Das kranke Püppchen.

Kinderszene.

Personen:

Mariechen, das Puppenmütterchen, mit ihrer Puppe „Minchen“. Der Herr Hofrat.

Mariechen

(mit besorgter Miene)

„Mein Püppchen ist krank,

Macht ein wehes Gesicht,

Liegt hier im Bettchen

Und rührt sich nicht!

Gestern noch sprang es

Lachend ums Haus,

Wußte vor Frohsinn

Nicht ein und nicht aus.

Heute liegt’s stille

Und jubelt nicht mehr!

Ach, und sein Atem

Geht hastig und schwer!

Sagt mir, ihr Leutchen,

Was machen wir da?

Ach, man hat Sorgen

Als kleine Mama!

Wißt ihr, mein Püppchen

Ist herzig und gut,

Aber die Schule

Tut ihm nicht gut!

Vorige Ostern,

Da wurd’ es sechs Jahr,

Mußt’ in die Schule. —

Das ist doch klar!

Aber seitdem

Ist es nicht mehr gesund. —

Wüßt’ ich nur endlich

Vom Kranksein den Grund!

Heute nun hab’ ich

Herrn Hofrat bestellt:

Der ist sehr klug

Und kuriert alle Welt.

Minchen, mein Püppchen,

Verzog zwar’s Gesicht,

Schrie: ‚Onkel Doktor,

Den mag ich nicht!‘

Aber, was hilft das?

Es ist ja ein Kind!

Leutchen, ihr wißt ja,

Wie Kinder oft sind!

Ich, das Mamachen,

Hab’ ängstlichen Sinn,

Schickte drum hurtig

Zum Hofrat hin.

Hoffentlich macht er

Mein Kindchen gesund,

Das Sausewindchen,

Den Plappermund! —

Ach, wär’ doch endlich

Herr Hofrat schon da!

Ja! — Man hat Sorgen

Als kleine Mama!

(Es klingelt und klopft gleich danach an der Tür.)

Endlich! Da klingelt’s!

Nun klopft es! — Herein! —

Bitte, Herr Hofrat!

Treten Sie ein!“ —

Hofrat:

„Schön’n guten Morgen,

Gnädigste Frau!

Seh’n Sie: ich komme

Wie immer genau!“

Mariechen:

„Schön’n guten Morgen! —

Ach welch’ Malheur!

Mein Püppchen ist krank

Und fiebert gar sehr!

Oh bitte, Herr Hofrat,

Kurier’n Sie das Kind!

Sie wissen, wie ängstlich

Wir Mütter mal sind!“

Hofrat:

„Schon wieder krank? Hm! Höchst bedenklich!

Seit wann ist denn Ihr Kind so kränklich?“

Mariechen:

„Seit diesem Frühjahr, wissen Sie;

Denn vorher kränkelte es nie!“

Hofrat:

„Das ist ja seltsam! Hm! Nun, nun!

Wir werden sehen, was zu tun!

Hat’s Appetit, Ihr Minchen klein?“

Mariechen:

„Oh ja! Für Obst und Schleckerei’n,

Für Törtchen fein aus Butterteig!“

Hofrat:

„So, so! Ei, ei! Da hab’n wir’s gleich! —

Ja, gnäd’ge Frau, das wird der Magen

von Ihrem Püppchen nicht vertragen!“

Mariechen:

„Erst dacht’ ich’s auch. Doch Sie ermessen:

Es hat mit Appetit gegessen

Vor einer Stunde noch sein Süppchen!“

Hofrat:

„Hm, hm! So, so! — Mein liebes Püppchen,

Zeig’ mir mal schön dein Züngchen fein! —

Hm! — Das ist sauber, rot und rein!

Da muß die Krankheit tiefer sitzen!“

Mariechen:

„Was halten Sie von tüchtig Schwitzen?“

Hofrat:

„Das ist veraltet, liebe Frau,

Und macht das Kind nur matt und flau.

Doch will ich mal den Pulsschlag zählen:

Vielleicht wird’s ihm am Herzen fehlen!

(Zählt mit der Uhr:)

1—2—3—4, —5—6—7—8!

Nein, was der Puls für Sprünge macht!

Das schlägt so froh und hüpft so frisch,

Als lief ein Mäuschen über’n Tisch! —

Sie müssen sich nicht weiter quälen,

In Herz und Magen kann’s nicht fehlen.“

Mariechen:

„Was mag dann nur die Krankheit sein?“

Hofrat:

„Hm! ’s Herz ist frisch, die Zunge rein. —

Das Uebel muß noch tiefer stecken!

Geduld! Ich will es schon entdecken. —

Ich glaub’, es sitzt im Köpfchen da!

Nun sagen Sie mir, Frau Mama,

Klagt über Kopfweh gar Ihr Kleinchen?“

Mariechen:

„Jawohl! Und über matte Beinchen,

Besonders, wenn’s zur Schule soll!“

Hofrat:

(plötzlich lachend):

„Hahahaha! Das ist ja toll! —

Nun kenn’ ich Minchens Krankheit ja!

Es ist die ‚Infaulenzia‘!

Die spukt im Kopf und in den Beinchen

Gar oft bei unsern lieben Kleinchen,

Wenn sie zur Schule gehen sollen

Und lieber auf der Wiese tollen.

‚Schulfieber‘ nennt man’s auch zuweilen.

Das ist sehr schlimm! Ich kann’s nicht heilen.

Doch das verliert sich mit der Zeit,

Wenn erst Ihr Kindchen wird gescheit.

Sitzt erst im Kopf das Abc,

Tut auch das Köpfchen nicht mehr weh,

Und sind erst gar die Ferien da,

Dann schwindet die ‚Faulenzia‘! —“

Mariechen:

„Ja, ja! Nun ist mir alles klar,

Warum mein Kind so kränklich war.

Mein Püppchen, hör’, mein Plappermaul!

Du bist ja bloß ein wenig faul!

Am Abend ist mein Plappermund

Stets pudelwohl und kerngesund.

Soll’s morgens dann zur Schule geh’n,

Möcht’ lieber man spazieren geh’n,

Und statt zu lernen und zu schreiben,

Möcht’ lieber man im Garten bleiben!“

Hofrat:

„So ist es, liebe, gnäd’ge Frau!

Nun kennen Sie Ihr Kind genau!“

Mariechen:

„So sagen Sie mir bitte noch:

Wie heilt man diese Krankheit doch?“

Hofrat:

„Sehr einfach ist die Arzenei

Und hilft dem Kindchen eins, zwei, drei:

Man holt sich ein Stöckchen,

Klopft ein wenig das Röckchen —

Und fort wie der Wind

Ist die Krankheit geschwind!“

(Lacht.)

Mariechen:

„Herr Hofrat, ich danke für Ihren Rat!“

Hofrat:

„Ich glaube, das Mittelchen ist probat! —

Ich habe die Ehre!

(Verneigt sich.)

Schön’n guten Morgen!

Sie brauchen sich nicht mehr weiter zu sorgen.

Hat’s Kindchen noch einmal ‚Faulenzia‘,

So rufen Sie bitte nur seinen Papa!

Der wird das Mittelchen dann probieren

Und unser Püppchen rasch kurieren! —

Adieu, mein Kindchen, sei fleißig und lern’,

Dann bleibt dir das Stöckchen vom Röckchen fern!“