I. Wu da Wälder hamlich rauschen
In den Fenstern des großen Fichtelberghauses liegt roter Sonnenglanz. Sanft streicht der Gipfelwind über knorriges Nadelgestrüpp. Da wandern wir auf dem breiten Prinzenweg talwärts durch die tiefe Einsamkeit des erzgebirgischen Waldes. Ein einziges Stimmlein geht mit uns von Wipfel zu Wipfel, und wenn es schweigt, dann hören wir von fern und nah nur das heimliche Rauschen der Wälder. Plötzlich öffnet sich das Land nach Westen. Auf dem breiten Kammrücken liegt, von den höchsten Bergen bewacht, eingebettet im Heideland und düsteren Moorgrund, ein freundliches Städtchen. Hart packen hier die Wetterstürme zu; wie die Kücken um die Gluckhenne scharen sich drum die sauberen, weißen Häuser um die Kirche. Wer kennt nicht die kleine Stadt mit dem frommen, kerndeutschen Namen, die höchstgelegene Stadt Mitteleuropas, die eintausendundachtzehn Meter über dem Tiefland sich erhebt? Wohl gewahrt der Vielgewanderte die Anzeichen des fremden Landes, aber es ist, als ob geheime Stimmen ihn anriefen: »Komm herüber zu uns; denn wir sind deines Stammes und Blutes und haben die Bergheimat lieb wie du! Kehr ein zu Gottesgab im böhmischen Lande!«
Am besonnten Wiesenhang strecken wir uns hin und fühlen den tiefen Frieden des Erzgebirges wie ein unsichtbares Flügelpaar über uns hinrauschen. Hinter uns, zur Linken und zur Rechten, wo bis zum Himmelsrand die Wälder auf- und niedersteigen, klingt es wie eine ewige Melodie. Die Heide ist voll frohen Gesummes. Die Zippen schwatzen, und die Ziemer fallen lärmend in die Vogelbeerbäume an der Straße. Der würzige Duft des Bergwindes umweht die Wange, da hebt im Talgrunde das Ave-Glöcklein an und schallt über Höhen und Wälder und kündet denen, die in den verstreuten Hütten des Moor- und Heidelandes wohnen: ’s ist Feierabend. Und es ist, als ob einer die Harfe nähme und dazu sänge:
»On üwern Wald a Vöchela
Fliecht noch sän Nastl zu.
Von Därfl drüben a Glöckl klingt,
Dos maant: Leecht eich ze Ruh!
’s is Feieromd, ’s is Feieromd,
Es Tochwerk is vullbracht,
’s gieht alles seiner Hamit zu
Ganz sachte schleicht de Nacht.«
Frieden zieht ins unruhvolle Herz, vergessen ist der laute Tag, aus dem wir kamen, fern der Menschen Neiden und Hassen, froh und frei wird die Brust … da klingt von den Straßen der Takt der Wanderschritte, und wie sie an der Waldecke sind, stimmt einer die Laute an. Horcht auf, ihr Herzen, wie ’s über die Höhen und Täler klingt! Kennt ihr das Lied?
»Of da Barch, do is halt lustich,
Of da Barch, do is halt schie,
Do kömmt da Sonn en allererstn,
Scheint se aa en längsten hie.
Wu da Wälder hamlich rauschen,
Wu da Haad su rötlich blüht,
Mit kan Könich mächt ich tauschn,
Weil da drubn mei Heisl stieht.«
Und beim Singen drüben winken sie uns zu, und Busch und Baum singen es mit. Wie oft haben wir es schon gehört, auf den Bergen, in den Hütten, in den Schulen, auf den Bergbahnen, und der es zuerst gesungen, dem es aus dem Herzensgrund gekommen, das ist der Volksdichter des Erzgebirges Anton Günther, der Toler-Hans-Tonl von Gottesgab.
Am Waldhang, wo wir liegen, hat auch er als kleiner Bub gelegen mit dem Hirtenhütl und dem gebirgischen Gewandl und des Vaters Ziegen gehütet, und hat den Waldvögeln gelauscht und mit dem kiesigen Bächlein Zwiesprache gehalten, und das tiefe, heimliche Rauschen der Heimatwälder ist ihm durch Herz und Seele gezogen, daß er es hat nimmer vergessen können.
So sind wir auf stillen, reinen Wogen in des Dichters Lande gekommen und ziehen seine Heimatstraße hinab nach Gottesgab. Am »Neuen Haus«, der großen, schönen Einkehrstätte an der Grenze zwischen Sachsen und Böhmerland, müssen wir vorerst vorüber. Da ist immer ein lebhaftes Gedränge von wanderfrohen Menschen. Aus den Stuben erschallt Saitenspiel, singt man des Toler-Hans-Tonls Heimatlieder. Dann gelangen wir zum Verbrüderungsturm; der trutzige, leider nur halbfertige Bau erinnert wehmütig an jene Tage, da alte Nibelungentreue noch lebte und Alt-Oesterreichs Herrlichkeit noch festzustehen schien wie die Berge ringsumher. Bald sind wir mitten in der schnurgeraden Häuserzeile: Gaststätten und Weinschenken laden uns ein. Ein Hündlein bellt uns an, ein Brunnen rauscht am umgrünten Markt. Erzgebirgischer Stadtfrieden umfängt uns. Der Name Günther ist hier und da zu lesen. Oben am Rande der braunen Heide steht schlicht und einfach das Häuschen des Toler-Hans-Tonl.