Gefäßfunde in Ölsnitz i. E.
J. Hottenroth, Gersdorf, Bez. Chemnitz
Ende Juni 1925 stieß man im oberen Teile der Stadt Ölsnitz i. E. beim Abtreiben einer Böschung auf ein sehr umfangreiches Lager von altertümlichen Tongefäßen und kleinen Glasflaschen. Trotz der erstaunlich großen Menge der Gefäße kamen eigentlich nur zwei Typen zum Vorschein, und zwar dickbäuchige Tonflaschen mit dünnem, oben weit ausladendem Halse und kleiner Standfläche und dann kleine Näpfchen von eineinhalb bis vier Zentimeter Höhe. Alle Tonwaren waren glasiert und auf der Drehscheibe hergestellt. Die kleinen Glasfläschchen bestanden aus einem dünnwandigen, in allen Regenbogenfarben schillernden Glase. Der Boden war kegelförmig weit nach innen gestülpt.
Der Fund erregte das größte Aufsehen, und an ihn knüpften sich bald die gewagtesten Vermutungen. Die einen sahen in ihm vorgeschichtliche Töpferei, die anderen Arzneiflaschen aus irgendeiner Pestzeit. Diese seien, um die fürchterliche Seuche zu bannen, an der Fundstelle vergraben worden. Ein besonders phantasiebegabter Erforscher heimischer Geschichte schrieb allen Ernstes im Heimatblatte, daß die beiliegenden kleinen Näpfchen slawische Tränenkrüglein seien. Die Wenden hätten noch keine Taschentücher besessen und hätten infolgedessen bei Trauerfällen die Näpfchen an die Augen gehalten, um die Tränen aufzusammeln.
Mir war der Fund zu wichtig, um ihn auf solch kindliche Weise erklären zu lassen. Er ist doch vor allem dazu angetan, das Dunkel, das noch über der Keramik verschiedener geschichtlicher Zeiten schwebt, etwas aufzuhellen.
Es galt deshalb zunächst genau die Zeit festzustellen, in der die Flaschen und Töpfchen entstanden sein könnten. Daß sie nicht prähistorisch sind, war ohne weiteres klar. Mir war, als Laien auf diesem Gebiete, eine unbedingt sichere Datierung nicht möglich, meiner Schätzung nach mochten die Fundstücke ungefähr dem sechzehnten oder siebzehnten Jahrhundert angehören. Mit einer unsicheren Schätzung war mir aber nicht gedient. Ich suchte deshalb zunächst Hilfe im Museum für Volkskunde in Dresden, dessen keramische Schätze ich eingehend studierte. Es fanden sich aber keine analogen Stücke darunter, was ja auch nicht zu verwundern ist, da die volkskundlichen Gegenstände meist nicht über hundert Jahre alt sind.
Nun sandte ich Belegstücke an Dr. Bierbaum, dem Kustos des vorgeschichtlichen Museums in Dresden. Dieser schrieb mir: »Die von Ihnen vorgenommene zeitliche Bestimmung (sechzehntes bez. siebzehntes Jahrhundert), halte auch ich für richtig. Freilich könnten die Scherben und Gläser auch noch jünger sein. Für eine genaue Datierung fehlen leider alle Vergleichsfunde.« Ganz ähnlich äußert sich Dr. Zimmermann, der erste Direktor des Germanischen Nationalmuseums zu Nürnberg: »Die uns zugesandten Muster möchten wir nicht vor das siebzehnte Jahrhundert zurückdatieren.«
Wie sich später herausstellte, haben beide Herren vollständig recht.
Es fragt sich nun, welche Bewandtnis es eigentlich mit den Funden hat. Zunächst ist doch die Annahme sehr naheliegend, daß am Fundorte vor Zeiten eine Töpferei gestanden haben könnte. Daß hier nur zwei bestimmte Gefäßformen vorkommen, steht dieser Ansicht nicht entgegen. Es gibt ja heute noch Töpfereien, die sich auf ganz bestimmte Erzeugnisse (Blumentöpfe usw.) einstellen. Im Germanischen Museum war man der Meinung, es handle sich hier möglicherweise um das Brüchlingslager einer Krugbäckerei. Wenn das so wäre, so fehlt immer noch eine Erklärung für das Vorkommen der Tausende von kleinen Glasflaschen am Fundorte. Es ist doch nicht anzunehmen, daß eine Töpferei zugleich Glashütte war. Zudem hat sich aus den Ölsnitzer Kaufbüchern und Akten ergeben, daß dort nie eine Töpferei vorhanden war.
Die kleinen Näpfchen, die ungemein zahlreich neben den Ton- und Glasflaschen lagen, brachten mich auf eine andere Lösung des Rätsels. Diese Näpfe gleichen nämlich vollständig den Töpfen, die Ende des vorigen Jahrhunderts von den »Königseern« mit Salben gefüllt feilgeboten wurden. Ich sprach deshalb im »Ölsnitzer Volksboten« die Vermutung aus, daß an der Fundstelle in früheren Zeiten vielleicht eine Art Laboratorium für Arzneimittel gestanden haben könnte. Die hier hergestellten Tinkturen und Essenzen kamen in die Ton- bzw. Glasflaschen, die Salben in die Näpfe. Mit dieser Annahme wäre ja auch zwangslos eine Erklärung für die auffälligen Größenunterschiede der Tonflaschen gegeben. (Vier bis vierundzwanzig Zentimeter Höhe.) Man sorgte eben für Groß- und Kleinabnehmer. Die Fundstelle wäre dann ein trefflicher Beleg für die Verse, die Hartmann Schopper 1568 den Apothekern als Charakteristikum beigegeben hat:
»Mille tot unguentis, rebusque potentibus auctus,
Pyxides innumeras Pharmacopola gero.«
Meine Ansicht ist aber mit spöttischem Lächeln aufgenommen und als ganz unmöglich hingestellt worden. Und doch hat sie sich voll und ganz bewahrheitet. Kantor Junghannß, der verdienstvolle Erforscher der Ölsnitzer Geschichte hat aus seiner Chronik von Ölsnitz i. E. folgendes festgestellt: An der Fundstelle stand früher ein Grünhainisches Gut, dessen ältester nachweisbarer Besitzer Andreas Preßler hieß. 1696 besaß es Georg Görner, der es 1723 seinem Sohne Augustin Görner überließ. Augustin Görner war ein berühmter Kräuterarzt. Er hat in Ölsnitz von 1723 bis 1743 seine Praxis ausgeübt. Zur Verabreichung seiner Tinkturen und Salben benutzte er Flaschen und Näpfchen, die er vielleicht in einem besonderen Raume seines Gehöftes aufbewahrte. Die aufgefundenen Gefäße müssen in den Jahren 1723 bis 1743 entstanden sein. 1854 wurde das Bauerngut vom Fürst von Waldenburg angekauft und die Gebäude abgebrochen. Dabei ist wahrscheinlich der Vorratsraum für die Gefäße verschüttet worden.
Bestätigt wird diese Feststellung noch durch einen alten Ölsnitzer, der in seinem Heimatblatte Erinnerungen an das Görnersche, später Junghannß Gut, veröffentlichte. Seine Großmutter habe ihm erzählt, daß hier vor alten Zeiten eine Spezerei betrieben worden wäre, in der gute Salben, Arzneien und Tinkturen für Menschen und Tiere hergestellt und in das Gebirge überallhin verkauft wurden.
Die Ölsnitzer Gefäßfunde wären hiermit vollständig geklärt. Ihre Bedeutung geht weit über das örtliche Interesse hinaus. So hat man z. B. 1910 beim Straßenbau nach der Pappfabrik Steinbach (Blatt 139, Annaberg) in Abteilung 45 ein den Ölsnitzer Tonflaschen völlig gleiches Gefäß von zehn Zentimeter Höhe, vierzig Zentimeter tief unter einem Granitblock aufgefunden. Die Deutung dieses Fundes, die bisher nicht möglich war, macht nun keine Schwierigkeiten mehr. Es handelt sich eben um eine Ölsnitzer Arzneiflasche, die aus irgendeinem Grunde im Walde verborgen und nicht wieder abgeholt worden ist. Es ist möglich, daß auch schon anderswo solche Funde gemacht wurden oder noch gemacht werden. Die Ölsnitzer Fundstücke werden auch dann klärend wirken können.