen zu den Bildern 1–6 dieses Aufsatzes hat Herr Graf von Einsiedel auf Wolkenburg dem Verfasser freundlicher Weise zur Nachbildung überlassen. Die Aufnahme zu Abbildung 7 hat der Heimatschutz nach dem Original in Lichtenberg durch Photograph Reymann, Freiberg, anfertigen lassen. Zum Text sind die Akten des Hauptstaatsarchivs in Dresden, Schumanns Postlexikon und die Schrift von Professor Emmerich in München »Bildguß-Werk Lauchhammer« benutzt worden. Die Angaben über das Original zur Wolkenburger »Flora« verdanke ich Herrn Direktorialassistenten Dr. Müller an der staatlichen Skulpturensammlung. Eine groß angelegte Festschrift zur Zweihundertjahrfeier des Lauchhammers, auf die wir schon jetzt aufmerksam machen, wird vermutlich von der Verwaltung des Werkes am Jubiläumstage herausgegeben werden.
Aufnahme von K. Reymann, Freiberg
Abb. 7. Gußeisernes Grabdenkmal zweier Kinder des Pfarrers Brause auf dem Kirchhofe in Lichtenberg bei Freiberg aus dem Jahre 1839