5. Das Wiedersehen.

Die Gräfin saß allein in ihrem Garten auf einer Bank und weinte. Der Einsiedler ging zu ihr hin und sagte:

»Gute Frau, warum weinen Sie?«

»Ich weine, weil mein Mann heute nach Hause kommt!« schluchzte die arme Frau.

»Lieben Sie Ihren Mann denn nicht?« fragte der Einsiedler erstaunt.

»Ja wohl! Über alles liebe ich ihn! Aber er kommt glücklich nach Hause, er denkt seinen Sohn zu finden, und hier ist kein Sohn mehr!«

»Ist der Knabe tot?« fragte der Einsiedler.

»Nein, er wurde vor sechs Jahren entführt!« sagte die arme Mutter. »Vielleicht ist er Räuber geworden, denn ich habe kein Wort von ihm gehört, und ich hätte doch viel Geld gegeben, um ihn wieder zu haben.«

»Ach, vielleicht finden Sie das Kind noch!« sagte der Einsiedler. »Hören Sie, schöne Frau, ich kenne ein Kind, das wie Ihr Knabe sehr jung gestohlen wurde. Es wohnte sechs Jahre lang in einer Höhle, es war bei bösen Männern, aber Gott war auch da. Gott hat das Kind aus dem Berge geführt. Ich habe den Knaben seinem glücklichen Vater wiedergegeben.«

»Ach,« schluchzte die schöne Frau, »wie froh die armen Eltern sein mußten. Was sagte die Mutter, als sie ihr Kind wieder sah?«

»Das kann ich noch nicht sagen,« antwortete der Einsiedler. »Die Mutter weiß noch nicht, daß ihr Kind gefunden ist.«

»Ach, guter Einsiedler, gehen Sie schnell, sagen Sie es der armen Mutter!«

Der Einsiedler blieb still stehen und sagte:

»Danken Sie Gott, gute Frau, Er hat Ihnen viel Gutes gethan!«

Da verstand die Gräfin, daß sie die glückliche Mutter und daß ihr Kind gefunden sei.

Nach kurzer Zeit kam der Ritter mit dem kleinen Heinrich, und die Freude war groß im Schlosse von Eichenfels.

Am Abend, als die Eltern alles gehört hatten, sagte der Einsiedler:

»Und jetzt, Ritter von Eichenfels, sollten Sie die Räuber gefangen nehmen lassen!«

»Das habe ich schon gethan!« sagte der Ritter. »Diesen Morgen früh sind meine Soldaten fortgegangen. Sie werden den Berg umringen, dann werden einige Soldaten in die Höhle gehen, und sie werden Räuber und Beute hierher bringen. Ach, da kommen sie ja schon!«

Sie gingen alle hinaus und sahen die Soldaten, welche die Räuber führten. Die Räuber waren alle festgebunden, und vier Wagen voll Beute folgten ihnen. Sie waren sehr erstaunt, den kleinen Heinrich da zu sehen.

Der Ritter sagte: »Die Räuber haben gestohlen und gemordet, sie müssen des Todes sterben! Nur der Jüngling da soll nicht sterben, denn ich weiß von meinem Sohne, daß er nie stehlen wollte, und daß er ehrlich werden wollte. Er soll dem kleinen Heinrich dienen, und hier in meinem Schlosse soll er lernen, ein ehrlicher Mann zu werden.«

Der Graf und die Gräfin von Eichenfels belohnten den Schäfer, der Heinrich gefunden hatte, und, da der Einsiedler weder Gold noch Silber nehmen wollte, ließen sie ihm eine Einsiedelei bauen.

Heinrich wurde groß, aber er vergaß nie die Höhle und die Jahre, die er im Berge verlebt hatte. Er vergaß auch nicht, was der gute Einsiedler ihm gelehrt hatte, und oft sagte er zu seinen Kindern:

»Ach, die Welt ist wunderschön, und dem Schöpfer von allem, dem guten Gott, sollten wir jeden Tag danken, daß wir nicht in Finsternis leben müssen, sondern die Sonne und die schöne Natur immer genießen können.«

[10.] Das Reiterbild in Düsseldorf.[(10)]

In Düsseldorf am Rheine wohnte einmal ein Künstler. Er war sehr geschickt, so geschickt, daß der Kurfürst ihm sein Reiterbild in Erz gießen hieß. Der Künstler war sehr froh, und arbeitete Tag und Nacht.

Endlich war das Reiterbild fertig und Meister Grupello, der Künstler, stellte es auf dem Marktplatze auf.

Als es ganz fertig war, kam der Kurfürst Johann Wilhelm, mit allen seinen Höflingen, um es zu besehen.

Der Künstler ließ die Hülle fallen, damit alle das Reiterbild sehen konnten. Der Kurfürst, erstaunt über die Schönheit dieses Bildes, reichte dem Künstler die Hand und sagte freundlich:

»Nun, Herr Grupello, das haben Sie sehr gut gemacht. Mein Bild ist sehr schön. Es ist wirklich tadellos! Sie sind ein großer Künstler, und das Bild macht Ihnen große Ehre!«

Der Künstler war über dieses Lob höchst erfreut, aber die Höflinge, die schweigend (ohne ein Wort zu sagen) dagestanden, waren eifersüchtig. Der Fürst hatte ihnen nie so freundlich die Hand gegeben, und hatte sie noch nie so gepriesen, und sie dachten alle:

»Wie können wir diesen stolzen Künstler demütigen?«

Da der Fürst sein Bild tadellos gefunden, konnten sie nichts daran zu tadeln finden, aber endlich sagte der Eine:

»Ja, Herr Grupello, das Bild des Kurfürsten ist wirklich tadellos. Das Pferd dagegen ist nicht ganz richtig. Sehen Sie, der Kopf ist ein wenig zu groß, er ist nicht ganz natürlich!«

»Nein,« sagte der Zweite, »das Pferd ist nicht so gut gelungen (so schön) wie der Reiter. Sehen Sie doch den Nacken an, Herr Grupello!«

»Ja, und der rechte Fuß da ist auch nicht richtig,« sagte der Dritte.

Der Vierte lobte das Bild auch; aber er tadelte den Schwanz des Pferdes.

Der Fünfte fand auch etwas an dem Pferde zu tadeln, und, nachdem sie alle ihre Meinung ausgesprochen, sagte der Künstler zu dem Kurfürsten:

»Herr Fürst, Ihre Höflinge sind mit meinem Werke nicht ganz zufrieden, Sie tadeln dies und jenes an dem Pferde. Wollen Sie mich gütigst noch einige Tage ungestört an dem Bilde arbeiten lassen?«

»Gewiß, Herr Grupello,« erwiderte der Kurfürst freundlich. »Thun Sie was Sie wollen.«

Der Künstler ließ eine Plankenwand um das Reiterbild aufschlagen, und als die Höflinge vorübergingen, hörten sie den Schall des Hammers.

»Ach,« dachten sie alle zuversichtlich. »Ich habe dem Künstler einen gar guten Rat gegeben. Das Pferd war gar nicht gelungen. Er hat es selbst gesehen, und jetzt ändert er es. Dank meinem Kunstsinn wird das Bild wirklich tadellos sein.«

Als die bestimmte Zeit vorüber war, kamen Kurfürst und Höflinge, um das Reiterbild ein zweites Mal zu beschauen. Die hohe Plankenwand war verschwunden, und als die Hülle wieder fiel, sprach der Kurfürst wieder seine Freude daran aus. Dann rief er die Höflinge, einen nach dem anderen, und fragte sie nach ihrer Meinung darüber.

Der Erste, der den Kopf getadelt hatte, sagte jetzt vergnügt: »Ach, Herr Kurfürst, das Bild ist jetzt ganz tadellos, und sehen Sie doch den Kopf des Pferdes an, jetzt ist er nicht mehr zu groß, sondern ganz natürlich.«

Der Zweite sagte: »Ja, das Reiterbild ist jetzt ganz tadellos. Der Nacken des Pferdes ist jetzt sehr graziös.«

Der Dritte sagte: »Seitdem Sie den rechten Fuß geändert, Herr Grupello, ist Ihr Bild tadellos.«

Alle waren jetzt höchst zufrieden, und der Kurfürst sagte es dem Künstler, der schweigend dagestanden.

»Herr Grupello, alle diese Herren sind jetzt mit Ihrem Werke zufrieden und alle loben Ihre Änderungen an dem Pferde.«

»Herr Kurfürst,« erwiderte der Künstler gelassen, »ich bin recht froh, daß alle mit meinem Bilde so zufrieden sind, aber ich muß gestehen, daß ich nichts daran geändert habe. Ein Gußbild kann nicht geändert werden.«

»Dennoch habe ich Sie tüchtig hämmern hören!« erwiderte der Kurfürst erstaunt. »Worauf schlugen Sie denn?«

»Auf den Ruf Ihrer Höflinge, Herr Fürst, die das Bild nur aus Eifersucht tadelten, und der, denke ich, ist jetzt ganz vernichtet!«

Die Höflinge konnten kein Wort erwidern, und schlichen alle fort.

Das Reiterbild steht noch heute mitten auf dem Marktplatze von Düsseldorf, wo es jedermann bewundern kann.

[11.] Die Andernacher Bäckersjungen.[(11)]

Die Andernacher, sowie die Einwohner von Bonn, schlafen lange, und des Morgens stehen nur die Bäcker früh auf, damit das frische Brot zum Frühstück bereit sei.

Es war einmal Krieg zwischen Andernach und Linz, darum haben sich noch heute diese Städte nicht gern. Da die Linzer sehr gut wußten, daß die Andernacher immer bis spät schliefen, beschlossen sie, die Stadt einmal früh Morgens zu überfallen. Alle ihre Pläne waren sehr gut gelegt, und sie glaubten, daß sie jetzt siegen würden. Um Mitternacht am bestimmten Tage verließen sie Linz und gingen leise gegen Andernach zu, wo sie früh anzulangen, und leicht ungesehen durch die unbewachten Thore der Stadt zu dringen dachten.

Unterdessen hatten die Andernacher Bäcker ihr Brot gebacken, und als ihre Arbeit fertig war, legten sich die Bäcker auch nieder, um ein Morgenschläfchen zu genießen.

Als die Linzer sich der Stadt näherten, schliefen alle Einwohner fest, außer zwei Bäckersjungen. Diese allein schliefen nicht. Sie waren leise aus dem Backhause gegangen, denn sie hatten die Bienenstöcke des Thorwärters auf dem Turme entdeckt, und wollten den vortrefflichen Honig versuchen. Ohne Lärm zu machen, schlichen sie die Treppen des Turmes hinauf, und als sie oben angekommen, stellten sie sich an, ein schönes Stück Honig zu nehmen.

Da, auf einmal, hörten die Jungen ein kleines Geräusch (Lärm). »Ach!« flüsterte der eine dem anderen zu. »Der Wärter kommt! Er wird uns sicher bestrafen.«

Zitternd hörte auch der andere dem Lärme zu, und sagte nach einem Augenblick:

»Es kann doch nicht der Wärter sein. Er war fest eingeschlafen! Er käme die Treppen herauf. Das Geräusch kommt nicht von der Treppe! Es scheint da draußen zu sein.«

Leise, sehr leise, denn er wollte in seinem Honigstehlen nicht ertappt werden, schlich er zum Rande des Turmes, und sah neugierig hinunter. Da standen die Linzer, ganz bewaffnet, und der Bäckersjunge sah, daß sie ihre Leiter aufstellen wollten, um über das Stadtthor hinweg in die Stadt zu steigen, die schlafenden Einwohner zu überrumpeln.

Die Bäckersjungen, welche die Gefahr sogleich begriffen hatten, standen einen Augenblick verdrossen da.

Was sollten sie thun? Sie konnten die Einwohner unmöglich schnell genug aufwecken, und hatten keine Waffen, um den Feind zurückzustoßen.

Auf einmal dachte der eine Bäckersjunge an die Bienenkörbe da droben. Er winkte leise seinem Kameraden. Beide hoben dann einen Korb sorgsam auf, trugen ihn an den Rand des Turmes, und auf einmal schleuderten sie ihn auf die Linzer, die am Fuße des Turmes versammelt standen.

Im Fallen zerbrach der Bienenkorb in Stücke, die Bienen flogen wild umher und stachen die Linzer, bis sie laut schreien mußten.

Während die aufgeregten Bienen das Stadtthor verteidigten, eilten die Bäckersjungen die Treppen hinunter, liefen schnell dem Rathause zu, zerrten an der großen Glocke, und weckten die trägen Andernacher aus ihrem langen Morgenschlaf.

Alle liefen jetzt ans Thor, um die bedrohte Stadt zu verteidigen, aber ihr Beistand war nicht mehr nötig, denn die Bienen hatten so wacker gestochen, daß die Linzer sich in Eile geflüchtet hatten.

Aus Dankbarkeit ließen die Einwohner von Andernach die Bilder der zwei Bäckersjungen aus Stein hauen, und stellten sie unter das Stadtthor, das sie so gut verteidigt hatten. Hier kann man sie noch sehen, denn die Andernacher haben die Heldenthat noch nicht vergessen, und sprechen oft von dem glücklichen Einfall der Bäckersjungen.

Die Linzer kamen nie wieder, um die Stadt zu überrumpeln, und sie sagen noch heutzutage, daß die Bienen früh Morgens wachen, während die Andernacher ruhig schlafen.

[12.] Der Rekrut auf Philippsburg.[(12)]

Philippsburg wurde einmal während eines Krieges von den Franzosen belagert. Viele Bomben flogen hin und her, und obgleich die Reichstruppen in der Festung waren, gedachten die Franzosen, sie dennoch überrumpeln zu können.

Der Kommandant wachte Tag und Nacht, damit die Franzosen keine unbewachte Stelle finden würden, und zahlreiche (viele) Schildwachen waren überall auf den Mauern aufgestellt. Es waren mehrere Rekruten unter den Reichstruppen, und unter diesen war auch ein sehr einfältiger junger Mann.

Als die Reihe an ihn kam, Schildwache zu stehen, stellte ihn der Hauptmann (Offizier) an einen sehr unbedeutenden Ort, und dachte bei sich selbst:

»Nun, der Feind wird nur an der anderen Seite Angriffe machen. Hier kann man diesen einfältigen Jüngling wachen lassen, denn die Stelle könnte eben so gut unbewacht bleiben.« Dennoch sagte der Hauptmann streng:

»Sehen Sie, Junge, hier ist Ihr Posten. Hier müssen Sie ohne Aufenthalt auf- und abgehen, und wenn jemand die Schanze (Mauer) hinaufzusteigen sucht, sollen Sie ihn sogleich hinunterstürzen.«

Nachdem er diesen Befehl gegeben, entfernte sich der Hauptmann, und der Jüngling ging langsam auf und ab, wie ihm befohlen war.

Die Franzosen, welche die schwach behütete Stelle entdeckt, und einen kecken Plan gemacht hatten, um die Festung zu überrumpeln, kamen jetzt mit ihren Leitern und wollten geräuschlos (ohne Lärm) hinaufklettern.

Als der Rekrut an das ihm bezeichnete Ende seines Ganges kam, drehte er sich langsam um, und schritt wieder die Mauer entlang. Da sah er auf einmal einen Kopf über die Mauer herauftauchen, und sah zwei schwarze Augen und einen sehr spitzigen Schnurrbart. Seiner Pflicht getreu, stieß der Rekrut den Mann hinunter, und dieser fiel lautlos in den Graben, während der Rekrut seinen Weg ungestört fortsetzte.

Ein zweiter Franzose wollte jetzt hinaufklettern, und sein Kopf tauchte über die Schanze auf, als der Rekrut wieder an die Stelle kam. Da der junge Soldat denselben schwarzen Schnurrbart, und dieselben schwarzen Augen sah, dachte er:

»Der Kerl da ist wieder hinaufgeklettert!« und er nahm sein Bajonet und stieß ihn wieder hinunter.

Da der Hauptmann ihm geboten, ohne Aufenthalt auf und ab zu gehen, blieb er keinen Augenblick still, und ging wieder die Mauer entlang, ohne einen Blick über die Schanze zu werfen.

Als er sich zum drittenmal umdrehte, und wieder an denselben Ort kam, sah er wieder zwei schwarze Augen auftauchen.

»Ei,« dachte der Rekrut, »der Franzose ist doch zu keck! Schon zweimal habe ich ihn hinuntergestoßen, und da ist er schon wieder! Er ist ja wie eine Katze!« und diesmal stieß er ihn noch heftiger hinunter.

Dennoch blieb der Rekrut keinen einzigen Augenblick still, sah weder über die Schanze hinweg, noch rief er den anderen Schildwachen zu, sondern ging ungestört seines Weges. Als er zum viertenmal dahin kam, sah er wieder einen Kopf auftauchen und stieß den Mann wieder heftig zurück. So ging es auch zum fünften, sechsten, siebenten, achten, neunten und zehntenmal, und der Rekrut wurde immer böser und stieß immer heftiger.

Als er zum elften und zwölftenmal zwei schwarze Augen und einen schwarzen Schnurrbart auftauchen sah, dachte er noch ärgerlicher als zuvor:

»Ach, wird der Franzose seines ewigen Kletterns nie müde werden? Ich bin des Stoßens müde! Schon zwölfmal habe ich ihn hinuntergestoßen. Hoffentlich wird er nicht wiederkommen!«

Der Rekrut ging jetzt ungestört auf und ab, denn die erschrockenen Franzosen waren fortgelaufen.

Endlich kam der Hauptmann wieder, um die Schildwache abzulösen, und fragte nachlässig:

»Ist nichts zu rapportieren?«

»Nein, nichts,« erwiderte der Rekrut langsam. »Ich bin hier ohne Aufenthalt auf- und abgegangen, wie Sie befohlen, Herr Hauptmann. Niemand ist gekommen, außer einem Franzosen mit blassem Gesichte. Er hatte zwei kohlenschwarze Augen und einen spitzigen Schnurrbart. Er hat dort über die Mauer klettern wollen, und da Sie doch gesagt hatten, daß ich jeden zurückstoßen sollte, der hinaufzuklettern suchte, habe ich ihn rasch hinuntergestoßen. Der Kerl wäre so gern über die Mauer gekommen, daß ich ihn zwölfmal habe zurückstoßen müssen!«

Der Hauptmann, der diesem Bericht erstaunt zugehört hatte, sah jetzt über die Schanze hinweg in den Graben hinunter, wo nicht nur ein Franzose, sondern ein Dutzend derselben tot lagen am Fuße einer langen Leiter. Der dumme Rekrut hatte zwölf Franzosen getötet, und ganz unbewußt die Festung allein gegen einen Angriff verteidigt.

Als der Kommandant der Festung dieses hörte, sagte er: »Ich habe feierlich versprochen, jedem Soldaten einen Gulden zu geben für jeden Franzosen, den er von den Mauern hinunterstoßen würde. Obgleich dieser Rekrut behauptet (sagt), daß er nur einen Franzosen zwölfmal zurückgestoßen, soll er zwölf Gulden bekommen, denn zwölf Feinde liegen am Fuße der Leiter tot. Ich muß auch hinzufügen, daß es mir gar lieb wäre, wenn alle meine Rekruten meine Befehle ebenso pünktlich ausführen würden.«

[13.] Die Reise des Züricher Breitopfes.[(13)]

In dem Rathause der Stadt Zürich waren vor mehreren hundert Jahren die Ratsherren alle versammelt. Sie erwarteten eine Antwort aus Straßburg, dessen Rat sie ein Bündnis vorgeschlagen zum Schutz und Trutz gegen ihre gemeinschaftlichen Feinde.

Endlich erschien der Bote mit einem Briefe, den der Schultheiß (Präsident) sogleich laut vorlas wie folgt:

»Geehrte Herren von Zürich.

Wir bedauern, ihren Vorschlag, mit der Stadt Zürich in ein Bündnis zu treten, nicht annehmen zu können, da unsere Städte zu weit voneinander entfernt liegen, um sich im Falle der Not schnell genug Hülfe leisten zu können.«

Als die Züricher Ratsherren diese kalte Antwort auf ihr Anerbieten vernahmen, waren sie sehr ungehalten (böse) darüber, und berieten sich, um zu wissen, was nun zu thun sei.

Auf einmal rief der Jüngste unter ihnen aus: »Meine Herren, überlassen Sie mir die Sorge, den Straßburgern eine warme Antwort auf diese kalte Abweisung zu überbringen. Ich kann versprechen, daß es nicht lange dauern wird, ehe Sie eine ganz verschiedene (andere) Antwort erhalten werden.«

Die Ratsherren überließen die Sorge dieser Antwort ihrem jungen Mitgliede, der sogleich nach Hause eilte, und seiner Frau laut zurief:

»Liebe Frau, koche so schnell als möglich deinen größten Topf voll Brei!«

Die Frau ließ sogleich ein großes Feuer anmachen, und kochte einen ungeheuer großen Topf voll Brei.

Unterdessen eilte der junge Ratsherr zu der Limmat (ein kleiner Fluß) hinunter, ließ sein bestes Schiff zurichten, rief zehn starke junge Männer zu sich und befahl ihnen, bereit zu sein, um das Schiff die Limmat und Aare entlang und Rhein abwärts zu rudern.

Als das Schiff bereit war und die Jünglinge alle an ihren Plätzen waren, sagte der Ratsherr: »Jetzt sind Sie zum Aufbrechen ganz bereit, nicht wahr? Doch muß ich schnell nach Hause gehen, um etwas zu holen, aber sobald ich wieder zurück bin, müssen wir sogleich fort.«

Der Ratsherr lief schnell in seine Küche, wo seine Frau den Brei kochte.

»Ist der Brei fertig?« rief er hastig.

»Ja, ganz fertig,« erwiderte die Frau.

Auf einen Wink des Herrn nahmen zwei starke Diener den dampfenden Topf vom Feuer, und liefen schnell damit zum wartenden Schiff, wo sie ihn niedersetzten. Der Herr sprang in das Schiff, nahm selbst ein Ruder und rief laut:

»Jetzt, junge Leute, rudert so schnell als möglich, damit wir in Straßburg ankommen, noch ehe der Brei kalt ist. Wir wollen den Herren dort zeigen, daß die Züricher im Notfalle schnell genug ihren Verbündeten Hülfe leisten können!«

Die jungen Leute ruderten eifrig. Das Schiff flog die Limmat, Aare und Rhein hinunter, und in unglaublich kurzer Zeit kam es in Straßburg an.

Der Ratsherr sprang schnell aus dem Schiffe, winkte den zwei Dienern, ihm mit dem Breitopfe zu folgen, und ging eilig in das Rathaus, wo die Straßburger Ratsherren versammelt waren.

Ohne Aufenthalt trat er in den Saal, winkte den Dienern, den noch dampfenden Breitopf auf den großen Tisch zu setzen, und dann sprach er:

»Meine Herren, Sie haben das Züricher Bündnis nicht annehmen wollen, weil Sie unsere Städte zu weit entfernt dachten, um einander in der Not schnellen Beistand leisten zu können. Sie irren sich darin, die Züricher können Ihnen schnell genug Beistand leisten, das wird Ihnen dieser Breitopf am besten klar machen. Sehen Sie, meine Herren, dieser Brei wurde auf meinem Herd in Zürich gekocht, und dennoch ist er noch warm genug zum essen!«

Als die Straßburger Ratsherren den noch dampfenden Topf voll Brei sahen, schämten sie sich ein wenig ihrer kalten Antwort. Sie waren auch über den glücklichen Einfall des Ratsherrn höchst entzückt und riefen alle: »Freund, Sie haben ganz [Recht]. Das Bündnis soll geschlossen werden!«

Sie schrieben sogleich einen anderen Brief, welchen sie dem jungen Ratsherrn sogleich übergaben, aber als er fortgehen wollte, rief der Schultheiß:

»Warten Sie doch, Herr Ratsherr, wir wollen erst den Brei zusammen essen!«

Er ließ sogleich Löffel und Teller herbeibringen. Der Züricher Ratsherr teilte den Brei aus, die Herren aßen alle davon, und man erzählt, daß der Brei noch so heiß war, das mehr als einer sich den Mund damit verbrannte. Der Topf wird noch jetzt im Rathause zu Straßburg aufbewahrt, zum Andenken an das alte Bündnis zwischen Zürich und Straßburg.

[14.] Die Waldfrau.[(14)]

Betty war ein kleines Mädchen, die einzige Tochter einer armen Witwe.

Die Witwe hatte nur ein ärmliches Häuschen und zwei Ziegen, und Betty mußte diese zwei Ziegen täglich in dem Birkenwalde weiden, da die Mutter keine Wiese besaß.

Jeden Morgen nahm Betty ein Körbchen mit Brot, und eine Spindel, und ging fort mit ihren Ziegen; und jeden Morgen rief ihr die Mutter nach:

»Die Spindel muß diesen Abend voll sein!«

Betty ging immer munter fort, und als sie in den Wald kam, ließ sie die Ziegen weiden, und spann fleißig, bis die Mittagsstunde herankam. Dann aß sie ihr Brot, suchte einige Wald-Erdbeeren, und tanzte lustig einige Minuten, ehe sie das Spinnen wieder aufnahm.

Eines schönen Sommertages, nachdem sie gegessen, und gerade als sie ihren Mittagstanz begonnen, sah sie ein wunderschönes Mädchen im weißen Kleide vor sich stehen.

Das Mädchen hatte langes, goldenes Haar, und darauf war ein Kranz von Waldblumen. Betty war sehr erstaunt dieses Mädchen zu sehen, doch als diese sie fragte, ob sie gern tanze, vergaß sie alle Furcht und antwortete fröhlich:

»Ach ja! ich tanze so gern, daß ich den ganzen Tag nichts anderes thun möchte!«

»Das ist gut!« rief das schöne Mädchen. »Ich tanze auch gern. Kommen Sie, wir wollen zusammen tanzen!«

Sie nahm Betty bei der Hand, und bald gingen sie lustig im Kreise herum, und Betty tanzte so leicht, und wurde weder müde noch außer Atem, denn die kleinen Vögel kamen alle und sangen lustige Tanzmusik.

Betty vergaß alles in ihrer Tanzlust, und erst als die Sonne am Horizonte heruntersank, die Vögel fortflogen und das Mädchen aufhörte zu tanzen, dachte sie an ihre Ziegen und an ihre unvollendete Arbeit.

Das Mädchen mit den goldenen Locken war plötzlich verschwunden, und Betty war wieder ganz allein in dem Birkenwalde mit ihren Ziegen. Es war Zeit nach Hause zu gehen, und Betty packte ihren ungesponnenen Flachs und die Spindel, die nicht halb voll Faden war, in das Körbchen, und brachte die Ziegen nach Hause. Sie war aber so reuig, so lange getanzt zu haben, daß sie nicht wie gewöhnlich laut singen konnte, und die Mutter fragte, ob sie vielleicht krank sei.

»Nein, Mutter, ich bin nicht krank!« erwiderte Betty. Sie [steckte] Spindel und Flachs ein und dachte bei sich selbst:

»Es ist gut, daß die Mutter den Faden nicht sogleich windet. Morgen muß ich sehr fleißig sein und viel spinnen, denn heute bin ich sehr träge gewesen!«

Am folgenden Morgen ging Betty wieder in den Birkenwald mit ihren Ziegen, und spann fleißig bis Mittag, dann aß sie ihr Stück Brot, pflückte schnell einige Erdbeeren, und schickte sich soeben zu einem kurzen Tanze an, als das goldlockige Mädchen plötzlich wieder erschien, und sie wieder zum Tanze aufforderte.

»Schönes Fräulein,« sagte Betty. »Sie müssen mich heute entschuldigen. Ich kann nicht mit Ihnen tanzen, denn ich muß viel spinnen, sonst wird meine Mutter böse!«

»Ach, liebes Kind, kommen Sie nur, tanzen Sie nur getrost mit mir, das Spinnen werde ich besorgen.«

Und das schöne Mädchen faßte sie bei der Hand, und tanzte wieder lustig mit ihr im Kreise herum, während die Vöglein alle die schönste Tanzmusik sangen.

Sie tanzten so unermüdlich von Mittag an, bis es beinahe Zeit zum Sonnenuntergang war. Da hielt das Mädchen plötzlich inne, und jetzt dachte Betty wieder zum erstenmal an ihren ungesponnenen Flachs und weinte bitterlich.

»Weinen Sie nicht, mein Kind,« rief das schöne Mädchen. »Ich will das schon besorgen.«

Sie nahm die Spindel und spann so blitzschnell, daß aller Flachs gesponnen war, als die Sonne am Horizonte hinunterging.

»Da, mein Kind,« rief sie freudig. »Sehen Sie nur, die Spindel ist ganz voll!«

Mit diesen Worten reichte sie Betty die Spindel. Dann verschwand sie plötzlich, und nun ging Betty glücklich singend nach Hause. Da fand sie ihre Mutter in sehr böser Laune, denn sie hatte den Faden winden wollen, und hatte die halb volle Spindel gefunden. Sie schalt das Kind und sagte:

»Betty, du bist ein faules Kind. Gestern hast du deine Spindel nicht voll gesponnen.«

»Ja, Mutter,« erwiderte sie entschuldigend, »gestern habe ich zu lange getanzt, aber siehe, heute ist meine Spindel voll prächtigen Fadens!«

Die Mutter sah die volle Spindel an und schalt nicht mehr.

Am dritten Morgen ging Betty wieder in den Wald mit Ziegen und Spindel, spann wieder fleißig den ganzen Morgen, und aß ihr Mittagsbrot und Erdbeeren wie gewöhnlich. Als sie sich zum Tanzen schickte, kam das schöne Mädchen plötzlich wieder und sagte freundlich:

»Kommen Sie, Betty, wir wollen wieder zusammen tanzen!«

Sie tanzten lustiger als je, eine Stunde nach der anderen, und fühlten keine Müdigkeit, so lange die kleinen Vögel fröhliche Tanzmusik sangen.

Endlich hörten die Vögel auf zu singen und die Mädchen zu tanzen, und Betty rief wieder traurig:

»Ach, da geht die Sonne schon unter, und meine Arbeit ist nicht fertig! Meine Mutter wird tüchtig schelten! Sie wird wieder sagen, daß ich träge gewesen sei!«

»Nein, liebes Mädchen, Ihre Mutter soll Sie nicht schelten. Ich will Ihnen helfen. Geben Sie mir Ihren Korb!«

Das schöne Mädchen nahm den Korb, ging weiter in den Wald hinein, und kam bald damit wieder:

»Da, Betty,« sagte sie. »Ich habe etwas in Ihren Korb gelegt, das die Mutter entschädigen wird für den Faden, den Sie heute nicht gesponnen haben. Öffnen Sie den Korb erst, wenn Sie nach Hause kommen!«

Das schöne Mädchen verschwand wieder, und Betty ging nach Hause. Unterwegs dachte sie:

»Mein Korb ist eben so leicht, als ob er leer wäre. Es kann ja unmöglich etwas darin sein!«

Sie konnte nicht warten, bis sie nach Hause kam, um den Deckel ein wenig zu heben, sah aber nichts als dürre Birkenblätter!

Da fing sie an zu weinen, warf zwei Hände voll Birkenblätter aus dem Korbe, und ging traurig nach Hause.

Als sie dorthin kam, rief ihre Mutter laut:

»[Ums] Himmelswillen, Kind, was ist los mit der Spindel, die du mir gestern heimgebracht hast? Sie ist sicher verhext, denn ich habe heute den ganzen Tag gewunden, und der Faden kam nicht zu Ende, bis ich laut rief: ›Ein böser Geist muß dies gesponnen haben!‹«

Dann erzählte Betty ihrer Mutter alles, was ihr in dem Birkenwalde begegnet war, und die Mutter sagte:

»Ach, das war eine Waldfrau, oder ein Moosweiblein! Sie sind gute Geister. Sie thun uns nichts zu [leide], und wäre ich nur nicht ungeduldig gewesen, so hätte ich ein ganzes Zimmer voll Faden gehabt. Die Waldfrauen sind den guten Mädchen immer behülflich!«

Da dachte Betty: »Vielleicht hat sie noch eine Spindel Faden unter die dürren Blätter versteckt? Ich muß suchen!«

Wieder hob sie den Deckel des Korbes auf, und siehe, da waren statt dürrer Birkenblätter lauter schöne Goldmünzen.

»Ach Mutter, siehe doch diese schönen Goldmünzen an!« rief das entzückte Mädchen.

Die Mutter war auch entzückt und sagte:

»Es ist gut, mein Kind, daß du nicht alle Birkenblätter fortwarfst! Hier haben wir Gold genug, um uns ein kleines Gut zu kaufen!«

Betty und ihre verwitwete Mutter kauften nun wirklich ein kleines Gut. Sie kauften auch viele Kühe, Pferde, Ochsen, Schafe, Ziegen, Hühner, Gänse und Enten, und wurden sehr reich. Betty mußte das Vieh nicht mehr hüten, aber sie ging oft in den Wald, denn sie hoffte immer die schöne Waldfrau noch einmal dort zu sehen. Diese Hoffnung aber war immer vergebens, und Betty wurde sehr alt, ohne ihr schönes Mädchen je wiedergesehen zu haben.

[15.] Die vier Brüder.[(15)]

Ein Jäger hatte vier Söhne, die alle ihr Glück in der Welt suchen wollten, und die zu ihrem Vater sagten:

»Vater, wir sind jetzt alle mehr als sechszehn Jahre alt; wir möchten in die Welt gehen, um unser Glück zu suchen. Bitte, gieb uns ein wenig Geld für die Reise.«

Der Vater gab jedem zwanzig Florin und ein Pferd. Sie ritten munter über Berg und Thal, und kamen endlich auf einen Berg, wo vier Wege zusammenkamen.

Hier rief der älteste Bruder laut:

»Meine Brüder, wir wollen hier auseinandergehen. Jeder soll einen verschiedenen Weg einschlagen, um sein Glück zu finden. Wir wollen unsere Messer in diesen Birkenbaum stecken, und über Jahr und Tag wollen wir uns hier versammeln. Wenn einer von uns nicht kommt, und ein Messer verrostet ist, werden wir wissen, daß dessen Eigentümer tot ist.«

Die vier Brüder verabschiedeten sich. Jeder ging seines Weges, und als sie an günstige Orte kamen, lernten sie jeder ein Handwerk. Der Älteste wurde Schuster, der Zweite Dieb, der Dritte Astrolog und der Vierte Jäger.

Als Jahr und Tag herum waren, kamen sie alle an den Kreuzweg, fanden ihre Messer ohne Rost, und gingen fröhlich nach Hause.

»Gott sei dank!« rief der Älteste. »Hier kommen wir alle wohlbehalten nach Hause, mein Vater.«

»Nun,« sagte der Vater, »erzählt mir jetzt alle euere Erlebnisse. Welches Handwerk hast du gelernt, mein ältester Sohn?«

»Ich bin Schuster geworden. Aber ich bin nicht wie die anderen Schuster, mein Vater. Ich kann alles ausbessern, und dafür brauche ich nur die Worte: ›Bessere dich aus,‹ zu sagen.«

Der Vater, der einen sehr alten Rock hatte, gab ihn dem Sohne und sagte:

»Zeige mir [einmal], wie du es machst, mein Sohn, hier ist mein abgetragener Rock.«

Der älteste Sohn nahm den Rock, rief laut: »Bessere dich aus, Rock,« und augenblicklich war der Rock da, ebenso gut wie neu.

Dann fragte der Vater den zweiten Sohn:

»Nun, mein Sohn, welches Handwerk hast du gelernt?«

»Mein Vater, ich bin Dieb geworden; aber ich bin kein gewöhnlicher Dieb, denn ich brauche ja nur an ein Ding zu denken und da kommt es von selbst zu mir.«

Durch die Fensterscheiben sah der Vater einen Hasen vorbeispringen. Er sagte:

»Mein Sohn, da ist ein Hase. Ich möchte ihn zum Mittagessen haben. Sieh, ob du ihn stehlen kannst.«

Der Sohn dachte an den Hasen und rief: »Ich möchte den Hasen hier haben.« Und augenblicklich lag der Hase auf dem Tische.

Als der Vater den dritten Sohn fragte, welches Handwerk er gelernt, sagte er:

»Nun, Vater, ich bin Astrolog geworden. Aber ich bin kein gewöhnlicher Astrolog, denn ich brauche den Himmel nur anzuschauen, und ich kann sogleich alles sehen, was auf Erden geschieht.«

Der Vater fragte den vierten Sohn, was er [Schönes] gelernt, und er erwiderte:

»Nun, Vater, ich bin Jäger geworden!«

»Ach, das ist recht! das ist ein ehrliches Geschäft!« rief der Vater. »Ich bin [ja] auch Jäger!«

»Ja, mein Vater!« erwiderte der Jüngste, »aber ich bin nicht Jäger wie du, sondern wenn ich das Wild sehe, brauche ich nur zu rufen: ›Du sollst sterben!‹ und es ist augenblicklich tot.«

Der Vater, der wieder einen Hasen sah, antwortete:

»Töte den Hasen, so werde ich dir glauben.«

Der Sohn rief sogleich: »Du sollst sterben, Hase!« und der Hase war tot.

Der Vater konnte ihn aber nicht sehen. Dann schaute der Astrolog den Himmel an, und sagte:

»Mein Vater, der Hase liegt dort, hinter dem Busche!«

»Das ist schon gut!« sagte der Vater, »aber wie können wir ihn hierher bringen?«

»Er soll hier sein!« rief der Dieb, und er war sogleich da.

Der Hase war in einen Dornenstrauch (Busch) gefallen und sein Pelz war zerrissen. Der Vater sagte:

»Schade, daß der Pelz so zerrissen ist!«

»Bessere dich aus!« rief der Schuster dem Pelze zu, und augenblicklich war er wieder ganz.

Der Vater war mit seinen vier Söhnen sehr zufrieden, und sagte:

»Nun, jetzt ist es klar, daß ihr nun euer Brot verdienen könnt, da ihr euere Handwerke doch so gut gelernt habt!«

Die vier Brüder hörten bald, daß der König des Landes sehr traurig sei, denn er hatte seine einzige Tochter verloren. Er ließ überall [bekannt] machen, daß er sein Reich und seine Tochter demjenigen Manne geben würde, welcher sie finden und heimbringen würde. Die Brüder sagten zugleich:

»Wir wollen in den Palast gehen und dem König sagen, daß wir seine Tochter finden und heimbringen werden!«

Sie gingen alle vier in den Palast, und als der König hörte, daß sie die Prinzessin finden und heimbringen wollten, war er sehr froh. Als die Nacht heranbrach, schaute der Astrolog den Himmel an, und sah, daß die Prinzessin von einem Drachen entführt worden sei, und daß er sie auf eine Insel jenseits des Roten Meeres gebracht, wo sie ihn jeden Tag während einiger Stunden liebkosen mußte.

Die vier Brüder stiegen in einen Wagen und fuhren nach dem Roten Meere.

Als sie an das Ufer kamen, stiegen sie in ein Boot, und ruderten zu der Insel, wo die Prinzessin war. Sie spazierte langsam an der Küste des Roten Meeres. Der Dieb sah sie zuerst und rief laut:

»Die Prinzessin soll hier sein!« und augenblicklich saß sie in dem kleinen Boote bei ihnen.

Dann kam der böse Drache, und die Prinzessin schrie laut vor Schreck, denn er wollte sie alle töten. Aber der Jäger sagte:

»Der Drache soll sterben!« und sogleich fiel er tot in das Wasser. Eine seiner Krallen aber riß ein Loch in das Schiff, und sie wären alle ertrunken, hätte der Schuster nicht laut gerufen:

»Bessere dich aus, Schiff!«

Das Schiff wurde augenblicklich wieder ganz. Sie kamen glücklich in den Wagen, aber da fingen die Brüder an zu zanken.

»Die Prinzessin soll mein Weib werden!« rief der Astrolog. »Ich habe sie ja entdeckt!«

»Nein, sie soll mein Weib werden!« rief der Dieb, »denn ich habe sie gestohlen!«

»Ach nein; sie soll meine Frau werden!« rief der Jäger. »Ich habe den Drachen getötet.«

»Still!« rief der Schuster, »sie soll meine Gemahlin werden, denn ich habe das Loch in dem Boote ausgebessert, und wäre ich nicht da gewesen, wäret ihr alle ertrunken!«

Als sie in den Palast kamen, sagten sie dem König, daß er zwischen ihnen entscheiden solle, und er sagte:

»Nun, ich habe die Prinzessin dem Manne versprochen, der sie finden würde. Darum soll sie den Astrologen heiraten. Aber da Sie alle redlich mitgeholfen, soll jeder von Ihnen ein Viertel (¼) meines Reiches zu eigen haben.«

Die vier Brüder waren mit dieser Entscheidung zufrieden, und lebten glücklich, jeder in seinem eigenen Reiche. Der alte Vater wohnte im Frühling bei dem Schuster, im Sommer bei dem Diebe, im Herbst bei dem Jäger, und im Winter bei dem Astrologen, und überall war er gut aufgehoben, und hatte alles was er sich nur wünschen konnte, so lange er lebte.

Kleine Gedichte.